Einfach Ohne – Das Buch

Titelbild:
Das Titelbild zeigt eine Brieftaube, die aus allen Ecken Deutschlands und der
Welt die Briefe zu uns brachte. Es erinnert daran, dass jeder Mensch eine Ge-
schichte zu erzählen hat, an die vielen Verbindungen und das große Netzwerk,
in das die Naunyn eingebunden ist und letztlich auch an die vielen bunten Vögel,
die in der Naunyn ein- und ausgehen.
Es ist von Rock’n‘Rollf gezeichnet, der mit großer Liebe und Detailliertheit nicht
nur das Titelbild, sondern auch die Gestaltung der einzelnen Kapitel übernom-
men hat. Rolf bereichert uns in der Naunynstraße mit seiner Anwesenheit, sei-
nem Zeichentalent und seiner Musik, die auch den letzten Musikmuffel zum Mit-
wippen bringt und ist seit Juni 2014 hier zuhause. Vielen Dank für deine Mühe
und deine Karikaturen, die manchen Themen mit einem Augenzwinkern mehr
Leichtigkeit geben!

Einfach ohne

 

 

Dritte Textsammlung
der Gemeinschaft Naunynstraße
mit der Jesuitenkommunität Kreuzberg,
zusammen mit
den Comboni-Schwestern in Berlin und
der Arbeitsstelle Spiritualität – Nord in Neukirchen

Berlin 2016

 

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Impressum
Herausgebende: Christian Herwartz und Nadine Sylla
Email: christian.herwartz@jesuiten.org, nadine.sylla@posteo.de
Kontakt:
Wohngemeinschaft, Naunynstraße 60, 10997 Berlin, Tel: 030-614 92 51
Website: naunynblog.wordpress.com
email: naunyn@gmx.de
Sr. Margit Forster, Sr. Mabel Mariotti; berlin@comboni.de
Katharina Prinz, Neukirchen 84, 24972 Queren, katharina-prinz@gmx.de;
Website: spiritualität-nord.de
Druck:
hinkelsteindruck, Lausitzer Platz 15, 10997 Berlin
Website: hinkelstein-druck.de
Druckvorbereitung:
Umbruch-Bildarchiv e.V., Lausitzer Straße 10, 10997 Berlin-Kreuzberg
Website: umbruch-bildarchiv.de
Bilder und Fotos:
Cover: Rolf Kutschera
alle Grafiken am Anfang jeden Kapitels und auf S. 66 Rolf Kutschera
S. 60 Pilgerweg zum Kirchentag, Foto privat
S. 71 Straßenexerzitien, Gemälde von Kursteilnehmern
S. 117 und S. 118 Folien- und Scherenschnitte von Miriam Bondy
S. 147 Envers Gemälde: Gott fährt eine Harley Davidson
S. 175 Engel der Kulturen, Atelier Merten-Dietrich
S. 231 Megalocity von Max
S. 236 Bild von Christian Schmidt
S. 249 Franz Keller SJ
S. 260 Ein Kompass für die Naunynstraße von Henning Brandis

Diese Dokumentation ist nicht käuflich.
Ein Beitrag zu den Druckkosten ist möglich und erwünscht an
Christian Herwartz, PAX-Bank, IBAN: DE 50 3706 0193 6003 3490 10,
BIC: GENODED1PAX

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Liebe Leserinnen
und Leser,

Schön, dass ihr hier reinschaut. Wir zumindest finden, dass sich hier ein wahrer Schatz in diesem Buch verbirgt und zeigt, was Menschen bewegt und berührt, wonach sie sich sehnen und auf der Suche sind. Wie sie „Einfach Mensch“ sind. Und es vermittelt ein buntes Bild von der Gemeinschaft Naunynstraße, auch in ihrem Suchprozess des momentanen Generationswechsels, und was wichtig ist, davon zu bewahren.
Wie kamen wir zum Titel „Einfach ohne“? Ausgangspunkt war für uns die Erfahrung in der Naunynstraße, dass es schön ist von sich zu erzählen, aber nicht anderen Fragen zu stellen, die sie vielleicht in Schwierigkeiten bringen können. Im bürgerlichen Leben mögen Fragen wie „Woher kommst du?“, „Was machst du?“ normale Fragen der Kon- taktaufnahme sein, für Menschen, die im Gefängnis oder in der Psychiatrie waren, die keine Papiere haben oder in andere solche Schubladen passen, ist dies eine unangeneh- me oder sogar gefährliche Frage. Sie haben die Möglichkeit zu lügen oder wenn sie die Wahrheit sagen, schnell abgestempelt zu werden. Die Frage „Woher kommst du?“ mar- kiert den Angesprochenen auch als anders und nicht zugehörig, da er oder sie ja offen-sichtlich nicht von hier kommt. Wenn wir den Wunsch haben, ein gemeinsames Zuhau- se zu schaffen, in dem sich verschiedene Menschen zuhause und wohl fühlen, kann eine solche Frage eine Blockade darstellen, die nicht weiterhilft, wenn wir uns als Men- schen begegnen und kennen lernen möchten. Es macht traurig und betroffen, wenn diese Fragen gestellt werden, weil es nicht hilft, die Grenzen zu überwinden, sondern sie hervorhebt und die Vielfältigkeit jedes einzelnen Menschen vernachlässigt.
Aus diesem „einfach ohne Fragerei“ wurde dann der Titel „Einfach ohne“. Er lädt ein, darüber nachzudenken, was wir weglassen können, um uns als Menschen zu begeg- nen oder auch um befreiter und in Fülle leben zu können. Dass das nicht immer ein- fach ist, ist uns durchaus bewusst, bringt aber eine Leichtigkeit und auch eine Hoff- nung zum Ausdruck. In Lukas 10 Vers 3-4, ein klassischer Text für den Beginn der Exerzitien auf der Straße, werden vier Punkte genannt, die
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wir weglassen müssen, um in die Aufmerksamkeit zu kommen: das Geld, die Vorrats-tasche, „Einfach ohne Schuhe“ und nicht zuletzt das „Man muss“, das uns immer wie- der gefangen hält.
Für uns beide ist auch das Stichwort „Einfach ohne Privilegien“ wichtig. Für mich,
Christian, bedeutete es, die akademische Welt zu verlassen und Arbeiterpriester zu werden, mit den Arbeitern zu sein. Das heißt auch selbst Arbeiter zu werden, den Arbeitern zuhören, sich zugehörig fühlen und anzufangen im Kollektiv zu denken und dabei die eigene Hoheit abzugeben. „Einfach mit Solidarität“.
Für mich bedeutet dies, dass ich „Einfach ohne Vorgaben“ die Themen der Begegnung nicht durch mein Fragen vorgebe, sondern etwas von mir preisgebe, sodass eine At- mosphäre des Vertrauens entstehen kann, in der auch der Fremde mir etwas von sich sagen kann. Dann werde ich oft erst einmal Gast beim Anderen, ja ich trete sogar man- chmal, wenn ich den oder die Andere in großer Not wahrnehme, in eine stark zuge- wandte Co-Abhängigkeit ein und entfremde mich von mir selbst. Farblich ausge-drückt: Ich bin dann kein Weißer mehr, sondern zu einem Schwarzen geworden. Oft suchte ich danach, diesen Schritt der Entfremdung zu überspringen, um nicht immer wieder mühsam zu mir zurück zu finden. Erst über die Arbeit von Susanne Szermeré- dy, „Vom Gastgeber zur Geisel des Anderen – Religiöse Erfahrungen bei Exerzitien auf der Straße“ wurde mir klar, dass der Philosoph Emmanuel Levinas meine Erfahrung als Grundstruktur menschlicher Begegnung ansieht. Wenn Menschen sich im Respekt begegnen, treten sie als Fremde in die Welt des Anderen ein, um dann in ihrer Welt den anderen als Gast aufzunehmen. Durch diese Phasen des Verlustes eines jeden Vor- ranges werden wir gereinigt von den vielen uns unbewusst anhängenden Privilegien, Vorrechten und auch, zu mindestens teilweise, von Herrschaftswissen, das in den Zei- ten der Entfremdung zurücktritt. Nach dieser Phase der Irritation ist ein Mitgefühl entstanden. Konnte ich es im Alltag bei meinen Entscheidungen beibehalten, wurde dem Hochmut in mir ein Riegel vorgeschoben. Dann stehe ich mit meinen Schwächen neben dem Gast mit seinen Schwierigkeiten und kann ihm irgendwann beistehen, ohne mich über ihn zu erheben. Diesen Weg darf ich immer neu in der Kommunität üben. Er ist für mich ein Glaubensweg und sagt etwas über die erhoffte Beziehung zu Gott aus, wie wir sie in den Exerzitien auf der Straße einüben.
Für mich, Nadine, wurde das Thema Privilegien in der Naunynstraße und in der Be- schäftigung mit dem Kolonialismus wichtig. Wenn ich die Naunynstraße ernst nehme als ein Ort der Gleichheit, als ein Ort, an dem „Einfach gemeinsam“ möglich wird, dann muss ich bereit sein, einen Teil meiner Privilegien aufzugeben. Privilegien wie ein eigenes Zimmer, eine eigene Wohnung, eine Heizung im Schlafzimmer, was und wann ich essen will etc. Das sind Privilegien, die dann
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in der näheren Betrachtung manchmal mehr wie Mauern als wie Privilegien aussehen, die mich von anderen trennen und mich auch von meiner eigenen Sehnsucht abschnei- den. Privilegien à la Naunynstraße heißt für mich, gesehen zu werden, wenn ich nach Hause komme, Leben und Glauben zu teilen, und ganz konkret ein leckeres Abend- essen von Franz in Gemeinschaft zu essen, von Maria liebevoll als Schwiegertochter bezeichnet zu werden, mit Enver mein Fahrrad zu reparieren, mit Rolf Scherze zu machen, mit Samuel zu lachen oder wenn Rana mir von seinen diversen Besuchen bei Vorträgen und Gottesdiensten erzählt. Es heißt aber auch die Schwächen der anderen auszuhalten und nicht wegzugehen, sondern immer wieder neu nach Wegen zu ringen.
„Einfach ohne Kolonialismus“ ist in den letzten Jahren immer wichtiger für mich
geworden, weil ich immer mehr gemerkt habe, wie sehr der Kolonialismus noch
in den europäischen Gesellschaften sichtbar ist, und wie sehr er unsere Sicht und unseren Umgang auf „Andere“ geprägt hat. Schon in der Sozialisation als Kinder lernen wir ganz viel, wie „die Anderen“ sind und vor allem, dass sie anderes sind. Auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird auf diese Stereotypen zurückgegriffen, die damals entwickelt wurden. Dies war Anlass dafür, in diesem Buch das erste Kapitel dem Kolonialismus zu widmen, mit der Frage, wo nehmen wir koloniale oder imperi-alistische Strukturen heute wahr und wie können wir uns darin begegnen, ohne sie erneut zu reproduzieren und in der Differenz zu verharren. Dabei sind einige schöne Ideen zusammen gekommen.
Ähnlich wie die erste Textsammlung „Gastfreundschaft“ (2004) zum 25-jährigen Be- stehen der Gemeinschaft und die zweite „Geschwister erleben“ (2010) zum 85. Geburts- tag von Franz Keller entstand, gab es auch für diese einen besonderen Anlass – „Einfach mit Geschichte“: Nach 40 Jahren – angefangen mit der Vorbereitung in Frankreich, beauftragt nach einem Weg des Einsatzes für Glauben und Gerechtigkeit zu suchen, im Kontakt mit den ArbeitskollegInnen, wurde die Kommunität in Kreuzberg gegründet, verbunden mit vielfältigen Kontakten, unterbrochen durch den Tod von Michael Walzer und Franz Keller – stand jetzt der Generationswechsel an. Die Nachfolgenden werden mit ihren Begabungen und Möglichkeiten anders auf das Zeitgeschehen antworten als wir es taten, aber „Einfach mit Zukunft“ weitergehen. Doch sie können sich dabei auf die befreiende Geschichte beziehen, wie sie in den vielen Erzählungen der FreundInnen in den drei Textsammlungen angesprochen wird.
Vielen Dank an alle, die ihre Erfahrungen geteilt haben und ihren Teil für diesen Schatz beigetragen haben. Und ein riesengroßes Dankeschön an Hilmtrud für ihr unermüdliches Korrekturlesen.

Christian und Nadine
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Inhalt
Liebe Leserinnen und Leser, S. 5
Einfach ohne Kolonialismus
Einfach postkolonial? S. 13
Deutschstunde S. 18
Einfach beiseitelegen S. 19
Einfach ohne – mehr zu mir? S. 20
Ein Traum wird wahr S. 21
Ohne Rassismus? Einfach? S. 22
Einfach ohne Grenzen S. 25
Meine Weltbrille S. 30
Welten(un)gerechtigkeit I S. 31
Welten(un)gerechtigkeit II S. 32
Mensch sein ohne Grenzziehung S. 33
Aktiv gegen rechts S. 36
Unser Leben mit dem Glauben S. 38
Zum Wort „Flüchtlinge“ S. 42
Einfach ohne
Genug „Jein“ gesagt S. 43
Einfach – Ohne S. 45
Einfach leben ohne Kinder als Paar S. 46
mehr ohne S. 49
Jesuiten ohne Naunyn – Naunyn ohne Jesuiten S. 49
Ohne schlechte Gedanken S. 51
Einfach ohne Gott S. 52
Einfach ohne … Schwimmring S. 54
Einfach ohne Vorgaben
Die Engel in der Naunyn – BotInnen Heiligen Bodens S. 56
Einfach ohne Absicht S. 57
Pilgerweg mit Esel S. 60
9
Herr wie Du willst… S. 62
Besuch aus Rom S. 63
Einfach ohne Äußerlichkeiten und Scheinheiligkeit S. 65
Mich durch Gott stören lassen S. 68
Einfach ohne Schuhe
Einfach danke! S. 69
Mit brennendem Herzen S. 70
Sieben S. 70
Baustellenkirche S. 72
Exerzitien im Alltag S. 74
Spende abgelehnt S. 74
Gott hüllt sich in Schweigen S. 75
Aufmerksam werden S. 77
Gott auf der Straße suchen und finden S. 79
München ohne Geld S. 82
Ein Brausen im Kopf S. 83
Einfach ohne Fragerei
Ohne Fragen S. 85
Ein Stück Himmel über dem ‚Tor zur Hölle‘ S. 89
Der lange Weg einer Heilung S. 90
Zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche: S. 93
Einblicke aus Kreuzberg S. 95
Einfach zuhören S. 100
Lebensspur, die ich hinterlasse S. 102
Willkommenskultur S. 103
Einfach offen
Dem Leben trauen S. 105
Vom Leben umweht S. 108
Einfach ohne S. 109
Ein Draußenmensch S. 110
Einfach offen – Comboni Missionsschwestern in Berlin S. 111
Mit – Ohne: Einfach Mitleben S. 115
Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens S. 116
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Er war heute da . ………………………………………………………………………………………………………………………………………. 119
Offenheit . ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 119
Worte nach Peters Suizid S. 120
Einfach Mensch sein
Es hat sich ereignet ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 123
ohne… einfach … . …………………………………………………………………………………………………………………………………….. 124
Das Prinzip der Verschwendung ………………………………………………………………………………………………….. 125
Ohne Schublade ……………………………………………………………………………………………………………………………………….. 127
Lectio divina . …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 128
Sieben Fragen in sieben Tagen ………………………………………………………………………………………………………. 128
Sauerteig sein ……………………………………………………………………………………………………………………………………………. 131
Mein langer Weg in die Liebe . ……………………………………………………………………………………………………….. 132
Mach es wie Gott, werde Mensch . ………………………………………………………………………………………………. 135
Menschenwürde . …………………………………………………………………………………………………………………………………….. 137
Ohne Werkzeugkoffer für das Leben ………………………………………………………………………………………… 138
Eine stinknormale Männerfreundschaft . ………………………………………………………………………………. 139
Einfach ohne Vorbehalte . ………………………………………………………………………………………………………………….. 141
Einfach in Fülle
Ostergedicht 2014 …………………………………………………………………………………………………………………………………… 142
Einfach Naunynstraße ………………………………………………………………………………………………………………………… 143
Einfach ohne verpixelte Madonna . …………………………………………………………………………………………….. 144
Ein Stück Himmel auf Erden . …………………………………………………………………………………………………………. 145
Ohne Leib – ein Kosmos in Bleistiftstrichen . ………………………………………………………………………. 147
On the road …………………………………………………………………………………………………………………………………………………. 149
Sehnsucht . …………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 150
Zusammen leben . ……………………………………………………………………………………………………………………………………. 150
Wundern . ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 152
Einfach gemeinsam
Gastfreundschaft (1) ……………………………………………………………………………………………………………………………… 154
Gastfreundschaft (2) . ……………………………………………………………………………………………………………………………. 155
Senfkorn Naunynstraße …………………………………………………………………………………………………………………….. 155
Ein Ort der Menschlichkeit ……………………………………………………………………………………………………………… 156
Einfach mit dem Herzen antworten . ………………………………………………………………………………………….. 157Inhalt
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Gottesdienst in der Naunynstraße . …………………………………………………………………………………………….. 158
Abschied – Neuanfang . ………………………………………………………………………………………………………………………… 160
Gast(geberin) in der Naunynstraße . …………………………………………………………………………………………… 161
Klopft an und euch wird aufgetan S: 162
Einander wahrnehmen . ……………………………………………………………………………………………………………………… 166
Kommunität Naunynstraße . S.  167
Ohne Festhalten S. 168
Rituale S. 170
Einfach freiwerden
Was in uns steckt S. 171
Gleichzeitigkeit des Anderen S. 176
Einfach ohne … S. 178
Die Schätze im Verborgenen entdecken ………………………………………………………………………………….. 180
Mit und ohne Gott … . ……………………………………………………………………………………………………………………………. 182
Die Letzten . S. 183
Stille in Stereo . S. 184
Wir sind alle Pilgerinnen . S. 186
Einfach mit Solidarität
Geschwister S. 190
Arbeiterpriester – was ist das eigentlich? S. 191
Unverblümt. Eine Floristin aus Wien. S. 192
Einfach ohne diese Gutmenschen S. 195
Wie sieht für mich werktägliche Geschwisterlichkeit aus? S. 195
Der Schritt ist radikal, das Leben ganz normal. S. 196
Die Option für die Armen ist zentral S. 201
Einfach mit Hoffnung
Hoffnung für das Leben S. 211

Einfach mit Frieden
Frederiks Frage S.  229
Heilmittel S. 231
Weihnachten eine offene Herberge S. 232
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Im Getümmel S. 233
Richtungen S. 234
Dezember S.  236
Sehnsucht S. 237
Einfach mit Geschichte
Rede in Bonn S. 238
Weihnachten 1978 S. 240
„Wir brauchen Euch!“ S. 245
Br. Franz Keller SJ S. 249
Ein Schweizer Jesuit in Berlin-Kreuzberg S. 252
Einfach ohne Umwege . S. 254
Was mich trägt S. 256
Danke! S. 257
Einfach mit Zukunft – Generationswechsel Naunynstraße
1. Treffen am 30. Januar 2015 . ……………………………………………………………………………………………………….. 258
2. Treffen am 13. Februar 2015 ……………………………………………………………………………………………………… 262
3. Treffen am 27. Februar 2015 ……………………………………………………………………………………………………… 264
4. Treffen am 12. März 2015 . …………………………………………………………………………………………………………… 266
5. Treffen am 27. März.: Bericht fehlt ………………………………………………………………………………………… 267
6. Treffen am 08. Juli . …………………………………………………………………………………………………………………………… 267
7. Treffen am 29. September …………………………………………………………………………………………………………….. 269
8. Treffen am 04. November . …………………………………………………………………………………………………………… 270
Mission erfüllt? ………………………………………………………………………………………………………………………………………… 272
Einladung zum Fest . ……………………………………………………………………………………………………………………………… 279
Mit der Straße in Verbindung bleiben . …………………………………………………………………………………….. 281
Literatur ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 286
AutorInnen …………………………………………………………………………………………………………………………………………………. 288
Weitere Beiträge haben einen guten Platz auf dem Blog.
Dieses Buch ist nicht zuende. Reaktionen und weitere Beiträge an:
einfachohneblog.wordpress.com oder einfach-ohne@gmx.deEinfach ohne Kolonialismus
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Einfach ohne Kolonialismus
Einfach postkolonial?
A
uch wenn der Kolonialismus scheinbar schon lange Zeit vorbei ist, hat er die
Situation und die Machtstrukturen unserer Welt wie wenige Ereignisse der
Welt geprägt und die Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Kon-
tinente grundlegend verändert. Neben den ökonomischen und politischen Aus-
wirkungen, die bis heute in den Ländern deutlich sichtbar sind, möchte ich in
diesem Text auf die Ideologie schauen, die sich aus der Eroberung und Besetzung
von neun Zehnteln der Welt entwickelt hat. Edward Said, einer der bekanntesten
postkolonialen Wissenschaftler, ist davon überzeugt, dass die Kolonialisierung
nur durch diese Ideologie so erfolgreich sein konnte, dass neun Zehntel der Welt
unter europäischer Herrschaft standen.
Was für eine Ideologie ist damit gemeint? Es ist die Annahme, dass die westliche
Welt dem Rest überlegen ist. Sie geht mit der Annahme einher, dass die west-14
Einfach ohne Kolonialismus
liche Welt es in allem besser weiß und ihre Zivilisation und ihre Werte in alle
Welt tragen muss. Diese Überlegenheit wird neben biologischen Begründungen
auch mit Begriffen wie entwickelt, zivilisiert, rational, demokratisch und den
Menschenrechten gefüllt. Die nichtwestlichen Länder hingegen stellen die an-
dere Seite der Medaille dar, sie sind unzivilisiert, wild, gewalttätig, emotional
und korrupt. Die Ideologie zieht eine Linie zwischen Menschen verschiedener
Herkunft und Hautfarbe und nimmt diese Charakteristika als Grundlage für
den Unterschied. Während das zunächst mit biologischen Merkmalen begründet
wurde, wird heute eher auf die „andere“ Kultur und Religion zurückgegriffen
um die Unterschiede und damit auch die Hierarchie zwischen den Menschen zu
begründen. Diese Linie ist bis heute in Begegnungen zwischen Menschen sicht-
bar, in den Zuschreibungen, denen nichtweiße Menschen ausgesetzt sind, aber
auch in dem Zugang zum ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital.
Die postkoloniale Theorie versucht aufzuzeigen, wie sich die kolonialen Ideolo-
gien bis heute in den Gesellschaften und in den Köpfen wiederfinden lassen. Sie
fragt aber auch danach, welche Alternativen es geben könnte, wenn wir die ras-
sistischen Strukturen unserer Welt auflösen wollen, die jedem Menschen gemäß
seiner Hautfarbe einen Platz zuweisen.
Ich möchte ein paar Aspekte nennen, die mich immer wieder neu berühren:
Stuart Hall, der aus Jamaica für sein Studium nach England kam und daher die
koloniale Situation, als auch die Situation in der Metropole kennt, ist überzeugt
davon, dass sich gerade die westliche Identität daraus entwickelt, dass sie sich
von „den Anderen“ abgrenzt und Mauern zieht. Für ihn sind aber alle Geschich-
ten und Identitäten der Welt miteinander verwoben, und die Kolonialgeschichte
ist unsere gemeinsame Geschichte:
„Menschen wie ich, die in den fünfziger Jahren nach England kamen, haben dort – sym-
bolisch gesprochen – seit Jahrhunderten gelebt. Ich kam nach Hause. Ich bin der Zucker
auf dem Boden der englischen Teetasse […] dann gibt es neben mir Tausend andere, die
der Tee in der Tasse selbst sind. Der lässt sich nämlich, wie Sie wissen, nicht in Lan-
cashire anbauen. Im Vereinigten Königreich gibt es keine einzige Teeplantage. Und doch
steht die Tasse Tee symbolisch für die englische Identität“ (Hall 1994, S. 74).
Daher fordert er von den westlichen Gesellschaften:
„Mit Unterschieden leben, das lässt sich ganz einfach sagen, aber für die heutigen euro-
päischen Gesellschaften ist es die schwerste Sache der Welt, praktisch mit Unterschie-
den zu leben. Denn es bedeutet fähig zu werden zu einer Gemeinschaft, die es nicht nötig
hat, alle anderen zu vernichten, um sie selbst zu sein. (…) In der Sprache des RassismusEinfach ohne Kolonialismus
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sind alle anderen ethnische Gruppen und jetzt geht es darum, ob weiße Europäer lernen
können, eine ethnische Gruppe unter anderen zu sein.“ (Hall 2000, S.16).
Leila Ghandi beschreibt Kolonialismus als Prozess, den Wert des Nichtwestli-
chen abzuwerten und zu zerstören. Diese Zerstörung umfasst nicht nur gesell-
schaftliche Strukturen und Gebäude der Einheimischen, sondern reicht auch bis
an die eigene Kultur und Wertschätzung heran. Die Zuschreibungen, als anders
und unterlegen bezeichnet zu werden, wurden auch verinnerlicht. Genauso wie
die westlichen Gesellschaften ihre Überlegenheit ablegen müssen um ein eth-
nische Gruppe unter anderen zu sein, braucht es daher eine Befreiung aus dem
Anderssein heraus. Dazu gehört eine Wertschätzung der eigenen Geschichte,
Sprache und Kultur.
Als ein Beispiel kann hierbei die Umdeutung einer Schwarzen Identität gesehen
werden. An dieser Umdeutung wird deutlich, dass es die Notwendigkeit einer
Schwarzen Solidarität gab, bevor die Überwindung von konstruierten Grenzen
zwischen den Kulturen überhaupt möglich ist. Hall zeigt dies am Widerstand der
postkolonialen MigrantInnen in Großbritannien auf, die sich gegen eine kollekti-
ve Weiße britische Identität wehren, da ihnen die Zugehörigkeit verwehrt wird.
Dies war ein entscheidender Moment der Wiederentdeckung von verlorener Ge-
schichte und Sprache. Die Identität, die damals entstand, war eine Schwarze
Identität. Schwarz, nicht als eine Frage der Pigmentierung, auch da sich alle
postkolonialen MigrantInnen so bezeichneten, sondern als eine historische, po-
litische und kulturelle Kategorie, die eine Verbindung zwischen Aussehen und
Geschichte schafft:
„Ihre Geschichten liegen weit zurück, eingeschrieben in ihre Haut. Aber es ist nicht we-
gen ihrer Haut, daß sie in ihren Köpfen schwarz werden.“ (Hall 1994, S. 79)
Jahrhundertelang wurde eine Symbolik entwickelt, in der Schwarz bzw. nicht
Weiß genug zu einem negativen Attribut wurde, deshalb wurde genau diese Ka-
tegorie aufgegriffen und auf eine neue Art und Weise artikuliert. Die Menschen
lernten Schwarz zu sein, indem sie lernten, sich neu damit zu identifizieren. Das
bewirkte eine Veränderung im Bewusstsein, in der Selbstwahrnehmung, als ein
neuer Prozess der Identifikation und das Hervortreten eines neuen Subjekts.
Schwarz wurde damit zu einer politischen Kategorie, die Solidarität schaffte.
Andere postkoloniale TheoretikerInnen haben Visionen entwickelt, die neue For-
men von Zugehörigkeit für alle Menschen enthalten. Bhabha spricht von Hybri-
dität, das heißt eine Vermischung von Identitäten und Zugehörigkeiten, die nicht
mehr von einheitlichen Kulturen und Nationen ausgeht. Es richtet sich gegen ein16
Einfach ohne Kolonialismus
Verständnis, das „Deutschsein“ oder „Amerikanisch sein“ als etwas Reines, Ab-
geschlossenes versteht. Stattdessen haben wir doch alle verschiedene Zugehörig-
keiten und Bezüge, Kultur, Religion, Familie, Geschlecht sind nur einige davon.
Unsere deutsche Kultur, wenn es so etwas überhaupt gibt, setzt sich zusammen
aus Religionen, die sicher nicht in Deutschland ihren Ursprung haben, aus latei-
nischen Buchstaben, arabischen Zahlen und einem Nationalstaat, der nicht viel
mehr als hundert Jahre alt ist.
Auf die verschiedenen Zugehörigkeiten Bezug nehmend, spricht Frantz Fanon
von der Entwicklung eines Sozialbewusstseins über verschiedene Grenzen hin-
weg, welches Befreiung ermöglicht:
„Befreiung [ist] die neue Alternative, Befreiung, die aus ihrer selbst (…) eine Transforma-
tion des sozialen Bewußtseins über das nationale Bewußtsein hinaus bewirkt“
(Fanon 1973, S. 173).
Edward Said bezeichnet den Widerstand gegen den Kolonialismus und Grenzzie-
hungen als einen alternativen Weg des Entwurfs menschlicher Geschichte. Da,
wo wir keine Geschichte schreiben, die Differenzen konstruiert und Grenzen
zieht, sondern Geschichten der Verbundenheit erzählen, entsteht etwas Neues:
„[Widerstand ist] ein alternativer Weg des Entwurfs menschlicher Geschichte […] Es ist
besonders wichtig sich klar zu machen, dass dieser alternative Entwurf auf dem Zu-
sammenbruch der Schranken zwischen den Kulturen beruht“ (Said 1994, S. 295). „Diese
Schranke wegzuräumen, heißt den Nicht-Europäern Zutritt zur ganzen Fülle menschli-
cher Erfahrung gewähren, endlich kann die Menschheit ein Schicksal, und, wichtiger
noch eine Geschichte haben“ (Said 1994, S. 365).
Das Faszinierende an Edward Said ist, dass er hier auch explizit die Kolonialge-
schichte meint, die uns auf beiden Seiten der Linie mit uns verbindet. Er ist über-
zeugt davon, dass es möglich ist, darüber zu reden und zu schreiben, in einer
Form, in der sich sowohl Europäer, als auch ehemalige Kolonialisierte wieder-
finden. Aber wie geht diese Befreiung aus Strukturen, die uns alle in unserem
Wunsch nach Menschlichkeit und Gleichheit verletzen? Wie können die Schran-
ken zwischen den Kulturen überwunden werden? Und wie können Geschichten
erzählt werden, in denen sich alle Menschen und ihre Lebensrealitäten wieder-
finden? Geschichten, in denen wir unsere Verbundenheit als Menschen und als
WeltbürgerInnen sehen?
Für mich als Weiße deutsche Frau ist der erste Schritt, sich mit der Kolonialge-
schichte und ihren Folgen auseinanderzusetzen. Das bedeutet auch zu verstehen,Einfach ohne Kolonialismus
17
wie sehr ich von Kindheit an gelernt habe, dass es Unterschiede gibt und diese
auch zu werten. Kolonialgeschichte hilft mir die Welt von heute zu verstehen
und dass es ganz andere Lebensrealitäten wie meine eigene gibt. Realitäten, in
denen so viel mehr Steine in den Weg gelegt werden, egal, welchen Weg die
Personen wählen. Wenn ich mich mit Menschen des globalen Südens über den
Kolonialismus unterhalten habe, konnten sie mir stets etwas dazu sagen, bei
Europäern hingegen ist dieses Thema oft ein „Weißer“ Fleck auf der Landkarte
ihres Bewusstseins. Es heißt auch, sich bewusst zu werden, mit welchen Privi-
legien Weiße Menschen ausgestattet sind. Und diese Bewusstwerdung ist, für
mich zumindest, immer wieder schmerzhaft, da sie mir die Linie, die der Kolo-
nialismus gezogen hat, deutlich vor Augen führt. Die Privilegien kann ich nicht
loswerden, sie sind an mich geklebt, ich kann nur immer wieder versuchen, dass
sie auch für andere nützlich sind.
Das Herausfordernde beim Thema Rassismus und Postkolonialismus ist, dass
ich auf der einen Seite mir wünsche, dass sich die Differenzlinien auflösen, auf
der anderen Seite diese Linie und die damit verbundenen unterschiedlichen Le-
bensrealitäten immer wieder thematisiere, um dafür zu sensibilisieren.
Würde mich jemand fragen, was es individuell von einzelnen Personen braucht,
dass diese Linie schwächer wird, würde ich sagen, hört Menschen auf der ande-
ren Seite der Linie zu, nehmt sie ernst, glaubt ihnen und wisst es zur Abwechs-
lung mal nicht besser – gar nicht so leicht, wo wir das doch mehr als hundert
Jahre geübt haben.
Nadine Sylla18
Einfach ohne Kolonialismus
Deutschstunde
Orientierung in der deutschen Sprache
S
ie nennen dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
So wie die Fische: der Saibling, der Stichling.
Das passt ja, denn Du bist durchs Meer gekommen.
Und wie die Vögel: der Sperling, der Hänfling.
Du hast ja auch Länder und Wüsten durchquert.
Flüchtling, wie die Pilze auch: Krempling und Pfifferling.
Auch das passt: denn wir haben in diesem Jahr
einen pilzreichen Herbst. Das ist gut.
Sie nennen Dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
Nur: ob Sie ‚Mensch‘ meinen, wenn sie ‚Flüchtling‘ sagen, das weiß ich nicht.
Sie fragen zunächst: Bist Du Nützling oder Schädling?
Nützlinge, das sind hierzulande
die Ohrwürmer, Wanzen, Brackwespen und Spinnen –
bist Du wie sie? Das wollen sie wissen.
Oder bist du ein Schädling, wie die deutsche Schabe,
die Fliegen und Flöhe und natürlich die Tauben?
Das wollen sie wissen. Das musst du verstehen.
Nützling oder Schädling.
So ist die hiesige Logik.
Sei Lehrling, und lern erst,
wer zuständig ist und was das Gesetz sagt;
wer gehört wird und wer zu entscheiden hat.
Und dann wird sich zeigen:
Werden sie dir
den Schierlingsbecher reichen
wie dem Sokrates?
Oder nähren sie Dich,
wie den Säugling an der Brust der Mutter.
Vielleicht bist du ja auch wie der Schmetterling,
der niemandem nutzt und nicht fragt ob er schadet.
Er schält sich im Frühling
aus der Mumie heraus.
Und fliegt.
Er ist schön. Das genügt.
Sie nennen Dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
Marita LersnerEinfach ohne Kolonialismus
19
Einfach beiseitelegen
Ist das Einfache wirklich so einfach?
D
as Wort „einfach“ ist eines meiner liebsten. Auf die Frage, wie ich eine für
mich erfüllende Erfahrung, etwa eine für mich wichtige Entscheidung oder
eine Ahnung einer Begegnung mit dem Ewigen, beschreiben würde, sage ich
gerne „Sie war einfach“. Das sage ich nicht, weil ich eine schnell ausgesprochene
Antwort möchte. Nein, im Gegenteil. Die Aussage „es war einfach“ stimmt. Nur
steht sie für mich so oft am Ende eines zumeist langen Prozesses, der alles ande-
re als einfach ist.
Ich erlebe mich als eine ringende Person: um eine Lösung, um eine stimmige
Antwort, um eine neue Erkenntnis oder Erfahrung. Und Ringen ist nicht einfach.
Eher anstrengend und oft kräftezehrend. Eine kleine Geburt – so stelle ich sie
mir zumindest vor, obwohl ich kein Kind zur Welt gebracht habe. Umso mehr
verblüfft es mich, dass das Ergebnis dieser Anstrengung, nach all dem Ringen,
Abwägen, Zweifeln, oft dann ganz einfach ist. Einfach im Sinne von „klar“, „selbst-
verständlich“. Aber ohne das Ringen wäre es wahrscheinlich nicht so gewesen.
Dann hätte ich das Einfache womöglich nicht entdeckt. Warum überhaupt rin-
gen, wenn das Ergebnis doch so einfach ist? Eine Erklärung ist: Wenn ich ringe,
dann ringe ich nicht nur mit anderen, sondern in erster Linie mit meinen eigenen
Ansprüchen, Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten. Vielleicht ringe ich mit Gott.
Im Ringen erkenne ich, wer ich eigentlich bin. Wie gut! Denn dann kann ich so
einiges beiseitelegen, was im Weg steht, oder etwas anders betrachten.
Wie neulich bei der Geburt eines Kindes in unserer Familie. Den Namen, den die
Eltern für das Kind gewählt hatten, mochte ich gar nicht: das erste Kind in der
Familie, für das es keinen Namenstag gibt, ein eher neumodischer und nicht
schön klingender Name, ein Name ohne einen/eine Heilige, eine Bedeutung, die
mir nicht zusagte… . All das ging mir durch den Kopf. Ich habe alle meine Ener-
gie eingesetzt, um noch etwas daran zu ändern. Ich wurde nicht gehört. Und das
war auch gut so. In meinem Unmut über den Namen merkte ich zunächst nicht,
wie meine Freude über die Geburt eines gesunden Kindes abnahm, weil mein
Anspruch, meine Vorstellungen hinsichtlich des Namens mich bestimmten. Und
dabei waren sie so unrealistisch, denn ich habe schlichtweg kein Recht, über
den Namen anderer zu bestimmen und sie zu bewerten. Irgendwann kam es mir,
diese Gedanken und Gefühle einfach einmal beiseite zu legen und es für möglich
zu halten, dass ich den Namen mögen kann. Ich sprach also den Namen ein paar-
mal laut aus. Er klang immer schöner. Letztlich begann ich, ihn zu mögen, und
damit wuchs die Freude über den Menschen, dem dieser Name gegeben wurde.
Kathrin Happe20
Einfach ohne Kolonialismus
Einfach ohne – mehr zu mir?
I
ch kehre zurück von einem 10-tägigen Besuch in Ruanda. 10 Tage Kigali – mit
meiner Mutter und meiner Schwester, um die Hochzeit meines ruandischen
Gastbruders zu feiern. Immer wenn ich aus Ruanda zurückkehre, fehlen mir die
Worte für das, was ich dort erlebe.
Es ist mein dritter Aufenthalt dort. Ich weiß, was mich erwartet, wenn ich dort
hinfliege – wie und wo ich wohnen werde, wie und wo ich einkaufe, wie ich
mich mit Freunden verabrede, abends ausgehe und mich in der Stadt bewege.
Ich liebe dieses Land – liebe die Hügel, das gemeinsame Essen, das Licht, das
Motofahren durch Kigali, das Zusammenkommen bei Freunden. Ich liebe, dass
ich zurückkehren kann – nach eineinhalb Jahren – und verstanden werde, für
das was ich fühle und erlebe, bei jedem Mal, wenn ich das Land besuche; dass
ich einfach sein kann. Und doch fällt es mir bei jeder Rückkehr nach Deutsch-
land schwer, das Leben dort zu beschreiben und das was mir dort widerfährt in
Worte zu fassen.
Ich habe dort zum ersten Mal in einem Land gelebt, in dem ich durch die Stra-
ßen laufe und auffalle – auffalle, weil ich eine andere Hautfarbe habe, weil ich
„anders“ bin? Meine Hautfarbe scheint viele Geschichten zu erzählen: dass ich
gebildet bin, dass ich über gute Verbindungen verfüge, dass ich Geld habe, dass
ich Ideen habe – all diese Assoziationen, für die ich nichts tun muss, außer durch
die Straße zu laufen oder an der Bushaltestelle zu stehen. Ich habe in vielen
Situationen ohne mein aktives Zutun eine herausgehobene Stellung erfahren –
bei einer Hochzeit werde ich extra begrüßt, obwohl ich das Brautpaar gar nicht
kenne und nur als Begleitung dieses Fest mitfeiere; bei der Familienfeier eines
Freundes darf ich mich als Erste vorstellen; auf der Straße werde ich von einem
Unbekanntem angesprochen, ob ich ihn bei der Entwicklung seines Business-
Plans beraten kann; ein Moto-Fahrer bittet mich, ihm einen Job bei meinem da-
maligen Auftraggeber, der GIZ, zu vermitteln. Aber das ist doch alles positiv?!
Ja, klar. Es ist ein Vertrauensvorschuss in mich, der allein auf meiner Hautfarbe
beruht. Zum ersten Mal habe ich eine Ahnung davon, wie es ist, schwarz zu sein
in einer Umgebung, die vor allem weiß ist. Und doch ist es nicht das gleiche,
wenn deine Hautfarbe statt positiv negativ konnotiert ist.
Ich habe in meiner Zeit in Ruanda tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich
viel geteilt habe: Ideen, Träume, Zweifel, Lebensentwürfe, und die mir gezeigt
haben, wie vieles man teilen kann, wenn man nicht als aller erstes auf die Haut-
farbe schaut, sondern den Menschen „dahinter“ sieht. Ich habe viel über mich
selbst gelernt, indem ich die Möglichkeit hatte all das zu teilen, und es hat mir
ein neues Spektrum an Betrachtungsweisen und dadurch auch an Möglichkei-Einfach ohne Kolonialismus
21
ten gegeben. Mich für diese neuen Betrachtungsweisen zu öffnen, war nicht im-
mer einfach. Es bedeutet immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Diese
Auseinandersetzungen erfordern Kraft und immer wieder den Willen, darauf
zu schauen, was tatsächlich „ich“ bin. Ich denke, dass ich mein Selbst nicht von
meiner kulturellen und sozialen Identität trennen kann, aber die Begegnungen
in Ruanda haben mir neue Handlungsspielräume aufgezeigt und eröffnet.
Mein ruandischer Gastbruder hat eine deutsche Frau geheiratet. Er wird in
Deutschland leben. In dem Haus meiner Mutter steht neben einem Bild von
meiner Schwester und mir ein Bild meines Gastbruders und seiner Frau. Wenn
ich meine Mutter besuche, deckt sie die ruandischen Untersetzer – darauf die
deutschen Frühstücksbrettchen. Was in diesen kleinen Gesten deutlich wird,
passiert auch in unserem Miteinander und in unserem Denken und in unserer
Sichtweise auf die Realität, in der ich lebe – und es ist ein großes Geschenk, für
das ich sehr dankbar bin.
Ruth Schüler
Ein Traum wird wahr
I
ch wurde 1958 als zweite Tochter meiner Eltern geboren. Mein Vater war Be-
amter, meine Mutter war Hausfrau und Mutter mit Leib und Seele. Aufgewach-
sen bin ich mit den Werten und Zielen in dieser Zeit, im Wirtschaftswunder West-
deutschlands. Ich bin nicht immer gerne zur Schule gegangen, habe aber meinen
Schulabschluss gemacht und eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Meinen
Traum, eine eigene Familie zu gründen, habe ich verwirklicht. Ich habe mit Mitte
zwanzig geheiratet und bin heute Mutter zweier erwachsener Töchter.
Alles war klar und gut so wie es war!?
Ja, bis mein Mann im Jahr 2009 verstarb. Über Nacht war nichts mehr so wie
es gestern war. Jetzt, wo mein Mann tot war und unsere Töchter das Elternhaus
verlassen hatten um zu studieren, war mein Familientraum ausgeträumt. Über-
nacht habe ich mich in dem Haus, das wir zu viert bewohnt und belebt haben,
allein wiedergefunden.
Mein Schicksal – was nun?
Ich habe die Tür meines Hauses geöffnet in der Hoffnung es wieder zu beleben.
Und „das Schicksal“ war mit mir. 2013 ist mein ruandischer Gastsohn bei mir
eingezogen und für eineinhalb Jahre geblieben. In diesem September bin ich auf
Familienbesuch nach Kigali geflogen. Zu versuchen, mit Worten zu erfassen, was
ich erleben durfte, scheint mir nicht möglich. Was ich aber sagen kann, ist, was22
Einfach ohne Kolonialismus
ich zu sehen gelernt habe, nachdem ich mein altes Denken entstaubt habe, ist ein
Geschenk dieser Menschen an mich.
Und, ich bin mit Privilegien einer Hautfarbe, einer Schulpflicht, dem Wahlrecht,
einem bürgerlichen Wohnstand in Friedenszeiten in eine Familie, in der ich will-
kommen war und bin, hineingeboren worden, in ein Leben hineingeboren, das
mich bevorteilt, ohne dass ich je etwas dafür geleistet habe.
Angelika Ullmann-Schüler
Ohne Rassismus? Einfach?
N
ach Birgit Rommelspacher geht es bei Rassismus nicht nur um individuelle
Vorurteile, sondern um ein gesellschaftliches Verhältnis. Mithilfe von ras-
sistischen Legitimationen wird es begründet, dass bestimmte Gruppen weniger
Zugangsmöglichkeiten und Teilhabechancen haben, das heißt es hat konkrete
Auswirkungen beispielsweise auf Zugang zum Arbeits- und Bildungssystem. Sie
beschreibt vier Schritte zum Rassismus:
Naturalisieren: Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft bestimmte Eigen-
schaften zugeschrieben, wie rückständig, lernunwillig, aggressiv… (DIE sind so)
Homogenisieren: Diese Eigenschaften werden allen, die dieser Gruppe angehö-
ren, zugeschrieben (Die sind ALLE so)
Polarisieren: Anschließend wird die Differenz betont, dass sie sich damit stark
von „uns“ unterscheiden (Die sind ganz ANDERS)
Hierarchisieren: Der letzte entscheidende Schritt ist dann klar zu machen, dass
„wir“ natürlich viel entwickelter und besser sind (WIR sind besser).
Dieses gesellschaftliche Verhältnis ist eine gesellschaftliche Struktur, die ein
Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Wie können wir uns in diesen Strukturen
der Ungleichheit begegnen, ohne sie zu reproduzieren und bestärken?
Hier war die Naunynstraße immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt für mich.
Warum, will ich im Folgenden erzählen: Die Naunynstraße hat mein Leben ver-
ändert, das kann ich heute mit Sicherheit sagen. Mein Leben wäre ganz anders,
hätte mich die Naunynstraße nicht eingefangen und danach nie wieder richtig
losgelassen.
Manchmal langweilt es mich sehr, mich in studentischen Kreisen zu bewegen.
Das heißt nicht, dass ich dort nicht tolle Leute kenne, die sogar in vielen Punkten
meine Weltansicht teilen, sich auch darüber Gedanken machen, wie man sich
am besten gesund und umweltbewusst ernährt oder wofür man sich engagiert.Einfach ohne Kolonialismus
23
Wie viel größer ist der Reichtum, den ich in der Naunynstraße vorfinde, so bunt
und unterschiedlich. Wie oft sitze ich Dienstagabend in der Runde und bin be-
rührt, von der Lebensweisheit, die aus den Erfahrungen spricht und von den un-
terschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auf das Leben. Ich kenne keinen
Ort, wo ich sonst von so vielen verschiedenen Lebensrealitäten erfahren darf,
wo so unterschiedliche Menschen zusammen am Tisch sitzen, wo Schubladen
aufgemacht werden, und ein buntes Durcheinander heraus kommt. Und wo ich
gelernt habe, dass es nicht um Mitleid geht.
Ich glaube auch, dass es keinen besseren Ort gibt, an dem Ibrahim und ich uns
kennen lernen konnten. Ein Ort, an dem Status, finanzielle Möglichkeiten und
berufliche Chancen unwichtig sind, ein Ort, an dem wir einfach Mensch sein
können und uns als solche begegnen. Nachdem die Äußerlichkeiten und Un-
gleichheiten wegfielen, konnten wir beide merken, dass da etwas ist, was uns
verbindet und trägt. Unsere Liebe und die gegenseitige Achtung voreinander
zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass das, wonach ich mich sehne, wahr wer-
den kann. Dass ein Mensch, der nach äußerlichen Kriterien so „anders“ ist als
ich, innerlich tief mit mir verbunden ist, wir uns auf Augenhöhe begegnen kön-
nen und die imperialistische Narrative des Westens in Frage stellen.
Mit unserer Beziehung und unserer Hochzeit bin ich den Schritt gegangen, auch
ein wenig anders zu sein. Nach außen hin bin ich noch immer weiß und unmar-
kiert, aber mein Herz kann von Rassismus nicht mehr unberührt bleiben. So gibt
es Kontexte, in denen Ibrahim „anders“ ist und Kontexte, in denen ich „anders“
bin und Kontexte, in der wir beide als anders wahrgenommen werden. Neben
der Bestätigung meiner Sehnsucht wurde ich deutlich damit konfrontiert, wie
stark unsere Gesellschaft rassistisch strukturiert ist. Das ist zum einen erkenn-
bar an den offensichtlichen Privilegien, die Weiße Deutsche haben. Vielmehr
schockiert mich immer wieder die westliche Überlegenheit, die in so vielen Aus-
sagen impliziert wird. Und „anders“ heißt dann nämlich eigentlich rückständig,
unzivilisiert, unterentwickelt, gewalttätig, irrational, fundamentalistisch, mit
anderen Werten und einer anderen Kultur, die nicht mit den westlichen Werten
zu vergleichen ist. Die sind halt so. Warum sich die Mühe machen, sie zu verste-
hen? Es ist gesellschaftlich anerkannt, solche Meinungen zu verbreiten.
Diese Rhetorik haben die europäischen Gesellschaften jahrhundertelang ge-
lernt. Gesellschaften, die die Welt eroberten und mit Differenzkonstruktionen
von Hautfarbe und Herkunft ihre Überlegenheit legitimierten. Je tiefer man sich
in den Strudel des Imperialismus und Kolonialismus begibt, desto weniger Hoff-
nung findet man, sich zumindest ein stückweit davon zu befreien. Ich schäme
mich für das, was die Weiße „Rasse“ in den letzten Jahrhunderten vollbracht hat.
Und doch, glaube ich, ist der erste Schritt zur Veränderung, die Menschen reden24
Einfach ohne Kolonialismus
zu lassen, die auf der anderen Seite der imperialen Wasserscheide standen, die
Menschen, denen jahrhundertelang eine eigene Geschichte und Kultur abgespro-
chen wurde.
Heute brauche ich die Naunynstraße, wie ich Luft zum Atmen brauche. Weil sie
mir immer wieder neu Mut macht, dass eine andere Welt möglich ist, eine Welt,
in der Herkunft, Hautfarbe, Muttersprache oder Religion kein Kriterium ist, um
Leute zu sortieren und in Schubladen zu stecken, sondern wir uns in Gleichheit
begegnen können. Bis heute kenne ich keinen Ort, wo Ibrahim und ich so sehr
einfach nur als Menschen gesehen werden, wo unsere vermeintlichen Unter-
schiede keine Rolle spielen, wo ich vergesse, worüber ich mir sonst Gedanken
mache. Wo ich sehe, dass sich Menschen über unsere Liebe freuen.
Dabei ist auch in der Naunynstraße nicht alles eitel Sonnenschein. Auch hier
habe ich rassismusrelevante Bemerkungen gehört, die mich treffen und mich
zum Weinen bringen. Und immer wieder spüre ich den Graben zwischen den
Geschlechtern, oft hänge ich dazwischen und kann beide Seiten nachvollziehen.
Versuche mich zu positionieren. Scheitere dabei. In einer Welt, die strukturiert
wird durch Rassismus und Sexismus und andere Diskriminierungsformen, sind
wir alle davon geprägt, und auch das bleibt in der Naunynstraße nicht vor der
Türe stehen. Auch die Gleichheit bleibt bruchstückhaft, da Nationalität und
Aufenthalt, aber auch die Möglichkeit zu arbeiten oder staatliche Leistungen zu
beziehen, sich auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt. Aber in dieser räumli-
chen Nähe kann ich vieles nicht mehr ignorieren und mich einfach nicht damit
beschäftigen, sondern bin Tag für Tag neu herausgefordert, ein Miteinander zu
suchen. Und es ist viel mehr Gleichheit, als es an anderen Orten möglich ist.
Wie oft habe ich schon versucht zu verstehen, warum mich dieser Ort anzieht
wie ein Magnet. Rational kann ich es nicht erklären. Aber ich glaube, dieses Ge-
fühl nach Hause zu kommen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hat
etwas mit meiner Sehnsucht zu tun. Ich habe eine Sehnsucht nach der Gleichheit
aller Menschen. Zu spüren, dass wir als Menschen so viele Gemeinsamkeiten
haben, dass wir erstmal Menschen sind und nicht Christen oder Muslime oder
Europäer oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigter. Dass da ein Gott ist,
der keinen Unterschied macht zwischen den Menschen und keine Grenzen zieht
zwischen vermeintlichen Unterschieden.
Also: Einfach ohne – Rassismus? Ohne Rassismus ist niemals einfach. Es gibt so-
gar WissenschaftlerInnen, die sagen, statt Antirassismus sollten wir lieber über
Rassismuskritik sprechen, da wir zu sehr in rassistischen Strukturen verstrickt
sind um ohne Rassismus zu denken und zu handeln. Aber das macht auch Mut,
denn überall dort, wo Strukturen aufgebrochen und über Rassismus nachge-
dacht wird, da wird etwas Neues möglich. Würde die Bundesrepublik sich inEinfach ohne Kolonialismus
25
ihrem Zuwanderungs- und Asylgesetz ein bisschen mehr an der Naunynstraße
orientieren, könnten wir uns viel mehr in Gleichheit begegnen:
Ohne Einkommensnachweis
Ohne Abstammungsurkunde
Ohne Papierkontrolle
Ohne Einbürgerungstest
Ohne Sprachnachweis
Ohne ärztliches Gutachten
Ohne Taufschein
Ohne Gesinnungsfragen
Ohne „wo kommst du her?“
Ohne „wann gehst du wieder zurück?“
Ohne Schul- und Berufsabschlüsse
Ohne Existenzgrundlage
Ohne Terrorismusverdacht
Ohne Misstrauensvorschuss
Ohne Mitwirkungspflicht
Ohne Krankenversicherungsnachweis
Ohne Anhörung zu anerkennungswürdigen Fluchtgründen
Ohne Zwangsmissionierung
Ohne erweitertes Führungszeugnis
Ohne Fingerabdruck
Ohne Abschiebung

Nadine Sylla
Einfach ohne Grenzen
D
ie Erfahrungen Grenzen zu überschreiten, zu durchbrechen oder davon
zu träumen, dass Grenzen zwischen Menschen und Ländern überwunden
werden, davon möchte ich in den nachfolgenden Überlegungen schreiben. Aus-
gangspunkt sind persönliche Erfahrungen, die ich in vielfältiger Hinsicht im
Überschreiten von Grenzen ebenso wie in der Erfahrung von Grenzen gemacht
habe und tagtäglich immer wieder aufs Neue mache.
Seit Anfang 2012 lebe ich in Peru, einem Land, das sich durch seine geografische,
klimatische und kulturelle Vielfalt auszeichnet. Dadurch darf ich die Erfahrung
machen, was es bedeutet, die eigenen Länder- und Kontinentgrenzen zu überwin-
den und mich mit Offenheit und Bereitschaft, Neues zu lernen, auf etwas ganz26
Einfach ohne Kolonialismus
anderes einzulassen. Da ist nicht nur die andere Kultur, die mich auch heute noch
nach mehr als drei Jahren immer wieder überrascht oder vor offene Fragen und
mitunter auch Unverständnis stellt, sondern auch der soziale andere Kontext.
Grenzen überschreite ich aber besonders auch im Entdecken und Kennenlernen
anderer Weltsichten und Weisheiten, die mir vorher unbekannt waren, die an
den Rand gedrängt, diskriminiert und deren Reichtum an Wissen und Praktiken
weitestgehend ausgemerzt wurde sowie weiterhin von der Mehrheitsgesellschaft
als minderwertig abqualifiziert wird. Obwohl Peru zu den lateinamerikanischen
Ländern mit der größten ethnischen und kulturellen Vielfalt gehört und fast die
Hälfte der Bevölkerung einer indigenen Gruppe angehört, so wird dies auf der
politischen Agenda kaum berücksichtigt. Vielmehr gehört die indigene Bevöl-
kerung weiterhin zu ärmsten Bevölkerungsschicht. Die sogenannte „Andinisie-
rung“ der städtischen Zentren, besonders der Hauptstadt Lima, durch Migranten
aus dem Hochland oder den Regenwaldgebieten hat nicht zur Entwicklung einer
tatsächlich multikulturellen Gesellschaft geführt. Auch wenn dies die vorherge-
hende Bürgermeisterin Limas mit dem Slogan „Lima multicultura“ (Lima multi-
kulturell) glauben machen wollte. Statt eines interkulturellen Zusammenlebens
hat eine starke Segregierung der Bevölkerung entlang der sozialen Klasse sowie
der ethnischen Zugehörigkeit stattgefunden. Die Armen und damit auch die Mig-
rant_innen lassen sich an den immer größer und unkontrollierbarer werdenden
Armensiedlungen am Rande der Stadt nieder. Während die Oberschicht, vor al-
lem aus sogenannten „criollos“ (Mischlingen) bestehend, in schicken Stadttei-
len westlichen Charakters wohnen. Dort trifft man die „chollos“, wie Männer
und Frauen aus dem Hochland genannt werden, vor allem als Hausangestellte,
Kindermädchen, Chauffeur oder in anderen niedrigen Dienstleistungsarbeiten
an. Alltagsrassismus, der sich in Fernsehsendungen, Musik und im Umgang
miteinander widerspiegelt, ist an der Tagesordnung. Wie sehr dieses koloniale
Denken noch in den Köpfen verhaftet ist, zeigt sich daran, dass alles, was aus
den „westlichen“ Ländern kommt als „entwickelter“ und damit besser gilt. Das
eigene, angefangen von kulturellen Werten und Praktiken, Traditionen bis hin
zu phänotypischen Charakteristika wie Haut- und Haarfarbe wird demgegen-
über gering geschätzt bzw. als „unterentwickelt“ oder vormodern abqualifiziert.
Stattdessen geht es gerade darum, diesem von außen kommenden Modell nach-
zueifern. Dies hat auch zu dem Bestreben geführt, die „eigene Rasse verbessern“
zu wollen, indem man versucht, dem westlichen Schönheitsideal möglichst nahe
zu kommen. Auch in meinem ganz persönlichen und alltäglichen Leben werde
ich mit diesen Formen des Rassismus, die bereits im Zwischenmenschlichen be-
ginnen, konfrontiert. Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich als „gringa“ in
dem peripheren Stadtteil San Juan de Lurigancho wohne, wo doch grundsätzlichEinfach ohne Kolonialismus
27
EuropäerInnen im Süden der Stadt in Stadtteilen wie Miraflores, San Isidro und
anderen anzutreffen sind. So mancher Taxifahrer hat mehrfach nachgefragt, ob
ich mich nicht versprochen habe und tatsächlich nach San Juan de Lurigancho,
dem bevölkerungsdichtesten und zugleich kriminellsten Distrikt fahren wollte.
„So jemand wie du“ lebt dort doch nicht, bekomme ich oft zu hören. Und auch,
dass ich einen „cholo“ geheiratet habe, stößt immer wieder auf Erstaunen und
Unverständnis, wo ich doch jemanden „meines Standes und meiner Rasse“, wie
mir neulich eine Frau sagte, hätte haben können.
Angesichts dieses alltäglichen Rassismus, der Menschen nach ihrem Äußeren
und ihrer Herkunft klassifiziert, stellt sich die Frage, wie Grenzen von Vorur-
teilen, Rassismus und Diskriminierung überwunden werden und Formen eines
wirklichen Zusammenlebens in Toleranz und gegenseitigem Respekt und vonei-
nander Lernens aufgebaut werden können?
Nach Südamerika aufzubrechen hatte für mich nicht nur mit der Faszination
der vor allem andinen Kultur zu tun, sondern auch mit der Suche nach einem
Lebensstil, in dem es möglich ist ohne die vielen Dinge, die ich in Deutschland
als im Übermaß vorhandene erfahren habe und die man gemäß der kapitalisti-
schen konsumorientierten Gesellschaftsordnung anscheinend braucht, zu leben.
Dabei wird verschleiert, dass die Mehrheit sich nur sehr schwer oder nie Zugang
zu diesen Dingen verschaffen kann. Hier in Peru wie in anderen lateinamerika-
nischen Ländern lebt ein Großteil der Bevölkerung ohne die grundlegendsten
Dinge, die zur Befriedigung der Grundbedürfnisse notwendig sind. Sie leben
ohne Kranken- oder sonstige Versicherungen und ebenso ohne ausreichend gute
Bildungsmöglichkeiten. Ist der bewusste Versuch, vieles an Alltagsselbstver-
ständlichkeiten, auch materieller Art, zurück zu lassen und einfacher und mit
weniger zu leben in diesem Kontext lediglich ein individuelles Luxusvorhaben
oder doch auch ein kleiner Beitrag zu einer ökologisch und sozialverträglicheren
Lebensweise?
Wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung mit knappen ökonomischen Ressour-
cen auskommen muss, so sind die Glücksversprechen und Verheißungen des
Kapitalismus das, wonach viele sich sehnen und alles dafür tun, Anteil daran zu
haben. Sind doch die Erlangung von Statussymbolen wie ein großes Auto, Haus
und eine angesehene Arbeitsstelle neben Kleidungs- und Körperstilen Zeichen
dafür dazu zu gehören und verschaffen Anerkennung und Ansehen. Es zu kriti-
sieren und ganz bewusst davon Abstand zu nehmen und auf bestimmte Konsum-
güter zu verzichten, ist in gewisser Hinsicht ein kleiner kontrakultureller Akt
und stößt, wie ich feststellen muss, immer wieder auf Irritationen.
Alternative Entwicklungen, in denen es einen Wert hat vom Auto aufs Fahrrad
umzusteigen, ohne überflüssige Luxusgüter zu leben, sind hierzulande noch eher28
Einfach ohne Kolonialismus
marginal. Zugleich ist auch zu beachten, dass eine gewisse Art und Weise des
„alternativen Lifestyles“ gerade auch Bestandteil des neoliberalen Systems oder
besser gesagt sein Abbild ist. Geht es doch darum über Sport, Fitness, gesunde
Ernährung, Wellness und Esoterik den eigenen Körper zu optimieren und sich im
gesellschaftlichen Konkurrenzkampf besser zu positionieren. Individualistisch
geht es auch um die Verbesserung der persönlichen Lebensqualität. Mit einer so-
lidarischen und nachhaltigen Lebensweise hat dies jedoch wenig zu tun. So stellt
sich die Frage danach, was es bedeutet, alternativ zum herrschenden System zu
leben, einfach ohne die zuvor aufgeführten materiellen Güter, aber auch ohne
etablierte Denkweisen und damit verbundene Lebensstile, die in vielfältiger Hin-
sicht auf sozialen, rassistischen und nicht zu vergessen geschlechtlichen Benach-
teiligungs- und Diskriminierungsstrukturen beruhen. Ungleichheiten zwischen
Männern und Frauen, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt in vielfacher
Hinsicht sind ebenso ein weiteres Element in der von religiösem und politischem
Konservatismus dominierten hierarchisierten peruanischen Gesellschaft. Ein
besorgniserregender Anstieg sexueller Gewalt an Frauen kulminierend in sei-
ner extremsten Form der Frauenmorde, ebenso wie eine zunehmende Zahl von
Schwangerschaften unter Minderjährigen und Homophobie sind Kennzeichen
des verbreiteten Machismo.
Schlussendlich geht es also um die Frage danach, was Gutes Leben im Gegensatz
zu allen kapitalistischen „Verheißungen“ eines vermeintlich besseren Lebens be-
deutet. Anhaltspunkte dafür kann uns das indigene Konzept vom Buen vivir,
vom guten Leben geben. Dabei handelt es sich um ein politisch-emanzipatori-
schen Konzept, das anknüpfend an indigene Kosmovisionen und ihre sozialen
und kulturellen Werte einen Prozess der Dekolonialisierung in Gang gesetzt
hat. Und damit eine klare Absage an das westlich-hegemoniale und falsche Kon-
zept des besseren Lebens macht. Konkret heißt dies, vor allem diejenigen zu
Wort kommen zu lassen, deren Stimme jahrhundertelang niedergedrückt und
ungehört gemacht wurde und weiterhin gemacht wird. Und dies bedeutet, fort-
bestehende (neo)koloniale Strukturen, die sich in sämtlichen Dimensionen des
Lebens, der Wirtschaft, Politik, sozialen Ordnung, Kultur und damit vor allem
auch in den Mentalitäten widerspiegeln, zu überwinden und gerade das Wis-
sen und die Erfahrungen von den sogenannten Rändern, den stumm Gemachten
schätzen und anerkennen zu lernen. Die Wiederentdeckung indigener Kosmovi-
sionen und ihr Konzept von einem guten Leben können uns wichtige Ideen und
Orientierungen geben in der Suche nach alternativen Lebens- und Sozialstruk-
turen und nach einer Entwicklung, die nicht in auf die Prinzipien des immer
mehr und immer schneller setzt und Entwicklung lediglich als fortschreitendes
Wirtschaftswachstum versteht. Ziel ist ein religiös und ethisch erfülltes LebenEinfach ohne Kolonialismus
29
für alle zu erreichen. Nicht auf individuelle Weise, sondern auch mit der Ver-
pflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Es handelt sich auch nicht einfach um
eine nachhaltige Entwicklung, sondern es geht um ein gänzlich anderes Ver-
ständnis von der Natur und den natürlichen Ressourcen sowie der Beziehung
mit ihr. Ein grundlegender Paradigmenwechsel im Naturverständnis ist in Zei-
ten, in denen die ökologische Krise immer dramatischere Ausmaße annimmt,
entscheidend. Im Gegensatz zum okkzidental-kapitalistischen Verständnis von
Land/Erde ist für die indigenen Völker Land wesentlich mehr als eine bloße
natürlich zu verwertende Ressource. Wie die Rede von der Pachamama, der
Mutter Erde schon anzeigt, handelt es sich um eine lebensnotwendige, wechsel-
seitige Beziehung zwischen Mensch und Natur. Land/Erde somit als Teil eines
Geflechtes wechselseitiger Beziehungen zu verstehen und dementsprechend als
gemeinschaftlich organisierten Lebensraum, spiegelt nicht nur die spirituelle
Dimension, die mit dem Land verknüpft ist, wider, sondern steht auch für eine
veränderte soziale Praxis und Gesellschaftsvision. In dieser Vision steht Land
nicht für Kontrolle, Ausbeutung, Besitz, sondern für Gemeinschaft, Solidarität
und miteinander Teilen. Diese Vorstellung von einem Leben basierend auf Prin-
zipien der Harmonie, Reziprozität und Gleichheit zwischen Menschen und mit
der Natur steht dabei im Gegensatz zu den gegenwärtigen real gegebenen Ver-
hältnissen, in denen Wirtschaftspolitiken immer mehr auf Extraktivismus und
damit die grenzenlose Ausbeutung der Erde und ihrer Ressourcen setzt. Es geht
aber auch um die Rekonstruktion sozialer Beziehungen, die besonders auch die
Veränderung des eigenen Selbstverständnisses beinhaltet und neue dekoloniale
Subjektwerdungsprozesse zulässt. Subjektwerdung im Kontext des Buen Vivir,
des guten Zusammenlebens, heißt dann auch den propagierten Individualismus,
in dem es nur um die Durchsetzung meiner Rechte und meines Wohlbefindens
geht, zu überwinden. Stattdessen handelt es sich um eine kollektive, solidarische
Entwicklung neuer zwischenmenschlicher, zwischengeschlechtlicher und zwi-
schenethnischer Beziehungen ebenso wie in der Beziehung zur Erde, zur Natur
und zu Gott.
Ausgehend von der Weltsicht des Buen vivir lassen sich also Ansätze für alter-
native Lebens- und Sozialformen ableiten. Die Überwindung kolonialer Struk-
turen und die Ermächtigung derjenigen, die bis heute an den Rand gedrängt
werden ebenso wie ihr Wissen und Weisheiten, welche entgegen aller Versuche
es auszulöschen im Verborgenen bewahrt werden konnten, ist Herausforderung
und Notwendigkeit zugleich. Das Konzept des Buen Vivir kann uns wichtige
Anhaltspunkte geben zur Veränderung sämtlicher Strukturen, die weiterhin ko-
lonisierend wirkmächtig sind: der Markt, die Politik, Wirtschaft, die Religion
und (Dominanz-)Kultur. Und es ist ein Modell, das uns einlädt, auch die per-30
Einfach ohne Kolonialismus
sönlichen, alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen zu verändern und
neue Formen des gemeinschaftlichen, interkulturellen, gender- sowie sozial und
ökologisch gerechten Lebens zu suchen und somit Grenzen von Klasse, Ethnie,
Geschlecht, ebenso wie zwischen Ländern und Menschen zu überwinden und
neue Sozial- und Lebensformen aufzubauen.
Sandra Lassak
Meine Weltbrille
M
ein Brillengestell und meine Brillengläser wurden in Deutschland entwi-
ckelt und hergestellt. Es ist meine persönliche Brille , mit der ich durch die
Welt gehe. Ich, mit meiner Lebensgeschichte, und Deutschland dienen als mein
individueller zentraler Vergleichspunkt, um die Welt zu betrachten, sie zu verste-
hen, sie zu benennen und mich in ihr zurechtzufinden.
Andere Menschen haben andere Brillen und sehen andere Dinge, oder sehen
Dinge anders.
Manchmal leihe ich mir die Brillen anderer und sehe die Welt in ganz anderen
Farben, viel schärfer oder auch verschwommener. Faszination und Irritation zu-
gleich. Meine Augen verlassen die gewohnte Perspektive, die Komfortzone. Das
kostet Kraft. Und gibt Kraft.
Im Laufe der Jahre wurde meine Sehschärfe von professionellen Brillenträger_
innen immer wieder korrigiert. Und ich habe mir mühsam verschiedene Farbfil-
ter für die Gläser erarbeitet. Manchmal hat es Jahre gedauert.
Ab und zu sind meine Gläser schmutzig, manchmal sind sie sogar von einer di-
cken Staubschicht überzogen. Eine klare Sicht ist mir dann nicht möglich.
Immer wieder muss ich die Brille abnehmen und sie zu putzen.
Aber nicht immer merke ich gleich den Schmutz. Oder ich bin zu faul, die Brille
schon wieder abzunehmen um sie zu putzen. Oder aber mir fehlt das richtige
Putzwerkzeug.
Zum Teil habe ich mich auch einfach daran gewöhnt, dass die Gläser immer
etwas verschmutzt sind.
Nach so vielen Jahren Gebrauch sind einige Gläser ganz schön verkratzt. Aber
sie können nicht in neue, ungebrauchte Gläser eingetauscht werden.
Manchmal sitzt meine Brille auch schief. Oder sie ist verbogen.
Aber es ist meine Brille. Trotz oder gerade wegen aller blinden Flecken.
Ich mag es sie aufzusetzen, um mit ihr und durch sie die Welt und mich, in ihr,
wahrzunehmen. Jeden Tag. Ein bisschen anders.
Anne-Katharina WittmannEinfach ohne Kolonialismus
31
Welten(un)gerechtigkeit I
M
it 20 Jahren saß ich in einem kleinen Café in Cuzco (Perú). Zusammen mit
Laura und Rike, zwei deutschen Freundinnen gleichen Alters. In einer
Leichtigkeit dahin sinnierend, während ich meinen Kaffee schlürfte, drängte
sich in mir eine Frage auf, die mir gleichzeitig eine Lösung des Problems der
Armut schien. An meine Freundinnen gerichtet sprach ich sie aus: „Ich verste-
he nicht warum die Menschen in Perú, die arm sind, nicht ein paar Jahre alles
versuchen um so viel zu sparen, dass sie nach ein paar Jahren zumindest für ein
Familienmitglied ein Flugticket nach Deutschland kaufen können, um dann dort
zu arbeiten und Geld nach Hause schicken?“
Meine liebe kluge Freundin Laura antwortete erklärend einfühlsam, jedoch mit
einer Spur Verwunderung: „Wir aus Deutschland oder Europa oder den Staaten
dürfen einfach so nach Perú, aber die dürfen nicht einfach so zu uns kommen,
die bekommen kein Visum um nach Deutschland rein zu kommen!“ Ohrfeige.
Diese Antwort traf nicht nur mein unwissendes Unverständnis, ich konnte sie
kaum aushalten! Konnte mich mit meiner Position und Privilegien in der Welt,
die ich mit dieser einen einzigen Antwort spürte, nicht aushalten. Ich wollte sie
nicht haben, wollte es nicht als ein Teil von mir akzeptieren. Die Ungerechtigkeit
der Welt überkam mich. Tiefe Traurigkeit von innen wollte mich mit dieser Un-
gerechtigkeit nicht zufrieden geben (müssen). Wollte nicht, dass das Glas meiner
Brille, um die Welt und mich in der Welt zu betrachten, einen Riss bekam. Ich
konnte nicht verstehen warum es so ist wie es ist. Daher hatte ich auch keine
Worte. Ich konnte es (mir) nicht erklären, und damit auch nicht kritisieren. Nur
ein Gefühl, das blieb. Ein Gefühl das mich einnahm. Jahrelang. Ohne Worte. Mit
Gefühl.
Erst viele Jahre später konnte ich benennen was ich damals fühlte, konnte ich
rational begreifen, was ich emotional spürte: Macht- und Herrschaftsverhält-
nisse. Globaler, struktureller Rassismus. Koloniales Erbe. Jetzt weiß ich, war-
um ich es nicht verstehen konnte: Ich, als Weiße, war (für mich) bis dato das
Zentrum „der“ Welt. Weiß meine Weltsicht und Weiß meine Erfahrungen.
Knapp eineinhalb Jahre nach meiner zunächst nur gefühlten Erkenntnis hei-
ratete ich. Ich heiratete mit knapp 22 Jahren. Ich heiratete einen Peruaner.
Ich heiratete ohne Hochzeitsfest, ohne Brautkleid, ohne Ringe, ohne meinen
Eltern Bescheid zu geben, ja sogar ohne meine Anwesenheit! Die Frage, die
mir, die ihm und die uns nun seit nunmehr zehn Jahren gestellt wird, sobald
wir gegenüber uns noch fremden Menschen nur erwähnen, dass wir mit einem
Peruaner/einer Deutschen verheiratet sind: „Ah, ihr habt wegen dem Papier
geheiratet, oder?“32
Einfach ohne Kolonialismus
Wir haben aus Liebe geheiratet. Aber um unsere Liebe leben zu können, um
unsere Beziehung gemeinsam an einem Ort führen zu können, gab es keinen
anderen Weg: wir mussten heiraten. Und damit wollten wir auch heiraten.
Haben wir nun wegen dem Papier geheiratet?? Wir haben wegen unserer Lie-
be für das Papier geheiratet!! Habe ich damit eines meiner (Weißen) Privilegien
geteilt? Habe ich damit ein Stück „Ungerechtigkeit der Welt“ gerechter machen
können? Nein!
Geglaubt, der Ungerechtigkeit der Welt zumindest uns gegenüber ein Schnipp-
chen geschlagen zu haben, schlich sie sich ungeahnt und lange von mir verkannt
in das alltägliche Leben unserer Beziehung, die wir unter scheinbar „normalen
Bedingungen“ in Deutschland führten, ein: Struktureller Alltagsrassismus. Ja,
mein Mann lebt seit sieben Jahren in Deutschland, nein, er hat trotzdem keine
unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Spätestens alle drei Jahre muss diese – und
damit wir und unsere Beziehung – bis auf den Standort unserer Waschmaschine
geprüft, um verlängert zu werden. Er hat keine Niederlassungserlaubnis, da er
nicht fest angestellt ist und nicht in die Rentenkasse einzahlt. Warum? Weil sein
peruanischer Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, er sich
mit Jobs für nichtqualifizierte Menschen und der Aufstockung durch Alg. II sei-
nen Lebensunterhalt bestreitet.
Die Welt ist wie sie ist, weil wir sie zu dem gemacht haben. Das macht mich
traurig, stellenweise überkommt mich Hilflosigkeit. Gleichzeitig gibt es mir aber
auch Kraft und eine Vision, denn dass wir die Welt zu dem gemacht haben heißt,
dass sie nicht so bleiben muss wie sie jetzt ist. Die Ungerechtigkeit der Welt kann
sich ändern: nicht rückwärts, aber vorwärts!
Welten(un)gerechtigkeit II
M
ein Neffe Noah, fünf Jahre, ist in seinen so jungen Jahren des Öfteren „tod-
traurig wegen der Ungerechtigkeit auf der Welt“, wie er es selbst beschreibt.
Dann ist er ganz erschüttert, zornig, nachdenklich und braucht Zeit, um für sich
die Welt mit ihren Ungerechtigkeiten innerlich zu verarbeiten. Meist überkommt
ihn diese Traurigkeit, wenn er hört oder sieht, dass seinen geliebten Tieren Scha-
den, gleich welcher Art, zugefügt wird. Wenn er einmal groß ist, so möchte er
Tierretter bei Greenpeace sein. Besonders für Meerestiere interessiert er sich.
Noah besuchte mich dieses Jahr mit seiner Mama, meiner „kleinen Schwester“,
in Peru. Es war spannend für mich zu sehen, wie und was er in Peru wahrnahm.
Noah sah in Peru Unterschiede. Große als auch kleine. Er konnte sie benennen
und beschreiben und setzte sie im Vergleich zu Deutschland und Thailand (einEinfach ohne Kolonialismus
33
Jahr zuvor hatte er in Thailand Urlaub gemacht). Für mich faszinierend: Er nahm
Unterschiede wahr und gleichzeitig nahm er sie einfach an – (noch) ohne Wer-
tung!
Es gab Dinge und Situationen, die er erklärt haben wollte oder denen er seine ei-
gene kindliche Erklärung gab – und damit war er dann zufrieden. Die Erklärung
hatte keine Wertung für ihn, sie galt rein als Ordnungs-, aber nicht als Hierar-
chiesystem in seinem Kopf.
Auch wenn er selbst in dem Alter ist, indem er immer der Schnellste, der Beste,
der Stärkste und vor allem der Gewinner sein möchte, so war Deutschland für
ihn nicht besser, entwickelter, fortschrittlicher, Peru nicht schlechter, unterent-
wickelter, traditioneller. Hier in Peru waren einige Dinge eben anders – nicht
besser und nicht schlechter, sondern einfach nur anders!
Zugegeben: seine Mama berichtete mir später, dass er im Flugzeug auf dem Rück-
weg nach Deutschland unglaublich weinte und dann doch meinte, dass Peru das
beste Land der Welt ist, Deutschland doof ist und alle lieben Menschen doch
nach Peru ziehen sollen…
Anne-Katharina Wittmann
Mensch sein ohne Grenzziehung
H
eute ist der erste Juni. Am 6. Juni werden in Neuruppin einige hundert Men-
schen gegen „Überfremdung“ demonstrieren. Sie nennen ihre Veranstaltung
„Tag der deutschen Zukunft“ und haben Theodor Fontane und die Neuruppiner
Klosterkirche zu ihren Wahrzeichen gemacht.
Es wird – als Reaktion darauf – ein Stadtfest und zwei (weitere) Demonstrations-
züge geben, die für kulturelle und religiöse Vielfalt, Solidarität mit Flüchtlingen
und Migrant*innen, Gewaltlosigkeit und Frieden eintreten. Ich bin froh, dass ich
dabei sein kann. Ich bin nicht froh, dass die Überschrift über unserer Veranstal-
tung lautet: „Schöner leben ohne Nazis“. Ich wünsche mir einen Blick, der auch
ideologisch Verblendete als Menschen erkennt, die meine Nachbarn sein könn-
ten, und die es wert sind, dass ich mich mit ihnen auseinandersetze.
Die offen geschehende Gewalt macht mir Angst – Islamischer Staat, Boko Ha-
ram und so weiter. Ist es mehr Gewalt, als es früher war, „früher“ im Sinne
von vor der Industrialisierung, vor den Weltkriegen, vor der Globalisierung, vor
dem Terrorismus? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich bezweifle, dass
westliche Werte, ja sogar die Orientierung an den Menschenrechten gegen Un-
menschlichkeit immun machen. Die Gewalt geschieht zum Teil versteckt, aber
sie geschieht.34
Einfach ohne Kolonialismus
Sie geschieht an den Grenzen, sie geschieht an den Orten, wo Rohstoffe gewon-
nen werden, sie geschieht zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, und
sie geschieht im Alltag. Mein Geschlecht, der Ort, an dem ich geboren bin, die
Gesetze, die dort gelten, der Besitz, den meine Familie hat oder nicht hat, die
Liebe, die mir meine Eltern geben, meine körperlichen und geistigen Vorausset-
zungen: all das stellt die Weichen dafür, wie andere mit mir umgehen, bevor ich
überhaupt alt genug bin, um eigene Entscheidungen zu treffen. Gott sieht mich
so und liebt mich so, wie ich bin. Er allein. Er begegnet mir in Jesus Christus und
gibt mir Kraft, für mich selbst und für andere einzustehen. Im Heiligen Geist ver-
bindet er mich mit Menschen, die Jesus nachfolgen. Sie erinnern mich an meine
Aufgabe: das Leben auszuhalten, so wie es jetzt ist, und dabei über die Grenzen
meiner eigenen Sorgen und meines eigenen Wissens hinaus schauen zu lernen,
und lieben zu lernen. Ein Leben miteinander wünsche ich mir so – im Schauen,
im Verzeihen, im Werben um die anderen und im ständigen Erinnern: Er ist da.
Nachtrag vom 21. Juli:
Am 6.6. haben die Menschen in Neuruppin gezeigt, dass sie etwas vom Leben mit-
einander verstehen. Das Stadtfest auf dem Schulplatz war gut besucht, auch von
Menschen aus dem Übergangswohnheim. Meine Gemeinde steuerte Chorgesang
und sehr viel Kuchen bei. Es kam einiges an Geld für die Arbeit mit Flüchtlingen
zusammen. Am meisten habe ich mich über die Begegnungen an diesem Tag ge-
freut, und über die weißen Papierschwäne, die man falten lernen und sich anste-
cken konnte – als ein Symbol für Gewaltfreiheit.
Es gab parallel zum Stadtfest Sitzblockaden und kleinere Verfolgungsjagden zwi-
schen Polizei und Blockierern, die den Demonstrationszug der Nazis dann schließ-
lich doch eingeholt haben.
Das Ergebnis: Der Demonstrationszug musste umkehren und die Stadt verlassen.
Woraufhin er nach Velten weiterzog. Dort hatten die Organisatoren des „Tags der
deutschen Zukunft“ im Voraus eine Demonstration für den ganzen Tag angemeldet.
Das war ihr Plan B.
Ganz zu schweigen von den alltäglichen Drohgebärden gegenüber Flüchtlingen, so
wie erst vor ein paar Wochen in Hoyerswerda. Davon bekommen Menschen wie
ich, die selten auf Flüchtlinge treffen, nicht viel mit. Ich höre es nur über das Netz-
werk der Neuruppin-bleibt-bunt-Aktivist*innen, oder lese es in der Zeitung.
Bei aller Ambivalenz war ich auch stolz, dass die Nazis in Neuruppin blockiert
wurden. Aber ich habe mich gefragt, was Gewaltfreiheit ist. Fängt die Gewalt nicht
schon an, wenn ich zu jemandem sage: „Raus aus unserer Stadt“? Ich bin noch
immer keinem Nazi begegnet. Ich könnte versuchen, einen aus dem öffentlichen
Leben anzusprechen. Wo ich einen „ganz normalen“ finde, abgesehen von Demons-Einfach ohne Kolonialismus
35
trationen, bei denen ich durch viel Polizei von ihnen abgeschirmt werde – keine
Ahnung. Und was würde ich zu ihm sagen?
Ich werde wütend, wenn ich höre, dass Nazis bei Google Maps Gegenden markiert
haben, in denen Flüchtlinge leben. Inzwischen wurden die Markierungen entfernt,
weil Menschen sich bei Google Maps gemeldet und protestiert haben. Aber die-
jenigen, auf die ich wütend bin, sind Gesichtslose. Ich kenne sie nicht. Ich weiß
nicht, warum sie so denken und handeln, wie sie es tun. Natürlich zucke ich zu-
sammen und widerspreche, wenn jemand in meiner Stadt von „Fidschis“ spricht
oder darüber nachdenkt, ob die neuen Mieter in einer Wohnung vielleicht Katzen
kochen werden. Die so reden, sind für mich keine Nazis. Ich kenne ihre Gesichter
und ihre Freundlichkeit und weiß, dass sie niemals absichtlich einem Flüchtling
oder irgendeinem anderen Menschen Schaden zufügen würden. Ich erkenne auch
den Unterschied zwischen unreflektierter Sprache und Ironie – meistens. Aber wo
fängt die Gewalt an? Nicht schon mit Worten?
Ich werde unruhig, wenn ich mich damit auseinandersetze, was ich eigentlich
selbst bereit wäre zu geben. Geld? Das wäre irgendwann verbraucht, und dann?
Kleidung? So richtig schön ist die nicht mehr, wenn ich sie übrig habe. Und nähen
kann ich nicht so gut. Einen Teil meiner Wohnung, oder sogar mein Bett, und ich
schlafe auf dem Boden? Ich kenne Menschen, die dazu bereit sind. In der Naunyn-
straße mindestens einen. Was müsste mit mir geschehen, dass ich so viel Raum
hätte? Und worin würde sich das dann äußern?
21. Juli. Die andere Seite der Frage, wie Raum statt Gewalt entsteht: Wo gehöre
ich hin? Gerade hat mich jemand gefragt, ob ich noch einen Wein mit ihm trinke.
Er wünschte sich Gesellschaft. Ich habe abgelehnt, weil ich dachte: Ich muss
aufräumen, und es gibt noch einen Text zu schreiben. Deswegen habe ich mich
jetzt hingesetzt und angefangen zu schreiben. Ich dachte: Nach dieser Absage
kann ich erst recht nicht so schludrig mit meiner Zeit umgehen wie in den letz-
ten Tagen und Wochen. Ich habe mich für beides geschämt, die Absage und die
Schludrigkeit. Ich hatte heute – wie schon so oft – den Impuls, um mich herum
und in mir selbst aufzuräumen. Raum zu schaffen für Gott.
Mit ToDo-Listen funktioniert das nicht, das habe ich eingesehen. Gott hilft. Beten
hilft. Frühes Aufstehen hilft, eventuell. Das tun, was dran ist, hilft. Wie kommt
es zu den langen Zeiten, in denen mir das Aufräumen außen und innen so schwer-
fällt, dass ich es ganz sein lasse? Möglich, dass es daran liegt, dass meine Arbeit
und ich nicht zusammen leben, so gern ich sie auch tue. Wenn ich predige oder
zuhöre, Lieder aussuche, Gläser abwasche, die Bibel auslege oder mir eine Bau-
stelle anschaue, bin ich mehr oder weniger da. Manchmal bin ich ganz da, das
merke ich daran, dass sich Friede in mir ausbreitet und der Tag vergehen kann,36
Einfach ohne Kolonialismus
ohne dass ich müde werde oder mir Sorgen mache. Aber was mit mir lebt, das
ist die Frage, zu welchen Menschen ich gehöre, und wann sich das entscheiden
wird. Meine Sehnsucht nach einer Kommunität oder einer Familie ist so alt wie
meine Zweifel daran.
Die Sehnsucht habe ich von Euch, und von meiner Zeit als JEV in Graz. Es gibt
so etwas wie ein unsichtbares Netzwerk, das erscheint, wenn ich es brauche.
Meine ehemaligen Mitbewohnerinnen aus der Zeit in Graz. Meine Eltern, die mir
sagen, dass sie regelmäßig Kerzen für mich anzünden. Menschen in Leipzig und
Berlin, mit denen ich gemeinsam gebetet habe – oder Gespräche geführt, oder
gekocht, oder gewohnt, oder gestritten. Wenn ich Ende des Jahres aus Neuruppin
weggehe, werde ich hinzufügen können: Menschen aus Neuruppin, mit denen
ich ein Stück Weg gemeinsam gegangen bin. Das unsichtbare Netzwerk macht
mir Mut, dass ich eines Tages wissen werde: Hier bleibe ich, fürs erste. Ich ent-
decke den Raum in mir immer dann wieder, wenn dieser Mut mich trägt.
Anna
Aktiv gegen rechts
K
aum zwei Monate im Amt als Pastorin zur Anstellung in der schleswig-
holsteinischen Kleinstadt Heide musste ich erleben, dass eines Morgens die
historische Kirche am Markt mit Hakenkreuzen und Nazisprüchen besprüht
worden war. Obwohl wir als Kirchengemeinde Anzeige erstatteten, eine Stel-
lungnahme veröffentlichten und in den Gottesdiensten jener Tage auf die Sache
Bezug nahmen, hatte ich das Gefühl, kaum jemand teile das Ausmaß meiner
Betroffenheit. Dass die beiden Täter gefasst wurden und eine „allgemeine politi-
sche Unzufriedenheit“ anstelle einer dezidiert faschistischen Gesinnung zu Pro-
tokoll gaben, bestätigte viele in der Meinung, man dürfe solche Vorfälle nicht
so hoch hängen, Naziumtriebe erhielten durch große Aufmerksamkeit doch erst
Aufwind etc.
Ungefähr zeitgleich erfuhr ich jedoch, dass das „Antifaschistische Bündnis Dith-
marschen“ regelmäßige Treffen in einem Gemeinderaum abhielt. Ich traf dort auf
eine erstaunliche Mischung von Teilnehmenden: zum einen Altlinke, die sich seit
Jahr und Tag für Frieden und Demokratie einsetzen, zum anderen Jugendliche,
die eher der autonomen Szene zuzurechnen sind und einschlägige Erfahrungen
mit dem Auftreten Rechter vor allem bei Musikveranstaltungen gemacht hatten.
Es war jeweils eine große Ernsthaftigkeit zu spüren, hohe Aufmerksamkeit für
die rechten Tendenzen aus der Mitte der Gesellschaft und der Wunsch, dagegen
anzugehen.Einfach ohne Kolonialismus
37
Die Idee einer Film- und Diskussionsveranstaltung kam auf. Monatelang wur-
de geplant, wobei die verschiedene Herangehensweise der beiden Strömungen
nicht immer hilfreich war: „Flashmob“ oder angemeldete Infotische, öffentlicher
Verteiler oder geheimniskrämerisch verschlüsselte Mailnachrichten? In meiner
Rolle als Pastorin konnte ich in den Fragen nach Finanzierung, Mobilisierung,
Moderation usw. allerhand vermitteln. Mein Versuch, die Gemeinde in den jewei-
ligen Planungsstand einzubinden, hielt auch dort zumindest das Thema wach.
Die Veranstaltung wurde in den verschiedenen Lokalblättchen, im Internet und
im Gemeindebrief angekündigt, was ja für sich schon einen gewissen Aufklä-
rungswert hat.
Am 2. Februar 2013 war es dann soweit: Im Gemeindesaal zeigten wir vor über
achtzig Personen den Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ (2012),
der die unsäglichen Vorfälle in der Rechtsrockszene dokumentiert. Der Freibur-
ger Produzent Peter Ohlendorf war selbst gekommen und wirkte sehr echt in
seinem umfänglichen Engagement. Der Film von 2012 führt schließlich nicht nur
Verharmlosungen der Thematik durch Politik und Polizei vor Augen, sondern
stellt auch Menschen vor, die sich erfolgreich dagegen wehren.
Bis in den späten Abend wurde diskutiert. Es spricht vielleicht für sich (und für
die über die kirchlichen Mauern hinaus gewandte Perspektive der Ökumene!),
dass statt Menschen, die ich unmittelbar zur Gemeinde zählen würde, vorrangig
Schüler, Gewerkschafter und anderweitig Engagierte gekommen waren. Ermu-
tigend war die Veranstaltung in jedem Fall: sei es durch die Fülle an Informati-
onsmaterial, zusammengestellt vom „Antifaschistischen Bündnis“ sowie von ei-
nem alternativen Buchladen, sei es als Forum für Anregungen der Anwesenden
untereinander. So empfand es beispielsweise eine FSJ-lerin, der man bisher vom
investigativen Journalismus als Berufsziel abgeraten hatte, die von Peter Ohlen-
dorf aber große Bestärkung erfuhr. Ich selbst habe nun mehr Vertrauen, dass
sich auch in Heide zumindest im Bedarfsfall (nächste Nazi-Aktion) ein großes
Bündnis für eine Gegenkundgebung u. ä. findet.
Luise Jarck-Albers38
Einfach ohne Kolonialismus
Unser Leben mit dem Glauben
Einfach mit Gott – einfach ohne Gott? So einfach ist es nicht einzuteilen.
M
aria ist Christin, Regina ist Heide. Seit ein paar Jahren sind wir ein Paar.
Was uns unser Glaube je persönlich und in unserer Beziehung bedeutet,
davon wollen wir etwas mit euch teilen.
Wie ist dein Glaube gewachsen?
R egina : Ich habe zum Glauben gefunden durch die Natur und durch die Tiere.
Durch das Vertrauen, das mir entgegen gekommen ist durch die Natur.
Ich bin in der ehemaligen DDR ohne kirchlichen Glauben aufgewachsen und
ohne die Wärme einer Familie. Als Kind war ich viel allein draußen. Von Tieren
und ihrem Zutrauen könnte ich so viele Beispiele erzählen. Tiere spüren, glaube
ich, die Verbundenheit. Ich habe oft im Wald übernachtet und sie haben mir nie
etwas getan. Einmal bin ich morgens aufgewacht und neben mir saß ganz still
ein Hase und hat mich liebevoll angeschaut.
Einer der schönsten Momente in meinem Leben war die Begegnung mit einem
Schäferhund. Ich lebte damals in einem Kinderheim, war ausgerissen und doch
wieder auf dem Weg zurück. Da war dieser Schäferhund, erst ganz weit weg von
mir, näherte sich dann aber immer mehr an. Auch er war wohl ausgerissen, er
hatte ein schreckliches Stachelhalsband um den Hals, von dem er ganz wund
war. Aber mir näherte er sich ganz von selbst, hat sich mir anvertraut – das war
so schön. Er schaute mich ganz traurig an und ich habe ihn kurzerhand von
seinem schlimmen Halsband befreit. Der ganze Hals war sehr verletzt. Er schrie
kurz vor Schmerz, aber dann hat er sich befreit gefühlt. Und er blieb einfach an
meiner Seite ohne Leine, den ganzen Weg lang. Wir waren Weggefährten. So ein
Vertrauen! Im Schmerz haben wir uns gefunden, am Kinderheim angekommen
wurden wir aber wieder schmerzlich getrennt und haben uns nie wieder gese-
hen. Aber dieser Schäferhund hat mir Vertrauen geschenkt und Liebe, das werde
ich nie vergessen.
Bis heute bin ich eng mit der Natur verbunden. Ich kann stundenlang dasitzen
und schauen. Mich in den Kreislauf des Lebens hineinnehmen lassen. Der Mond
hat eine sehr große Anziehungskraft für mich. Wenn Vollmond ist, erlebe ich
eine ganz besondere Verbundenheit, die ich nicht erklären kann. Schon als Kind
habe ich daraus eine Kraft empfangen, die ich nicht beschreiben kann.
Ich bin Heide. Die Natur hat mich gelehrt zu glauben. Immer neu. Das ist sehr
groß. Sie ist mein großer Lehrer. Und die große Kraftquelle. Die Ruhe, die Stille,
das Vielfältige der Natur. Zuzuhören, was sie mir sagt. Daraus schöpfe ich.Einfach ohne Kolonialismus
39
M aria : Auch mich hat mein Glaube seit der Kindheit geprägt. Von heute aus
sehe ich vor allem zwei Einflüsse: Einmal das Land, auf dem ich groß gewor-
den bin; die Weite um unseren Bauernhof herum, die Wälder, Wiesen, Felder,
das Rumstrolchen darin und einfach ein Teil davon sein. Zum anderen meine
Familie, in der ich Wärme und Geborgenheit erlebte und in der der katholisch
geprägte christliche Glaube selbstverständlicher Teil des Lebens war, den ich
sozusagen mit der Muttermilch in mich aufnahm. Getragen sein, auch vom ge-
meinsamen Gebet, mein Leben morgens und abends Gott anvertrauen, nie ohne
das Segenskreuzchen meiner Mutter aus dem Haus gehen; das hat meinen Glau-
ben geprägt.
Immer waren Menschen für meinen Glauben wichtig. Das Gemeinsame mit an-
deren, aber auch die Herausforderung durch sie. Mein Ordenseintritt als junge
Frau war keine Kehrtwende, sondern der organisch gewachsene nächste Schritt.
Hier konnte ich meine tiefe Gottverbundenheit leben und mich mit anderen zu-
sammen für Menschen einsetzen. Aus neuen Begegnungen wuchs mir eine grö-
ßere Sensibilität für die Strukturen der Ungerechtigkeit in unserer Welt zu und
für die Menschen, die Opfer davon werden. Schritt für Schritt erlebte ich mich
hineingerufen ins Loslassen von Vertrautem und in die Suche nach meinem ganz
persönlichen Weg des Glaubens. Der tiefste Kern davon blieb und bleibt fest
und verlässlich, aber Form und Farbe wandeln sich im Gespräch mit dem, was
mich je neu umgibt. Manchmal komme ich mir vor wie die alten Eichen meiner
Heimat: Ihre Wurzeln sind so tief und fest, dass sie keine Angst haben vor Sturm
und Unwetter und mit ihren Ästen weit ausgreifen können. Aus dieser Verwur-
zelung in das unwandelbare und doch immer überraschend mir entgegenkom-
mende Du Gottes lebe ich.
Warum bist du heute entschieden Heide/Christin?
R egina : Ich habe als Jugendliche ein großes Kruzifix um den Hals getragen.
Das bedeutete mir viel. – Einige Male stand ich an der Schwelle zwischen Leben
und Tod und das Leben siegte jedes Mal. Ich habe mich dann gefragt: Was ist
meine Aufgabe? Wozu ist mir das Leben neu aufgegeben? – Mich hat es immer
zu Kirchen hingezogen, schon als Kind in der DDR. Ich liebe Kirchen. Und doch
bin ich irgendwann zu der Erkenntnis gekommen, dass mein Weg nicht ist, mich
an eine konkrete Kirche zu binden, dass mein Leben das eines Heiden ist. Im
Gespräch mit der Natur spüre ich, was richtig und was falsch ist. Es ist eine sehr
starke Verbindung, die mir da geschenkt ist. So was kann man, glaube ich, nicht
machen. Deswegen bin ich Heide geworden und glaube sehr stark.40
Einfach ohne Kolonialismus
M aria : Auch nachdem ich meinem Kinderglauben entwachsen bin und nach
vielen Jahren sogar meine Ordensgemeinschaft wieder verlassen habe, bin und
bleibe ich sehr bewusst Christin. Ich erlebe das göttliche Du im Gebet wie
im alltäglichen Leben als persönliches Gegenüber, das mich liebt und auch
herausfordert, das sich für das Leben der Menschen interessiert, mit dem ich
in Beziehung treten kann. Im christlichen Glauben entdecke ich den meinen
wieder und finde in den Jesus-Erzählungen Ermutigung und Herausforderung.
Und vor allem gehört zu meinem Glauben unabdingbar die Glaubensgemein-
schaft, im Austausch, im Gebet, in gemeinsamer Aktion. Der sonntägliche Got-
tesdienst mit seinen vertrauten Riten hat da etwas von einem Basislager, das
eine wichtige Auftankstation ist, wo aber nicht das eigentlich Entscheidende
des Lebens seinen Ort hat.
Wir leben als Paar zusammen. Was löst mein Glaube bei dir aus, wie beschenkt,
bereichert, fordert er dich heraus?
R egina : Als du in mein Leben getreten bist, ist erst bei mir Manches in Frage
gestellt worden. Ich habe dich auf der Suche erlebt und war selbst suchend. Ich
habe dir die Orte gezeigt, wo ich meinen Glauben gefunden habe, und ich bin
mit dir mitgegangen. Es war verwirrend am Anfang. Zum Beispiel, als ich die
ersten Male mit dir in die Kirche gegangen bin. Manchmal fühlte ich mich fast
ohnmächtig, zitternd: sitzen, stehen, die vielen Worte. Da meldeten sich Zweifel
in mir. Ich bin deinen Weg mitgegangen, wollte zugleich meinen eigenen Weg
weiter gehen, mich nicht beirren lassen. Aber ich habe wieder zu mir zurück-
gefunden. Der Rhythmus mit festgelegten Gottesdienstzeiten passt nicht zu mir.
Für meinen Glauben gibt es nichts Vorgeschriebenes, er ist ein Einschwingen in
den Rhythmus der Natur. Kirchen liebe ich, aber es ist für mich etwas Besonde-
res hinzugehen und dann findet eine unerklärliche Begegnung statt. Es lädt mich
ein und dann bin ich bereit zu kommen. Dann ist es wahrhaftig, dann gehe ich
und bete wirklich, dann bin ich da und begegne dem Wahrhaftigen.
M aria : Für mich wurde in der ersten Zeit dein Glaube nicht so sehr zur Anfrage,
sondern bewirkte eher eine große Neuentdeckung meines eigenen Glaubens. Im
Gespräch mit dir musste ich eine neue Sprache suchen für das, was mir wichtig
ist, weil du ja die kirchliche „Insidersprache“ nicht kanntest. Das hat mir in Vie-
lem selbst mehr Klarheit geschenkt. Wenn wir zusammen in den Gottesdienst
gehen, erlebe ich manchmal eine eigene Distanz zu meiner Kirche, weil mir das,
was ich dann auch mit deinen Ohren höre, unverständlich und nicht einladend
erscheint. Und dann fasziniert mich oft hinterher, dass du kaum die Worte ge-Einfach ohne Kolonialismus
41
hört hast, sondern in deiner ganz eigenen Weise den Kirchenraum und die Atmo-
sphäre gespürt hast. Das erweitert dann auch meine Wahrnehmung.
R egina und M aria : Was uns beide prägt, ist eine große Achtung vor dem Glau-
ben der je anderen und der Respekt vor den Räumen, die es braucht ihn zu leben.
Und was uns verbindet, ist eine Hochachtung vor jedem Geschöpf dieser Erde,
vor jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze in ihrer unverwechselbaren Art.
Wir gehen einen spannenden und wunderschönen Glaubensweg miteinander
und mit dem/der Dritten in unserem Beziehungsdreieck – und der ist noch lange
nicht zu Ende.
Regina Eggert und Maria Jans-Wenstrup
DIE KIRCHE VERWIRFT JEDE DISKRIMINIERUNG
EINES MENSCHEN UND JEDEN GEWALTAKT GEGEN IHN
UM SEINER RASSE ODER FARBE,
SEINES STANDES ODER SEINER RELIGION WILLEN,
WEIL DIES DEM GEIST CHRISTI WIDERSPRICHT.
II. Vatikanisches Konzil – Nostra aetate Art. 5, 1965
Genauso widerspricht die Diskriminierung aufgrund
der Liebe zu einem anderen Menschen dem Geist Christi.42
Einfach ohne Kolonialismus
Zum Wort „Flüchtlinge“
S
eit 2012 bis heute 26.06.2015 gab es mehrere Gerichtsverfahren zur „Mahn-
wache vor dem Abschiebegefängnis im Flughafengelände Schönefeld“. Die
Mahnwache wurde damals dort abgewiesen und war Anlass, dies vom Obersten
Gerichtshof prüfen zu lassen. Ermutigende Botschaft heute: „Der Bundesgerichts-
hof hat am 26.6.2015 entschieden:
Eine Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis, neben dem Flugfeld in Berlin-
Schönefeld ist möglich. http://flughafenverfahren.wordpress.com/
Angesichts der mehr als 60 Millionen Menschen, die auf der Flucht sind vor Ge-
walt, Armut, Krieg, Katastrophen und Vertreibung, ist dieser Erfolg der Organi-
sation „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ und vieler ihrer Mitstreiter um und mit
P. Christian Herwartz SJ nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nein, diese
Bundesgerichtshofentscheidung stimmt zur Mitfreude und schenkt uns und vie-
len Mitstreitern Mut und Hoffnung!
Mit dem Wort „Flücht l i n g e“ tue ich mich persönlich schwer. Es hat etwas Be-
schwichtigendes an sich, dieses …l i n g e. Ein hier fliehen – flüchten Menschen
vor Terror, Krieg, Gewalt und Macht.
Im Gespräch mit den hier ankommenden Menschen, berichten sie mir von ihren
Wünschen und Sehnsüchten, und meist haben sie drei besondere Anliegen:
1. …endlich Ruhe zu finden vor Krieg, Waffengewalt, Vergewaltigung, Bomben-
lärm und -bedrohung…
2. …neue Perspektiven zu finden für die Familie, sich selber, besonders wieder
gesund zu werden…
3. …die Erfüllung ihrer Sehnsucht, irgendwann wieder in ihre angestammte Hei-
mat in Frieden zurückkehren zu dürfen…
Unter uns leben viele Zeitgenossen, die in langen, bangen Kriegsjahren bis
1945/46 und darüber hinaus in einer fremden Gegend leben mussten. Auch sie
waren geflüchtet, verschleppt, abtransportiert gegen ihren Willen… So ferne
kann dieses Erinnern nicht zurück liegen, als dass wir es vergessen könnten.
Auch damals haben wir Aufnahme und Unterstützung in uns fremder Umge-
bung und von uns fremden Menschen, erfahren dürfen. Dieses dankbare Erin-
nern daran ist wichtig und dringend nötig, bei uns selber, uns als Christen, in
der Politik, in den Kirchen, den Familien und in den Schulen.
Menschen, die zu uns finden, sind nicht „die Anderen“, nein, die große Mensch-
heitsfamilie sind WIR‚ und dies gilt für ALLE :
„Die Menschenwürde ist unantastbar“! – BGB Artikel 1 Abs.1
Elisabeth WackersEinfach ohne
43
Einfach ohne
Genug „Jein“ gesagt
Mehr Mut zum einfachen Ja und Nein
A
nstoß für meinen Beitrag ist eine Predigt von Leh, die zum klaren Nein-
und Ja-Sagen ermutigt hat: „SAGT EINFACH JA ODER NEIN, WAS DARÜBER
HINAUSGEHT, DAS IST VON ÜBEL“ Mt 5,37. Ich möchte das nutzen, um über
meine Zeit als Jesuit European Volunteer in Berlin vor 15 Jahren nachzudenken.
Direkt nach der Schulzeit habe ich damals mit Alex, Hedwig und Johanna ein
Jahr Gemeinschaft in Berlin gelebt. Ein Jahr mit den Grundlinien: Leben in Ge-
meinschaft, Einsatz für Gerechtigkeit, gelebter Glaube und einfacher Lebensstil.
Christian und Ruth hatten uns dabei begleitet. Die Begegnungen in der Naunyn-
straße mit Franz und den vielen anderen Mitbewohnern sind mir neben den
eben aufgezählten Menschen wichtig geworden.
Vielleicht ist das hier auch eine Art Glaubensbekenntnis. Früher war meine
Reaktion auf Bekenntnisse dieser Art oftmals „Jein“, oder „sowohl als auch“. Ich44
Einfach ohne
fühle mich oft Simon Petrus nah in der Geschichte, in der er nach Jesu Verur-
teilung gefragt wird, ob er diesen Jesus aus Nazareth kenne. Wie oft habe ich
mich schon zu etwas bekannt (einem Ideal, einer Freundschaft, einem Vorhaben
usw.), um es dann im nächsten Augenblick zu verwerfen, nicht mehr zu ken-
nen, bzw. zu verneinen. Im Nachhinein merke ich dann immer wieder, wie viel
Überheblichkeit da drin steckt und wie mir die Kraft gefehlt hat. Dann, wenn
man zu einer Sache wirklich Ja sagt, ist das ein automatisches Nein zu anderen
Dingen.
In der Kneipe vor ein paar Monaten ist mir mit Alex in einem intensiven Ge-
spräch über Glauben und Politik klar geworden, dass schon während des JEV-
Jahres vieles klar wurde, wozu wir oder ich Nein sagen wollten: Nein zu einer
Kirche, der Menschen weniger wichtig zu sein scheinen als ihre Besitztümer.
Nein zu einer Sexualmoral, die doppeldeutiger nicht sein kann und die verhin-
dert, für mich und meine Mitmenschen sensibel zu werden. Nein zu Drogen und
Betäubung, die mir den Verstand vernebeln und dadurch meine Jein-Sagerei ver-
stärken. Nein zu Zwang und Dogma und Nein zu Gottesdienst, der sich hinter
Mauern, Formeln und Verklausulierungen versteckt.
Viel von diesem Nein bezieht sich auf eine Kirche, die keine Antworten auf mei-
ne Fragen, Zweifel und Bedürfnisse zu haben scheint. Auf der einen Seite steht
die Sehnsucht nach Geborgenheit, Versöhnung und vermehrt auch nach der so
wichtigen Auseinandersetzung und der Wunsch nach Spiritualität, aus der ich
Zuversicht und Hoffnung schöpfe. Aber diese Seite zu erkennen – also das Ja
sagen war oft schwieriger für mich, und ist es auch immer noch, als das Nein zu
formulieren. Zu was kann ich aus ganzem Herzen Ja sagen?
Mittlerweile kann ich ein Ja bekennen zur Liebe, die sich für mich gerade auch
im Wahrnehmen und Ausdrücken körperlicher Zärtlichkeit zu mir und anderen
zeigt. Ein Ja zum Schwachen und Unperfekten, ein Ja zum Scheitern.
Mich beeindruckt ein Ja von Freunden zu ihrem Kind, das von Fachärzten als
nicht lebenswert bezeichnet wurde und doch ins Leben gefunden hat.
Ein Ja zur Beziehung zu meiner Freundin Antje, mit all den Freuden genauso wie
den Mühen und Streitereien, die wir bisweilen haben.
Und ein Ja zu unserem gemeinsamen Sohn, der unser Leben so erfüllt macht. Ein
Ja, in das ich in der Zeit bis zur Geburt auch erst mit „Schmerzen“ reingewach-
sen bin. Ein Ja zum Leben, das oft so wenig durchschaubar und planbar ist, aber
(gerade deswegen) so viel Reichtum in sich birgt.
So merke ich, es braucht immer wieder Mut und auch Zeit für ein klares Ja und
Nein. Also aus der Vergangenheit, in der Gegenwart, Richtung Zukunft immer
öfter: Einfach Ohne Jein
Tobias Geßner45
Einfach ohne
Einfach ohne
Was eine Kombination !

Z.B. 1 :
einfach S E I N – ohne H A B E N
Spinner ! , höre ich sie sagen, träum weiter!

Z.B. 3 :
einfach L I E B E N – ohne L i e b mich doch a u c h
Du bist doch total verrückt.
Stimmt, sage ich; und jetzt?

Z.B. 4 :
einfach N E H M E N – ohne S C H A M
Glaubst Du, Du bist allein auf der Welt?
Nein, sage ich, wir sind All – ein:
Willkommen im Club der Armen!

Z.B. 5 :
einfach S E H E N – ohne A B S E H E N
denn :
jeder Ab-sicht geht die Sicht ab.
Die Ab-sichts-losigkeit hat die goldene Perle.
Der liebe Gott lässt sich nicht bescheißen.
Michael Peck
Z.B. 2 :
einfach F R A G E N – ohne A N T W O R T
Wer hält das aus?
Da wirst Du doch im Sehnen krank, bis zum Zerbersten!46
Einfach ohne
Einfach leben ohne Kinder als Paar
A
ndreas : In jenen Jahren sind wir schon mehrfach umgezogen und hatten
immer ein Zimmer als Kinderzimmer vorgesehen. Doch stets blieb es das
Klavierzimmer, das Gästezimmer oder die Rumpelkammer. Zum Kinderzimmer
ist es nie geworden. Nach dem Hausbau mit zwei Kinderzimmern bekamen wir
es dann von Ärzten schriftlich, dass eine Schwangerschaft denkbar unwahr-
scheinlich sei. Das neue Haus, über das wir uns so gefreut hatten, erschien uns
auf einmal ohne Kinder, nur für zwei Erwachsene, viel zu groß. Viel später gin-
gen wir zu „Exerzitien auf der Straße“ in Berlin-Kreuzberg vom 17. bis 26. Juli
2009 in einer Unterbringung in schlichter Einfachheit.
K athrin : Trauer, Wut, Enttäuschung, mit diesen Gefühlen bin ich in Berlin in
den ersten Tagen auf die Straße gegangen. Mein ganzes Leben bisher hatte ich
mich von Gott getragen gefühlt, seinen Segen erlebt, und jetzt sollte mir mein
sehnlichster Wunsch versagt bleiben? Wie konnte Gott das zulassen?
So sehr wünschten wir uns Kinder zu bekommen, dass ich mich, nachdem die
Ärzte uns die Hoffnung genommen hatten, von Gott verlassen fühlte. Auch Angst
hatte ich: Wie geht es Andreas damit? Hält unsere Beziehung das aus?
Trotzdem bin ich losgegangen, auf der Suche nach einer Antwort. Bin wie blind
losgelaufen, immer weiter, ohne wirklich zu sehen. Und dann irgendwann vor ei-
nem Spielplatz stehengeblieben. Habe mich dort auf eine Bank mitten im Trubel
hingesetzt. Lauter glückliche Familien – und ich war grün vor Neid!
Zwei Tage, drei Tage, immer das gleiche: Berlin schien nur aus Spielplätzen zu
bestehen, einer nach dem anderen.
A ndreas : Mir fiel der Abschied von Kindern schwer, wo ich doch die prinzipielle
Möglichkeit gehabt hätte. Fast schon mythische Vorstellungen, was man über die
Gene leiblichen Kindern weitergibt, mischten sich dabei mit Ängsten, diese Ent-
scheidung einmal zu bereuen, etwa wenn sich Kathrin von mir trennen würde
und ich dann zu alt für Kinder wäre. Bei den 10-tägigen Straßenexerzitien, den
ersten, die überhaupt für Paare angeboten wurden, zog jeder von uns schweig-
sam alleine los. Erst am Dienstag in der Mitte der Exerzitien nahmen wir uns
mit zu den Orten, die uns wichtig geworden waren und erst nach einem halben
Tag gemeinsamen Gehens konnten wir über Ängste und Traurigkeit, Hoffnungen
und Perspektiven sprechen.
K athrin : Dann bin ich mit Andreas zusammen losgegangen. Endlich langsamer,
in Ruhe. In einem Park haben wir eine Bank gefunden und geredet. Und ichEinfach ohne
47
habe gemerkt, wie froh ich um unsere Liebe bin, darüber, dass Andreas zu mir
hält. Mit ihm die Trauer geteilt und die Enttäuschung. Mit ihm zusammen habe
ich auch auf die Zukunft schauen können, wir haben unterschiedliche Lebens-
entwürfe durchgesprochen, geschaut, was alles geht. Adoption, uns für andere
Familien engagieren, eine Zeitlang ins Ausland gehen…
A ndreas : In mitten der Trauer war in mir während der Straßenexerzitien
jedoch die Perspektive gewachsen: Wir müssen unsere Berufung in den Kon-
texten und Lebensumständen finden, die da sind, nicht in einem wie auch im-
mer bestimmten „Normallebenslauf“. Ich überlegte, ob eine Adoption in Fra-
ge käme, gerne Geschwister. Oder die Aufnahme einer Flüchtlingsfamilie im
Anerkennungsverfahren in unseren freien Zimmern, um sie willkommen zu
heißen und Eltern und Kindern eine enge Flüchtlingsunterkunft zu ersparen.
Oder ob wir uns als Paten in der Hausaufgabenbetreuung für Kinder einsetzen,
die sich damit schwer tun. Und in jeder dieser Optionen sind wir nicht einfach
altruistisch gewesen, sondern stets unserem Wunsch nach einem Leben mit
Kindern und dem Wunsch nach einer elternähnlichen Rolle gefolgt. Ich war
froh und erleichtert, als Kathrin diese Möglichkeiten auch gut hieß und nicht
am Unmöglichen krampfhaft festklammerte. Immerhin waren wir schon ei-
nige Jahre diesen Weg zu leiblichen Kindern gegangen und standen nun am
Abhang, wo dieser Weg nicht weiterführte.
K athrin : In den nächsten Tagen war es leichter für mich, auch anderes wahr-
zunehmen, ich fühlte mich nicht mehr so gefangen in meiner Trauer. Und ob-
wohl jeder von uns wieder alleine losgegangen ist, sind wir uns unterwegs
begegnet. Einmal im Park vor St. Michael. Und Andreas hat mich daran erin-
nert, dass er bei seinen letzten Exerzitien schon darum gebetet hatte, dass wir
Kinder bekommen, und gehört hatte: „Wartet noch zwei Jahre, dann sieht alles
anders aus.“
A ndreas : In der Runde am Samstag, wo sich die beiden Exerzitantengruppen
gegenseitig von ihren Gotteserfahrungen erzählten, sprachen Kathrin und ich
zum ersten Mal außerhalb der engsten Familie über unsere Situation. Eine Rück-
meldung ist mir bis heute bedeutsam geblieben: Eine Teilnehmerin, eine selbst-
bewusste, sympathische Frau um die 40 Jahre, berichtete, dass auch sie sich
Kinder wünschen würde, aber noch nicht einmal einen Partner hätte und bei
uns das besondere Geschenk sähe, dass wir uns als Paar zugetan seien. Tatsäch-
lich hatten wir in der Fixierung auf unseren Schmerz der Kinderlosigkeit dieses
Geschenk aus den Augen verloren.48
Einfach ohne
K athrin : Und ich konnte auf Gottes Zusage an Andreas vertrauen. Er hatte eine
Verheißung für uns beide gehört, auch für mich. Und über mein Vertrauen in
Andreas konnte ich mein Vertrauen in Gott wiederfinden.
Nach der Rückkehr in den Alltag gab es mir immer noch einen Stich, wenn ich
Frauen mit Kinderwagen begegnete, es war immer noch schwierig sich mitzu-
freuen, wenn Freundinnen mir mitteilten, sie seien schwanger – aber das Ver-
trauen in Gottes Zusage blieb. Ich fühlte mich nicht mehr alleine.
Und heute: Tobias ist vier Jahre alt und hat seit 9 Monaten mit Rafael den Bruder,
den er sich so wünschte; unser Leben ist auf den Kopf gestellt und manchmal
enorm anstrengend! Aber die beiden schenken uns so viele tolle Glücksmomen-
te. Zwei echte Gottesgeschenke eben.
A ndreas : Das Adoptionsverfahren haben wir nach den Straßenexerzitien be-
gonnen, ich zumindest ohne wirklich innerlich reif dafür zu sein. Es sollte ja
ohnehin eine Weile dauern, bis alle Prüfungen und Klärungen erfolgt wären und
noch länger bis – falls überhaupt jemals – ein Kind adoptiert werden könnte.
Überraschend schnell und knapp zwei Monate über den im Gebet gehörten zwei
Jahren hinaus („Gib Euch ruhig noch 2 Jahre, dann werdet Ihr Kinder haben oder
andere Lebensformen finden“, Tagebucheintrag am 1. August 2008 auf meinen
Straßenexerzitien in Duisburg), zog am 27. September 2010 Tobias bei uns ein.
Und wie es ein Kind nur sein kann, ist er heute unser eigenes Kind, nicht nur
unseres, aber ganz und gar unseres: „Was für einen wunderbaren Sohn wir doch
bekommen haben!“ Und seit dem 11. Juni 2014 wohnt und lebt auch Rafael mit
uns. Als Tobias die Neuigkeit erfuhr, drehte er sich im Garten zu seinen besten
Freunden und Nachbarskindern mit insgesamt vier Geschwistern mit dem Satz
um: „Ätsch, ich bekomme ein Brüderchen!“ Wie das manchmal auf dem Weg mit
Gott ist: Am Ende ist man überreich beschenkt, nur nicht immer so, wie anfangs
erwartet. Und es ist gut, in den Exerzitien für die vielen Geschenke die Augen
geöffnet bekommen zu haben, denn manchmal übersieht man mit Tränen in den
Augen das Gute im Leben, weil man nicht die Einfachheit und nicht den Mut hat,
es zu glauben.
Kathrin und Andreas FischEinfach ohne
49
Mehr ohne
M
anchmal wünsche ich mir mein leben ohne termine
und mit mehr freiräumen, begegnungen, muse
manchmal wünsche ich mir mein leben ohne geld
und mit mehr vertrauen auf das was kommen mag
manchmal wünsche ich mir mein leben ohne hetze
und mehr mut zur langsamkeit und entschleunigung
ohne streit und krieg
mehr versöhnung und vergebung
ohne egoismus
mehr mitgefühl
ohne gedankenlosigkeit
mehr achtsamkeit
ohne oberflächlichkeit
mehr ehrlichkeit
ohne lüge
mehr wahrhaftigkeit
Herr, wann werde ich den mut haben
mein leben in deinem mehr zu finden

Patrick Jutz
Jesuiten ohne Naunyn – Naunyn ohne Jesuiten
E
s war im Jahre 2007 als ich zum allerersten Mal zu Straßenexerzitien unter-
wegs war. Dies war in Berlin, für mich damals eine fremde Stadt, aber sehr
interessant und spannend. Wir waren in Kreuzberg, in der Obdachlosenunter-
kunft von St. Michael, im Keller die Matrazenlager, eine Dusche im OG für alle,
einfache Verhältnisse. War ich bei der Ankunft noch etwas erschrocken über
diese Zustände, lernte ich in dieser Woche doch wie wichtig dies für mich war.
Ohne diese Einfachheit hätte ich mich wohl nicht so verändert. Ohne das Weglas-
sen der vielen Ablenkungen und Verführungen des Alltags hätte ich die so viel
wichtigeren Dinge des Lebens nicht wiederentdeckt.
An einem Tag dieser Woche besuchte ich die Naunyn-WG und hörte bei einer Tas-
se Tee, wie einfach hier so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft zusam-
menleben. Ich besuchte die Menschen der Naunyn später mit meiner Familie,
weil mich dieser Ort verändert hatte und mich dieses Wohnmodell so faszinierte.
Ich war auch Gast wenn ich in Berlin Straßenexerzitien begleitete, und ich lebte50
Einfach ohne
mal zehn Tage dort für persönliche Exerzitien. Das Wohnen in dieser WG war
mir sehr wertvoll für meine Straßenexerzitien, die dort lebenden Menschen ha-
ben mir geholfen, mich und meine Lebenswelt zu erkennen. Es entstand in mir
ein Gefühl der Heimat dort, da ich öfters wieder Menschen traf, die ich schon
kannte und mit denen ich Erinnerungen verband. Aber immer waren auch Men-
schen dort, die ich noch nicht kannte, weil sie erst nach meinem letzten Besuch
gekommen waren. Für mich war die Wohngemeinschaft der Naunyn stets stark
getragen von den drei Jesuiten, die dort mitwohnten, Franz und zwei Christians.
Klar gab es auch Andere, die viel für dieses Wohnprojekt taten, aber diese drei
Jesuiten waren das Rückgrat.
Als ich von der Entscheidung des Provinzials hörte, dass keine neuen Jesuiten
mehr in die Naunyn nachziehen werden, war ich erstmal erschrocken, erst im
zweiten Moment konnte ich verstehen, dass Mitglieder der Jesuiten sich eine
Naunyn-Nachfolge nicht vorstellen konnten. Man kann fragen, warum die Je-
suiten als Gemeinschaft dieses Wohn-/Sozial-/Exerzitienprojekt in Kreuzberg,
welches in ganz Deutschland bekannt ist, nicht weiter mittragen wollten. Mit der
Zeit wurde mir klar, dass es einem Mann viel abverlangt, mit 7 anderen Män-
nern in einem Raum zu schlafen und keinen privaten Bereich zu haben und sich
ständig auf fremde Menschen einstellen zu müssen. Christian kann das – und
dafür bewundere ich ihn – aber viele, wie auch ich, trauen sich das nicht zu –
jedenfalls nicht dauerhaft. Beim Schreiben dieses Textes fiel mir ein Zitat von P.
Arrupe ein: „Alle Jesuiten müssen für die Armen arbeiten. Viele Jesuiten müssen
mit den Armen arbeiten. Wenige Jesuiten (von Gott berufen und aus Gehorsam)
müssen wie die Armen leben.“
Es wird also bald eine Naunyn ohne die Jesuiten geben. Es stellen sich spannen-
de Fragen. Welche Gewohnheiten können einfach so weiterlaufen, ohne dass sie
von den WG-Bewohnern hinterfragt werden? Welche Menschen der WG werden
die Verantwortung für diese übernehmen? Was muss getan werden, damit die-
se WG weiterlebt, auch ohne Jesuiten? Wieviel Gleichheit ist möglich, wieviel
Leitung ist nötig? Kann ein Unterstützerkreis von Menschen, die nicht in der
Naunyn wohnen, diese WG begleiten und unterstützen? Aber ich bin sicher das
wird gut weitergehen und ich freue mich auf das Fest 2016.
Ich danke allen, die mich in der Naunyn willkommen hießen und mich als Gast
beherbergt haben. Es waren prägende, beindruckende und schöne Zeiten und ich
werde sie nicht vergessen. Ich wünsche allen, die weiter und neu in dieser WG
leben eine gute Gemeinschaft und Gottes reichen Segen. Den zwei Christians
wünsche ich einen guten Umzug, gute Weggefährten am neuen Ort und einen
segensreichen Lebensabend: „Ihr habt alle reichlich gesät! – Herzlichen Dank.“
Patrick Jutz, EttlingenEinfach ohne
51
Ohne schlechte Gedanken
G
estern bekam ich die Geburtsanzeige von Luisa Padma, und in mir erwachte
die tiefe Freude, Ruhe und Zufriedenheit: klein, winzig, zerbrechlich und
zugleich voller Lebensenergie und Vertrauen.
Da wurde mir klar, dass dies das richtige Bild im Rückblick auf meine Exerzitien
auf der Straße in Berlin ist. Das kleine Kind als Sinnbild einer neuen Schöpfung,
die in Jesus Wirklichkeit als Retter und Heiland wurde. Licht – Liebe – Leben
– so steht es treffend auf dem Bild der Madonna von Stalingrad, die ich in Ber-
lin wiederentdeckt habe. Ein Bild der Zuversicht, das inmitten des Kessels von
Stalingrad 1942, inmitten der Nacht voller Angst, Hunger, Folter und Tod zum
Weihnachtsfest gemalt wurde, um Menschen Halt und Hoffnung und Vertrauen
zu geben.
Ich blicke wie in einen Spiegel und sehe die Spanne des Lebens zwischen „dem
Guten, das ich tun will, und dem Bösen, das ich tue“, wie Paulus es ausdrückt.
Dieser Sog zum Negativen, Destruktiven haftet dem Menschen an seit dem Sün-
denfall (Gen 2), der freien Entscheidung gegen Gott. Jesus sagt bei Markus 7,16:
„Nicht, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen,
sondern, was aus ihm herauskommt, das macht ihn unrein.“ Dagegen hilft nicht
die Ja-Aber-Taktik, die alle Optionen offenhält, sondern die klare Entscheidung
für den liebenden Gott, Jahwe, der für uns da ist. Dabei bleibt es eine lebenslange
Herausforderung, die Quellen des Guten, Heilen und Heilenden, die Wasser des
Lebens in mir zu suchen und lebendig zu halten. Die Exerzitien auf der Straße
haben dafür meine Sensibilität erweitert:
– mich selbst gut zu sehen,
– den Menschen, der mir begegnet, mit innerer Aufmerksamkeit und wohlwol-
lendem, liebevollem Blick wahrzunehmen
In Momenten der Stille und Achtsamkeit, in denen ich dem Quell des Lebens
Raum gebe, sinne ich darüber nach, wie mein Leben sich anfühlt, wenn es ein
Leben wäre
– ohne Eifersucht
– ohne Machtanspruch
– ohne Neid und Gier
– ohne Isolation und Angst
– ohne Versteckspiel
– ohne Verletzlichkeiten und Misstrauen
– ohne Spott und Auslachen
– ohne Sicherheitsabstand
– ohne Aggressivität52
Einfach ohne
Wenn ich das Negative verbanne, füllt sich die entstandene Leere mit neuen
Wirklichkeiten. Es kann ein Gefühl wie neugeboren zu sein, eine „neue Schöp-
fung“. Das Lebensgefühl verändert sich: Das Leben vor Gott ist ein Leben gefüllt
mit Liebe








voll Vertrauen in meine eigenen guten Kräfte
voll positiver Gedanken für den anderen
voll Freude an der Verschiedenheit
voll Zutrauen in die gute Motivation
voll Demut im Urteilen
voll Solidarität und Erbarmen
voll Mut und Zärtlichkeit im Handeln
voll Energie zu Versöhnung und Frieden
Seit einiger Zeit beflügelt mich der Kanon „Du bist heilig, du bringst Heil, bist die
Fülle, wir ein Teil…“ Ein Lied der Hoffnung, das mich im Auf und Ab des Alltags,
in guten und in schlechten Stunden, bei Frust und Stress spüren lässt, wo meine
Sehnsucht verankert ist, entschieden für und somit gebunden an den guten Gott,
der an mich glaubt und mir vertraut.
Ich bin tief überzeugt, dass das Leben „Ohne“ sich zu einem Leben „MIT“ wandelt
durch

Seine Lebensenergie und Lebenszusage für mich und

meine Lebenszusage und Lebensenergie für Ihn.
Anne Lonsdorfer
Einfach ohne Gott
E
s geschah mitten am Tag. Mitten im Tiergarten. Berlin erlebte einen Orkanaus-
läufer. Ein grandioses Schauspiel. Wolkenbänder in Endlosmetamorphose.
Manchmal brach die Sonne durch. Hagelklatschen. Schneegeschmeichel.
Mein Sohn schlief. Seit zwei Stunden schon. Freie Zeit. Für mich und die Gedan-
ken. Da sackte der Smartphoneakku weg. Mitten am Tag. Mitten im Tiergarten.
Berlin erlebte einen Orkanausläufer.
Die schönsten Bildmotive: Verschenkt. Aus Facebook. Rausgerissen. E-Mail-
Abgleich: unterbrochen. Telefonweiterleitung: auf der Mailbox geparkt. Das per-
sönliche Ende der Netzwerkgesellschaft. Plötzlich. Unerwartet war ich raus aus
meinem Leben. Unerreichbar für die Anderen. Unfähig, sie zu erreichen. Der
Universalschlüssel mit Streicheldisplay lag tot in meiner Hand.Einfach ohne
53
Ich setzte mich auf eine Bank. Den Kinderwagen parkte ich neben mir. Mein
Sohn schlief immer noch. Zum Glück. Äste knackten. Der Wind rauschte. Ein
fantastischer Tag. Schade, dass jede Impression nun nicht mehr geteilt werden
konnte. Jedes Sonnenblitzen, jedes Windspiel. Ein gigantisches Schauspiel nur
für mich. Für Sekunden. Bruchteile. Nichts konnte ich mehr festhalten. Ich war
raus und doch auf einmal drin. Direktkontakt. Das Ende von Homo Faber. Ein
Neuanfang.
Erst Tags zuvor hatte ich einen neuen Holbein angefangen: „Ich ging ohne mich
zu Gott. Lebensbilder komischer Derwische.“ Gott finden. Das wollte ich, seitdem
ich moderner Wissenschaft lauschte und von seinem Tod erfuhr. Dass mich diese
Suche so einiges kosten würde, ahnte ich zu spät. Vieles verlor seinen Reiz, seine
Wichtigkeit. Gesellige Abende, wichtige Projektjobs, systemische Auszeichnun-
gen. „Einfach ohne“ war lange das Ticket meiner Reise. Leider auch ohne Rast
und ohne Ziel. Irgendwann verzweifelte ich an diesem „ohne“. Ich war mitten im
Leben, hatte Familie, Aufträge: volle Hände, volle E-Mail-Fächer, massenhaft Fra-
gen. Die Beschäftigung mit dem „einfach ohne“ kontrastierte mit meinem Leben.
Gewaltig. Ich ließ los und lebte doch in mitten der Dinge weiter und sie wollten
erkannt werden. Richtig.
Sich suchen, Gott suchen, Sinn suchen, Geld suchen, Kunden suchen, Liebe su-
chen: Das war irgendwann zuviel suchen. Ich hatte keine Lust mehr auf die Su-
che. Auch nicht mehr auf den suchenden Sven. Da fiel mir Holbein in die Hände.
Wie wäre es, einfach ohne mich? Ohne den alten Sven?
Einen Tag später tobt ein Orkan über Berlin. Kurz bevor mein Smartphoneakku
den Geist aufgab, hatte ich einen kurzen Chat mit einem befreundeten Berater-
kollegen. Er berichtete von einer Tagung in einer Kirche zum Thema „Modernes
Leben, Start Ups und Kirchen“. Mit der Kirche stand er auf Kriegsfuss. Er war ein
begnadeter Social Entrepeneur. Die Veranstaltung hatte ihm gefallen. Überra-
schung. Er überlegte sogar, den Kontakt zu den Veranstaltern zu halten. „Kirche
ist gar nicht so schlimm. Hat sich viel getan. Vielleicht wäre sie mit weniger Gott
noch besser.“ Da brach der Kontakt ab. Einfach ohne mich. Einfach ohne Gott?
Unter den Bäumen im Tiergarten spielte das alles auf einmal keine Rolle mehr.
Irgendwie sackte etwas in mir tiefer. Ich fand Grund. Mitten im Orkan. Tiefe
Ruhe. Eine wunderbare Lebendigkeit durchflutete mich. Kein Ich. Kein Gott. Kei-
ne Worte. Sondern lebendiger Frieden. Ich stand auf. Mein Sohn blinzelte. Wir
gingen weiter. Einfach ohne „einfach ohne“. Sondern mit „allem, was ist“. Akku
sei Dank.
Sven Schlebes54
Einfach ohne
Einfach ohne … Schwimmring
M
ulmig war mir schon zumute, als ich am „Kotti“ aus der U-Bahn ausstieg
und mich umsah. Selbst mit einigen Jahren Großstadterfahrung fühlte
ich mich recht verloren, ziemlich landeiig, und nun war ich auf dem Weg zur
Naunynstraße. Dem Wohnort von Christian, der WG, der Kommunität oder was
immer mich da erwarten mochte. Die Beschreibung „ist genau neben dem ‚Tor
zur Hölle‘“ machte die Sache auch nicht besser.
Während ich noch überlegte wo lang, wurde ich angesprochen. Und ausgerech-
net nach dem Weg gefragt. Mein Gegenüber sah weder sonderlich vertrauens-
erweckend aus, noch hatte ich einen Plan. Bzw., den hatte ich schon, aber gut
verwahrt im Rucksack. Sollte ich ihn wirklich rauskramen, Straßen suchen, Weg
erklären? Vielleicht war mein Fragesteller ja viel mehr an meinem Portemonnaie
als an der Wegführung interessiert? Mit einem resignierten innerlichen Seufzer
gab ich nach. Immerhin war ich auf dem Weg zu Straßenexerzitien – und geht es
da nicht gerade um den Moment der überraschenden Begegnung?
Zu meinem leichten Verwundern erwies sich die Rucksackbekanntschaft als
überaus unterhaltsam, und während ich meine Siebensachen wieder verwahrte,
wurde ich erneut angesprochen: „Wo willst du denn hin?“ Helga, Rollstuhlfah-
rerin, blickte mich abwartend an. Nun, wenn ich schon dabei war, konnte ich ja
bei der Wahrheit bleiben. Zur Naunystr. 60. „Ach, zum Christian. Ich bring dich
hin.“ Völlig selbstverständlich bekam ich Geleitschutz und eine erste Idee, wie
die nächsten Tage „auf der Straße“ wohl aussehen konnten.
Heute, zwei Jahre später, sind neben Erinnerungen auch Veränderungen geblie-
ben. Manches steht in einem neuen Zusammenhang. Josua 3, z.B. Ein Bibeltext,
der den Einzug des Volkes Israel in das „gelobte Land“ beschreibt. Nach dem Aus-
zug aus der Sklaverei, der Durchquerung von Meer und Wüste, schien das Ver-
heißene so nah. Wenn da nur nicht der Jordan wäre. Der zu allem Überfluss auch
noch alle Ufer überschwemmte. Was mag man da fühlen, als Generation, die in
der Wüste aufwuchs und Wasser eher in homöopathischen Maßen kannte?
Und dann die interessante Ansage Gottes: Die Priester sollen die Bundeslade
(das Zeichen der Präsenz Gottes) nehmen, sich damit in den Jordan stellen und
erleben, wie sich – bei jedem Schritt – das Wasser teilt. Und so dem Volk einen
trockenen Übergang bescheren. Doch: Vorsicht ist angesagt! Da es sich nicht nur
um ein wundersames, sondern zweifellos heiliges Geschehen handelt, muss auch
das Volk sich heiligen und darf der Lade nicht zu nahe kommen (Jos 3, 5). Der
rechte Abstand wird bestimmt: „doch dass zwischen euch und ihr ein Abstand
sei von ungefähr zweitausend Ellen! Ihr sollt ihr nicht zu nahe kommen. Aber ihrEinfach ohne
55
müsst ja wissen, auf welchem Wege ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher
noch nicht gegangen.“ (Jos 3, 4).
Abstand ja, aber im Blickkontakt bleiben. Denn „ihr müsst ja wissen, auf wel-
chem Weg ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher noch nicht gegangen“. Die
meisten Wege die ich gehe, bin ich schon oft gegangen. 100 Mal, 1000 Mal. Einen
Weg, den ich noch nie gegangen bin? Der Unmögliches erfordert, ja, geradezu
verlangt? Einem heiligen Mysterium auf unbekannten Wegen in die Tiefe eines
Stromes zu folgen, erscheint wie die erste Laufdistanz vom Kottbusser Platz zum
„Tor zur Hölle“. Und überraschenderweise schlagen nicht die Wellen über einem
zusammen, sondern man findet sich im ganz anderen, „gelobten“ Land wieder.
An der langen Kaffeetafel eines Samstagmorgens, an die ganz selbstverständlich
ein weiterer Stuhl dazugestellt wird. Erleichtert, dass die üblichen taxierenden
Präliminarien – wer bist du, woher kommst du, was stellst du dar? – uninteres-
sant sind und die Einladung zum „da sein“ gilt.
Seither mag ich auf die „Wege, die ich noch nicht gegangen bin“ nicht mehr ver-
zichten. Zu groß ist der Gewinn der nicht gesuchten Fundstücke. Was nichts da-
ran ändert, dass die Herausforderung, und manchmal auch die Angst, bleibt.
Dabei ist es gut, die sicheren Orte des „gelobten Landes“ erlebt zu haben. Sie
verstecken sich in Begegnungen, im Glauben, im eigenen Herz. Und manchmal
eben auch in der chaotischen, herzlichen, erstaunlichen und heilsamen Runde
eines Tisches in der Naunynstraße 60.
Sonja Hannemann56
Einfach ohne Vorgaben
Einfach ohne Vorgaben
Die Engel in der Naunyn – BotInnen Heiligen Bodens
D
ie Gemeinschaft in der Naunynstraße, die Naunyn, kenne ich nun schon seit
fast 30 Jahren. Ich habe mich verändert, mein Leben hat sich verändert. Auf
eines konnte ich mich aber verlassen: der Geist der Naunyn blieb derselbe – oder
dieselbe. Wer mir auch immer dort erschien. „Zufällig“ gab es immer jemanden,
der oder die dort lebte, der oder die mich in mein Leben hinein ansprach. In den
Straßenxerzitien war die Naunyn immer ein Ort, den ich aufsuchen „musste“,
weil dort mein Engel wartete, mit dem oder der ich weitergehen konnte: ein „zu-
fälliges“ Gespräch beim Frühstück, ein Text, der mir geschenkt wurde, die Breite
des möglichen menschlichen Lebens, die am Tisch saß und mir die Zuversicht
und den Mut gab, nicht zu eng zu denken.Einfach ohne Vorgaben
57
Ich war im Jesuitenorden, bin ausgetreten, habe geheiratet, bin geschieden wor-
den, lebe jetzt wieder in einer Partnerschaft. In der Kirche ist so ein Lebensweg
schwierig zu vermitteln. Wenn ich in die Naunyn gehe, frage ich mich aber: In
welcher Kirche ist dieser Weg schwer zu vermitteln? In der Naunyn ist beim
Samstagsfrühstück eine Gemeinschaft zusammen, wie ich sie mir um Jesus he-
rum vorstelle. Da spielt nicht einmal eine Rolle, wer welcher Religion angehört
und ob er oder sie einer angehört. Nicht, dass es egal wäre – aber es ist nicht
wichtiger als die Gemeinschaft und der Mensch, der am Tisch sitzt. Auch ich bin
dort als Mensch willkommen und füge der Buntheit des Lebens am Tisch ein
paar Farbkleckse hinzu. Nie habe ich erlebt, dass ich deshalb in eine Schublade
kam oder be- oder verurteilt wurde. Eher habe ich erfahren dürfen, dass Wege
eben so sind wie sie sind. Nach dem Besuch in der Naunyn war ich oft wieder
geerdet. Weil ich auf Heiligem Boden gestanden hatte. Diese Erdung bedeutet:
mehr Mut zu mir selber und meinem Weg in Achtung der Andersartigkeit der
anderen Menschen. Sie sind Bereicherung und nicht Problem. Ich wünsche mir,
dass ich noch öfter in die Naunyn kommen darf, um meine Sicht der Dinge wei-
ten zu lassen.
Jens Sommer
Einfach ohne Absicht
Die Ros‘ ist ohn‘ Warum
sie blühet, weil sie blühet
sie acht‘ nicht ihrer selbst
fragt nicht, ob man sie siehet.
D
er schlesische Dichter Angelus Silesius hat hier ein schönes Poesiealbums-
wort formuliert, das für ihn auch Bild für das tiefste Geheimnis des Lebens
ist. Doch ist es wirklich möglich, ohne Warum leben, ohne Grund und auch ohne
Zweck? Und ist es nicht das Normalste der Welt, immer bestimmte Absichten
zu verfolgen und wenn es nur um die Frage der Befriedigung unserer Grundbe-
dürfnisse geht: Wie komme ich zu meinem Essen? Wo finde ich eine Toilette? Wie
muss ich mich anziehen, damit ich nicht friere? Wodurch fühle ich mich sicher?
Was kann ich tun, um echte Gemeinschaft zu finden?
Doch ist damit nicht nur unser alltägliches Leben geprägt. Vielmehr scheint heu-
te in allen Lebensbereichen ein bewusst absichtsvolles Handeln nötig zu sein.
Pläne und Strategien bestimmen nicht nur das berufliche Tun sondern auch die
Familie und sogar die Freizeit, die geplant und gemanagt sein wollen.58
Einfach ohne Vorgaben
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, dass auch menschliche Bezie-
hungen seit jeher durch bestimmte Absichten geprägt sind. Im beruflichen und
politischen Umfeld spricht man heute von Networking, dem Eingehen von Bezie-
hungen, um Einfluss zu gewinnen und sich Vorteile zu verschaffen. Eigentlich
ist das ein altes Phänomen, wenn man an die Heiratspolitik der Fürsten früherer
Zeiten denkt.
Nochmals also die Frage: Kann ich ohne Absicht handeln? Und wozu – hier mel-
det sich schon wieder die eigene innere Intention – soll ein absichtsloses Tun gut
sein?
Eine Antwort auf diese Frage finde ich bei den Exerzitien auf der Straße. Bei ei-
ner empirischen Untersuchung zu diesen zeigte sich, dass hier als eine wesentli-
che Haltung gesehen wird, möglichst ohne Absicht auf die Straße zu gehen. Doch
wie kann man die Absicht zu haben, ohne Absicht unterwegs zu sein? Auch bei
den Übenden der Straßenexerzitien zeigen sich bewusste oder noch mehr unbe-
wusste Absichten. Das kann die Absicht sein, einem Menschen von der Straße
zu begegnen. Da meldet sich jemand an, der einfach nach einer Abwechslung
gegenüber herkömmlichen Exerzitien sucht oder es zeigt sich die schlichte Ab-
sicht, sich selbst oder Gott in den Exerzitien auf der Straße zu begegnen. Da gibt
es keinen, der sagt: Ich mache hier mit, habe damit aber nichts im Sinn. Wie
kommt es also dazu, dass erfahrene Teilnehmer und Begleiterinnen die Haltung
der Absichtslosigkeit besonders herausstellen? Lügen sie sich dabei selbst in die
Tasche?
Einige kurze Geschichten aus Exerzitien können hier weiterhelfen: Da war ein
Exerzitant, der die Absicht hatte, unbedingt Armen von der Straße zu begegnen.
Doch das klappte einfach nicht, bis er sich enttäuscht in eine Kirche setzte um
dort zu beten. Dort versah einer, der auf der Straße gelebt hatte, eine Art Aufsichts-
dienst. Genau dieser kam nun auf ihn zu und sagte: „Ich mach mir eine Gulasch-
suppe warm. Magst du mitessen?“ Mit derselben Absicht war ein anderer Üben-
der aus den Exerzitien unterwegs und genauso „erfolglos“, bis er an einem Tag
gegen eine Glaswand lief und sich so verletzte, dass er ins Krankenhaus gebracht
werden musste. In der Notaufnahme hatte er lange zu warten, doch in dieser Zeit
begegnete er plötzlich Menschen, wenn auch nicht aus dem beabsichtigten Milieu.
Wieder ein anderer wollte in den Exerzitien eine schwierige berufliche Phase
analysieren. Doch diese Vergangenheit war gar nicht Thema, sondern er entdeck-
te auf der Straße Orte und Menschen, die seine eigene innere Lebendigkeit neu
anregten. Darunter war ein von Bürgern kreativ gestalteter Stadtteilplatz „Keim-
zelle“, wo er sich von einem Menschen von der Straße auf englisch segnen ließ,
der ihm zusagte: „Alles wird gut“. So sollte es werden, wenn auch ganz anders
als ursprünglich beabsichtigt.Einfach ohne Vorgaben
59
Wieder ein anderer, der bisher nur herkömmliche Exerzitien in Bildungshäusern
kannte, war von seinen letzten Exerzitien so enttäuscht, dass er die Absicht fass-
te, mal völlig andere Exerzitien zu machen. Doch dann waren ihm die ganzen
Straßenexerzitien eine ungeheure Zumutung: die ökumenischen Gottesdienste,
die Unterbringung, sein Ekel beim Kontakt mit manchen Leuten auf der Straße.
Doch dann saß er bei der Ausländerbehörde neben einem Mann, dessen Lebens-
geschichte ihn so berührte, dass er plötzlich über seine Grenzen gehen konnte,
was er eigentlich mit diesen „anderen“ Exerzitien gar nicht beabsichtigt hatte.
Diese kleinen Beispiele zeigen Menschen, die bei ihren Exerzitien auf der Straße
eine bestimmte Absicht verfolgten. Aber wichtig war, dass sie innerlich bereit
waren, diese loszulassen und sich darauf einzulassen, was sich ihnen auf der
Straße zeigte. Es scheint wie bei einer Pilgerwanderung zu sein. Ein Ziel ist im
Blick, doch der Weg dahin bietet Überraschungen, durch die das Ziel plötzlich
aus dem Blick zu geraten scheint oder besser gesagt, in denen das ursprüngliche
Ziel in einer neuen Art und Weise erscheint. So war es schon bei Mose, dessen
Geschichte in diesen Exerzitien in besonderer Weise fortgeschrieben wird: Er
lebt in der Fremde als Hirte für seinen Schwiegervater. In seiner Arbeit entdeckt
er eines Tages einen brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch. Seine
Absicht, auch hier zuzupacken und die Situation in den Griff zu bekommen, wird
durchkreuzt. So lässt er sich aufhalten, zieht die Schuhe und damit seine Absich-
ten und Pläne aus, und entdeckt so Gott und eine neue Aufgabe, um nun als Hirte
für sein Volk da zu sein, dieses der Hand der Wölfe zu entreißen.
An diesen Geschichten, die miteinander unsichtbar verbunden sind, wird deut-
lich: In den (Straßen-)Exerzitien komme ich mit bestimmten Absichten an, aber
erst wenn ich bereit bin, diese loszulassen, kann Gott wirken. Aber auch die eige-
nen Absichten loszulassen ist keine Methode, die ich absichtlich einüben könnte,
sondern es ist vielmehr eine Haltung grundsätzlicher Bereitschaft. Wann und wo
dies geschieht, kann ich nicht bestimmen. Ich kann nur aufmerksam sein und
warten.
So bleibt die zweite Frage: Wozu ist es gut, absichtslos zu werden? Die Antwort
lässt sich aus den erzählten Beispielen vielleicht erahnen. Beantworten lässt sie
sich nur praktisch, wenn es jemand am eigenen Leib erfährt. Für mich kann
es z.B. sehr entlastend sein, wenn ich spüre, dass nicht ich es bin, nicht meine
Absichten, Pläne, Strategien, von denen das Heil der Menschen abhängt, sondern
jemand anderes, der mich dazu womöglich brauchen kann. Das schenkt mir eine
neue Art von Gelassenheit und Freiheit, fast wie der von Angelus Silesius besun-
genen Rose. Meine eigenen Absichten loszulassen, kann mir neue Horizonte öff-
nen und mich gespannt und vertrauensvoll auf das Unerwartete warten lassen.
Michael Schindler60
Einfach ohne Vorgaben
Pilgerweg mit Esel
I
rgendwann spät im letzten Jahr hatte Maria-Anna die Idee, zum Kirchentag zu
pilgern, als eine gemeinsame Sache. Ich stimmte zu und kam schnell auf den
Gedanken, einen Esel dafür anzuheuern. J. in Mohlsdorf hätte mir seinen gelie-
hen, aber dann war tatsächlich auch die Kreuzsteinmühle bereit, mir PrikleprittEinfach ohne Vorgaben
61
wieder auszuleihen. Bei D. bin ich nach wie vor in Ungnade gefallen, doch über
W. krieg ich den Esel.
Wenig Geld in der Tasche, war es nicht so leicht, die Ausrüstung zusammenzu-
stottern. Gott hat mir sehr geholfen, die rechten Ideen eingegeben, ebenso Ge-
schick, Türen geöffnet, z. B. für eine Werkstatt und beim Sachen finden alles
bereit gelegt. So entstanden Packsattel, Halfter, Koffer, Satteldecke u. a.
Dienstag, 17.05.2011
Sind bis Niederlungwitz gekommen. Der Esel läuft klasse, aber in sehr gemütli-
chem Spazierschritt. Ich würde mich freuen, wenn er noch an Kraft gewinnen
täte. Eine Sorge ist auch die Zeit, wenn er an langer Leine angebunden ist, Pause
machen soll, sich ausruhen soll, jedoch wie verrückt hin und her jagt! Er mag
nicht allein sein. Eine sehr schöne Mittagspause gab’s in Glauchau in der Lu-
thergemeinde. Im psychosozialen Treff wurden wir zum Mittagessen eingeladen.
Einmal die Woche gibt’s Essen und wir kamen natürlich genau zur Zeit. Konn-
ten uns sogar dort in einem Raum ausstrecken. Gottes Liebe ist so wunderbar…
Geschafft sind wir am Abend aber trotzdem (besonders Maria-Anna). Wie gut,
dass uns gleich der Kirchenälteste in sein Haus aufnahm. Müde bin ich, geh zur
Ruh…
Mittwoch, 18.05.2011
Der Kirchenälteste W. und Frau hatten gestern ihren 53. Hochzeitstag. Sie waren
sehr nett und entgegenkommend und haben uns ebenso in Ruhe gelassen. Ihr
Haus war sehr aufgeräumt und der Garten gepflegt und dennoch durfte der Esel
dort herumtrampeln und wir unser Zeug ausbreiten. Meine Hochachtung!
Wir kamen durch St. Egidien. Ich hatte mich an einen alten Pilgerbruder von der
Klüßchen Hagis Wallfahrt 2000 erinnert. Wir suchten ihn und fanden tatsäch-
lich sein Zuhause. Die Eltern waren da, er auf Arbeit. Es gab ein sehr schönes,
spontanes Zusammensein mit lieben, einfachen Leuten. Mittagsrast machten wir
in Hermsdorf bei einer Pension und dann boten uns die Leute von sich aus an zu
bleiben. So blieben wir denn! Ich habe mir eine Arbeit erbeten und durfte Zaun
streichen. Maria-Anna machte auch mit. Der Esel kam zu Schafen auf die Weide.
Offenbar begegnen sich die Viecher immer erst mal argwöhnisch. Nach einer
Weile kamen die Schafe dem Esel immer näher. Der verhielt sich ganz friedlich,
dann wurd’s ihm aber lästig, er warnte sie mit Hufen, die durch die Luft flogen,
doch die Schafe wollten’s genau wissen und dann – Zack – hat der eine Hammel
was auf die Fresse gekriegt. Und dann wussten sie‘s! Ich muss gestehen, ich
war auf der Seite des Esels. Der olle Hammel hat sich noch eine ganze Weile die
Lippen geleckt.62
Einfach ohne Vorgaben
Mittwoch, 22.06.2011
Die Rückkehr nach C. ging reibungslos. Erwartungsgemäß waren wir mittags
da. In Lauenhain kamen wir zu einer Kindergruppe und N., Kind von meiner
Nachbarin, begrüßte mich stürmisch. Die Kinder fütterten dem Esel Gras – war
sehr schön! Nach Crimmitschau hinein machten wir noch kurz Station bei ka-
thol. P., trafen unsern Freud O. R. auf dem Fahrrad und sogar den Pfarrer M. G.
trafen wir, wie er gerade Einkaufen ging. Den Regengüssen des Tages entkamen
wir glücklich. Doch dann setzte ein schwerer Teil ein: Abschied, Abschluss, sich
trennen, Umschalten auf Normal. Heute fiel mir das wirklich schwer. Eigent-
lich könnten wir auch gut weiterziehen, noch ein paar Wochen. Jetzt wird alles
normal. Keiner lächelt mehr, keiner winkt mehr, keiner will Fotos machen. Mir
graust vor dem normalen Leben. Und es ist auch schade, nicht mehr mit dem
Esel umzugehen. Die Gute! – Akkordeon kann ich auch nicht mehr spielen. Wenn
ich es schon schwer habe, wird es Maria-Anna wohl noch schwerer haben. – Der
Esel ist wieder in Rudelswalde, morgen ist Fronleichnam, und am Freitag will
ich ihn in die Krebssteinmühle bringen. In den Tagen darauf bekam ich 5 Euro
und 10 Euro geschenkt. Auch der Pfarrer schenkte etwas Essen. Man bekam den
Eindruck, als bedankten sich die Leute für unser Unterwegssein. Einige taten’s ja
tatsächlich. Den Esel schaffte ich Freitag, 24.06., zurück. In der Kreuzsteinmühle
war der Empfang kühl und ernüchternd. W. war leider nicht da. Hab’s noch am
selben Tag mit dem Fahrrad zurückgeschafft, dann hat’s aber gereicht!
Maria-Anna und Br. Winfried
Herr wie Du willst…

Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n
und wie Du willst, so will ich ich geh’n;
hilf Deinen Willen nur versteh’n!
Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit;
und wann Du willst, bin ich bereit;
heut und in alle Ewigkeit.
Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,
und was Du willst, ist mir Gewinn;
genug, dass ich Dein eigen bin.
Herr, weil Du’s willst,
drum ist es gut;
und weil Du’s willst, drum hab ich Mut.
Mein Herz in Deinen Händen ruht!Einfach ohne Vorgaben
63
Bezugnehmend auf sein Lieblingsgebet schrieb der selige P. Rupert Mayer in
einem Beileidsbrief (20. Februar 1942) an jemanden, dessen Mutter verstorben
war, unter anderem:
… Vielleicht darf ich Ihnen mitteilen, was mich in den schwersten Stunden meines
Lebens seelisch außerordentlich gekräftigt hat. Es war beiliegendes Gebet. Wenn
man von einem großen Herzeleid gequält wird, kann es sein, dass dieses Gebet
anfangs keinen Eindruck auf uns macht, weil wir die Hingabe an den hl. Willen
Gottes noch nicht aufbringen können. Denn das Gefühlsleben tut nicht mit. Aber
wenn wir das Gebet täglich verrichten, ruhig und langsam, ohne uns zu Gefühlen
zu zwingen, die wir nicht haben, so wird es uns allmählich ansprechen. Und mit
der Zeit steigt in uns eine Ahnung auf, wie glücklich doch das Menschenherz sein
müsste, das sich rückhaltlos in die Vaterarme Gottes werfen könnte! Und dann
flechten wir in unser Gebt den heißen Wunsch ein, dass wir doch bald zu diesen
Glücklichen gehören möchten. Wie nahe können Sie dadurch Gott und der lieben
Mutter, die wohl schon dieses Glücks teilhaftig ist kommen!
Seit ich weiß, dass Neues für Euere „Heimat für viele“ bzw. Euer „Gast-Haus“
ansteht, denke ich immer wieder an Euch. Möge das Abschiednehmen durch
die „Alchemie des Heiligen Geistes“ und seine verwandelnde Präsenz auch das
Abschiednehmen segnen und zum Segen werden lassen.
Willibald Lambert
Besuch aus Rom
D
as erste Mal als ich nach Berlin ging, um Margit und Mabel als ihre Provinz­
oberin zu besuchen, war im Jahr 2011.
Ich kannte weder Berlin noch die Art der Präsenz meiner Mitschwestern, von der
ich nur gehört hatte… eine umstrittene Präsenz, anders als alle anderen. In den
ersten Tagen haben Mabel und Margit mir die Wirklichkeit von Berlin gezeigt
und erläutert. Sie haben mir ihre Geschichte, wie sie nach Berlin kamen, erzählt,
und sie haben mir Christian und die Kommunität in der Naunynstraße vorge-
stellt, wo sie einige Monate gelebt haben, bevor sie ihre Tätigkeit mit SOLWODI
anfingen. An einem Samstagmorgen haben sie mich in die Naunynstraße be-
gleitet. Sobald ich reinkam blieb mir fast die Luft weg. Der große Tisch für viele
Leute war gedeckt, viele Menschen von verschiedenen Kulturen und Richtungen
waren schon da, alle sprachen Deutsch, und ich verstand überhaupt nichts. Ich
erinnere mich nur an das lächelnde Gesicht von Christian. Die Menschen, die
am Tisch saßen, sprachen über das „Leben“. Mabel und Margit bemühten sich
zu übersetzen. Dann traf mich der Blick von Christian, der mich einlud etwas64
Einfach ohne Vorgaben
zu sagen. Ich konnte nur stottern. Ich erinnere mich nur daran, dass ich nichts
Wichtiges gesagt habe, nur etwas sehr Oberflächliches.
Nach dem Frühstück, das etwas drei Stunden gedauert hat, durfte ich die Woh-
nung kennenlernen und wieder blieb mir die Luft weg. Die kleine Wohnung hat
zwei Bereiche: Männer und Frauen, Badezimmer, Küche, aber was mich sehr
beeindruckt hat ist, dass Christian im Männerzimmer schlief und zwar in einem
Stockbett wie alle anderen Bewohner. Sein Bett war voller Bücher, aber das war
auch schon alles! Dann war da in einer Ecke das kleine Zimmer von Bruder
Franz, ein Bett, abgetrennt durch einen Vorhang. Weiter nichts. In der Küche
haben alle mitgeholfen: jemand kochte, andere spülten, wieder andere räumten
das Zimmer, in dem das Frühstück stattgefunden hatte, auf.
Letztendlich sind wir ins Büro von Christian gegangen, ein kleines Zimmer ne-
ben dem Frühstückszimmer, wieder ein Raum voller Bücher und ein Computer.
Dort gab mir Christian ein Buch, das er über die Exerzitien auf der Straße ge-
schrieben hatte, auf Spanisch übersetzt, über die Exerzitien auf der Straße. Er
erzählte mir etwas und schaute mich dann, immer noch lächelnd, an und fragte
mich: Was ist dein Traum vom Leben? Wieder eine Frage, die ich aber diesmal
mit mehr Gelassenheit und Spontaneität beantwortete. Jedes Mal, als ich Berlin
verlassen habe – seit 2011 war ich einmal jährlich in Berlin – habe ich seine Fra-
gen in meinem Herzen mitgenommen. „Was ist dein größter Ärger?“ – „Das Leid“.
Fragen, die mich immer monatelang herausgefordert und begleitet haben.
In den darauffolgenden Tagen, es war der 24. Juni, während Mabel, Margit und ich
beteten, lasen wir im Evangelium von Lukas über die Geburt Johannes des Täu-
fers. Ich war betroffen von der Wahl des Namens. Die Nachbarn und Verwandten
wollten ihm den Namen seines Vaters geben: Zacharias. Aber die Mutter sagte:
Nein. Er soll Johannes genannt werden. Sie antworteten: Es gibt niemand in deiner
Familie mit diesem Namen. Genau dieser Satz: Es gibt niemand in deiner Familie mit
diesem Namen hat mich die Heuchelei spüren lassen, die sich in vielen versteckt:
das ist nicht nach unserer Regel, das ist nicht unser Charisma, die sind außerhalb
der Normalität… Aber in der Entschiedenheit der Frau, die kraftvoll die Tradition
ändert und mit alten Mustern bricht, strömt die Geistkraft mit etwas Neuem ein!!
In jenen Tagen in Berlin habe ich verstanden, dass ich mich dem Neuen öffnen
musste, auch wenn dies manchmal Angst macht, weil dir die Luft weg bleibt…
und du nicht weißt, wo du wieder Fuß fassen kannst… Christian, Bruder Franz,
die Mitglieder der Gemeinschaft der Naunynstraße, Mabel, Margit… alle erzäh-
len mir vom Neuen des Evangeliums… Jesus lehrt uns die Freiheit, immer das
Neue des Evangeliums in unserem Leben und auch in den Strukturen zu finden,
die Freiheit, neue Schläuche für das Neue zu wählen.
Ida, Provinzoberin der Comboni-SchwesternEinfach ohne Vorgaben
65
Einfach ohne Äußerlichkeiten und Scheinheiligkeit
W
ill man das Wesen der Naunynstraße kennen lernen, darf man sich von
Äußerlichkeiten nicht abschrecken lassen. Die gesamte Wohnung schreit
nach einer Renovierung. Besonders hässlich ist die Wohnzimmerlampe, die aller-
dings auch aufgrund ihrer atemberaubenden Scheußlichkeit Kultcharakter 1 hat.
Die Küchendecke ziert ein verstaubter Ährenstrauß und die Wände, an denen die
Farbe nicht mehr erkennbar ist, sind mit Photos und Gemälden dekoriert. Irgend-
wann fing ich an, nachzufragen, was die Kunstwerke ausdrücken und wer sie
gemacht hat. Daraufhin bekam ich viele rührende Geschichten erzählt und ich
erhielt einen tiefen Einblick in die dreißigjährige Naunynstraßengeschichte 2 .
Es wirkt noch immer sehr befremdlich auf mich, dass auf Ordnung und Sauber-
keit und eine gewisse Struktur überhaupt kein Wert gelegt wird, aber so lang-
sam begreife ich, dass diese provokante Nachlässigkeit zum Wesen dieser WG
dazu gehört. Wie der große Tisch im Aufenthaltsraum treffend symbolisiert, ste-
hen eben die gerade anwesenden Menschen im Mittelpunkt und alle Kraft und
Energie fließt in den Austausch miteinander oder das Kümmern um Hilfesuchen-
de. Da bleibt das Putzen eben außen vor. Die Strukturlosigkeit begünstigt dies
allerdings auch, denn es gibt keinen Putzplan und eben für Hilfesuchende we-
der ein Aufnahmegespräch noch irgendeinen Vertrag oder Hilfeplan. An meiner
Wortwahl lässt sich ableiten, dass ich Sozialpädagogin bin. Allerdings versuche
ich meine fachliche Professionalität in der Naunynstraße mehr und mehr außen
vor zu lassen, weil sie zum einen nicht in die Naunystraße passt und ich zum
anderen nur am Samstag als Gast auftauche.
Beeindruckend finde ich Christians Unkompliziertheit. Wer da ist, oder regelmä-
ßig kommt, gehört einfach dazu, ohne dass der Status irgendwie definiert wer-
den muss. Sucht jemand eine Übernachtungsmöglichkeit und es ist ein Bett frei,
so kann der/die Betreffende bleiben. Er sieht sich als Freund und Unterstützer
und nicht als kontrollierender Organisator.
In der Naunynstraße wird eben die bange Frage „Was denken die anderen?“
komplett ignoriert. Auf Äußerlichkeiten, Normen, gesellschaftliche Pflichten
und Konventionen wird radikal und entschieden verzichtet. Dies ist ein krasser
Gegenentwurf zu meinem sonstigen Leben. So lasse ich aus Prinzip niemanden
1
2
Ich habe ein besseres Verhältnis zu ihr, als ich erfuhr, dass sie aus einem Unterhemd von
Franz gebastelt wurde.
Um den Rahmen nicht zu sprengen und um nicht das Thema zu verfehlen, erzähle ich die
gehörten Geschichten jetzt nicht. Das kann Christian selber besser und hat es bestimmt
bereits.66
Einfach ohne Vorgaben
in meine Wohnung, wenn ich nicht aufgeräumt habe, während Christian seinen
Gästen sogar in Unterhose die Tür öffnet 3 .
Ich zögerte lange, einen Text für die Naunynstraße zu schreiben, weil ich mich
noch nie damit auseinandergesetzt habe, warum ich meine Samstagvormittage
in der Regel dort verbringe. Während ich in meiner unordentlichen Wohnung
sitze und tippe, wird mir klar, dass ich es nicht nur tue, weil man dort anregende
Gespräche führen und nette Menschen treffen kann. Nein, mir wurde jetzt beim
Schreiben bewusst, dass es eben dieser radikale Verzicht auf Äußerlichkeiten
und gesellschaftliche Normen sind, die mich anziehen und die mich auch äu-
ßerst provozieren. Mit Äußerlichkeiten ist jetzt nicht nur die Wohnungseinrich-
3
Er kam direkt aus dem Bett und befürchtete, dass sonst niemand die Tür aufmacht.
Mit einem Priester in Unterhose vermochte ich nicht umzugehen. Schließlich kenne ich
Geistliche nur ordentlich angezogen und das soll eigentlich auch so bleiben. Also suchte
ich nach langer Zeit das Gespräch, indem er mir sein Verhalten erklärte und mich fragte,
ob ich nicht ebenso handeln würde. Diese Frage beantworte ich noch immer mit einem
entschiedenen NEIN.Einfach ohne Vorgaben
67
tung gemeint. Schließlich ist dies auch Geschmackssache und als Gast 4 steht mir
die Kritik auch nicht zu. Nein, es ist der Umgang miteinander, die unkomplizier-
te Selbstbedienung und dass auch auf gutes Benehmen nicht geachtet wird. Al-
lerdings gehen alle in der Regel sehr respektvoll miteinander um, aber niemand
muss seine Gefühle verstecken. Wer sich ärgert, darf das sagen, und zurechtge-
wiesen wird man nur, wenn man bei einer Erzählung für alle quasselt. Da jede/r
so sein darf, wie er/sie nun mal ist, wird „Willkommenskultur“ und unbedingte
Wertschätzung einfach und unkompliziert gelebt, und zwar ohne dass dafür ein
Konzept entwickelt wurde. Nein es wird einfach das Leben geteilt. Dabei kommt
es selbstverständlich auch zu Konflikten, die ich zwar registriere und bei Bedarf
meine Meinung äußere, aus denen ich mich aber in der Regel raushalte.
Es ist eben sehr menschlich in dieser WG mit allem was dazugehört und niemand
spielt frommes Theater oder wahrt den Schein. Diese radikale Natürlichkeit und
Einfachheit beeindrucken mich zutiefst und inspirieren mich auch 5 . Trotzdem
könnte man den Ährenstrauß meiner Meinung nach mal entsorgen und über
eine neue Lampe zumindest einmal nachdenken 6 .
Silvia Weber
4
5
6
Bin ich wirklich nur Gast? Eigentlich gehöre ich schon längst zum Freundeskreis mit
dazu.
Aber ich will auch mal ehrlich sein: Manchmal nervt es auch total und wirkt auf mich
abschreckend, weil die Konflikte öfters in einer meiner Meinung nach unangemessenen
Art und Weise ausgetragen werden.
Schließlich hat Franz dieses Unterhemd nie getragen.68
Einfach ohne Vorgaben
Mich durch Gott stören lassen
E
s gab Jahre, da war ich bereit und so offen, mich von Gott sogar mitten in
der Nacht aus dem Schlaf und aus dem Bett klingeln zu lassen, um eben mal
nach Hannover oder Dresden und so weiter zu trampen. Oder hier in Berlin zu
Menschen mich führen zu lassen, denen Hilfe zukommen musste. Selbst Hei-
zungsanlagen hat Gott mir mitten im Winter fern der Heimat und des Nachts
nach Holland trampend anvertraut, da Monteure nicht die Gabe besaßen, diese
Heizungsanlagen zu reparieren. Nun meine aber nicht, dass ich die Heizanlagen
repariert habe. Mein Auftrag war es, mit den Heizungsanlagen zu sprechen, um
von ihnen zu erfahren, dass sie nicht genügend geliebt wurden, denn danach
sehnten sie sich. Auch Pflanzen und auch das Gewitter sowie ein Regenbogen
sollten durch Gottes Auftrag an mich Hilfe erfahren.
Nun war es nicht gerade meine Gabe, dem Herrn sofortigen Gehorsam zu leisten
vom Herzen her. Doch ging ich um seinen Willen zu erledigen und so war ich
hinterher in der Seele und am Leibe aufgeblüht. Hieraus ergossen sich Taten-
drang und Wohlgelüste des Tätig-Seins für Gott bis hin zur völligen wohltuenden
Erschöpfung. Ich selber war nicht mehr vorhanden als menschliche Person. Ich
hatte mich selbst nicht mehr genug um mich gekümmert und so ergab sich, dass
mich das Tätig-Sein für den Herrn in Selbstbestätigung verwarf, was zur Folge
hatte, dass ich unzufrieden wurde, mürrisch, arrogant, um mich selbst drehend.
Am Schluss war mir die Klarheit geschenkt, dass der Egoismus in meiner Person
die Macht errungen hat. Ich erhielt das Geschenk der Erkenntnis, und mit viel
Geduld fand ich zu mir selbst zurück.
Und so ist es mir wichtig geworden, dass ich nicht vor die Haustür trete, sondern
dass ich fähig werde, bei mir zu bleiben um dem Herrn zu begegnen, für Ihn da
zu sein mit meiner ganzen von Ihm geschenkten Persönlichkeit. Nun danke ich
für diese Nachdenkpause, wie ich mit Gott umgehe.
Helga HartmannEinfach ohne Schuhe
69
Einfach ohne Schuhe
Einfach danke,
dass es die Straßenexerzitien gibt
dass sich Begleiterinnen und Begleiter finden
dass immer wieder neue Teilnehmer/ innen und Begleiter/ innen dazukommen
dass sich Gemeinden und Gemeinschaften finden, die in ihren Räumen solche
Exerzitien ermöglichen und gastfreundlich sind
dass diese Exerzitien kostenfrei stattfinden können
dass diese heilsame Einfachheit möglich ist
dass die eigene Bedürftigkeit sein darf und achtsam damit umgegangen wird
dass diese Form der Exerzitien so offen, konkret und in die Tiefe gehend ist
dass soviel Interesse aneinander und füreinander möglich ist
dass „nichts sein muss“ und „vieles sein darf“
dass die Struktur so klar ist und wie sie ist
dass einiges verrückt wird
einfach danke.

Antonie Viehoff70
Einfach ohne Schuhe
Mit brennendem Herzen
I
ch komme gerade aus Berlin zurück, wo ich zehn Tage an Strassenexerzitien
teilgenommen habe. Mein Herz und mein Kopf sind noch so voll von allen
Erfahrungen, die ich dort machen durfte, dass ich davon gerne in Kurzfassung
einige kleine, aber zentrale Aspekte aufnehmen würde.
Der Kern- und Anfangsimpuls dieser Form von Exerzitien (Üben der Aufmerk-
samkeit) kommt aus der Geschichte von Mose (Ex 3, 1-17). Mose geht mit seinen
Schafen über die Steppe hinaus in die Wüste. Er verlässt seine Komfort-Zone
und macht eigentlich etwas völlig Unsinniges. Die Schafe, die er hütet, werden
in der Wüste nichts zu fressen finden. Er aber begegnet genau dort Gott – in ei-
nem Busch der brennt, doch nicht verbrennt. „Zieh deine Sandalen aus, denn du
stehst auf heiligem Boden!“ befahl Gott.
„Überraschend begegnet uns Gott durch einen Menschen, ein Zeichen oder eine
spontane Freude in uns selbst. Er braucht keine Bedingungen, um uns zu finden.
Jeder Vergleich eines besseren oder schlechteren Weges zu ihm ist lächerlich. Gott
kommt auf uns zu, und wenn er bei uns eine geöffnete Tür findet, dann tritt er mit
seinem Frieden identitätsstiftend ein. Jeder Ort, an dem wir ihn empfangen dürfen,
wird uns heilig sein.“ (Christian Herwartz, Brennende Gegenwart).
Ich selbst bin über meine Steppe hinaus nach Berlin mit ängstlichem, suchen-
dem Herzen. Mit offenem Herzen und mit der Ausrichtung aller meiner Sinne
bin ich der Frage nachgegangen: „Wo finde ich Gott?“. Und durfte genau das von
Christian Herwartz Beschriebene erleben.
Deshalb wünsche ich Ihnen den Mut, mit brennendem Herzen über die Steppe
hinaus zu gehen und dem Wunder des Lebens (Gott) zu begegnen.
Conny
Sieben
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehen
Sieben mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
E
in Freund schenkte ihr eine Schallplatte von Karat. Diese vier Verszeilen
begleiten sie seitdem. Sie sucht die Brücke, die zu dem Ort führt, an den sie
gehört. Dort wird sie ihr Geheimnis finden.
Vor einigen Jahren traf sie in Köln einen Brückenbauer. Sie nahm an zehntägigen
Straßenexerzitien teil. Die Teilnehmerinnen leben während dieser Zeit in einfa-Einfach ohne Schuhe
71
chen Unterkünften. Tagsüber gehen sie aufmerksam durch die Stadt und suchen
nach Orten, an denen sie merken, dass ihre Sehnsucht angesprochen wird. Dort72
Einfach ohne Schuhe
bleiben sie stehen und ziehen ihre Schuhe aus. Sie erspüren mit nackten Sohlen
den heiligen Boden, den brennenden Dornbusch, der brennt und doch nicht ver-
brennt, die Liebe. Sie werden still, und in der Stille hören sie die Antwort.
Sie war stundenlang durch die Stadt gewandert. Es war ein heißer Tag. Ihre Füße
schmerzten. Ihre Wanderung hatte sie zum Neumarkt geführt. Der Neumarkt ist
ein Treffpunkt der Heroinsüchtigen. Vielen von ihnen sind obdachlos. Warum
war sie hier? Sucht hat immer eine Geschichte. Sucht sucht. Was hatte das mit
ihr zu tun?
Sie setzte sich an den Rand des Platzes. Dorthin, wo die Treppe in den Untergrund
zur U-Bahn führt. Plötzlich hörte sie eine Stimme. Der Berliner Dialekt war un-
überhörbar. „Wenn Sie ein wenig rutschen, junge Frau, haben wir beide Platz.“
Sie rutschte und er setzte sich neben sie. Er war alt. Graue Stoppelhaare standen
dicht an dicht von seinem Kopf ab. Sie erinnerten an Igelstacheln. Eine gepflegte
Erscheinung. Augen, die dahinter schauten, waren auf sie gerichtet. Sie kamen
ins Gespräch. Sprachen über sie, über Gott und die Welt. Nach über zwei Stunden
hatte sie ihm so viel von sich erzählt wie vielleicht noch nie einem Menschen.
Schon gar nicht einem fremden Menschen. Am Ende des Gesprächs erfuhr sie,
dass er vor seiner Obdachlosigkeit auf allen sieben Kontinenten der Welt Brücken
gebaut hatte. Er verabschiedete sich von ihr mit dem Wunsch, sie möge ihren Ort
finden. Sie hatte ihren Brückenbauer gefunden und ihre Suche nach dem Inhalt
für ihre Schale begann. Entschlossen stieg sie hinab in ihren Untergrund.
Die 7 Farben des Regenbogens geboren aus Licht umspannen die sieben Konti-
nente und spiegeln sich in den 7 Chakren des Menschen im Fluss des Lebens. Ein
Mandala, das in seinem Zentrum den göttlichen Funken behütet in dem alles mit
allem verbunden ist. Das Kind wird geboren, um mit seiner Gabe den göttlichen
Funken lebendig zu halten.
Sybille Pieck
Baustellenkirche
N
un also bereits der letzte Exerzitientag. Was soll man an so einem Tag schon
noch machen? Manche meiner Kurskolleg/innen möchten noch ein Museum
besuchen und es damit ausklingen lassen. Ich ziehe trotzdem nochmal los. Viel-
leicht versuche ich‘s noch einmal ohne Plan. Einfach in die S-Bahn einsteigen.
Irgendwo wieder aussteigen. Ohne Hoffnung – wie die Emmausjünger, von denen
wir heute Morgen hörten. Mal sehn.
Ein etwas trister Vorort, nichts Spektakuläres. Einander gleichende Wohnblocks
in Reihen, dazwischen Grünstreifen mit Sandkasten. Billigsupermarkt, Video-Einfach ohne Schuhe
73
verleih, Handyladen. Und endlich normale Menschen, nicht so aufgetakelt wie in
den Flaniermeilen. Irgendwie erinnert mich dieser Stadtteil an die Nachkriegs-
siedlung, wo wir lange gelebt haben und wo unsere Kinder aufgewachsen sind.
Irgendwie fühle ich mich zuhause. Ohne Stress. Nichts Besonderes erleben müs-
sen. Nichts Besonderes sein müssen. Wider Erwarten finde ich ein kleines Eisca-
fé. Und einen Platz am Plastiktischchen unter dem laufenden Fernseher.
Trotz aufdringlicher Nachrichten aus aller Welt hole ich mein Notizheft heraus
und lese noch einmal die Einträge der vergangenen Tage. Hängen bleibe ich an
einer Anleitung zur Meditation über einen biblischen Text, den wir von unserem
Kursleiter bekommen haben. Damals bin ich gestolpert über die Anweisung: Ich
stelle mir vor, wie Gott mich mit einem liebevollen Blick ansieht. Über diesen
Satz bin ich bei meiner Meditation nicht hinausgekommen. Mich soll Gott mit
einem liebevollen Blick anschauen? Ausgerechnet mich?
Ich kaufe noch ein Eis – eine besonders leckere und übergroße Portion – dann
breche ich auf. Einfach der Straße nach, den Wohnblocks entlang, immer gerade-
aus. Und plötzlich höre ich mich sagen: Kyrie eleison, Herr erbarme dich. Kyrie
eleison, Kyrie eleison, immer wieder und immer wieder. Jeder Schritt ein Kyrie,
jedes Kyrie ein Schritt. Und jetzt höre ich die Stimme von Jesus, wie der den
blinden Mann fragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Dass du mich mit
liebenden Augen ansiehst, bricht es aus mir heraus. Dass du mich mit liebenden
Augen ansiehst! Und danach wieder: Kyrie eleison, fünfmal, zehnmal. Dann: Was
willst du, dass ich für dich tun soll? Dass du mich mit liebenden Augen ansiehst!
Und wieder: Kyrie eleison, Herr erbarme dich! Uns so fort und immer fort. Ich
kann nicht mehr anders. Das Kyrie eleison gehört zu meinen Schritten, meine
Schritte werden zum Gebet, zum Schrei: Dass du mich mit liebenden Augen an-
siehst!
Ich weiß nicht wie lange ich so gegangen bin und gebetet habe. Irgendwann sehe
ich, fast erleichtert, dass ich auf eine Kirche zugehe. Vielleicht endlich ein Ort,
um zur Ruhe zu kommen und still zu werden. Vor der Kirche liegt ein Sandhau-
fen. Um den Sandhaufen herum ein rotweißes Absperrband: Baustelle. Ich gehe
um die Kirche herum, suche einen Eingang. Doch überall, wo es hineingehen
könnte, ist das rotweiße Band gespannt. An der Rückseite steht eine kleine Tür
halboffen. Ich überschreite das Absperrband und gehe hinein. Ein verstaubter
Tisch, darauf ein paar leere Bierflaschen. Vielleicht die Sakristei. Von drinnen
sind Geräusche von Bauarbeiten zu hören, verhalten. Ich gehe durch die nächste
Tür und betrete den Kirchenraum. Noch einmal Absperrband. Ich steige drü-
ber – und stehe im Chor. Ich sehe, dass die ganze Kirche eingerüstet ist. Hier
wird gearbeitet. Lauter Männer. Eine Männer-Baustellenkirche, wo die Ärmel
hochgekrempelt werden, damit etwas geschieht, damit nicht immer alles beim74
Einfach ohne Schuhe
Alten bleibt, damit sich endlich etwas verändert. Ich drehe mich zum Altar. Auf
Christo-Art ist er mit einer Plastikfolie verhüllt.
In diesem Moment fällt ein Sonnenstrahl durchs matte Chorfenster. Ich stehe
ganz im Licht. Ich bin glücklich. Vor dem Altar haben Arbeiter aus Backsteinen
und einem Brett eine kleine Sitzbank improvisiert. Ich stelle eine Bierflasche
zur Seite und setze mich. Aus mir heraus fängt es leise an zu singen. Kein Kyrie,
nein, nur „Ich lobe meinen Gott“ und „Meine Seele erhebt den Herrn“. Die Män-
ner beachten mich nicht, arbeiten in aller Ruhe weiter. Der Klang ihrer Stimmen,
ihrer Schritte, ihrer Werkzeuge hallt gedämpft unter dem Gewölbe. Ihre Geräu-
sche stören mich nicht, im Gegenteil, sie gehören zu meinem Lied dazu.
Wenn ich schon so eine Freude an dieser Baustellenkirche habe – schießt es mir
durch den Kopf –, wie groß muss dann erst die Freude Gottes über mein Baustel-
lenleben sein! Und mein Herz brennt wie das der Emmausjünger, als ihnen die
Augen geöffnet waren durch die Begegnung mit dem Auferstandenen.
Thomas Koser-Fischer
Exerzitien im Alltag
E
xerzitien im Alltag in St. Michael/ Waldemarstr. ist ein wichtiger Termin für
mich. Ohne ihn würde mir etwas fehlen. Wir treffen uns seit einigen Jahren
in der Advents-und Passionszeit und ab und zu zu den „Exerzitienzwischentref-
fen“. Mit Anstößen durch biblische Impulse und der täglichen Meditationszeit su-
chen wir in dieser Zeit in unserem Alltag die Orte und Situationen, in denen wir,
wie Mose, unsere Schuhe ausziehen möchten, teilen sie uns gegenseitig mit, und
helfen uns, sie zu erhellen und zu verstehen. Im gegenseitigen Hören, Schweigen,
Reden und am Ende mit einer Mahlzeit begleiten wir uns gegenseitig auf unse-
rem Weg, so wie die Jünger von Emmaus begleitet wurden.
Ricarda
Spende abgelehnt
E
xerzitienende: Da ich (vorläufig) das letzte Mal hier in der Suppenküche war,
wollte ich noch eine Spende los werden. Ich wandte mich deshalb an die
„Schweizerin“. Diese verwies mich aber an die indische Schwester (wahrschein-
lich die Oberin).
Bevor ich etwas sagen konnte, begrüßte sie mich mit den Worten (freundlich und
mit Handschlag (!)): „Sie sind neu hier, ich habe Sie noch nicht oft gesehen. Kom-
men Sie jetzt öfters?“ Ich: „Nein, und ich wollte mich auch verabschieden.“Einfach ohne Schuhe
75
Das Gespräch dauerte rund 10 Minuten und wurde leider öfters unterbrochen,
da einige Menschen etwas von der Schwester wollten. Ich erzählte von den Exer-
zitien auf der Straße, den Randgruppen, die wir uns ausgesucht haben, dass Gott
hier im Speisesaal gegenwärtig sei und dass ich ihn getroffen hätte. Sie war sehr
erstaunt und fragte mehrfach nach, erzählte mir auch von ihrem Mutterhaus in
Düsseldorf und dass sie mehrere Jahre in Essen war, wo es auch eine Suppenkü-
che gab. Sie fragte mich auch, ob ich Priester sei.
Zwischendurch versuchte ich mehrmals, eine Spende loszuwerden. Sie lehnte
immer höflich, aber bestimmt ab, ohne Begründung. Ich argumentierte mit: Die
anderen geben hier Lebensmittel, Sachen und Geld ab. Andere würden freiwillig
helfen und ihre Zeit opfern. Mir ginge es finanziell gut und ich verstünde ihre
Haltung nicht. Sie lächelte und sagte: „Von denen, die mit uns essen, nehmen wir
nichts an.“ Danach fragte sie mich nach meinem Namen und verabschiedete sich
freundlich von mir. Betört ging ich langsam nach draußen.
Edgar Boes
Gott hüllt sich in Schweigen
I
ch bin auf dem Weg und mache Straßenexerzitien in Berlin. Mit neun ande-
ren Personen sitze ich beim Abendessen im Gemeindehaus von St. Michael,
unserer Basis. Die Nacht ist unruhig. Ich frage mich, was mich erwarten wird.
Am nächsten Morgen verlasse ich das Gemeindehaus. Ich weiß gar nicht, wo ich
bin und laufe erst einmal so lange, bis ich auf der anderen Straßenseite ein Hin-
weisschild entdecke: „Checkpoint Charlie“. Das wirkt wie ein Magnet auf mich.
Genau da muss ich hin!
Angekommen studiere ich an der östlichen Galeriewand die politischen Ereig-
nisse am damaligen Grenzübergang. Ich sehe Bilder von Adenauer, Ulbricht,
John F. Kennedy, Willy Brandt. Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich
genau. Meine Mutter war Flüchtling, kam in den Westen. Doch ihre Geschwister
mit Familien blieben hinter der Mauer. 1963 wurde mein Onkel in seiner Mittags-
pause erschossen, hinterrücks. Angeblich wollte er fliehen. Meine Tante, die sich
anschließend immer wieder kritisch über das Regime äußerte, durfte die DDR
nie verlassen, auch als Rentnerin nicht. Den Fall der Mauer hat sie nicht mehr
erlebt und ich habe sie nicht kennengelernt. Ich bin eine Betroffene.
Ich kreuze zur westlichen Wand. Die „Mauertoten“ fangen an, mich zu inter-
essieren. Das sind die Menschen, die sich nicht einsperren lassen wollten, die
alles, auch ihr Leben, dafür riskiert haben, frei zu sein. Ich vertiefe mich in Peter
Fechters Schicksal. Hier an dieser Stelle, am Checkpoint Charlie, ist er unter den76
Einfach ohne Schuhe
Augen der Westmächte und anderer Zuschauer auf der Westseite beim Fluchtver-
such elendiglich verblutet. Wegen der angespannten politischen Lage zwischen
Ost und West hat niemand sich getraut zu helfen. Das ist kaum fassbar, ich bin
empört. Wie grausam ist denn das?! Unmenschlich und feige! Aber hätte ich
anders gehandelt? Resigniert stelle ich fest, dass auch ich wahrscheinlich weg-
geschaut hätte. Was tue ich heute gegen unmenschliche Zustände, Willkür oder
Grausamkeit? Nichts. Ich hole meinen Notizblock hervor und schreibe meine
Gedanken zu den Themen „Mauer“, „Flucht“ und „Freiheit“ auf. Jeden Tag zieht
es mich nun zum Checkpoint Charlie und von hier auf den Weg der Mauertoten.
Einmal laufe ich sogar anderthalb Stunden bis zur Bernauer Straße. Dort gibt
es eine Gedenkstätte, in der jeden Tag eine Andacht für einen der Mauertoten
gehalten wird. Daran möchte ich teilnehmen.
Als ich eines Tages wieder einmal am Checkpoint Charlie vorbeilaufe, taucht
wie aus dem Nichts bei mir die Frage auf, warum Peter Fechter dort verbluten
musste, obwohl doch Jesus für uns gestorben ist und sein Blut bereits für uns
vergossen hat. Ich stelle die Frage bei der abendlichen Austauschrunde in der
Gruppe. Unser Betreuer, ein Pater, gibt mir den Rat, die Frage direkt an Gott zu
richten.
„Aber wie soll Gott denn mit mir reden?“, frage ich.
„Nun, vielleicht träumst du etwas“, sagt er.
„Na klar“, sage ich ironisch. Trotzdem nehme ich mir vor, offen zu sein.
Am Morgen wache ich auf und habe den Gedanken „Lehrter Bahnhof“ im Kopf.
Ich frage mich, was ich damit anfangen soll. Auf dem Stadtplan kann ich den
Bahnhof nicht finden und erfahre, dass an dieser Stelle nun der Hauptbahn-
hof steht. Egal, ich laufe trotzdem hin. Aber an welcher Stelle dort soll ich Gott
fragen? Dieser Bahnhof ist riesig und hat mehrere Etagen. Und weil er viele
Geschäfte hat, mache ich zuerst einen Einkaufsbummel. Dann suche ich einen
geeigneten Platz, um mit Gott zu reden. In der Nähe eines Blumenstandes, mitten
im Getümmel, halte ich an. Ob dieser Platz geeignet ist, weiß ich nicht. Ich stelle
meine Tüten ab und lege los, das heißt, ich frage Gott nach dem Warum. Nichts
passiert. Gott hüllt sich in Schweigen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch nichts
anderes erwartet. Also mache ich mich auf zum Kanal und zum daran angren-
zenden Invalidenfriedhof. Auch hier starben Menschen auf der Flucht, beim Ver-
such, den Kanal nach Westen zu durchschwimmen beziehungsweise die Mauer
zu überwinden, die den Friedhof teilte. Von dort soll es einen Weg zur Bernauer
Straße geben, wo ich noch einmal hin möchte. Ich schaue in den Kanal, versuche
mir vorzustellen, wie es damals war. Das Wetter ist trübe und mich fröstelt. Auf
dem Friedhof vertiefe ich mich in die Schautafeln, auf denen die missglückten
Fluchtversuche beschrieben sind.Einfach ohne Schuhe
77
Den Weg zur Bernauer Straße kann ich aber nicht finden, stattdessen stehe ich
vor einem Wohnblock. Sackgasse. Und auf einmal habe ich keine Lust mehr auf
die ganzen Toten.
Ich atme tief durch und kehre um. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof kommt
mir immer wieder derselbe Vers aus Psalm 10 in den Sinn: „Be still and know
that I am God.” Auf Englisch, weil ich ihn in einer englischen Gemeinde gehört
habe, als ein junger Mann tödlich verunglückt ist. Ich denke an Hiob, als Gott
ihn fragt, wo er denn gewesen ist, als Er die Welt erschaffen hat. Ich nehme es als
Antwort auf meine Frage nach dem Warum und sie lautet: Es geht mich nichts
an, was Gott macht oder zulässt. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die
wir Menschen eben nicht verstehen. Kurz: Ich soll mich erst einmal um mich
selbst kümmern. Ich kann es in diesem Moment akzeptieren.
Und dann bricht plötzlich die Sonne hervor und ich sehe den Bahnhof, der früher
unter einem anderen Namen mit so viel Leid verbunden war, in goldenes Licht
getaucht, das sich strahlend in den vielen Scheiben bricht. Ein überwältigender
Anblick, ein Naturschauspiel! Ob das Gott war, der mir doch noch geantwortet
hat? Ich weiß es nicht. Ich beschließe aber, die Toten ruhen zu lassen, wenn ich
ein letztes Mal an der Stelle war, an der Peter Fechter verblutet ist. Doch als ich
ankomme, ist dort ein Auto geparkt. Ok, ich habe verstanden.
Elke Plutz
Aufmerksam werden
I
n den letzten zehn Jahren wurde bei Kirchen- und Katholikentagen eine Auf-
merksamkeitsübung angeboten. Jeweils etwa fünfzig Menschen gingen zwei
oder drei Stunden auf die Straßen der Stadt. Als Hilfestellung bekamen sie zwei
Sätze aus dem Lukasevangelium (10,3+4) mit auf den Weg. In diesem Bibeltext
bereitet Jesus 72 JüngerInnen darauf vor, in die Städte und Ortschaften zu gehen,
in die er noch kommen will.
Anschließend erzählten die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen von ihren
überraschenden Erfahrungen. Ähnlich nahm Jesus sich die Zeit, den Jüngern zu-
zuhören. Bei uns hörten jeweils einige BegleiterInnen mit Erfahrungen aus Stra-
ßenexerzitien zu. Jetzt möchte ich Sie, die LeserInnen dieser Zeitschrift, einladen,
sich auf solch eine Zeit der Aufmerksamkeit einzulassen. In den nächsten Heften
will ich noch mehr über den Einstieg in die Exerzitien auf der Straße schreiben.
In der biblischen Vorlage weist Jesus zuerst auf die Situation hin, die die Jünger
vorfinden werden. Ähnliches gilt auch für uns. Sie gingen aus dem geschützten
Kreis der Jünger hinaus in ein oft feindlich gesinntes Umfeld. Hier hatten sie sich78
Einfach ohne Schuhe
im Schutz von Jesus, der wohl jeden zu Wort kommen ließ, eine Stellung erarbei-
tet. Doch das wird sich auf der Reise ändern. Ihr überschreitet eine Grenze. Legt
deshalb alle Besserwisserei ab. Hört aufmerksam zu. „Nun geht! Ich sende euch
wie Lämmer mitten unter Wölfe,“ sind die Worte Jesu.
Dann gibt Jesus noch vier Anweisungen:
1. Lasst das Futter für die Wölfe weg: „Nehmt keinen Geldbeutel mit.“ Ohne Geld
seht ihr besser eure Geschwister, die auch ohne Geld auf der Straße sind, und
könnt ihre Bedürfnis spüren: Durst, Hunger, den Zugang zu einer Toilette, Re-
genkleidung. Dann seid ihr keine Kunden mehr, deren Bedürfnisse auf Zuruf
befriedigt werden. (Auch andere Abhängigkeiten, die uns zur Beute von Wölfen
werden lassen, können wir wenigstens für einige Zeit weglassen: die Uhr, Handy,
online-Präsenz …)
2. Kauft kein Überlebenspaket ein. „Lasst auch den Rucksack weg,“ steht im Text.
Die JüngerInnen dürfen jede Absicherung vermeiden, als sich ganz auf die Frohe
Botschaft Jesu verlassen.
3. Geht in die Achtung vor euren Gastgebern. „Zieht Eure Schuhe sofort aus,“
nicht erst beim Betreten der Häuser, sondern schon hier. Vertagt eure Geste der
Achtung nicht!
Legt die Schuhe der Distanz weg: Die Schuhe mit hohen Hacken, mit denen wir
auf andere hinabsehen können – die Turnschuhe, mit denen wir oft bei Konflik-
ten schnell weglaufen – die Schuhe mit Stahlkappen, mit denen wir zutreten
können …. Jeder von uns trägt andere Schuhe (des Herzens), die eine Distanz zum
Boden und zur Wirklichkeit vor Ort herstellen.
4. „Und grüßt nicht unterwegs.“ Wie können wir diese Anweisung verstehen? Als
ich in einer überschaubaren Runde, den Text aus dem Lukasevangelium vorlas,
sprang eine ältere Ordensfrau auf und schrie geradezu: „Ich will doch nicht un-
höflich sein!“
Auch diesen Ratschlag müssen wir in unseren Alltag übersetzen. Ich schlage
vor: Lasst euch von einengenden Regeln nicht aufhalten und grüßt vielleicht mal
diejenigen, die ihr sonst nicht grüßt. Mit manchen Höflichkeitsregeln können
wir den Ruf Gottes in den Hintergrund drücken. Er wird in vielen Alltagskon-
ventionen beiseite geschoben.
Was sehen wir alles – auch in gewohnter Umgebung – neu, wenn wir einige ver-
traute Dinge weglegen? Anschließend hilft ein Gespräch mit FreundInnen die
Erfahrungen zu sichten. Manchmal weitet unseren Blick das Lesen der Erfah-
rungsberichte auf der Webseite: http://www.strassenexerzitien.de
Christian HerwartzEinfach ohne Schuhe
79
Gott auf der Straße suchen und finden
D
amit wir klug werden“ hieß das Motto des Kirchentages. Klugheit, was ist
das eigentlich? Sicherlich mehr und etwas anderes als rationale Vernunft,
Intellekt, Berechnung, formale Logik, obwohl all dies auch Teil jener Klugheit
sein kann, von der die Bibel spricht. In Psalm 90 heißt es: „Herr, lehre uns beden-
ken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“. Die biblische Klugheit
erwächst aus der Erfahrung und Erkenntnis unserer eigenen Endlichkeit oder –
wie Paulus gesagt hat – aus der Erkenntnis, dass unsere Erkenntnis so wie unser
gesamtes Leben fragmentarisch ist, Stückwerk. Und doch gibt es ein Unterwegs
sein, ein Vorwärts-Streben, eine Suche unter uns, Sinn und Ziel des Lebens tiefer
zu erfassen, lebensklüger und auch gottesklüger zu werden, das Geheimnis zu
umkreisen, das wir Gott nennen.
Rainer Maria Rilke, der in seinem „Brief an einen jungen Dichter“ den Jüng-
ling dazu ermutigt, lange Zeit ohne Konzepte und fertige Antworten zu leben,
schreibt:
„Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fra-
gen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer
sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines
fremden Tages in die Antworten hinein.“
Das gilt auch und vor allem bei der Frage nach Gott. Nochmals Rilke:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“
Die Suche nach Gott ist ein Prozess, ein Weg. Die jüdisch-christliche Tradition ist
im Wesentlichen eine Tradition des Unterwegsseins. Abraham muss alles Ver-
traute verlassen und sich auf den Weg machen, um das Land der Verheißung
zu finden. Mose erlebt am brennenden Dornbusch Gott als denjenigen, der ihn
auf einen riskanten Weg schickt, in die Höhle des Löwen, um die versklavten
Hebräer zu befreien. Mose hat nichts als die Verheißung: „Ich bin da. Und ich
werde mit dir sein!“ Jesus war Wanderprediger. Die wichtigsten Gespräche, Be-
gegnungen und Heilungen ereignen sich unterwegs auf den Straßen und Wegen80
Einfach ohne Schuhe
Palästinas. Und Jünger sein, das bedeutet Vertrautes verlassen, aufbrechen, mit-
gehen, ihm nachfolgen. Gott auf der Straße suchen. Ohne äußere Absicherungen,
ohne Netz und doppelten Boden. Kein Geld sollen seine Boten mitnehmen, kein
Brot, so lesen wir bei Markus. Matthäus verschärft es sogar noch: nicht einmal
Schuhe sollen sie anhaben und keinen Stock zur Selbstverteidigung mitnehmen.
Wehrlos sollen sie sein und sorglos und sich der Verheißung anvertrauen, dass
der himmlische Vater weiß, was sie brauchen.
Ich habe in den vergangenen Tagen etwas sehr Berührendes erlebt. Am Pfingst-
sonntag kam eine Frau aus Berlin in die Martinsmesse, unseren Abendgottes-
dienst im Spirituellen Zentrum. Am Ende erzählte sie von einem Experiment.
Teil ihrer Ausbildung als Geistliche Begleiterin war ein „Sozialpraktikum“. Aber
weil sie ohnehin sozial stark engagiert ist mit obdachlosen und ausgegrenzten
Menschen in Berlin-Kreuzberg, spürte sie, dass etwas ganz anderes dran ist für
sie. Bei Exerzitien war sie der Geschichte des Propheten Elia begegnet, den Gott
in die Fremde schickt mit dem Versprechen, ihn zu versorgen. Elia erlebt, wie
ihn eine arme Witwe aufnimmt, er erlebt, als er hungrig ist, wie ein Rabe kommt
und ihm Brot und Fleisch bringt. Andrea, diese Frau, hatte den Eindruck, ihr
Praktikum müsse ein Elia-Experiment des Vertrauens sein. Sie beschloss, zwölf
Tage lang nach München zu fahren und dort ohne einen Pfennig Geld zu leben.
Davon erzählte sie am Ende unseres Gottesdienstes. Wir luden sie ein, die erste
Nacht in unserer Pilgerherberge zu schlafen. Zwei Jakobspilger waren ohnehin
da. Und eine alte Dame, die selbst nur das Nötigste zum Leben hat, gab ihr eine
Adresse und einen Schlüssel und sagte: „Ich habe ein Zimmerchen, das leer
steht. Da kannst du ab morgen wohnen!“
Am Pfingstmontag teilte Andrea mit den Pilgern das Brot, das sie am Vortag von
dem Geld gekauft hatte, das sie durch Flaschensammeln zusammen gekriegt hat-
te. Die Pilger hatten nicht gedacht, dass die Läden am Feiertag geschlossen sind.
So wurde die mittellose Andrea selbst zur Gastgeberin! Einige Tage später saß sie
selbst hungrig und erschöpft im Englischen Garten. Das Flaschensammeln hatte
sich als schwierig erwiesen, weil sie gemerkt hat, dass sie dadurch wirklich
Bedürftigen die Einnahmen stibitzt. Das alles erfuhren wir im Gottesdienst am
vergangenen Sonntag. Originalton Andrea: „Und was jetzt passiert ist, trau ich
mich fast nicht zu erzählen. Es klingt zu kitschig, und ich kann verstehen, wenn
ihr die Geschichte nicht glaubt! Aber als ich dasaß, hungrig und im Nieselregen,
da kam ein Rabe! Jawohl ein Rabe wie in der Eliageschichte! Aber da ich Vege-
tarierin bin, hatte er kein Fleisch dabei. Dafür aber einen wunderschönen roten
Apfel. Den legte er neben mir ab und flog davon! Der Apfel war völlig unbeschä-
digt bis auf die kleine Spur des Vogelschnabels im Fruchtfleisch. Die konnte ich
rausschneiden. Der Apfel war wunderbar!“Einfach ohne Schuhe
81
Ein Experiment mit einem Gott, der offensichtlich Humor hat und ein Meister
der Inszenierung ist. Er zeigt sich gern da, wo wir aufbrechen ins Unbekannte
und Ungesicherte. Wir finden ihn eher auf der Straße als in festen Häusern. Ig-
natius von Loyola, der Erfinder der Geistlichen Übungen und Exerzitien, sprach
davon, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Jesus sagt im apokryphen
Thomasevangelium, Logion 77: „Spaltet das Holz und ich bin da, hebt den Stein
auf, und ihr werdet mich finden“. Deswegen hat er seine Leute immer wieder
hinausgeschickt auf die Straße. Und er selbst war ständig in Bewegung – und
trotzdem aufmerksam und achtsam.
Viele Heilungsgeschichten beginnen damit, dass Jesus auf dem Weg innehält
und dass er etwas sieht, was seine Jünger zunächst übersehen. Zum Beispiel Jo-
hannes 9,1: „Im Vorübergehen sah er einen Mann, der war von Geburt an blind!“
Während die Jünger sofort diskutieren, wer schuld ist an der Misere des Blin-
den, sein Karma oder seine Eltern, wendet sich Jesus diesem Menschen zu. Er
bestreicht die Augen des Blinden mit einem Brei aus Speichel und Humus und
schickt ihn zum Teich Siloah, um sich zu waschen. Auch der Blinde muss aufbre-
chen, um Heilung zu erleben. Und dann ist Jesus erst einmal weg, und der Mann
muss sich im Dschungel von Nachbarschaft, Elternhaus und religiösen Behörden
bewähren und daran wachsen.
Die Straße, der Weg: Jesus nennt sich im Johannesevangelium selbst den „Weg“,
und der erste Namen, den man den Christen gab war „Die Leute des Weges“ nach-
zulesen in Apostelgeschichte 9,2. Wenn Jesus seine Leute auf den Weg schickt,
dann meinen sie oft, ihre Hauptaufgabe sei es, Gott in die Welt zu tragen, zu
missionieren. Aber die Erfahrung, die diejenigen machen, die sich senden lassen,
sieht ein wenig anders aus: Sie stellen erstaunt fest, dass Gott längst da ist, wo
sie hinkommen. So wie Paulus in Athen den Altar des Unbekannten Gottes ent-
deckt hat. Auf der Straße entdecken die Jünger Jesu, dass sie in der Begegnung
mit Fremden, mit Andersdenkenden und Andersglaubenden, dass sie gerade am
Rand der Gesellschaft und der verfassten Kirche selbst transformiert werden.
Deswegen ist es so genial, wenn Papst Franziskus die Kirchenchristen auffor-
dert, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Nicht nur, um Gott dort hinzutra-
gen, sondern um Gott zu suchen und zu finden.
Christian, du hast einmal gesagt: „Jeder Mensch ist ein wandelnder Taberna-
kel“. Für Nichtkatholiken: Tabernakel ist das Häuschen, in dem die Hostie, das
gewandelte Abendmahlsbrot, die Gegenwart Gottes aufbewahrt und angebetet
wird. Ich wünsche uns, dass wir auf unseren Wegen in diesen Tagen auf dem Kir-
chentag etwas davon spüren und erleben: Gott in allem, in jedem Mitgeschöpf, in
jedem Mitmenschen. Er ist schon da.
Andreas Ebert82
Einfach ohne Schuhe
München ohne Geld
A
m ersten Tag meines sozialen Experimentes stand ich am Pfingstsamstag
in der Fußgängerzone in München, bei regnerisch-kühlem Wetter. Am Vor-
abend hatte ich meine Regionalgruppe über mein Vorhaben knapp informiert
und bei Susanne aus unserer Gruppe übernachtet. Nun stand ich da, alleine,
ohne Plan und Geld, wie ich die nächsten 12 Tage und 11 Nächte in München
leben sollte. Ich hatte zwei kleine Rücksäcke dabei mit etwas Wechselwäsche,
Regenschutz, einem Schlafsack und einer dünnen Alumatte. Mein „Reichtum“
war ein altes Fahrrad mit großem Korb auf dem Gepäckträger, das mir Susanne
für meine Zeit in München geliehen hatte. Meine Freunde in Berlin wussten
nicht, was ich in München vorhatte, mein Mann und meine Kinder auch nicht.
Ich hatte mich einfach für 12 Tage Sozialpraktikum abgemeldet. Über etwas zu
reden, wovon ich selbst keine Ahnung hatte, wie es werden sollte, das wollte ich
nicht. Ich war mir sehr sicher, dass ich genau dieses Sozialexperiment machen
sollte. Ich hatte mich schon Tage zuvor darauf gefreut, nicht in eine Einrichtung
eintauchen zu müssen, wo ich wieder neue Regeln lernen müsste. Ich hatte schon
so viele Projekte in Berlin: die Kommunität Naunynstraße mit den Menschen
aus aller Herren Länder, aus Psychiatrie, Gefängnis und Flucht, mit meinen Men-
schen aus dem Hospiz, durch meine gewerkschaftliche Beratung von Menschen
in sozialen Krisensituationen und auch mit meinen pubertierenden Jungs zu
Hause.
So war dann auch das Erste, was mich in München an diesem ersten Morgen
traf, ein Gefühl ungeheurer Freiheit: Freistellung von allen Rollenverpflichtun-
gen! Dann fiel mir aber irgendwann ein, dass die beiden Pfingstfeiertage bevor
standen, Tage, an denen man kein Flaschenpfand eintauschen kann und die Le-
bensmittelgeschäfte nicht offen haben. Ich sammelte ein paar Flaschen, Wert
2,50 Euro, am Hauptbahnhof aus ankommenden ICE ein und kaufte mir davon
bei einem Discounter neun Scheiben Roggenvollkornbrot für 49 Cent! Und einen
Camembert für 1,09 Euro. Damit war das Versorgungsproblem erst mal verges-
sen. Wasser füllte ich mir immer an öffentlichen Wasserstellen in zwei Plastik-
fläschchen ab.
Das Übernachte gestaltete sich schwieriger. Ich war sehr ruhig, hatte aber kei-
ne Ahnung. Für die Nacht waren Dauerregen und 5 Grad gemeldet. Ich schlief
letztlich in einer kleinen Kirche, in der mich ein Klosterbruder einfach bis zur
Pfingstmesse am nächsten Morgen verweilen ließ. Am Pfingsttag überfiel mich
eine riesige Dankbarkeit, die erste Nacht und den ersten Tag überlebt zu haben
und so reich beschenkt worden zu sein. Die zweite Nacht verbrachte ich mit zwei
Jakobswegpilgern in der Pilgerherberge auf Matten in dem Spirituellen ZentrumEinfach ohne Schuhe
83
St.Martin. Dort hatte ich am Abend Gottesdienst mitgefeiert und mit den Pilgern
zusammen einen persönlichen Segen des Pfarrers erhalten, eine Kostbarkeit für
meinen Weg. Die dritte Nacht schlief ich in dem Klassenzimmer einer Lehrerin,
und ab der vierten Nacht hatte ich die Witwe des Elija (1 Kön) gefunden, der Gott
befohlen hatte, für Elija zu sorgen, was ich in den Exerzitien unserer Fortbildung
im April dieses Jahres mehrere Tage aus einem Augenwinkel mitmeditiert hatte,
als ich immer wieder Elija-Texte las. Diese Witwe wohnt nun in München und
streckte mir am Ende eines Gottesdienstes in St. Martin ihre Visitenkarte und
ihre Wohnungsschlüssel entgegen und lud mich für den Rest der Zeit in ihr Gäs-
tezimmer ein. Nun war die Zeit zwischen etwa 22 Uhr am Abend und morgens
ca. 5.30 Uhr abgesichert. Ich prüfte kurz, ob das zu viel Absicherung war, aber
Elija war bis ins dritte Jahr bei seiner Witwe geblieben. So beschloss auch ich zu
bleiben, falls nichts anderes vorfalle.
Nach fünf Tagen hörte der Regen auf und das Leben auf der Straße wurde leich-
ter. Nach dem ersten warmen Abend lag der Englische Garten morgens voller
Pfandflaschen wie die Wüste voller Manna. Nur musste ich vor 6 Uhr da sein,
also bevor die Müllabfuhr und die professionellen Sammler kamen. Zum Haupt-
bahnhof ging ich nicht mehr, die professionellen Sammler und die kriminellen
und zwielichtigen Strukturen waren mir unheimlich geworden, weil ich plötz-
lich sah, wer hier nicht als Reisender war und dass die das von mir auch sahen.
Diese Regeln wollte ich nicht genauer kennenlernen. Auch bei Mac Donalds, wo
ich, wenn es finanziell möglich war, einmal am Tag einen Kaffee für einen Euro
trank, mein ganzer Luxus, fragte man mich nur am ersten Tag, ob ich sonst
noch was wolle, ab dem zweiten gehörte ich zu den Stammgästen, denen man
nur freundlich sagt, „Zucker und Milch sind rechts, bedienen Sie sich“. Welche
Würde, Gast sein zu dürfen, einfach Kunde und nicht Bettler. Am 5. Tag landete ein
Rabe neben mir im Gras, der Rabe, der Elija Brot und Fleisch brachte, er brachte mir
einen wunderschönen roten Apfel, weil ich mich doch vegetarisch ernähre, erklärte
mir eine Dame im Gottesdienst am nächsten Sonntag, Gott habe eben Humor. Ich
erlebte Tage voller Freiheit, voller Dankbarkeit, voller Freude, Tage, in denen Gott alle
Wege mitging, Urlaub mit Gott.
Andrea Scherer
Ein Brausen im Kopf
D
onnerstag morgen der Straßenexerzitien, die gemeinsam in einer Gruppe
seit Sonntag zuvor begonnen hatten; Ende Oktober, kalte, kurze Tage, gele-
gentlich Niederschlag. Das draußen-auf-der-Straße-sein erforderte Engagement
und Fantasie, denn so einfach war es für mich nicht, bei dem kalten Wetter in84
Einfach ohne Schuhe
dieser großen Stadt den Tag über draußen zu gestalten. Tags zuvor war ich über-
müdet gewesen und zu kaum einer Kraftanstrengung fähig. Aber heute, da stand
etwas an, das spürte ich!
Das KZ Sachsenhausen in Oranienburg knapp eine Stunde mit der S-Bahn, nörd-
lich von Berlin: Es war nicht der erste Besuch in einem KZ; in den zurücklie-
genden 20 Jahren habe ich das öfters gemacht und jedes Mal auf merkwürdige
Weise eine Art Durchgang erlebt und auch das KZ als Ort, an dem all jene nicht-
sprachliche persönliche Gewalterfahrung einen Platz auf dieser Welt gefunden
hat. Also wenn man so will, fast auch eine Wohltat. Feierliche Stille herrschte
im Land Brandenburg, denn es war Reformationstag. Wildgänse zogen in der
bekannten V-Formation hoch am Himmel gen Süden.
Und dann erstreckte sich vor mir ein riesiges Areal, das so dicht an der Gro-
ßen Stadt Berlin lag. Langsam ging ich das Gelände ab, das meist grasbewach-
sen war, nur in einem kleineren Areal standen Gebäude, wie z.B. Wohnhütten,
der Erschießungsplatz und eine überdachte Gedenkstelle für die Ermordeten,
mit einem Ruinenfeld. Erschießungsplatz: eine Art Zufahrtweg war fast PKW-
garagentief, abwärts in die Erde gegraben, die Erdwände waren mit Eisenbahn-
holzbohlen verstärkt und befestigt. Dadurch ging von dem Ort ein verbrauchter
Holzgeruch aus, ähnlich wie in den Baracken. Der Bereich war offen, also nicht
überdacht.
Direkt an der „Linie“ wo die Erschießungen stattgefunden haben sollen, blieb ich
stehen, und in mir tauchte ein Bild, eher noch eine Erfahrung auf, die geradezu bi-
zarr war: Das Bild zeigte genau auf der „Linie“ so etwas wie eine Hochsprungmat-
te, die aber zumindest im oberen Teil, auf den man drauffiele, aus rosa Daunen-
matratzen und -decken bestand. Sodass es ganz leicht gewesen wäre, mit einem
leichten Schwupp sich in die wunderbar sauberen, weichen, rosa Decken hinein-
fallen oder -hopsen zu lassen. Und in dem „Bild“ habe ich das auch gemacht und
bin ganz weich und sanft gefallen. Es war im Grunde genommen wunderschön.
Und dann habe ich wieder die Augen aufgemacht, von irgendwoher kam eine et-
was lärmende Gruppe, und mir wurde das Grauen um mich her, der eklige Holz-
geruch und der Ort so tief in der Erde voll bewusst. Und mit diesen widersprüch-
lichen Eindrücken ging ich weiter. Weiter hieß, zu dieser überdachten Stelle, an
der der Getöteten gedacht werden kann. Und dann ging ich noch einmal zurück
zur Erschießungsstelle, ob das „Ganze wieder anfängt“, aber es fing nicht mehr
an. Es war ganz still – Grauen pur; aber die jüngste Erinnerung war stark und
präsent und ist es bis heute, sechs Jahre und sechs Wochen später.
Bernadette Allgeier85
Einfach ohne Fragerei
Einfach ohne Fragerei
Ohne Fragen

Fensterkreuz
alte Straßenlaterne
Lichtdunkel
kahler Baum
Berge
entberge
Stille der Frühe
Grundrauschen
der Kreuzberger
Häuserfluchten86
Einfach ohne Fragerei
D
ie Exerzitien auf der Straße sind für mich in diesem Jahr auch Exerzitien
mit der WG Naunynstraße 60 in Berlin-Kreuzberg. Einige der Menschen dort
sind mir nun seit drei Jahren vertrauter. Sie sind mir ins Herz gewachsen. Ich
staune, wie wir am Morgen und an den Abenden dort sprechen, beim Frühmahl
und beim Abendessen, auch zwischendurch in der Küche und beim Begegnen in
einem zentralen Wohnraum, an den die Schlafräume der Frauen und der Männer
grenzen. Es sind Gespräche, von denen ich sonst oft nur träume, wenn in Begeg-
nungen nicht viel mehr als „small talk“ möglich wird.
Irgend eine, irgend einer aus Naunyn 60, diesem Zusammenkommen von Men-
schen aus verschiedenen Religionen, Kontinenten, Sprachgründen, Kulturen, Le-
bensgeschicken und Lebensaltern wirft eine Frage oder ein Wort auf – und bald
ist am Tisch ein intensives und sehr differenziertes Gespräch über die großen
Themen aus Philosophie, Politik, Theologie, Kultur und Gesellschaft im Raum.
Die Differenzierung ergibt sich durch eine der Regeln der Kommunität: Wer
spricht darf ausreden. Die anderen hören es an.
Die zweite Regel wird hier so gelebt, wie ich es sonst bislang nirgendwo fand:
Wer die Türschwelle übertritt, ein neuer Gast, wird nicht befragt nach dem Wo-
her? Warum hier? Wer bist Du? Wie geht es Dir? Welche Geschichte bringst Du
mit? Was hat Dich in Not und Bedrängnis gebracht?
Es gibt etwas zu trinken (Tee und Tee und wieder Tee aller Art), etwas zu essen,
einen Schlafplatz, der Vorname genügt. Der Gast hat das erste Wort, wenn sie,
wenn er sprechen möchte.
Hier wird gelebt, was der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem
wundervollen Buch „Von der Gastfreundschaft“ bedenkt, wenn er umkreist, dass
dort, wo der Gastgeber die Hoheit der ersten Frage ausübt, Hierarchie entsteht,
Gefälle, Macht im Gespräch, Heteronomie, Setzen der Regeln, Bestimmung über
Sprache, Identität, Gesetz. Da jedoch, wo der Gast, der Fremde, die Fremde das
erste Wort erhält, in der je eigenen Sprache, im Gestus, im Schweigen, in Gegen-
seitigkeit, das MIT auf Augenhöhe entstehen kann und somit eine Weise von
Beziehung im herrschaftsfreien Gespräch in der vorbehaltlosen Annahme vor
aller Leistung und trotz aller möglichen Verstrickungen. Ich habe dies nun in
drei längeren Aufenthalten in Naunyn 60 erfahren und staune, wie unprätentiös
und ohne Idealisierung dies real im Raum ist – täglich.
Rolf, ein neuer Mitbewohner in Naunyn 60, ist dieses Mal der, mit dem ich das
Etagenbett teile, er unten, ich oben. Rolf ist Musiker, ein begabter Gitarrist und
Sänger, voller Ideen, Leben pur. Er rät mir, es vor Weihnachten mit meiner Trom-
pete auf der Straße zu probieren. „Das kommt jetzt gut bei den Leuten, Trompete
mit Advent- und Weihnachtsliedern.“Einfach ohne Fragerei
87
Er erklärt mir, wie man in Berlin einen Schein bekommt, mit dem man in Bahn-
höfen und an Plätzen Musik machen darf, ohne behördlich und polizeilich ver-
wiesen zu werden. Auf den Schein verzichte ich.
In den Tagen probiere ich mich aus als Straßenmusiker, täglich am U-Bahnhof
Prinzenstraße, auch auf dem Hermannplatz, U-Bahnhof Moritzstraße, am Bahn-
hof Jannowitzbrücke und am U-Bahnhof Hermannstraße. Ambivalente Erfah-
rungen: Glückliche Gesichter, Kinder, die ihre Eltern anhalten zum Zuhören, zum
Anfassen der glänzenden Trompete, viel Zuspruch: „Eh, Mann, du spielst jut, du
brauchst ‘nen besseren Platz. Früher hab ick och jetrötet!“- „Spiel det noch mal.
Det hab ick jahrelang nich jehört ‚Et is en Ros entsprungen‘ – det jefällt mir,
wart, ick sing mit…“ –
Ein Obdachloser erzählt mir seine Geschichte: „Ich bin Gunnar, komme von der
Ostsee, war mal Radioreporter, ganz erfolgreich. Dann ist die Frau mir weg. Habe
angefangen zu saufen. Jetzt bin ich schon drei Jahre auf der Straße. Nett, dass Du
mir zuhörst. Gefällt mir, wie Du spielst.“
Aber auch: An der Moritzstraße und an der Hermannstraße stelle ich meinen
Kasten auf ein Stück Straße vor einem Buchverlag und einem Einkaufszentrum.
Die ersten Münzen werden von Passanten in den Trompetenkoffer gelegt. Viel-
leicht 10 Minuten gespielt. Dann – jeweils – ein Wachmann (des Verlages, des
Kaufhauses) kommt: „Da, wo Sie stehen, das ist privat. Verlassen Sie das sofort,
sonst rufe ich die Polizei.“ Beim Buchverlag sage ich: „Dann gehe ich halt zwei
Meter woanders hin!“ Der Wachmann: „Dann rufe ich auch die Polizei, denn Sie
nerven unsere Angestellten.“ Als ich das dem Wachmann sage vor dem Kauf-
haus und meinen Trompetenkoffer 10 Zentimeter wegziehe in Richtung U-Bahn-
schacht, nickt der und sagt: „So ist es in Ordnung!“
Als Straßenmusiker verdiene ich nicht schlecht. Täglich etwa zwei Stunden ge-
spielt, täglich etwa 30 Euro verdient.
Wenn ich denke, dass es Menschen gibt, die etwa in der Massentierverarbei-
tungsindustrie als Zuschneider der Schweine und Rinder (ein gefährlicher Kno-
chenjob im Akkord mit enorm scharfen Messern – bis zu 10 Stunden täglich),
mitunter dies tun für 4 Euro pro Stunde… Wir können vom eingenommenen Geld
einmal wunderbar essen in der WG. Franz bereitet eine Lammkeule als Eintopf
zu – welch‘ ein Genuss!
Als ich an der Jannowitzbrücke spiele, kommen nach dreißig Minuten zwei Punks
mit Hunden: „Du gehst uns mit Deinem Getröte dermaßen auf den Sack. Seit Du
hier bist, kriegen wir da an der Treppe nix mehr!“ Ich verstehe und gehe.
Ähnlich, aber leiser an der Prinzenstraße. Im U-Bahneingang, hinter mir, fast
versteckt schräg zur Tür, ein ganz junger Obdachloser, vielleicht 17 Jahre alt,
Blick ganz nach unten, Kapuze tief ins Gesicht, darunter eine alte Weihnachts-88
Einfach ohne Fragerei
mannmütze. Nach einer Zeit kommt er raus und sagt: „Mann, seitdem Du da bist,
bekomme ich gar nichts mehr!“ Ich sage: „Das tut mir leid! Bitte nimm Dir etwas
aus dem Koffer!“ ER: „Ich würde niemals in Deinen Koffer ‘reingreifen. Das ge-
hört sich nicht!“ – Ich gebe ihm etwas und verziehe mich.
Am Tag darauf ist er nicht mehr da. Zum Ende meiner Zeit kommt eine ältere
Frau, ich spiele „In dulci jubilo“ – sie kommt näher und fängt zu weinen an. „Das
ist so schön, wie Sie das spielen. Das habe ich jetzt bestimmt zwei Jahre nicht
gehört. Ach, geht das ins Herz. Danke!“
Den Tag im Hören schließen:
was tönt die Straße,
wo ist in mir Fließen!?
Ich bin sehr dankbar den Menschen aus der Naunyn 60: Den beiden Jesuiten,
Christian und Christian, Samuel, Rainer, Rolf, Mohammed, Franz, Ibrahim, Nadi-
ne, Maria, Joy, Christina, Monika, Rana, Envr, Gaston, Boris, dem dritten Christi-
an – und wer sonst noch in den Tagen dort ankam!
Am ersten Abend ein langes Gespräch mit Envr aus der WG, ein großer Zeichner,
ein Denker, eine echte philosophische Begabung. Zwei Stunden sprechen wir,
hören aufeinander, schweigen, betrachten seine Mikrogramme aus dem Bleistift-
gebiet.
Im Nachsinnen zum Gespräch kommt mir:
Urrauschen
im Urgrund die Vielheit da und e i n s
und so
jeder Akzent sein D A
in meinem Wort
der Ausdruck D e i n e s Allwortes
in meinem Maß
die Steine sprechen Dich aus
in ihrer Gestaltformrelation
und so alles Wirkliche
wirkend D I C H
fasst D i c h ganz
im liebenden T a n z
Markus RoentgenEinfach ohne Fragerei
89
Ein Stück Himmel über dem ‚Tor zur Hölle‘
Ü
ber 8 Jahren lebte und arbeitete ich in der faszinierenden Stadt Berlin. Vie-
les habe ich erlebt und manche Entwicklungen konnte ich über die Jahre
beobachten und mit begleiten. Immer wieder wurde mir die Frage gestellt: „Wie
wird geistliches Leben in Berlin sichtbar?“
Bei dieser Frage muss ich an verschiedene Texte der Bibel denken, wo Jesus in
den Gleichnissen das Reich Gottes in Bildern uns nahe bringt. So z.B. in Lukas
13,19+20: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch in seinen Gar-
ten säte, und es wuchs und wurde ein Baum“….und „das Himmelreich gleicht einem
Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis
es ganz durchsäuert war.“ Klein, unscheinbar, von den Massen nicht beachtet
und wenig kommentiert wächst das Reich Gottes in Berlin, und man könnte es
glatt übersehen weil es meist nicht in den Schlagzeilen vom ‚Tagesspiegel‘ und
‚Morgenpost‘ zu finden ist.
Das Himmelreich in Berlin ist gleich einem kleinen Senfkorn, das in einer Wohn-
gemeinschaft in Kreuzberg zu finden ist. Sie liegt hinter dem berüchtigten ‚Kotti‘,
einem Platz wo Drogenabhängige und Junkies zu Hause sind – direkt über der
Kneipe mit der Aufschrift „Trinkteufel – das Tor zur Hölle“. Dort oben in die-
ser Wohnung finde ich einen Menschen, der nach den Grundsätzen des Reiches
Gottes lebt und wo ich spüre, dieser Platz ist ein Ort des Segens für viele und
ein Vorgeschmack des Himmels. Dort lebt Christian, ein Jesuitenpater, der sich
schon seit Jahrzehnten dort für die Belange von Flüchtlingen und Menschen am
Rand der Gesellschaft einsetzt. Er lebt in dieser Wohngemeinschaft, die für alle
und jeden offen ist. Sein Motto lautet: „Man kann von jedem Menschen etwas
lernen“. Die Menschen kommen aus Vietnam, Pakistan, Kamerun, Afghanistan
und vielen anderen Ländern. „Menschen aus über siebzig Nationen haben hier
schon gewohnt und das bedeutet 70 mal neu Gastfreundschaft zu lernen“. Er
fragt die Menschen, die zu ihm kommen und um einen Schlafplatz bitten nicht,
ob sie einen legalen Aufenthaltsstatus haben oder ob sie ‚clean‘ sind. Er schaut
nach, ob ein Bett frei ist. Sie dürfen so lange bleiben, wie sie wollen. Christian
stellt diesen Ort als logische Folge seines Glaubens dar. „Ich lese in der Bibel, und
dann kommt das dabei raus“, sagt er und „Und als Christ kann man die Tür nicht
gut zuhalten!“ Das bewegt mich und ich fühle, dass hier Reich Gottes wächst
und sichtbar wird. „ Einfach ohne“ großes Aufsehen wird dort von Christian und
anderen Bewohnern der tätige Glaube der Bibel vorgelebt. Er ist ansteckend und
vor allem für unsere heutige Zeit relevant, und das braucht Berlin.
Das wünsche ich mir noch mehr für uns, dass wir „einfach ohne“ nachzudenken
Gottes Liebe und Barmherzigkeit an Menschen, die uns begegnen, verschenken90
Einfach ohne Fragerei
und „einfach ohne“ immer nachzufragen, zu hinterfragen und auszufragen unser
Herz öffnen und unser Gegenüber reinlassen. Egal ob Flüchtling, mit Papier oder
ohne, Junkie clean oder auf dem Weg oder jemand der „einfach mal ohne Agen-
da“ mit jemand auf eine Tasse Kaffee seinen Alltag teilen möchte.
Thomas Hieber
Der lange Weg einer Heilung
Fürwahr, er lud auf sich unsere Schmerzen ….
und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes. 53, 4+5)
A
ls in unserem Land die Diskussionen um sexuellen Missbrauch losgingen,
machte mich das Thema zwar sehr betroffen, aber ich ahnte noch nicht,
dass dies eine ganz persönliche Betroffenheit war.
Ich musste über 50 Jahre alt werden, bis sich die Wahrheit des sexuellen Miss-
brauchs in der Kindheit wieder einen Weg ins Bewusstsein bahnte.
Da diese Wahrheit für das kleine Mädchen zu schrecklich war, um damit leben
zu können, wurde sie begraben und mit der Wahrheit auch ein Teil des Mäd-
chens.
Über Jahrzehnte hinweg litt ich unter einem immer wieder kehrenden Alptraum,
an dessen Inhalt ich mich nicht erinnern konnte. Nur wachte ich schreiend auf,
mit klopfendem Herzen und voller Panik. Manchmal sprang ich aus dem Bett,
weg von der Tür. Irgendwann konnte ich mich erinnern, dass jemand in mein
Zimmer kommt, der mich bedroht, dann, mit über 40 Jahren, erinnerte ich mich,
dass sich im Traum ein Mann über mich beugt, was den absoluten Horror aus-
löste.
Die Panik nach diesem Traum war so extrem, dass ich mich entschloss, eine Psy-
chotherapie zu machen. Ich ahnte, dass da irgendwas Schreckliches passiert sein
musste, aber ich hatte auch Angst vor der Wahrheit. Ich versuchte den Gedanken
an sexuellen Missbrauch zu verdrängen. Da kam mir die Therapeutin sehr entge-
gen, die mir nach einigen Sitzungen erklärte, dass ich so viel in meiner Kindheit
erlebt habe, dass sich diese Alpträume auch ohne sexuellen Missbrauch erklä-
ren lassen. Ich brach die Therapie nach kurzer Zeit ab, war aber beruhigt und
beschloss, dass die Träume nun weg sein werden. Sie verschwanden wirklich,
und die nächsten 7 Jahre hatte ich Ruhe. Aber als ich begann, davon unabhängig
mich mit mir auseinanderzusetzen, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäf-
tigen, war der Traum plötzlich wieder da. Mit voller Wucht erschien der Mann
wieder. Ich geriet noch einmal an einen Therapeuten, der mich beruhigte und ichEinfach ohne Fragerei
91
ließ mich auch gerne entgegen meiner Ahnung beruhigen, aber ein Jahr später
brach die Wahrheit dann heraus.
Während eines Gruppencoachings, als der Coach mit einer anderen Teilnehmerin
darüber spricht, dass der Körper nicht lügt, trifft mich die Wahrheit mit voller
Wucht. Es schießt mir durch den Kopf, und der Mann wollte mir Böses!
Mein Herz rast, mein Unterleib verkrampft sich, ich ziehe automatisch die Beine
an, möchte mich am liebsten verkriechen.
Ich kämpfe mehrere Stunden mit mir, dann spreche ich das Thema an und ak-
zeptiere die Wahrheit. Ich komme zu dem Schluss, dass es mein Großvater war,
der sich an mir schuldig gemacht hat, und als die Tränen fließen, verspüre ich
auch eine Art Befreiung. Die nächsten Tage sind gefüllt mit Trauer, aber gleich-
zeitig habe ich das Gefühl, dass der Deckel vom Dampfkocher abgenommen wur-
de. Ich spüre mich plötzlich ganz anders. Ich genieße eine ungeahnte Freiheit.
Ich beobachte, wie ich ganz anders aus mir heraus komme.
Dann schleicht sich die Routine ein, und immer häufiger frage ich mich, ob ich
mir das nicht alles nur eingeredet habe.
2 Jahre später beginne ich noch einmal eine Therapie, diesmal bei einer sehr
guten Therapeutin, die es schafft, mich an Erinnerungen heranzubringen, die
sehr gut abgekapselt waren. Ich durchlebe noch einmal die Gefühle des klei-
nen fünfjährigen Mädchens, das seinen beiden Opas ausgeliefert ist, und von
niemand beschützt wird. Es ist einfach nur schrecklich, dieses Verlasen- und
Ausgeliefertsein, die Angst und die Scham.
In diesem Moment entscheidet das kleine Mädchen, dass es niemandem vertrau-
en kann, keiner hat ihr geholfen, weder Vater noch Mutter noch sonst jemand
hat sie beschützt. Und sie sieht wie Gott durch das Fenster des Kinderzimmers
zuschaut bzw. bei ihr ist. Und in diesem Augenblick entscheidet sie, dass sie von
nun ab nur noch Gott vertrauen kann. Er muss sie nun an die Hand nehmen.
Nach der Therapiesitzung bin ich völlig erledigt. Dies war die erste Sitzung, wo
nichts aber auch gar nichts Gutes zu finden war. Wenn ich meine Beziehung
zu meinen Vater oder meiner Mutter angeschaut hatte, gab es zwar auch viel
Schmerz, aber es ließ sich auch immer Gutes finden.
Nur bei Missbrauch gibt es nichts Gutes! Auch wenn ich die Erinnerung begraben
hatte, die Ereignisse haben dennoch mein ganzes Leben beeinflusst. Es hat mein
Vertrauen in andere Menschen zerstört und mich meiner Weiblichkeit beraubt.
Das erzeugt Wut und natürlich viel Traurigkeit. Aber mein Leben geht weiter
und ich kann es jetzt anders leben. Der Vers „Die Wahrheit wird euch frei ma-
chen“ bekommt eine ganz andere Bedeutung für mich.
Die nächste Sitzung war dann auch schon wieder sehr viel positiver, und ich
entscheide aus Missbrauchsstrukturen auszubrechen.92
Einfach ohne Fragerei
Als erstes handele ich 7 Wochen Überstundenabbau aus. Ich möchte die Zeit
nutzen, mich mit mir zu beschäftigen und mit meinem Verhältnis zu Gott. Ich
spüre seit Jahren, dass eine berufliche Neuorientierung ansteht, und ich brauche
Zeit, nachzudenken,
So beschließe ich die ersten zwei Wochen in einem Kloster zu verbringen, um
wirklich Zeit für mich und für Gott zu haben. Ich recherchiere im Internet und
fühle mich zur Kommunität Volkenroda hingezogen. Dort verbringe ich 2 wun-
dervolle Wochen mit Gott. Die erste Woche rede ich noch und nehme an den
Gesprächen im Kloster teil. Dann zieht es mich mehr und mehr in die Stille und
die zweite Woche verbringe ich im Schweigen. Ich bin völlig überwältigt, wie
Gott mir begegnet und wie er an mir arbeitet. Zuerst geht es um Heilung! Bevor
ich mich neu orientieren kann, bevor ich etwas für Gott tun kann, heilt er meine
Wunden. Der Missbrauch kommt hoch und ich erinnere mich an das Bild, wo das
kleine Mädchen Gott erlebt, wie er durchs Fenster zuschaut, als sie missbraucht
wird. Ich habe Gott in der Ferne erlebt.
Ich denke an den Vers: Und Gott rief aus der Ferne, ich habe dich je und je geliebt
und aus lauter Güte zu mir gezogen.
Das hatte Konsequenzen für mein Leben. Mich in Gottes Hand zu begeben, da ich
Menschen nicht mehr trauen konnte, war eine Entscheidung mit dem Verstand.
So blieb das Gottvertrauen auch oft im Kopf. Im Gebet zeigt mir Gott eine Puf-
ferzone um mein Herz, wo er nur ab und an durchdringen kann. Und ich denke
zurück an die Fünfjährige und ich fühle mich verlassen, frage mich, warum hat
mich Gott verlassen, warum war er mir fern? Wie kann ich ihn an mein Herz
lassen, wo er mir doch auch nicht geholfen hat? Ist er an mir schuldig geworden?
Ist Gott an so vielen Menschen schuldig geworden? Muss ich ihm vergeben? Darf
ich so denken? Und dann denke ich an Jesus, wie er am Kreuz hängt und sagt,
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Ja, ich war verlassen, aber ich befinde mich in guter Gesellschaft!
Jesus wurde auch verlassen. Das gibt ein wenig Trost. Am Nachmittag sitze ich
auf einer Bank auf dem Klostergelände und eine Gruppe, die dort ein Seminar
hat, stellt sich unweit hin. Der Redner liest 2 Verse vor:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und
„Er lud auf sich unsere Schmerzen … und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Er lässt den Teil dazwischen weg.
Ich spüre, wie Gott zu mir redet. Jesus wurde von Gott verlassen, so dass er all
die Wunden derjenigen, die auch verlassen wurden, heilen kann.
Er ist gestorben, um meine Wunden zu heilen. Bisher sah ich das Kreuz nur als
den Ort, wo Jesus für meine Sünden zahlt. Nun erfahre ich, dass er dort auch für
meine Wunden gestorben ist. Er hängt am Kreuz für Opfer und Täter!Einfach ohne Fragerei
93
Der Heilungsprozess geht weiter. Am nächsten Tag geht mir das Lied nicht aus
dem Kopf: „Warst du da, als sie kreuzigten den Herrn?“ Ich sehe Jesus am Kreuz
auf einem Hügel, weit weg von allen anderen, völlig allein, verlassen, und dann
die Frage, war ich dabei? Ja, ich war dabei als ich selber gekreuzigt wurde. Miss-
brauch ist wie eine Kreuzigung. Die Verlassenheit, Ausweglosigkeit, das Ausge-
liefertsein, die Schande und die Scham.
Aber das Lied hat noch andere Strophen. „Warst du da als sie ihn ins Grab legten
und warst du da als sie den Stein wegrollten?“
Auch ich wurde begraben. Meine Weiblichkeit und mein Vertrauen in andere
Menschen wurden zu Grabe getragen. Ich habe mich dann in die Autonomie ge-
flüchtet und „meinen Mann gestanden“. Ich war immer sehr lebenstüchtig, und
dennoch blieb da eine Sehnsucht.
Aber wie Jesus durfte auch ich wieder auferstehen, der Stein wurde weggerollt.
Der Deckel vom Dampfkochtopf gehoben.
Überwältigt von Gottes Liebe zu mir habe ich mich heilen und in seine Arme
fallen lassen.
Das, was in der Therapie bereits aufgearbeitet wurde, durfte ich nun noch ein-
mal in seinem Licht sehen und von seiner Liebe besiegeln lassen.
Marlies
Zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche:
Sind wir Gott?
M
anchmal habe ich den Eindruck wenn ich die gezielt immer wieder auf-
tauchenden Zeitungsartikel gegen die katholische Kirche lese. Gezielt und
ablenkend von den täglichen Missbräuchen vieler anderer Gemeinschaften, El-
ternhäuser und der täglichen Brutalität der Medien. Manche Gruppierungen der
Alt-68-er auch erwähnt.
Ein ebenso brisantes Thema ist der Missbrauch in den geschlossenen Abteilun-
gen der Psychiatrien. Worüber keiner schreibt oder redet. Wenn heute foren-
sische Gutachter bei Gericht ehemalige Ärzte sind, die an sedierten Patienten
forschten. Das will keiner wissen.
Der tätliche Missbrauch der Eltern gegenüber ihren Kindern, wieviel Gewalt
passierte unsichtbar für die Öffentlichkeit hinter den Mauern der Elternhäuser.
Reden wir doch einfach mal über die Prügel, die angstmachenden Verhaltens-
weisen mancher Eltern hinter den Kulissen.
Sind wir Gott? Nein wir sind NICHT Gott. Es steht uns nicht zu zu richten, es lässt
sich aber auch so nicht leben. Das sündhafte Verhalten eines Paters verurteile94
Einfach ohne Fragerei
ich bestimmt – aber ich werde diesen Menschen nicht verurteilen, nicht wieder
kreuzigen.
Es gibt so viele Menschen die schuldig werden, es gibt heute aber eine ebenso
schlimme Gnadenlosigkeit, einen shitstorm, eine unbarmherzige Verurteilung.
Fast eine Todesstrafe. Wie im Alten Testament. Das stimmt mich nachdenklich.
Wie kannst Du einer Kirche zugehören, die SO WAS TUT!!!
Ich sehe die Verfehlungen klar, aber nennt mir EINE Gemeinschaft, die rein wie
ein weißes Leinentuch ist? Es sind Menschen, klar das soll keine Ausrede sein,
aber dort wo Menschen leben geschehen täglich wahnsinnige Dinge, Trennun-
gen von Gott und dem, was er mit uns eigentlich will.
Ich bin katholisch, weil ich da meine Heimat habe, weil das Vaterunser mich
verbindet mit meiner tiefsten Kindheit, das damals mit dem Jetzt. Und weil ich in
dieser Gemeinschaft einen gnädigen Gott kennengelernt habe, der mir geholfen
hat, die große Schuld und Ungerechtigkeit, die mir widerfahren ist, abzulegen.
Weil ich erfahren habe, dass Gnade und Barmherzigkeit bei mir selber anfängt.
In der Umkehr zu Jesus.
Ich bin katholisch und ich finde unseren Papst genial. Das gefällt Dir nicht? Dann
erkläre mir, warum Du erst die Bestätigung einer Obrigkeit brauchst um GLAU-
BEN zu leben.
Mensch, Du selbst bist ein winziges Zahnrad im Getriebe Kirche, Du selbst bist
Gemeinde, und wenn Dein Glaube gestorben ist weil Patres Schüler missbraucht
haben, dann fehlt es mir an Deiner persönlichen Meinung… ich möchte mit Dir
über Deinen (lebendigen) Glauben sprechen, nicht über das was andere getan
haben.
Was würde Jesus tun, sagen und uns raten? Ich glaube barmherzig zu sein, und
dem der gefehlt hat sagen: Kehr um und sündige nicht mehr. Richten wird es
Gott, es ist ans Licht gekommen, die Verfehlungen des Paters sind beleuchtet
worden von allen Seiten. Was wollt Ihr noch?? Und nehmt Euch in Acht, JEDER
Mensch hat seine Verfehlungen, auch ich.
Warum? Warum seid Ihr nicht liebevoll? Gnädig und voller Güte? Weil DIESER
es nicht verdient hat? Wir sind alle bedürftig, wann erkennt Ihr das? Die welche
am lautesten brüllen am meisten.
Petra NeudertEinfach ohne Fragerei
95
Einblicke aus Kreuzberg
nicht ganz dicht
„Wer in alle Richtungen offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.“ Das lese ich je-
den Morgen wenn ich zum Bäcker gehe an der Hauswand. Das ist nur ein Spruch
unter vielen, diesen aber lese ich immer wieder. Zuerst dachte ich, das läge dar-
an, dass dieser Spruch außergewöhnlich geistvoll ist, aber ich beginne daran zu
zweifeln. Eigentlich ärgere ich mich über den Satz, eigentlich ist er ein Angriff
auf meine Lebenseinstellung, eigentlich will ich doch nach allen Seiten hin offen
sein. Wer maßt sich da an, mir zu sagen, ich sei nicht ganz dicht?!
Wie sollte man in Kreuzberg überleben, wenn man sich abgrenzen wollte? Hier
treffen wie kaum irgendwo Nationalitäten, Religionen und Lebensstile aufein-
ander. Politische Parolen jedweden Zuschnitts zieren oder verunzieren die Häu-
serwände, und wenn jemandem gar nichts einfällt und die Fassade ist frisch
gestrichen, dann kommt die Aufschrift: „Wär ́ mir zu sauber hier“. Wie wollte
man hier überleben, wenn man dies alles werten müsste. Ich sehe das alles, ma-
che mir einen Reim darauf, erkläre mir die Hintergründe und Zusammenhänge
oder nehme es hilflos hin. Insgesamt akzeptiere ich das etwas schrille Mosaik
von Kreuzberg, das dabei entsteht. Wütend machen mich eigentlich nur jene
Gruppen und Personen, die von sich meinen, die Inkarnation Kreuzbergs zu sein.
Jene, die am liebsten Zuzugs- und Ausweisungslisten erstellen würden, damit
Kreuzberg dem selbstgebastelten Bild entspräche. Die einen können sich nicht
damit abfinden, dass hier so viele Ausländer leben, andere empören sich über
jede neue Dachgeschosswohnung, weil sie sich von Yuppies verdrängt fühlen.
Bei solchen Forderungen endet meine Offenheit. Auch für mich gibt es offenbar
eine Grenze des Erträglichen. In gewisser Weise beruhigt mich das – denn wer
möchte schon nicht ganz dicht sein?!
ohne Lüge
Marco weiß nicht, dass seine Eltern Pflegeeltern sind. Ich weiß es, und die hal-
be Straße weiß es ebenfalls. Wahrscheinlich wissen es bald auch einige seiner
Klassenkameraden, weil sie es irgendwann aufschnappen werden, bei den Ge-
sprächen der Erwachsenen. Doch Marco spürt etwas, das vermutet selbst die
Pflegemutter. Sicher ist sie sich nicht. Sie erinnert sich, dass auch sie in diesem
Alter über ihre Herkunft spekuliert hat. Auch sie dachte manchmal, ihre Eltern
können nicht ihre Eltern sein. So beruhigt sie sich. Und so vollführt sie weiter
eine Gratwanderung aus Lüge und Rücksichtnahme, aus Schonung und Kon-
fliktvermeidung. Marco wundert sich, dass seine Eltern schon so alt sind, und
er versteht nicht, dass Tante Doris immer die Tränen kommen, wenn sie ihn96
Einfach ohne Fragerei
besucht, auch ihre große Herzlichkeit kommt ihm seltsam vor, wo sie doch so
selten Kontakt zueinander haben.
Marco wird immer misstrauischer, seit er merkt, dass man Gespräche abbricht,
wenn er ins Zimmer kommt. Er bekommt dann zwar immer viel Zuwendung
und herzliche Worte, aber es macht keinen Sinn für ihn. In der Schule kommt
Marco nicht mehr so gut mit wie in den ersten zwei Jahren. Die Lehrer sagen, er
sei unkonzentriert und einzelgängerisch. Häufig erzählt Marco Geschichten, die
einfach nicht stimmen. Er erfindet Onkel und Tanten, Ferienreisen und Geschen-
ke und gibt damit furchtbar an. Das nehmen die anderen Kinder ihm übel. Die
Pflegeeltern sind sehr besorgt und geben sich redliche Mühe gegenzusteuern. Sie
versuchen, dem Kind alle Liebe zukommen zu lassen, die es doch so dringend
braucht. Denn dass das Kind nicht aus Schlechtigkeit lügt, das wissen sie.
So sehr sich Marco jedoch um Aufmerksamkeit und Zunwendung in der Schule
bemüht, zuhause wird er immer reservierter. Er erzählt kaum noch, was drau-
ßen passiert, und auf die Zuwendung der Familie reagiert er kalt und abweisend.
Warum sie sich nicht erreichen begreifen weder Marco noch die Pflegeeltern,
und sie werden es nicht begreifen können, solange die Wahrheit nicht auf den
Tisch kommt.
ohne Stempel
„Chronisch-krank, was ist das eigentlich?“, fragte Frau Lehmann mit leicht he-
runtergezogenen Mundwinkeln. „Chronisch-krank“, so lautete die Diagnose, die
ihr Leben zerstörte. Dieses Etikett war es, unter dem man sie vom Akutkranken-
haus in die Chronikerabteilung überführte.
Die Enkel lösten die Wohnung auf und fragten immer wieder, was sie behalten
möchte. Nicht ohne Trotz zählte sie zunächst die großen Möbel auf: das Bett, den
Eichenschrank. Das geht nicht, wurde ihr beschieden. Mit einem etwas hinter-
hältigen Gesichtsausdruck erkundigte sie sich nach Bildern. Ja, das ist möglich!
Sie wollte den Elfenreigen, der im Schlafzimmer hängt. Einmeterachtzig mal
Einszwanzig. Die Enkel zuckten zusammen. Das geht natürlich auch nicht. Frau
Lehmann triumphierte innerlich. Sie hat das Spiel aufgedeckt. In Wahrheit geht
nichts. Gar nichts. Sie sollen nur nicht so tun. Was sie dann wirklich mitnahm
war ein Album und eine Zigarrenkiste mit Briefen. All den Kleinkrempel, den
man ihr noch aufschwatzen wollte, hat sie verschmäht. So wollte sie sich ihren
Stolz nicht abkaufen lassen. Alle sollten es sehen, wie ihr Leben zerstört wird, sie
sollten sich nicht vormachen können, dass alles doch noch ganz gut ausgegagen
sei.
Frau Lehmann ist nicht beliebt im Krankenhaus, und sie will auch nicht beliebt
sein. Sie ist stolz und nicht kleinzukriegen, und das soll jeder merken. Das willEinfach ohne Fragerei
97
sie in ihrer Beerdigungsrede hören, sagt sie mir einmal: „Die hat sich nichts
gefallen lassen,“ soll darin vorkommen, „kein süßer Honig.“ „Chronisch-krank“,
dieses Wort formt sie immer wieder auf ihren Lippen. Wie ein Todesurteil er-
scheint es ihr. Das wünscht sie ihrem schlimmsten Feind nicht. Lebenslänglich,
das sind zwölf oder fünfzehn Jahre, sagt sie, chronisch-krank, das ist inklusive
Hinrichtung.
Die Enkel kommen nicht gern zu ihr, denn zu helfen ist ihr nicht. Sie will sich
einfach nicht helfen lassen. Sie hadert mit der ganzen Welt, und niemandem ist
ein Rezept eingefallen, wie ihr zu helfen gewesen wäre. Zuhause ging es einfach
nicht mehr. So wach ihr Geist auch sein mag, sie kann einfach nichts mehr al-
lein bewerkstelligen, sie braucht ständig medizinische Hilfe, und auf Besserung
kann nicht mehr gehofft werden. Alle haben gesucht, aber niemand hat eine
gute Lösung gefunden. Jetzt ist sie auf einer Chronikerstation gelandet. Aber
Frau Lehmann erinnert täglich daran, dass dies auch keine Lösung ist für einen
Menschen, der leben will, auch mit seiner Krankheit!
ohne Heimat
Er ist ein Verfolgter geblieben. Das ist die bittere Wahrheit, an der er mit seinen
Erfahrungen als Asylant nicht vorbeikommt. Ich kann mich noch gut an die
Zeit erinnern, als er damals nach der Flucht aus dem Iran hier in Deutschland
ankam. Ganz euphorisch kam er in die Asylberatung der Kirche. Alle bösen Er-
fahrungen meinte er nun hinter sich zu haben. Auf Warnungen, dass auch hier
so manches Problem auf ihn zukommen würde, reagierte er fast ärgerlich. Nach-
dem er sich in seiner Heimat immer nur in Konfrontation zum Staat befunden
hatte, war sein Bedürfnis nach Harmonie offensichtlich groß. Er schwärmte von
Deutschland, als hätte er einen Werbefilm zu drehen. Deutschland ein ordentli-
ches Land, ein sicheres Land. Jede Gelegenheit nutzte er, um die fremde Sprache
zu erlernen. Hier war endlich ein Staat, der seinen Vorstellungen von Demokratie
entsprach, und für den setzte er sich ein. Die Helfer aus der Flüchtlingsarbeit wa-
ren gerührt bis entsetzt über soviel Naivität. Alle guten Ratschläge, seinen Fall
so darzusellen, dass er in die Raster unserer Gesetzgebung passt, wies er empört
von sich. Nein, er wollte nie wieder lügen, nie mehr heucheln, nie mehr um die
Ecke argumentieren. Gerechtigkeit setzt sich durch in der Demokratie, das war
sein fester Glaube.
Zunächst fühlte er sich auch bestätigt. Seine offene freundliche Art stieß auf viel
Sympathie bei den meisten Beamten, mit denen er es zu tun bekam. Doch immer
öfter musste er feststellen, dass der freundliche Umgangston noch lange keinen
Fortschritt in seiner Sache brachte. Im Gegenteil – immer häufiger erreichten ihn
Bescheide, in denen mit Bedauern festgestellt wurde, dass in seinem Fall leider98
Einfach ohne Fragerei
keine Hilfe gewährt werden könne. Am größten allerdings war sein Entsetzen,
als er bemerkte, dass die Grenzen der Bundesrepublik auch für seine Peiniger
aus der Heimat offen sind. Es hat ihn tief erschüttert, dass der Arm der Diktatur
bis nach Deutschland reicht und dass die Angst unter seinen Landsleute selbst
hier nicht aufhört. Seine Rechte als Asylbewerber sind auf eine Mindestmaß ein-
geschränkt, die Folterer aus der Heimat sind durch Diplomatenpass geschützt.
Er ist ein Verfolgter geblieben, das hat er schmerzhaft lernen müssen. Und den-
noch, er will sich nicht kleinkriegen lassen! so sagte er, als ich ihn das letzte Mal
traf. Das eine wenigstens will er erreichen: dass die Freiheiten dieses Landes
nicht nur denen zugutekommen, die sie missbrauchen, sondern auch denen, die
aus tiefstem Herzen für Recht und Demokratie eintreten.
ohne Rechte
Die Friedhöfe an der Hermannstraße in Berlin Neukölln sind Oasen für den ge-
stressten Großstädter. Wer sie betritt, lässt den Verkehrslärm dieser vielbefahre-
nen Straße sehr schnell hinter sich. Trennen erst einmal Büsche und Sträucher
den Spaziergänger vom Fahrdamm, dann hört man die Vögel zwitschern und die
großen Bäume rauschen.
Für die Kirchengemeinden sind diese Friedhöfe allerdings nicht nur Orte der
Ruhe, sondern auch Orte der Erinnerung an eine lange verdrängte Schuld. Erst
zur Jahrtausendwende haben Berliner Kirchengemeinden damit begonnen, sich
daran zu erinnern, dass auch auf ihren Friedhöfen Zwangsarbeiter geschuftet
haben. In der Emmausgemeinde, in der ich als Pfarrer arbeite, haben wir für
diese Vorgänge keine Zeitzeugen mehr finden können. Aber aus den kirchlichen
Archiven konnten wir entnehmen, dass in der Zeit des Krieges Zwangsarbeiter
aus Osteuropa nach Berlin verschleppt wurden. Sie mussten die Arbeiter erset-
zen, die als Soldaten in den Krieg geschickt worden waren. Oft waren es halbe
Kinder, die unter katastrophalen Bedingungen harte Knochenarbeit verrichten
mussten, ohne ausreichende Ernährung. Bei geringsten Verstößen wurden sie
schwer bestraft oder kamen sogar in ein Konzentrationslager.
Nach langen Jahren der Verdrängung gab es über fünfzig Jahre nach Kriegsen-
de wunderbare Begegnungen mit einigen Überlebenden oder deren Hinterblie-
benen. Der Brief der Witwe eines Zwangsarbeiters hat mich besonders beein-
druckt. Sie schrieb an die Berliner Kirche: „Mein Herz ist leichter geworden,
weil es auf dieser Erde gutherzige Menschen mit frommen Wünschen gibt, die
bereit sind und versuchen, die Schuld abzubüßen und die von anderen began-
genen Fehler wieder gutzumachen. Mir ist es wichtig, dass irgendwo in einem
fernen Land, wo er so viel Kummer und Entbehrung durchgestanden hat, an ihn
erinnert wird.“Einfach ohne Fragerei
99
Zum Gedenken an all diese Menschen und an das Versagen von uns Christen
haben wir auf dem Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde einen
Stein aufgestellt, in den die Namen aller Gemeinden eingraviert sind, die von
diesem Sklavengeschäft profitiert haben. Und jede dieser Gemeinden hat eine
Steintafel aus diesem Granitblock ausgeschnitten bekommen, um ihn in ihrer
Kirche aufzubewahren: als Erinnerung und als Mahnung.
Fenster mit Aussicht
Vor dem Fenster tobt das Leben. Die übrigen achtzig Quadratmeter ihrer Woh-
nung sind ihr gleichgültig, Hauptsache, sie hat diesen Platz am Fenster im Hoch-
parterre. Hier liegt ein dickes Kissen und hier stehen verschiedene Gerätschaf-
ten, um es sich bequem zu machen. Ein kleiner Hocker, um sich mit den Knien
abstützen zu können, eine Hochbank für den Hintern, wenn es Zeit ist die Po-
sition zu wechseln. Hier stehen auch Aschenbecher und Thermotasse. Sie liebt
diesen Platz. Schon als Kind hat sie gern aus dem Fenster geschaut. Nun ist sie
alt, und seit sie die Wohnung wegen der Arthrose kaum noch verlassen kann, ist
dieses Fenster ihr Tor zur Welt.
Sie hasst die nassen Tage, wenn sie hinter der Scheibe sitzen muss. Dann fühlt
sie sich wie eingesperrt. Mit der großen Wohnung kann sie wenig anfangen.
Da fühlt sie sich nur allein. Sie braucht die Straßenluft zum Leben. Auch im
Winter. Gegen die Kälte kann man sich warm anziehen. Hinter der Fensterni-
sche hat sie einen schweren Vorhang anbringen lassen, wenn sie den schließt,
dann kühlt die Wohnung nicht aus, und so kann sie fast das ganze Jahr Position
beziehen. Sie beobachtet die Kinder, wie sie zur Schule gehen, spricht mit Pas-
santen, organisiert sich Hilfe durch die Nachbarn, fordert den Gemeindebrief
ein, wenn der Pfarrer hinauf grüßt. Manchmal kommt eine Freundin entlang,
und die sitzt dann auf dem Rollator vor dem Fenster für einen Plausch. Die
Nachbarn wissen, dass sie dort ist und dort sein wird, auch in ein paar Stunden.
Bereitwillig nimmt sie Aufträge entgehen. Sagt dem Briefträger, dass er die
Post für den ersten Stock wieder mitnehmen kann, weil der Empfänger doch
ausgezogen ist.
Das Angebot einer bequemeren Wohnung hat sie ausgeschlagen, weil sie ihren
Fensterplatz nicht räumen will. An diesem vertrauten Ausblick hängt alles, was
ihr das Leben noch lebenswert macht. Auf der Straße ereignen sich all die Ge-
schichten, die sie interessieren. Die ausgedachten Sachen im Fernsehen lang-
weilen sie. Beim Stöbern in alten Papieren ist sie zufällig auf ihren Taufspruch
gestoßen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ja, der Raum ist weit, der
sich da vor ihrem Fenster auftut. Sie genießt ihn, jeden Tag neu.
Jörg Machel100
Einfach ohne Fragerei
Einfach zuhören
Wenn du mir zuhörst,
aufmerksam zuhörst,
ist Zeit nicht gleich Zeit,
ist das Eis fest genug,
bin ich für den nächsten Schritt bereit.
M
ir gefällt das Lied „Zuhören“ von Pascal Gentner sehr. Wieviel Offenheit,
festes Eis unter den Füßen, das Zuhörenkönnen braucht, habe ich in mei-
ner beruflichen Arbeit wie auch in meiner Familie und im Freundeskreis erst
nach und nach erkannt. Ich arbeite seit langem an verschiedenen Orten in der
politischen Bildung, derzeit engagiere ich mich an der Katholischen Hochschule
in Köln für interethnische und interreligiöse Begegnungen u. a. in Israel und
Palästina.
Ich erinnere mich an eine meiner ersten Begegnungen mit einer Delegation der
Universität Bethlehem vor achtzehn Jahren in Köln: Gleich am zweiten Tag nach
der Ankunft der Bethlehemer wollte ich ihnen das EL-DE-Haus in Köln zeigen,
den Ort, von dem aus Juden, Kommunisten und andere vom Naziregime Verfolg-
te nach Auschwitz abtransportiert wurden. Die palästinensischen Gäste, Dozent/
innen wie Studierende, weigerten sich. Und ich dachte: Da kriegst Du aber viel
Spaß mit der Delegation, wenn sie sich so radikal zeigen. Eine palästinensische
Dozentin, mit der ich mich später anfreundete, erklärte es mir dann so: „Ich
kann mich nicht einfach so mit dem Leid von Juden konfrontieren, die uns (als
jüdische Israeli) heute so viel Leid zufügen.“
Am Ende der zweiwöchigen Begegnung war „das Eis“ mit einigen so fest, dass
ich mit ihnen ins EL-DE-Haus gehen konnte. Es war Vertrauen gewachsen. Ein
Bethlehemer Student, der selber in einem israelischen Gefängnis inhaftiert war,
kommentierte seine Eindrücke: „Meine Zelle war etwa so groß wie diese hier.
Und wir haben auch unsere Gedanken an die Wand geschrieben. Ich kann nach-
empfinden, wie es den Gefangenen hier gegangen ist.“
Mich hat diese Frage, wie man Offenheit für das Leid anderer entwickelt, seit-
dem nicht mehr losgelassen. Der israelische Psychologe Dan Bar On hat Pro-
gramme des gegenseitigen Zuhörens zwischen Menschen verfeindeter Gruppen
entwickelt: „Listening to each other’s story“. Er brachte deutsche Kinder von Na-
zitätern und israelische Kinder von deutschstämmigen Holocaustüberlebenden
zusammen. Er beschreibt, wie auch er persönlich sich durch diese Begegnungen
verändert hat. Die Art und Weise, wie die Nachfahren von Nazitätern um ihre
eigene Menschlichkeit rangen, indem sie mit einem Vater zu tun hatten, der sieEinfach ohne Fragerei
101
liebte und den sie liebten und der gleichzeitig Menschen umgebracht hatte, habe
ihn innerlich so angerührt, dass er selber als Nachfahre von Holocaustüberle-
benden die letzten Reste eines Feindbildes von Deutschen aufgegeben habe.
Dan Bar On starb leider viel zu früh im Jahr 2008; mit Mitarbeiter/innen des von
ihm mitgegründeten „Peace Research Institute in the Middle East“ war ich 2012
an einer Begegnung zwischen israelischen, palästinensischen und deutschen
Studentinnen und Studenten auf Zypern beteiligt. Die Begegnung stand unter
dem Motto der amerikanischen Friedensaktivistin Gene Knudsen Hoffman: „Ein
Feind ist jemand, dessen Geschichte wir noch nicht gehört haben.“
Die ersten zwei Tage dienten dem Aufbau gegenseitigen Vertrauens. Es durfte
in diesen zwei Tagen nicht über Politik geredet werden, denn wir wollten alle
eingefahrenen Feindbilder von vorne herein vermeiden. Es ging vielmehr dar-
um, Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erfahren, dass jede/r in der deutsch-
israelisch-palästinensischen Gruppe als Mensch voll und ganz akzeptiert war.
Eine solche Atmosphäre zu fördern, war eine große menschliche Herausforde-
rung. Diese Atmosphäre war dann die Voraussetzung dafür, dass anschließend
eine große Offenheit füreinander möglich wurde. Israelische Student/innen be-
richteten von ihren Großeltern, die in Europa dem Holocaust entkommen waren
und nach Palästina geflüchtet waren. Sie sprachen auch über die in der Shoa er-
mordeten Verwandten. Ein deutscher Student erzählte stockend, dass er seinen
Großvater sehr gemocht habe und dass er nach seinem Tod den NSDAP-Ausweis
des Großvaters gefunden habe. Nie habe der Großvater davon gesprochen und
jetzt wisse er gar nicht, wie er damit umgehen solle. Palästinenser schilderten
Demütigungen, die sie an den Checkpoints im Westjordanland heute durch isra-
elische Soldaten erleben. Sie saßen dabei israelischen Studierenden gegenüber,
die selber vor dem Studium ihren Militärdienst an eben solchen Checkpoints
abgeleistet hatten. Als hier unmenschliche Schikanen bei Leibesvisitationen
zur Sprache kamen, solidarisierten sich israelische Gruppenmitglieder mit den
Palästinenser/-innen, die von ihren entwürdigenden Behandlungen berichteten.
Gemeinsam suchten sie nach Möglichkeiten, wie in Israel in der Presse und in
der Öffentlichkeit solchen Unmenschlichkeiten Einhalt geboten werden und wie
gegen sie protestiert werden könnte.
Der vietnamesische Buddhist und Mediationslehrer Thich Nhat Hanh hat in sei-
nem französischen Meditationszentrum Plumvillage israelische und palästinen-
sische Gäste fünf Tage lang miteinander schweigend meditieren lassen, bevor
sie miteinander sprachen. Die Tage des Meditierens brachten jede/n einzelne/n
in Kontakt mit sich selber. Shifra Sagy von der Universität Beer Sheva lässt ihre
israelischen Studentinnen und Studenten inzwischen Lebens- und Leidensge-
schichten gleichaltriger Palästinenser/innen in ihren Lehrveranstaltungen lesen102
Einfach ohne Fragerei
und erlebt, wie sich Einstellungen ändern können – wenn vorab die israelischen
Studierenden ihre eigenen Gefühle und Gedanken aussprechen konnten und
sich angenommen fühlten.
Dies ist wohl ein entscheidender Schlüssel für Veränderungsprozesse: sich sel-
ber ganz angenommen zu wissen. Wie gelange ich dahin, mich selber ganz an-
zunehmen?
Exerzitien sind für mich als Christ ein Weg, zu mir und zum göttlichen Grund in
mir zu finden. Drei Formen von Exerzitien haben mich geprägt: Im Haus Gries
stand in kontemplativen Exerzitien die Begegnung mit Jesus Christus in meinem
Innersten im Zentrum der Exerzitien. Im Ashram Jesu wurden die dunklen Sei-
ten meiner Lebensgeschichte besprochen, die erlittenen Schmerzen, die beim
Meditieren hochkommen, und das allabendliche Gruppengespräch ist heilsam.
Besonders dankbar bin ich für die Erfahrung der Straßenexerzitien, für die Er-
fahrung des Meditierens mit offenen Augen auf der Straße, wo mir Gott im Ge-
genüber begegnen kann. Für mich wurde wirklich die Straße zur Kapelle und
Gott wurde als der „Ich bin da“ für mich erfahrbar. Ich bin es gewohnt, meinen
Alltag sehr zielgerichtet zu planen und durchzustrukturieren. Die Straßenexerzi-
tien haben mir geholfen, die Erfahrung der Meditation – auch die der kontempla-
tiven Exerzitien – stärker in den beruflichen wie persönlichen Alltag zu nehmen.
Ich nehme göttliche Momente war. Das geschieht, wenn es mir gelingt, ganz da
zu sein, so wie Franz Jalics sagt: „Ganz Ohr zu sein. Ganz dabei zu sein. Nicht nur
mit dem Verstand zuzuhören, sondern mit dem ganzen Körper, mit ganzer Seele.
Zuhören bedeutet, mit großer Ehrfurcht in die Einzigartigkeit des Gegenübers hin-
einzuhorchen …“ (Jalics 2005, 394).
Josef Freise
Lebensspur, die ich hinterlasse
C
hristian, als ich dich am Samstag, 29. Oktober, im Gubbio zu Franziskas
Ordensjubiläum wieder sah und dich predigen hörte, war es für mich, als
würde sich ein Kreis schließen: Ein Kreis um den brennenden Dornbusch. Der
Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt, die Liebe, die brennt und doch
nicht verbrennt. Der Impuls, mit dem ich mich 2005 auf den Weg machte; der
erste Schritt, den ich mich auf den Straßen in Köln zu machen traute über meine
Grenze hinaus mit offenen Augen und offenen Ohren, bereit, die Liebe zuzulas-
sen in allen Facetten: Liebe geben, Liebe annehmen, Liebe zulassen. Das ist die
Lebensspur, die ich hinterlasse. Leben ist Hineingleiten in den Grundstrom der
Liebe. Ich nähre diesen Strom mit mir, bin ein Tropfen im Großen und Ganzen.Einfach ohne Fragerei
103
Ohne mich kein Strom, ohne die anderen Tropfen kein Ich. Wir alle sind der
Strom der Liebe. Die Liebe nährt das Leben. Viele Jahre war ich traurig, weil ich
so allein war. Niemand da, der mich begleitete auf meinem Weg, niemand an mei-
ner Seite. Dann hatte ich in einer Kölner Kirche eine Vision. Ich stand vor einer
Antoniusfigur und sah auf das Kind. Und plötzlich brannte es in meinem Herzen
(der Impuls am Morgen: die Emmaus-Jünger, die sprachen: „Brannte es nicht in
unseren Herzen …“) und ich erkannte: Mein Leben ist wie ein Staffel-Lauf. Ich
bin der Stab, der weitergereicht wird. Bevor mich ein Mensch verlässt, ist schon
ein anderer da. Ich bin nie allein und in den Menschen begegnet mir Jesus. Er ist
immer bei mir, er verlässt mich nie. Ich danke dir, dass du durch dein Projekt
der Straßenexerzitien mir den Raum gegeben hast, die Grenze zu überschreiten,
die es mir ermöglicht hat zu sehen.
Sybille Pieck
Willkommenskultur
K
ürzlich erzählte Christian in einem Buch (Brücke sein – Vom Arbeiterpries-
ter zum Bruder) etwas über mein Leben: „Er hat eine Schülerin, die in einer
Notlage war, geradezu als Kind angenommen. Nicht formal, aber er hat sie in die
Kommunität aufgenommen, weil sie von ihrer Mutter verstoßen worden war und
weil der Vater sie verleugnete.“ (S.25) Da steht sie, diese Geschichte aus meinem
Leben, vor meinen Augen zu Papier gebracht. Als die Naunynstraße 2004 ihr 25-
jähriges Jubiläum feierte, schrieb ich in dem Buch „Gastfreundschaft“ von der
Begegnung dieser Schülerin und ihres Freundes mit der Naunynstraße. Das war
zu Anfang meiner Zeit in Berlin, 1994: „Ich besuchte Euch mit Gästen, die zu mir
gehörten … Ein Gast, der schon vorher von vielen Türen abgewiesen worden war
… Ich kam in Schwäche zu Euch, mit der Angst vor der Ablehnung“ (meiner Gäs-
te). Die herzliche Gastfreundschaft in der Naunynstraße löste meine Angst sofort
auf. Dafür bin ich bis heute tief dankbar. Die beiden Jugendlichen wurden mit
freundlichem Hallo empfangen, Brettspiele wurden herausgezogen, es wurden
keine Fragen nach Herkunft, Plänen und Zielen gestellt – das alles entwickelte
sich erst später. Es stand einfach ein freundliches und voraussetzungsloses Will-
kommen am Anfang. Das tat mir so gut. Es tut mir bis heute gut, wenn ich daran
denke. Ich spüre noch heute die Wärme des Willkommens so, als wäre es gerade
erst ausgesprochen worden. Ich muss mich nur darauf zurückbesinnen.
In diesem Sommer 2015 wird die „Willkommenskultur“ in vielen Zeitungen und
Kommentaren verhöhnt. Die Menschen, die am Münchner Bahnhof mit Willkom-
men-Plakaten die Flüchtlinge begrüßen, werden als „Gutmenschen“ verlacht und104
Einfach ohne Fragerei
als naiv hingestellt. Ich besinne mich dann – und in vergleichbaren Situationen
– immer neu auf diese Situation in der Naunynstraße, wo ich selbst mit meinen
Gästen auf ein Willkommen angewiesen war. Ein ganz lebendige Orientierung,
ein Ankerpunkt für die goldene Regel in meinem Leben: „Sag zunächst einfach
mal Willkommen, denn auch du brauchtest damals zunächst einfach mal ein
Willkommen.“ Bis heute bin ich voll Dankbarkeit darüber, dass Franz, Christian
und die anderen Bewohner der Naunynstraße, aber auch die Schwestern und
Brüder der „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ und Mitbrüder im Orden mir die-
ses Willkommen schenkten. Wenn ich so ein herzliches Willkommen dauernd
in meinem Herzen spüren darf, dann kommt mir meist auch sofort das Staunen:
Was für ein großes Geschenk! Es war „nur“ ein einfaches „Willkommen“, aber
es trägt bis heute. Ich erkenne es wieder in den anderen „Willkommen“, die mir
inzwischen in meinem Leben geschenkt worden sind. Ich mache an dem Klang
des „Willkommen“ die Unterscheidung der Geister fest. Der Geist sagt: „Komm“
(Offb 22,17). Es klingt wie das „Willkommen“, das alle Angst vertreibt. Wenn es
so klingt, dann darf ich gewiss sein, dass es von diesem Geist kommt.
Klaus MertesEinfach offen
105
Einfach offen
Dem Leben trauen
„Wenn de Tür einmal auf is, dann kriegst se nie wieder zu!
Wenn de Tür einmal auf is, dann kriegst se nie wieder zu!“
D
iese Sätze ließen mich aufhorchen, als ich am sechsten Tag der Straßenex-
erzitien in der Hitze des frühen Nachmittags von der Oberbaumbrücke
Richtung Frankfurter Tor ging. Ein Mann sagte das zu einem anderen. Als ich
umblickte, sah ich sie nicht mehr. Die prophetischen Worte behielt ich noch stun-
denlang in mir als Gebet, um sie ja nicht zu verlieren. Als Frau mit traumatischen
Erfahrungen kann ich oft Gutes und Nährendes nicht halten. Also wiederholte
ich das immer wieder und eine tiefe Freude entstand in mir: „… ich habe vor dir
eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. Du hast nur geringe Kraft und
dennoch hast du an meinem Wort festgehalten …“ Offenbarung 3,8106
Einfach offen
Als Symbol zum Einstieg hatte ich den schwarzen Tucum-Ring mit silberner Ein-
fassung hergezeigt, den ich an der linken Hand seit über zwei Jahrzehnten trage.
Er ist für mich eine ständige Erinnerung an die Grundentscheidung für Gott als
Fundament meines Lebens, als Geschenk einer Frau in Nordostbrasilien an die
Option für die „Armen und Anderen“, und als Ehering an die Entscheidung für
meinen Mann. In Brasilien wird der Ring „aliança“ genannt. Mit der Sehnsucht,
dass all diese Bündnisse und Verbindungen gut zusammengehen mögen, begann
ich die Straßenexerzitien in Berlin-Friedrichshain – direkt aus meiner Berufstä-
tigkeit kommend.
Am ersten Tag durfte ich, nachdem ich den Tag auf einem nahegelegenen Fried-
hof verbracht hatte, – auch mit Hilfe der einfühlsam und kompetent geleiteten
Gruppe – meinen Gottesnamen entdecken: „Gott, der du mich einlädst, im Prozess
des Nichts-Werdens, dem Leben und der Liebe zu trauen.“
Im Laufe der folgenden Tage wurde ich an verschiedene Orte geführt, an denen
ich vor allem dem „heiligen Boden in mir“ und dem „heiligen Boden in der Be-
ziehung zu meinem Mann“ auf die Spur kommen durfte. Der „heilige Boden“ der
Gottesbeziehung war sowieso immer dabei.
Ich ging barfuß durch das Labyrinth vor dem Karmel Maria Regina Martyrum
in Plötzensee – ein kleiner Einschlupf in einen langen Weg zur Mitte und wieder
hinaus. Wir hatten im Zeichen des Labyrinthes geheiratet. Ich zog die Schuhe aus
an Orten, die mich an unsere gemeinsame Vergangenheit erinnerten und wo wir
uns vor eineinhalb Jahren bei unseren Kurz-Straßenexerzitien getroffen hatten,
und wieder auf einem Friedhof, wo auf zwei Grabstätten von Muslimen der Name
des lebenden Ehepartners schon eingraviert war – nur ohne das Todesjahr…
Ich, mein eigener Leib, war sehr früh manchen nicht mehr heilig gewesen und
so begleitete mich das Thema Leiblichkeit und Sexualität am fünften Tag mit-
samt der ganzen langen Geschichte von geistlicher und therapeutischer Beglei-
tung sowie der Verzweiflung, Ratlosigkeit und Entfremdung bis an den Rand des
Scheiterns, die das schon in der Beziehung ausgelöst hatte. Ich ging barfuß über
Kopfsteinpflaster – mühsam, schmerzhaft: „Gott, der du mich einlädst, im Prozess
des Nichts-Werdens dem Leben und der Liebe zu trauen…!“ Man/ frau kann aus
ihrer Haut nicht heraus.
Eine Spirale, gemalt mit blauer Farbe auf den Gehsteig vor einem Kindergarten,
lud mich am Ende des Nachmittages ein, wieder die Schuhe auszuziehen, und
so ging ich mit tastenden kleinen Schritten langsam und behutsam, um nicht
schwindlig zu werden, drei Mal hinein und wieder hinaus. „Du führst mich hin-
aus ins Weite, du machst meine Finsternis hell!“
Beim Stationengottesdienst am Abend gingen wir zum Gelände des Frauenge-
fängnisses in der Barnimstraße. Auf dem Weg waren Zitate auf einem blauenEinfach offen
107
Band auf dem Gehsteig zu lesen, unter anderem: — „Des is Nacht und Sie wollen
schlafen und dann hören Sie jemand fürchterlich schreien.“ —-„Na ja, das sind die
Frauen, die schreien.“ — Das waren auch meine Sätze.
Der nächste Tag führte mich vor die Tür des Kindernotdienstes für Kinder von
0 -13 Jahren. Ich klingelte, sagte, dass ich Straßenexerzitien mache und meinen
Gottesnamen und wurde ohne Termin eingelassen. Das Gespräch mit zwei der
Beraterinnen war sehr berührend und heilte in mir einiges. Es war wie hervorra-
gende geistliche Begleitung, Beratung, Therapie und Supervision zusammen.
Der abendliche Gottesdienst in der Gesamtgruppe am Sandplatz nebenan zum
Thema „Leiblichkeit und Sexualität“ (Tempelreinigung Jesu – Leib als Tempel
Gottes), war eine befreiende Erfahrung: Noch nie hatte ich in Exerzitien solch
offene Worte gehört.
Am siebten Tag fuhr ich noch einmal hinaus zum Karmel – ich hatte einen Ge-
sprächstermin vereinbart – und wurde von einer weisen sehr feinen Schwester
empfangen. Auch ihr erzählte ich von dem Gottesnamen und einem Gebet Te-
resa von Avilas, das ich jeden Tag bete: „Dein bin ich… wenn nur du stets lebst in
mir….“ Hingabe – Freiraum – Freundschaft und Demut waren die Worte, die in mir
nachklangen, als ich nach der Begegnung auf den Beginn des Mittagsgebetes in
der Krypta des Karmels wartete. So erfuhr mein Gottesname noch eine Verän-
derung und Vertiefung: „Gott, der du mich einlädst, im Prozess der Hingabe dem
Leben und der Liebe zu trauen.“
Im S-Bahnhof Jungfernheide traf ich dann auf eine junge Frau im Rollstuhl mit
einem amputierten Bein, deren Anblick so erschütternd war, wie ich es seit Bra-
silien nicht mehr erlebt hatte. Sie offenbarte mir in alledem durch ihre Worte
und ihr Verhalten ihre Würde: „Frage die richtigen Leute, die dir wohl gesonnen
sind! – Sage klar, was du brauchst und willst! – Mache dich dann wieder auf
deinen eigenen Weg!“ – Das gab sie mir mit und ich bin ihr dankbar dafür. Mein
tiefster Wunsch für sie ist, dass sie einen guten Ort zum Leben und Heilen finden
möge.
Wie hilfreich war der Hinweis von Christian, dass die Exerzitien bis zum Schluss
dauern, bis zum Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst in der St. Christophorus-
gemeinde in Neukölln. Dort im Gottesdienst kamen mir die Tränen im Anblick
eines älteren Ehepaares: sie etwas desorientiert und unsicher, er fürsorglich und
geduldig.
Daheim gab es erst mal eine „Bruchlandung“, doch so ist es im Labyrinth: manch-
mal fühlt man sich „jenseits“ der Mitte …. und es geht doch weiter. Wir gehen
weiter wie das Paar von Emmaus: mal miteinander ringend, mal mit brennenden
Herzen und in inniger Verbundenheit – unterwegs mit der Zuversicht, Jesus als
Gefährten zu haben: Die Tür ist offen.108
Einfach offen
Mein tiefer Dank gilt den wunderbaren BegleiterInnen: Nadine, Martina, Chris-
tian und Elisabeth für ihr aufmerksames Zuhören, die wertvollen Impulse und
die eigene Authentizität und den ebenso wunderbaren Frauen und Männern der
Gruppe für alle liebevollen Gesten der Aufmerksamkeit und das aufbauende
schöne Miteinander, den Gastgeberinnen von „Brot des Lebens“ und allen, denen
ich in Berlin begegnen durfte.
Regina
Vom Leben umweht
Herr, der Tag und was er bringen mag,
Sei mir aus deiner Hand gegeben.
Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Du bist der Weg, ich will ihn gehen.
Du bist die Wahrheit, ich will sie sehen.
Du bist das Leben, mag mich umwehen.
M
it diesen Worten beginnt ein Gebet, dass mir meine Eltern vor über 30 Jah-
ren in die Bibel schrieben, die ich von ihnen zu meiner Firmung bekam. So
hat es mich sehr berührt, als genau dieses Gebet von Regina, einer Teilnehmerin
der Straßenexerzitien, während des abendlichen Austausches zitiert worden
war. Hatte ich dieses Gebet in früheren Jahren oft am Morgen eines neuen Tages
gebetet, so war es irgendwann in Vergessenheit geraten und erstand in diesem
Augenblick erneut vor meinen inneren Augen. Wie eine Folie legen sich die Wor-
te dieses Gebetes jetzt unter die Erfahrungen, die ich in den vorausgegangenen
Tagen auf den Straßen Berlins machen durfte. Der Weg war in diesen Tagen zur
Straße geworden, die Wahrheit widerspruchsvoll und das Leben forderte mich
auf ungewohnte Weise heraus.
„Du bist der Weg, ich will ihn gehen.“
Die schönen Wald- und Wiesenwege der belgischen Eifel, in der ich lebe, waren
zum harten Asphalt einer Großstadt geworden. Am Anfang dieser Exerzitientage
stand ich auf dem Alexanderplatz, wo mich eine mit roten Buchstaben aufgekleb-
te Schrift dazu einlud, den „leeren Raum“ zu betreten. Das habe ich im Verlauf
der Exerzitien auch versucht. Manchmal zaghaft und immer öfter auch ganz ent-
schieden. Den „leeren Raum“ in mir auszuhalten und mich durch ihn öffnen zu
lassen, für das, was Gott mir in diesen Tagen schenken wollte an Begegnungen
und Erfahrungen. Den „leeren Raum“ abzuklopfen, nach der eigenen Sehnsucht
aber auch nach meinen Ängsten.Einfach offen
109
„Du bist die Wahrheit, ich will sie sehen.“
Was wahr und falsch ist, das wusste ich doch längst – und wusste es auch nicht.
Am dritten Tag der Exerzitien stand ich auf dem Gelände des ehemaligen Frau-
engefängnisses in der Barnimstraße und sah mich mit folgender Aussage kon-
frontiert: „Jeder Mensch ist widerspruchsvoll!“ Ich fühlte mich eingeladen, den
Widersprüchen meines eigenen Lebens nachzuspüren. Aber auch den vielen
„Wahrheiten“ offener und verborgener Not, wie sie mir in diesen Tagen auf der
Straße begegneten. Oft waren es auch die Erlebnisse anderer, die mir im abend-
lichen Austausch zeigten, wie ergänzungsbedürftig all das war, was ich bisher
für „Wahrheit“ gehalten habe
„Du bist das Leben, mag mich umwehen.“
Wie Leben aussehen kann und zu welcher Fülle es einlädt, das habe ich bisher
oft aus der Perspektive derer gesehen, die aus einer „privilegierten Fülle“ heraus
leben können. Das Leben, das mich auf dem Straßenstrich der Kurfürstenstraße
erwartete, war von einer anderen Fülle, einer, die mich mit Scham erfüllte. Pro-
stituierte aus verschiedensten Ländern sprachen mich an und nannten mir ihre
Preise. Sprachlosigkeit überkam mich und auch Trauer über das, was mich an
diesem Ort an verkauftem Leben „umwehte“.
Das Gebet aus meiner ersten Bibel, ich habe es wieder zu beten begonnen. Der
Weg lässt mich jetzt an die Straßen Berlins denken, durch die ich in diesen Tagen
der Exerzitien gegangen bin; die Wahrheit daran, dass sie so widerspruchsvoll ist
wie vieles, was ich in diesen Tagen gesehen habe und das Leben an die vielen
Gesichter, die mich in diesen Tagen umwehten.
Michael Ertl
Einfach ohne
V
or ein paar Tagen las ich auf einem großen Banner ein Zitat von Johann Gott-
fried von Herder: „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“
Die Entscheidung, meine Ordensgemeinschaft zu verlassen und in die Region
meiner Herkunft zurück zu kehren, ist erst ein paar Monate alt. Noch etwas
unsicher, ohne meine vertraute Gemeinschaft, suche ich nun meinen Platz in der
neuen alten Heimat. So sprang mir das Zitat auch sofort ins Auge.
Auf meinem Suchweg in meiner Ordensgemeinschaft durfte ich auch Station in
der Naunynstraße machen. Am Freitag, den 13. September 2013, betrat ich zum
ersten Mal die Wohnung. Meine Exerzitien auf der Straße konnten beginnen.
In diesen Exerzitien durfte ich dann einige wertvolle Erfahrungen machen, die
ich noch immer als Schatz mit mir trage. Besonders eine Erfahrung hat mit die-110
Einfach offen
sem Gefühl von Heimat zu tun, so wie es auch in dem Zitat von Herder anklingt.
Auf den ersten Blick scheint es vielleicht banal. Doch ich erinnere mich immer
wieder daran, wie ich in der Wohnung in der Naunynstraße auf dem Sofa saß.
Still und einfach so! Ich war nicht allein. Viele waren da, kamen, gingen, aßen
und redeten. Doch ich konnte einfach dort sitzen. Ich musste nichts erklären,
nichts beweisen und nichts leisten.
„Ich darf einfach da sein!“ Dieser Gedanke ist ein großartiges Geschenk. Und
dieses ganz-einfach-da-sein-dürfen ohne allein zu sein, verbinde ich mit meiner
Zeit in der WG in der Naunynstraße.
Und manchmal merke ich, wenn ich mich auf ‚meinen‘ Platz auf dem Sofa träu-
me, dass ich diesen Platz auch an anderen Orten finden kann.
Anna
Ein Draußenmensch
E
ine Grille zirpt (ssst, sst). Es ist noch stockdunkel. Ich bin wach geworden,
krieche aus dem Schlafsack; gehe ein wenig umher. Wieder in meinen Schlaf-
sack reinkriechen. Den Reißverschlußschnepper vom Schlafsack langsam den
Reißverschluss entlang nach oben ziehen. Eingeschlafen; wieder wach.
Ein kurzer, zwingender Drang führt mich zu den in den Nachthimmel zustre-
benden Bäumen, die im faden Licht der entfernten Straßenlaternen mein Näher-
kommen schon erwarten. Ich grüße sie und sie winken mir scheinbar mit ihren
schon herbstlich dünn belaubten Ästchen freundlich zu; aber vielleicht schlafen
sie und hören mich gar nicht.
Im dunklen Himmelsgewölbe strahlen wie eingebettet die Sterne und strahlen
hell wie kleine Lämpchen und mit geheimnisvoller Klarheit.
Es wird schon hell. Die Morgendämmerung ist da.
„Möchtest einen Kaffee?“ fragt Martin, der Kirchenmitarbeiter durch das Fens-
ter. „Oh ja, ich komm` rein“.
Ich liege an der Mauerecke einer Kirche auf Laub. Darüber Isomatte und Schlaf-
sack. Drum herum Stille. Etwas entfernt die ersten leise vernehmbaren Autos.
Angenehme Stille.
Nochmal eingeschlafen. Wieder wach. Taghell. Ich packe den Schlafsack zusam-
men und stopfe ihn in die Rucksackschlaufe. Mit Rucksack den kurzen Weg,
durch kleine Bäumchen hindurch über Laub; es ist Herbst, zur Eingangstür der
Kirche, eine schöne Kirche.
Die Tür ist schon offen. Ich gehe hinein, stelle den Rucksack ab und nähere mich
der Küche. Kommt mir schon Martin mit einem Pott Kaffe entgegen.Einfach offen
111
„Möchtest mit Milch?“ fragt er mich. „Oh ja, bitte“. Er geht zurück zur Küche und
gießt etwas Milch hinein. Er gibt mir den Kaffee, ich bedanke mich und gehe
zum Tisch. Jetzt sitze ich am Tisch, schlürfe den heißen Kaffee; ein Wohlgefühl
durchströmt mich.
Ecki sang mit mir in einem Obdachlosen/Nicht-Obdachlosen-Chor. Das Frühstück
in der Naunynstr. genoss er sehr. Ecki starb im Februar 2015 in einem Hospiz.
Gabriele
Einfach offen – Comboni Missionsschwestern in Berlin
Ohne Sprache….
Ich konnte damals noch kein Deutsch, als ich zu Straßenexerzitien nach Berlin
kam. Es war verrückt. Jetzt weiß ich es, aber ich glaube, ich habe das erst richtig
begriffen, als ich schon im Flugzeug war, unterwegs nach Berlin. Ich wusste
nur einfach, dass ich das machen musste. Es war ein Moment des Umbruchs für
mich. In meinem Orden nannten sie es „Krise“. Und als ich ein paar Monate in
Rom war, geparkt, weil meine Oberinnen nicht wussten, was sie mit mir machen
sollten, erinnerte ich mich an Gabriella, die mir einmal von den Straßenexerzi-
tien erzählt hatte. Es war der richtige Zeitpunkt. Straße, wieder auf der Straße.
Und ich hatte Lust, Gott weg von den Strukturen, weg von Regeln und vom Ge-
planten zu begegnen.
Und du, Margit, warst auch in Rom. Warst die einzige Deutsche in unserem Or-
den, aber was war mit der deutschen Sprache?
Ach, die war weg. Die war irgendwie weg, ich konnte sie nicht so leicht abrufen, weil
ich sie lange nicht benutzte. In den 27 Jahren die ich weg war, habe ich die Sprache
nicht benutzt. Nur im Urlaub habe ich Fränkisch mit meinen Eltern gesprochen.
Aber die Straßenexerzitien wollte ich einfach machen. Es war der Moment. Ich wuss-
te, dass Christian Herwartz einmal im Jahr Straßenexerzitien in Nürnberg anbot,
aber ich hatte nur im Februar Zeit und da gab es keine geplanten Exerzitien. Dann
hat Christian gesagt, dass wir nach Berlin kommen könnten. Ich wollte aber nicht al-
leine nach Berlin, dann habe ich dich, Mabel, gefragt ob du mitkommen möchtest.
Wir kamen in der Nacht am Kotti an, und alles um uns herum war einfach ganz
anders als im Generalat in Rom. Es war die erste Begegnung mit der Straße.
Ohne Regeln…
Wir kamen in der Naunynstraße an, und alle hießen uns herzlich willkommen.
Ich spürte sofort, dass ich an diesem Ort etwas zu finden hatte, oder zu suchen.112
Einfach offen
Es ist schwierig zu beschreiben, aber ich fühlte mich so angezogen, dass ich
mich selbst überraschte, als ich sagte, hierher muss ich zurückkommen. Am Tag
darauf gab uns Christian ein Blatt mit den Orten, die wir besuchen konnten, am
Rande der Stadt, Orte der Armut, Orte des Widerspruchs, des Widerstands, wo
Geschichten der Vergangenheit und der Gegenwart sich vermischten. In der Ge-
meinschaft gibt es keine Regeln, sagte Christian, nur die Gastfreundschaft. Der
Kopf konnte das nicht begreifen, aber das Herz spürte einen großen Frieden und
eine große Freude, eine Erweiterung. Das war klar: die Gastfreundschaft ist die
goldene Regel, und wenn man sie lebt, braucht man keine anderen, sie sind sogar
ein Hindernis, eine Ablenkung.
Ohne Uhr…
Und dir Margit wurde die Uhr genommen.
Ja, an einem Sonntag als der Gottesdienst eine Stunde später anfing und wir mit
Christian auf dem Gras vor der Thomas Kirche warteten. Sie war weg und ich
wusste nicht für wie lange, aber ich wusste es war ok. Acht Monate später beim
Auszug habe ich sie wiederbekommen. Die Zeit ohne Uhr war Zeit ohne Druck,
ohne Zwänge, ohne etwas zu müssen. Einfach leben. Es war nicht wichtig zu wissen
wie spät es war. Nur früh morgens hat der Wecker geklingelt, damit ich um sechs
im Café Krause, dem Obdachlosentreff in der Thomas Kirche, sein konnte, um mit
den Obdachlosen zu frühstücken. Auch da hatte ich keine Funktion, ich war nur
da um mit diesen Menschen zu frühstücken. Der Pfarrer hatte mich gefragt, ob
ich das machen würde. Ich bin einfach hingegangen und habe mich dazugesetzt
und gefrühstückt. Ich war eine von ihnen. Die Begegnungen haben sich ergeben,
dort wie auch im Hause oder auf der Straße. Ich hatte Zeit und konnte sehen wie
Menschen kämpfen um zu überleben, materiell oder in zerbrochenen Beziehungen.
Die Obdachlosen hatten oft ganz normale Familien und Beziehungen und sind dann
durch irgendwelche Umstände wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit auf der Straße
gelandet. Manche von ihnen waren fast glücklich auf der Straße. Das war mein Ein-
druck. Im Café Krause waren viele fröhliche Menschen. Manche sind auch gekom-
men, um dort zu duschen. Manche hatten kleine Tätigkeiten, wie Flaschensammeln.
Sie hatten Zeit auch zwei Teller Suppe zu essen, miteinander zu reden. Und ich war
da und hatte auch Zeit so wie sie.
Ohne Aufenthaltserlaubnis…
Nach den Exerzitien war es mir klar: Ich musste nach Berlin zurückkommen.
Auch wenn es wegen der Sprache verrückt war. Aber in der Gemeinschaft gab
es viele Sprachen, und jemand war immer bereit zu übersetzen. In der Gemein-
schaft, die schon seit dreißig Jahren am selben Ort bestand, hatten schon vieleEinfach offen
113
Menschen von unterschiedlichen Sprachen, Religionen, Kulturen und Richtun-
gen einen Ort gefunden. Dann fragte ich meine Oberin, ob ich vier bis maximal
sechs Wochen nach Berlin kommen konnte.
Und du, Margit, warst auch in einer Krise mit deiner Arbeit Rom. Es war dir
klar, dass eine Reflexion – und es war deine Aufgabe, diese auf Ordensebene
zu organisieren – nur mit dem Kopf keinen Sinn machen würde. Ich habe dich
bewundert, dass du den Mut gehabt hast, deine Arbeit im Generalat aufzugeben
und auch nach Berlin zu kommen, auf die Spuren, die du während der Exerzitien
gesehen hattest.
Ja, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. In der Gemeinschaft der
Naunynstraße und auf den Straßen Berlins habe ich das Leben wiedergefunden,
Freude über die Zugehörigkeit zu den Suchenden.
Nach sechs Wochen in Berlin waren wir mit unserer Suche noch am Anfang.
Das war das einzige was wir wussten. Auch nach drei Monaten war es so. Als
Italienerin hätte ich mich nach drei Monaten anmelden sollen, sonst war ich auf
eine Art illegal. Die Anmeldung aber hatte mit einer Sesshaftigkeit zu tun, und
ich wusste nur jeden Tag, dass ich den Tag dort verbringen musste. Christian,
der uns beide begleitet hat, hat uns in dieser Wahrnehmung bestärkt. Und die
Gemeinschaft war einfach ein freier und offener Raum, wo Leere und Fülle sich
begegneten. Menschen, die alle nur das voneinander wussten: dass auch die an-
dere oder der andere auf der Suche war, auf der Suche nach dem Glauben, nach
einem neuen Auftrag, nach einer neuen Richtung, nach einem Obdach. Irgend-
wie waren wir alle ohne „Aufenthaltstitel“. Alle in diesem offenen Raum, der
keine Grenzen kennt.
Ohne zu wissen wie es weiter geht…
Dass ich das mit 51 sagen würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen. Gleichzei-
tig war es gerade dieses Nichtwissen, das stimmig war. Mir wurde langsam klar,
dass eine Art zweite Berufung im Raum stand und dass diese mit „einfach leben“ zu
tun hatte, ohne viele große Reflexionen und Planungen. Es war mir weder wichtig
noch hilfreich zu wissen, wie die nächsten sechs Jahre verlaufen sollten. Es war
mir wichtig und hilfreich dagegen, den einfachen Menschen nahe zu sein. Nicht
in einer Funktion als Chefin oder Oberin, sondern ganz einfach als Schwester, als
eine unter anderen.
Und was war mit dem Comboni Charisma an diesem Ort?
Das Comboni Charisma neu entdecken…
Ich hatte angefangen zu einem Sprachkurs zu gehen um die deutsche Sprache zu
lernen. Die letzte Sprache, die ich mir als Comboni Missionsschwester vorgestellt114
Einfach offen
hatte zu lernen. Gerade zu der Zeit, als unsere einzige Gemeinschaft im deutsch-
sprachigen Raum, in Nürnberg, geschlossen wurde, weil in Frage gestellt wurde,
ob Deutschland für die Combonischwestern ein Missionsland war. In Berlin aber
hatte ich meine Berufung so stark gespürt, sowohl in der Gemeinschaft als auch
auf den Straßen einer Stadt, die für mich ein Symbol war für Einheit, für die
Vereinbarung von Gegensätzen, eine Stadt, die noch die Spuren der Ungerech-
tigkeit und Unterdrückung zeigte. In dieser Zeit bekam Margit einen Anruf von
Sr. Juvenalis, der wir einmal begegnet waren und mit der wir über unsere Suche
nach einer neuen Aufgabe in dieser Stadt als CMS gesprochen hatten, weil wir
diese neue Berufung so stark spürten. Sie sagte, dass Sr. Lea Ackermann zwei
Ordensschwestern in Berlin suchte, um eine Beratungsstelle von SOLWODI auf-
zubauen und Frauen auf der Flucht und Opfer von Menschenhandel und anderen
Formen von Gewalt zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, ein neues Leben
zu finden. Ich hatte schon in den USA im Rahmen meines Studiums der Psycholo-
gie in diesem Bereich gearbeitet. Und jetzt war ich froh über solch eine Aufgabe,
in der ich nicht als Direktorin wie in Dubai sondern als Begleiterin arbeitete.
Diese Arbeit war ein klarer Auftrag Gottes, unser Charisma unter diesen Frauen
zu leben, sie zu beschenken und uns von ihnen beschenken zu lassen. Wir woll-
ten besonders afrikanische Frauen, die wegen Rassismus oft mehr benachteiligt
sind, unterstützen. Diese Frauen stärken uns hier in Berlin in unserem Charis-
ma, weil unsere Leidenschaft für ihre Inklusion in die Gesellschaft und für die
Gegenseitigkeit im Glauben ein Reflex der Leidenschaft Combonis für eine Welt
ohne Sklaverei und ohne Grenzen ist. Für Comboni war Afrika die „schwarze
Perle, die in der Kirche noch fehlte“.
Nur Dankbarkeit…
Und jetzt zurück zum Anfang: Einige von diesen Frauen haben wir im Laufe der
Zeit in der Naunynstraße unterbringen können, weil sie in Not waren und ein
Obdach brauchten. Wir wussten, es war der richtige Ort, ein offener Raum der
Inklusion und der Grenzenlosigkeit. Dort haben alle einen Aufenthalt im Reich
Gottes, und das ist genug. Und diese Frauen haben das Leben wieder neu gefun-
den, weil sie sein durften wie sie sind. Ja, das ist die Naunynstraße: der Ort wo
jeder und jede sein darf wir er oder sie ist, das ist das Reich Gottes auf der Erde,
das Reich Gottes, für das Comboni und andere Held*innen der Geschichte der
Menschheit gelebt haben und für das sie gestorben sind.
Am Ende dieser unvollständigen Erzählung bleibt von uns beiden einfach eine
tiefe Dankbarkeit.
Mabel und MargitEinfach offen
115
Mit – Ohne: Einfach Mitleben
A
ls wir dieses Jahr in der Karwoche wieder zusammen mit den künftigen
MissionarInnen auf Zeit zur Vorbereitung in Berlin waren, erzählte Chris-
tian Sr. Bettina und mir von dem Vorhaben eines neuen Buches mit dem Titel:
„Einfach ohne“. Und er fragte uns, ob wir nicht auch einen Beitrag liefern wollen.
Ich dachte längere Zeit über diesen Titel nach und inwieweit dieser in Zusam-
menhang mit uns – mit dem Programm MaZ MissionarInnen auf Zeit – steht und
worin ich eine Verbindung sehe. Unser Motto bei MaZ ist das „mitleben, mitbeten
und mitarbeiten“. Mitleben mit den Menschen einer anderen Kultur, mit dabei
sein, Alltag teilen, gemeinsam Feste feiern, sich begegnen, einander näher und
tiefer kennenlernen, aber auch Langeweile und Abgeschiedenheit aushalten –
das, was die Lebensrealität der Menschen vor Ort in dem jeweiligen Einsatzland
ist. Im Mitleben den Glauben teilen, den eigenen Glauben vertiefen, vielleicht
auch erst so wirklich entdecken und andere Formen und Ausdrucksweisen ken-
nenlernen – Glaubenserfahrungen machen dürfen. Und im Mitarbeiten die ei-
genen Fähigkeiten, Talente, den eigenen Körper, die Wissenskraft einbringen,
mitzuhelfen im Projekt, in der Pfarrgemeinde, im Kindergarten, im Internat, im
Krankenhaus – je nachdem, was zu dem jeweiligen Aufgabenfeld gehört. Manch-
mal gilt es auch Unterstützung zu sein, Verantwortung zu übernehmen, auch mal
nicht so angenehme oder langweilige Arbeiten zu verrichten und das zu machen,
was gebraucht und gefordert wird und dabei neue Fähigkeiten und Talente an
sich selbst zu entdecken, ganz viel zu lernen von der jeweiligen anderen Kultur,
Gemeinschaft zu erleben, auch an seine eigenen Grenzen zu gehen – einfach mit
dabei zu sein. Und obwohl es bei MaZ so viel um dieses „mit“ geht und dieses
„mit“ auch viel von unserer Haltung, wie wir den Menschen dort begegnen wol-
len ausdrückt – passt es doch sehr gut zum Titel „Einfach ohne“. Die jungen MaZ-
lerInnen versuchen, ohne vorgefertigte Meinungen sondern mit einer offenen,
lernenden Haltung den Menschen vor Ort zu begegnen, sie leben ein Jahr ohne
ihre Familie, ohne ihre bestehenden sozialen Netze in Deutschland und ohne
liebgewonnene Gewohnheiten wie z. B. der selbstverständliche Gebrauch von W-
LAN, Waschmaschine,… sondern einfach ohne all diese Dinge – um ganz im „mit-
Dasein“, vor Ort, im Lernen und Miterleben sein zu können. Denn ohne diesen
Verzicht und ohne die Bereitschaft, sich auf dieses Andere einzulassen ist ein
Dienst als MissionarIn auf Zeit nicht möglich. Diese erste Erfahrung des „Einfach
ohne“ machen wir bereits in Berlin, wenn Christian mit uns am Gründonnerstag
eine Ausreiseübung macht und uns auf die Straße schickt: ein Tag ohne Handy,
Geld, Freunde bzw. Mit-MaZ sondern alleine – auf der Suche nach den besonde-
ren Orten, den heiligen Orten – den Orten die mich herausfordern. Ein Tag der116
Einfach offen
Straßenexerzitien. Es fällt den jungen Menschen oft gar nicht leicht, ohne die
gewohnten Sicherheiten loszuziehen, ohne Ziel und Plan, ohne Handy und vor
allem auch alleine. Und dennoch ist es jedes Mal wieder neu und besonders und
faszinierend mit wie viel Eindrücken, Begegnungen und Reichtum sie zurück-
kehren. Sie wachsen über sich selbst hinaus in den Begegnungen, gehen über
ihre eigenen Grenzen und Mauern der Vorurteile und gesellschaftlichen Konven-
tionen hinaus, um dann mit diesen gemachten Erfahrungen reich beschenkt zu
werden. Und sie entdecken ihr eigenes Land neu: Sie entdecken, dass es Armut,
soziale Ausgrenzung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit nicht nur in den Ländern des
Südens gibt – wo es sie hinzieht, sondern dass dies auch hierzulande anzutreffen
ist, wenn man dafür sensibilisiert ist, die Augen aufmacht und sich damit ausein­
ander setzt. Und wir erfahren gemeinsam, indem wir unterschiedliche Projekte
besuchen bzw. engagierte Menschen kennenlernen, dass es Initiativen und Men-
schen gibt, die versuchen Antworten auf Not und Ausgrenzung zu finden und
zu leben. Für mich ist diese Kar- und Osterwoche in Berlin, die Begegnungen
mit den engagierten Menschen an den unterschiedlichsten Orten, die sich aus
ihrem Glauben heraus für die Menschen am Rande einsetzen und oftmals ganz
neue, andere Wege gehen, immer wieder aufrüttelnd, intensiv, bewegend und
beeindruckend. Auch wenn ich „nur“ als Begleiterin dabei bin und die Gruppe
im Austausch begleite, so sind es die Geschichten der Menschen, die Lebenswege
– oftmals die brüchigen und die daraus erwachsene Stärke – die mich berühren
und mir Kraft und Energie geben. So wie die Osterbotschaft nicht am Karfreitag
stehen bleibt, so gehen wir in dieser Karwoche mit den MaZlerInnen auch auf
Ostern zu und erleben trotz der schweren, aussichtslos erscheinenden und ohn-
mächtig machenden Situationen österliche Aufbrüche und Auferstehungserfah-
rungen – in Gemeinschaft, im „mit – ohne“.
Magdalena Beier
Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens,
Spendet Opfergaben, und tretet ein in sein Heiligtum!
In heiligem Schmuck werft euch nieder vor dem Herrn.
D
er Psalm bringt mich auf die Frage, wo denn der Ort des Gottesdienstes ist,
unseres Dienstes für Gott und seines Dienstes an uns. Dabei geht es um
einen Gott, der von sich selbst sagt, ein Obdachloser zu sein. Einem, der ihm
im Überschwang sagt, ihm überall hin folgen zu wollen sagt er: „Die Vögel ha-
ben ihre Nester und die Füchse haben ihre Höhlen, aber der Menschensohn hatEinfach offen
117
Miriam Bondy, „Oase in der Wüste“. Folienschnitt , Berlin 2003
nicht, wohin er sein Haupt bette.“ Also vorsichtig: Du kannst mir nicht nachfol-
gen, ohne raus ins Elend zu gehen, dahin, wo ich wohne. Nichts von Heiligtum.
Und wenn es ein Heiligtum gibt, dann ist es keine Idylle. Es ist auf den Straßen,
im Dreck der Stadt. Willkommen im Paradies? Nein. Verstoßen aus dem Paradies
wie die Bettler am Dom, der als Repräsentation des heiligen Jerusalem eben das
Jenseits als urbanes zeigt statt als Landlust darstellt. Das Domkapitel hat sich
geirrt. Denn das Christentum ist eine Religion der Stadt, der Urbanität mit allen
ihren Zumutungen. Das richtige Leben gibt es nur im Falschen.
Und so finde ich, passt dieser Raum, dieser Notbehelf unserer vertriebenen Ge-
meinde ganz gut zu uns. Waren wir früher geborgen im großen Rund, das wie
eine Arche, wie ein Schiff bergend anmutete, sind wir jetzt in einer eckigen
Schachtel. Gemütlich ist anders. Der Boden ist hart und sagt meinen Knien mit
seinen kleinen Kieseln im Waschbeton, dass es nicht der Raum der Frömmig-
keitsübung ist. Der Boden erinnert an die Straße, von der ich schon gesprochen
habe. Die Straße, das ist ja auch der Kreuzweg. Nicht unbedingt die Via Dolorosa
in Jerusalem, über die Jesus getrieben wurde, sondern die Straße, wie die, auf
der wir täglich unterwegs sind mit dem mehr oder weniger großen Leid und der118
Einfach offen
Miriam Bondy, „Wanderschaft“. Scherenschnitt
Verzweiflung im mehr oder weniger Kleinen. Dieser Boden erinnert an Alltag.
Und das Raster der eingelassenen Kreuze darin an den Kreuzweg.
Vor einiger Zeit sah ich mal Jeremias mit seinem Spielzeugauto über die Kalk-
steinstreifen fahren. Seine kindliche Phantasie hat hier auch die Straße gefun-
den. Straße, das ist härter als der Weg, der nach Spazieren gehen klingt. Und
dann ist da diese Raumdecke, die auch wieder ein Raster zeigt. Sieht man die
einzelnen Balken, so scheinen sie viel zu dünn, um über die Breite und Länge des
Raums zu spannen. Sie sind viel zu dünn und sehen ja auch etwas ramponiert
aus. So sicher scheint es hier nicht zu sein. Kein Angst, die Decke wird heute
nicht einstürzen, wahrscheinlich. Ich vermute, dass sie von der Dachkonstruk­
tion abgehängt ist, außerdem wirkt es schon sicherer, wenn wir die Balken als
Stäbe sehen, die nicht einzeln tragen müssen, sondern mit den Faserzementplat-
ten darüber eine Scheibe bilden. Die Faserzementplatten. Möglicherweise bein-
halten sie Asbest. Damit wird der Raum noch bedrohlicher. Dass mich die ge-
wellten Faserzementplatten an das Wellblech der Favellas erinnern, ist vielleicht
auch nicht so schlecht. Dieser Raum erinnert mich an die Räume der Not, an
die Orte, an denen wir Christus in den Bedürftigsten und Geringsten begegnen
können. Wenn dort das Feuer der Liebe brennt, werden der Wüstenboden, dieEinfach offen
119
Straße und die Müllhalde, auf der Menschen wohnen, zum heiligen Ort, an dem
wir auch und gerade ohne Schuhe stehen können, ohne uns zu verbrennen.
Man ist sich nicht so sicher: Wohin der Weg geht, weiß man noch nicht. Eine neue
Bildsprache gibt es noch nicht. So wie wir uns auf der Wohnungssuche noch
nicht so sicher sind. Ich finde, dieser Raum passt sehr gut zu uns. Doch wenn wir
hier Messe feiern, kommt das von Ite, missa est – Geht raus, es ist Sendung. Macht
es euch auch hier nicht bequem.
Jan Rinke
Er war heute da
E
r war heute da. ER kam kurze Zeit nach mir zur Meditation in den Dom. Die
Meditationszeit hatte bereits begonnen. Still und unbemerkt setzte er sich auf
den Hocker, direkt vor die große Ikone. Ich weiß nicht warum, – während wir
schwiegen, musste ich Ihn immer wieder ansehen. Als mein Blick dann auf die
große Ikone hinter ihm fiel, spürte ich (darf man es so nennen?) so etwas wie
einen heiligen Schauer. Das Gesicht des Fremden und das Gesicht auf der Ikone
schienen identisch zu sein – bis in die einzelnen Gesichtszüge – sogar die Haar-
tracht schien gleich zu sein…
Später habe ich Elisabeth, die neben mir saß, angestoßen. Wir haben das Gleiche
gesehen, gedacht und empfunden. Sternstunden gemeinsamen Erlebens.
Nach der Meditation bin ich zu Ihm gegangen und habe mich neben ihn gesetzt.
Er heißt Thomas und ist obdachlos. – Er hat mir vom Glauben erzählt und dass sich
vieles ändern wird in der Kirche. Zum Schluss haben wir einander gesegnet.
Vielleicht kommt er nächste Woche wieder. – Aber eigentlich ist das egal. – ER
begegnet uns ja in so vielen Gesichtern. Wir müssen nur unsere Augen öffnen
und ES mit all unseren Sinnen wahrnehmen.
Diether Wegener
Offenheit
W
ie jeden Samstagmorgen ist Frühstück in der Naunynstraße. Für mich seit
zwei Jahren festes Programm. Ein Teil der Bewohner sitzt am Tisch, einige
Berliner, die immer wieder dabei sind, und neue Gäste, wie heute eine junge
Frau, die zum ersten Mal kommt. Sie trifft nun auf die bunte Schar; jemand
reicht ihr den Kaffee. Es wird geplaudert, philosophiert und erzählt. Einer fragt,120
Einfach offen
wie lange Franz noch bleiben darf und wann er abgeholt wird. Die junge Frau
horcht auf und schaut etwas verdutzt. Ist dieser „Franz“ ein Kind, was bald wie-
der abgeholt wird? „Hier gleich nebenan liegt der Jesuit Franz in seinem Bett. Er
ist vorgestern verstorben.“ Sie staunt und sagt leise, dass sie noch nie eine Leiche
gesehen habe. Wir frühstücken weiter und erzählen über Franz. Eine Zeit spä-
ter sagt Christian zur jungen Frau: „Du kannst gerne zu Franz gehen, Gabriele
begleitet dich sicherlich gern.“ Überrascht schaut sie mich an und ich nicke ihr
freundlich zu. „Ja! Wenn du magst, dann komm.“
Im kleinen Raum hinter dem Vorhang ist das Fenster geöffnet. Zwei kleine Blu-
men, eine Kerze. Wir setzen uns. Zugedeckt mit einer hellblauen leichten Decke,
mit friedlichen Gesichtszügen, liegt er da. Hier spüre ich, was Franz gesagt hatte
und was die Brüder von Taizé vertont haben. Leise singe ich: „Gott ist nur Liebe,
wagt für die Liebe alles zu geben, Gott ist nur Liebe, gebt euch ohne Furcht.“
Einfach nur da sein; die Gemeinschaft trägt. Hier, gleich im Zimmer nebenan,
sind jetzt bereits meine „Exerzitien auf der Straße“. Der Weg dorthin war kürzer,
als ich meinte. Offensein für unerwartete Begegnungen. Das ist Leben.
Die anderen vernehmen mein Strahlen und reichen mir ein Croissant…
Gabriele
Worte nach Peters Suizid
Lieber Peter,
wenn du gewusst hättest, wie traurig und schockiert du uns hinterlässt, wärst du
in der Lage gewesen, einen anderen Weg zu wählen?
Wie lange schon hat sich der Gedanke in dir festgegraben, nicht mehr leben zu
wollen? Was war deine Angst? Warum konntest du nicht mit uns sprechen?
Wir vermuten, dass sich dein Blickfeld eingeengt hat und du wie durch einen Tun-
nel geschaut und nur noch diesen einen Ausweg gesehen hast. Wir verstehen dich
nicht, aber wir geben dich frei. Unsere Liebe ist so groß, dass wir dich gehen las-
sen. Wir halten dich nicht fest. Wir werden in der nächsten Zeit wie du zwei Ge-
sichter tragen.
Gehts dir gut, werde ich gefragt im Vorübergehen. Doch, gut, sage ich und zeige das
passende Gesicht, mein gut aussehendes Gesicht.
Mein anderes Gesicht verberge ich liebevoll unter meiner Kleidung.
Zuhause ziehe ich mich aus. Dann darf es Trauer tragen.Einfach offen
D
121
ie entscheidendsten Erfahrungen in meinem Leben habe ich machen dürfen,
wenn ich gespürt habe, ich stehe nicht über der Situation, sondern ich befin-
de mich darunter.
Ich weiß nicht mehr vom Leben als der Peter. Ich weiß nicht, in was für Situatio-
nen mich das Leben führt. Ich habe keine Antworten. Erst wenn ich mich unter
ihm spüre, dann kann ich mein Herz öffnen, um ihn dort hineinfallen zu lassen.
Dann weiche ich dem Schmerz nicht aus. Dann ist für eine Weile mein Herz sein
Grab.
Das bedeutet für mich Karfreitag. Die Sonne hat sich verfinstert. Die Vögel ha-
ben aufgehört zu singen. Eine beängstigende Stille ist in unser Leben eingekehrt.
Ich glaube, jeder und jede von uns kennt Momente im eigenen Leben, wo er oder
sie nicht mehr leben wollte. Ich erinnere mich, wie ich selbst einmal in Kreuz-
form auf der Erde lag und mir gewünscht habe, zu sterben. Der Prophet Hiob hat
Gott angeklagt: Warum hast du mich im Leib meiner Mutter geformt? Wäre ich
doch nie geboren. Die Buddhisten hoffen auf ein Nirvana, um nicht mehr in den
Kreislauf des Lebens zurückkehren zu müssen.
Unser Leben hat zwei Gesichter. Den Tag, die Sonne, die Liebe, das Glück. Aber
es gibt auch die Nacht, Zeiten, in denen wir uns wünschen, dass das Leben ein
Ende hat. Ich selbst habe an einem solchen Tiefpunkt in meinem Leben eine
innere Kraft gespürt und wusste, solange ich diese Kraft in mir trage, kann ich
mir nicht das Leben nehmen. Ich war mir bewusst, ich bin nicht diese Kraft,
sondern diese Kraft lebt in mir. Ich nenne diese Kraft Gott. Gott ist das Leben, ist
mein Leben. Warum Peter diese Kraft nicht in sich gespürt hat, weiß ich nicht.
Aber ich kann nachvollziehen, dass es Momente im Leben gibt, wo die Sonne
sich verfinstert und das Leben nicht mehr lebenswert erscheint. Wir reden nur
nie darüber. Drei Tage befand sich Jesus im Grab. Danach war sein Grab leer. Ich
glaube, dass auch unser Herz am Dritten Tag lernt, neu zu schlagen. Die Zahl Drei
symbolisiert das Leben, das langsam zurückkehrt, allerdings in eine vollkom-
men veränderte Welt. Wir sind nicht mehr die Alten, sondern, wie Rilke sagt,
reicher um das Verlorene und vermehrt um jeden unsäglichen Schmerz.
Wir müssen neu lernen aufzustehen, zu gehen, zu essen, zu leben. Khalil Gibran
meint, dass das Unglück, das uns widerfährt, die gleiche Kraft ist, die unser Herz
erleuchtet. Die Zahl Drei, der Drei Tage, versinnbildlicht eine neue Dimension
und Wertschätzung des Lebens. Unser Bewusstsein erweitert sich. Oder, wie es
im Judentum heißt, nur ein gebrochenes Herz ist ein ganzes Herz. Unser Herz
bricht, bis es so weit ist, dass es das Leben und den Tod von Peter, bis es den Tag
und die Nacht umfassen kann.
Der Auferstandene trägt die Wundmale sichtbar an sich. Auch ihr werdet nicht
mehr dieselben sein wie vorher. Eure Wunden werden sichtbar sein und sich122
Einfach offen
hoffentlich in Perlen der Schönheit wandeln. Wer das Kreuz durchschritten hat,
lernt die Kraft eines auferstandenen Lebens mit der Zeit kennen.
Nach drei Tagen können wir beginnen, noch einmal vom Leben von Peter zu
erzählen. Denn das war es, was ihn ausgemacht hat, sein Leben. Nichts kann
uns trennen von der Liebe, die Gott selbst ist, keine Mächte und Gewalten kön-
nen uns die Liebe nehmen. Peter war und ist euer Bruder. Ihr habt zueinander
ein sehr enges Verhältnis. Er war ein liebenswürdiger, offenherziger Mensch.
Er lebte im Haus seiner Eltern, hatte viele Stunden in den Umbau investiert. Er
war stolz auf`s Haus. Sein Garten wirkte so lebensfroh mit all den Figuren und
Pflanzen.
Er arbeitete gern. Jahrelang war er Mitglied in verschiedenen Vereinen. Er war
im Dorf gut integriert, hat gerne gelacht, war gesellig, hat Witze gemacht, gute
Kolleginnen und Kollegen gehabt. Peter liebte es, Streiche zu spielen. Jeden letz-
ten Freitag im Monat traf man sich am Stammtisch. Sein Wesen war geprägt von
Wertschätzung und Freundlichkeit. Wir alle kannten ihn im Dorf zumindest vom
Laufen und freundlichen Grüßen. Er lief und wanderte und lief. Ihr habt viele
schöne Erinnerungen und Anekdoten, die ihr miteinander teilt und die euch mit
Peters Leben verbinden. Sie sind kostbare Geschenke. Eure Beziehung ist nach
wie vor kostbar. Ihr habt erzählt, dass es Peter nicht so leicht fiel, sein Geburts-
tagsfest vorzubereiten. Irgendetwas muss ihn so aus der Bahn geworfen haben,
dass er Geselligkeit und viele Menschen nicht mehr verleiden konnte.
Wir konnten ihn nicht aufhalten. Sein Entscheid gehört zu seinem Leben. Euch
fiel ein Spruch in die Hände, der viel ausdrückt, von dem, was Peters Leben am
Ende beschreibt:
Mitten im Frühling – die Natur bricht auf und blüht.
Was will man sagen, wenn ein liebenswürdiger Mensch einen anderen Frühling
sucht?
Beatrix Jessberger123
Einfach Mensch sein
Einfach Mensch sein
Es hat sich ereignet

Ein Obdachloser hebt
die Hand zum Gruß
mit einem Lächeln, das mehr
als jede Decke wärmt.
Die Angst sagt:
Pass auf, halt Distanz!
Das Herz sieht hin.
Es geht ein Glanz.
Lisa F. Oesterheld124
Einfach Mensch sein
Ohne… einfach …
U
nd? Was macht Deine Mutter also jetzt?“, wird meine älteste Tochter von ei-
ner meiner Freundinnen gefragt. Ich habe drei Kinder – besagte Tochter, elf
Jahre alt, einen Sohn mit achteinhalb, und unsere Jüngste ist sechs und kommt
jetzt in die Schule. Mein Mann ist selbständiger Zimmerer.
Überraschend hatte ich von unserer hiesigen Grundschule einen Jahresvertrag
angeboten bekommen. Einen JAHRESvertrag! Für ein ganzes Jahr schon wissen,
was ich beruflich tue. Wie viel am Ende des Monats aufs Konto kommt. Auch in
Krankheit und Urlaub weiterbezahlt werden. Großartig!
Bis Anfang diesen Jahres war ich Honorarkraft für Deutsch als Fremdsprache in
Flüchtlingsklassen. Mit großer Begeisterung! Und dem Stress des Freiberufler-
Daseins… Allerdings sollte ich nun in der Schule – fast ohne Vorerfahrung – die
Klassenleitung einer dritten Klasse übernehmen und den Unterricht in Deutsch,
Sachkunde und Mathe. Eigentlich auch keine üble Aussicht. Nur dass meine
mangelnde Erfahrung bedeuten würde, dass ich enorm viel Zeit für die Vorberei-
tung des Unterrichts investieren müsste.
Eine massive Beziehungskrise haben mein Mann und ich vor etwas mehr als
einem Jahr Gott sei Dank überstanden. Aber was wir immer geahnt, vielleicht
theoretisch schon gewusst hatten – dass nämlich langanhaltende Überlastung
im Alltag für eine Beziehung tödlich sein kann –, das ist uns für alle Zeiten er-
schreckend in die Glieder gefahren.
Ich habe fünf Nächte schlecht geschlafen. Die Schulleiterin hätte meine Antwort
auf ihr Angebot am liebsten schon am nächsten Tag gehabt. Ich habe ihr noch
das verlängerte Wochenende abgerungen. Mit verschiedenen Freundinnen habe
ich mich besprochen.
„Und?“, fragt also eine dieser eingeweihten Freundinnen meine Tochter, weil sie
diese zuerst trifft. „Was macht Deine Mutter also jetzt?“
„Sie ist einfach meine Mama!“, freut sich meine Tochter.
… und wenn sie nicht gestorben ist, dann steht sie noch heute am Herd und kocht
leckeres Essen für ihre drei Kinder … So wäre es im Märchen. Das echte Leben
geht natürlich anders weiter. Je älter unsere Kinder werden, desto nötiger ist es,
dass ich auch etwas zum Familieneinkommen beitrage. Auch gibt es ja meine
Talente und Begeisterung für Dinge jenseits der Familie. Es bleibt also spannend
und ein weiteres Ausbalancieren zwischen Arbeit und Familie, Geld und Zeit.
Den Jahresvertrag an der Grundschule habe ich abgelehnt. Aber die Suche bleibt.
Die spontane, frohe Antwort meiner Tochter – „Sie ist einfach meine Mama!“ –
aber hat mich berührt und ich möchte sie in meinem Herzen bewahren.
RuthEinfach Mensch sein
125
Das Prinzip der Verschwendung
D
a war ich also, in dieser großen Stadt und suchte ein Grab, das Grab meiner
anonym-bestatteten besten Freundin. Vor vier Jahren ist sie gestorben und
ich war nicht auf ihrer Beerdigung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass außer ei-
nem Bestatter, der sie in einem kleinen Loch vergraben hat, auch sonst niemand
anwesend war.
Es war eine sehr besondere Freundschaft von zwei Menschen, die wohl unter-
schiedlicher nicht hätten sein können. Uns verband eigentlich nur, dass wir
einmal in der gleichen großen Wohngemeinschaft gelebt haben. Ganz langsam,
so unsichtbar langsam, hat es rund zehn Jahre gebraucht, bis aus der Gleich-
gültigkeit eine Freundschaft wurde, deren Blütezeit dann die Jahre waren, in
denen sie fern von mir wohnte. Wir haben uns kaum gesehen, aber viele Briefe
geschrieben. Diese Briefe waren es, die uns zum Schweben brachten, die uns
in der Luft hielten, die Leichtigkeit bescherten, die Sahnehaube unserer beiden
nicht unglücklichen und erfüllten Leben. Und es ist passiert, was so oft passiert,
wenn die Augenhöhe zwischen zwei Menschen verloren geht – als sie sich nicht
mehr in der Luft halten konnte.
Durch ihre lange Krankheit vereinsamte sie. Die letzten Jahre konnte sie nicht
einmal mehr Briefe schreiben und ich bin an der Herausforderung unserer Be-
ziehung grandios gescheitert.
Mit Schuld beladen und dem Gefühl etwas gut machen zu müssen war ich nun
hier. Meine Idee über die Friedhöfe zu laufen, sie vielleicht spüren zu können und
zu hoffen, dass so alles wieder gut werden würde könne, kam mir auf einmal so
naiv und absurd vor, dass ich erst gar nicht wagte einen Friedhof zu betreten.
Nach ein paar Tagen in ihrer Stadt war ich in einem Kaufhaus, das auf einem
ehemaligen von den Nazis geschändeten jüdischen Friedhof errichtet war. Um
die Totenruhe zu gewähren, war zwischen dem Gebäude und dem Erdboden eine
dicke Betonplatte gegossen worden. Da stand ich nun im Trubel dieses Kaufhau-
ses vor der Gedenktafel und spürte diese meterdicke, unüberwindbare Beton-
wand zwischen ihr und mir, spürte meinen Schmerz, den ganzen Schmerz mei-
nes Lebens. Was dann passierte war keine Absicht, es ist einfach passiert. Vor
dem Kaufhaus saß ein Bettler, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich habe mich
zu ihm gesetzt, ihn an der Schulter berührt und ihn gebeten mich anzusehen.
Dann haben wir uns umarmt, ich habe etwas wie Bruder gestammelt und wir
hatten beide Tränen in den Augen.
Ich vergesse leicht, messe Vergangenem nicht zu viel Bedeutung bei, aber dieses
Empfinden, diese Erfahrung von Schmerz, Einsamkeit und darin auch von Brü-
derlichkeit, hat sich mir eingeprägt.126
Einfach Mensch sein
Am nächsten Tag war ich im Volkspark, habe den Menschen zugesehen und
mich an ihnen und der Idee des Parks, sogar einen kostenlos zu besuchenden
Zirkus gab es, erfreut. Ich habe den Kindern am Teich zugeschaut, habe die Welt-
verlorenheit oder besser das In-der-Welt-sein der küssenden Paare, die ruhende
Gelassenheit von so manchen meist älteren Menschen beobachtet und es ging
mir gut. Da war kein Schmerz mehr.
Da sitz ich also seit Stunden in diesem Parkcafe, denke an die großzügige mo-
derne Architektur in dieser Stadt, die so verschwenderisch mit den Ressourcen
umgeht, die mich so beeindruckt und die ich so schön finde. Und da habe ich die-
sen wunderbaren Gedanken: Das Prinzip von Leben, von Schönheit, von Liebe ist
das Prinzip von Verschwendung. Wäre eine Blüte nur einen Bruchteil so schön
wie sie ist wäre sie immer noch unbegreiflich schön und doch verschwendet sie
sich im Augenblick. Wenn es uns manchmal auch gelingt uns im Moment zu
verschwenden, kann Schönheit entstehen in der Kunst, im Sein.
Meine Freundin und ich haben uns sehr viele Briefe geschrieben, aber erst jetzt
hatte ich ihr Leben das erste Mal verstanden. Sie hat dieses Prinzip der Ver-
schwendung gelebt. Mir ist klar geworden, dass mich das an ihr so fasziniert
hat. Ich wollte sie aus meinem Leben herausbringen und meine vermeintliche
Schuld los werden, frei werden. Und jetzt fühlte ich mich frei von Schuld und ihr
so nah wie vielleicht noch nie. Ich spürte eine tiefe Zuneigung zu ihr und zu dem
wundersamen, geheimnisvollen Leben.
Jetzt bin ich schon wieder eine ganze Weile zuhause. Ich habe an all diese Be-
richte nicht mehr gedacht. Dieser traumhafte Sommer mit seinen zauberhaften
geheimnisvollen Nächten und dem Mysterium der Milliarden von Sonnensyste-
men, mit seinen Abermilliarden von Sternen hat jede meiner Zellen ausgefüllt.
Wie jedes Mal, hat das Ende des Sommers mich wieder unvorbereitet erwischt.
Traurig bin ich von meiner Dachterasse, auf der ich jetzt wer weiß wie lange
gelebt und geschlafen habe, wieder in mein Haus gezogen. Ich wusste nichts mit
meinem Tag anzufangen und bin wohl stundenlang im Kreis gelaufen. Und wie
immer wieder mal in meinem Leben erinnerte ich mich an eine Sequenz aus ei-
nem Film. Ein Häftlingstransport ist mit einem Zug unterwegs zu einem KZ. Ein
Häftling ist in Todesgefahr, er wird der Homosexualität beschuldigt. Er streitet
dies ab. Ein sehr junges Mädchen wird herbeigebracht, an der er seine „Nor-
malität“ beweisen soll. Ich habe ihr Gesicht immer vor Augen. Er vergewaltigt
das Mädchen und sein Körper kann das. Wer um Todesangst weiß, der hat eine
Ahnung von den Fähigkeiten des eigenen Körpers. Ich habe meiner Freundin
diesen Film erzählt, und auch davon, dass ich sogar ihr, so traurig das auch sein
möge, in dieser Situation diese Gewalt antun würde. Sie glaubte mir nicht und
wollte dann nicht mehr darüber reden. Ich weiß noch wie wütend ich war, ichEinfach Mensch sein
127
wollte keine Beschwichtigungen, ich wollte etwas wie „so sind wir Menschen
eben“ hören.
Manchmal erinnere ich mich an meine Freundin und sehr selten kann ich mir
einbilden sie zu spüren. Die Vorstellung mit ihr sprechen zu können lag außer-
halb meines Begreifens, aber möglicherweise passierte in meinen ungezählten
Kreisen etwas, was einem Gespräch schon sehr nahe kommt. Mir war plötzlich
so klar, dass sie ernst meinte, was sie sagte und ich hatte etwas über die Liebe
begriffen. Liebe ist nicht nur die Freude am Anderen, das Wohlwollen für den
Geliebten, vielmehr ist es der lebenslange Versuch, das zu werden, was der An-
dere bereits in einem sehen kann, wer will kann hier auch Gott sagen.
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aus diesem besonderen Sommer ein hüb-
sches Kleid zu nähen, ein Kleid nach dem man sich womöglich umdreht, das
dem ein oder anderen ein Deja-vu beschert. Doch wie zauberhaft wäre es, wenn
es jemanden dazu verführen könnte ein Blümchen zu pflücken und es mit Dank
seiner Liebe zu überreichen.
Richard Kick
Ohne Schublade
E
infach ohne – was fällt mir dazu ein? Es bedeutet für mich einen Blick auf das
zu werfen was mir anhaftet, in welcher Schublade ich stecke, wo Befreiung
notwendig ist.
Seit meinem 24. Lebensjahr bin ich in dieser Schublade, möchte frei werden da-
von und kann es nicht. Einfach ohne? Wovon?
Es ist die in den Augen der Welt endgültige medizinische Diagnose namens schizoi-
de Psychose. Sie hat mich vor den Behörden wie z. B dem Arbeitsamt in bestimmten
Schienen laufen lassen. Meinen beruflichen Werdegang beeinflusst, als „Psycho“
kann Mensch kein Ergotherapeut werden, man bekommt nicht die Möglichkeit
einer Ausbildung gestellt. Man sollte unter den Psychopharmaka keine Kinder
bekommen… Ich wurde immer wieder auf Medikamente gesetzt. Ich wurde ein-
mal mit Gewalt von der Polizei in eine Psychiatrie geschleift, also hatte ich einen
Paragraphen. Fast vorbestraft. Entsprechend die Behandlung dort. Wer eine psy-
chiatrische Vorgeschichte hat kann nicht in ein Kloster eintreten, es ist zu riskant
für die Gemeinschaft. Mit 16 Jahren war mir das größte Grauen, ein Leben lang
Medikamente zu schlucken müssen, ich tue das nun 26 Jahre lang und ich habe
Angst sie weg zu lassen, denn inzwischen bin ich davon psychisch abhängig.
Einfach ohne? Ohne ärztliche Diagnose? Mein größter Wunsch vielleicht. In den
Augen dieser Welt vielleicht.128
Einfach Mensch sein
Denn in dieser Zeit damals in der Psychiatrie, in meiner größten Einsamkeit,
schenkte mir Gott etwas, seine Zusage, dass ich als Mensch unendlich geliebt
bin – aus weltlicher Sicht war ich ein Häufchen Elend, ein Nichts, armselig und
unendlich bedürftig.
Einfach ohne ist unendlich viel mehr, es bedeutet für mich Gnade, Liebe und
Barmherzigkeit… Nur so kam ich aus der geschlossenen Psychiatrie wieder raus
und zurück in ein anderes Leben, ein Leben mit Jesus.
Christian hat sich damals bedankt als ich ihm meine story erzählte. Ich danke
Euch für Eure Gastfreundschaft damals in Berlin.
Christine Gottstein
Lectio divina

Die Stadt ist ein Buch
ohne Schutzumschlag
die Inschrift der Welt
entziffert sich tastend
staubigschön
Lisa F. Oesterheld
Sieben Fragen in sieben Tagen
I
m November 2014 fuhr ich nach Berlin, um eine Woche in der Kommunität in
Kreuzberg mit zu leben. Viel wusste ich nicht. Dass der Jesuit Christian Her-
wartz, dem ich vor Jahren einmal in Leipzig begegnet war, dort in einer Wohn-
gemeinschaft lebte. Dass diese WG offen ist für wohnungslose Menschen in Not,
die längere oder kürzere Zeit dort leben. Und dass ich jetzt eine Woche zu ihnen
gehören sollte. Wie es werden würde in einer für mich ganz neuen Gemeinschaft,
von der ich keine Vorstellung hatte, das war die Frage, die mich auf dem Weg in
die Naunynstraße beschäftigte. Wie es war, eine Antwort im Rückblick, versu-
che ich anhand von sieben Fragen zu beschreiben, die ich in den sieben Tagen
gesammelt habe.
Woher kommst du?
Als ich am Sonntagnachmittag ankam, öffnete mir einer der Bewohner die Tür;
Christian, mit dem ich meinen Aufenthalt vereinbart hatte, würde erst späterEinfach Mensch sein
129
von einer Podiumsdiskussion zurückkommen. Jetzt saß ich mit Franz am Tisch
im Wohnzimmer, er hatte einen Tee gekocht, der dampfend vor mir stand. Zöger-
lich kamen wir ins Gespräch, ich war müde von der Zugfahrt, Franz gerade vom
Mittagsschlaf aufgestanden. Obwohl er einen deutschen Namen trägt, konnte
ich sehen und hören, dass Franz nicht aus Deutschland kommt. Nach einiger Zeit
fragte ich: „Und, woher kommst du?“ Franz sah mich an und sagte: „Das fragen
wir hier nicht.“ Ich fühlte mich ertappt. Aber dann sagte er, versöhnlich, dass es
nicht schlimm sei, sondern ganz normal, diese Frage zu stellen. Aber hier stelle
man sie eben nicht. Wenn jemand von sich aus erzähle, wo er herkomme, sei das
kein Problem, aber man frage nicht danach. Nicht zuletzt, weil ich das Gefühl,
ein Fettnäpfchen erwischt zu haben, nicht loswurde, dachte ich über diese Frage
länger nach.
Am nächsten Tag erzählte mir Christian, dass diese Frage, auch wenn sie aus
ehrlichem Interesse gestellt werde, manche Mitbewohner an ausfragende Behör-
den erinnere, mit der sie keine guten Erfahrungen gemacht hätten. Aus diesem
Grund und nach Franz‘ Reaktion war mir klar, dass ich die Frage nicht mehr
stellen würde. Aber ich verstand noch etwas anderes. Zuallererst kommt es auf
die Gegenwart eines Menschen an. Er ist da, natürlich mit seiner Geschichte, mit
seinen Verletzungen, aber zuerst mit dem Geschenk seiner Gegenwart. In der Ge-
genwart begegnen wir uns, mit unseren Gegenwarten, das zählt. Und nur aus der
Begegnung in der Gegenwart wächst das Vertrauen, in dem wir uns gegenseitig
unsere Vergangenheiten erschließen und Zukünfte entwerfen können.
Worüber ärgerst du dich?
Am zweiten Abend gab Christian einem weiteren Gast und mir eine Einführung
in die Exerzitien auf der Straße, die er seit dem Jahr 2000 in Kreuzberg ent-
wickelt hat. Aus diesem Gespräch, das sich zwanglos an das Abendessen im
Wohnzimmer anschloss, ist mir eine Frage im Gedächtnis geblieben: „Worüber
ärgerst du dich?“ Oder: „Was macht dich wütend?“ Der Sinn dieser Frage ist es,
die Sehnsucht entdecken zu helfen, die im Menschen verborgen liegt, und damit
die Energie, sein Leben und die Welt zu verändern. Diese Frage kann nicht nur
helfen, den eigenen Ärger konstruktiv zu nutzen, sondern auch, Menschen mit
ihrer Sehnsucht in Kontakt zu bringen.
Brauchst du was?
Anders als die anderen Fragen hörte ich diese Frage nicht in den Räumen der
WG, sondern auf der Straße, genauer gesagt am U-Bahnhof Kottbusser Tor. Ich
spazierte dort entlang, um Kreuzberg kennenzulernen. Im Vorübergehen schau-
te mich ein junger Mann an und fragte: „Brauchst du was?“ Auf diese Frage war130
Einfach Mensch sein
ich ganz und gar nicht gefasst, ich weiß nicht einmal mehr, was ich geantwortet
habe. Ich weiß nur, dass ich schnell weitergegangen bin. „Brauchst du was?“ Spä-
ter wurde mir klar, dass ich auf diese Frage mit Ja antworten muss, auch wenn
ich gerade keine Drogen brauche. Denn immer brauche ich irgendetwas, um zu
leben. Zu wissen, dass ich immer bedürftig bin, ist aus meiner Sicht eine hilfrei-
che Haltung, wenn ich anderen, vermeintlich ärmeren Menschen, „Bedürftigen“,
begegne. Diese Haltung öffnet mich und macht mich dankbar für das, was ich
geschenkt bekomme, ohne dass ich darum gebeten habe.
Hast du schon mal einen weisen Menschen getroffen?
In einem Gespräch in der Küche der WG stellte mir ein Mitbewohner plötzlich
die Frage: „Hast du schon mal einen weisen Menschen getroffen?“ Ich musste
nachdenken, mir klar werden, was weise überhaupt meint und wem ich dieses
Attribut zuschreiben würde. Ein wenig klischeehaft fiel mir ein alter Benedik-
tinermönch ein, der einen Großteil seines Lebens damit verbracht hatte, Glas-
scheiben für die Fenster der Klosterkirche zu schneiden. Er hatte mir einmal,
unaufdringlich und weise, gesagt: „Gott schenkt alles, restlos alles.“ In der Kom-
munität in Kreuzberg fiel mir dieser Satz wieder ein. Vielleicht hatte mich der
reich gefüllte Brötchenkorb daran erinnert, den Christian mit dem Satz kommen-
tierte: „Armut kannst du hier nicht lernen, nur Reichtum.“ Die Brötchen waren
von vorgestern, aber beim Frühstück in der Gemeinschaft ein Zeichen dessen,
woraus wir alle schöpfen, der göttlichen Lebensfülle.
Und wie geht es dir?
Es ist eine beiläufig ausgesprochene Frage, auf die häufig keine ausführliche
Antwort erwartet wird. In einem Gespräch in der WG hörte ich die Frage anders:
„Und wie geht es dir?“ Schriftlich ist die Zuwendung, die in dieser Frage zu hö-
ren war, kaum wiederzugeben. Es war allein der Ausdruck der Stimme, der mir
deutlich machte, dass diese Frage echtes Interesse bekundete. Da wollte jemand
wirklich wissen, wie es mir geht. Die Frage bündelte seine Aufmerksamkeit, die
sich auf mich richtete, die wirklich Du zu mir sagte und die mir eine ehrliche
Antwort entlockte. Wie viel vermag aufmerksame Zuwendung doch zu bewir-
ken!
Zeigst du mir, wie du den Tee machst?
Manchmal kochte Franz „seinen“ Tee. Das Rezept war sein Geheimnis. Aber weil
mir der Tee so gut schmeckte, fragte ich ihn danach. Und an meinem letzten
Abend sind wir dann zusammen in die Küche gegangen, und Franz hat mir ge-
zeigt und erklärt, wie er seinen leckeren Tee zubereitet. Und als wir vor dem HerdEinfach Mensch sein
131
standen, sagte er mir, ganz unvermittelt, in einem Satz, was für ein Schicksal ihn
getroffen und nach Berlin und schließlich in die Kommunität in der Naunynstra-
ße geführt hatte. In einer Woche war zwischen uns ein Vertrauen gewachsen,
das ihm erlaubte, sich vorsichtig zu öffnen. Der Raum dafür war nicht durch
ein eigens anberaumtes Gespräch entstanden, sondern durch ein gemeinsames,
alltägliches Tun, Tee kochen.
Bleibst du noch eine Woche?
Als die Woche dem Ende zuging, fragte mich Franz: „Bleibst du noch eine Wo-
che?“ Um dann hinzuzufügen: „Am besten bleibst du bis Weihnachten!“ Ich fragte
mich, was der Grund für diese Frage, diese durchaus ernst gemeinte Einladung
war. Ich hatte in der Woche doch nichts Besonderes gemacht. Aber vielleicht
war es genau das, eben nichts Besonderes zu tun, sondern einfach da zu sein.
Christian hatte einmal gesagt, es sei wichtig, nicht etwas für „die Armen“ zu
tun, sondern mit ihnen. Darin steckt für mich eine Wahrheit, eine Richtung für
mein Leben als Christ. Das, was mir in der Woche manchmal schwer gefallen
war, nämlich nichts Besonderes zu tun, war wohl das, was Gemeinschaft und
Gemeinschaft gestiftet hatte. Ich wäre gerne noch eine Woche geblieben.
Stefan Voges
Sauerteig sein
D
u kannst nächstes Jahr auf vierzig Jahre Kreuzberg zurück blicken! Du (Ihr)
habt viele Etappen gelebt, die auch für mein Leben wichtig waren. Was mich
fasziniert hat an eurer Kommunität war euer Authentischsein, Echtsein, mitten
in so vielen verschiedenen Kulturen und Geschichten von so vielen Menschen
einfach Sauerteig sein, ohne großes Tamtam anwesend sein. Du darfst da schon
ein wenig stolz sein, weil eure Kommunität für mich immer ein Stück Himmel-
reich auf Erden war! Besonders erinnere ich mich gerne an alle die ich da kennen
lernen durfte. Franz Keller in seiner Einfachheit und Klarheit war für mich mit
ein Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes, der sich auf ganz einfache Weise
unter die Menschen gemischt hatte. Ich werde Franz Keller immer vermissen! So
danke ich mit euch Gott und für 40 Jahre Kreuzberg mit Jesuiten.
Roswitha Falkenberg132
Einfach Mensch sein
Mein langer Weg in die Liebe …
O
der zu mir selbst. Losgelaufen bin ich 2004 in Nürnberg bei den „Exerzitien
auf der Straße“. Hier begegnete ich Christian Herwartz, und es begann mein
Wandlungsweg mit ihm und den Impulsen, die ich in den nächsten 10 Jahren
immer wieder durch meine Aufenthalte in der Naunyn-WG erhielt, und vor allem
aus den tiefen Freundschaften, welche mit Menschen entstanden, die „zufällig“
zur gleichen Zeit vor Ort waren.
2011 war ich über eine Woche zu Besuch in der Naunyn. Zu diesem Zeitpunkt
habe ich keine Ahnung, von was ich die nächste Zeit lebe, bin in Bayern bei
einer kranken Freundin im feuchten Keller mit Gitter vor den Fenstern unterge-
schlüpft. Ich begegne Gaston, er lädt mich zum Spazierengehen ein, wir sind den
ganzen Tag unterwegs und erzählen uns so viel aus unseren Leben, wie Worte
eben Platz haben an einem Tag. Zwischendurch sitzen wir schweigend, am Ende
im strömenden Regen, keiner von uns will aufstehen und in die Naunyn zurück.
Soviel Vertrauen und Geborgenheit mit einem mir fremden Menschen habe ich
bis zu diesem Zeitpunkt noch nie erlebt.
Tage später sitzt eines Nachts Manuel mit all seinen Ängsten in meinem Bett. Er
wollte zu Christian. Er erzählt mir aus seinem Leben, kocht mir Tee, es ist so, als
ob wir uns schon immer kennen. Seit dieser Nacht sind wir dicke Freunde, uns
verbindet unser Kindheitstrauma und das Wissen, dass wir Gotteskinder sind.
Zurück in Bayern hat Gott Arbeit für mich im Lager einer Hutfabrik. Die körperli-
chen und klimatischen Bedingungen sind für mich kaum machbar und trotzdem
halte ich durch, bis mein Körper streikt. Ende Oktober sind Enrico und ich zur
„Eröffnungsfeier der Gedenkstätte Esterwegen“ eingeladen. Er fotografiert, ich
freue mich, dass mein Großvater jetzt ein Denkmal hat. Weihnachten verbringe
ich bei Manuel auf der Geschlossenen Psychiatrie in Remscheid. Es ist eine echte
Weihnacht, eine Geburt Jesu, für mich, mit diesen Menschen, hier fühle ich „die
Liebe“ im Raum, trotz des großen Leides der Einzelnen.
2013 im Januar bin ich in der totalen Überforderung und breche zusammen, bin
arbeitsunfähig und erhalte nach 2 Tagen Krankenstand meine Kündigung in der
Probezeit. Sofort ist sie wieder da, die Existenzangst, und andererseits die große
Freude. Jetzt bin ich so frei wie noch nie, jetzt bräuchte ich nur eine neue Bleibe
und die nötige Kraft für einen Umzug. Mein Zähneziehen geht weiter. Eine The-
rapie habe ich beantragt und ich bin arbeitsunfähig, so beginne ich meine Fühler
auszustrecken. Berlin oder Hamburg, dies sind die Favoriten. Berlin, wegen der
Naunyn, so als Start, und Hamburg, viel lieber, wegen dem vielen Wasser undEinfach Mensch sein
133
den Schiffen. Am 25. Februar kommt der Anruf von Werner, dem Mann aus Bre-
merhaven, hier gibt es freie günstige Sozialwohnungen. Wir vereinbaren, dass er
mir hilft in seiner Stadt Fuß zu fassen und ich unterstütze ihn, damit er trocken
bleibt und im Erziehungsauftrag seiner fast erwachsenen Kinder. Bis fast alle
Zähne raus sind und ich Zahnersatz habe wird es Ende April, ich habe genug Zeit
zu packen und auszumisten. Am 03. Mai komme ich in Bremerhaven an, wohne
bei Werner im Kinderzimmer. Am 05. Mai erzählt er mir, dass er bald sterben
wird, ich bald an seinem Grabe stehen werde, beginnt wieder zu trinken und
fragt mich, ob ich solange bei ihm bleibe, damit er hier sterben darf und nicht
wieder eingesperrt wird. Am 16. Mai habe ich mein eigenes Appartement, fahre
zurück nach Bayern, meine Umzugskisten holen und Werner macht einen Ent-
zug. Meinen 55. Geburtstag feiere ich mit Enrico, auf einem kurzen Abstecher am
18. Mai in Leinefelde. Seit Ende Mai wohne ich in Bremerhaven, Werner hat mir
beim Einrichten geholfen und beim Aufbau meiner ersten Sozialkontakte, dafür
habe ich ihn durch seine vier Trink- und Entzugsphasen begleitet, bis in der
fünften Trinkphase sein Herz aufgehört hat zu schlagen und ich Ende November
an seinem Grabe stand.
Im Oktober fliege ich mit Enrico nach Venedig, und merke hier zum ersten Mal,
dass ich Ruhe und Geborgenheit brauche und nicht den ganzen Tag Abenteuer
und Unterwegssein. Unsere Reise ist sehr spannungsgeladen, weil wir uns nicht
gemeinsam fallenlassen können.
2014 im Januar wohne ich wieder ein paar Tage in der Naunyn, um Franz Keller
zu verabschieden. Ich treffe Gaston wieder und es ist wie damals, obwohl wir
seit zweieinhalb Jahren keinen Kontakt hatten, ein Vertrauen, eine Nähe, so na-
türlich, so einfach, so schön. Wir gehen spazieren, erzählen uns die wichtigsten
Erfahrungen und verabschieden uns mit den Worten, dass es bis zum nächsten
Mal ja nicht ganz so lange sein muss. Ich habe mich in Bremerhaven auf eine
Beziehung eingelassen zu einem sehr zärtlichen Mann, welche ich nach ein paar
Monaten wieder in eine Freundschaft verwandelt habe, weil ich „die Liebe“ nicht
fühle, ähnlich wie bei meinem Ex-Mann.
Enrico teilt im März und Mai jeweils für eine Woche meine Zelle/Appartement,
wobei bei jedem Zusammensein unsere unerledigten Innenwelten aufeinander-
prallen, ich so gereizt bin, durch meine eigene Befindlichkeit, dass ich diese
Spannungen nicht abfangen oder ausgleichen kann, ich explodiere, grenze mich
ab. Auffällig und wundersam ist unser Gleichklang, sobald wir beide schweigen,
war unser Streit auch noch so heftig, stellt sich Harmonie und Geborgenheit
ein, sobald wir uns lassen und einfach nur zusammen sind. So wagen wir im
Oktober noch einen gemeinsamen Urlaub, der einfach nur schön und romantisch134
Einfach Mensch sein
ist (wir haben ja beide dazugelernt und an unseren Bedürfnissen gearbeitet),
bis ich durch den Ort in eine Kindheitsrückblende falle, die mir zu gegebenem
Zeitpunkt nicht bewusst ist, ich falle in körperliche Krankheit mit heftigen Ner-
venschmerzen.
Verzweifelt habe ich versucht wieder zu funktionieren, so dass ich fürs Arbeits-
amt wieder vermittelbar bin. Meine Therapie hat mich dahin gebracht, endlich
zu mir selbst zu stehen und mich mit den Fähigkeiten, die Gott mir geschenkt hat
an die Menschen zu verschenken. So habe ich einen Rentenantrag gestellt, der
abgelehnt wurde, ich jetzt im Widerspruch bin.
Gleichzeitig kam ein Hilferuf, von einem drogensüchtigen Gefangenen, welcher
an schweren Depressionen leidet und dringend um Gespräche bittet. Ich war auf
einer Informationsveranstaltung der VHS zum Ehrenamt in der Justiz. Ich ging
ihn besuchen, es war so, als ob wir uns schon immer kennen, ein Vertrauen,
eine Nähe. Er ist Sinto, sein Großvater war im KZ. Wir erkennen im Gespräch die
Ähnlichkeiten unserer Befindlichkeiten in unseren Krisen.
Um ihn besser begleiten zu können, habe ich Kontakt zum Sinti-Verein in Bre-
merhaven aufgenommen und wurde dort spontan eingeladen, mit dem Leiter
zwei Schulklassen und deren Lehrkräfte in die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
zu begleiten, um nebenbei von meinem Großvater zu erzählen, damit die Schüler
erleben, dass es nicht nur Juden und Sinti waren, die verfolgt wurden.
Ein zweiter Gefangener wurde mir in der JVA vorgestellt, er war nach drei Ge-
sprächen fähig, seinen Marihuanakonsum völlig einzustellen, drei Monate lang,
bis zu seiner Entlassung. Andere Häftlinge zogen mit, und in der JVA fragten
sich die Beamten, was hier vor sich geht, soviel saubere Urinkontrollen hätten
sie noch nie gehabt. So wurde ich gefragt, ob ich im Januar 2015 in Bremen wei-
terarbeite.
Ich arbeite ehrenamtlich, jeder weiß um meine Belastbarkeitsgrenze, ich darf
mich so einbringen, wie es für mich möglich ist, erlebe eine sehr große Achtung
und Rücksichtnahme von allen Beteiligten, seit ich mit offenen Karten spiele.
Ich habe erkannt, dass Gott mich nicht geschaffen hat zum Funktionieren, son-
dern zum Erfühlen, was meine Mitmenschen brauchen. Und ich durfte erfühlen,
was ich brauche, um mit dieser Gabe gut leben zu können. Ich brauche viel Ruhe
und Rückzug, viel Aufenthalt in der Natur, um mich wieder zu erholen, von all
den Eindrücken und Bedürfnissen, die in der Welt auf mich einströmen. Wenn
ich darauf achte, mich selbst bedingungslos annehme, öffnen sich meine Mit-
menschen, die Augen leuchten und die Gesichter werden hell. Hier fühle ich
Liebe, Freude, Geborgenheit.
Liebe ist nichts anderes als Vertrauen, eine Hingabe an Gottes Plan.
Ingrid HartmannEinfach Mensch sein
135
Mach es wie Gott, werde Mensch!
D
ie Straßenexerzitien haben mir geholfen, auf diesem Weg zur Menschwer-
dung ein bisschen weiter zu kommen. Ich bin offener und neugieriger ge-
worden auf ganz andere Menschen. Es ist interessant, mich aus meinem mittel-
ständischen Milieu heraus zu bewegen, über Äußeres hinweg zu sehen und den
Menschen zu sehen oder noch besser ein Abbild Jesu in ihm zu erkennen.
In diesem Jahr feiern wir, mein Mann und ich, mit 30 bis 40 Menschen aus zehn
verschiedenen Nationen den Heiligen Abend.
Es ist uns wichtig, Menschen die Christen geworden sind aber auch Andersgläu-
bigen Einblick in unsere Kultur zu ermöglichen. Wir haben einfach alle Asylsu-
chenden in unserer kleinen Stadt eingeladen und gebeten, dass jeder etwas zum
Essen mitbringt. Nachdem viele ganz neu hier bei uns sind, ist es ein großes Rät-
sel, wer was wie verstanden hat. Wir sind gespannt auf das internationale Chaos,
das wir an diesem Heiligen Abend erleben werden. Es wird sicher sehr bunt und
ganz anders. Ich wünsche mir sehr, dass ich meine Vorstellungen loslassen und
einfach das, was ist, genießen kann.
Das ist für mich und für uns alles andere als ein Opfer. Wir haben im Umgang
mit Fremden sehr viel gelernt und unser Herz wurde weiter und auch unser Ver-
ständnis. Für uns ist es sehr bereichernd, uns mit Menschen anderer Kulturen
zu treffen und sie in ihren Eigenheiten lieben zu lernen. Durch die Begegnung
mit den hier lebenden Asylbewerbern hat sich für mich eine neue Welt geöffnet.
Mein Blick ist weiter geworden. Mit ihren Augen kann ich zum Beispiel auch
meinen Glauben ganz neu betrachten.
Einige Beispiele:
Ein politisch verfolgter Asylbewerber sagte: Ich bin Christ geworden, da ich ei-
nen großen Fehler in meinem Leben gemacht habe und durch Christen erfahren
habe, es gibt einen verzeihenden Gott, der mir meine Schuld vergibt. Diese Chris-
ten waren mir über Jahre hinweg so ein gutes Vorbild, dass auch ich diesem
Glauben angehören wollte.
Unser Glaube hat also wirklich eine so positive Ausstrahlung, wenn wir ihn
wirklich leben!?
Ein anderer kam von der Hl. Rockwahlfahrt zurück und sagte ganz begeistert:
Ich bin stolz, so einer fröhlichen und frohen Religion anzugehören. Wie? Fröhlich
und froh? Wir Christen, dachte ich mir. Er hatte das Taizegebet im Trierer Dom
erlebt und erzählte voller Begeisterung von den vielen fröhlichen jungen Men-
schen, die auf dem Boden saßen und im tiefen Glauben gebetet und gesungen
haben. Und er war stolz, zu diesen Christen zu gehören……136
Einfach Mensch sein
Waren Sie schon mal stolz, Christ zu sein???
Einmal stand einer der Neugetauften bei uns vor der Tür mit einem Zettel und
bat uns, ihm ein paar Fragen zu beantworten. Eine von diesen Fragen war: Wer
ist der Hl. Geist für euch? Da waren wir mit unserer typisch deutschen Peinlich-
keit in Gesprächen über den Glauben erstmal ganz schön gefordert. Oder wann
haben sie zum letzten Mal auf die Frage geantwortet: Was bedeutet dir der Hl.
Geist? Das daraus folgende Gespräch über unseren Glauben und den Hl. Geist
war sehr bereichernd!
Jesus hat mein Herz berührt! …. Noch so eine Aussage eines als Christ Verfolgten,
der jetzt bei uns in Kaisersesch lebt. Und weiter sagte er: Durch das Lesen in der
Bibel oder auch oft durch Predigten bekomme ich von GOTT immer wieder eine
Antwort auf meine Lebensfragen.
Erleben wir „geborenen Christen“ das auch noch? Oder ist Christsein für uns
einfach selbstverständlich? Berührt Jesus unser Herz? Suchen wir in der Bibel
nach Antworten auf die wichtigen Fragen in unserem Leben?
Noch einige Gedanken eines Asylbewerbers, die ich so noch nie gedacht hatte
und die mich wirklich sehr verblüfft haben. Er sagte: Hier in Deutschland zahlen
die Menschen ihre Steuern. Dadurch wird Vieles sehr schön gemacht und auch
Menschen in Not geholfen. So braucht zum Beispiel eine geschiedene Frau nicht
zu stehlen oder ihren Körper zu verkaufen, um ihre Kinder zu ernähren, wie
in meinem Heimatland. Und weiter sagte dieser Mann: Ich glaube Gott schenkt
Deutschland viel Gnade, da alle Menschen etwas für das Allgemeinwohl tun,
indem sie Ihre Steuern auch wirklich bezahlen. Die Steuern sorgen dafür, dass
jeder Mensch zumindest überleben kann.
Haben Sie schon mal Ihre Steuern unter dem Aspekt der Nächstenliebe bezahlt?
Haben Sie schon mal so unseren Sozialstaat betrachtet?? Gott schenkt unserem
Land Gnade, weil fast alle Steuern bezahlen???
Eigentlich erfahren wir ja wirklich viel Gnade und leben in Wohlstand.
Durch unsere Asylbewerber werde ich ein immer überzeugterer Demokrat und
zahle jetzt auch meine Steuern ein bisschen lieber. Diese offene Art, wie einige
Asylbewerber mit Glauben umgehen bereichert mich: Wir haben hier in Kaiser-
sesch Menschen unter uns, die wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeu-
gung ihre Heimat, ihre Familien und auch ihren Wohlstand verlassen haben, um
hier bei uns frei und ohne Repressalien zu leben.
Ich lerne viel durch den Kontakt zu den Asylbewerbern! Sie zeigen mir ganz neue
Aspekte meines Lebens und meines Glaubens. Ich kann mich durch sie wieder
viel mehr an meinem Glauben erfreuen und genießen, dass ich in diesem Land in
einer Demokratie und in großer Freiheit leben darf. Ja eigentlich haben wir doch
wirklich viel Freiheit in unserem Glauben und allen Grund fröhlich zu sein.Einfach Mensch sein
137
Wir haben einen Gott, der verzeiht, der mit uns geht, wenn wir ihn darum bitten,
und wenn wir uns unserer Religion verweigern, wie es hier in Deutschland viele
tun, dann werden wir nicht verfolgt oder verhört. Wir brauchen keine Angst vor
Gefängnis und Folter zu haben. Wir dürfen uns frei entscheiden.
GOTT SEI DANK.
Ziehe deine Schuhe aus, da wo du stehst ist heiliger Boden. Sensibel werden für
die Würde des anderen – ganz gleich wo er herkommt und wie er aussieht. Mache
dich auf und werde Mensch. Ich denke ich bin durch die Straßenexerzitien auf
diesem Weg ein Stück weitergekommen. Dort durfte ich erleben, wie schön es ist,
mich zu öffnen für Menschen und ihnen wirklich zu begegnen. Vieles ist noch
ausbaufähig, aber ein wichtiger Schritt ist ja, sich erstmal zu öffnen.
Johanna Palm
Menschenwürde
J
eden Donnerstag komme ich zu spät zu unserer Kirchenchorprobe. Und ich
muss deshalb immer neben Inge in der ersten Reihe Sopran rechts außen sit-
zen. Mir bleibt nichts anderes übrig.
Denn auf der anderen Seite müsste ich sonst Renate, eine Frau, die bis halsauf-
wärts vollständig gelähmt und hilflos ist und nicht einmal den Kopf mehr zur
Seite drehen kann, alleine zu hause lassen und das wage ich nicht. Und so warte
ich also jeden Donnerstag und das seit vielen, vielen Jahren. Viele, viele Donners-
tage warte ich – bis endlich ihr Mann, Bruno, wieder nach Hause kommt. Selbst
für den Kirchenchor gibt es da keine Ausnahme.
Wenn Bruno, der Mann von Renate, vom Schwimmen und sich Erholen nach
Hause kommt, freut sich Renate wie eine kleine verliebte Teenagerin – und das
selbst noch nach über 50 Jahren Ehe! Diesen sehr schönen und wichtigen Mo-
ment und Zeitpunkt kann ich jedoch nicht bestimmen. Ich weiß nur, dass aber
gerade das – dieses offene Zeitfenster – ganz wichtig ist für Brunos Erholung.
Sobald ich ihm nämlich eine zeitlichen Begrenzung auferlegte ist es nur noch
die halbe Erholung für ihn und er befindet sich dann sofort wieder in seinem
üblichen Pflegealltags–Stress. Bruno und ich machen das so – mit einigen Unter-
brechungen – nun schon seit rund 16 Jahren. Es ist eine heilige Aufgabe, ohne
Anerkennung.
Der Preis dafür aber: zum Beispiel neben der falsch singenden, misstönenden
Inge donnerstags sitzen zu müssen! Die Messe von Schütz ist schwer genug und
Inge singt sehr engagiert neben mir ja auch ungefähr die gleiche Melodie – aber
leider in einer ganz anderen Tonart. Viele Male bin ich sehr genervt davon und138
Einfach Mensch sein
ich beschwere mich bei den anderen Choristen oder dem Leiter hinter dem Rü-
cken von Inge: „Raus mit ihr!“ „ Warum schmeißt ihr sie denn nicht hinaus?“ „
Warum darf so jemand überhaupt im Sopran mitsingen?“ „ Sie wird eines Tages
noch den ganzen Chor kippen!“…- schimpfe ich hinterrücks.
Als erstes verlasse ich aber selbst den Chor, weil der Chorleiter von mir und
meinem Zuspätkommen nämlich noch viel genervter ist als von Inges Misstönen.
Nach einem halben, dreiviertel Jahr stirbt mein Bruder. Von heute auf morgen
stürzte ich in eine unbekannte Starre, Leere – Trauer und Isolation. Kein Mensch
interessiert sich dafür.
Nur Inge, die ich einst rigoros aus dem Chor mobben wollte, klingelt an meiner
Tür und tröstet mich. Wir freunden uns an. Seither sind wir „ziemlich beste
Freunde“. Seither bin ich vorsichtiger mit meinen Vorurteilen gegenüber Men-
schen, die nicht gleich perfekt und 100 % angepasst sind.
Karin
PS: Vor kurzem fragte ich einmal Renate: „Renate, was war denn Ihr schönster
Tag in Ihrem Leben?“ Jede andere Frau hätte vielleicht geantwortet: als ich mei-
nen Mann heiratete, mein erstes Kind bekam,.. – unser Haus abbezahlt war. Re-
nates Antwort war jedoch: „Als mich mein Mann aus dem Krankenhaus wieder
nach Hause holte.“ Da musste ich schwer schlucken. Weil mir bis dahin gar nie
bewusst gewesen war, wie wichtig es für Renate ist, trotz all ihrer Einschränkun-
gen, zuhause gepflegt zu werden. Und seither kann ich alle Politiker nur warnen,
vor leichtsinnigen Entscheidungen hinsichtlich der Sterbehilfe. Denn niemand
kann von außen entscheiden und darüber richten, wie gerne ein Mensch am
Leben ist. Das sollte immer in Gottes Hand bleiben.
Ohne Werkzeugkoffer für das Leben
S
ie ist einsam. Umgeben von Menschen, die sie mögen. An ihrer Seite ein Part-
ner, der sie liebt wie sie ist. Schwarze Leere hält sie mit klebrigen Buchstaben
umfangen. „Er hat mich allein gelassen“.
Der Vater nimmt das Kind hoch und zeigt ihm das Leben. An seiner Hand in
Sicherheit wagt es sich Schritt für Schritt hinein in die Welt und findet seine
Lebensspur. Wenn die Zeit gekommen ist, löst das Kind seine Hand aus der des
Vaters und beginnt seine Schale zu formen. Alles, was es dazu braucht, gaben die
Eltern ihm mit. Es weiß um das Material und es weiß um die Form. Diese Schale
wird es nur einmal geben. Ist sie fertiggestellt, beginnt für das Kind die Suche
nach dem Inhalt, für den diese Schale geschaffen wurde. Dafür wurde es insEinfach Mensch sein
139
Leben gerufen. Nur dieses Kind kennt den Ort, an dem das Geheimnis verborgen
ist. Das, was das Leben von ihm zum Leben braucht.
Die Mutter und der Vater bereiten das Kind auf diese Aufgabe vor. Die Mutter ist
die Gewähr für die lebensnotwendige bedingungslose Zuneigung. Sie neigt ihr
Gesicht über das Kind, damit es sich darin spiegeln kann. An keine Bedingung
geknüpft, gibt sie ihm die Zeit, die es braucht, sich zu fühlen und über seine
Gefühle zu erkennen. Seine Bedürfnisse zu erspüren und gut für sich zu sorgen.
Die Mutter gewährleistet die innere Sicherheit. Der Vater bereitet den Werkzeug-
koffer und lehrt das Kind den Umgang mit den einzelnen Werkzeugen, die es
brauchen wird, um das Leben draußen zu meistern.
Sie hat das nicht gehabt. Die Mutter war nicht in der Lage, Spiegel zu sein. Der
Vater hat sie verlassen, als sie 8 Jahre alt war. Er ist einfach verschwunden. Er
wurde immer weniger, wie das Wesen, das schließlich durch den Badewannen-
abfluss rutscht, weil es immer weniger aß und so immer dünner wurde. Auch ihr
Vater ernährte sich nur noch von einer weißlichen gallertartigen Fruchtsuppe.
Sie wartete gierig darauf, dass er nach wenigen Bissen nicht mehr weiteressen
konnte. Dann endlich durfte die restliche Suppe durch ihren gierigen Mund in
ihren dicken Körper rutschen. Sie war schuld, dass er immer dünner wurde und
schließlich verschwand. Sie hatte ihn verhungern lassen. Sie hatte ihn getötet
und sie war wütend auf ihn, weil er sie allein gelassen hatte in einer spiegellosen
Welt, in der sie sich nicht zurechtfand.
Wie geht leben ohne bedingungslose Zuneigung? Wie geht leben ohne Werkzeug-
koffer? Wie hatte sie bis jetzt überleben können? Wodurch? Wie hatte sie einen
Sohn bekommen und ihn lieben können? Hatte ihr Sohn sie überleben lassen?
Hatte die Liebe sie überleben lassen? Was ist leben? Was ist lieben? Was ist die
Schale und was ist deren Inhalt?
Sie begibt sich auf Spurensuche. Die Mutterfarben werden sie leiten. Und Mutter-
farben gibt es nicht ohne Vaterfarben.
Sybille Pieck
Eine stinknormale Männerfreundschaft
A
n der Warteschlange, die zur Essensausgabe in Taizé führte, drängte sich
mir ein korpulenter Mann auf, mit der mich zum Erinnern zwingenden Fra-
ge, ob ich meine im Bus vergessene Brotbüchse wieder bekommen hätte. Da ich
nichts vermisste, meinte ich mich benutzt und schöpfte den Verdacht, er gebrau-
che seine Anrede bloß als Vorwand, mir ein Gespräch aufzunötigen, um sich ne-
ben mich einzureihen und so einen der vorderen Plätze in der Essensschlange zu140
Einfach Mensch sein
ergaunern. Mein Bedürfnis, meine Taizéwoche im Schweigen zu verbringen, sah
sich übergangen und missachtet. In dem sich Groll in mir breit machte, fühlte ich
mich in die Enge getrieben. Anbetrachts seines Übergewichts fragte ich ihn, ob
es ihm nicht besser täte, zugunsten größerer Gerechtigkeit sich auch mal hint-
anzustellen. Zuerst flunkerte er mir vor, er wöge bloß 105 kg, was ich mit einem
verächtlichen Blick auf seinen Bauch und der Erklärung bestritt, er sei garan-
tiert schwerer als ich. Daraufhin vernahm ich sein kleinlautes: 125 kg, aber dass
er trotzdem gierig sei, noch ein Stück Fleisch zu ergattern. Auf diese unerwartete
Ehrlichkeit hin regte sich in mir ihm gegenüber ein Fünkchen Sympathie. Nun
schimpfte er, das ganze Umweltgelabere nerve ihn, weil es Grünen- wie Linken-
Politikern erlaube, mit ihrem Geschwätz zwischen Bund und Ländern, unver-
schämt viel zu verdienen, bloß um dann ihr Vermögen ins Ausland zu schaffen.
Er ereiferte sich, solche Politiker würden Deutschland verraten und verkaufen,
in dem sie jede Menge Flüchtlingsströme, darunter Muslime und IS- Kämpfer,
ins Land ließen, nur um den unkontrollierten Zusammenbruch des Kapitalismus
voranzutreiben.
Es faszinierte mich auch, jemandem, der sich in Taizé unverhohlen dazu bekann-
te, mit der Pegida zu paktieren, inzwischen die AfD zu wählen und bei Facebook
eine Gruppe zu unterhalten, die ihn pausenlos mit den schlimmsten Gräueltaten
versorgte, gründlichst auf den Zahn zu fühlen. Was suchte dieser Kerl im Tiefs-
ten seines Herzens an diesem Ort des Friedens? So wurde ich motivierter, ihm
zuzuhören.
Später verabschiedeten wir uns. Beim skeptischen, gründlich prüfenden und
dennoch offenen Blick einander in die Augen zum festen Handschlag spürte ich
mitfühlend, wie wir als Erdenbürger letztlich doch alle in ein und demselben
Boot sitzen, unter dessen Not wir beide litten, wenngleich aus verschiedenen
Blickwinkeln heraus. Durch unsere aufrichtige Auseinandersetzung über unse-
re unterschiedlichen Wahrnehmungen kamen wir der unheimlichen Wahrheit
einfühlsamer auf die Spur. Plötzlich merkte ich, wie wir uns auf gleicher Augen-
höhe begegneten. Er gestand mir, es wäre gesünder für ihn, in Taizé sein Face-
book abzuschalten, um endlich mal zur Ruhe zu kommen. Die aufpeitschenden
Nachrichten regten ihn so auf, dass er vergangenes Jahr ohne nachweislichen
physischen Grund einen Blutdruck im oberen Wert von 240 bekam, zum Selbst-
mord bereit wurde. So fragte ich ihn nach seiner Herkunftsfamilie. Da tauchte
seine frühkindliche Existenzangst auf. Als alter Nazi sich ständig in Lebens-
gefahr wähnend, fürchtend, falls die Russen in Deutschland einmarschierten,
gelyncht zu werden, war sein Vater mit der Familie in den äußersten Südwesten
Deutschlands geflohen, um jederzeit über die Schweizer Grenze entkommen zu
können. Dort geriet die Familie so stark ins soziale Aus, dass Paul sich schonEinfach Mensch sein
141
als Kind wünschte, groß und stark zu werden, weil er an ein Stück Wurst nur
dann herankam, wenn er es sich nachts aus dem Kühlschrank stibitzte. Hinter
den übermächtigen Sorgen seines Vaters fühlte er sich stets als fünftes Rad am
Wagen. Wie einsam musste Paul sein, wenn sein Bedürfnis, sich das Herz zu
erleichtern, so übermächtig werden konnte, mir dem politischen Kontrahenten,
so rasch seine tiefsten Nöte, samt seinen Selbstmordabsichten preiszugeben? Ich
hörte mich sagen, dann bräuchte er überlebensnotwendig herzliche Verbunden-
heit durch echte Solidarität.
Seine Verfassung erinnerte mich an meine, als ich in Anbetracht der Aufstellung
amerikanischer Pershing Raketen in Deutschland den Atomkrieg über uns he-
reinbrechen wähnte. Von meiner Sorge um Paul getrieben, wollte ich ihm diese
Erfahrung mit aller Macht in Höchstgeschwindigkeit eintrichtern und merkte
erst zu spät, dass ich ihn damit bedrängte, ähnlich wie er es zu Anfang getan
hatte. Meine ursprüngliche Antipathie gegen ihn spiegelte mir viel von dem
Leistungsdruck, unter den mich als Kind die furchtbaren Existenzängste meiner
Mutter setzten. Unsere frühkindlichen Ängste und unsere sehnsüchtige Suche,
uns davon zu befreien, dürften es gewesen sein, die die Nähe von Paul mit mir
hervorriefen.
Christian Becker
Einfach … ohne Vorbehalte
„Wer ist weise. Wer von jedem Menschen lernt.“

(Pirke Awot, Sprüche der Väter)
S
eit einem Jahr lebe ich nun als Jüdin in der WG Naunynstraße. Am Tisch
sitzen immer Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und wenigstens drei
(meistens mehr) Religionsgemeinschaften. Jeden Dienstag beim Kommunitäts-
abend ist Raum, um die eigenen Erfahrungen einzubringen und sichtbar zu wer-
den: Ein Ort um immer tiefer hinhören zu lernen, die eigenen Wahrnehmungen
zu befragen und bei allem, was ich höre immer auch im Hinterkopf zu haben,
es könnte auch ganz anders sein. Ein Ort um unterschiedliche Prägungen und
Standpunkte deutlich werden zu lassen, sie wertzuschätzen, Konflikte auszuhal-
ten und – immer wieder – gemeinsam eine Lösung zu finden, Vielfalt zu verkosten,
genießen und auch zu feiern in den Geschenken des Alltags.
Iris Noa Weiss142
Einfach in Fülle
Einfach in Fülle
Ostergedicht 2014

und
und haus und tür
und tisch und stuhl
und teller und tasse
und hand und fuss

aber
aber hallo
abER was ?
aber DU ?
Bernadette AllgeierEinfach in Fülle
143
Einfach Naunynstraße
Einfach…
D
ieses Wort könnte alles ausdrücken, was die Naunynstraße umfasst. Der
legendäre große Tisch zum Samstagsfrühstück. Der Schabbatfriede zum An-
fassen: Gegensätze um einen Tisch vereint, die in jedem anderen Raum und zu
jeder anderen Gelegenheit unweigerlich wenigstens zu lautstarken Auseinander-
setzungen, wenn nicht gar zu Tätlichkeiten geführt hätten. Und in der Naunyn-
straße? Vielleicht ist das Rezept: Keine Menschenfurcht, nichts zu verbergen,
keine Vorbehalte – Frucht gelebten Glaubens, Preisgabe aller ‚privaten’ (und pri-
vat heißt: geraubt!) Ansprüche.
Jedenfalls hatte diese Tischgemeinschaft etwas gemeinsam mit Sieger Köders
‚Mahl mit den Sündern’, mit Jörg Ratgebs ‚Abendmahl’, mit Victor Hugos ‚König-
reich der Bettler und Diebe’. Seit meiner Kindheit war das immer mein Traum
vom Himmel: freundliche und angstfreie Teilhabe für alle. Und trotzdem aufrich-
tig. Keine Heuchelei. Immer der Impuls zu Besserem, Gerechterem: ‚tikkun olam’
– die Welt besser und heiler zu machen als sie ist. Kein Ausweichen, keine falsche
Höflichkeit. Christians Fragen treffen ins Herz, arbeiten weiter. Eine große Gabe.
Ich bin nicht oft in der Naunynstraße gewesen. Aber dass es sie gab und gibt, das
ist mir eine große Stärkung. Das ist wie ein Versprechen. Das ist eine Hoffnung,
dass es gelingen kann – mit dem Reich Gottes, das mitten unter uns wirkt, le-
bendig ist, greifbar. Das ist Rollstuhl und Krücke in schwierigen Situationen und
auf ungangbaren Wegen. Ja, es macht Sinn, dass Menschen dort ihr Leben und
ihre Existenz retten und dass andere sich diesen Ort zum Sterben wählen. Ein
Stück Himmel über dem Tor zur Hölle. Unendlichkeit unter begrenzten Mitteln,
ein kostbarer Schatz inmitten von Armut, die Weite des Himmels in räumlicher
Begrenztheit..
Und die Jokerkarte, wenn mir selbst gar nichts mehr einfällt. Da gab es den En-
kelsohn (A.) aus Großbritannien, der seine Großeltern hier besuchte. Und terrori-
sierte. Offensichtlich gerade in einer sehr unangenehmen Lebensphase. 22 Jahre,
keine Ausbildung. Schule und Studium seien nichts für ihn. Er werde Schriftstel-
ler oder Erfinder… Und im Übrigen könnte ihm sowieso niemand etwas beibrin-
gen… Ich hatte mich der Großeltern erbarmt und beschlossen, den Knaben mit
Lebensrealität zu konfrontieren: Sachsenhausen, Haus der Wannseekonferenz…
ich setzte ihn auf der Museumsinsel aus, musste ihn dann allerdings wieder
abholen, weil er behauptete, alleine nicht zu seinen Großeltern zurückzufinden…
Und dann hatte ich Christian gefragt, ob wir in die Naunynstraße kommen könn-
ten. Da schluckte A. schon ziemlich, als er den Schlafraum wahrnahm. Da war es144
Einfach in Fülle
schon eine aufweckende Situation, als er begriff, dass ein mittelloser Bewohner
seine einzige Schokolade mit ihm geteilt hatte…. Und dann kamen Christians
Fragen: Wo und wie er denn wohne und lebe? Was? Mit 22 Jahren noch bei der
Mutter? A. fing an auszuweichen: seine Mutter sei ja oft im Ausland (so oft ist
sie das nicht). Wenn er in einem großen Haus wohne, wen er denn dann bei sich
aufnähme… A. erzählte: „Zwei junge Männer…“ Da hakte ich ein: „Ich denke, die
wohnen bei euch zur Untermiete?“ A: „Aber manchmal zahlen die auch nicht…“
Christians Fragen hatten offensichtlich mal wieder gut getroffen; A. versuchte
verschämt seine Lebenssituationen zu verschleiern.
Zwischendurch benahm er sich bei seinen Großeltern unvermindert scheußlich.
Und die hatten mir leider einen „Maulkorb“ verhängt. Also schwieg ich dazu.
Aber bei dem letzten „Ausflug“, kurz bevor ich ihn bei seinen Großeltern ab-
setzte, erlebte ich einen verwandelten A. Er bedankte sich. Und kommentierte:
Eigentlich sei er ja nach Berlin gekommen, um alles zu vergessen und zu chillen.
Aber es sei eine Reise mit Seminarcharakter daraus geworden, in der er mit
Lebensrealität konfrontiert worden sei wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er
hätte sich zwar nicht ausgeruht, aber dafür hätte er über Vieles nachzudenken
begonnen. Seine Großeltern wollten mir fast nicht glauben, als ich ihnen das
erzählte. Das hatte wenig gemein mit dem Flegel, der sie während seines Aufent-
haltes so gequält und tyrannisiert hatte.
(Sie sollten nachts nicht zur Toilette gehen, weil er sich gestört fühlte; sie sollten
nicht fernsehen, weil ihm das auf die Nerven ging. Er drehte die Heizung ab, weil
es ihm zu warm war, während die alten Leute vor Kälte schlotterten.)
In Großbritannien zurück suchte er sich ein paar Tage später einen Job und ar-
beitet jetzt für seinen Lebensunterhalt. Eines der vielen „einfachen“ Wunder aus
der Naunynstraße. Und mir zittert mein Herz, wenn ich mir vorstelle, dass es zu
Ende gehen könnte mit dieser himmlischen Oase, mit dem Rettungsanker…
Annemarie Werner
Einfach ohne verpixelte Madonna
V
erpixelt und würdevoll, mit langsam verblassender Farbe – so sieht die Ma-
donna mit Kind aus, deren Reproduktion mir Bruder Christian schenkte.
Wie kam sie in meine Wohnung?
Beruflich in Berlin, wollte ich an einem freien Tag Christian Herwartz‘ legendäre
WG besuchen. Christian war nicht da, aber ich wurde eingeladen, am Samstag
zum Frühstück zu kommen. Das Frühstück und besonders die Menschen am
Frühstückstisch waren eine Wohltat für mich – in der Provinz arbeitend undEinfach in Fülle
145
manchmal mit Rassismus und Engstirnigkeit konfrontiert. Ich traf eine andere
Frau, die sich ebenfalls von ihrem „Provinzkoller“ bei Christian erholte, einige
Migranten, mit denen ich lange sprach, und Bruder Christian, den Künstler. Ich
war sehr erstaunt, als er mir eine Führung durch seine Galerie anbot und sich
sehr lange Zeit nahm, mir seine Kunstwerke aus verschiedenen Jahrzehnten zu
zeigen. Das „Kerzenorchester“, ein augenzwinkerndes Arrangement verschie-
denster Kerzen, gefiel mir besonders. So unterschiedlich waren die Bilder, so
liebevoll erklärte Christian sie, wie ein Gärtner stolz durch seinen Garten führt.
Ich wurde am Ende reich beschenkt: mit Sprüchen, die er aufgeschrieben hatte,
CDs seiner Musik und Drucken seiner Bilder. Die verpixelte Madonna hat eine
Geschichte: sie war das erste Bild von Bruder Christian, das er Jahrzehnte später
am Computer in verschiedenen Ausschnitten bearbeitete und verfremdete. Sie
erfreut mich jeden Tag an meinem Schreibtisch.
E.
Ein Stück Himmel auf Erden
I.
„Das Tor zur Hölle“
steht über der Eingangstür einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg.
Ich muss zugeben, ich war nie dort,
aber in der Wohnung zwei Stockwerke darüber.
Und dort habe ich ein Stück Himmel auf unserer Erde erlebt.
Jeden Samstagvormittag gibt es dort ein Frühstück,
zu dem alle eingeladen sind, die kommen wollen;
jede und jeder bringt dann nach seinen Möglichkeiten dazu etwas mit.
II.
Als ich davon gehört habe,
war ich – wie so oft – erst einmal skeptisch und zugleich fasziniert,
wie das wohl gehen kann: Ohne Absprache, ohne Koordination.
Es ist bestimmt eine große Kunst,
richtig zu planen und zu kalkulieren.
Wie sollte das da also ohne das alles gehen?
Was machen die, wenn alle nur an die Brötchen denken,
keiner aber an Butter, Marmelade, Käse und so weiter?
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das gelingen soll.
Aber in Kreuzberg ging es.146
Einfach in Fülle
Verhungern musste keiner und am Ende bleibt oft noch etwas übrig.
Vertrauen ist gefragt und Flexibilität.
Es gibt eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich sonst nicht begegnen,
die sich vermutlich sonst nicht über den Weg laufen würden,
weil ihre Lebensräume ganz andere sind, vielleicht sogar gegensätzliche Welten.
Leute, die regelmäßig kommen,
andere, die gerade zu Besuch in der Stadt sind,
andere, die spontan auf der Straße eingeladen worden sind.
Ich habe gestaunt, was da möglich war.
Meine Angst, dass es nicht reichen könnte,
meine Angst, dass ich etwas nicht planen und einschätzen kann,
die musste ich über Bord werfen.
Und dann war auf einmal Vieles möglich, was ich für unmöglich gehalten habe.
III.
Wenn Jesus im Evangelium nach dem Gebet fünf Brote und zwei Fische teilt
und sie für eine große Menschenmenge reichen,
dann müssen wir unser Herz weit machen,
um dem näher zu kommen,
was da geschehen ist.
Wir müssen mal unser ganzes Kalkulieren und Planen
für einen Moment über Bord werfen,
so wichtig es sonst auch sein mag.
Denn hier geht es um mehr als Zahlenspielerei.
Jesus schöpft aus der Fülle, aus der Unendlichkeit.
Damit will er den Hunger und den Durst der Menschen stillen,
nicht nur die Sehnsucht nach Essen und Trinken,
sondern auch nach geistlicher Nahrung, nach Lebens-Sinn.
Jesus hat keine Angst, zu teilen,
er hat keine Angst, dass er zu kurz kommt.
Er teilt aus und schenkt aus Liebe.
Hier wird das Geheimnis der Liebe deutlich:
Sie wird nicht weniger, wenn sie geteilt wird.
Ganz im Gegenteil:
Sie wird größer und stärker.
Hier berühren sich Himmel und Erde.
In Kreuzberg, zwei Stockwerke über dem „Tor zur Hölle“, durfte ich es ähnlich
erleben.
Johannes Zipezauer147
Einfach in Fülle
Envers Gemälde: „Gott fährt eine Harley-Davidson“
Ohne Leib – ein Kosmos in Bleistiftstrichen
L
eicht kann man Envers Bild übersehen. Es strahlt nicht farbig wie manche
anderen. Und doch hängt es im Hauptraum der Naunynstraße. Eher als
einem Gemälde ähnelt es einer fein tätowierten Haut, einer detailverliebten
Arbeit irgendwoher aus Asien. Doch die Motive sind aus unserer westlichen
Kultur.
Aus größerer Entfernung zeigt das Bild die Geschichte, wie ein kaum erkennba-
res Wesen eine Harley-Davidson fährt. Man sieht vor allem das kleine Gesicht
des Fahrers, es ist fremd und würdevoll. Er fährt mit geschlossenen Augen, viel-
leicht blickt er mehr mit seinen breiten übervollen Lippen in die Welt als mit den
Augen. Er hat Flügel. Auf dem Beiwagen in der linken Bildhälfte Napoleon, der148
Einfach in Fülle
Mensch in seiner Würde und Lächerlichkeit. Enver erzählt von der Hand seiner
Frau Joséphine, die ihm die Kerze hält, das Licht der Aufklärung. Von ihrem
Körper ist sonst nicht viel zu sehen, vielleicht gehört ihr noch das eine sichtbare
Bein. Die Kerze in ihrer Hand leuchtet dem Menschen, und doch geht von ihr
auch ein Messer aus, sie weiß selbst dem Kaiser das Messer vor die Brust zu set-
zen. Das Rad des Beiwagens ist ein Totenschädel, das Sterbenmüssen liegt allem
Menschlichen zugrunde, es ist für die Menschen Messer und zugleich Leuchte.
Man darf schmunzeln, dass der Schädel karierte Schlafpantoffeln trägt.
Was passiert hier, wenn es wirklich Gott ist, der hier Motorrad fährt? Er nimmt
den Menschen in seiner Größe und Hinfälligkeit, in seiner Bosheit und mit dem,
was es zu lachen gibt, als Sozius mit? Er beschützt ihn mit seinen Flügeln? Ein
großes Motiv der christlichen Tradition, das die Menschen stärken und trösten
kann. Aber vermittelt dieses Bild Trost?
Was ist der Motor dieser Harley-Davidson? Sind es lange Reihen von Säckchen,
die ein jeder Mensch zu tragen hat? Enver sagt, die Reihen von Säckchen sind
Seelen, die nach oben streben. Einige bleiben in der Hölle stecken, auf Gottes
Schienen oben im Flügel kann man keine sehen. Weil dort zu wenige sind?
Links oben der Kopf von Whoopi Goldberg – um 90 Grad gedreht. Sie macht in
den USA eine Comedy Show. Sie schaut auf eine große Hand, die nach einer nack-
ten Frauengestalt greift, die vielleicht auf dem Hintersitz des Motorrads liegt.
Diese schlanke Gestalt ist die einzige, deren Körper realistisch gemalt ist, dafür
fehlt ihr der Kopf. Goldberg ist für Enver moralische Instanz, vielleicht rettet die
Showmasterin die junge Frau vor der mächtigen Hand.
Was für eine Welt! Viele Künstler haben wie die kleinen Kinder Kopffüßler ge-
malt, in denen Leib und Kopf verschmelzen. Aber auf diesem Bild fehlt der Leib.
Es ist, als ob er der nackten Frau geraubt wurde und jetzt mühsam gesucht wird.
Der Ersatz ist vor allem technisch mechanisch, so der Oberkörper des Napoleon,
so Motor und Metall der Harley-Davidson, die hier nicht so sehr den Leib des
Fahrers erweitern, sondern ihn vielmehr erst schaffen. Nichtsdestoweniger, die
Welt ist in Fahrt, die Kräfte des Geistes sind da. Der Blick ins Detail lässt eine
neue Schönheit ins Auge fallen. Und vor allem die Harley-Davidson fährt mit
der Fülle an Leiblichkeit. Sie ist, einmal entdeckt, unterwegs mit den Emotionen
derer, die auf ihr fahren.
Ein Tropfen Benzin ist aus dem Tank gefallen und Enver hat es festgehalten. Sein
Name ist zu lesen unter der Anleitung des Buchstaben T, zuerst von links nach
rechts, dann von oben nach unten. T steht für TRUE.
Matthias149
Einfach in Fülle
On the road
Zu Envers großer Zeichnung im Gemeinschaftswohnraum der WG Naunynstraße
eine Nachbetrachtung zur schönen Vorarbeit von Matthias
Makrokosmos im Mikrokosmos
in jeder gezeichneten Bleistiftminiatur
die ambivalente Tendenz
des Ganzen von Welt, Geschichte, Universum, (wie es scheint) –
kosmische Dimension en miniature.
Wohin geht das Ganze?
Wer steuert?
Wie sind die wirkenden Kräfte –
und
welche Macht hat die innewohnende Kraft der Destruktion
auf den erhofften göttlichen Kern?
Envers geballte Zeichenkraft aus dem Bleistiftgebiet, die bis in Millimeterdetails
sich abzeichnet, hebt in einem kleinformatigen Bild Din-A-3 aus den Elementar-
teilchen das Ganze hervor – und die Frage nach der Gesamttendenz von Leben
und Sterben und Wieder-Leben wird staunenswert offen gehalten.
Ob erahnbar ist: Alles, wirklich alles ist in Gott enthalten und nichts ist außer-
halb Gottes?! Und, hoffentlich, MEHR noch, Jesus nach gehört; in Envers Her-
kunftssprache:
„A ceci nous connaissons que nous demeurons en lui, et lui en nous, à ce qu‘il
nous a donné son Esprit.“ ( 1 Joh 4, 13 );
„dass wir in Gott bleiben
und Gott in uns bleibt.“ –

Markus Roentgen150
Einfach in Fülle
Sehnsucht
der nächste Urlaub
eine Wanderung in der Sonne an der Havel lang
ein leckeres Eis
gute Arbeitskollegen
gesunden Schlaf
eine fremde Sprache lernen
ein neues Land besuchen
Sehnsucht
unruhig sein und nicht wissen warum
umgetrieben sein und auf der Stelle treten
zu Fremden kommen und zu Hause sein
nach Hause kommen und fremd sein
nach Hause kommen
und
endlich
ganz neu
ankommen
Bernadette
Zusammen leben
A
nfang der 1970er Jahre lernten wir – die drei Familien Geller, Mey, Pohl –
uns im Mainzer Arbeitszentrum der Gossner-Mission kennen. Dort hatte
Pfarrer Horst Symanowski in den 50er Jahren die Grundlagen für das „Seminar
für Kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft“ gelegt. Viele Seminarteil-
nehmer arbeiteten später als „Industrie- und Sozialpfarrer“ und treffen sich noch
heute einmal im Jahr für eine Woche als „Gossner Konvent“.
Wolfgang Geller und Gerhard Mey arbeiteten im „Gossner-Haus“ als freigestellte
EKHN-Pfarrer. Ernst Pohl war Angestellter bei Gossner (kath. Theologe und Dipl.
Pädagoge). Auf verschiedene Weise wurden damals für uns die „Multinationalen
Konzerne“ und die Möglichkeiten zur Organisierung von Gegenmacht durch in-
ternationale Solidarität zur zentralen Herausforderung.
Ausschlaggebend waren unsere Kontakte zu Betriebsräten und Vertrauensleu-
ten aus Niederlassungen von „Multis“ in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir
organisierten Seminare, stellten das Anliegen auf dem Evangelischen Kirchen-Einfach in Fülle
151
tag in Frankfurt (1975) vor und organisierten Begegnungen und Absprachen zwi-
schen Gewerkschaftern in französischen und deutschen Niederlassungen eines
bedeutenden Multinationalen Konzerns in unserer Region.
Die praktischen Konsequenzen sahen wir – der alten Mainz-Kasteller Tradition
verpflichtet – in einer erneuten unmittelbaren Einbindung von Gossner in die
industrielle Arbeitswelt. Nicht für die „Basis“ wollten wir weiterhin Hilfsdienste
leisten, sondern in ihr verankert sein. Dabei war es nicht das Ziel, mit den Arbei-
tern identisch zu werden, sondern die Art ihrer Existenzsicherung, das industri-
elle Arbeitsverhältnis zu teilen und von da her gemeinsame Interessen zu haben,
die uns aus der Beliebigkeit zur Notwendigkeit von Solidarität führen sollten.
Unseren konkreten Reformvorschlägen mochten die damaligen Gossner-Gremi-
en jedoch nicht folgen. So entschlossen wir uns, unser Vorhaben außerhalb des
kirchlichen Institutionsgefüges durchzuführen.
Im Herbst 1977 waren unsere intensiven Reflexionen zu dem Entschluss gereift,
als drei Familien – 6 Erwachsene und 6 Kinder – in einen gemeinsam gekauften
Altbau in Mainz-Kostheim einzuziehen, um im „Milieu“ zu arbeiten und zu leben.
Konstitutiv war neben der Arbeit an der „Basis“ der Versuch, den Zusammen-
hang von gesellschaftlichem Engagement, Erwerbsarbeit und Familienleben be-
wusster als bisher zu gestalten. Dabei spielte das enge Zusammenleben als Grup-
pe eine bedeutende Rolle. Eine „gemeinsame Kasse“ und gemeinsame „Küche“
und eine geregelte Kommunikation in der Gruppe waren wichtige Faktoren für
das Gelingen unseres Experimentes. In der Regel trafen sich die Erwachsenen
an zwei Abenden in der Woche und einmal im Monat zu einem Sitzungswochen-
ende. In Anlehnung an die Methode der „Calama-Gruppe“ in Ludwigshafen und
durch deren Beratung hatte die Kommunikation vier Dimensionen:
• In der praktischen Kommunikation ging es um die Finanzen, das Haus, Ter-
minplanungen, organisatorische Absprachen etc.
• Davon unterschieden wir die reflexive Kommunikation (Theorie-Sitzung), in
der es darum ging, die Erfahrungen aus den individuell unterschiedlichen
Praxisfeldern so zu integrieren, dass daraus eine gemeinsame Interpretation
hin auf eine stärkere Präzisierung und inhaltliche Füllung unseres Gruppen-
konsenses entsteht. Es wurden politische und gewerkschaftliche Aktivitäten
besprochen und organisiert.
• In der gruppendynamischen Kommunikation ging es u.a. darum, zunehmend
zu einer „kollektiven Autorität“ zu kommen. Nach einer Anlaufperiode des
angstbesetzten Umgangs miteinander haben wir es geschafft, die emotiona-
len Beziehungen zu artikulieren und dabei positive Erfahrungen gemacht.152
Einfach in Fülle
• In der spirituellen Kommunikation waren die persönlichen Motivationen und
Hoffnungen Gegenstand. Wir lernten dabei, dies im biographischen, histori-
schen und gesellschaftlichen, im religiösen und politischen Kontext zu tun.
Unser Projekt war zunächst auf 3 Jahre angelegt (so lange dauerte die erste
Beurlaubung von Wolfgang Geller und Gerhard Mey als Pfarrer der EKHN).
Als Wolfgang nach 3 Jahren seinen Arbeitsplatz verlor, arbeitete er zunächst
als Berufsschulpfarrer und dann bis zu seinem Tod als Sozialpfarrer im KDA
(kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt). Seine Ehefrau Heide war bis zu ihrem
Tod Lehrerin. Kläre Mey war Krankenschwester in einer Sozialstation der Dia-
konie bis zur Rente und engagiertes Mitglied der MAV (Mitarbeitervertretung).
Gerhard arbeitete bis 1991 bei MAN und war dort Betriebsrat. Anschließend war
er Flüchtlingspfarrer der EKHN bis zu seinem Tod. Ingrid Pohl arbeitete bis zu
ihrer Rente bei „Arbeit und Leben“ in Mainz. Ernst Pohl arbeitete bis zu seinem
Vorruhestand bei Opel und war dort Betriebsrat.
Im Jahr 2015 wohnen Kläre Mey, Ingrid und Ernst Pohl und der Sohn von Heide
und Wolfgang Geller mit seiner Familie noch immer in dem 1977 erworbenen
und restaurierten Haus. Wir sind aktiv im „Gossner-Haus Mainz Arbeitswelt und
Gerechtigkeit e.V.“ Nach der Schließung des Arbeitszentrums Mainz der Gossner-
Mission wurde dieser Verein von Freunden zum Zeichen der Erinnerung und des
Dankes gegründet. Der Verein versucht sich nach dem Motto von Horst Syma-
nowski zu engagieren:
„Nicht wir haben Christus zu den Menschen zu bringen
sondern ihm dorthin zu folgen, wo er immer schon ist –
bei den Menschen, am Ort ihrer Arbeit, ihrer Leiden, ihrer Kämpfe.“
Ernst Pohl
Wundern
V
or einem Jahr wurde Marita, meine Frau, ins Krankenhaus eingeliefert. Eine
Ader im Hirn war geplatzt. Sie wurde am nächsten Tag operiert, sie blieb
aber in der Narkose. In den Tagen danach erlitt sie einen Hirninfarkt nach dem
anderen. Es wurde alles versucht, aber es kamen immer neue. Diese Tage waren
grausam für meine Kinder, deren Lebensgefährten und für mich.
Dann hatten meine Tochter und ich ein Gespräch mit zwei Ärzten. Es liefe gerade
ein großer Schlag im Hirnstamm. Wenn der vorbei sei, sei das Gehirn mehr oder
weniger zerstört. Wenn Marita überhaupt überlebe, werde sie entweder nicht
mehr aufwachen oder aber in einem Zustand sein, den man niemand wünschenEinfach in Fülle
153
möchte (Wachkoma). Meine Tochter fragte, was denn geschehe, wenn der Schlag
jetzt aufhöre. Das gebe es nicht, war die Antwort.
Ich stand dann an ihrem Bett. Sie lag wie die Tage vorher im Koma vor mir,
wurde beatmet… Ich war völlig hilflos und unendlich traurig. Ich war noch nie
so arm wie in diesem Moment. Das erste, was ich dann spürte, war ihr Arm um
meine Schulter. Die Nachricht war: Sie würde bei mir bleiben, auch wenn sie
stirbt. Und dann spürte ich noch etwas anderes, etwas viel viel Größeres: Dass
ich nicht falle. Dass es da ein Versprechen gibt: Ich werde dich halten, ich lasse
dich nicht, du bist in meiner Hand geborgen, ich bin da.
Ich habe dann meinen Bruder Christian um die Krankensalbung gebeten. Er
kam am Tag darauf. Da gab es die ersten Anzeichen, dass doch nicht alles vorbei
ist, dass der Schlag doch aufgehört hat oder doch nicht die üblichen Verwüstun-
gen angerichtet hatte.
Es kamen auch keine weiteren Schläge mehr. Die Narkose wurde zurückgefah-
ren, und gegen alle Vorhersage wachte sie wieder auf, wurde mehr und mehr
ansprechbar, überwand eine halbseitige Lähmung. Heute lebt sie – zwar mit ei-
nigen Einschränkungen – aber fast wieder normal. Wirkliche Erklärungen dafür
gibt es nicht.
Was ich sagen will: Für mich ist das alles ein Wunder. Ich habe Gott schon öfter
gespürt, aber nie in dieser Deutlichkeit.
Was ich auch sagen will: Wir beide glauben, und unser Glaube ist uns wichtig,
aber das gilt für viele andere auch. Marita ist eine wunderbare Frau, aber ich
denke nicht, dass Gott sie aus diesem Grund gerettet hat. Und ich denke schon
gar nicht, dass andere, die nicht gerettet wurden, weniger von Menschen und
Gott geliebt werden.
Warum ich das alles schreibe? Einmal weil ich es immer noch nicht fassen kann
und einfach erzählen muss. Zum anderen, weil mir wichtig ist, dass das, was in
der Bibel steht, was in den vielen Jahren seit Christus immer wieder neu erzählt
worden ist, immer noch stimmt. Gott lebt. Er ist da. Er ist nah.
DANKE.
Michael Herwartz154
Einfach gemeinsam
Einfach gemeinsam
Gastfreundschaft (1)
M
ittwochabend, Mitte August 2015, spätabends war ich auf dem Wohnzim-
mersofa in der WG eingeschlafen. Durch eine Bewegung im Hausflur auf-
geweckt, blinzelte ich schlaftrunken in die Runde. Christian stand mit einer
afrikanischen Frau im Flur. „Nachbarn haben sie hergeschickt“, meinte er. „Die
wussten auch nicht weiter“. Das Klappsofa wurde ausgeklappt, Bettzeug geholt,
das Bett war parat. Derweil löste die Frau ihr schon recht großes Mädchen aus
einer Art Umhängetuch vom Rücken. Das Mädchen schlief weiter. Und dabei
zeigte sich, dass die Frau hochschwanger war. Bald waren alle in ihre Zimmer
verschwunden. Am anderen Morgen… Geklapper von Teller und Tassen, von Be-
steck und Kaffeekannen auf dem Frühstückstisch im Wohnzimmer.
Mutter und Kind saßen schon auf dem Sofa und wussten nicht so recht, was jetzt
geschieht. Sorge und Anspannung auf dem Gesicht der Frau. Da erschien, wie die
Sonne, ein Kommunitätsmitglied ganz selbstverständlich in der Zimmertür – ausEinfach gemeinsam
155
demselben Heimatland, wie die Hinzugekommenen. Freundliche, warme, herzli-
che Worte und ein Leuchten ging über das Gesicht der Frau.
Gastfreundschaft (2)
S
ommer in Berlin, braun gebrannt saß ein neuer Gast mit am Frühstückstisch.
Ohne lange zu fackeln half diese Person tagsüber im Haushalt, sah was nötig
ist und hat es auch gemacht. Hat gut für sich gesorgt. Es war zu spüren, wie viel
Sorgfalt so jemand, zumeist für andere, tagtäglich aufzubringen gewohnt ist.
Frühstückstisch, Brot, Kaffee, Lieblingsmarmeladen oder Süßstoff wurde hin-
und hergereicht. Smalltalk oder auch Tiefergehendes flog bei Brot und Margarine,
Kaffee und Tee, über den Tisch, hin und her. Und dabei brach auch immer wieder
die Verzweiflung über zerbrochene Lebensmuster und Sinnträger aus dem Gast
heraus. Und da hat es gebraucht die große, lebendige Tischgemeinschaft, gute
Worte, echtes Anteilnehmen, stilles Zuhören und eben so viele Leute zusammen,
die verkörpern, Leben geht auch anders. Wir zusammen wissen das. Ich denke
mit ein oder zwei Personen am Tisch wäre das zu wenig gewesen.
Bernadette Allgeier
Senfkorn Naunynstraße
Ein Brief an den Provinzial
I
n den Straßenexerzitien habe ich meinen Weg zur Gemeinschaft mit Jesus und
Seiner Kirche neu entdeckt und ganz wesentlich vertieft. Seit Jahrzehnten bin
ich mit der ignatianischen Spiritualität vertraut und habe als Mitglied der GCL
regelmäßig Exerzitien gemacht.
Während einer dieser Aufenthalte in den schönen Tagungshäusern, die die Kir-
che dafür zur Verfügung stellt, hatte ich einen Traum: Ich war allein in einer
dunklen kalten Kirche, in der alles aus Stein war. Auf einmal spürte ich, dass
sich von hinten jemand Fremdes näherte, vor dem ich unglaublich große Angst
hatte, weil ich der festen Überzeugung war, diese Person wolle mich umbringen.
Dennoch ging ich auf die vermummte Gestalt zu und spürte plötzlich, dass sie
irgendwie auch „Ich“ war. Ich umarmte sie, und gemeinsam verließen wir die
Kirche, traten hinaus auf die Straße ins Sonnenlicht, wo viele Menschen in einer
bunten Gemeinschaft versammelt waren und uns freundlich aufnahmen.
Dieser Traum war unglaublich lebendig, doch so richtig sagte er mir erst Jahre
später etwas. Da habe ich nämlich in meinen ersten Straßenexerzitien genau156
Einfach gemeinsam
das erlebt: Ich bin auf fremde Menschen zugegangen, die mir große Angst mach-
ten, ich habe in ihnen mich selbst erkannt und konnte sie als meine Brüder
und Schwestern umarmen. Das, was ich in mir vermummt und versteckt hatte,
konnte leben und machte mich zu einem gemeinschaftsfähigeren Menschen. Für
mich habe ich verstanden, dass das Kirche ist: Niemanden ausschließen, son-
dern auf die Straße gehen, dahin, wo die leben, die in unserer harten „reichen“
Gesellschaft keinen Platz haben, einer Gesellschaft, zu der ich, privilegiert, wie
ich lebe, auch gehöre – hinschauen, hingehen, mitgehen, damit wir gemeinsam
menschlicher werden.
Seitdem war ich häufiger in der Naunynstraße, die ich als Kristallisationspunkt
und Herz der Straßenexerzitien erlebe. In der Naunynstraße zu sein, empfinde
ich so, als ob ich im Herzen Jesu selbst sitzen würde, einem großen weit geöff-
neten Herz, dessen tiefe Wunden von einer noch größeren Liebe und Nähe zum
Vater umarmt, gehalten und geheilt werden können.
Die Kommunität der Naunynstraße ist klein wie das Senfkorn, von dem in der
Bibel die Rede ist, aber sie trägt unermesslich reiche Frucht. Nach dem Tod von
Franz Keller SJ im vergangenen Jahr wurde schnell deutlich, dass ein Generati-
onswechsel notwendig ist, damit es dort weitergehen kann. Leider sieht es, wie
mir berichtet wurde, so aus, als wolle der Jesuitenorden sich aus diesem „Pro-
jekt“ zurückziehen. Das bedaure ich zutiefst, denn ich bin überzeugt, dass diese
Gemeinschaft nicht nur den Menschen, die dort leben, sondern auch denen, die
zu Besuch kommen, einen Reichtum vermittelt, der ganz tiefe und weitreichende
Auswirkungen hat. Ohne eine geistliche Gemeinschaft, die diese Kommunität
aus dem Glauben und der immer neuen Suche nach Gott in allen Dingen und in
jedem Menschen heraus trägt, kann das jedoch nicht geschehen.
Deshalb bitte ich sehr herzlich darum, diesem Dornbusch die Lebensgrundlage
zu erhalten, damit er weiter brennen, leuchten und die Begegnung mit Gott er-
möglichen kann.
Martina Fröhlinger
Ein Ort der Menschlichkeit
Was ist sie mir gewesen für einige Jahre, in denen ich mit ihr enger verbunden
gewesen bin? In gewisser Weise ist sie so etwas wie eine Verheißung für einen
Weg zu gelebter Geschwisterlichkeit. Durch ihre Konsequenz und langjährige
Lebenspraxis bewährt, ein Ort der Offenheit und Menschlichkeit. Ohne ihre spi-
rituelle Basis und kraftvollen Christusliebhaber für mich undenkbar.Einfach gemeinsam
157
Christian und Franz, mit unerschöpflicher Kraft und charismatischer Ausstrah-
lung der Eine, mit stiller Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit der Andere; zwei
ruhende Pole in einem ständig sich ändernden Wirbel von Gästen und Mitbe-
wohnern für kürzer oder länger oder noch länger. Ich möchte mich hier herzlich
bedanken für gute Stunden in bester Gesellschaft und wünsche sehr, dass Gast-
freundschaft und Geschwisterlichkeit, die in der Naunynstraße segensreiche
Mitbewohner sind, noch lange weiter wirken.
Angelika Seipt
Einfach mit dem Herzen antworten
Ein Brief an den Provinzial

Gerade bin ich von meinem vierten längeren Aufenthalt aus der Naunynstraße
zurück gekehrt. Voller Dankbarkeit!
Nun ist ja deutlich, dass es in 2015 um die Frage nach einer möglichen Weiter-
führung dort geht, einer Transformation oder um einen Abschied. So viel hat
Christian in seinem Schreiben hierzu ja deutlich gemacht.
Ich habe dort, mit den drei Jesuiten – Franz Keller war, wie ich meine, das tragen-
de Ruhekraftzentrum, bis in die äußerste Schwäche seiner letzten Tage wirkend
nur durch seine Gegenwart – mit den Frauen und Männern aus verschiedenen
Religionen, Kulturen, Nationen, Weltgegenden, in mitunter prekären persönli-
chen Lebenssituationen, in Aufbrüchen, im Finden von Wegen und Lösungen,
im Aushalten von Brüchen und Scheitern, im Annehmen von Stagnation und
Anfechtung eine der bewegenden Kirchenerfahrungen meines Lebens gemacht.
Ich habe dort eine weisende Zukunftsform des Miteinanders der Religionen und
Kulturen ohne den viel beschworenen „clash“ erlebt. Gelebt wird dort, in für
mich einzigartiger Weise, was Derrida in seinem wichtigen Buch zur Gastfreund-
schaft genannt hat: Die Diskretion des Gastgebers im Verzicht auf die erste Frage
an den, der als Gast die Schwelle der Tür überschreitet. Den Verzicht auf die Hi-
erarchisierung im ersten Akt der Begegnung, die Treue zur Pupille des je Nächs-
ten, vor aller Leistung und trotz aller möglichen Verstrickungen.
Ohne Idealisierung – aber wirklich da!
Das Mitleben dort geschieht nie im Vorrang des FÜR, vielmehr im alltäglich ge-
lebten MIT unbedingter Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen. Ich kann mich
nicht erinnern, an anderen Orten ein tieferes Ahnen der Präsenz des Immerge-
genwärtigen erfahren zu haben und – ganz unprätentiös aber echt -: Das Leben
Jesu im Leben der Menschen zu suchen und zu finden.
Markus Roentgen158
Einfach gemeinsam
Gottesdienst in der Naunynstraße
Haben wir einen Ruf vernommen oder uns selbst geladen
Schwer zu sagen jedenfalls öffnete jemand die Tür
Du heißt alle willkommen
Wir haben Hunger und Durst verzehren uns nach Süßem
Die Welt ist so kalt kraftraubend teilnahmslos, herzlos mechanisch
Auf diese zerreißend schöne Erde
sandtest Du Deine Boten
und Deinen Sohn
Du, der Schöpfer aller Dinge lädst uns an die gedeckte Tafel
Dampfende Speisen unverdient geschenkt ohne Preise
Du bist Gnade
Wir sehnen uns nach Dir wir langen zu.
Auch Du öffnest den Mund doch hören wir
KYRIE ELEISON!
Im brüllenden Toben Dein Wort zerstampft
im wartenden Schweigen
den Einsatz verpasst
Den Scheinfrieden auf Kosten der Schwachen gekittet
Seelenbrände unachtsam verschüttet
Für Entschuldigungen fehlte die Einsicht
zum Verzeihen der Mut zu wenig Geduld
Vertrauen macht verletzlich und wird
missbraucht und das verbittert
Zieht harte Furchen ins müde Gesicht
beugt selbst die Stärksten
CHRISTE ELEISON!
Wie konnten wir uns mit Dir verwechseln
Lobpreis mit Selbstdarstellung
Demut mit heuchelnden Hülsen Wahrheit mit Taktik
heilende Worte mit giftigen Pfeilen
Aus Unachtsamkeit in Scheiße getreten und in Andere als Fußmatte gerieben
Ohne Liebe verrottet wie totes Fleisch
Betretenes Schweigen Angst Resignation
Ja doch auch wir gehören zur Welt
KYRIE ELEISON!Einfach gemeinsam
159
D
u bist nicht nachtragend, verlangst keinen Kniefall, wartest geduldig, stets
voller Hoffnung, freust dich, wenn wir den Blick wieder nach oben richten,
zu Dir!
Ninive war so groß geworden, dass nur die wenigsten Einwohner sie jemals in
ihrem Leben verlassen hatten. Warum auch? Alles Lebensnotwendige und Frei-
zeitfüllende war ja vorhanden und musste bloß verdient werden. In der jeweils
aktuellen Version war Ninive stets perfekt – uniform-konforme gesellschaftliche
Zirkel griffen wie Zahnräder ineinander, demokratisch vernetzt dank Google
und Facebook, und jeder iNini drehte sich um seine eigene Achse in seiner ganz
persönlichen smarten Welt. Folglich gelangte aber auch keiner mehr an die Rän-
der – zerstreut durch die Straßen streifende, grübelnde Mosehirten waren mit
dem Betriebssystem von NINIVE nicht kompatibel. Da jeder iNini alles für sich
allein besaß, gab es keinen Anlass zum Teilen, mithin auch keine Konflikte, nach
Gott ganz einfach keine Nachfrage. Nur die Ausscheidungen der iNinis fanden
durch ein verschlungenes System auf mysteriöse Weise ihren Weg aus dem Staat
heraus, verklumpten an den Grenzgittern aus NATO-Draht zu festen Mauern,
schwappten in hohen tödlichen Wellen über das Meer, schossen unverdaute
Pillen auf Kollateralfelder, verwüsteten mit ihren giftigen Abgasen fruchtbare
Landschaften, stürmten, fluteten, frosteten. Anscheinend war Gott mit seiner
Weisheit am Ende – wie könnte ein liebender Gott seine Schöpfung zerstören?
Ergreift Er Partei, wie weit geht Er in Seinem Zorn? Wir wissen keine Antwort.
Können wir noch Halleluja jubeln? Wird uns das Zeichen des Jona die Ohren
für Dein Evangelium öffnen? Müssen wir verlieren, vermissen, bereuen, um Dir
auf unserem Lebensweg wieder neu zu begegnen? „Hard times, come again no
more!” – Bob Dylan spricht uns aus der Seele.
Herabsteigen müssen wir, wie Zachäus, uns wieder bücken, ganz einfach norma-
le Menschen sein. Dann lädst Du Dich ein in unser Herz und lehrst uns Verzei-
hen, die hohe Kunst Deines Sohnes. Du schaust uns an wie eine Mutter, siehst
die verborgenen Wunden, auch die vergessenen und nicht bemerkten, die ach
so gefährlichen. Was in der Welt abstößt, zieht Dich an, Du weißt unser Schreien
richtig zu deuten, antwortest mit Sanftmut und Liebe, und lehrst uns so leben: in
Enttäuschung und Einsamkeit die Sehnsucht suchen, im brennenden Misstrauen
die beständige Liebe, in der Ratlosigkeit die Hoffnung, im Warten das Schauen.
So finden wir in Dir Gemeinschaft und Freude… Genug geredet, das A und O ist
der Glaube, wir singen jetzt Lied Nr.!!!
Dass Du in der Ausweglosigkeit der einladende schmale Pfad bist, ja, das glau-
ben wir. Du hörst die unausgesprochenen Bitten wie die gesprochenen, horchst
auf unsere Herzen. Sind die Probleme nur in uns, schleppen wir sie selber mit160
Einfach gemeinsam
uns herum und beißen uns krampfhaft daran fest? Vielleicht, zum Teil. Jeden-
falls können wir manchmal nur noch bitten. Christus, höre uns! Du allein kennst
die Opfer, die wir Dir bringen – und wenn wir mit leeren Händen kommen?
Obwohl Du besser warst als wir, bist Du uns gleich geworden, hast Dich mit
uns vermischt, unsere überheblichen Projektionen geduldig ertragen und uns
Deine Stärke geschenkt, bist mit uns eins geworden, wie Wasser und Wein. Wir
klammern uns an den Besitz, der uns nicht einmal gehört – Du teilst alles, Dein
ganzes Leben, wie einen Laib Brot. Wir wählen aus und wollen Probleme durch
Abschiebung lösen – Du hast alle Furcht überwunden und speist selbst Deine
Verräter. Wir sind vorsichtig und wenden uns ab – Du vertreibst mit Deinem
grenzenlosen Vertrauen alle Dämonen, reinigst den Blick, stiftest Frieden. Heve-
nu shalom alechem, la paz esté con nosotros…
So ganz will es uns vielleicht doch nicht gelingen, uns von diesem Misstrauen zu
befreien, manche Balken vor unseren Augen lassen sich einfach nicht so schnell
zersägen. Trotzdem ziehst Du los, gehst reihum und nährst uns alle, kümmerst
Dich nicht um Privilegien, kennst keine Meister, stillst bloß Hunger und Durst.
Unter Deinem Segen finden wir Frieden – mögen sich unser Geschrei und Stumm-
sein im Gebet begegnen, möge sich unsere Gegensätzlichkeit in Lebensfreude,
unsere Enttäuschung in Überraschung wandeln. Amen. Danke.
Rana Bose
Abschied – Neuanfang
Ich durfte Gast sein
Ich durfte Gastgeber sein
Ich durfte Frieden erleben
Ich durfte kleine Konflikte erleben
Ich durfte Barmherzigkeit und Liebe erleben
Auch wurden mir Grenzen gesetzt. Was ich erstmal nicht erwartet habe.
Mein jetziger Abschied von der Gemeinde ist ein bisschen wehmütig.
Es soll ja in meinem Leben an einem anderen Wohnort ein Anfang geben.
Was die Zukunft ist, weiß nur Gott.
Ein Dankeschön an die Gemeinschaft Naunynstraße und die guten Worte von
den vielen verschiedenen Bewohnern.
Michael MalchowEinfach gemeinsam
161
Gast(geberin) in der Naunynstraße
A
ls ich zum ersten Mal über die Straßenexerzitien hörte, war ich etwas skep-
tisch. Ich hatte den Eindruck, es war alles eine Übertreibung. Auf der an-
deren Seite spürte ich eine Anziehung, die ich mir nicht erklären konnte. Zwei
Jahre später buchte ich meine Exerzitien in Nürnberg. Diese Exerzitien sollten
meine erste tiefste Erfahrung Gottes werden. Und es war nur der Anfang. Jeden
Tag bei den Exerzitien war ein Schritt tiefer in der Beziehung mit Gott durch
„wahnsinnige“ Begegnungen. Mein geistliches Leben, eigentlich mein ganzes Le-
ben, war am Wandeln.
Es war während der ersten Straßenexerzitien, dass ich mich als „heiligen Boden“
empfinden, erkennen und annehmen durfte. Seitdem versuche ich im Geist der
Straßenexerzitien zu leben, obwohl es nicht immer einfach ist. Die Art des „Los-
lassens“ und des „Schuhe ausziehen“ ist die einzige, die mich in die Tiefe zu Gott
führt.
In der Naunynstraße durfte ich einmal Straßenexerzitien machen. Da war eine
„doppelte“ Gotteserfahrung. Die Exerzitien einerseits und die Erfahrung mit den
Menschen in der Wohnung. Es war nur ein paar Stunden, dass ich da war, als
jemand an die Tür klingelte. Christian fragte mich aufzumachen. Ich dachte, es
sei etwas seltsam. Er aber meinte, dass ich nicht mehr ein Gast war, sondern ich
sei schon zum Gastgeber geworden. Es war sehr klar: Gastfreundschaft! Diese
Erfahrung änderte meine Vorstellung von Gastfreundschaft und öffnete mich zu
den anderen, wie ich nie hätte denken können. Die Idee einer offenen Gemein-
schaft wurde klarer und klarer. In einigen Hinsichten hat sich diese in Pretoria
(Südafrika) ereignet.
Diese Erfahrungen haben auch das Charisma von Comboni vertieft und eine grö-
ßere Offenheit gefördert. Im Geist der Exerzitien das „einfach da Mit Sein“ ohne
etwas zu beweisen oder zu leisten, ist mir sehr wichtig geworden. Der Traum
einer offenen Gemeinschaft und eines offenen Hauses des Gebetes (ökumenisch)
mitten in der Township haben ihre Wurzel in der Erfahrung der Strassenexer-
zitien und in der Naunynstraße. Danke Christian für das, was ich durch dich
erfahren und lernen durfte.
Laura162
Einfach gemeinsam
Klopft an und euch wird aufgetan
Einfach Leben! Ohne Bedingung da sein dürfen!
Reichtum des Lebens und Schutzraum der Bedürftigen!
Ein Zelt Gottes und der Menschen mitten in Kreuzberg!
A
ls eine, die seit 1987 in Berlin lebt und arbeitet, kannte ich Christian Her-
wartz natürlich längst von Weitem und vom Hörensagen. Gutes hatte ich
gehört: wie er mit Menschen so ganz vom Rande und am Rande zusammenlebe,
auch, wie dort völlig erschöpfte Ordensleute, fast zerrieben von den Strukturen
ihres Ordens und den Irrungen und Wirkungen des Alltags, durch einfaches
Mitleben in der Kommunität Naunynstraße nach Monaten wieder neuen Sinn
für ihr Leben fanden und ihre Berufung neu sehen oder deuten lernten. Mit mir
selbst hatte das zunächst nichts zu tun. Ich lernte Christian kennen, als ich 2011
unmittelbar nach meinen 30-tägigen ignatianischen Exerzitien geistliche Beglei-
tung suchte und ein anderer Jesuit mir gerade abgesagt hatte. Christian wurde
mir von einer Karmelitin vorgestellt, da er im Berliner Karmel aushilfsweise
die Sonntagsmesse gefeiert hatte. Während der Messe war mir aufgefallen, dass
er auf die Lichtanzeige des gesprochenen Glaubensbekenntnisses einfach ans
Mikro trat und das vorgesehene Glaubensbekenntnis nicht einleitete. Er sagte
stattdessen sinngemäß: „Das Glaubensbekenntnis, gar nicht einfach zu sprechen,
vielleicht kann jeder nur einen Satz, ein Wort von innen heraus sagen, das was er
oder sie davon gefühlt oder verstanden hat … und das vielleicht sogar nur leise…“
Dann trat Stille ein: eine von Glauben und Fragen gefüllte Stille, die einfachste
und intensivste Form von Glaubensbekenntnis, die ich in einer sonntäglichen
Gemeindemesse erlebt habe.
Das erste Treffen mit Christian fand dann knapp eine Woche später statt. Er
hatte mir angeboten, mich auf meiner Arbeit abzuholen! Unglaublich stark wirkt
dieses Symbol für mich bis heute: den Menschen da abholen, wo er feststeckt, mit
ihm seinen alltäglichen Weg gemeinsam gehen, nicht abwarten, dass ein Mensch
zu mir kommt, sondern ihm entgegengehen, bis an die Grenzen seiner Existenz.
Wir bewegten uns an diesem Tag auf dem Mauerstreifen zwischen den Berliner
Bezirken Mitte und Kreuzberg, einst unüberwindbare Grenze, an diesem Tag
für mich ein Ausloten von Leben und Begegnung in dem Trialog der geistlichen
Begleitung: Kann das gehen zwischen Christian, Gott und mir?
Christian brachte ganz unvermittelt Jesus ins Spiel. Er bückte sich und erzählte
mir die Geschichte, als sie die Frau zu Jesus geschleppt hatten, die sie beim
Ehebruch ertappt hatten und die sie steinigen wollten und Jesus sich zu ihr in
den Sand der Straße setzte und in den Staub schrieb. Er habe sich damit in dieEinfach gemeinsam
163
Gefahrenzone begeben. Die Steine hätten auch ihn getroffen, wenn sie geworfen
worden wären: Jemandem beistehen, indem man sich als zunächst Ungefährde-
ter, also Zuschauer, Unbeteiligter mit in den Gefahrenkreis begibt, nicht neutral
bleibt zu dem Leid der bedrängten Person. So hatte ich diese biblische Geschichte
noch nie gelesen! Bis heute kann ich sie nun nicht mehr unbetroffen, unpolitisch,
unbeteiligt lesen, ohne diesen sozialen Bezug. Niemals werde ich sie in Zukunft
mehr anders lesen wollen.
Im ersten Jahr der Begleitung besuchte ich Christian in der Regel alle vier Wo-
chen in der Kommunität, immer am Nachmittag. Wir bekamen stets eine Kanne
Kaffee von einem der Bewohner gereicht, der mich jedes Mal freundlich an der
Tür empfing. Viele Menschen sah ich nicht dort. Immer trafen wir uns im Wohn-
zimmer, das für diese eineinhalb Stunden von anderen nicht benutzt wurde.
Einmal, gleich beim dritten oder vierten Mal, war Christian krank, eine dieser
Blasenentzündungen, die mit seiner Parkinsonerkrankung zusammenhängen,
die damals noch nicht diagnostiziert war. Er lag fiebrig auf der Couch im klei-
nen Zimmer neben dem Wohnzimmer und sah schlecht aus. Ich durfte trotzdem
zu ihm. Er war nur leicht bekleidet, weil es ihm wegen des Fiebers sehr heiß
war. Er sagte, dass er sich freue, dass ich da bin. Ich war sehr gerührt, dass er
mich in diesem Zustand zu sich ließ. Ich fühlte, dass er sich wirklich freute. So
unmittelbar und menschlich hatte ich mir geistliche Begleitung nie vorgestellt.
Dass Christian keine Scheu hatte, in seiner Schwachheit für mich da zu sein,
diese Nähe und Wärme, die da von ihm ausging, diese Verbundenheit mit Gott,
der gerade auch in unserer Schwäche bei uns ist, einfach da ist, das ist mir zum
Maßstab geworden, zum tiefsten „Standard“ geistlicher Begleitung, wie ich sie
leben will, da wo ich Menschen begleite.
Im November 2012 habe ich dann erstmals in der Kommunität Naunynstraße
gewohnt, neun Tage zu von Christian begleiteten Einzelexerzitien auf der Straße.
Ich wollte von vornherein auch speziell „Exerzitien in der Wohnung“ machen,
weil ich im vorangegangenen Jahr neugierig geworden war, auf das Lebensum-
feld Kommunität Naunynstraße, das Christians und Franz Kellers Leben über
mehrere Jahrzehnte geprägt hatte. Ich lernte schnell, dass es offiziell keine Re-
geln gab, inoffiziell natürlich schon, zum Beispiel, dass immer Quark für Franz
da sein sollte oder leckere Früchte, insbesondere Trauben gerne für ihn zur Seite
gestellt wurden, dass einer nicht glücklich war, wenn man ihm sein Geschirrab-
spülen wegnahm oder dabei zu viel Wasser verschwendete, dass einer es nicht
mochte, wenn man nachts in der Küche erschien, weil er dort seine freie Zeit
verbrachte, ein anderer nicht, wenn man am Morgen zu früh dort erschien, weil
er da noch sein Morgengebet versah. Aber unabhängig von diesen Regeln erleb-164
Einfach gemeinsam
te ich ein großes Entgegenkommen und eine wirkliche Gastfreundschaft und
herzliche Aufnahme bei Menschen aus vier Kontinenten und verschiedenster
Religionen und Weltanschauungen. Was mich am tiefsten bewegte, war, dass
auch ich dasein durfte, wie ich gerade war. Als meine neun Tage Exerzitien zu
Ende gingen, sagten mir mehrere Bewohner der Kommunität. „Du kommst doch
wieder. Du bist eine von uns.“ Das bewegte mich tief, weil ich weiß, wie leicht
ich selbst ausgrenze und eben nicht so leicht sage: „Du gehörst voll dazu“. Schon
einmal war mir das passiert, nachdem ich das zweite Mal bei Christian war und
am Wochenende danach mit der obdachlosen Susanne ein paar Stunden auf der
Straße saß und von anderen Obdachlosen, die vorbei kamen, nicht ausgegrenzt
wurde, sondern genauso herzlich mit Handschlag begrüßt wurde wie Susanne
und ihr bettelnder niederländischer Begleiter. Schon da dachte ich, wie gut es
mir tat, nicht ausgegrenzt zu werden, gerade auch von Menschen, Obdachlosen,
die wir so oft ausgrenzen.
In die Zeit der Exerzitien in der Wohnung fiel noch eine ganz besondere Begeg-
nung mit dem Jesuitenbruder Franz Keller, der damals schon altersschwach war
und nicht mehr so viel sprach. An diesem Abend aber setzte er sich nach dem
Besuch der Messe in St. Michael, zu mir in die Küche und erzählte viel aus seiner
Kindheit und Familie. Zu vorgerückter Stunde dachte ich, es käme nun nichts
mehr, denn Franz wirkte müde und erschöpft. Er saß lange schweigend da und
schaute wie in die Ferne, als er auf einmal eine Botschaft für mich, die ich in den
Exerzitien ganz besonders auf der Suche nach Gott und der Begegnung mit ihm
war, verkündete: „Wenn man Gott sucht, dann muss man es ihm sagen und ihn
darum bitten, dann wird er es auch annehmen!“
Seit Herbst 2012 bin ich dann regelmäßig in der Naunynstraße gewesen, in der
Regel in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, also insbesondere zum Kommuni-
tätsabend. Christian begleitete mich weiter, die Kommunität auch. Meine Familie
lernte nach und nach Mitglieder der Kommunität kennen. Mein damals 12-jäh-
riger Sohn Franziskus besuchte auf seinen Wunsch den sterbenden Franz Keller
mit mir und nahm an der Beisetzung teil. Meinen Geburtstag im Januar 2014
feierten meine Familie und die Kommunität zusammen in der Naunynstraße.
Während ich anfangs Bedenken hatte, in der Kommunität offen darüber zu re-
den, dass mein Mann Management betrieb und dieser unendliche Stress, den
sein amerikanischer Arbeitgeber ihm und seinen Kollegen auferlegte, ihn und
uns als Familie sehr belastete, merkte ich bald, dass die Menschen in der Kom-
munität durchaus Verständnis für unsere Notlage hatten und damit umgehen
konnten. Sie begleiteten uns sehr freundschaftlich durch die Ablösung von der
Firma, den Burnoutprozess und die Suche nach neuem Sinn und neuen WegenEinfach gemeinsam
165
für unsere Familie. Wir merkten, dass es keinen entscheidenden Unterschied
macht, warum es einem Menschen schlecht geht. Zu viel Arbeit kann ebenso
zerstören wie gar keine Arbeit. Wesentlich ist der menschliche Beistand. Mir ist
es so wichtig, dass ich einfach so in der Kommunität da sein darf, wie ich bin.
Ich darf da sein, wenn ich Arbeit habe und andere dürfen da sein, wenn sie keine
haben. Ich darf Stress mit meiner Arbeit haben und Menschen, die Stress haben,
weil sie keine oder keine angemessene Arbeit finden oder keine Arbeitserlaub-
nis erhalten, sind ebenso da, wie sie sind. Alles hat seinen Raum. Alles ist wert,
angehört und geteilt zu werden.
Ich habe in der Kommunität, insbesondere in den oft zwei Stunden währenden
Kommunitätsrunden, gelernt zuzuhören wie sonst nirgends. Jeder und jede hat
seine und ihre Zeit zu erzählen, was ihn und sie bewegt und was in der vergange-
nen Woche geschah. Nichts ist ausgeschlossen. So manches Mal öffnen die Nach-
fragen anderer oder Hinweise einzelner auf etwas, was der Erzählende vor Wo-
chen erwähnte oder das Anknüpfen an Vorredner, neue Räume oder ergänzende
Sichtweisen zum eigenen Erleben. Diese Austauschrunden bedürfen viel Geduld,
manchmal auch Mut, das wirklich Bewegende oder Belastende, das Eigentliche
anzusprechen und auszusprechen. Aber sie sind eine Kostbarkeit. Sie sind der
Kern des Kommunitätslebens. Sie sind das Teilgeben und das Teilnehmen am
Leben der Einzelnen und die Verortung der Einzelnen in der Kommunität.
Sie sind die unmittelbare Vorbereitung auf die anschließende Feier der Eucha-
ristie. Diese ist das ausdrückliche Vor-Gott-Tragen allen Lebens der Kommunität.
Die Eucharistie wird gefeiert von all den Menschen der Kommunität, deren Glau-
be sich im gemeinsamen Gottesdienst ausdrücken will, unter Einbeziehung der
Anliegen aller, die sich beim vorangegangenen Kommunitätsabend geäußert ha-
ben oder daran teilnahmen oder nicht teilnehmen konnten oder wollten. Er wird
gefeiert mit Christen, die hier leben und mit Moslems und Juden, die ebenfalls
hier leben und daran teilnehmen wollen. Er beinhaltet immer einen ausführli-
chen Wortgottesdienst, in dem die biblischen Texte des Tages gelesen werden
und das Verständnis darüber geteilt wird. Dabei ist es sehr fruchtbar, zu hören,
wie Gott sich Menschen anderer Religionen in diesen heiligen Texten mitteilt
und was sie aus ihrer Tradition und Erfahrung daraus hören.
In großer Dankbarkeit schaue ich auf die gemeinsamen Jahre mit Christian und
Franz, mit so vielen Freundinnen und Freunden aus der Kommunität und die
Verknüpfung der Kommunität mit den Erfahrungen der Straßenexerzitien zu-
rück. Die Kommunität ist die Kernzelle der Straßenexerzitien, das Urmilieu, in
dem diese unmittelbare Gotteserfahrung der Straße neu entdeckt werden konn-
te. Seit 2013 begleitete ich verschiedenste Straßenexerzitien mit Christian und166
Einfach gemeinsam
anderen und hoffe darauf, dass der Ort, an dem diese Erfahrungen mehr als
anderswo verortet sind, erhalten bleibt.
Ich werde den Fortbestand der Kommunität begleiten, so sehr es in meiner Kraft
steht. Vor allem will ich einfach weiter da sein: bei den Menschen, die jetzt in
der Kommunität Naunynstraße leben und bei denen, die in Zukunft dort Ge-
meinschaft und Schutz suchen werden. Ich werde Gott bitten, dass er uns Wege
zeigt, wo wir keine sehen. Wir brauchen so dringend Räume, in denen Menschen
sicher und willkommen sind, egal woher sie kommen und in welcher Notlage sie
sind. Wir brauchen auch Räume, wo Menschen sich begegnen und miteinander
Leben teilen können, Leid und Freude. Wir brauchen auch in Zukunft Räume, wo
Menschen neuen Lebensmut finden, weil immer welche da sind, die auch einmal
den Mut verloren hatten und dann aufgenommen wurden von solchen wie Chris-
tian und Franz, die den Raum geschützt und offen gehalten haben und die nun
ihrerseits neuen Menschen Mut und Hoffnung geben können.
Andrea Scherer
Einander wahrnehmen
W
as für eine schöne Idee mit der Textsammlung! Sicher kommt ein reicher
Erntekorb mit den unterschiedlichsten Früchten dieser so besonderen,
über Jahre gelebten Gastfreundschaft zusammen! – Ich lese gerade langsam die
vorletzte Enzyklika von Papst Franziskus. Vor drei Tagen hat mich eine Passage
besonders berührt, sodass ich sie mir herausgeschrieben habe. Sie passt zu dem,
was ich bei Dir entdecken, bei Dir lernen konnte: Nicht etwa ich (oder jeder an-
dere Gläubige) bringe Gott zu den Menschen (in Freude oder Not), sondern Gott
erwartet mich an allen Orten, in jeder menschlichen Wirklichkeit. Er ist und war
bereits da, wenn ich komme und lässt sich dort entdecken, mal schmerzlich un-
begreifbar anders, mal freudig überraschend lichterloh, mal nah, mal von Ferne
grüßend. Und es gibt keinen Unterschied in der Sehnsucht von uns allen Men-
schen – ob ausgesprochen gläubig oder unausgesprochen – nach Güte, nach Ver-
zeihen, nach Aufrichtigkeit, nach Hingabe, nach Schönheit und nach strahlender
Wahrheit. – Sie lautet so:
„Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, d.h. mit einem Blick des
Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, in ihren Straßen
und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche,
die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden.
Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Brüderlichkeit und das
Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese GegenwartEinfach gemeinsam
167
muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht
vor denen, die ihn mit ehrlichen Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf
unsichere und weitschweifige Weise tun.“ ( Freude des Evangeliums, Nr. 71)
Zwei Sachen noch, die mir zu Dir – zu Dir ganz besonders – einfallen: Erstens: Deine
Fähigkeit, an allem, was unwesentlich ist an einem Menschen, und seien es her-
vorstechende Macken oder verwirrende Masken, VORBEI zu gehen und den Men-
schen dort anzusprechen, wo er darauf wartet, angesprochen zu werden. Es ist
wie eine schlafwandlerische Fähigkeit, im Dunkeln hin zum Wesentlichen, zur Be-
gegnung mit dem Anderen vorzustoßen. Das hat mich immer wieder in Erstaunen
versetzt, wenn wir in der Gruppe unsere Erfahrungen aus den Exerzitien im Alltag
mit Dir und den anderen austauschten. Deine Fragen hatten manchmal nichts mit
dem Erzählten zu tun, und doch konnte man regelrecht spüren, wie der Gefragte
sich ganz und gar angesprochen und wahr-genommen empfand. Was für eine Ver-
heißung für uns alle, eines Tages die Fähigkeit geschenkt zu bekommen, einander
wirklich wahrnehmen zu können, weil wir ganz und gar wahrgenommen worden
sind! – Zweitens: Dein Beten. Dein Beten in der Liturgie, in der Öffentlichkeit. Auch
hier: alles Unwesentliche, alles nicht wirklich Gemeinte fällt weg, es entsteht ein
wirklicher Raum, der alle aufzunehmen bereit ist, der Hinwendung zum verborgen
Gegenwärtigen. Alle werden hinein genommen in die Lauterkeit einer liebevollen,
vertrauten und doch sehr respektvollen Beziehung. Der ganze innere Mensch bie-
tet, indem er sich mit Worten ausspricht, sich selbst an, als Gebetsraum für die
Vielen. Was für eine Gemeinschaft kann da entstehen! DANKE!
Katharina Weidner
Kommunität Naunynstraße
Raum der Hoffnung
Tür des Herzens
Wo wohnt Gott?
Zelt des Lebens
sprudelndes Wasser
Lebt da ein Mensch?
Hoffnung auf Leben
Raum der Begegnung
Gott mit den Menschen zu Fuß unterwegs…
Andrea Scherer168
Einfach gemeinsam
Ohne Festhalten
Wenn du auf dem Weg Fortschritte machen willst
und zu den Höhen aufsteigen willst, nach denen
du dich gesehnt hast, ist es wichtig, nicht viel zu denken,
sondern viel zu leben und daher alles zu tun,
was dich am besten für die Liebe erweckt.
Theresa von Avila
E
s war einmal vor einiger Zeit als Ruda (1) in eine Gemeinschaft von Menschen
kam, die ihm einen Platz zum Schlafen gab, ohne zu fragen warum, woher
und wie lange. Ruda lebte lange in Gefangenschaft, gefangen hinter Gittern und
Mauern, und gefangen in seinen Vorstellungen vom Leben und Lieben. Die Men-
schen, die er dort erlebte, waren ihm fremd, die Bescheidenheit, Armut, worüber
sie redeten und woran sie glaubten. Er schüttelte oft den Kopf und bemitleidete
sie. Als Ruda sich eines Tages verzweifelt fühlte, weil seine alten Lebenskonzep-
te nicht so funktionierten wie gedacht, sprach ihn Airao (2) an und fragte: „Willst
du reden?“
Airao führte ihn an einen heiligen Ort, wo ein Symbol im Boden zu sehen ist,
welches sie an einem Band um ihren Hals trug. Ruda verstand nicht viel von
dem, was Airao über die Bedeutung des Symbols sprach, doch es berührte ihn
ihre Art zu schweigen und der offene klare Blick ihrer dunklen Augen war un-
gewohnt intensiv, wohltuend und doch magisch verwirrend.
„Öffne dich“ waren Airaos Worte am Ende. Die Tage darauf, die Ruda mit Airao
erleben und erfahren durfte, fühlten sich an wie ein ungeträumter Traum. Alles
veränderte sich. Die alte, kalte, ärmlich wirkende Wohnung wandelte sich in
einen Licht und Wärme füllenden Palast aus tausendundeiner Nacht. Ruda hörte
und fühlte in den Worten Airaos, wie sie von sich, von ihrem Land, von ihrer
Familie und von ihrem Glauben an Gott sprach, etwas völlig Neues: Etwas, was
rein, was echt, was Wirklichkeit war, und es tat ihm so unendlich gut, dass er
seinen bisherigen Lebenssinn und -wandel als wertlos erkannte.
Ruda konnte auf einmal mit den Augen der Liebe sehen, eine für seinen Verstand
nicht fassbare Erfahrung, die neu, und doch als wäre sie schon immer gewesen,
ist. Aber die Wirklichkeit war nicht die Realität. Tinga (3) kehrte von einer Reise
zurück. Airao und Tinga lebten als Paar zusammen und Ruda begann, für die
Liebe Airaos zu Gott und dessen Sohn zu beten.
Ruda erfuhr und erlebte ein aus seiner tiefsten Tiefe kommendes Glückseligsein,
ein Fließen der subtilsten Energien in seinem Inneren sobald Airao in seiner
Nähe war und ihre Augen sprachen die gleiche Sprache. Ruda befreundete sichEinfach gemeinsam
169
mit Nhandeura (4), glaubte nicht alles, wie es geschrieben oder ausgelegt wird,
aber er erkannte die Wahrheit in der Schrift und sah in Airao die Wirklichkeit
Gottes. Auch die Menschen von der Gemeinschaft waren ihm nicht mehr fremd,
vielmehr lernte und erlebte er wahre Freundschaft, wahren Glauben leben und
Segen.
An Airaos Geburtstag kam Ruda bei einem Spaziergang zu einem Ort für Taufen,
das Bild vom verlorenen Sohn. Für ihn bedeutete es, sich im Namen Nhandeuras
taufen zu lassen. In der großen Freude und Erwartung getauft zu werden, legte
sich Ruda unwissend gleich mit Gott an und erwartete Airao zur Frau. Am Tag
darauf wurde Ruda von Gott mit seinem ärgsten Widersacher konfrontiert.
Ruda flüchtete in einer unbekannten Angst, und er wusste nicht, wovor er floh
– war es das, was er bildlich gesehen hatte, was es eigentlich nicht gab? War es
das, was er gespürt hatte: diese gewaltige Kraft ohne Berührung, als hätte ihn
der Huf eines Pferdes getroffen? Nein, Ruda lief weg vor seinem eigenen Ich, nur
dass er das in dieser Reinheit noch nie so gesehen hatte. Der Himmel wurde
plötzlich aus Todesangst, Zweifel und Panik zur Hölle.
Als Ruda sich nach stundenlangem Irren in einer Dunkelheit des Segens von
Yara (5) erinnerte, begann diese Dunkelheit langsam zu weichen, und es öffnete
sich Tag für Tag eine neue Welt. Seine Liebe zu Airao leitete den Weg zur Taufe,
bei der Anori (6) aus er Gemeinschaft ihm den Schutz und Segen Gottes gab.
Ruda hatte noch viel zu lernen in der neuen Welt, vor allem war sein größtes Pro-
blem: Loslassen. Er verstand überhaupt nicht, was Airao ihm damit sagen wollte:
„Du musst mich loslassen“. Wochen und Monate vergingen. Das Leben in der
Gemeinschaft ging weiter und Ruda erlebte in der neuen Welt ungeahnte Höhen
und Tiefen. Menschen wie Airao, Tinga, Yara, Anori und Japaira (7) und andere
halfen ihm – durch ihre Liebe, Spiegel, Gebete und Weisheiten auf dem Weg.
Am Großen Wasser bei Yara erhielt Ruda Geschenke des Loslassens – grenzenlo-
ses Licht, zwei Fliegen und zwei Schnitte wie von einem Skalpell.
Nun begann für Ruda die Zeit anderen Menschen und Wesen etwas zu geben,
was Airao in ihm erweckt hatte.
Je mehr Hindernisse es gibt und je größer die Distanz ist, die wir überwinden
müssen, desto stärker ist die Empfindung der Liebe.
Gaston Flemming
Indianische Bedeutung der Namen:
Ruda
Airao:
Tinga:
Nhandera:
Gott der Liebe
besondere Person, mystisches Wesen
von der weißen Farbe, von den Weißen kommend
Jesus Christus170
Yara:
Anori:
Japaira:
Einfach gemeinsam
Mutter des Wassers, des Lebens
der dem Häuptling (Herrscher) Ähnliche
Kopf (Ursprung) des Flusses
Rituale
kurz nach sieben in der frühe
stühle ordentlich um den tisch rücken
tischplatte abwischen und alte zeitungen wegräumen
krümel zwischen den tischplatten mit einem kleinen messer herausfriemeln
tassen mit „klack“ auf den plätzen verteilen
teller sich ausdrehen lassen neben den tassen
mit dem besteck klappern und immer noch ein messer vergessen haben
verzählt – am frühen morgen verzeihbar
quark von vorgestern etwas eingetrocknet am rand im weißen becher,
500 g selbstgekochte marmelade, mit langem löffel, zum löffeln
süßstoff schon wieder vergessen
tee zu spät gekocht, dafür zu viel kaffee
schlurfende schritte auf dem weg zwischen wohnzimmer
über den flur in die küche
eile völlig fehl am platz
geschirrhandtücher klatschenass
bad frei rasch eine ladung wäsche in die waschmaschine,
60 grad, waschmittel fast alle
schon wieder
lieblingstasse
lieblingsstuhl
können wir schon anfangen
protest und lachen neiiin, franz würde sagen es ist viel zu früh,
noch 30 sekunden, dann…
Bernadette AllgeierEinfach freiwerden
171
Einfach freiwerden
Was in uns steckt
Zu spirituellen Impulsen eingeladen im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg
I. 2013: „Einen Fremdling darfst du nicht bedrücken.“ (Ex. 23,9)
F
lucht ist kein Verbrechen. – Flüchtlinge gehören nicht ins Gefängnis.
Welch ein Willkommen: Flüchtlinge, die auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld
ankommen, werden dort inhaftiert. Auch Kinder und Jugendliche werden dort
inhaftiert. Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Rechtsanwaltsvereine und Flüchtlings-
initiativen lehnen dieses Flughafenverfahren als rechtsstaatswidrig ab. Das ist
Berlin. Weit weg? In Hamburg werden die Flüchtlinge extra nach Mecklenburg
geschafft, in Schleswig-Holstein ist die Abschiebehafteinrichtung in Rendsburg.172
Einfach freiwerden
II. 2013: „Wer den Geringen bedrückt, schmäht dessen Schöpfer. Wer sich des Ar-
men erbarmt, ehrt Gott. Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute
Verderben.“ (Sprüche 4,31+34)
Sünde meint hier mein Getrenntsein von meiner Mitwelt: meine Abschottung
vom Elend des Flüchtlings, meine Ignoranz gegen Menschen ohne Obdach und
meine Maßlosigkeit in Sachen Ansprüche. Wie können wir dem Gefühl der Ohn-
macht begegnen und wie können wir gerecht, d.h. so, dass es dem Leben dient,
leben? Was heißt es, Nachfolge zu leben? Wie können wir Verantwortung über-
nehmen für unser Tun und Lassen und wie nachhaltig mit dem, was wir brau-
chen, umgehen – was brauchen wir eigentlich?
In meinem Arbeitsbereich geht es immer wieder um dies: ein klein-wenig über
die Grenze gehen. Mich heraus wagen aus dem, was ich schon immer tue, immer
schon wusste und weiß und schon immer sage. Einen Schritt in Neues Land tun,
so wie das jüdische Volk es tat und Jesus.
Da wir oft nicht wissen, wie es geht, laden wir zum Üben ein: eine Woche üben
und sich austauschen – „Gerechtigkeit üben“ in Neukirchen. Der Kirchentag
in Hamburg wird auch darüber diskutieren. Das Thema „Soviel du brauchst“,
(2.Mose 16,18) lädt ein zu Dankbarkeit und Umkehr. Wir sind Viele und es lohnt
sich, einen neuen, kleinen Schritt zu wagen. Außerdem lade ich wieder zu vie-
lerlei Arten von Exerzitien und Übungen zu kleinen Schritten ein – im ganzen
Kirchenkreis und auch auf dem Kirchentag ….
I. 2014: Der Ort, an den Gott uns ruft, ist der Ort, an dem unsere tiefste Freude und
der größte Hunger der Welt sich begegnen! (Frederik Buechner)
Fremd sein, auf der Flucht, ohne Sicherheit, ohne Papiere und festen Wohnsitz,
heimatlos – das ist eine Beschreibung Gottes, wie Er/Sie in die Welt kommt. Ab-
raham, Mose, das ganze Volk Israel – unterwegs, auf der Flucht durch die Wüste,
Maria und Joseph fanden keinen Raum „in der Herberge“ und mussten sofort
nach der Geburt fliehen vor den Männern Herodes ́ – Flüchtlinge. Christus war
ein Mensch ohne festen Wohnsitz – unterwegs-sein gehört zum Wesen Gottes.
Ich bin froh und dankbar, dass der Kirchenkreis vor vier Monaten eine Familie
vor bevorstehender Abschiebung in Schutz genommen hat. „… So haben manche,
ohne es zu ahnen, Engel bei sich aufgenommen“, heißt es im Hebräerbrief. Engel
sind Boten Gottes, die mich auffordern, mich aus meiner Arbeits- und Sicher-
heitstrance zu lösen und berühren zu lassen. Unsere Abschottungspolitik steht
dem entgegen – Gott aber spricht unser Herz an. Dabei erfahren wir unsere ei-
gene Bedürftigkeit, die Zerbrechlichkeit unseres Lebens. Und: die Möglichkeit,Einfach freiwerden
173
Schutz geben zu können, stiftet einen dreifaltigen Raum der Heilung: für die
Flüchtlinge, in uns selbst, indem wir uns öffnen, hinschauen und verändern las-
sen und in der Welt. Und darin schenkt Gott uns Freude; Er selbst begegnet uns
im Anderen, in der erfahrenen Gemeinschaft.
II. 2014: Ein lustiger Engel
Die gemalten Bilder in diesem Heft stammen von Maryam (8) und Maya (5). Die
Familie hat mittlerweile das Aufenthaltsrecht für ein Jahr bekommen und eine
Wohnung gefunden. Gott sei Dank!
In diesem Sommer finden die Exerzitien auf der Straße erstmals in Flensburg
statt. Wir üben uns während dieser 10 Tage in Achtsamkeit, gehen auf die Stra-
ße, um Gott zu finden, seine Stimme zu hören, sein Angesicht zu suchen in der
Offenheit der Straße. Die Erfahrung, die uns den Mut gibt, dies zu tun ist das Ver-
trauen, dass Gott sich gerade in den „unbedeutenden“ Orten zeigt, in den wegge-
schobenen oder vergessenen Gefühlen und Menschen sich offenbaren will. Hier
will er uns heilend berühren. UND: Er will uns, wie Mose, dem er im Dornbusch
begegnete, zu neuen Wegen befreien. Doch dazu ist es nötig, dass wir unsere
Schuhe ausziehen: die Wirklichkeit an uns heran lassen, den Boden mit allem,
was sich da zeigt wahr-nehmen und uns mutig öffnen – dieser Wirklichkeit, die
die Liebe ist. Wir sind eingeladen, dies zu üben; in der Stille, auf der Straße, an
dem Ort, der Jetzt ist.
I. 2015: Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist unbedeutend verglichen mit
dem, was in uns steckt. (Der Milchladen)
… diese Sätze waren auf die Fensterscheiben des Milchladen geschrieben. Sie
haben mich dazu gebracht, mitten auf der Straße einen Zettel rauszukramen und
sie abzuschreiben.
Mit der Überraschung rechnen, sogar mit dem Göttlichen, mit dem Geist, der
Leben schenkt – unsere eigenen Bedenken und unser „Ja-aber..!“ loszulassen
und Gott zu vertrauen Ihm glauben, dass er größer ist, als unsere Gedanken
und Pläne und unser Festhalten an den sogenannten Sicherheiten. Bin ich bereit,
Schritte ins Leben zu gehen – über das Gewohnte und das eigene Wissen hin-
aus? Auferstehung jetzt, beginnend in mir? Wieviel ist möglich, wenn wir uns
zusammentun?
Die Welt hält uns den Spiegel vor. Sie ist nicht so, wie wir sie „denken“ – oder
doch? Sie ist in Bewegung; sie ist verletzt, sie ist radikalisiert, sie ist schnell und174
Einfach freiwerden
sie ruft uns zu: schau hin, nimm mich wahr. Wo bist DU? Unsere Sehnsucht ruft
uns ins Leben: Mensch-w-Erdung Gottes beginnt in mir.
Some day we will find what we are looking for or maybe we won ́t… Maybe we will
find something much greater than that. (Der Milchladen)
II. 2015: Sucht stets das Gute in euch. Richtet euer Augenmerk auf euren positiven
Kern; in diesem hellen Licht betrachtet eure Niedergeschlagenheit und verwandelt
sie in Daseinsfreude. (Rabbi Nachman von Bratzlaw)
Wir können die Welt ändern, jetzt. Die Welt ändert sich sofort, wenn wir einen
Sprung wagen. Dazu erzähle ich eine kleine Geschichte, die ich gerade erlebt
habe: Im Regionalzug. Ein Fußballfan rief vor der Toilettentür, sie solle aufma-
chen. Sie erwiderte: „Nein!“ Später, ich wollte aussteigen und kam unten zum
Flur, kam die Schaffnerin. Der Mann „verpfiff“ die Frau und sagte: „Da ist eine
drin, die fährt bestimmt schwarz. Die macht die ganze Zeit nicht die Tür auf!“
Die Schaffnerin forderte die Frau sehr energisch auf, die Tür zu öffnen und ihre
Fahrkarte vorzuzeigen. Eine junge, dunkelhäutige Frau öffnete: „Ich habe kei-
ne. Mir wurde das Portemonnaie geklaut“. „Das kostet 40 Euro! Ich will ihren
Ausweis sehen!“ „Der war in meinem Portemonnaie!“ „Gut, 40 Euro!“ „Ich hab
doch kein Geld, mein Portemonnaie…“ „Dann müssen sie jetzt mit zur Polizei!“
Die Frau zitterte, fragte, ob es nicht eine andere Lösung gäbe. Die Schaffnerin
blieb hart, unerbittlich. Ich sagte „Na, na!“ Da sprang vom oberen Stockwerk ein
junger Mann genau vor unsere Füße und fragte: „Was ist los? Um wieviel geht
es?“ „40 Euro“. „Gut, ich zahle es.“ „40 Euro!?“ „Ich beteilige mich!“ warf ich ein.
Eine danebenstehende Studentin: „Ich auch!“ Die Schaffnerin wurde „schwach“:
„Na gut, das macht dann 11,40 Euro.“ Das war der reguläre Fahrpreis für die
gefahrene Strecke. Die Freundin des jungen Mannes war unterdessen dicht bei
der jungen Frau und beruhigte sie. Ich dankte ihm. – Alles, alles in dieser Situ-
ation hat er mit seiner Klarheit, seinem Mut und seiner Solidarität geändert. Der
Fußballfan hat es mit angesehen.
I. 2016: Wer bei bürgerlichen Bewegungen parteilos bleibt, verliert allen Anspruch
auf Ehre. (Solon, 6. Jh. v.Chr.)
„Wir leben in einer Welt. Wir lassen einander zu und geben uns gegenseitig Raum
zur Entfaltung. Mitmenschlichkeit und Achtung vor der Schöpfung prägen die
von allen gebildete Mitte. Wir sind einander verbunden und werden nur gemein-
sam und friedlich die Zukunft gestalten können. Die Zeichen der drei abrahamiti-Einfach freiwerden
175
Engel der Kulturen, Atelier Merten-Dietrich
schen Weltreligionen stehen hier stellvertretend für alle Kulturen und Religionen.
Überraschenderweise visualisiert diese Formation die Gestalt eines Engels …“
So steht es auf der Seite des „Engel der Kulturen“: http://www.engel-der-kulturen.de
In der Hoffnung, dass wir uns von diesem Engel anregen lassen zu Gebet, Enga-
gement und herzlicher Solidarität auf eine gemeinsame, gute Zukunft hin, grüße
ich Sie herzlich mit diesen Zeilen:
Lasst uns, solange es noch Zeit ist, Christus besuchen, Christus heilen, Christus
nähren, Christus bekleiden, Christus beherbergen, Christus ehren. (Gregor von
Nazianz, 4. Jh., Konstantinopel)
Katharina Prinz176
Einfach freiwerden
Gleichzeitigkeit des Anderen
S
o ist Leben: Die Gleichzeitigkeit des Anderen. Systemtheoretiker wie Niklas
Luhmann haben darauf verwiesen. Diese Gleichzeitigkeit des Anderen er-
zeugt Paradoxien, denn das je eigen Andere folgt einer in sich schlüssigen, mit
anderen aber nicht unbedingt harmonisierbaren Logik. Paradoxien lassen sich
nicht auflösen. Die Lebenskunst besteht darin, sie zu gestalten…
Meine erste Begegnung mit der Wohngemeinschaft in der Naunynstraße hing
damit zusammen, dass ich nach einer anderen – nicht klassisch ignatianisch
geprägten – Form von Exerzitien suchte. Mir war gegen die eigene Lebenspla-
nung das ausschnittweise Mitleben mit obdachlosen Drogenabhängigen in einer
Notschlafstelle in Köln zugefallen. Wie Vinzenz von Paul gesagt haben soll: Die
Armen sucht man sich nicht; sie werden einem vor die Türe gelegt. Dann gilt es,
mitzugehen.
Mit diesen Armen vor meiner Türe wurde mir auch ein anderes Gottesbild über-
bracht. Eines, das nicht unbedingt in die Worte und Bilder passt, die wir für Gott
zu benutzen gewohnt sind. Ob Gott ist? Ob ER/SIE/ES immer da ist? Ob Gott mit
durchs Leiden geht? Ob Gottes Ohnmacht seine Macht sei? Ob Gott wirklich un-
sere Namen in seine Hand geschrieben hat, ER/SIE/ES wirklich alle mit Liebe be-
hütet? Für viele sind das Selbstverständlichkeiten Gottes. Diese sind mir abhan-
den gekommen. Ich kann nicht sagen, dass ER sei oder nicht sei. Im Widerschein
der menschlichen Brutalitäten gegeneinander kann ich nicht selbstverständlich
Gottes Sorge um uns preisen. Ich kann – so paradox auch das – nur mit Gewiss-
heit sagen, dass ‚der Geist’ wirkmächtig ist. Darauf verlasse ich mich uneinge-
schränkt. Und werde ab und an zu meiner eigenen Verblüffung beschenkt, dass
sich der Geist meiner bediente, um von Gottes Gegenwart und Liebe zu sprechen.
Ein Versuch des Geistes, auch mich zu erreichen.
Als ich im Zug nach Berlin saß, Ziel Naunynstraße, oberhalb des Tores zur Hölle,
stand mein für eine Woche spärlich gepackter Rucksack neben mir. Ich lehnte
mit dem Kopf an der Scheibe des Zuges, die vorbeziehende Landschaft besin-
nend. Irgendwann dachte ich: „Du weißt ja gar nicht, wohin zu fährst, wie es da
aussieht? Wie wirst du da wohnen – ob es da Einzelzimmer gibt …?“ – und diese
Gedanken machten mir keine Angst. Ich war gespannt – gelassen, wohin ich
komme. Ich musste es nicht wissen.
Dann kam ich in die Naunynstraße. Die Wände mit Graffiti und Plakaten über-
sät, die Haustüre mit Schriftzeichen und Aufklebern besetzt. Auf der Treppe saß
ein junger Mann aus USA, las da ein Buch auf der Treppe zur Haustüre. Als er
mich sah, stand er auf, begrüßte mich herzlich mit Namen, führte mich in die
Wohnung, stellte mich den Mitbewohnern vor, zeigte mir das Bett im großenEinfach freiwerden
177
Schlafraum. Und so unterschiedlich diese Wohnung zu der meinigen in Köln ist:
Ich fühlte mich sofort richtig. Es stimmte alles so, wie es hier war.
Ich lernte Menschen kennen mit unterschiedlichsten Lebensschicksalen. Bei
aller Tragik und Dramatik: Sie wirkten an diesem Ort so selbstverständlich.
Viel menschliches Schicksal hat sich hier zusammengefunden, für viele wie ein
schweigendes Schicksal, auch Geheimnis getragen. Es muss nicht jeder alles
vom Anderen wissen. Es reicht, sich all täglich zu sehen. Nicht jede Wunde heilt,
wenn sie intensiv behandelt wird. Manche Wunde wird gewürdigt, indem sie da
sein darf, weder dringend behandlungsbedürftig, schon gar nicht als krankhaft
eingestuft. Manche tragen Wunden mit sich, die sie nicht in den Rhythmus eines
selbstbestimmten Lebens finden lassen – trotz aller möglichen Hilfestellungen.
Die Naunynstraße ist realistisch. Niemand wird fallen gelassen, aber es kann
auch jemand herausfallen, auch mit und vielleicht gerade wegen seiner eigenen
Art der Leben verquerenden Wunden. Dann ist es wie Fallen aus dem Nest, um
das Fliegen vielleicht doch zu lernen.
Ich habe mich aufgehoben gewusst in dieser Wohngemeinschaft. Mit den eige-
nen Wunden, mit der eigenen Lust auf Entdeckung, mit der eigenen Kraft. Mit
dem Geheimnis, das ich bin. Hier lebt die Gleichzeitigkeit des Anderen – gestal-
tet durch das für wahr Nehmen dessen, was im je eigenen Augenblick „des Geis-
tes“ ist. Und das ist oft genug nichts als gelebter Alltag. Die Verschiedenheit der
Formen des Menschseins, wie sie hier aufeinandertreffen, löst sich nicht auf. Es
geht nicht um die Herstellung einer harmonisierten Gemeinschaftsform. Es geht
um das still oder lautstark sich vollziehende, sich darin gestaltende Anerkennen
der Gleichzeitigkeit des Anderen. Das Andere ist nicht nur Bedrohung, sondern
das je Andere. Das Eigene ist dem Anderen auch ein je Anderes. Herkunft, Ge-
schlecht, Religion, Lebensgeschichte – all das ist je einzeln sehr präsent, nicht
drängend auf Lösung aus, schon gar nicht auf Vereinheitlichung. Das je Andere
gibt auch Anlass zur Reibung, zur Auseinandersetzung. Wie und dass auch das
geht, ist eine wirkende Kraft im Unauflöslichen der Gleichzeitigkeit des je An-
deren. Ich deute es so, dass doch in all dem der eine Geist ist, der nicht verein-
heitlicht. Die Vielfalt ist der Lebensraum. Wir sind gewohnt, diese Ermöglichung
Gott zu nennen, arabisch Allah, hebräisch Jahwe … wie immer die vielen Spra-
chen Namen dafür finden.
Naunynstraße 60, ein Lebensraum gelebter, ja gar willkommen geheißener Pa-
radoxie. Ein Lebensraum, der es mit Paradoxien aufnimmt. Jesus soll sich damit
auch angefreundet haben und sprach vom nahe gekommenen Reich Gottes: Der
Erste sei der Letzte; der Mächtigste sei der Diener aller; der Starke sei der Schwa-
che. Im Kreuz sei Heil. Naunynstraße 60, oberhalb des Tores zur Hölle.
Matthias Schnegg178
Einfach freiwerden
Einfach ohne …
B
isweilen hatte ich meine jährlichen traditionellen ignatianischen Einzel-
exerzitien an abgelegenen Orten gemacht. So sollte es auch diesmal sein.
Ich wollte meine Exerzitien weit entfernt von jeglicher Ablenkung und in der
Stille halten. Doch dann kam es letztes Jahr so: Chaos brach aus um mich herum
und neue Situationen, die eine besondere Herausforderung darstellten, warteten.
Mein Schwager war todkrank, meine Schwester überfordert mit der Situation,
ich bereitete mein Umzug vor und den Anfang in einem Innercity-Krankenhaus
in Cleveland.
Ich war felsenfest davon überzeugt, dass nur traditionelle Exerzitien und zwar
am Meer mich für den Herbst und das, was kommen sollte, vorbereiten könnten.
Mein Gebetsleben und innere Einkehr lagen in der Vergangenheit. Ich wurde ge-
plagt von Ablenkungen in meiner Meditation oder ich schlief ein. Ein Gespräch
mit Gott gab es bloß in meiner Sehnsucht – doch fern von mir. Ich fing an, Exer-
zitienhäuser an der Ostküste ausfindig zu machen. Stundenlang telefonierte ich
oder suchte im Netz nach einer Möglichkeit. Jedoch vergebens: Einzelexerzitien
oder gar private Exerzitien zu machen, war nicht möglich – entweder sie entspra-
chen dem Angebot nicht oder das Haus war ausgebucht.
Gott hat sehr verschiedene Ausdrucksweisen und Sprachen. So dachte ich, dass
hier etwas anders von mir gefragt war. Nicht der abgelegene Ort sollte es sein,
sondern genau das Gegenteil. Nun suchte ich nach Möglichkeiten in einer Stadt
Exerzitien zu machen. Ich suchte nach einer Jesuiten-Kommunität, die helfen
könnte, aber fand keine. Inzwischen waren Wochen vergangen und ich fürchte-
te, meine Exerzitien würden gar nicht stattfinden können.
Schließlich rief ich meine Freundin und Begleiterin Maria Jans-Wenstrup in
Deutschland an und fragte, ob sie mich über Skype begleiten wollte. Sie willigte
ein! Kurz danach fand ich das Jean d’Arc House, ein Wohnheim für junge Frauen
in Manhattan, wo ich übernachten konnte. Nun konnte ich mich auf meine Exer-
zitien innerlich vorbereiten. Meine tiefe Suchsucht sollte mich in den Exerzitien
leiten.
Schon am ersten Tag bin ich in die lärmenden, mit Menschen und Autos vollen
Straßen gegangen. Wie eine Suchende bin ich gegangen, schauend und horchend,
ohne recht zu wissen, was. Nach einer Weile wurde ich müde und setzte mich auf
die Stufen einer Kirche. Neben mir war die Skulptur einer Frau, einer Bettlerin.
Sie trug einen Schleier und ihr Gesicht war fast ganz verhüllt. Hier bot mir Gott
an, eine Pause einzulegen. Da setzte ich mich neben die Bettlerin. Die Geschichte
von Hagar wurde mir sehr gegenwärtig. Gott, du der sieht; bettelnd, schüchtern,
verletzt, beharrlich und schweigend. Ich war sprachlos geworden, weil meineEinfach freiwerden
179
Vorstellungen und Gottesbilder verschwommen geworden waren. Eine fremde
Realität brachte mich in diese brutale Wüste von Asphalt, Hochhäusern und
Hektik. Ich war die Bettlerin geworden, verschleiert, stumm und kalt, und ich
sehnte mich nach Gott, von Gott gesehen zu werden. Die Wunden wurden sicht-
bar und der Schmerz aus den Erinnerungen wurde wach.
An den folgenden Tagen bin ich immer wieder zu dieser Frau gegangen. Sie übte
eine Anziehung auf mich aus, die ich nicht umgehen konnte. Später setzte ich
mich wieder neben ihr hin, schaute sie aber jetzt genau an. Ich wollte sehen, was
sich unter dem Schleier verbarg. Da im näheren Hinschauen entdeckte ich die
Natur der Skulptur. Es war Jesus.
So konnte ich erkennen, dass ich zwar selbst meine Schritte setze, aber Gott es
ist oder sein Engel, der mich zu Offenbarungen führt. Wie in der Geschichte
vom brennenden Dornbusch oder von Hagar in der Wüste – Gott zeigt sich den
Suchenden. Ich war so dankbar, diese Erfahrung mit Maria teilen zu können – so
viel verbarg sich in der Begegnung auf der 31. Straße in Manhattan vor der St.
Francis of Assisi-Kirche. Gefühle unterschiedlicher Art wurden in mir wach.
Dort in meiner Armut war ich mehr als Suchende – ich wurde gefunden. Es war
mehr, als ich für mich hätte behalten können. Der Name der Kirche konnte kein
Zufall sein.
Weil ich mich in Manhattan nicht gut auskannte, habe ich mich schon am Vor-
abend in meinem Gebet auf den nächsten Tag vorbereitet und ein Ziel für meine
Wanderung durch die Straßen ausgesucht. Allerdings wollte ich nicht die Pfade
der Sehenswürdigkeiten gehen, sondern Orte, wo Fremdheit und Entfremdung
sein konnten. Meine Orte habe ich mit Maria besprochen. Meistens jedoch bin
ich an dem Ort gar nicht erst angekommen. Als ich das „Union Theological Semi-
nary“, den Ort, wo Dietrich Bonhoeffer und Dorothee Sölle einst lehrten, aufsu-
chen wollte, gab es keinen Zugang. Enttäuscht bin ich weiter gegangen. Als ich
an eine Straßenkreuzung kam, sah ich ein Gebäude mit einem Relief. Es war der
Dornbusch und darunter stand „und wurde von den Flammen nicht verzehrt…“
Meine Neugierde war geweckt. Ich näherte mich dem Gebäude und stellte fest,
dass es das „Jewish Theological Seminary von Amerika“ war. Im Innenhof fand
ich einen Brunnen mit sprudelndem frischem Wasser. Ich lernte, dass es wichtig
ist, lang genug an einem Ort zu verweilen, um erkennen zu können, was ge-
schieht, und Begegnung stattfinden zu lassen.
Meine Vorhaben und Vorbereitungen mögen gut und richtig gewesen sein. Aller-
dings kam ich dann an Orte, an die Gott mich führte. An einem Tag kam ich auf
dem Weg zur 9/11-Gedenkstätte an einem islamischen interreligiösen Zentrum
vorbei. Dort wurde ich nach einem Gespräch von zwei Frauen zum Gebet einge-
laden.180
Einfach freiwerden
Langsam erlebte ich, dass Loslassen die Einladung Gottes an mich ist. Wenn
ich bereit bin, meinen Anteil zu tun und dann Gott zu überlassen, was damit
geschieht, werde ich frei. Ich durfte erleben, dass arm sein loslassen heißt und
dass loslassen eine demütig machende Erfahrung ist. Es ist ein sehr kurzer Mo-
ment – ein Lichtblick, der wieder verschwindet – sich jedoch im Leib einprägt,
eine Erinnerung, die im Herzen bleibt.
Einfach ohne die Gruppe, die Anderen, in einer sehr fremden Umgebung, frem-
den Sprache, aber es gibt kein „Einfach ohne Gott“.
Sr. Christina Hennig
Die Schätze im Verborgenen entdecken
Z
wei intensive Begegnungen mit Christian – mehr nicht. Und doch reichte es
aus, um eine Verwandtschaft zu spüren, die stärkend nachklingt.
Weite inmitten von Enge – sei es die Eigene, die der Anderen oder eine unlösbare
Situation, die es erlaubt, das Mögliche im Unmöglichen zu erfahren: Genau das
fasziniert mich!
Als Künstler bin ich unterwegs und auf ständiger Suche. In den letzten Jahren
führten mich meine Recherchen immer mehr ins Verborgene.
Das Verborgene kann ganz unterschiedliche Gestalt annehmen. So z.B. am An-
fang eines Projektes in China. Während ich für meine Vorlesungsreihe bestens
vorbereitet bin, spüre ich plötzlich eine unüberwindbare Unzulänglichkeit, näm-
lich ob ich wirklich dazu fähig sein würde, die nächsten Wochen über Hunderte
von Studenten in Bewegung zu versetzen. Warum kamen diese Zweifel auf? Es
fehlte einfach etwas Entscheidendes, denn mein Herz war noch nicht ausreichend
beteiligt. Was folgte war ein radikales „Loslassen“, nämlich all dessen, was mir
Sicherheit vortäuschte. Nachdem ich aber mit meinem Herzen in Verbindung
treten konnte, öffneten sich undurchdringliche Mauern und es wurde möglich,
zusammen mit den Studenten die Kraft der künstlerischen Sprache am eigenen
Körper tief im Herzen zu erfahren.
Eine andere Aufgabe, die in Basel lokalisiert war, lautete Randständige im Rah-
men eines Workshops künstlerisch zu begleiten, ihnen also Raum zum Malen,
Zeichnen und plastischen Arbeiten zu geben. Dagegen ist grundsätzlich nichts
einzuwenden und doch führte mich mein Ansatz ganz woanders hin. Anstatt
die Zielgruppe anzuwerben und zu animieren „Vorzeigbares“ zu produzieren,
um es anschließend in einer Galerie wirksam zu präsentieren, drängte es mich
in eine andere Richtung. So zog ich in die selbige Galerie, die sich unmittelbar
im Brennpunkt der „Szene“ befand. Ich konnte mein Konzept, dort 7 WochenEinfach freiwerden
181
zu wohnen und zu arbeiten, durchsetzen. Mein Plan war, für jene Menschen,
die hier im Fokus standen, da zu sein, indem ich ihnen meine Zeit schenkte. So
stand ich rund um die Uhr zur Verfügung. Ein sehr intensiver Prozess setzte
ein, der dazu führte, dass ich über die folgenden Wochen das Vertrauen vieler
Menschen gewinnen konnte, sie mich Tag und Nacht besuchten, mir ihr Leid
klagten, zur Ruhe fanden, weinten und mir so ihr Privatestes anvertrauten. Ich
wurde hier mit den innersten Schätzen dieser Menschen beschenkt. Folglich
„erschienen“ sie mir immer deutlicher, denn ihre verborgene Existenz gab sie
nun frei. Diese Menschen, die von ihrer Sucht und Krankheit, vom Verletzt-
sein und Härte gezeichnet und entstellt waren, „erschienen“ plötzlich in einem
Licht zarter Zerbrechlichkeit, großer Sensibilität, erhabener Schönheit, reins-
ter Wahrheit und echter Stärke. Die Ausstellung, die ich am Ende präsentierte,
war eine poetische Dokumentation, die von jenen Erlebnissen zeugte. Sie wur-
de ergänzt von Zitaten, Fotografien und Objekten, die z.T. von jenen Menschen
stammten, die sich mir anvertrauten. Die Installation, die so entstand, nannte
ich „erscheinen“.
Als letztes noch ein Beispiel aus NYC. Für mein Projekt „production of space“
plante ich mit Dingen künstlerisch zu arbeiten, die ich auf den Straßen Manhat-
tans entdecke, um mit ihnen ein dreidimensionales Werk zu schaffen, das in der
Galerie langsam Gestalt annehmen würde. Zusätzlich plante ich mit Menschen
zu kooperieren, denen ich eher zufällig begegnen würde. Die Idee war, mit ihnen
regelmäßig in der Ausstellung zu performen, so dass das Publikum etwas von
jener verborgenen Welt erfahren konnte. Was dabei entstand, war ein deutliches
Kontrastprogramm zur satten, unnahbaren und glitzernden Präsenz der Stadt.
So war es uns für Momente möglich, die „Seele der Stadt“ freizulegen, Raum zu
schaffen anstatt ihn zu begrenzen. Genau zu diesem Zeitraum befand sich „Occu-
py Wallstreet“ auf dem Höhepunkt seiner Hoffnungen; eine Energie, die meine
Vision deutlich anfeuerte. Was mir jedoch am deutlichsten in Erinnerung blieb,
sind die Augen eines Bettlers, der an einem der U-Bahneingänge in Manhattan
saß, mich wahrnahm, anschaute und mir alles Gute wünschte. Er tat das in solch
eindringlicher Weise, so dass dieser Wunsch zu meiner Segnung wurde, die mir
die nötige Kraft gab, mein Projekt trotz vieler Widerstände weiter bis zum Ende
dynamisch durchzuführen.
Ich könnte hier noch mehr erzählen. – Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Fülle.
Einer Fülle, die sich ereignet, sobald sich Herzen öffnen. Lieber Christian, auf
diesem Herzensweg bist du mir Vorbild und die Begegnungen mit dir ermutigen
mich, diesen Pfad weiter zu gehen.
Jens Reulecke182
Einfach freiwerden
Mit und ohne Gott …
D
as spricht mich an. Das ist auch immer jeden Montag bei unserem Hauskreis
unser Motto vor unserer Austauschrunde nach dem ganzen Bibelteil. Jeder
kann, darf dann noch, aber nur wenn er möchte aus seinem Leben in der vergan-
genen letzten Woche etwas erzählen, sich mitteilen, etwas daraus mit uns teilen:
„Mit Gott oder ohne Gott“,…höre ich mich dann immer aufmunternd sagen.
Als vor einem Jahr etwa mein jüngster Bruder erkrankte und drei Monate später
starb ging ich hinterher zu keiner professionellen Begleitung/Hilfe…- obwohl dies
sicherlich nötig gewesen wäre und mir liebe Freunde viele Adressen zusteckten.
Ich war in einem Ausnahmezustand – die Welt stand still, wochenlange, monate-
lange Gelähmtheit und Starre…- in der jegliche professionelle Versuche mich zu
trösten mich nur aggressiv gemacht hätten: Routine, zwanghafte Souveränität
und irgendwelche schönen Worte hätten mich jetzt am meisten abgestoßen und
gestört. Deshalb ließ ich es lieber bleiben.
Es gibt Zustände im Leben wo es keine Worte mehr gibt.
Nur Dir, Christian, gelang es mich dennoch zu berühren. Ohne dass es Dir viel-
leicht bewusst war: „Danke, Karin für Dein Aufstehen!“ schriebst Du mir in einer
E-mail mitten in der Nacht in meine damalige Nacht und Isolation hinein. Nach-
dem ich Dir die Zustände am Sterbebett meines Bruders schilderte und ich Dir
die große Entwürdigung des Toten durch Familienmitglieder nur wenige Stun-
den nach seinem Tod beschrieb.
Bis zum heutigen Tag trägt, hilft mir dieser Satz nicht nur in der Trauer um
meinen eigenen Bruder – sondern auch in der Trauer um alle anderen Brüder
und Schwestern in unserer Welt, die es eben nicht schaffen vom Alkohl los-
zukommen, weiterleiden und weitertrinken müssen und genauso früh sterben
müssen ohne jemals am Leben gewesen zu sein. Für alle zu Unrecht Verachteten,
Ausgegrenzten, Nichtfunktionierenden, …. – alle Menschen, die einfach immer
zu langsam, zu schlecht, zu schwach für das Gesellschaftssystem sind. Deren
Leben und Lebensleistung von den Angepassten, Erfolgreichen in keinster Weise
anerkannt sondern nur verachtet, verlacht und missachtet wird.
Seit dem Tod meines Bruders und dem Erlebnis hinterher in Gottes Namen „auf-
stehen“ zu müssen glaube ich, dass es solch einen Moment in jedem Leben ei-
nes Menschen gibt: wo er bedingungslos hinter Gott, hinter dem Menschen, der
Menschlichkeit stehen muss, sich einsetzen muss – mit Haut und Haar – Gott
und seine Liebe zu uns Menschen verteidigen, bekennen und bezeugen muss.
Dieser Moment hat nichts mehr mit dem Verstand zu tun. Jeder weiß es aber
selbst sofort, wann dieser Moment ist…- wann er dran ist, wann das dran ist –
das wünsche ich jedenfalls jedem von uns – solch einen Moment.Einfach freiwerden
183
Denn mein Aufstehen geschah aus Liebe zu dem schwachen, wehrlosen und
schutzlosen Bruder, der ein paar Stunden vorher in meinen Armen qualvoll
starb. Ich musste aufstehen – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen hinterher.
Vielleicht als Antwort auf seine – auf Gottes Liebe, die mich aber immer zuerst
liebte – bedingungslos: Gott hatte nämlich damals an mich, als ich trocken wer-
den wollte und ich es nie ohne ihn schaffte, wiederum auch keine Bedingungen
an mich gestellt – damals. „That`s Gods unconditional love, Karin.“
„He never lets you down!“ versicherte Hardy, mein erster AA-Freund hier in Ber-
lin mir immer wieder nach einem der ersten so wunderschönen Gottesdienste
hier in der Gedächtniskirche. (Die englischen Sprüche klangen damals schon
gut, nur begriffen hatte ich noch nicht so viel….)
Und für alle die es noch nicht wissen: nächsten Sommer gibt es doch schon wie-
der ein riesiges, großes Fest: Karin feiert 25 Jahre Trockenheit/Abstinenz vom
Alkohol: Herzliche Einladung! Megaparty ohne Stoff und Fusel…- mit Menschen
ohne Gott, Menschen mit Gott,… – aber immer unter Gott – jedenfalls hinter der
Kirche…- schräg hinterm Kreuzberger Himmel.
Im Gebet für die Naunynstraße, Eure Karin
Die Letzten
B
ei der Fortbildungsmaßnahme „Computerführerschein“ in Friedrichshain
äußerte sich mal unser Dozent abfällig über die Katholiken. „Und die kriegen
noch Kirchensteuer“, regte er sich auf, „ja was die für Geld haben. Da regen sich
die Leute über die DDR auf, aber die katholische Mafia kann schalten und walten.
Das sind doch die Letzten!“ Ich outete mich als Katholik, obwohl ich in meiner
Kirche öfters zu hören bekomme, dass Hartz IV-Empfänger die Letzten wären.
Einer meiner Brüder wurde mal aufgefordert, nicht mehr in den Gottesdienst
zu kommen, weil er wegen seiner Erkrankung ständig herumwackeln und da-
durch den Gottesdienst stören würde. Der Pfarrer war da anders, er ließ meinen
Bruder sogar die Kommunion austeilen. Menschen wie dieser Pfarrer liefen mir
auch in St. Michael über den Weg, etwa eine gesundheitlich angeschlagene aber
geistig wache Rentnerin mit einem offenen Haus für die Mühseligen und Belade-
nen, oder ein Flaschensammler, der sich im Predigtnachgespräch bemüht, dass
es gerecht zugeht am Tisch, (etwa dass niemand untergebuttert wird, von den
Profiquasslern dort), ja auf der ganzen Welt Unrecht beim Namen genannt wird.
In der Naunynstr. WG ist es nicht mehr wichtig, ob du Moslem, Hindu, Christ,
Homo oder Hetero bist. Das ist wohl auch ein Verdienst von Christian Herwartz,
über den ich mal ein paar positive Eindrücke loswerden will, weil er ja bald184
Einfach freiwerden
weg ist. Anfangs war ich ihm gegenüber skeptisch, weil er fast als so eine Art
Kultfigur rüberkam, p ersonenkultverdächtig. Aber wenn jemand auf wackligen
Beinen am Tisch saß, so setzte er seine Persönlichkeit dafür ein, dass Leute, die
sonst übersehen und überhört werden, gehört und gesehen wurden, ja vielleicht
dort ihre Sprache gefunden haben. Leute, die als die Letzten angesehen wurden,
waren mal für kurze Zeit die Ersten. Wahrscheinlich kamen sich manche Erste
auch manchmal wie die Letzten vor, vielleicht hat er auch zu viele von denen
plattgemacht mit seinem großen Selbstbewusstsein. In der Naunyn-WG habe ich
mal ein paar Nächte verbracht, als meine Schwiegermutter da war. Manchmal
hab ich dort einen tiefen Frieden erlebt, manchmal haben mich Leute dort ge-
nervt, doch meistens fand ich es gut, wie die mit mir umgegangen sind. Sogar
Taufe und unsere Hochzeitsfeier hatten wir dort gefeiert, ganz toll, und abends
hatte Rainer noch zusätzlich ein Fest organisiert, das mir unvergesslich bleibt.
Dort funktionierte nämlich nichts, bis es dann doch wie von alleine immer bes-
ser lief. Unsere Gäste mussten ewig auf den Festschmaus warten, einer hatte so-
gar seine Prothese abgeschnallt und seinen Stumpf auf den Tisch gelegt, ein alt-
katholischer Bischof aus Holland sei er. Bevor ich wieder zu ausführlich werde,
es war ein Fest nach meinem Geschmack. Nichts funktionierte, wie es sollte, und
doch wurden am Ende alle satt. So verstehe ich Christentum.
Michael Bretzinger
Stille in Stereo
D
ie Fenster seiner Wohnung hatte er bereits geschlossen, um sich dann mit
behutsamem Schwung in einen waldgrünen Sessel zu versenken, der alt, be-
quem und unzerstörbar war. Gedankenverloren drehte er am Senderknopf seiner
Anlage, um eine Musik zu finden, die seiner momentanen Stimmung entsprach.
Er liebte die Abwechslung der Radiosender, und mit leichtfüßigem Ehrgeiz hatte
er sich zur Aufgabe gemacht, die Fülle der Programme, die seine Anlage ihm bot,
so weit als möglich auszuschöpfen. Die Anlage war ein gebrauchtes Gerät der
Spitzenklasse und er hatte darauf sparen müssen, obwohl sein Einkommen gut
über dem Durchschnitt lag.
Freilich nutzte er die volle Leistung nie aus. Überhaupt war er kein Freund lau-
ter Musik. Im Gegenteil: Er schätzte es an dieser Anlage, dass sie eben gerade
bei geringer Lautstärke jene Feinheiten und Nuancen hervorbrachte, die bei ge-
schlossenen Augen das Unterscheiden vom Originalton so schwer machen.
Obwohl die zwei Nussbaumkommoden, die sich in seinem Zimmer gegenüber-
standen, statt Schubladen und Türen hochkarätige Lautsprecher hinter einer de-Einfach freiwerden
185
zenten Stoffbespannung verbargen, war er keiner jener HiFi-Snobs, die mit ihren
Ohren nur noch physikalische Messungen durchführen, anstatt zu genießen.
Andere gingen gern gut essen. Er hörte eben gerne gut. Sollte er aus Versehen
an den Lautstärkeknopf gekommen sein? Nein, er stand noch immer auf eins-
kommafünf, jenem Pegel, den er in der Regel als angenehm empfand. Die Skala
ging bis zehn. Nachdem er sich mit einer kurzen Drehung am Senderknopf ver-
gewissert hatte, dass seine Anlage nicht defekt war – man hörte kurz das schon
vertraulich nervtötende Mittelwellenzwitschern – stellte er jenen Sender wieder
ein, von dem er normalerweise Gutes gewohnt war.
Auf beiläufige Weise begann ihn die Angelegenheit zu interessieren, zumal er
sich inzwischen auf den Teppich genau in die Mitte zwischen die beiden Kommo-
den gesetzt hatte, um herauszubekommen, ob nicht doch aus der einen oder aus
der anderen ein ganz feines Rauschen, ein leichtes Pfeifen oder kaum wahrnehm-
bares Brummen zu hören sein würde. Nichts dergleichen. Das war das Faszinie-
rende. Einige Male wiederholte er diese Bewegung und stellte mit zunehmendem
Erstaunen fest, dass nicht der geringste Laut durch die Stoffbespannung kam,
auch nicht auf Stufe fünf, wo selbst bei exzellenten Geräten Induktionsströme
entstehen, die sich im Lautsprecher bemerkbar machen.
Gebannt drehte er weiter am Regler und hatte beinahe den Eindruck, dass mit
zunehmender Lautstärke – was für ein Wort an dieser Stelle – sogar die Geräu-
sche, die von draußen hereinkamen und die kleinen Geräusche seines Zimmers
nahezu absorbiert wurden, was natürlich nicht stimmte. Die Beklemmung wich
jedoch einer Aufmerksamkeit, einer Wachheit, wie er sie kaum je erlebt hatte.
Die Stille war umfassend. Es war, als hätte man einem Nichts noch einmal alles
genommen. Gebannt saß er auf dem Boden, ungewohnt aufrecht, die Augen un-
willkürlich geschlossen.
Der Sturm, der nun in ihm aufkam, wurde ihm gar nicht so recht bewusst. Er
fand einfach statt. Wie trockenes Laub vom Wind wurden seine Gedanken auf-
gewirbelt, von Strudeln nach oben geschleudert und wieder nach unten gefegt.
Einige Blätter flatterten ungeduldig in den Zweigen, andere wurden vom Baum
gerissen, viele, die er schon längst vergessen hatte, wieder vom Boden aufgewir-
belt. Ein kaum zu ertragendes Rauschen erfüllte ihn.
In diesem Moment fiel ihm nicht ein, sich einen anderen Sender zu suchen. Er
ließ den Sturm gewähren. Das Brausen legte sich nach einiger Zeit von selbst –
erschöpft. Die Blätter fielen in Ruhe zu Boden, selbst der feine Staub fiel und die
Luft wurde winterklar und still. Er wunderte sich ein wenig, dass er diese Stille
genießen konnte. Er badete darin und sog sie in tiefen Zügen ein.
Obwohl er – auch später – nicht verstand, was die Bedeutung dessen war, was
jetzt folgte, überraschte es ihn nicht.186
Einfach freiwerden
In eben dieser winterklaren Luft zogen wie ein Zeppelin die Worte „Er ist“ an
ihm vorüber. Nein, keine Missverständnisse: Kein Zeppelin mit dieser Aufschrift
schwebte vor seinen Augen, auch kein in der Luft flatterndes Schriftband, noch
nicht einmal Buchstaben waren erkennbar. Lediglich mit der Gelassenheit eines
Zeppelins zogen diese beiden Worte eigenartig schriftlos, ja sogar fast konturlos,
an ihm vorbei und verschwanden aus seinem Blickfeld genauso ruhig, wie sie
gekommen waren.
Er hatte ihnen gar nicht nachsehen wollen und wunderte sich später darüber,
dass er in der Zeit, die er nachher noch still dasaß, nicht nach dem Sinn dieser
Worte gefragt, sondern sie wie selbstverständlich wahrgenommen und aufge-
nommen hatte. Fast eine halbe Stunde musste er wohl so gesessen haben.
Was jetzt geschah, kam derart laut und donnernd, dass er den Text gar nicht
verstand, sondern zwischen zwei akustischen Druckwellen für einige Momente
wie zitternd gelähmt war: „… Wir brachten einen Beitrag des Trappistenbruders
Hermann L. aus K. …“ Wie von der Wucht einer Brandungswelle erfasst, gelang
es ihm dann jedoch instinktiv, im Zusammenzucken und Vornüberfallen das
Netzkabel aus der Steckdose zu reißen.
Auf dem Bauch liegend hörte er nichts weiter, als das rasende Pochen seines Her-
zens, in das sich kurz darauf das Klopfen der Nachbarn unter ihm mischte, die
offensichtlich dabei waren, mit einem Besenstiel die Decke ihres Wohnzimmers
zu ruinieren. Trappistenkäse, dachte er noch, bevor er in einen langen leichten
Schlaf fiel, oder hieß das Tilsiter?
Anderntags an der Arbeit, wieder in der digitalen Realität angekommen, erfuhr
er vom befragten Welthirn, dass Trappisten unter den Mönchen des Abendlandes
nicht unbedingt zu den Schwatzhaften zählen.
Nikolaus Huhn
Wir sind alle Pilgerinnen
Z
wei Dinge sind mir letztes Jahr während des Pilgerns auf dem Jakobsweg
wichtig geworden. An der Tür einer Pilgerherberge hing ein Schild, darauf
stand: Eine Pilgerin nimmt dankend an, was man ihr gibt, eine Touristin hingegen
fordert.
Der Weg ist eine gute Möglichkeit, das immer wieder einzuüben. Es ist nicht
vorhersehbar, wie der Weg an diesem Tag sein wird, ob viel Asphalt dabei sein
wird, oder sich unberührte Natur sich unter den Füßen ausbreitet, ob die Sonne
scheinen wird oder Regenkleidung gefragt ist und vor allen Dingen wie der eige-
ne Körper mitmacht. Und die Herberge am Abend, sei sie sauber und geräumigEinfach freiwerden
187
oder schmutzig und überfüllt, sie wird für diese eine Nacht zum Zuhause, für das
man dankbar ist.
An einem Tag ging die Strecke direkt an der Küste entlang und an einem Strand
vorbei. Als wir dort Pause machten und ich mit meinen Füßen im Meer stand,
kam mir der Gedanke, dass ich hier auf dem Jakobsweg ein klein wenig ahnen
kann, wie Gott sich uns Menschen gewünscht und gedacht hat und dass ich im
Pilgern dem näher kommen kann. So als hätte ich einen klitzekleinen Einblick in
seine Schöpfungsidee bekommen. Er wünschte sich Menschen, die nicht von Sor-
gen niedergedrückt und in Gestern oder Morgen gefangen sind, sondern als Men-
schen, die frei sind und den Moment wahrnehmen, der gerade ist. Menschen, die
dankbar sind für das, was ihnen gegeben wird und wertschätzen, was ihnen Tag
für Tag geschenkt wird. Und die beste Erinnerung an diese Schöpfungsidee ist
die Erde auf der wir wohnen, das Wasser, wie es voller Kraft an den Strand rollt,
die Berge, die Pflanzen, die Tiere, die Feigenbäume, die uns Tag für Tag dicke,
süße Früchte auf unserem Weg schenkten. Gott wünscht sich nicht gestresste,
angsterfüllte, abhängige Menschen, sondern Menschen, die das Leben in Fülle
haben. Als PilgerInnen unterwegs im Leben bekommen wir tagtäglich Dinge ge-
schenkt, sei es Sonne in den Bäumen, ein Lächeln, ein leckeres Essen. Dankbar-
keit anstatt Erwartungen zu stellen scheint mir ein Anfang zu sein, dem näher
zu kommen wie Gott sich uns gedacht hat.
Das andere, was mich viel beschäftigt hat, war das Tragen. Zu Pilgern ist eine
sensible Balance. Jedes Körperteil wird dabei belastet und darf gleichzeitig nicht
überlastet werden. Das Gehen zum Beispiel erledigen die Füße, die Knie, die
Beinmuskeln, und gleichzeitig hängt es davon ab, wie schwer der Rucksack ist
und ob ich Stöcke zur Unterstützung benutze, sodass auch die Arme ihren Dienst
tun. Der Rucksack wird getragen von der Hüfte und dem Rücken, den Schul-
tern und der Brust, und es dauerte einige Tage, bis ich ihn so eingestellt hatte,
dass die Balance stimmte und kein Körperteil zu viel belastet wurde. Zu Pilgern
bedeutet die Aufgabe ernst zu nehmen, auf sich zu achten und der Körper gibt
klare Signale, wie es ihm geht. Wir haben ganz unterschiedliche PilgerInnen
erlebt, welche die eins waren mit ihrem Körper und in sich ruhten und welche,
die über ihre Grenzen hinausgingen und mit Schmerzmitteln ihren Körper zum
Schweigen brachten.
Neben dem Tragen des Rucksacks habe ich mich in den Tagen viel damit be-
schäftigt, was ich eigentlich in meinem Lebensrucksack trage, welche eigenen
Erfahrungen, welche Beziehungen und Erfahrungen von anderen und wo ich
merke, das trage ich nicht allein, das tragen andere mit. Zunächst von den Er-
fahrungen des Jakobswegs ausgehend, kann ich sagen, dass mein Körper das
Pilgern sehr gut mitgemacht hat, keine Blasen, keine Knieschmerzen, kaum Ver-188
Einfach freiwerden
spannungen. Ich sehe darin, dass mein Leben Leichtigkeit besitzt und ich den
Herausforderungen ganz gut gewachsen bin. Auch wenn ich an die Erfahrungen
meines Lebens denke, die ich mit mir rumtrage, sehe ich, wieviel mir geschenkt
wurde in meiner Kindheit und meiner Familie, dass ich das studieren konnte,
was mich interessiert hat und dies auch so lange ohne Geldsorgen tun konnte,
viele Eigenschaften, die ich an mir mag, all das, was ich bin und bereits erfah-
ren habe. All das ist mir wertvoll und dennoch wiegt es nicht schwer, sondern
beflügelt mich.
Nun wäre es zu einfach, wenn es nicht auch andere Erfahrungen gab, die Teil
meines Lebensrucksacks sind. Zum einen habe ich einige Dinge auf dem Jakobs-
weg verloren, ein Armband, von Ibrahims Cousine, das mir sehr wichtig war,
ein T-shirt, das meine Mama mir geschenkt hatte, meine Nagelschere. Positiv
ausgedrückt: ich habe wohl viel Vertrauen in das Leben mitbekommen, dass ich
mir nicht zu viele Sorgen machen muss, ob ich alles habe und für jede Gelegen-
heit ausgerüstet bin. Aber es ist auch ein Zeichen von Unachtsamkeit, von schon
wieder in Gedanken beim nächsten Schritt sein, von… Es kostet mich viel Mühe,
gut auf meine Dinge zu achten.
Eine weitere wichtige Erfahrung war die Frage, was ich von anderen mittrage
und was ich eigentlich nur ertrage. Ein äußerliches Zeichen dafür war meine
Haut – ich hatte mir beim Katze streicheln Grabmilben eingefangen, die auf der
Haut kleine Punkte und einen schrecklichen Juckreiz hervorrufen. Es gab viele
Dinge, die ich zuhause lassen konnte, die zwar wichtig für mich sind, aber nicht
so eng mit mir verbunden, dass ich sie in meinem Rucksack ständig mit mir
rumtrage. Es gab aber auch Dinge und Fragen, und Menschen und Beziehungen,
die Teil meines Rucksacks waren und mich während des Weges viel beschäf-
tigt haben. Es sind Fragen, die meine Sehnsucht betreffen, wie die Frage, wie
ich mich immer wieder neu zu Rassismus und Neo-Imperialismus positionieren
kann und wie ein globales Miteinander möglich ist. Und es sind Menschen und
ihre Erfahrungen und Kämpfe, die mir zu Herzen gehen und wo ich nicht unbe-
teiligt bleiben kann. Menschen, die nicht leichte, wertvolle Dinge, sondern auch
schwere und Leben zerstörende Dinge in ihrem Rucksack tragen.
Eine dritte Frage, ist die Frage nach dem sich tragen lassen. Sich tragen lassen
kann manchmal genauso schwer sein wie zu tragen. Von Anne, meiner Mitpil-
gerin, habe ich mich oft sehr getragen gefühlt. Aber auch Beziehungen, die ich
zuhause gelassen habe, habe ich als zumindest teilweise tragend erlebt. Dennoch
weiß ich auch, dass ich gerne Dinge trage und Verantwortung übernehme und
ein Getragen werden auch ein Lassen und ein Zulassen impliziert. Wo brauche
ich es, dass Menschen mittragen oder mich tragen und kann ich das dann arti-Einfach freiwerden
189
kulieren und zulassen? Wer alle Zügel in der Hand hält, kann nicht getragen wer-
den. Es ist Gottes Einladung, immer mehr zur Pilgerin zu werden, die in Freiheit
und aufrechtem, statt niedergedrücktem Gang ins Leben geht, weil Gott sich uns
so gedacht hat und die Schönheit des Lebens sieht. Im Weitergehen merke ich
nun deutlich, dass neben der Schönheit und Freiheit die Gleichheit ist, die unser
Menschsein und PilgerInnensein ausmacht. Und Gleichheit bedeutet Sensibilität
für andere Lebenswirklichkeiten zu haben und Ausgrenzungen wahrzunehmen.
Anders kann ich mir nicht vorstellen, Pilgerin zu sein. Und dennoch die Einla-
dung Gottes nicht zu vergessen, die Schönheit und Freude im Leben wahrzuneh-
men und zuzulassen. Es ist schwer, dies in Worte zu fassen und noch schwerer, in
dieser Spannung eine Balance zu finden. Aber ich merke in meinem Alltag, wenn
ich draußen spazieren gehe und mich an das Gefühl als Pilgerin erinnere, an die
Freiheit und Schönheit, die uns geschenkt wurde, dass mir das sehr hilft, Ab-
stand zu gewinnen von den Erwartungen und Zwängen des alltäglichen Lebens.
Nadine
Der Jesuitenorden hat seinen Auftrag 1995 zusammengefasst:
Kein Dienst im Glauben ohne

– Förderung der Gerechtigkeit

– Eintritt in Kulturen

– Offenheit für andere Religionen.
Keine Förderung der Gerechtigkeit ohne

– Glauben mitzuteilen,

– Kulturen umzuwandeln,

– mit anderen Traditionen zusammenzuarbeiten.
Keine Inkulturation, ohne

– sich über den Glauben auszutauschen,

– mit anderen Traditionen in Dialog zu treten,

– sich einzusetzen für Gerechtigkeit.
Kein Dialog ohne

– den Glauben mit anderen zu teilen,

– Kulturen zu untersuchen,

– Sorge zu tragen für Gerechtigkeit.190
Einfach mit Solidarität
Einfach mit Solidarität
Geschwister
D
as ist ein Wort, das ich für mich nie verwendet habe; als Einzelkind aufge-
wachsen, die Eltern schon lange tot, also dieser Begriff macht keinen Sinn.
Vor geraumer Zeit wurde jemand in der WG Naunynstraße sehr krank.
Und da hab ich erlebt, wie Menschen, von überall her, zusammenstehen, um je-
manden durchzutragen. Da war nicht nur guter Wille und kreative Ideen gefragt,
sondern direkte, behutsame, entschiedene körperliche Präsenz.
Ich war mit dabei, in der gemeinsamen Runde, und empfand zum ersten Mal: Ja,
solche Brüder aus Afrika und sonst woher hab` ich mir auch schon immer ge-
wünscht. Und – vielleicht sind das ja wirklich meine Brüder (und Schwestern)?
Bernadette AllgeierEinfach mit Solidarität
191
Arbeiterpriester – was ist das eigentlich?
I
ndustriepfarrer, auch als Arbeiterpfarrer bezeichnet, schließen im deutschspra-
chigen Raum der evangelischen Kirchen nach dem 2. Weltkrieg an konzeptio-
nelle Gedanken des Widerstandskämpfers und evangelischen Pfarrers Dietrich
Bonhoeffer an. Der 1945 ermordete Theologe sprach in seinen Briefen aus der
Haft in Tegel von einer notwendigen Neukonzeption von Kirche und Pfarramt
nach einer Befreiung vom NS. Danach sollte die Pfarrerschaft weltliche Berufe
zum Lebensunterhalt ausüben oder auch von Spendengeldern leben. Nach 1945
knüpften nur einige Junge in der Pastorenschaft, Männer wie Frauen, im Gebiet
der späteren DDR, an diese Konzepte an, indem sie zugleich die Arbeiterschaft
und Landbevölkerung außerhalb der mittelschichtsorientierten Kirchenstruktu-
ren in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellten. Treibende Kraft dabei war der
Pfarrer Horst Symanowski, ein Schüler Bonhoeffers, der in Ostdeutschland zu
diesem Zweck die sogenannte „Bauwagenmission“ begründete. Einen nachfol-
genden Ansatz ab 1948 leitete er im westdeutschen Bereich in Mainz ein, wo er
selbst in die Industriearbeit wechselte und im kirchlichen Werk der Gossner
Mission das „Industrieseminar“ in Mainz-Kastell gründete. Mit Rückenwind aus
der Ökumene (vgl die Kirchenkonferenz in Evanston 1954) und der EKD-Synode
in Espelkamp 1955, wo Symanowski den Hauptvortrag zum Thema Arbeitswelt
hielt, entstand bei der Gossner Mission ein Ausbildungsgang unter seiner Lei-
tung, der Jahrgänge von Pfarrerinnen und Pfarrern mit der Industriearbeit und
den dort tätigen Menschen und ihren Fragen in Berührung brachte. In beiden
deutschen Staaten waren diese konzeptionellen Auftragsverschiebungen an den
Rand und nach unten innerhalb der Kirchen eher gelitten als gefördert, in der
DDR dazu noch unter skeptischer Beobachtung oder zeitweiliger Missbilligung
der Staatsorgane. EKD-weit organisierten sich die Industriepfarrer ab 1956 in der
„Arbeitsgemeinschaft der Sozial-, Industrie- und Arbeiterpfarrer“(ASIA) später
abgelöst vom „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“(KDA).
In der sich wandelnden Industriegesellschaft ab den 1970er Jahren mit Rationa-
lisierung von Arbeitsprozessen und darauf folgender Digitalisierung/Computeri-
sierung verschwindet zunehmend die überkommene Industriearbeit. Massenent-
lassungen, outsourcing schaffen darüber hinaus einen Niedriglohnsektor und
gefährden das Tarifsystem. Das alte Konzept der Industriepfarrer „verdampft“.
An die Stelle treten vielfältige Aufgabenbereiche, weiterhin außerhalb der ver-
fassten Kirchen. Entgarantierte Arbeit außerhalb der Tarifstruktur der Gewerk-
schaften, Leiharbeit bis hin zu prekären Arbeitsverhältnissen, soziale Armut, Ar-
beitslosigkeit und Obdachlosigkeit geraten in den Blick der Industriepfarrer. Die
jüngere Generation beschleunigt Transformationen in diese Arbeitsfelder. Die192
Einfach mit Solidarität
vormals mehrheitliche Männerwelt der Industriepfarrer öffnet sich gegen Ende
des 20. Jhdts für Frauen ebenso wie für die engagierten Laien, die in die Kon-
vente der Industriepfarrer aufgenommen werden. Heute organisieren sich die
ehemaligen Industriepfarrer gemeinsam mit den katholischen Arbeiterpriestern
in ökumenischen Konferenzen als sogenannte „Arbeitergeschwister“ mit regel-
mäßigen regionalen bis hin zu internationalen Treffen. Im Mittelpunkt geblieben
sind die sozialethisch motivierte Teilhabe an den gewerkschaftlichen, sozialen
und politischen Auseinandersetzungen entlang der Parteinahme für Menschen-
würde, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, das Eintauchen in
entsprechende Milieus und Mitleben mit Menschen am unteren Rand der Gesell-
schaft. Es war ja der Perspektivwechsel auf diese Belange der Gesellschaft, den
die Industriepfarrer nach 1945 vollziehen wollten. Raus aus den etablierten und
situierten Bahnen der Kirchen. Am Rand die Mitte suchen.
Thomas-Dietrich Lehmann
Unverblümt. Eine Floristin aus Wien.
W
enn mich jemand fragt, wen ich in Ilbenstadt treffe, dann sage ich meis-
tens, die Menschen, wegen denen ich Floristin geworden bin. Meine Aus-
bildung ist 17 Jahre her. Ich habe mich nach einem abgeschlossenen Germa-
nistik-Studium für eine Lehre entschieden. Das Studium habe ich beendet und
wusste, dass ich damit nichts machen möchte, dass ich hinaus wollte aus dem
Elfenbeinturm der Universität. Ich hatte auch den Glauben daran verloren, dass
ich etwas besser weiß als andere und mein angehäuftes Wissen anderen weiter-
geben muss, um die Welt zu verbessern. Etwas in mir war aufgerüttelt worden
durch die Begegnung mit Christian aus den Naunynstraße und den Menschen,
die ihn umgaben. Die Echtheit des christlichen Glaubens hat mich bewegt – zu-
hause war ich einen eher bürgerlichen Katholizismus gewohnt, an dem ich mich
sehr gerieben habe.
Da waren jetzt diese Menschen, die niemanden belehren wollten, sondern mit
in die Fabrik oder zum Putzen gegangen sind, um dort zu lernen, was das Leben
dort ausmacht und mit diesen Menschen, die in unserer Gesellschaft kein gutes
Ansehen haben, mitzuarbeiten und mit zu leben. Da hat sich in mir ein Funke
entzündet und nicht mehr losgelassen, mir erschien es so gut, etwas mit den
Händen zu tun und dabei den gesellschaftlichen Status zu wechseln, auszubre-
chen und Wertemaßstäbe neu zu ordnen, dass ich das selber machen wollte.
Ich war nach dem Studium 8 Wochen zu Fuß und ohne Geld mit einer anderen
Frau nach Assisi unterwegs. Die italienischen Rosengewächse an Häusern, dieEinfach mit Solidarität
193
Blüten, die Natur und das Draußen sein – danach war mir klar, ich würde es in
einer Fabrik nicht aushalten. Ich wollte Gärtnerin werden. Heute habe ich die
Erfahrung vom Jobben im Gartenbau noch schön in Erinnerung. Das Teilen der
Jause mit dem Rest der Belegschaft unter Bäumen in der Pause, das Verhalten
der Vorarbeiter, wenn es darum ging, der Chefin ein paar Stunden zu stehlen.
Das hat mich geschult für jedes weitere Arbeitsverhältnis. Körperlich hat mich
die Arbeit sehr gefordert, nebenher war nichts mehr zu schaffen. Ich entschied
mich, Floristin zu werden. Die Lehrstelle habe ich öfters gewechselt, auch da-
bei habe ich die Unterstützung von Ilbenstadt stets im Rücken gehabt. Arbeiter-
geschwistersein heißt, sich nicht alles gefallen zu lassen, was am Arbeitsplatz
geschieht,sondern in der Situation aufzustehen und Stand zu halten, aufrecht zu
gehen und Ungerechtigkeiten anzusprechen.
Ich bin nach Wien umgezogen und habe dort jetzt Familie, ich habe auch in Wien
drei Jahre als Floristin gearbeitet, mit meinen Kindern bin ich in den sozialen Be-
reich gewechselt. In meiner Karenz habe ich ein Konzept für ein Blumengeschäft
geschrieben, das zugleich ein Beschäftigungsprojekt ist für Menschen mit psy-
chischen Erkrankungen. Sieben Jahre lang hat es gedauert, bis es dieses Projekt
gab: Das Unverblümt. Ein privater Verein ist der Träger, die Finanzierung ist an
den Fond Soziales Wien gebunden.
Ich verdiene mehr als eine Floristin, ich habe Supervision, geregelte Arbeitszei-
ten, ein freies Wochenende, ich kann Arbeit und Familie miteinander verbinden.
Ich habe ein Mann, der sehr gut verdient. Ich fahre noch immer nach Ilbenstadt.
Manchmal frage ich mich, ob ich das eigentlich noch darf. Es hat mich noch nie-
mand weggeschickt und die Treffen bedeuten mir viel.
Spuren von Ilbenstadt ziehen sich noch immer durch mein Leben: Einer unserer
Zivildiener erzählte mir beim Abschied, dass er am WG-Tisch seinem Freund der
im Gewerbebau am ersten Mai arbeiten sollte, empört entgegensetzte, dass das
am gesetzlichen Feiertag illegal sei und wenn hohe Zuschläge anstehen würden.
Und der Zivildiener sagte lachend, er hätte meine Stimme durch sich gehört. Ich
werde bei der Arbeit auch immer die Frau für Burn-Out-Prophylaxe genannt,
weil ich darauf beharre, dass alle ihre Stunden aufschreiben und zu Hause blei-
ben, wenn sie krank sind. In meinem Meisterkurs ging es um den Kollektivver-
trag und die geringen Löhne bei den FloristInnen. Ich erinnerte daran, dass es
darum geht, sich zu organisieren und FloristInnen das überhaupt nicht sind. Es
wurde mir nicht geglaubt, dass eine Gewerkschaft für die Branche zuständig ist
und eine Kärntner Kollegin nannte mich „linke Ratz“. In solchen Situation merke
ich wieder, wo ich herkomme. Was aus mir herauspurzelt, setzt andere mitunter
in komplettes Erstaunen.194
Einfach mit Solidarität
Das Unverblümt gibt es seit vier Jahren und wir hatten schon drei LeiterInnen.
Mich fragen oft FreundInnen, warum ich mich nie beworben habe. Ich liebe die
Arbeit mit den Händen und mit den Menschen, den Einkauf im Morgengrauen
auf dem Großmarkt bei den Gärtnern. Das Auto ein- und auszuladen, die Geste-
cke mit Menschen anzufertigen, die von der Gesellschaft attestiert bekommen
haben, nicht mehr fähig zu sein, auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehen zu kön-
nen. Es ist gut, mit anzusehen, wie viel Kompetenz in diesen Menschen steckt
und mit diesen etwas zu schaffen, was danach auch noch gut aussieht. Es ist gut,
sich jeden Tag im Unverblümt überraschen zu lassen, was heute passiert, wer
kommt, wer nicht, was gibt es für Aufträge, was müssen wir tun. Es ist gut, mit
diesen Menschen zu sein, sie so zu nehmen, wie sie sind, zu schauen, abzuwar-
ten, zuzuhören. Ich könnte mir Arbeit, in der man nur redet oder nur im Büro
sitzt, nicht vorstellen. Ich finde auch nichts besser als im Team zu arbeiten, zu
quatschen, sich die Arbeit zu teilen, sich zu kritisieren, sich zu loben und zu la-
chen, dass die Balken sich biegen. Und diese Erfahrung und Überzeugung haben
für mich mit Ilbenstadt zu tun. Die Haltung, dass gemeinsame Arbeit mit den
Händen, gut tun kann und manchmal mehr bewirkt als viele Worte.
Reicht das alles als Vision? Der christliche Glaube ist mir immer fremder gewor-
den. Ich bin spirituell, ich meditiere manchmal, ich gehe zum Yoga, ich kippe für
meine Meisterausbildung stundenlang in einfache handwerkliche, sich wieder-
holende Tätigkeiten und falle dabei in eine Stille, die mich bewegt und hält. Ich
halte keine Kirche lange von innen aus. In Ilbenstadt kann ich den Gottesdienst
mitfeiern, ohne Widerstand zu spüren: Ein Grund, warum ich bisher nicht aus
der Kirche ausgetreten bin, weil ich weiß, es gibt dort auch Menschen, die für
mich authentisch sind, sich für Gerechtigkeit einsetzen.
Wovon ich träume: Mit dem Unverblümt die gesellschaftliche Realität zu brechen,
einen Ort zu schaffen, an dem die, die „nicht mehr arbeiten können“, sinnvolle
Tätigkeiten erhalten und dafür positives Feedback bekommen. Ich wünsche eine
gerechte Entlohnung für unsere KlientInnen und kein Taschengeld. Ich träume
davon, morgens in Ruhe aufzustehen, eine halbe Stunde zu meditieren, die Kin-
der sind gut gelaunt, angezogen und räumen ihre Zimmer auf, ohne dass ich
schimpfe, die dreckige Wäsche läuft von selbst in die Wäschetruhe, alles geht
freundlich, offen und harmonisch dahin. Bei der Arbeit ist eine Ausgewogenheit
da zwischen Gesprächen und tatsächlichen Aufträgen, dass wir uns nicht lang-
weilen, aber auch nicht stressen müssen. Ich schaffe nebenher noch die Meister-
prüfung und bin zufrieden mit meinen Werkstücken. Mein Leben ist oft privat
und klein. Ich bin fleißig, aber im Hamsterrad. Ilbenstadt öffnet mir die Augen,
weckt mich auf, ich sortiere mich neu.
Solveig KelberEinfach mit Solidarität
195
Einfach ohne diese Gutmenschen
I
n der Naunynstraße, bei Euch ist es nicht nur anders als in anderen Einrich-
tungen, sondern es fehlen auch zwei Typen von Gutmenschen, die anderswo
reichlich vertreten sind und Schaden anrichten (ich habe heute meinen gemei-
nen Tag). Einmal ist es der mitleidige Geber, der aber auch seiner Leidenschaft
frönen und durch Belehrung auf den anderen Hilflosen einwirken will, z. B. so:
„Na, ich gebe Ihnen etwas, klar, ich gebe immer was, hier haben Sie zwei Euro.
Aber bitte nicht versaufen, denn der Alkohol schadet Ihnen nur, Sie müssen sich
davon etwas zum Essen kaufen und sich mal waschen, dann machen Sie gleich
einen besseren Eindruck und können sich nach einem geregelten Leben umse-
hen und Ihr Geld verdienen, ohne Betteln. Das ist doch was!“
Fall zwei ist der zweite Gutmensch, ist der hochnäsige, der aber auch die Welt
und die Mitmenschen verbessern will. Er sagt: „Nee, mein lieber Mann, von mir
kriegen Sie nichts. Nicht nur weil ich mein Geld hart verdienen muss und es
nicht herausschmeiße, sondern weil es nicht gut für Sie ist. Sie müssen selber
für sich sorgen, nicht die anderen behelligen, Sie müssen durch Arbeit und von
Arbeit leben, merken Sie sich das, so geht es nicht, betteln und nichts tun, nein.
Ich meine es gut mit Ihnen und will Ihnen nur helfen, aber anstrengen müssen
Sie sich schon und nicht nur traurig gucken, bewegen Sie mal Ihren Hintern und
tun Sie was.“ Solche guten Menschen gibt es bei Euch nicht.
Herzliche Grüße von Helene Bode
Wie sieht für mich werktägliche Geschwisterlichkeit aus?
I
ch arbeite als Krankenschwester in einer städtischen Klinik. Dort im OP. Nun
denke ich, dass unser Gesundheitssystem in ganz Deutschland ähnlich ist.
Stellenabbau, Arbeitsverdichtung, Überstunden, Anstieg der administrativen
Arbeiten, immer kürzerer Aufenthalt der Patienten, Zunahme der ambulanten
Operationen. Der Patient selbst wird zum „Fall“ und es zählt, was in DIGs umge-
rechnet werden kann.
Stress entsteht vor allem deshalb, weil die Pflege dem Patienten immer weniger
gerecht werden kann. Dies führt zur Frustation und das wiederum zu einem un-
guten Miteinander. Dazu kommt, dass Anweisungen oft auf der Grundlage eines
reibungslosen Klinikablaufs und nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse des
Patienten gegeben werden.
Und hier empfinde ich mich als „Arbeitergeschwister“. Wie ein Stoppzeichen wo
es angebracht ist. Das ist oftmals Kampf pur. Die Kollegen darin zu unterstützen,196
Einfach mit Solidarität
dass die Bedürfnisse des Patienten in allem Vorrang haben. Das Team zu festigen
und Mut zu machen, auch einmal „Halt“ zu sagen. Zwischen Vorgesetzten und
Kollegen Brücke zu sein auf der respektvolle Kommunikation möglich ist.
Nun bin ich nicht die Superfrau, aber ich bin alt! Ich bin 60 Jahre, seit 1981 in
der Klinik. Somit kann ich es mir leisten, keine Angst zu haben. Vielleicht habe
ich in der Personalführung auch einen Sonderstatus – jedenfalls kann ich diese
Pluspunkte ausspielen. Und ich spiele sie aus! Das ist ganz einfach meine Pflicht
als Christin. Ich sehe diese Pluspunkte als Gabe Gottes, als meine Talente und
die muss ich einsetzen. Seit 2010 bin ich allerdings chronisch erkrankt und kann
nicht mehr im OP stehen.
Somit änderte sich mein Leben mit einem Schlag. Zwar ungekündigt, aber ich
muss mit Arbeitslosengeld auskommen bis ein Schonarbeitsplatz gefunden ist.
Somit sofortiger Wohnungswechsel (was für die anstehende Rente in 3 Jahren
eh fällig wäre) und wenig Geld. Zwar nicht arm, doch der Armut näher. Ich kann
mich nun mehr im „Bremer Treff“ engagieren, einem kirchlichen Treffpunkt, wo
Obdachlose und Arme essen, klönen, duschen und sich mit frischer Unterwä-
sche versorgen können. Dort bin ich nun für diese Menschen „Schwester“. Ich
lernte und lerne immer noch mehr Menschen kennen, die auf der Straße oder in
äußerster Armut leben. Und manchmal bin ich mir nicht so ganz sicher, ob sie
mir mehr geben, als ich ihnen geben kann.
In den Arbeitergeschwistern sehe ich Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag
Weichen sind, damit ein guter Weg gefahren werden kann. Ungerechtigkeiten
aller Art sich angstfrei entgegenzustellen und Schwache zu unterstützen. Den
Menschen zu sehen als Nächsten. Ob Patient, Kunde, Gast, Vorgesetzte oder Kol-
legin. Und nichts darüber zu setzen!
Evelyn
Der Schritt ist radikal, das Leben ganz normal.
E
s ist 10 nach acht, ein gewöhnlicher Wochentag, und meine Nachbarin klopft
an mein Fenster. Ich gehe zur Tür. Sie sagt mir, dass sie heute auf ihren Rol-
lerskates zur Schule geht. Ihre Mutter holt derweil den Skooter aus der Garage
und ihr Schwesterchen darf hinten auf dem Skooter sitzen. So fahren sie zur
Schule; und ich winke ihnen noch nach. Ich gehe zurück, trinke meinen Tee, lese
noch was in der Zeitung und fahre dann mit dem Rad zu meiner ersten Einsatz-
adresse.
Ein ganz gewöhnlicher Morgen. Ein festes Ritual, das für mich mit einem kurzen
Morgengebet vor dem Frühstück beginnt. Ich arbeite als Haushaltshilfe in einerEinfach mit Solidarität
197
Haushaltshilfen Organisation, jetzt schon 9 Jahre. Es ist eine Arbeit, die ich sehr
gern mache. Vier Tage in der Woche putze ich, erledige Einkäufe, wasche ich die
Wäsche für Andere. Genauso wie zahllose andere Frauen es tun.
Ich wohne in einer Wohnsiedlung, in einem Mietshaus, in einer Straße mit vielen
Kindern. Wir wohnen eng aufeinander, so dass wir von selbst regelmäßig Kon-
takt mit den Nachbarn haben, sicher vor allem im Sommer. Kinder sind es meist,
die an mein Fenster klopfen oder auf dem Balkon sind, wenn ich im Garten bin.
Ich führe ein Leben, so wie es viele tun. Nichts Besonderes. Ich genieße die
Kontakte, die ich habe. Und bin dafür sehr dankbar. Dieses Leben des norma-
len Alltags erfahre ich als ein sehr gewöhnliches Leben. Und zugleich bin ich
mir bewusst, dass das Leben, das ich nun lebe, nicht selbstverständlich ist für
jemanden mit meinem Hintergrund. Ich habe ein Universitätsstudium, und als
Theologin habe ich jahrelang als Pastoralreferentin in der römisch katholischen
Kirche gearbeitet. Vor einigen Jahren habe ich eine bewusste Wahl getroffen,
um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so wie jemand mit wenig Schulaus-
bildung und mit einer Niedriglohn Arbeit. Es ist eine Wahl, die ich sehr bewusst
getroffen habe, und die lange in mir gereift ist.
Während meines Berufspraktikums, das ich als pastorale Mitarbeiterin in einem
Betrieb gemacht habe, kam ich in Kontakt und wurde berührt von den Erzäh-
lungen von und über Arbeiterpriester. Nach meiner Ausbildung zum pastoralen
Mitarbeiter in einem Betrieb arbeitete ich neben meinem Beruf als Betriebspas-
tor, auch für ein paar Stunden als Putzfrau. Diese Arbeit als Putzfrau habe ich
fortgesetzt, auch nachdem sich meine pastorale Position verändert hat. Die Ar-
beit als Betriebspastor habe ich sehr gern gemacht. Aber es blieb ein Verlangen
in mir, das Sehnen nach was?
Tagebuch der Freundschaft
Vor etwa 20 Jahre bekomme ich Pfingsten von einem Freund ein Buch mit dem
Titel: „Tagebuch der Freundschaft” von Egid van Broekhoven. Egid van Broek-
hoven ist ein Arbeiterpriester, ein Jesuit, der Mitte der 60ziger Jahre in einem
Stahlwerk in Belgien arbeitete. Er verunglückt tödlich 1967 bei einem Betriebs-
unfall. Er ist 34 Jahre alt. Nach seinem Tod haben Mitbrüder ein Buch mit sei-
nen Tagebucheintragungen zusammengestellt. Dieses Buch hat mich sehr beein-
druckt. Vieles, von dem er schrieb, habe ich nicht verstanden, und doch war da
etwas, was mich sehr ansprach. Vielleicht war es die Freude und Dankbarkeit,
die durch dieses Buch klang, und die mich immer wieder ansprachen. Seine
Dankbarkeit über die Freundschaft mit seinen Kollegen die er in der Fabrik er-
fuhr. Die Freude, die er erlebte, in der Begegnung mit ihnen. Er war ein Mann auf198
Einfach mit Solidarität
der Suche nach Gott, und gerade durch die Freundschaft mit den Menschen im
Betrieb und in der Nachbarschaft wo er wohnte erfuhr er Gottes Gegenwart und
Nähe. Gerade und vor allem in den alltäglichen Begegnungen.
Durch dieses Buch wurde etwas Tiefliegendes in meiner Seele berührt. Und viel-
leicht kann man sagen; dass in mir ein Verlangen geweckt wurde, den gleichen
Weg zu gehen, den Egid van Broekhoeven ging. Und das Verlangen blieb. Re-
gelmäßig sprach ich mit ein paar Freunden darüber. Bis zu einem bestimmten
Augenblick, an dem einer von ihnen sagte: „Warum versuchst du es nicht, geh
doch 2 Jahre Vollzeit putzen. Was hast du zu verlieren? Du kannst doch jeder-
zeit zurückkommen als Pastoralreferentin.“ In der Tat, warum soll ich es nicht
einfach probieren. Und ich ging auf Arbeitssuche, eine Arbeit mit so viel Arbeits-
stunden, genug um davon leben zu können. Weil im Putzsektor im Allgemeinen
kleine Verträge abgeschlossen wurden, bekam ich schließlich in der Häuslichen
Sorge eine Arbeit. Hier bekam ich einen Vertrag mit 28 Stunden pro Woche. Den
nahm ich an. Das war vor 9 Jahren. Und es tut mir immer noch keinen Moment
Leid. Ich habe mich wohl erst daran gewöhnen müssen. Was mich am meisten
überraschte, war, dass ich keine Müh hatte mit weniger Geld auszukommen.
Die Arbeit selbst fand und finde ich noch immer eine Herausforderung. Ich habe
täglich mit Menschen zu tun. Jede Person ist anders, und fragt, ihr auch auf Ihre
jeweilige persönliche Art zu begegnen. Meine Frage ist, wie kann ich all diesen
Menschen gerecht werden? Zum Beispiel: Da ist eine leicht demente Frau, auf
welche Weise begegne ich ihr und wie lasse ich sie in ihrer Würde? Wie sorge ich
dafür, dass alles was in ihrem Haushalt geschehen muss auch geschieht? Oder
da ist ein Mann der Müh hat, sich mitzuteilen, und doch Kontakt sucht. Ich lese
ihm zum Beispiel kleine Geschichten vor, wenn wir zusammen Kaffee trinken.
Auf diese Weise probiere ich immer einen Weg zu finden, mich auf den jeweili-
gen Menschen einzustellen, um ihm so in seiner Würde begegnen zu können. All
das geschieht, derweil ich auch die Arbeit mache, die getan werden muss. Das
erfahre ich als eine enorme Herausforderung, es lässt meine Arbeit nie langwei-
lig werden und ist zudem auch pastorale Arbeit.
Gewöhnen musste ich mich an meine neue Identität: Wer und Was bin ich nun?
Was ich nicht realisierte, und wessen ich mir in jedem Fall sicher nicht bewusst
war, war dass ich als Pastoralreferentin viel Ansehen hatte. Ich hatte eine Posi-
tion, ich wurde akzeptiert und ich wurde gesehen. Ich war daran gewöhnt, dass
Menschen wussten wer ich bin, und dass ich einen Namen hatte. Als Häusliche
Hilfe war ich die, die die Arbeit machte. Ich weiß noch gut, dass es mich in den
ersten Wochen sehr überraschte, dass Menschen mich noch nicht einmal nachEinfach mit Solidarität
199
meinem Namen gefragt haben. Nicht dass ich schlecht behandelt wurde, absolut
nicht. Aber man sah nicht mehr auf zu mir, und das fühlte ich.
Reflektion
In dem Maße, dass das Leben normal für mich wurde, und in dem Maße die
Kollegen in der Häuslichen Sorge meine Kollegen wurden, verschwand auch die
Identitätskrise.
Diese Krise, dieses Suchen berührt meiner Meinung nach das Thema vom
Schreibwettstreit: Der Schritt, mit Universitätsstudium eine Arbeit mit wenig
Ausbildung zu tun, ist ein radikaler Schritt. Es ist eine Entscheidung für ein
einfacheres Leben und vor alleml für ein Leben in einer anderen Welt. Eine Welt,
in die man nicht so schnell kommt, mit der man jedoch als Pastor vielleicht doch
manchmal in Kontakt kommt.
Es ist eine Entscheidung, in die man auch langsam hineinwächst. Ich wohnte
schon in einer alten Siedlung, einer Volkssiedlung. Ich führte schon einen ein-
fachen Lebensstil, und ich arbeitete schon Jahre als Putzfrau. Darum war der
Übergang in meinem täglichen Leben nicht zu groß. Nein der größte Übergang
war der Wechsel von Frau Pastoralreferentin zur Identität einer gewöhnlichen
Haushaltshilfe. Das hat mir wirklich zu schaffen gemacht. Am Anfang legte ich
großen Wert darauf, dass ich Haushaltshilfe bin und verschwieg, dass ich Pasto-
ralreferentin bin, oder ich probierte mich darüber zu erklären. Nun bin ich Haus-
haltshilfe, mit Stolz, und ich kann auch viel natürlicher und selbstverständlicher
über meinen Hintergrund erzählen. Ich bin übrigens nicht die Einzige, die mit
Universitätsstudium bei der Häuslichen Sorge arbeitet, die Niedriglohnempfän-
ger ist, darum ist es auch nicht so besonders was ich mache, Gott sei Dank.
Was ich hiermit sagen will: Der Schritt war radikal, so habe ich ihn auch am
Anfang erfahren. Aber im Laufe der Zeit ist es mein Weg geworden, und ich
erfahre ihn überhaupt nicht mehr radikal, meine Nachbarn und Kollegen leben
auch solch ein Leben.
Charles de Foucauld
Als ich den Schritt von Pastoralreferentin zu Haushaltshilfe sein machte, habe
ich mich auf die Suche nach Gleichgesinnten begeben. Ich wusste, dass die Ent-
scheidung, die ich für mich getroffen hatte, gut war, dass es ein Weg war der zu
mir passte, aber schließlich auch ein einsamer Weg war. Ich folgte meiner Intu-
ition und konnte aber noch nicht gut in Worte fassen und erklären, warum ich
diesen Schritt machte. Ich kam damals in Kontakt mit den Kleinen Schwestern
in Amsterdam. Der Inspirator der Kleinen Schwestern und Brüder ist Charles
de Foucauld (1858 – 1916). Das Leben und der Weg von Charles de Foucauld sind200
Einfach mit Solidarität
unglaublich ergreifend. Er war zutiefst berührt durch Gottes konkrete Nähe in
Jesus von Nazareth. In Jesus sah er, wie Gott uns Menschen nahe ist, gerade
im gewöhnlichen alltäglichen Leben. Beinahe verborgen. Durch ein verborgenes
und einfaches Leben zu führen wollte er Jesus nachfolgen. Darum entschied er
sich nicht für ein Leben als Missionar in Nordafrika, sondern einfach unter und
mit den Menschen das tägliche Leben zu teilen. Ich sehe mich selbst in seinem
Suchen nach Einfachheit, seinem Berührtsein vom Gewöhnlichen. Ich glaube
,dass gerade im Alltäglichen und Gewöhnlichen ein großer Reichtum ist, das
erfahre ich in meinem Leben und Arbeiten. In kleinen alltäglichen Begegnungen
und beinahe unsichtbaren Verbindungen zwischen Menschen wird etwas sicht-
bar von Gottes Gegenwart in unserem Leben.
Ich stehe erneut vor einer Entscheidung.
Vor 9 Jahren, als ich meine Laufbahn als Pastoralreferentin beendete, war es ein
großer Schritt, mich bei der Haushaltshilfe Organisation zu bewerben. Im Laufe
der Zeit wurde es mein alltägliches Leben, was einfach so geschah. Aber jetzt
stehe ich wieder vor einer neuen Entscheidung. Mit meiner Arbeit verdiene ich
nicht viel, wohl genug um davon zu leben. Die Haushaltshilfe Organisationen
werden schon seit einigen Jahren hier in den Niederlanden nicht mehr durch die
Allgemeine Kranken- und Versorgungsversicherung bezuschusst, sondern sie
werden nun durch ein Gesetz zur gesellschaftlichen Unterstützung via die Kom-
munen unterstützt. Die Kommunen schließen einen Vertrag, jeweils für zwei
Jahre, mit einer oder mehreren Haushaltshilfe Organisationen ab. Bei der Wahl
der jeweiligen Haushaltshilfe Organisation spielt der Preis natürlich eine große
Rolle. Um mit zu konkurrieren wollen alle Organisationen den Preis so gering
wie möglich halten. Das geht natürlich nur, wenn auch unsere Löhn so gering
wie möglich sind. Im kommenden Halbjahr geht unser Lohn auf der Lohnscala
wieder ein oder zwei Punkte nach unten. Das bedeutet ein Einkommensverlust
von etwa 20%. Und das ist sehr viel. Mit den Gewerkschaften führen wir Aktio-
nen gegen diese Maßnahmen durch, aber ob sie von Nutzen sind, ist abzuwarten.
Ich stehe nun vor der Wahl eine andere Arbeit zu suchen oder mich umschulen
zu lassen als Versorgungskraft. Diese Wahl haben aber viele von meinen Kolle-
gen nicht. Um ihre Arbeit zu behalten müssen sie die Lohnkürzung hinnehmen.
Ich befinde mich da in einem schwierigen Dilemma. Kann ich mit einem Einkom-
men das 20% geringer ist auskommen? Will ich meinen Kollegen treu bleiben?
Will ich den Menschen für die ich nun arbeite treu bleiben, sie sind doch eine
sehr schwache und hilflose Gruppe in unserer Gesellschaft? Aufs Neue muss ich
mir Antwort geben auf die Frage: Was war und ist meine wichtigste Motivation,
auf diese Weise zu leben und zu arbeiten? Aufs Neue muss ich eine EntscheidungEinfach mit Solidarität
201
treffen. Diese Entscheidung erfahre ich als einen riesigen radikalen Schritt. Aber
vielleicht muss ich diesen Weg wieder einfach gehen. Wenn ich diesen Weg gehe,
ich diese Arbeit mache, und von diesem Einkommen lebe, werde ich es dann auf
die Dauer nicht auch wieder als normal erfahren, weil ich nicht die Einzige bin,
die so arbeitet und lebt, sondern viele andere mit mir? Schließlich und endlich
habe ich doch auch noch jeden Augenblick die Möglichkeit auszusteigen und
was anderes zu tun.
Anne – Marieke Koot
Die Option für die Armen ist zentral
Kirche und Glaube, Kapitalismus und Arbeitswelt
Thomas Schmidt ist Arbeiterpriester. Bis zum Ende des Unternehmens am 28. Sep-
tember hat er beim traditionsreichen Versandhaus Neckermann gearbeitet. Dort
hatte er vor über 20 Jahre als Lagerarbeiter angefangen, zuletzt war er Betriebsrat
für den Bereich Logistik. Ehrenamtlich arbeitet er als Priesterlicher Leiter des Pas-
toralen Raumes Gallus in Frankfurt. Bruno Sonnen hat sich mit dem 53-Jährigen
unterhalten.
Wie kam es dazu, dass Sie statt „normaler“ Priester zu werden, Arbeiterpriester
wurden?
I
ch habe Ende der siebziger Jahre angefangen Theologie zu studieren, und das
kirchliche und politische Klima war ja damals deutlich anders als heute: Die
Lateinamerikaner hatten gerade die große Bischofskonferenz von Puebla; in El
Salvador wurde Erzbischof Romero erschossen, in Nicaragua war die Revoluti-
on – um nur einige Aspekte zu nennen. Es gab da also ein paar andere Bezugs-
punkte für uns junge Theologen. Ich hatte dann die Möglichkeit im Rahmen
eines Stipendiums in Rio de Janeiro zu studieren, und in Brasilien habe ich eine
Kirche und eine Theologie kennen gelernt, die sehr, sehr nah bei den Leuten,
den Armen war, sehr kämpferisch und sehr engagiert. Ich habe dann überlegt,
ob man so etwas Ähnliches auch in Europa leben könnte, also mit den eher ar-
men Leuten, mit den einfachen Leuten, auf deren Seite. Ich bin dann im Rahmen
eines Betriebspraktikums, das wir seinerzeit als Theologen gemacht haben, mit
deutschen Arbeiterpriestern zusammen gekommen, die in die Betriebe gegangen
sind und habe das dann als eine Möglichkeit erachtet, was die Lateinamerikaner
leben, in einem europäischen Kontext zu leben. Denn in Lateinamerika hatte ich202
Einfach mit Solidarität
etwas gelernt, was ich bis heute sehr wichtig finde: Die Lateinamerikaner haben
uns gesagt: „Wir mussten euch 500 Jahre kopieren und das war nicht besonders
produktiv, produktiv ist es, wenn man im eigenen Kontext Lebensentwürfe ent-
wickelt, die tragen und auch weiter führen.“
Und wie ging es dann konkret weiter?
Ich habe dann mein Studium beendet und mit dem damaligen Limburger Bischof
Franz Kamphaus gesprochen und ihn gefragt, ob es möglich wäre in Deutschland
als Arbeiterpriester zu leben. Er hat mir dann im Grunde grünes Licht gegeben,
erwartete aber, dass ich die ersten drei Jahre noch als Kaplan in einer Gemeinde
in unserem Bistum arbeite, was ich auch gemacht habe. 1989 bin ich dann nach
Frankfurt gegangen und hab’ mir einen Betrieb gesucht, um dort zu arbeiten.
Sind Sie ein Exot? Wie kam und kommt der Weg, den Sie eingeschlagen haben, bei
Ihren Priesterkollegen an?
In meinem Weihekurs – wir waren neun Leute – , gab es theologisch, politisch
und persönlich eine ziemlich große Bandbreite. Es gab auch andere, die nicht
klassisch Gemeindepfarrer geworden sind, einer ist in die Berufsschule gegan-
gen, einer hat eine politische Funktion im Bistum, es gab Jugendpfarrer dar-
unter und so weiter. Das Außergewöhnliche bei mir ist ja lediglich, dass ich
gesagt habe, ich will sozusagen von der Bistumsstruktur und von dem ganzen
Apparat nicht bezahlt werden. Ich habe mit meinem direkten Weihekurs weiter
gute Kontakte, und ansonsten gibt es, wie immer in einem Bistum, mit Priestern
aller Couleur größere Nähe und größere Ferne, menschlich wie politisch. Also
mir gegenüber hat noch niemand sich brutal kritisch geäußert, das kann ich
wirklich nicht sagen, ich kann aber auch nicht behaupten, dass es übermäßig
viel Interesse gibt.
Ist ein Arbeiterpriester näher dran an Jesus, der ja auch erst in den letzten drei
Jahren seines Lebens „hauptamtlicher Verkündiger“ wurde?
Ich glaube, das wäre vermessen. Wer kann von sich behaupten, näher dran zu
sein an Jesus als ein anderer. Ich meine, man muss bei uns zwei Wurzeln sehen.
Das ist einmal das, was die Franzosen die „presence“ nennen, das da sein. Die Ar-
beiterpriesterbewegung kam ja sehr stark aus Frankreich. Charles de Foucauld
hat ja den einfachen Gedanken gehabt, dass die ersten 30 Jahre Jesu, also die
Nazareth-Zeit, eine Bedeutung gehabt haben müssen. Er meint ja, das ist auchEinfach mit Solidarität
203
eine Art der Verkündigung und eine Aussage über Gott. Die Franzosen haben
ja auch den Begriff der „gratuité“, was dieses freiwillige, ungeschuldete, ohne
Strategie einfach da sein bei und mit den Leuten meint. Diese stille Anwesenheit
leben ja auch viele von den kleinen Schwestern und Brüdern und verstehen das
als eine Art, das Evangelium zu verkünden.
Jesus hat ja dann in seinem eigenen Leben sozusagen auch diesen Bruch gehabt,
wenn man so will. Und im öffentlichen Teil seines Lebens ist dann diese Reich-
Gottes-Orientierung der zentrale Punkt. Ich denke, das ist bei den Synoptikern
ausreichend belegt, dass eben das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, wie
es bei Matthäus in der Bergpredigt heißt, der zentrale Fokus ist. Und da geht
es eben nicht nur darum, präsent zu sein, anwesend zu sein, bei den Leuten,
als Bruder und als Schwester, sondern es geht auch darum, wie das bei Paulus
heißt, seine Möglichkeiten einzusetzen als „Waffen“ für die Gerechtigkeit. Da
geht es dann um politisches Engagement, um sozial-caritatives Engagement,
um sehr praktische Solidarität, um dem, was Reich Gottes ist, Hand und Fuß
zu geben.
Was bedeutet „Reich Gottes“ für Sie?
Das ist natürlich ein riesiger Begriff. Ich würde ihn im Wesentlichen um den Be-
griff der Gerechtigkeit herum gruppieren. Dann kann man natürlich fragen, was
Gerechtigkeit ist.
Sozial gesehen ist das zunächst einmal eine Gesellschaftsformation, die ein hohes
Maß an Gleichheit und ein hohes Maß an Beteiligungsmöglichkeiten bietet; eine
Gesellschaftsformation, in der Unterschiede, wenn sie da sind, allen dienen müs-
sen. Letztlich ist Gerechtigkeit natürlich eine Frage von Macht und Verhandlung.
Es gibt natürlich eine Fülle philosophischer und theologischer Ansätze zum Thema
Gerechtigkeit, aber wir werden jeweils neu aushandeln müssen, was gerecht ist,
das ist ein lebendiger Prozess. Die biblische Option für die Armen lehrt uns, dass
es darauf ankommt, die ganze Welt aus dem Blickwinkel derer zu betrachten, die
zu kurz gekommen sind. Gerechtigkeit schaffen ist biblisch gesehen aus meiner
Sicht eine Frage des Standortes: Wo lebe ich, für wen rede ich, für wen denke ich?
Die Welt zu betrachten aus der Sicht der „Armen und Benachteiligten aller Art“
wie es das Konzil sagt, das ist aus meiner Sicht der biblische Zugang.
Die „Option für die Armen“ ist also für Sie eine zentrale Botschaft?
Absolut richtig. Ich lese so das Evangelium und verstehe auch Jesus aus dieser
Perspektive.204
Einfach mit Solidarität
Wenn es für Sie zentral ist, mit den Menschen zu leben und Gerechtigkeit in
der konkreten Praxis jeweils neu zu verhandeln – wie wichtig ist dann für sie
Liturgie?
(denkt lange nach) Für mich ist ehrlich gesagt, die zentrale Frage des Christen-
tums, wie Alfred Delp es genannt hat, die Rückkehr in die Diakonie, auch Bon-
hoeffer hat so gedacht. Natürlich gibt es die kirchlichen Grundvollzüge, und die
Liturgie hat mit Sicherheit einen Eigenwert. Das Lob Gottes kann man ja nicht
direkt in der politischen Auseinandersetzung betreiben. Aber das Wahrheitskri-
terium des Glaubens ist aus meiner Sicht in der Diakonie und in der Vergemein-
schaftung, also in der Communio zu suchen.
Sie sind seit nunmehr über 20 Jahren beruflich und hauptamtlich Arbeiter und
ehrenamtlich Priester. Wie hat das Ihren Blick auf die Arbeitswelt verändert?
Na ja, bevor ich ins Lager gegangen bin, kannte ich eigentlich die Arbeits-
welt nur von Schüler- und Ferienjobs her. Gerade wenn man mit Menschen
zusammen ist, die Jobs haben, die wenig qualifiziert sind, die anstrengend
sind, die keine große Achtung genießen, dann verändert das zunächst einmal
den Arbeitsbegriff. Man verliert auf der einen Seite viele ideale Vorstellungen
von Arbeit, auf der anderen Seite lernt man neu ihre Bedeutung für die sozi-
ale Akzeptanz von Menschen kennen. Ich kenne unendlich viele Leute, die
eine schlechte Arbeit gar keiner Arbeit vorziehen. Arbeit zu haben ist wichtig,
wenn man sagen kann, ich arbeitete da und da, ist das in Deutschland eine
unheimlich wichtige Aussage. Andererseits muss ich sagen, gerade unsere
christliche Lehre von der Arbeit im Sinne der Selbstentäußerung bis hin zur
Selbstverwirklichung hat mit der modernen Arbeitswelt von heute wenig zu
tun. Bei der modernen Erwerbsarbeit – im nicht qualifizierten Bereich, aber
vielleicht auch in den Toplagen – geht es um Machtverhältnisse, da muss man
einfach Fähigkeiten verkaufen, die man hat, da ist man auf Zeit und Flexibilität
festgenagelt.
Also ich würde sagen, auf der einen Seite lernt man Arbeit deutlich mehr zu
schätzen. Vor diesem Hintergrund habe ich zum Beispiel einige Probleme mit der
Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen, weil ich nicht sehe, wie man
sozusagen gesellschaftliche Wertschätzung ohne Arbeit kurzfristig organisieren
kann. Umgekehrt sieht man natürlich, dass es Arbeit gibt, die einfach schlecht
organisiert ist, die unwürdig ist, die die Menschen kaputt macht und die zum
Teil so schlecht entlohnt wird, dass es hinten und vorn nicht reicht. Diese Dinge
muss man verändern.Einfach mit Solidarität
205
Im Rahmen der Verhandlungen um die Zukunft von Neckermann hat ein führender
Gewerkschaftsvertreter mit Blick auf die Unternehmerseite von „Kapitalismus in
Reinkultur“ gesprochen. Ist Kapitalismus böse?
In der Praxis ist der Kapitalismus, wie wir ihn jetzt kennen gelernt haben, eine,
wie ich finde, ziemlich brutale Frage danach, ob sich eine Investition lohnt oder
nicht. Ob sie eine gewisse Rendite verspricht oder nicht. Und es geht ja nicht
um kleine Renditen, sondern es geht um hohe Renditen. Das eingesetzte Kapital
muss eben verzinst werden, heute erwarten viele Finanzinvestoren zweistellige
Verzinsungsraten. Unterm Strich spielt da der einzelne Mensch, der arbeitende
Mensch eigentlich keine Rolle. Das ist meine, zugegeben einfache Analyse. Eine
andere Frage ist, wie man das ethisch bewertet. Ich weiß nicht, ob ein System
böse sein kann. Die Lateinamerikaner haben ja von struktureller Sünde gespro-
chen. Ich glaube, dass das im Kapitalismus drin steckt. In einer normalen Ge-
winn- und Verlustrechnung sind Beschäftigte Kostenfaktoren. Da geht es nicht
um ihre menschlichen Werte.
Systemisch gehört zum Kapitalismus auch der Wachstumszwang. Wenn man
also Kapitalismus will, in welcher Form auch immer, muss man faktisch für
Wachstum sein. Ob uns das letztlich wirklich hilft, weiß ich nicht. Da müsste
man auf jeden Fall danach fragen, was dieses System von uns fordert, in welche
Fallen wir da automatisch rein tappen. Ich glaube, dass wir systemisch gesehen,
egal auf welcher Seite man in diesem System steht, gezwungen sind, bestimmte
Dinge zu tun, die den Menschen schaden und die der Erde schaden. Dann ver-
sucht man dann, es sozial auszutemperieren, aber wir spüren nicht nur bei uns
im Betrieb, sondern in anderen auch, dass das immer weniger gelingt.
Gibt es eine Alternative zum derzeitigen Wirtschaftssystem?
Das ist natürlich eine ganz schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Man kann ja auf
verschiedenen Ebenen diskutieren. Wir brauchen in den Betrieben aus meiner
Sicht einfach deutlich mehr Mitbestimmung, mehr Möglichkeiten für Beschäf-
tigte, Einfluss zu nehmen auf die Art der Produktion und auf die Strategie des
Unternehmens. Das könnte schon etwas helfen. Alles, was unter dem Thema
Wirtschaftsdemokratie diskutiert wird, halte ich für erwägenswert. Ein zweites:
In Deutschland ist die Genossenschaftsidee leider wirklich zu Schande geritten
worden, obwohl sie eigentlich eine gute ist. Da müsste man bei aller Problematik
der Frage, ob man im System bleiben soll oder nicht, noch weiter nachdenken.
Wir sehen ja in anderen Ländern, etwa in Lateinamerika, wo unter dem Begriff
der „economia solidaria“, also der solidarische Ökonomie gehandelt wird, es gibt206
Einfach mit Solidarität
in Spanien, in Italien und auch hier in Deutschland Versuche in dieser Rich-
tung. Also da meine ich müsste man einfach mehr probieren. Und das dritte
Thema, das mir insgesamt Sorge macht, ist das Thema Wachstum, ich deutete es
ja bereits an. So weit ich die Debatte verstehe, gibt es ja welche, die setzen ganz
platt auf Wachstum, das finde ich katastrophal. Dann gibt es eine große Gruppe,
die reden über „green economy“, also von grüner Wirtschaft, und verschiedene
andere Wachstumsformen. Ich persönlich neige eher zu denen, die sagen, dass
wir von der Wachstumsrille ganz weg müssen. Da gibt es ja auch eine Reihe von
Vorschlägen, wie man so was machen kann. Allerdings sind die politisch und
ökonomisch gesehen kurzfristig jenseits aller Verwirklichungschancen. Aber
vielleicht wäre es ja auch eine Aufgabe der Christen und der Kirchen, grade
diese Debatte zu befördern. Da würde ich mir schon mehr wünschen.
Wie hat Ihr Leben als Arbeiterpriester Ihren Blick auf die Kirche verändert?
Ich will mal unterscheiden zwischen Kirche und Glaube. Ich war ja kurz Kaplan.
Da hat man, auch wenn man „nur“ Kaplan ist, eine relativ wichtige Rolle in der
Gemeinde, und die Kirche spielt eine große Rolle im Leben. Und dann kommt
man in einen Lebenszusammenhang, in dem Kirche praktisch nicht vorkommt.
Das war am Anfang eine sehr ernüchternde Erfahrung. Nicht, dass die Leute sich
über die Kirche aufgeregt hätten, wie das noch vor vielen Jahren war. Für ganz
viele spielt die Kirche einfach faktisch gar keine Rolle. Es ist egal, ob es sie gibt –
der eine geht zum Roten Kreuz, der andere sammelt Briefmarken, der dritte geht
in die Videothek und einer geht halt in die Kirche. Kirche kommt selten vor, und
sie entschwindet dir. Das war eine eigenartige Erfahrung, und ich selbst musste
mich bemühen, sozusagen auch mit der institutionalisierten Kirche Kontakt zu
halten, Gottesdienst zu feiern. Die Religion kommt bei uns im Betrieb hauptsäch-
lich durch die Muslime vor, etwa im Ramadan, vielleicht mal, wenn die Oma
gestorben ist oder wenn irgendwo ein Kind getauft wurde, oder wenn der Papst
in der Bild-Zeitung steht. Also: Die Kirche verschwindet. Und wenn man dann
zurückkommt in die internen Debatten, dann gibt es schon so was wie ein Fremd-
heitsgefühl, weil man weiß, „draußen“ interessiert das ganz viele eigentlich gar
nicht. Irre. Obwohl die internen Fragen natürlich trotzdem geklärt werden müs-
sen, das ist ja klar. Aber für mich steckt da einfach eine irre Spannung drin.
Und der Glaube?
Der ändert sich. Er wird ohnmächtiger. Im Betrieb gibt es kaum Gespräche über
den Glauben. In den 20 Jahren waren es vielleicht fünf. Es gibt natürlich Gesprä-Einfach mit Solidarität
207
che über Familie, Kinder, über Probleme, auch über Schmerzen, über Krankheit,
Gesundheit, über Tod. Das tangiert natürlich auch religiöse Fragen, aber die ex-
plizite Frage nach dem Glauben ist aus meiner Erfahrung sehr selten. Das ist so
ein bisschen wie Wüste, eine Wüstenerfahrung. Wir kennen ja die christliche
Tradition von Menschen, die in die Wüste gegangen sind, um Gott zu suchen.
Mein Glaube geht sehr, sehr stark in diese Richtung, also weg von der Behaup-
tung von Wahrheiten hin zur Suche nach Gott. Es ist ja auch ein altes biblisches
Motiv, das man von den Propheten und von anderen biblischen Figuren her
kennt, dass Gott sich versteckt, aber dennoch da ist. Das ist auch meine Alltags­
erfahrung, und ich finde es sehr spannend, dass gerade diese Erfahrung in der
biblischen Traditionen durchaus vorkommt.
Ein Priester auf der Suche nach Gott? Als leitender Priester der Gallusgemeinde
werden aber doch sicher Antworten verlangt? Ein Seelsorger sollte doch Stützung
und Wegbegleitung bieten, wissen, wo es lang geht …
Mein Eindruck ist, dass viele Leute es sehr gut hören können, wenn gerade wir
Priester, wir Theologen uns auch mit ihnen als Suchende auf den Weg machen.
Ich erlebe es durchaus, dass die Leute sagen, das hab ich mir auch schon mal
überlegt. Durch die Frage entsteht eher ein offener Raum als durch eine Ant-
wort. Außerdem sagt Ihnen jeder Organisationsentwickler, wer fragt, führt. Su-
chen und fragen bedeutet ja nicht, dass man sozusagen orientierungslos ist, wir
haben ja vorhin so Begriffe genannt wie die Option für die Armen, die stelle ich
nicht ernsthaft in Frage. Ich stelle auch nicht ernsthaft Menschwerdung oder
Auferstehung in Frage. Ich arbeite mich wie alle anderen daran ab. Ich glaube
nicht, dass die Leute von uns erwarten, dass wir den Glauben sozusagen wie ein
Schatzkästchen unberührt durch die Welt vor uns her tragen. Mein Eindruck ist,
wir können auch Glaubwürdigkeit darüber gewinnen, indem wir unsere Traditi-
on kennen, die Schriften lesen, es mit uns tragen und das ins Gespräch bringen.
Natürlich gibt es auch die Momente wo man – etwa am Bett eines Sterbenden – im
Sinne eines Bekenntnisses auch sagen muss: „Mein Glaube ist, dass Sie nicht ins
Nichts hineinfallen.“ Und es gibt auch die Notwendigkeit der prophetischen Aus-
sage. Wo Menschen unterdrückt werden, wo Gesellschaft ausschließt, wo man
wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird, da muss man eingreifen, klar.
Es gibt nur noch wenige Arbeiterpriester zurzeit. Warum ist das so?
Gute Frage. Wir bezeichnen uns heute eher als Arbeitergeschwister, wir sind
in Deutschland heute so 30 Leute, die so angefangen haben, und dann gibt es208
Einfach mit Solidarität
ein Umfeld, einen Sympathisantenkreis von etwa 80 Leuten. Zu den Arbeiter-
geschwistern gehören katholische und evangelische Pfarrer und Priester, Män-
ner und Frauen, Laientheologen, Ordensbrüder und -schwestern, Diakone, ganz
verschiedene Leute. Uns einen Armut, Arbeit, Evangelium. Wir sind eine kleine
Gruppe, keine Massenbewegung, aber eine Bewegung in der Masse.
Das ist der Ansatz. In Frankreich sind es sehr wenige geworden, und das wird
hier auch so sein. Ich bin jetzt Anfang 50, und es gibt noch ein paar wenige hier
in unserer Arbeitergeschwistergruppe, die Mitte 30 sind, jünger wird es dann
eng.
Es ist ja insgesamt so, dass die Kirche schrumpft, und die Zahl der Priester und
der Hauptamtlichen nimmt ab. Also die Gesamtbasis wird kleiner. Dann hat sich
das politische Klima geändert, ich habe ja vorhin ein paar Stichworte genannt,
Lateinamerika war uns wichtig, als wir jung waren, Friedensbewegung, Ökolo-
giefrage, Atomkraftfrage, als katholische Jugend waren wir auch ein Teil davon.
Wir sind da sicher anders sozialisiert worden. Taizé war sehr wichtig, und zwar
so diese erste, deutlich politischere Phase von Taizé, das hat uns geprägt. Wir ha-
ben sehr schnell gefragt, Kirche und Reichtum, wie geht das zusammen? Kirche
und Armut, wo stehen wir? Für was sind unsere Ressourcen da, wo kämpfen wir
mit, wer kann sich auf uns verlassen? Das waren unsere Fragen damals, in un-
serer Gruppe jedenfalls, wir waren ja auch seinerzeit keine Mehrheit, um Gottes
willen, machen wir uns nichts vor!
Wir haben in den letzten Jahren mit jungen Theologinnen und Theologen in ver-
schiedenen Seminaren gesprochen, an verschiedenen Universitäten, in Münster,
in Mainz, hier in Frankfurt, und haben festgestellt, es gibt an dem, was wir ma-
chen, durchaus Interesse. Aber ich habe gemerkt, ein Problem bei dem Ansatz,
auf Karriere und ein tendenziell bürgerliches Leben zu verzichten, ist die Frage
nach der Familie. Etwas für mich zu entscheiden, ist das eine, aber etwa für mei-
ne Kinder zu entscheiden, in ein bestimmtes Viertel zu ziehen anstatt irgendwo
als gut qualifizierter Theologe zu arbeiten, ist das andere, nicht mal die Hälfte zu
verdienen, irgendwo in der Packerei zu arbeiten. Wenn eine Familie dran hängt,
ist das schon eine andere Situation.
Ein weiterer Aspekt: Aus meiner Sicht sind die individuellen Fragen in der Seel-
sorge heute stärker geworden. Wir haben hier einen kleinen Verein, der jungen
Leuten hilft, in eine Ausbildung zu kommen, und unsere Sozialarbeiter sagen
mir, eine der großen Fragen ist, dass die jungen Leute mit 16, mit 18, nicht wis-
sen, was sie machen sollen. Also es dauert länger heute – jedenfalls ist das mein
Eindruck – bis junge Leute klar haben, in welche Richtung sie gehen sollen. Die
Investition in ihre eigene Klarheit ist größer, und deshalb treten vielleicht auch
gesellschaftliche Fragen zurück.Einfach mit Solidarität
209
Und wenn ich an mehr gewerkschaftlich-politische Debatten mit jungen Leuten
denke, dann sagen die uns, wenn eure Generation in einen Betrieb gegangen
ist, da konntet ihr eigentlich davon ausgehen, das ist erst mal sicher, und dann
konntet ihr auch politisch aktiv werden. Für uns ist heute ja fast gar nichts mehr
sicher, und alles ist befristet.
Also: Die gesellschaftliche Situation ist anders geworden, der Wind in der Kirche
ist anders geworden.
Sie sind auch Gewerkschafter. Was halten Sie vom Dritten Weg?
Wenn die Kirche den Dritten Weg will, dann muss sie sich auch konsequent so
verhalten. Ich habe schon den Eindruck, dass das einigen Bischöfen klar ist, dass
Dritter Weg und die Zusammenarbeit mit einer Leiharbeitsfirma nicht zusammen
passen. Wenn ich Sonderrechte haben will, kann das ja nur dann gerechtfertigt
sein, wenn sie sozusagen für die Beschäftigten was Besseres bewirken. Wir sind
als Kirchen ein bedeutsamer Arbeitgeber und wenn wir das Gleiche machen wie
die anderen, also Küchenkräfte ausgliedern, Reinigungskräfte ausgliedern, Min-
destlöhne, wenn überhaupt, bezahlen, dann schafft sich der Dritte Weg selber ab.
Also wenn Dritter Weg, dann richtig.
Grundsätzlich stimme ich eher einer Position zu, wie ich sie ich von Paul Schobel
kenne (früherer Leiter der Betriebsseelsorge im Bistum Rottenburg-Stuttgart, Anm.
d. Red.), der sagt, wenn die Kirche was Vernünftiges machen will, dann soll sie
das Betriebsverfassungsgesetz anerkennen, Gewerkschaften in ihrem Inneren
zulassen und Geist und die Möglichkeiten dieses Gesetzes quasi exemplarisch
vorleben. Wenn ich es richtig weiß, hat allein die Caritas 550 000 Beschäftigte
in Deutschland, das ist einer der größten Arbeitgeber, da kommt ja nicht mal
VW mit. Ob es da richtig ist, diesen ganzen Beschäftigten die Rechte des Be-
triebsverfassungsgesetzes vorzuenthalten, ist für mich eine Frage. Also mein
Plädoyer geht eher dahin zu sagen, die Kirchen akzeptieren das Betriebsverfas-
sungsgesetz. Ausgenommen vielleicht der Verkündigungsbereich, wir müssen
für Priester keine Gewerkschaft schaffen, so wie in normalen Betrieben Leitende
Angestellte ja auch nicht unters Betriebsverfassungsgesetz fallen.
Wer ist Gott für Sie?
Kommt drauf an (lacht). Einer meiner wichtigsten Orte, wo ich hoffe, dass ich
Gott begegne, ist die Eucharistie. Das ist ein sehr wichtiger Ort für mich. Ich
finde es unglaublich genial von Jesus, dass er uns einen Gotteszugang geschaffen
hat über gebrochenes Brot, über geteiltes Brot, ja, also diese ganz einfache Geste,210
Einfach mit Solidarität
sich brechen zu lassen, sich zu teilen, einen Wandlungsprozess in Gang zu setzen,
der uns erfasst, und wo wir anders werden, wo wir hinein genommen werden in
einen Lebensprozess, der Leben schafft für einen anderen und für einen selber.
Das finde ich unglaublich. Gott im geteilten Brot ist für mich ein ganz wichtiger
Zugang. Aber es kommt drauf an, manchmal ärgert Gott mich, weil er mich nicht
in Ruhe lässt, wenn er mir sagt, dass ich vielleicht doch deutlich zu privilegiert,
zu bürgerlich lebe trotz alledem. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass er
ganz barmherzig mit mir umgeht und sagt, ja mach’ mal weiter so, irgendwie.
Es ist unterschiedlich. Und er ist oft jemand der sich nicht wirklich zu erkennen
gibt, also mir zumindest, also, ich bin religiös nicht so begabt, bestimmte religi-
öse Praktiken fallen mir schwer. Aber und ich finde es auch richtig, mit Gott ein
wenig vorsichtig umzugehen. Also ganz zum Schluss bleibt er trotzdem unbe-
greifbar. Wir stammeln, sagt Leonardo Boff, vor dem Unaussagbaren, irgendwie,
und das ist auch so, es gibt so eine Unverfügbarkeit. Vielleicht ist es ja auch das,
was einen suchen lässt und auch fasziniert. Zwischendurch gibt es Phasen, wo
du danke sagen kannst, Gott sei Dank, das ist ja auch gut und auch wichtig. Es
gibt auch Phasen, wo man das Lob gut raus bringt.
Haben sie es jemals bereut, Arbeiterpriester zu werden? Was werden sie jetzt nach
dem Ende bei Neckermann machen? Noch einmal bei einem anderen Betrieb an-
heuern?
In der Zeit, als ich mich dafür entschieden habe, war das eigentlich für mich
die einzige Möglichkeit, Priester zu werden, ich konnte mir das gar nicht anders
vorstellen und war froh, dass unser Bischof das seinerzeit erlaubt hat.
Also ich glaube, ja doch, ich würde es noch mal machen so. In einen anderen
Betrieb zu gehen, das ist schon meine erste Option.
Bruno Sonnen/Thomas Schmidt
„Eine Zeit echter Religionsgespräche beginnt … von aufgeschloßner
zu aufgeschloßner Person. Dann erst wird sich die echte Gemeinschaft weisen,
nicht die eines angeblich in allen Religionen aufgefundenen gleichen
Glaubensinhalts, sondern die der Situation, der Bangnis und der Erwartung.“
Martin Buber, Zwiesprache (1929)Einfach mit Hoffnung
Einfach mit Hoffnung
Hoffnung für das Leben
W
olfgang und ich haben uns im Sommer
2013 über eine Bekannte kennengelernt
und sind uns seit dem immer mal wieder im Bus
begegnet. So auch Ende 2014. Ich hatte zu die-
sem Zeitpunkt schon angefangen einen Text für
dieses Buch zu dem Thema „Glaube, Liebe, Hoff-
nung“ zu schreiben. Nach der letzten Begegnung
mit Wolfgang dachte ich, dass er auch er sehr
viel zu dem Thema erzählen kann und schlug
ihm ein Interview vor. Es fand Anfang Januar
2015 bei mir zu Hause in München statt.
211212
Einfach mit Hoffnung
Corinna: Mir wäre wichtig, dass nicht bloß ich Fragen stelle und du antwortest,
sondern dass das ein Gespräch ist.
Wolfgang: Ja, gerne. Das ist auch eine gute Art, dich kennenzulernen. Ich bin ja
auch ein neugieriger Mensch. Aber den Einstieg musst du machen.
Corinna: Eine Sache, die ich mich gefragt habe, ist: Wie kommst du eigentlich zur
Vineyard-Gemeinde? Bist du da schon lange?
Wolfgang: Ich sag‘s mal so: Ich habe 1998 eine Art Bekehrungserlebnis gehabt.
Damals war ich obdachlos. Was nicht ganz stimmt. Mein offizieller Status war
obdachlos, aber ich hatte eine kleine Hütte im Wald. Die bestand aus einem Zim-
mer, da stand ein Ofen drin, ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl und zwei Plastiksäcke,
einer für saubere und einer für dreckige Wäsche. (lacht) So hab ich gelebt.
Das hat eine ewig lange Vorgeschichte. Ich bin fast sechs Jahre in dieser Hütte
gewesen. Ich bin da so vom Leben reingespült worden: Ich hab meinen Job ver-
loren, meine Gesundheit, meine Freundin – ich weiß gar nicht mehr genau, in
welcher Reihenfolge es passiert ist. In der Zeit hab ich schwere Depressionen
bekommen und den Lebensmut verloren. Aber noch nicht ganz. Es war noch ein
Funke Hoffnung da, dass es irgendwie weitergeht. Damals hatte ich auch eine
ziemliche Drogenkarriere hinter mir und hatte sozusagen alles durch: Heroin,
Kokain, weiche Drogen, Amphetamine… Ich hab mit meinem Körper ziemlich
Schindluder betrieben. Die Depression war auch ein Stück weit die Quittung
dafür. Das waren auch noch Nachwirkungen vom Entzug. Also, so richtig sor-
tiert war ich damals nicht. Und wenn du in einer Situation bist, wo du wenig
Hoffnung hast, dann machst du dir Gedanken, ob es nicht doch eine allgemeine
Hoffnung gibt. Das Wort für allgemeine Hoffnung heißt für mich Gott. Das war
für mich die Frage: Gibt es jenseits der Dinge, die wir mit unsern Augen sehen,
eine Antwort fürs Leben?
Ich hab mit der Gottesfrage eigentlich mein ganzes Leben gerungen. Bei meinem
familiären Hintergrund war die Gottesfrage lächerlich und was noch viel lächer-
licher war, war Kirche. Wenn ich die Leute Sonntagmorgen hab in die Kirche
gehen sehen, sahen die so traurig aus, als gehen sie auf eine Beerdigung, so mit
eingezogenem Kopf… So hat sich mir Glaube dargestellt und das hat sich sehr
lange bei mir eingeprägt. Dabei war ich immer ein neugieriger Mensch und mich
hat das Ganze schon interessiert und – sagen wir mal, Kirche weggenommen
– nur das reine Neue Testament mit diesem Jesus hat mich total fasziniert. Die
Geschichten von Jesus selber fand ich total…Einfach mit Hoffnung
213
Corinna: Woher kanntest du die?
Wolfgang: Aus der Schule halt vom Religionsunterricht. Du musstest ja irgend-
wie am Unterricht teilnehmen. Das war damals noch nicht so wie heute mit
Ethik. Du konntest nicht wählen, du musstest irgendwo sein. Und ich hab dann
am evangelischen Unterricht teilgenommen, obwohl ich nicht getauft war und
nicht dazu gehörte.
Also, das ist die Vorgeschichte. Da ist natürlich in der Zwischenzeit auch viel
passiert. Ich hab schon gemerkt, dass ich die Vorurteile meines Vaters und mei-
ner beiden Großväter übernommen hab und dass ich auch der Kirche und dem
Thema Glauben gegenüber ungerecht war. Das ist mir im Laufe der Jahre schon
bewusst geworden. Auch weil ich andere Menschen kennengelernt habe, die
diese Ausstrahlung, die in meinen Augen so kaputt war, nicht hatten. Ich hab
gemerkt, okay, da gibt es noch andere Spezies in diesem Gemüsegarten. (lacht)
Aber die hab ich als sehr kleine Minderheit empfunden. Und als ich im Wald
gelebt habe, kamen diese Fragen wieder hoch.
Ich hatte ja Zeit nachzudenken, und das wurde für mich zu einer Frage auf Le-
ben und Tod. Mein Lebenswille war nicht mehr so… Ich hing nicht mehr so am
Leben. Also, es hatte wirklich eine gewisse Dringlichkeit, sich mit diesen Fragen
auseinanderzusetzen. Und ja, wenn du sechs Jahre im Wald lebst, dann hast du
Zeit zu lesen. Gott sei Dank gab es eine Bücherei. Im Winter war das der Ort,
den ich ganz gerne aufgesucht habe. Ich hab da gelesen und einfach nochmal
die Bibel studiert. Um die lange Geschichte kurz zu machen: Ich habe irgendwie
entdecken müssen, dass die Wahrheit zu mir gekommen ist. Nicht ich bin zur
Wahrheit gekommen. Von meinem jetzigen Standpunkt aus ist das logisch, aber
damals war es total nicht logisch. Plötzlich hab ich gespürt, da ist auf der andern
Seite etwas oder jemand, der sich nach mir ausstreckt. Dazu gibt es eine Menge
Geschichten, die ich erzählen kann.
Einiges spürt man im Geist, aber das ist nicht so verifizierbar. Ich hatte plötzlich
Gedanken und ein Verständnis, das ich vorher nicht hatte. Und da habe ich ge-
merkt, jemand tritt in Kommunikation mit mir. Aber die Beweislastigkeit, die
habe ich eher auf der praktischen Ebene erlebt. Ich hatte ja nichts. Ganz selten
habe ich für jemanden gearbeitet, aber ich habe auch mal ein, zwei Wochen
nichts zu essen gehabt. Das war für mich eine praktische Übung. Ich wurde
Hungerkünstler. Es kam oft vor, dass ich nichts zu essen hatte und wenn, dann
nur so einen Happen. Klar, ich bin auch mal Flaschen sammeln gegangen, aber
ich war viel zu menschenscheu, um mich groß in der Stadt zu bewegen. Es gab
wirklich Zeiten, da hab ich Menschen nicht ausgehalten. Ich hatte sogar Schwie-
rigkeiten, mich selber auszuhalten. Wenn du viel still bist und von außen keine214
Einfach mit Hoffnung
Reize hast, die dich ständig fordern, dann erkennst du auch viel mehr, wer du
bist. Da haben sich auch meine eigenen Abgründe geöffnet und ich war nicht
so glücklich, da reinzuschauen. Und (lacht kurz), die sind nicht einfach so mit
einem Fingerschnippen verschwunden. Ich musste mich dem stellen. Wenn du
kein Handwerkszeug hast, um damit umzugehen, ist es schwierig. Teilweise war
es mir zu der Zeit nicht möglich, gut damit umzugehen.
Aber es gab für mich so ein paar praktische Gottesbeweise. Klar, habe ich auch
Ausflüge in die Stadt gemacht. Wenn ich ein paar Mark verdient habe, bin ich
auch mal in eine Kneipe und habe mich an die Theke gesetzt. Man gönnt sich
ja sonst nichts. Einmal bin ich mit der letzten S-Bahn zurückgekommen. Ich bin
aus der S-Bahn ausgestiegen und vor mir stand so ein Ziehwagen, weißt du so mit
zwei Rädern, was die Omchen immer so zum Einkaufen haben.
Corinna: Ich hab sowas auch. (beide lachen)
Wolfgang: Ja, mittlerweile ist es gesellschaftlich etabliert, einen Ziehwagen zu
haben, aber damals hatten das nur die Omchen. Und ich stand da so vor dem
Ziehwagen – ich muss dazu sagen, ich war zwar auf ein Bier in der Stadt, aber
ich hatte nichts mehr zu essen. (lacht) Es war nicht immer logisch, was ich getan
habe, aber ich wollte auch nicht immer logisch sein. Und – vor mir stand dieser
Wagen und ich wusste, der ist für mich. Frag mich nicht, woher ich das wusste.
Ich wusste es einfach. Ich hab dann gewartet, bis der letzte Passant weg war.
Weil… man hat ja doch das Gefühl, ich mach hier irgendwas, was vielleicht doch
nicht ganz legal ist. (Corinna lacht)
Aber das war mir, ehrlich gesagt, egal. In der Not fragst du da nicht groß und das
Teil stand da halt einfach rum. Ich hab den Wagen dann in den Wald gezogen und
in meiner Hütte hab ich das Kerzenlicht angemacht und dann hab ich ihn ausge-
packt. Da waren Klamotten drin in meiner Größe, nagelneu und zwar so, wenn
du mir Kohle in die Hand gedrückt hättest, dann waren das genau die Klamotten,
die ich mir gekauft hätte. Das war wirklich auch noch alles mein Geschmack. Ich
war total platt. Und unten war noch eine ganze Tüte mit Lebensmitteln.
Das ist so ein Beispiel. Sowas ist mir nicht nur einmal passiert. Es gab immer
wieder Momente, wo ich nichts mehr hatte und dann kam irgendwas daher. Das
hat sich so aufsummiert, dass ich irgendwann wusste, das sind keine Zufälle.
Da guckt jemand nach mir. Er hat auch manchmal Menschen dafür benutzt. Es
gab eine Frau, die ist in diesem Waldstück immer mit ihrem Hund spazieren
gegangen. Und ab und zu, so alle paar Monate, hing an meiner Tür eine Aldi-Tüte
voll mit Lebensmitteln. Die hatte aber ein wunderbares Timing. (lacht) Das ist
nämlich immer genau dann gekommen, wenn ich eigentlich nichts mehr hatte.Einfach mit Hoffnung
215
Das hat sich über die Jahre hingezogen. Ich weiß noch, einmal hab ich vor Hun-
ger Magenschmerzen gehabt. Da bin ich in Lochham aus der S2 ausgestiegen und
lauf da raus und da stand so ein Beutel mit Pausenbrot. (lacht) Hat einfach da
jemand stehen lassen. Das hat mir für zwei Tage gereicht.
Das sind so viele Geschichten, die ich dir erzählen könnte. Manche hab ich sogar
vergessen, weil es so viele waren. (kurze Pause)
Und klar – man kann natürlich alles in Frage stellen, das ist mir schon bewusst.
Wenn man es nicht selber erlebt hat, dann weiß man auch nicht, wie genial das
Timing war.
Und ich hab auch einmal im Winter nichts mehr gehabt. Ich war ziemlich ver-
zweifelt, weil wenn es kalt ist und du hast nichts zu essen, frierst du einfach sehr
schnell. Ich hatte immer noch einige wenige Kontakte und wollte jemanden be-
suchen. Aber das Klingelschild war ausgewechselt. Es hat mich eh schon Mühe
gekostet, mich zu überwinden, in die Stadt reinzufahren, um mal jemanden zu
besuchen – und dann war die Person einfach nicht mehr da. Da saß ich so ver-
lassen an der Bushaltestelle und es war gerade Schnee gefallen und ich schau so
vor mich auf den Boden und war echt deprimiert. Und da sitz ich da und merke,
wie die Verzweiflung nach mir greift. Wie geht es weiter mit dir, mit deinem
Leben? Das sind Momente, die kennt jeder, der auf der Straße gelebt hat, es sei
denn, du schüttest dich zu. Ich hab halt nicht gesoffen. Alkohol war zwar keine
fremde Droge, aber ich hab immer nur Alkohol getrunken, wenn ich gute Laune
hatte. Von daher gabs keine Hintertür. Ich war halt nüchtern. Und ich schau auf
den Schnee und plötzlich seh ich vor mir so drei kleine Ecken. Ich dachte mir,
das sieht irgendwie aus wie Geld. (lacht) Und dann hab ich in den Schnee reinge-
griffen und drei Zehnmarkscheine gehabt. Einfach so. Ich dachte, das passt jetzt.
Ich war ja sehr genügsam und konnte davon über eine Woche leben. Das war ge-
rade zur Weihnachtszeit und ich hab’s so ein bisschen als Weihnachtsgeschenk
empfunden. Mein Weihnachtsgeld sozusagen. (Corinna lacht)
Das Interessante ist, jeder Obdachlose, der sich dir nach einer Zeit öffnet, kann
dir solche Geschichten erzählen. Heute weiß ich das. Ich kann das sogar theolo-
gisch begründen, dass Jesus – der lebendige Jesus, an den ich glaube – ein ganz
besonderes Herz für Obdachlose hat. Die theologische Begründung ist in der
Bibelstelle zu finden, dass Jesus mal gesagt hat: der Menschensohn, damit hat er
von sich selber gesprochen, hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann. Er hatte
einfach kein festes Zuhause.
Corinna: Die Füchse haben, äh, wie heißt das?
Wolfgang: Das bezieht sich auf was anderes, ich weiß…216
Einfach mit Hoffnung
Corinna: Nein, nein, das ist die Stelle. Die Füchse haben Gruben, aber der Men-
schensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.
Wolfgang: Genau. Also das ist die Geschichte. Und Vineyard, das war ja deine
Frage… Im April 98 haben sich die Dinge für mich verdichtet. Mir ging es gesund-
heitlich sehr schlecht. Ich muss dazu sagen, ich bin ausgebildeter Sanitäter. Ich
kann gewisse Dinge auch selber diagnostizieren. Ich hatte eine Herzmuskelent-
zündung, das wusste ich. Und ich war nicht krankenversichert und hatte auch
nicht das Vertrauen, mich mit meinem Hintergrund in die Arme eines medizini-
schen Apparates zu begeben. Ich hab dann versucht, mich mit natürlichen An-
tibiotika, sprich Knoblauch und Klettenwurzeln und so, zu behandeln. Das war
schon eine haarige Sache, weil ich bin 100 Meter gelaufen und dann musste ich
mich teilweise eine Viertelstunde hinsetzen, damit ich die nächsten 100 Meter
laufen konnte. Ich hab gemerkt, lange darfst du das nicht mehr so machen. Also,
entweder musst du doch einen Arzt aufsuchen, oder… Aber parallel dazu war in
meinem Herzen eine Entscheidung gereift, dass ich einfach einen Glaubensschritt
wagen wollte. Ich hab mit Jesus gesprochen und gesagt „Hier, ich kapituliere“.
Also, kapitulieren heißt für mich, dass ich mein eigenes Ego vom Thron stoße
und dass jemand anders sich auf den Thron meines Herzens setzen darf. Manche
nennen es auch Lebensübergabe. Ich hab Jesus sozusagen einen Stuhl geholt und
gesagt „Nimm Platz!“. Andere erleben da Hochgefühle. Ich hab eigentlich gar
nichts erlebt. Ich hab einfach ganz bewusst eine Entscheidung gefällt und auch
nicht erwartet, dass da ein großer Lichtstrahl vom Himmel kommt. Aber dann
hab ich mir gedacht, naja, vielleicht hast du jetzt was gut bei ihm. Und dann hab
ich ihm gesagt „Du weißt, dass ich ein Wrack bin und mit einem Wrack kannst
du nicht mehr allzu viel anfangen. Und ich weiß, wenn du willst, kannst du mich
heilen und ich bitte dich, tu‘s“. Das hab ich gesagt und am andern Tag bin ich
losmarschiert und nach zwei Kilometern wusste ich, dass ich geheilt bin. So war
das. Das war mein erstes Wunder. Ich meine körperliches Wunder.
Corinna: (lacht) Der Einkaufswagen war ja auch schon ein Wunder.
Wolfgang: Körperliche Heilung ist für mich ein wichtiges Thema geworden, weil
ich das auch immer wieder erlebt habe und weil ich an dem Punkt auch oft
traurig bin, wie wenig Menschen da das Wesen Gottes verstehen. Also, dass Gott
eigentlich unheimlich großzügig ist und gerne gute Dinge tut. Ich hab neulich –
das muss ich kurz einflechten, ja, weil es mir so am Herzen liegt – ein Gespräch
mit andern Christen gehabt und die haben versucht, mir theologisch zu bewei-
sen, dass Gott heute nicht mehr heilt. Manchmal gibt es dann so Situationen, daEinfach mit Hoffnung
217
muss ich versuchen, Tränen zurückzuhalten. Ich denke: ihr redet so, als ob ihr
euren Gott kennt, aber an dem Punkt kennt ihr ihn überhaupt nicht. Wenn du
selber Kinder hast, und ich weiß, Du hast ja Kinder, Corinna, und liebst deine
Kinder und du hättest die Möglichkeit, ihnen zu helfen, du würdest es immer
tun. Verstehst Du? Und Gottes Herz…
Corinna: Aber es gibt ja auch Menschen, die bitten um Heilung und werden nicht
geheilt.
Wolfgang: Ja, da könnten wir jetzt noch ein anderes Interview drüber führen.
Mein Standpunkt ist einfach der: wenn Heilung nicht passiert, dann hat es Grün-
de. Da gibt es doch eine Bibelstelle, wo es heißt, Jesus konnte da nicht viele Wun-
der wirken, um ihres Unglaubens Willen. Und ich empfinde das schon so: Gott
braucht eine Atmosphäre von Vertrauen. Das hat auch was mit seinem Wesen
zu tun. Wenn er so in unsere Sphäre reinkommt und diese Dinge tut, dann gibt
er auch was von sich her und macht sich da in dem Moment vielleicht auch ein
Stück verwundbar. Das sind alles Geheimnisse, die wir von unserm Standpunkt
aus vielleicht noch gar nicht so gut verstehen. Aber was ich sagen wollte: wenn
Gott von sich sagt „Ich bin die Liebe“, dann versteh ich nicht, wie Leute daraus so
eine kranke Theologie ableiten können. Sozusagen: er hat grad was Wichtigeres
zu tun. Und das hör ich oft von Leuten, die meinen, ihn zu kennen. Aber, wenn
Gott groß ist, dann sind ihm auch die kleinen Dinge wichtig. Das hat er mir mal
wirklich im Gebet gesagt. Klar lässt sich wieder alles in Frage stellen, aber ich
hab wirklich mal gehört, wie er zur mir gesagt hat, „Wolfgang denke nie, dass
es Dinge gibt, die für mich zu klein sind“. Ja, das ist das, was mir wirklich am
Herzen liegt: dass Menschen erkennen, dass Gott wirklich an allem interessiert
ist. So groß ist er nämlich. (lacht.)
Corinna: Naja, ich glaub, dass man halt Angst hat, Gott so festzunageln. Das kann
ja auch in Größenwahn ausarten.
Wolfgang: Gutes Thema!
Corinna: Gott sagt mir dies und Gott sagt dir das und Gott macht dies und Gott
macht das. Ich glaube aus Angst, Gott zu vereinnahmen, lehnen manche Leute das
ganz ab. Weißt du, was ich meine?
Wolfgang: Ja, versteh ich total gut. Der erste Grund, den du genannt hast, ist ja
auch ein Grund, warum keine Heilungen passieren. Ich bin ja jetzt verankert in218
Einfach mit Hoffnung
dem, was man, wenn man in Schubladen denkt, charismatische Szene nennt. Ich
mag dieses Wort und diese Begrifflichkeiten nicht so, weil ich damit auch manch-
mal Dinge verbinde, die ich eigentlich persönlich ablehne. Ich kenne schon auch
Menschen, die Gott herbeiwinken wie einen Oberkellner. So nach dem Motto: Du
hast doch in deinem Wort geschrieben, jetzt mach mal. Und Gott lässt das schon
auch mal mit sich machen, weil die Menschen unreif sind und er voller Gnade
und Barmherzigkeit auch für unsere Unreife ist, ja, aber langfristig wird er sich
dem versperren. Das erleb ich schon.
Ich hab das einmal mitgekriegt von einem sehr bekannten christlichen Heiler
durch den auch schon viele Menschen geheilt worden sind. Der ist dann einmal
vereinnahmt worden von einer christlichen Gemeinschaft hier in Süddeutsch-
land. Die haben eine Riesenveranstaltung geplant und die halbe Stadt plaka-
tiert. „Der Gotteswundermann kommt“ so nach dem Motto. Und da ist nicht
eine Heilung passiert. Und ich glaube, weil Gott sich diesem Selbstverständnis
ein Stück weit verweigert hat. Ich bin nicht euer Oberkellner. Und da geht es
um unser Herz, um unsere Haltung und da geht’s um Demut. Es heißt ja auch,
Gott widersteht dem Stolzen. Ich denke Stolz ist das größte Problem, das ein
Mensch mit Gott haben kann. Und das ist ein Grund warum viele Dinge nicht
passieren, die Gott uns eigentlich durch die Bibel zusagt: Weil wir ein stolzes
Herz haben. Und da ist es dann egal, ob du Katholik, Protestant, Freikirchler,
Vineyard oder sonst was bist. Du kannst dich da nicht auf deine Konfession
berufen (lacht), auf deine Theologie, sondern da geht es um deine Beziehung
zu ihm.
Corinna: Hmm.
Wolfgang: Und das ist eine Erfahrung, die mach ich immer wieder. Wenn ich
merke, dass mein Glaube gerade nicht richtig funktioniert, dann frage ich mich
als Allererstes: Bin ich gerade irgendwo stolz? Und meistens werde ich fündig.
Dann kann ich in meinem Herzen sagen: Gott, das war nicht okay und ich bitte
dich einfach um Vergebung.
Corinna: Was meinst du mit Stolz?
Wolfgang: (überlegt und lacht) Allein das wären schon zehn Interviews. Was ich
mit Stolz meine ist, wenn ich z.B. meine Ehre suche. Also…
Corinna: Mir geht das oft so in der Kirche. Ich geh in die Kirche und denke: Ich bin
im falschen Film.Einfach mit Hoffnung
219
Wolfgang: Eitelkeit zum Beispiel…
Corinna: Ja, das ist so eine Sache.
Wolfgang: Mir fällt jetzt gerade ein ganz wichtiger Punkt von Stolz ein. Stell dir
vor, du bist total begabt und talentiert.
Corinna : Hmm.
Wolfgang: Natürlich ist es da auch dein Job, was draus zu machen. Aber am
Ende hast du das alles geschenkt bekommen. Du bist gut mit den Geschen-
ken umgegangen, du hast damit gearbeitet, aber die Talente und Begabungen
selber, die hat dir Gott einfach in dein Leben reingelegt. Und viele Menschen,
die stark sind, bilden sich da weiß Gott viel drauf ein, ohne zu erkennen, dass
das alles geliehen ist, woraus sie leben. Und der Geber, der ihnen diese Dinge
gegeben hat, der hat den Dank verdient. Und klar, wenn wir gut umgehen mit
dem, was Gott uns schenkt, ist das auch schon eine Würdigung wert. Die Bibel
sagt ja auch, dass wir gute Haushalter sein sollen. Aber am Ende ist es immer
das, was wir vorher von ihm bekommen haben. Und ich wundere mich dann
manchmal, wenn Leute so mit stolz geschwellter Brust durchs Leben marschie-
ren. Auch gläubige Leute, ja, die wo du denkst… und die schaun dann auf an-
dere herab, die es nicht so raffen, also die nicht so gut funktionieren und die
werden dann so herabgewürdigt. Aber ich denke, Gott sieht das alles mit ganz
andern Augen.
Ich hab mal so ein Beispiel bekommen: Jeder Mensch hat einen Rucksack, mit
dem er rumläuft, da ist so sein Lebensschicksal drin, der Schmerz, die Versäum-
nisse der Eltern, die Versäumnisse der Umwelt und noch viel mehr. Und wenn
du jetzt jemandem mit so einem Rucksack auf einem Berggipfel antriffst, dann
hat ihn das wirklich was gekostet, da rauf zu kommen. Und dann stehn vielleicht
Leute mit stolz geschwellter Brust daneben, die haben vielleicht nichts in ihrem
Rucksack drin und schauen verächtlich auf den durchgeschwitzten, zerrissenen
Typen, der da nebendran steht und der gerade aus letzter Kraft den Weg hinter
sich gebracht hat. Im Grunde genommen ist es so lächerlich mit Gottes Augen
gesehen. Gott hat da ganz andere Maßstäbe. So finde ich das. Mir ist es wichtig,
die Menschen so zu sehen, dass ich erstmal überhaupt nicht werte und richte
und beurteile, sondern erstmal zu spüren, wie sie sind. Warum sind sie so.
Eine wunderbare Geschichte: wir haben vor etlichen Jahren mal die Vineyard
renoviert. Da sind auch Arbeiten mit dabei gewesen, die keiner gern macht, wie
zum Beispiel Putz von der Decke klopfen. Und ich lag mit dem Rücken auf dem220
Einfach mit Hoffnung
Gerüst und habe Putz von der Decke geklopft und das war super, super anstren-
gend. Das sind allein unten in der Cafeteria 200 qm Decke. Verstehst Du? (lacht)
Und zehn Meter weiter stand einer, der … ich war schon versucht, auf den her-
abzuschauen. Nicht einfach, weil ich auf dem Gerüst war, sondern weil er auch
kaum vorwärts gekommen ist, obwohl er stehend klopfen konnte. Und ich liege
auf dem Gerüst, mir ist dabei der Dreck ins Gesicht gefallen. Aber – ich habe ge-
merkt, mein Herz stimmt nicht, so wie ich ihn anschaue. Und das war irgendwie
so, als ob Gott zu mir gesagt hat: „Wart‘s ab!“ Klar war das ein bisschen nervig,
weil der die ganze Zeit mit mir reden wollte. Ich wollte aber nicht reden, ich woll-
te arbeiten. Und irgendwann dreht er sich so um und sagt: „WWWWWolfgang
ähm kkannstkkannst du mir vvielleicht sssagen, wo meine Staubmaske ist?“
Ach nee, hab ich gedacht. „Du, die hängt dir um den Hals.“ Und: „Auauauau,
Entschuldiggung.“ Ja und ich so „Oah“. Der hat mich einfach genervt. Erst viel,
viel später habe ich erfahren, dass er zwei chronische Krankheiten hat, unter
der Menschen schon von einer Krankheit zerbrochen sind. Und in dem Moment
denkst du: oh Gott, der hat aber einen fetten Rucksack, den möcht ich nicht tra-
gen. Und plötzlich siehst du so einen Menschen mit ganz andern Augen. Ich habe
immer gemerkt, wenn meine Herzenshaltung in die Richtung offen ist, dann hat
Gott auch dafür gesorgt, dass ich an Informationen komm, die mich bestätigt
haben…
Corinna: Ja, ich kenn das.
Wolfgang: Und…
Corinna: Ich kenn das. Ich habe manchen Menschen eine innere Abwehr gegenüber
und manchmal auch Vorurteile und denke irgendwas über die… weißt du. Irgend-
was bringt mich oft dazu, trotzdem freundlich zu sein. Und dann kippt das um, und
ich kann den Menschen ganz anders sehen. Aber erstmal: die Vorurteile sind schon
da. Das ist auch ein Teil von mir. Es gibt aber irgendwas, was mich immer wieder
davor zurückhält, das so stehen zu lassen. Eigentlich denke ich, ich bin jemand, der
keine Vorurteile gegen Ausländer hat. Aber wenn eine Gruppe Roma in den Bus
steigt und die drängeln sich so alle um mich, denk ich (lacht) hoffentlich beklauen
die mich jetzt nicht. (beide lachen) Obwohl ich noch nie beklaut worden bin!
Ich hab wirklich schon Situationen erlebt, wo ich mich hinterher geschämt hab für
diese Gedanken, weil die…
Wolfgang: Kenn ich genauso. (Schweigen) Obwohl, ja, obwohl ich‘s auch gut ver-
stehn kann.Einfach mit Hoffnung
221
Corinna: Es passieren ja auch Taschendiebstähle. Aber das ist halt dieser Blick, mit
dem man Menschen zuerst anguckt und sie gleich einsortiert.
Wolfgang: Das Interessante ist ja auch die Art, wie du Menschen anschaust, die
verändert sie. Wie du über Menschen denkst, das kann sie schon verändern ohne
dass Interaktion zwischen euch da ist.
Corinna: Ja.
Wolfgang: Ich glaub nicht an so eine liberale Naivität, die wir ja teilweise auch
in der Gesellschaft hier pflegen. Diese political correctness gegenüber allem und
jedem, daran glaub ich nicht. Ich denke, es gibt auch Dinge, die hier schützens-
wert sind und die muss man nicht jedem ausliefern. Aber das ist immer eine
Frage, wie du mit den einzelnen Menschen umgehst. Ja. Und da merke ich schon,
es kann was sehr Befreiendes sein, wenn dir plötzlich jemand gegenüber ist, der
dich einfach anders sieht. Ich bewege mich ja heute in einem bürgerlichen Um-
feld. Aber viele wissen natürlich, okay, der war mal ganz anders unterwegs. Und
du merkst schon, dass bei manchen von denen auch echt was hängen geblieben
ist. Teilweise ja auch nicht unberechtigt. Ich habe mich manchmal auch sehr
chaotisch verhalten. Das sind ja echte Anpassungsschritte, die man macht, wenn
man aus dem Wald in so eine bürgerliche Welt kommt. Du bist nicht von heute
auf morgen zivilisiert. (lacht) Das war ich eh nie so ganz. Ich bin eigentlich ein
Mensch, der nicht so wirklich erzogen worden ist.
Corinna: Ich hab auch bei Sven ganz lange das Gefühl gehabt, auch als wir schon
zusammen waren, als er hier schon gewohnt hat, dass er diesen Blick von andern
Leuten auf ihn als Obdachlosen noch mit sich rungeschleppt hat. Das hat so richtig
an ihm geklebt. Er reagierte oft total distanziert auf andere Menschen. Im Grunde
ist das auch eine Abwehr, von dem was er auch erwartet hat, was andere an ihm
wahrnehmen, glaub ich. Jetzt fällt das langsam ab und er wirkt viel freier.
Wolfgang: Ja, das ist manchmal auch ein Schutz. Wenn man Angst vor Ablehnung
hat, nimmt man automatisch Dinge an, die nicht unbedingt vorhanden sind.
Corinna: Ja, aber auch wenn das mal real war, schleppt man diesen Blick anderer
Menschen noch eine Weile mit sich rum. Du hast ja gesagt, die Blicke können wirk-
lich was mit einem machen.
Wolfgang: Ja. Das glaub ich auch, ja. (Schweigen.)222
Einfach mit Hoffnung
Corinna: Erzähl mal weiter, wie du dann zu Vineyard gekommen bist.
Wolfgang: Schritt für Schritt fing ich an, als Mensch aufzuwachen. Ich konnte
wieder Hoffnung schöpfen und hab dann auch Initiative ergriffen. Damals gab es
auf der Hackerbrücke noch einen Flohmarkt. Da hab ich mir einen festen Stand
eingerichtet und dann jedes Wochenende Geld verdient. Dann – wie soll ich sa-
gen – fing ein bisschen Wohlstand an bei mir einzuziehen.
Corinna: Was hast du da verkauft?
Wolfgang: Ach alles Mögliche. Bücher…
Corinna: Wie bist du zu den Sachen gekommen?
Wolfgang: Organisiert. Teilweise hab ich das verkauft, was andere weggeschmis-
sen haben. Man muss nur wissen, wo das Zeug landet. Wir leben nun mal in ei-
ner Wohlstandsgesellschaft, wo Leute auch Dinge wegwerfen, die noch was wert
sind. Ich hab auch ein bisschen Glück gehabt und manchmal das richtige Wetter
erwischt. Es gab so Zeiten, wo ich gemerkt hab, jetzt kommt schlechtes Wetter,
dann habe ich halt eingepackt und bin rumgelaufen und habe noch Sachen ganz
günstig eingekauft. Weil ich wusste, jetzt ist nicht so die Zeit zum Verkaufen,
sondern zum Einkaufen. Ich hab mein Geld sozusagen reinvestiert und so bin ich
zu einem kleinen Wohlstand gekommen.
Ein Erlebnis möchte ich einfach erzählen, weil es so eine witzige Geschichte ist.
Ich hab da noch in meiner Hütte im Wald gelebt. In meinem wilden Vorleben
habe ich ja nicht nur Drogen genommen, ich hab mich auch im Zockermilieu be-
wegt. Sprich, ich hab auch mal fast ein halbes Jahr nur von Pferdewetten gelebt.
Und ich kannte mich auch wirklich gut aus. Teilweise bin ich viermal die Woche
auf der Rennbahn gewesen und hab den Pferden beim Training zugeschaut. Das
ist aber nur die Vorgeschichte. Das war 1998 vor Weihnachten. Da war ich schon
sozusagen mit Jesus unterwegs und an dem Tag hatte ich ziemliches Fieber und
es war der letzte Flohmarkt vor Weihnachten. Und ich wusste, oh Mann, in der
Hütte schaff ichs nicht mehr und vielleicht auch nicht mit dem Fieber auf den
Flohmarkt, weils mir so schlecht ging. Damals hat ein Bekannter mir angeboten,
bei ihm zuhause zu übernachten. Das hab ich dann doch angenommen, weil
wenn du so fiebrig bist, ist es nicht so lustig. Die Hütte war nicht isoliert, also
da musstest du ständig durchheizen und nach drei Stunden war es wieder kalt.
Nicht so toll, wenn du krank bist. Mein Bekannter hat damals eine Wohnung am
Petuelring gehabt und ich war noch in der U-Bahn, und plötzlich hör ich, wieEinfach mit Hoffnung
223
eine Stimme zu mir sagt „Wolfgang, steig aus“. Ich hab das nicht auditiv gehört,
sondern so im Geist, aber es war ganz klar, das ist nicht meine Stimme. Und ich
hatte in dem Moment einen starken Verdacht, dass das Gott ist. Ich hatte schon
Zweifel, was ist das jetzt, mit meinem Fieberkopf, spinne ich? Aber dann habe
ich einfach gedacht: Nee, es ist Gott, ich steig aus. Das war da auf der Höhe von
der Giselastraße und ich war natürlich verwirrt und dachte, was hast du jetzt
für einen Scheiß gemacht? Es war ja schon spät, ich musste ins Bett. Freitag-
abend, weiß ich noch, weil Samstag hatte ich ja den Flohmarkt. Und dann sagt
die Stimme zu mir: „Wolfgang geh da hoch“. (beide lachen) Und dann stand ich da
so und dachte okay, scheint mir kein Fieberwahn zu sein. Das wirkte doch alles
recht nüchtern. Dann bin ich so die Rolltreppe rauf und stand da oben „So, was
jetzt?!“. Dann sagte dieselbe Stimme zu mir „Wolfgang, geh zum Buchmacher in
die Leopoldstraße“. Den gibt’s auch heute noch. Das ist ein Pferdewettbüro, das
nannte sich damals Buchmacher Springer. Freitagabend wusste ich, brauchst du
eigentlich nicht zum Buchmacher gehen. Da sind nur zehn langweilige Rennen
in Recklinghausen, das war für Zocker eigentlich eine unattraktive Bahn, weil
fast immer nur die Favoriten gewonnen haben. Da gabs keine Quoten, sagt man
im Zockerjargon. Und ja, wenn Gott das zu mir sagt, dann geh ich jetzt trotzdem
dahin. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Gott wollte, dass ich eine Pferde-
wette abgebe. Das hat damals meinen Horizont noch ein bisschen überstiegen
und schien mir unseriös. (beide lachen) Auf jeden Fall hab ich dann gedacht,
ey, keine Ahnung, was ich jetzt hier soll. Nachts um halb elf in einem Buch-
macherladen sitzen lauter frustrierte Typen, die Geld verloren haben, weil die,
die gewonnen haben sind schon alle weg. Und (lacht) überall liegen zerfetzte
Wettscheine und Rennprogramme. Es ist wirklich ein ganz tristes Erlebnis, also
wenn du Depressionen kriegen willst, dann solltest du dich um diese Uhrzeit
mal bei einem Buchmacher reinsetzen. Nicht so lustig. Aber ich saß dann da und
hab mir einen Kaffee am Automaten gezogen. Ich hatte zwar ins Wettprogramm
reingeschaut, hatte aber nicht den Eindruck, dass ich zocken soll. Dann hab ich
mir gedacht: kannst ja nicht erwarten, dass gleich auf die Schnelle was passiert.
Ich hab mich hingesetzt. Und dann saß ich da und plötzlich kommt ein Typ auf
mich zu und sagt, „Hey, ich kenn dich doch. Du machst doch Flohmarkt.“ Dann
sag ich „Ja“ und er „Weißt du, ich hab dahinten eine Tasche mit eigentlich ganz
guten Sachen. Magst du mir die nicht abkaufen? Weißt du, ich hab grad 700 Mark
verspielt.“ Und ich so „Äh, ja, hm, Pech – ja. Zeig doch mal.“ Und dann kam er
da mit der Tasche an und ich hab reingeschaut. Da war ein ganzer Stapel mit
richtig guten Postkarten drin. Ich hab mir natürlich nichts anmerken lasse, weil
es gleich den Preis in die Höhe treibt, wenn du dich freust. Da waren wirklich
ein paar echt schöne Sachen drin. Was ich noch am Stand hatte, war nicht mehr224
Einfach mit Hoffnung
so der Bringer. Ich dachte, wenn ich dafür noch ‘n Hunderter krieg, dann ist das
echt ein Wunder.
Ich hatte 160 Mark einstecken, mein letztes Geld, dazu kurz vor Weihnachten…
Ich sage „Was willst du denn haben für die Tasche?“ Da sagt er „160 Mark“. (lacht)
Und ich „Oh Gott!“ Dann hab ich ein bisschen gefeilscht. Zum Schluss hat er mir
die Tasche für einen Hunderter gegeben. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich
gesund genug bin, am nächsten Tag da anzutanzen. Ein bisschen Puffer brauche
ich noch. Am andern Tag bin ich durch mein Fieber sogar zu spät gekommen und
hab den Stand verspätet aufgebaut. Und am Ende des Tages hatte ich mit dem
Schrott, den ich am Stand hatte, über 300 Mark gemacht. Und mit den Sachen
aus der Tasche 450 Mark.
Ich nehm diese Geschichte jetzt als Beispiel, ich habe sowas nicht nur einmal
erlebt. Wo eine Stimme ganz klar zu mir gesprochen hat, Wolfgang mach das und
das. Und du denkst erstmal: Spinnst du? Da muss ich jetzt auch Werbung machen
an die unbekannten Leser: es gibt einen dreieinigen Gott und der Heilige Geist
ist wirklich der Mittler solcher Geschichten, ja über den läuft das. Das Problem
ist, in der Kirchengeschichte wurde der Heilige Geist in einen anonymen Spiral-
nebel verwandelt, der irgendwie Angst macht, weil er nicht so greifbar ist. Der
Heilige Geist, da wirbt ja die Bibel richtig für: der ist Tröster, der ist Ratgeber, der
ist Kraftgeber. Das hab ich immer wieder erlebt und dafür möchte ich jetzt auch
an dieser Stelle Werbung machen. Dass sich Leute dafür öffnen.
Corinna: Hier in diesem Buch (Geschwister erleben) gibt’s auch Beispiele von sol-
chen Geschichten.
Wolfgang: Ja, freu ich mich drauf.
Corinna. Ich glaub das auch, das sind Sachen… also entschuldige bitte, dass ich dich
unterbrochen habe.
Wolfgang: … wir haben ja einen Dialog vereinbart.
Corinna: Ich glaube, das sind Sachen, die man einfach auch so stehn lassen kann.
Wenn man zuviel da drin rum bohrt, kommt man auch nicht weiter. Ich denke es
ist gut, sich einfach zu freuen, was passiert ist.
Wolfgang: Diese Geschichte habe ich auch nur als Beispiel genommen. Ich habe
noch abgefahrenere Sachen erlebt. Das will ich jetzt hier nicht so preisgeben. Ich
will nicht in so eine Schublade gestopft werden…Einfach mit Hoffnung
225
Corinna: Ja, ja, ich versteh das.
Wolfgang: … ich bin hier der Wundermacker. Das ist ja überhaupt nicht so. Ich er-
lebe es halt einfach. Aber ich sitz nicht jeden Tag da und denke, hey, jetzt musst
du ein Wunder tun. Die passieren einfach als Beigabe. Und es klingt komisch,
… aber es ist so. Ich hab mich wirklich an Wunder gewöhnt. Aber im positiven
Sinne, weil ich weiß, Gott ist ein großzügiger Gott. Der macht das auch nicht
immer abhängig davon, ob wir alles richtig machen. Ja, wenn es danach ginge,
sähe es gar nicht so gut aus. Ich mache viel falsch, aber ich weiß, dass er mein
Herz kennt. Und dass es mir wirklich darum geht zu lieben, weil das einfach sein
Willen ist. Und das mach ich mal besser, mal schlechter. Ich glaube nicht, dass
wenn du irgendwann vor Gott stehst, er dich fragt „Warst du Katholik? Warst
du Protestant?“ Ich glaube die wichtigste Frage, die er stellen wird, ist: „Hast du
gelernt zu lieben?“.
Corinna: Hmm.
Wolfgang: Ja und das ist, was er uns eigentlich zeigen will, wie das funktioniert.
Und das kann bei jedem Menschen auch ein Stück weit anders funktionieren.
(Kurzes Schweigen) Ja genau, Vineyard… Langsam nähern wir uns der ersten
Frage sozusagen (beide lachen). Als ich damals mein „Übergabegebet“, um beim
christlichen Klischee zu bleiben, gesprochen habe, kannte ich Christen, ich
kannte auch Freikirchler und es war nicht so, dass mich jede Begegnung wirk-
lich positiv beeindruckt hat. Einiges hat mich sehr abgeschreckt. Ich hab auch
gemerkt, dass es auch in diesem sogenannten lebendigen Christentum starke
Strömungen von Angst gab. Das war für mich eigentlich ein Widerspruch in sich.
Also, hallo, wenn ich jemandem vertraue, warum muss ich mich dann von Angst
regieren lassen? Bei manchen Gesprächen, die ich mit Leuten über das Thema
Glauben hatte, habe ich gemerkt, dass die sich selber mehr überzeugen mussten
wie mich. Also ich habe gemerkt, die glauben gar nicht wirklich, was sie mir
versuchen zu erzählen. Das wirkte dann unwahrhaftig auf mich und ich hab mir
gedacht: irgendwas stimmt da nicht. So gut wie sie ihn behaupten zu kennen,
kennen sie ihn doch gar nicht.
Manchmal hab ich gedacht: es gibt ja diese alten Western, wo der Revolverheld
ein paar Kerben im Revolver hat. Es gab Leute, die waren unterwegs nach dem
Motto: Ich muss jetzt jemanden bekehren. Das war wie ein Zwang. Für mich
hatte das was ganz Zwiespältiges. Ich möchte nicht eine Kerbe in irgendeinem
Revolver sein. Ich wollte auch nicht – und das will ich auch heute nicht – dass
das andere bei mir sind. Ich hab schon eine Botschaft und glaube dass es wichtig226
Einfach mit Hoffnung
ist, was ich zu sagen habe. Aber ich muss es nicht jedem, der es nicht hören will,
zwanghaft unter die Nase reiben.
Ich habe erlebt, dass solche Situationen auch sehr respektlos sein können. Weißt
du, ich hab eine Szene in der U-Bahn erlebt. Da ist dann jemand eingestiegen, der
hat was von Weltgericht und Apokalypse und dass die Menschheit nicht mehr
lange hat in einem heftig-drohenden Ton ausgerufen. Einerseits hab ich mir ge-
dacht: Schon mutig wie du jetzt so daher kommst. Andererseits war es so, als ob
sich in einer Sekunde eine Wolke von Angst und Unmut auf die Leute legte. Das
wirkte so finster, das war so ohne Liebe, ohne Licht. Ich habe gedacht, ja im Prin-
zip mag das stimmen, was du sagst, aber irgendwas stimmt trotzdem nicht. Und
dann bin ich aufgestanden und hab zu ihm gesagt: „Liebst du die Menschen?“ Ich
hab ihn einfach gefragt und dann kam sein „Bist du wiedergeboren?“ Das bezieht
sich auf das dritte Kapitel im Johannesbrief, und ich hab gesagt „Moment mal,
ich hab die erste Frage gestellt“. Ich bin dann auch hart geblieben und hab gesagt
„Liebst du die Menschen?“ und er hat mir nicht geantwortet. Ich hab mich des-
wegen geärgert, weil er sagte „Bald geht hier alles vor die Hunde“, und da sagte
eine Frau neben mir „Ja, hoffentlich bald“. Wo so ihr ganzer Lebensfrust aus ihr
rausbrach und wo ich gedacht hab, du weckst mit diesen Bemerkungen hier was
Falsches in den Menschen. Das finde ich ganz schwierig, da streit ich mich auch
immer wieder gerne mit Christen drüber.
Corinna: Man kann ja jede Religion verzerren.
Wolfgang: Ja. Aber jetzt nähern wir uns wieder langsam der Vineyard. Ich hab
irgendwann zufällig Leute kennengelernt bei einem Fest zur Ehre Gottes. Das ist
ein überkonfessioneller Gottesdienst, der einmal im Jahr stattfindet, da kommen
ganz viele Gemeinden zusammen. Da hab ich Leute von der Vineyard kennenge-
lernt. Ich hatte schon so eine Sehnsucht auch Kontakte zu normalen Leuten zu
haben. Ich war nur noch befreundet mit Außenseitern, bis auf zwei Hundeda-
men, die mich vom Wald her kannten. Ansonsten kannte ich nur Freaks. Eigent-
lich wollte ich das schon durchbrechen, aber dann hab ich gedacht, dann geh ich
zu diesen „Jesus-Freaks“.
Ich hab damals in viele christliche Gemeinschaften reingerochen und eine Ge-
meinschaft gesucht, die keine fest abgegrenzte Theologie hat. Auf der einen Seite
glaube ich, dass Gott sich in manchen Aussagen wirklich festlegt, auch wenn
Menschen damit ein Problem haben. Das ist auch nichts Negatives. Das ist die
eine Seite. Die andere Seite ist, dass es so viele Feinheiten gibt und ich denke:
Kommt es denn wirklich darauf an, sich in jeder Einzelheit voneinander un-
terscheiden zu müssen? Da behagt mir an der Vineyard-Bewegung sehr, dassEinfach mit Hoffnung
227
es innerhalb dieser Strömung ganz konträre Denkweisen gibt. Wir haben zum
Beispiel eine katholische Vineyard-Gemeinschaft in Ravensburg. Es behagt mir,
dass du nicht einen festen Lehrsatz zu glauben hast.
Natürlich gibt es noch mehr Gründe, warum ich da bin. Einmal weil das Thema
Heilung und Gnadengaben eine starke Betonung hat und ich finde, es ist wichtig
für diese Zeit, dass das neu gelebt wird. Ich glaube, das Elend der Welt ist so groß
geworden und es gibt so viele Krankheiten, es wäre einfach todtraurig, wenn wir
das, was uns Gott da hinhält, nicht nutzen würden. Das ist so ein Grund, warum
ich gerne da bin, weil ich mich generell zu dieser Richtung hingezogen fühle.
Ein dritter Grund ist, dass ein starkes Herz da ist für die Nicht-Privilegierten in
der Gesellschaft, für Menschen, die sozial benachteiligt sind, sogenannte Rand-
gruppen. Da ist ein wichtiger Schwerpunkt von allen Vineyards auf der Welt.
Es hat sich im Laufe der Jahre auch hier in München Einiges getan, wo ich auch
mitgewirkt habe. Wir haben zum Beispiel zehn Jahre an der Isar ein Fest für
Obdachlose und Drogenabhängige gemacht.
Corinna: Davon hat mir Gabi erzählt.
Wolfgang: Da waren manchmal fast 150 Leute. Da hinzukommen war schon eine
halbe Weltreise für manche. Wenn du weißt, dass die Leute normalerweise einen
Radius von einem Kilometer haben, dann war das schon ein Wunder, dass so
viele Leute aufgekreuzt sind. Und wir haben da schöne Sachen erlebt. Das war
ein Experiment. Im Nachhinein muss ich sagen: Zehn Jahr Isarfest auf der Ober-
föhringer Isarinsel und nicht eine Schlägerei. Und das bei dem Gewaltpotential,
das einzelne Leute schon mitgebracht haben. Wir haben gute Gespräche mit den
Leuten gehabt. Aber es war ein Experiment und jetzt machen wir es seit drei Jah-
ren nicht mehr. Einige Helfer, die notwendig waren, das Ganze zu gestalten – und
das haben wir schon teilweise auch sehr aufwendig gemacht – sind nicht mehr
da. Aber das hat schon Spaß gemacht. In einem Jahr hatten die, glaub ich, drei-
oder vierhundert Jahre Knast zusammen auf einem Fest. (lacht) Einmal kam die
Polizei und hat ganz erstaunt geguckt und gefragt „Was machen Sie denn hier?“
Aber das war ja ein offizieller Grillplatz. Wir haben nichts Verbotenes gemacht.
Ich hab gesagt, „Wir machen hier einmal im Jahr ein Fest, das sind alles Obdach-
lose, Strafentlassene…“ Dann guckte mir der eine offen ins Gesicht und meinte
„Wissen Sie, dafür schauts hier aber echt ordentlich aus“. Und dann sind die
gefahren und waren nie wieder gesehen. Das war wirklich erstaunlich. Einer
von den Junkies ist zwischendurch rumgegangen und hat aufgeräumt, ohne dass
ihn jemand darum gebeten hat. Da haben Leute immer wieder Eigeninitiative
ergriffen.228
Einfach mit Hoffnung
Und wie gesagt, ich habe in mehrere christliche Gemeinschaften reingeschnup-
pert, weil ich wusste, Gott will, dass ich mir eine Gemeinschaft suche. Als ich
damals mein Übergabegebet gesprochen habe, habe ich gefragt „Wie ist denn
das? Muss ich jetzt zu diesen Christen?“ Das war nicht nur mit Freude gefragt,
sondern so ein bisschen oje, was kommt da auf mich zu? Ich jetzt so frisch vom
Wald, nicht domestiziert, nicht zivilisiert… Dann kam die Antwort „Du bist doch
jetzt selber einer“.
Das Gespräch lief noch eine ganze Weile weiter, obwohl wir dann beschlossen, die
Aufnahme zu beenden. Wir aßen zusammen Mittag und sprachen noch über die so-
zialen Projekte der Vineyard-Gemeinde, besonders die Betreuung von Gefangenen
in der JVA Stadelheim und die Ausgabestelle der Münchner Tafel. Ein paar Tage
später rief Wolfgang mich an und sagte, ihm sei noch ein wichtiger Grund einge-
fallen, warum er zur Vineyard-Gemeinde gehört. Es sei die besondere Form der
Anbetung, die dort gepflegt wir und die ihn sehr anspricht. Sie sei ein Gebet, das
sich oft wie eine Blume entfaltet und ihn die Gegenwart Gottes spüren lässt.
Vieles von dem, was Wolfgang sagte, klang in mir noch nach. Er hat in diesem Ge-
spräch Antworten auf Fragen gegeben, die ich ihm gar nicht gestellt habe – Fragen,
die mich schon einen längeren Zeitraum beschäftigten. Wir haben dann noch ein
paar Mal kurz miteinander telefoniert. Mit einer Sache, die mich über einen länge-
ren Zeitraum nicht losgelassen hatte, konnte ich nun Frieden schließen. Danke!
Corinna von Stackelberg / Wolfgang RumpfEinfach mit Frieden
229
Einfach mit Frieden
Frederiks Frage
D
ie vier Tage vor Weihnachten habe ich heuer in Berlin verbracht, in der
Naunynstraße, in der Herwartz-WG. Begonnen hat meine Erfahrung mit Ex-
erzitien auf der Straße im letzten Sommer. Mit Jugendlichen hab ich dort wie
jedes Jahr eine Woche in Taizé verbracht, meiner spirituellen Oase. Bei einem
Gespräch mit unserem Familienfreund Bruder Andreas kam es also dazu, dass
er mir von einem Christian Herwartz zu erzählen begann und was dieser in Ber-
lin für neuartige Form der Gottsuche anbietet und lebt. Ich hab sofort Feuer und
Flamme gefangen und informierte mich, daheim angekommen, kurz und schrieb
unbekannterweise Christian Herwartz eine Mail, dass ich gerne die Tage vor
Weihnachten nach Berlin kommen möchte, um Gott zu suchen. Was war es nun,
wofür ich Feuer und Flamme schlug?230
Einfach mit Frieden
Ich hörte in Taizé also von den Exerzitien auf der Straße. Einer so erstaunlichen
lebensnahen und absolut modernen Form der Gottsuche. Das war mir sofort klar.
Meine persönliche Überzeugung – Gott hat sich nicht hinter Kirchenmauern ver-
steckt und Jesus ist dorthin gegangen, wo Menschen waren und hat nicht in lee-
ren Räumlichkeiten gesessen und gewartet – verdichtete sich mit diesem Begriff
Exerzitien auf der Straße. Ich stand nach einigen sehr turbulenten Tagen und
einer langen Anreise vor dieser beschmierten Haustür in der Naunynstraße und
trat ein, und das, was ich beim Mitleben in der WG von Christian erleben durfte,
übertraf alle meine Erwartungen. Ich fühlte mich schon lange nicht mehr so
schnell wo so daheim.
Natürlich war ich mit einer Frage nach Berlin gekommen. Etwas, das mich sehr
beschäftigte. Ich war mit dem Verhältnis zwischen meinem Papa und mir un-
zufrieden, beide sind wir Theologen, beide innovativ und kreativ und stur und
unfähig über solche Sachen zu sprechen. Christian ließ mich gleich am ersten
Abend eine Frage für den nächsten Tag formulieren, die dann lautete: „Wo bist
du, der mich ernst nimmt?“
Und was passiert an meinem ersten Tag der Exerzitien? Ich stehe wieder an der
Haustür der Naunynstraße und plötzlich steht Bernd neben mir und fragt, ob wir
nicht gemeinsam Zeit verbringen wollen. Wir gehen stundenlang oft schweigend
durch Berlin. Irgendwann sind wir in einer Straße, und Bernd meint, dass hier
seine Tochter wohne – ob ich Lust hätte, mitzugehen. Das mache ich. Und was
erlebe ich während des Tees in der Wohnung der Tochter? Genau diese Vater-
Tochter Situation, die mich so beschäftigt. Bernd klärte für mich meist schwei-
gend ganz viele Fragen. Nach einem langen Gespräch abends mit Christian, hatte
ich resultierend aus den Antworten des Tages, meine nächste Frage formuliert
– Was verbindet meinen Papa und mich – wo sind wir uns ähnlich, wovor haben
wir beide Angst? Und ich gehe noch keine fünfzehn Minuten durch Berlin und
stehe vor einem geschlossenen Buchladen, in dem im Schaufenster ein Buch mit
dem Titel „Der Feind meines Vaters“ liegt…
Ich habe diese Tage so sehr genossen – das Wohnen in der WG mit Menschen,
die mir scheinbar selbstverständlich das Gefühl einer tiefen Herzlichkeit gaben
und mein aufmerksames durch die Straßen einer fremden Stadt Ziehen – ohne
Angst und Vorurteile, mit einer kindlichen Neugierde, die mir so oft abhanden
kommt.
Ich bin Mutter von zwei Söhnen. Ich kam in der Nacht vor Weihnachten von mei-
ner Gottsuche in Berlin heim und weckte dann in der Früh Frederik auf, er ist 7
Jahre alt. Und er hatte die Augen noch gar nicht auf, sein ganzes Gesicht strahlte
mich an und er fragte verschlafen: „Hast du Gott gefunden?“
Katharina Brandstetter231
Einfach mit Frieden
Megalocity, eine Collage von Max

Heilmittel

Mensch, der
berührt
anspricht
zuhört
rezeptfrei
Lisa F. Oesterheld232
Einfach mit Frieden
Weihnachten – eine offene Herberge
S
eitdem ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne, also seit über fünfzig Jahren,
fordert mich das Weihnachtsfest immer neu heraus. Wie kann ich den Weg
bis zum Stall finden, an der geschlossenen Herbergstür vorbei? Gerade Weih-
nachten werden viele Menschen ausgeschlossen, oft geht die Tür ins Leben vor
ihnen zu. So feierte ich Weihnachten häufig zusammen mit Obdachlosen oder
einsamen Menschen an ihren Treffpunkten.
Nachdem unsere Kommunität in Berlin-Kreuzberg seit 30 Jahren Menschen aus
vielen Ländern beherbergt, feiern wir dieses Fest bei uns. Wann kann es begin-
nen? Wenn jemand überraschend klingelt und wir aufmachen. Manchmal müs-
sen wir diesen Menschen suchen, wenn er nicht mehr die Kraft aufzubrechen.
Die Türklingel überrascht uns: Mit wem steht der Geist Gottes diesmal vor der
Tür? Wir freuen uns dann, dass wir nicht in einer für Fremde geschlossenen
Herberge, sondern in einem Stall wohnen.
Hier beginnt auch heute wieder der Weg der Menschwerdung Gottes unter uns,
der in der Annahme des Kreuzes zur Vollendung kommt. Nachdem die Soldaten
Jesus gefoltert hatten, wies Pilatus auf ihn und sagte: „Seht, welch ein Mensch“
(Joh 18,4 ). Das Lied „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ gehört für mich zum Weih-
nachtsfest dazu. Die Spaltung der Christen in Ost und West wird an diesem
Tag besonders deutlich. Orthodoxe Christen feiern das Fest am ursprünglichen
Termin. Das Kind wird seinem Volk gezeigt. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit
wurde mir hier in der muslimischen Umwelt wichtiger. Auch mit den Gläubigen
anderer Traditionen sitze ich ungern hinter verschlossenen Türen, sondern gehe
lieber mit ihnen auf die Straße, in die Öffentlichkeit.
Mit ihnen feiere ich auch das Weihnachtsfest in unserer Gemeinschaft und ent-
decke den Reichtum des Zusammenlebens mit Juden, Muslimen, Buddhisten,
Hindus, Agnostikern und Suchenden, die oft vor verschlossenen Türen stehen
und nun dazugehören. Wenn diese Freude erlebbar wird, wenn alle sich als Gast-
geber und Gäste fühlen, dann ist der Weihnachtsstern aufgegangen! Nach und
nach steigen alle in die jetzt mögliche Kreativität ein und gestalten das Fest mit,
beginnend mit dem adventliche Warten und dann dem Entdecken des Neugebo-
renen unter uns. Die biblischen Geschichten werden ergänzt durch das Erzählen
eigener Erfahrungen. Rückfragen vertiefen sie. Das Fest hat begonnen. Wir essen
und trinken gemeinsam, teilen Mitgebrachtes und gehen dann an unterschiedli-
che Orte, das Fest mit anderen weiter zu feiern.
Ich selbst fühle mich dieses Jahr wie in einem Geburtskanal, da ich nach 40 Jah-
ren die mir vertraute Gemeinschaft verlasse und im April 2016 den Staffelstab
an Jüngere übergebe. Sie suchen noch nach einem Priester, um mit ihm auch dieEinfach mit Frieden
233
eucharistische Gastfreundschaft weiter zu pflegen. Ebenso soll die Praxis der
hier vor 20 Jahren entstandenen Exerzitien auf der Straße weiter gehen. Die Tür
zur Straße, mit all ihren Überraschungen, bleibt offen.
Christian Herwartz
Im Getümmel
A
m Tag als wir hörten, dass sie die Firma, in der wir arbeiten, schließen
wollen, las ich am Morgen in meinem kleinen Gebetbuch, das ich in der S-
Bahn auf dem Weg zur Arbeit benutze, diesen Text: „Der Gott aller Gnade aber,
der euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch …
wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen.“ Zufall? Ich
hatte ihn, wie so oft im Laufe des Tages wieder vergessen. An diesem Tag be-
sonders. Unter dem Schock dieser Nachricht, zwischen all den Fragen, in all der
Sprachlosigkeit und Verwirrung und bei all den Tränen gab es nicht viel Platz
für fromme Sprüche. Am nächsten Tag in der S-Bahn fiel er mir wieder ins Auge
und jetzt setzte er sich fest in meinem Kopf und in meinem Herz. Es war ein Satz,
der wahr machen will, was Paulus im Römerbrief so formuliert: Ohne Hoffnung
auf Hoffnung hin glauben.
Am Tag, als wir uns entscheiden mussten, ob und wie wir diesem Weg in die
Arbeitslosigkeit und die soziale Katastrophe widerstehen wollen, stand im sel-
ben Büchlein: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.“ Diesen Satz habe ich an
diesem Tag nicht vergessen, war ich doch schon aufgewacht mit der Frage, wie
wir den Kampf um unsere Arbeitsplätze aufnehmen sollen und welche Rolle ich
dabei zu spielen hätte. Kämpfe den guten Kampf des Glaubens. Noch ein Zufall?
An den anderen Tagen haben die ausgelosten Kurzlesungen nicht so gut, so di-
rekt gepasst. Und dennoch verfolgt mich die Frage: Wie redet Gott mit uns? Wie
gewinnen seine Worte in unserem Leben Bedeutung? Wie, wann und wo ist er
dieser „Ich bin da“ wirklich, der Ich bin da, der den Israeliten auf ihrem Weg in
die Freiheit des gelobten Landes begegnet.
Im Nachhinein kommt es mir vor, als hätte er gerade mal die Klappe zu meinem
Leben aufgemacht und etwas hineingerufen und mich dann wieder laufen las-
sen. Wie eine Erinnerung, dass er da ist. Beglückend. Ermutigend. Vielleicht eine
konkrete Übersetzung von der Losung, die dieser Woche die Richtung gibt: Gott
hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit
Christus.
Der Investor benutzt für sein Vorgehen ein Begriffspaar, das mir so das erste Mal
zu Ohren gekommen ist: lost and drop. Das Invest ist verloren, also lassen wir234
Einfach mit Frieden
es fallen. In den Berechnungen des return on investment, in den Kalkulationen
zum turnaround und zum break even werden wir Beschäftigten zu FTE (full
time equivalents), die man je nach betriebswirtschaftlicher Lage auf- oder eben
abbaut. Wir sind nicht mehr als Kostenfaktoren, die es zu reduzieren gilt oder
wie bei uns, die man dann halt ganz fallen lässt.
Dann verflüchtigt sich das schöne Wort der Bibel vom Stellen auf festen Grund
wieder. Von wegen aufrichten, stärken und kräftigen. Nichts zu spüren vom Ich
bin da. Die Fäden, die Gott in unser Leben spinnt, sind dünn. Die Momente, in
denen er spricht, sind selten. Aber es gibt sie. Und sie sind kostbar – mitten im
Getümmel.
Thomas
Richtungen
Am Bahnhof
I
ch sitze in einer kleinen beengten Ecke einer Bäckerei am Bahnhof, trinke ei-
nen Kaffee um die Zeit bis zu meinem Anschlusszug zu überbrücken und esse,
obwohl ich keinen großen Hunger habe, etwas, weil ich dadurch noch mehr Zeit
bewältigen kann und mich nicht so schnell das Gefühl einzuholen schafft, uner-
laubt an diesem kleinen Ort zu verweilen, dessen Benutzung erst dann gestattet
wird, wenn man käuflich erworbene Waren verzehrt. Aber am wichtigsten finde
ich aus dem treibenden Kessel der hetzenden Massen herausgetreten und stiller,
nahezu unsichtbarer Beobachter geworden zu sein.
Maximal drei Gäste hätten hier auf dieser kargen Bank Platz, wenn sie sparsam
mit ihren Bewegungen sind. Doch es ist auch klar, die Möglichkeit zu einem
Aufenthalt ist maximal aus Werbegründen vorhanden. Der Gedanke an eine
kurze Rast lässt den vorbeieilenden potenziellen Konsumenten einen Moment
verweilen, weil er kurz in Erwägung ziehen kann sich von seinen Strapazen aus-
zuruhen. Er betrachtet das Baguette in der Auslage, was ihn an seinen Hunger
erinnert, und vergisst eine Sekunde, er fühlt die Schwere seiner Glieder, sieht
sich auf der engen Bank sitzen mit dem viel zu vielen Gepäck um sich herum
gestapelt und atmet kurz tief durch. Doch schon ist die Sekunde vorbei, das Ba-
guette wird schnell eingewickelt, bezahlt, verstaut und weiter geht die Hatz mit
geschultertem Rucksack und einem Rollkoffer an jeder Hand.
Bei aller Enge kommt jedoch nicht das Gefühl von Privatsphäre auf, man bleibt
gefangen in dem Getriebe ungefähr so, als würde man an einer roten Ampel
stehen und nur darauf warten weitergeschleust zu werden. Es bleibt nur eineEinfach mit Frieden
235
flüchtige Träumerei, zu kurz, um die Rolle verstehen zu können, die einem in
diesem Getriebe zugedacht ist, aber lange genug um zu sehen, welche Rolle die
anderen spielen, deren Ampel gerade auf grün steht.
Doch wieder verliere ich mich in der Betrachtung der Hetzenden, die alles
vergessen zu scheinen außer ihrem vorläufigen Ziel – die Suche nach dem rich-
tigen Bahnsteig. Ein neuer Zug muss gerade angekommen sein. Massen über-
schwemmen die Bahnhofshalle. Ein Teil strebt dem Ausgang entgegen, der sich
vermischt mit denen, die hinein wollen. Ein Austausch gleichwohl, wie Zellen
die sich erneuern. Ein anderer Teil, der weitaus größere, verteilt sich auf ihrem
Weg zum Ziel in der Halle. Woge um Woge wird vorbei geschwemmt. Doch
plötzlich, als der Wirrwarr am Zenit steht, unzählige Menschen ineinander
verknotet scheinen, löst sich alles wie von Zauberhand auf – die Halle leert
sich. Nur vereinzelt sieht man noch Reisende, die vor einer Auslage stehen ge-
blieben sind und Waren begutachten, so als hätten sie alle Zeit der Welt, so als
wären die Anderen nie dagewesen. Ein wenig Zeit bleibt mir noch, ich wende
meine Augen von der erstorbenen Bewegung des riesigen Wesens ab. Zu träge
scheint alles, dass es mich zu ermüden droht. Mir fällt der Brief an einen weit
weg wohnenden Freund ein, den ich längst abgeschickt haben wollte, doch
es immer wieder vergessen habe. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, auch
der Inhalt ist banaler Art. Kurz ein Brief vergleichbar mit einer Geburtstags-
oder Weihnachtskarte, der eine unpersönlichen Grußformel anhaftet, damit man
selbst nicht in Vergessenheit gerät.
Mein Kaffee ist leer, mein Brötchen verspeist, der Blick auf die Uhr mahnt mich
aufzubrechen. Der Briefmarkenautomat, dem ich auf die Schnelle noch mein Ver-
trauen entgegen bringe, wie sonst nur einen Fremden hinter irgendeinem Ver-
kaufsstand oder einem Ladentisch, enttäuscht mich genauso wie es wohl auch
ein Mensch machen würde, nur ohne große Ausreden. Die Zeit jedenfalls ist
weg, verschwunden dieser unbewegliche Teil der Ewigkeit, und ich bin gezwun-
gen meinen Körper schneller zu bewegen, um diesen verlorenen Teil wieder
auszugleichen. Ich verliere mich im längst wieder auferstandenen Getümmel,
werde nicht gewahr, wie sich mein Bewusstseinszustand ändert, ich zu einer
unbewussten Zelle dieses riesigen Wesens werde, das mich dort hinhetzt wo ich
glaube, dass ich hin will.
Abends zuhause beim Auspacken meiner Reisetasche stelle ich fest, dass ich den
briefmarkenlosen Brief in einer Seitentasche vergessen habe. Zerknittert fällt er
zu Boden als ich meinen Kulturbeutel herausnehme, ich bemerke ihn zuerst gar
nicht.
Enrico Neumann236
Einfach mit Frieden
Christian Schmidt, 1977
dezember
W
ir stehen an der grenze zu einer neuen zeit
eine neue epoche kommt jetzt jetzt wird vergangenheit
nimm abschied von allem das neue wird sicher kommen
überlege dir ganz genau wo wirst du morgen wohnen
bedenke alles wird anders anders wie in deinen träumen
wir kommen zu allem rechtzeitig wir werden nichts versäumen
du bist ein gutes beispiel weil du immer nur dich siehst
trotzdem wirst du bald verstehen dass du nicht allein bist
viele sind wie du du bist noch nicht erkannt
doch das heute und das morgen gehen schon immer hand in hand
vergangenheit ist alles doch sie bedeutet nichts
jeder tag beginnt von vorn daran ändert sich nichts
Enrico NeumannEinfach mit Frieden
237
Sehnsucht
Einfach ohne…..Verwicklungen der inneren Überzeugung…… ein überflüssiges Kind
zu sein; überflüssig zu sein wie ein Kropf; denn ein Kropf ist nicht liebenswert.
Die Sehnsucht danach, angesehen zu werden so, wie ich bin; die Sehnsucht da-
nach, ein angesehener Mensch zu sein. Denn dann bin ich ein Stern unter vielen;
mit dunklen Flecken und Rissen und einzigartig. So kann ich frei atmen und
meinen Weg gehen; kann ich frei das Werkzeug der Großen Göttin sein.
Während der Straßenexerzitien 2006 wurde ich angesehen. Ich betrat eine Kir-
che, um dort zu beten. Zunächst schaute ich mir alles an und blieb dann vor
einem aus Holz geschnitzten Abbild des Antonius stehen. Ich schaute auf das
Kind in seinem Arm und plötzlich brannte es in meinem Herzen. Ich fühlte mich
angesehen so, wie ich war; angesehen, angenommen, geliebt. Es war so großar-
tig. Lange blieb ich dann in der Kirche sitzen und lauschte diesem wundervollen
Gefühl nach; und ich begriff, dass Jesus mir in den Menschen begegnet; immer
dann, wenn es dran ist.
Und doch sitzt tief in mir ein vergifteter Stachel, der immer wieder sich bewegt
und dann meinen ganzen Körper schmerzen lässt. Gestern las ich: „Die grundle-
gende Scham ist die Erkenntnis, nicht geliebt worden zu sein. Sie ist ohne Worte“,
Sie ist ohne Worte und doch tut sie so fürchterlich weh. Ein Freund sagt: „Das ist
Prägung“. Bin ich das Produkt meiner Überzeugung, nicht liebenswert zu sein,
weil ich überflüssig bin; wie ein Kropf?
Überzeugungen sind veränderbar; nur, wie stelle ich das an? Wie löse ich mich?
Wann begreife ich, dass ich mich zuerst von dem Aberglauben lösen muss, ich
könne das allein schaffen?
Und dann erreichen mich diese Worte aus der Naunynstraße 60:
„So verwirrt war ich, dass ich dachte,
ich bin abgeschnitten von seinen Augen,
doch du hast mich gesehen und gesehen
Sei stark, sagst du, wanke nicht.
Ich warte auf dich, sag ich –
nein, ich warte nicht länger:
Zu dir hin flüchte ich.“
(Psalm 31, nach der Übersetzung von Huub Osterhuis/2011)
Danke dafür.
Sybille Pieck238
Einfach mit Geschichte
Einfach mit Geschichte
Rede in Bonn
Redebeitrag Auftaktkundgebung „Hungerstreik-Demo“
Bonn-Josefshöhe, 29.4.1989
W
arum sind wir heute hier und setzen uns für die Gefangnen ein? Wir sind
hier, meine ich, nicht nur wegen eines humanen Strafvollzugs etwa für
Verbesserung, für Radios mit oder ohne Kassettenteil, Sportgeräte, Backöfen –
wie der Bundesanwalt Rebmann aufgelistet hat, sondern wir setzen uns dafür
ein, die Gefangenen als Menschen, auch als politische Menschen ernst zu neh-
men. Das Nichternstnehmen, die Ruhigstellung ist inhuman, Diskussionsverbote
in den Gefängnissen und draußen sind inhuman. Gegen unsere gefangenneh-
mende Gesellschaft, gegen Gefängnisdirektoren, gegen Gefängniswärter in Po-
litik, in der Wirtschaft, auf der Behörde stehen wir hier und laufen durch das
Hauptdorf Bonn, in dem die scheinbar Mächtigen regieren. Doch wir wissen, die
Mächtigen, die Privilegierten, die die Gefängnisse für ihren Machterhalt brau-Einfach mit Geschichte
239
chen, werden uns hier nicht begegnen. Ihre Machtanmaßung führt zu Ausgren-
zung Andersdenkender, zu Aussperrung, zu Gefängnissen und zu Gefängnissen
in den Gefängnissen.
Die Zentren der Machtanmaßungen sind nicht nur in Bonn, sondern über das gan-
ze Land verteilt. Hier ist die Behörde der Legalisierung dieser Machtanmaßung
und der Ausgrenzung, der Verachtung, des Pokerns mit Menschenleben, nicht
nur von Hungerstreikenden. Diese Erfahrung haben Gefangene, Asylbewerber,
Kranke, die Länder der III. Welt hier in Bonn oft gemacht. Ich denke, wir sind
hier, um laut zu schreien, um laut zu schreien, halt, so geht es nicht weiter:
Die Gefangenen, ich meine alle, die Ausländer, die Kranken und die sonst Beisei-
tegeschafften und in den Tod Getriebenen und die Ausgewiesenen, sie alle gehö-
ren zu uns. Wir lassen uns nicht trennen. Es geht nicht nur um ihre Freiheit, ihre
Menschenwürde, sondern auch um unsere. Ich bin hier als Christ. Die Christen
– so lese ich in der Bibel – sind aufgerufen, die Befreiung der Gefangenen zu ver-
kündigen. Das steht bei den Propheten, und das ist ein wichtiger Programmpunkt
im Leben Jesu. Jesus hat den ersten Schritt getan, er hat sich nicht trennen las-
sen von den Gefangenen, ist selbst Gefangener geworden, gefoltert, umgebracht
worden. Die Aufforderung, die Befreiung der Gefangenen zu verkündigen, heißt
also für mich als Christ erst einmal, mich nicht innerlich von den Gefangenen
zu trennen, mich nicht für etwas Besseres zu halten, sondern notfalls bereit zu
sein, selbst Gefangener zu werden. Notfalls – das ist nicht das Ziel, sondern das
Ziel ist eine Gesellschaft, in der Privilegien, Machtanmaßung abgebaut werden
und damit Gefängnisse und Polizisten mehr und mehr überflüssig werden. Mich
diesem Konflikt zu stellen, dazu fühle ich mich durch meinen Glauben besonders
aufgefordert. Deshalb bin ich heute hier: Laut zu schreien: Halt, so geht es nicht
weiter!
Aber ich bin auch hier mit meiner Erfahrung als Arbeiter in einem großen Kon-
zern. Ich spreche nicht als Vertreter einer Gewerkschaft. Natürlich habe ich mich
darüber gefreut, dass in meiner Gewerkschaft, der IG Metall, diesen Monat eine
Bundesjugendkonferenz stattgefunden hat und die Delegierten aus Hamburg
und Berlin durchgesetzt haben, dass die 900 Teilnehmer über den Hungerstreik
der Gefangenen diskutierten. Sie waren der Meinung, dass wir nicht nur nach
Chile, Ei Salvador, Iran oder Türkei sehen dürfen und protestieren, sondern auch
in unsere Knäste und reagieren.
Als Arbeiter habe ich Erfahrungen mit der Gewalt des Kapitals. Das oberste Ge-
bot heißt Ruhe. Das ist unmenschlich. Die unmenschlichen Lebensbedingungen
fangen auf der Arbeit, im Stadtteil, auf dem Sozialamt usw. an und enden im
Gefängnis. Ich will keine Ruhigstellung. Den Arbeitern wird echtes Mitspra-
cherecht verweigert und den Gefangenen sogar die Diskussion untereinander.240
Einfach mit Geschichte
Wegen dieser Zusammenhänge bin ich heute hier. Der Zusammenschluss von
Mercedes und MBB und die Härte gegen die Gefangenen, da gibt es einen Zusam-
menhang. Das Verdrängen der Christen, dass im Mittelpunkt des Glaubens ein
Gefangener, ein Gefolterter, ein Ermordeter steht, und das gesellschaftliche Un-
vermögen, sich vom Hungerstreik der vielen Gefangenen nicht herausfordern zu
lassen, so die eigene verrannte Geschichte der letzten 20 Jahre neu zu sehen, da
besteht ein Zusammenhang. Unsere abgefütterte, ruhiggehaltene Gesellschaft
und die Ausbeutung der III. Welt, da besteht ein Zusammenhang.
Wir erleben heute neu die staatliche Gewalt und vielleicht auch deren Gewalt-
täter. Lassen wir uns nicht zu Taten provozieren, die wir im Interesse unserer
Anliegen über den heutigen Tag hinaus nicht wollen. Sehen wir auf die Gefange-
nen! Sehen wir auf die Ausbeutung der Gesellschaft, und setzen wir uns für eine
Gesellschaft ein, die keine Gefangenen mehr nötig hat.
Christian Herwartz, Jesuitenkommunität Berlin-Kreuzberg
Bonn 1989, dokumentiert in: Hungerstreik – Info 12 (45.89)
Weihnachten 1978
W
eihnachten 78 ist Peter Musto nach Berlin gekommen. Er hatte ein Jahr in
Lateinamerika verbracht und sollte nun Arbeit suchen und überprüfen,
ob sein Engagement hier oder in Lateinamerika liegen sollte. Gleich nach seiner
Ankunft haben wir uns zu einer Zeit geistlicher Beratung zurückgezogen und
uns über wichtige Themen des Neuanfangs ausgetauscht: die Hoffnung der Ein-
zelnen. ihre private Spiritualität, Vorstellungen über Lebensstil und Beruf, der
Kontakt zur Kirche/Gemeinde, Gelübde, politischer Standort, das gemeinsame
Ziel, Eucharistiefeier, Wohnort, Einrichtung, Arbeitsteilung unter uns auch hin-
sichtlich der Weiterbildung (Sprachen, Gewerkschaftsfragen, Wirtschaft/Politik,
Gesundheit, Finanzen), – Benennen von Etappenzielen.
Nach einer längeren Phase der Wohnungssuche haben wir eine schon seit eini-
ger Zeit verlassene Wohnung teilweise wieder instandgesetzt und sind dort im
August 79 eingezogen. Unsere Nachbarn sind überwiegend Türken; vereinzelt
finden sich auch andere Nationalitäten und meist ältere deutsche Frauen, die
nicht mehr wegziehen wollen; deutsche Familien sind Rarität.
Nach einem Verkehrsunfall war Peter in dieser Zeit mehrere Monate lang krank.
Anschließend hat er noch einen Monat als Spüler in einem größeren Restaurant
gearbeitet, bevor er im Herbst dann nach Kolumbien geflogen ist. In Bogota ar-
beitet er nun ad experimentum als Streetworker unter Straßenkindern. Peter hat
einen wichtigen Schritt unserer Inkulturation hier in Berlin mitgetragen. WirEinfach mit Geschichte
241
haben mit ihm zusammen erfahren, was es bedeutet, als Kommunität auf dem
Weg zu sein. Obwohl er weiterhin zu unserer Kommunität gehört, leben wir doch
in Berlin nur zu zweit und warten auf weitere Mitbrüder, die sich mit uns unter
die oben angesprochene Sendung stellen wollen.
P. Manfred Richter ist der Superior unserer Kommunität. Bei unseren wöchent-
lichen Treffen der Reflexion und des Gebetes ist er bis zum Sommer regelmäßig
dabei gewesen. In den letzten Monaten wurde er durch die Katholikentagsvorbe-
reitung oft daran gehindert. Etwa jeden Monat treffen wir uns darüber hinaus
zu einem Wochenende der Reflexion untereinander oder mit anderen Ordens-
leuten und Priestern, die manuell arbeiten, oder mit Mitbrüdern SJ, wie z.. B. in
Nürnberg (vgl. Bericht im Assistenzrundbrief Nr.30). Wichtig sind für uns auch
Kontakte zu Mitbrüdern in der DDR, zu den „Sozis SJ“ in Frankfurt, zur „Arbei-
termission SJ“ in Frankreich, Italien, Spanien und zu den Mitbrüdern in der Aus-
bildung (Noviziat bis Terziat). Im Februar 1980 ist Michael Walzer zusammen mit
anderen Vertretern der „Arbeitermission SJ in Europa“ von Pater General nach
Rom eingeladen; Christian Herwartz wird mit Josef Singer im Januar zum Tref-
fen der Beauftragten für die Fragen ausländischer Mitbürger in der Gesellschaft
Jesu in Europa nach Brüssel fahren.
II.
Drei Beispiele möchte ich – Christian – aufgreifen, um auf die Betroffenheit in
drei meiner Lebensbereiche hinzuweisen, die fast ohne Verbindung nebeneinan-
der stehen: das Leben im Betrieb mit vor allem deutschen Kollegen, im Stadtteil
unter häufig ausländischen Nachbarn und in der Kirche/ Gesellschaft Jesu.
a) Seit einigen Wochen arbeitet neben mir ein 16-jähriger Junge. Er hat ganz
einfache, monotone Hilfsarbeiten zu verrichten. Seine Bescheidenheit und sein
Fleiß fallen mir auf. Doch er ist ziemlich schüchtern und hat wohl deswegen
auch keine Lehrstelle bekommen. Darüber ist er traurig. Sein Vater arbeitet als
Facharbeiter im Betrieb. Er erzählte mir von der Prüfungsangst seines Sohnes
und dass er froh sei, wenigstens Arbeit für ihn gefunden zu haben, denn außer
noch einem Zweiten stehen jetzt alle aus seiner Klasse nach dem Hauptschulab-
schluss auf der Straße, ohne Lehrvertrag, ohne Arbeit, arbeitslos. Sie würden
nach und nach verwahrlosen. – Ich bin betroffen. Jedes Relativieren dieser kon-
kreten Situation bringt mich auf und lässt mich schweigen. Haben diese jungen
Menschen kein Recht auf Ausbildung? Muss man zulassen, wie sie zu billigen
Hilfsarbeitern oder zu Dieben gemacht werden? Ich stehe neben diesem Jungen
täglich, der Wunsch nach Veränderung wächst in mir und ich bemerke, wie in
meinem Gebet der Ruf nach Einheit und Gerechtigkeit lauter wird und wie Resi-
gnation in mir wächst, wenn ich einmal über meine Betroffenheit nicht mit den242
Einfach mit Geschichte
Kollegen sprechen kann. Ich bin Facharbeiter. Und ich versuche, diesem Jungen
in die Augen zu sehen. Ich werde bedauert, wenn ich manchmal solch monotone
Arbeiten wie er machen muss. Er nicht.
b) Täglich komme ich mehrmals an der Wohnungstür einer türkischen Frau vor-
bei, die hier in einer Ein-Zimmer-Wohnung, Toilette im Treppenhaus, ohne Bad,
mit ihren fünf Kindern wohnt. Sie und wir sind etwa zur selben Zeit hier einge-
zogen und sie hat sich über ihre neue Wohnung gefreut. Sie arbeitet jeweils vier
Stunden am Vormittag und vier gegen Abend; Fahrtzeit zur Arbeit knapp eine
Stunde. Im Monat hat sie etwa 800 DM für sich und ihre Kinder. (Peter Musto hat
inklusive Sonntagsarbeit bei einer 45-Stundenwoche keine 800 DM pro Monat
verdient).
Bei der Einrichtung unserer Wohnung habe ich häufig an diese Frau gedacht.
Immer wieder ist mir die Frage nachgegangen, ob wir dies oder das tun, jenes
anschaffen dürfen oder ob wir damit vielleicht unnötige Dinge zwischen die-
se Familie und uns stellen, die es noch schwerer machen, Solidarität zwischen
Ausländern und Deutschen zu leben. Ich würde gerne im Rahmen eines Fi-
nanzausgleiches mit ihr teilen. Doch damit würde ich sie noch mehr zur Armen
stempeln. Ihre Anwesenheit hat uns immer bewusster leben lassen. Manche
Einrichtungsgegenstände, zu viel Geld auf dem Konto, mancherlei Beziehungen,
unbedacht hochmütiges Verhalten hat begonnen weh zu tun. Ich fühle mich ge-
zwungen, Farbe zu bekennen, wohin ich gehöre. Bei all dem hat die Frau kein
einziges Wort gesagt. Ich sehe sie selten, da sie von der Arbeit im Betrieb und im
Haushalt aufgefressen wird. Doch sie hat mir weitergeholfen, auch in der Frage,
die mich hierhergeführt hat und auf die ich noch keine Antwort weiß: Worin
besteht die Nähe Gottes zu den Armen, so wie es das Evangelium beschreibt?
Gott wird von unserem Gehabe, von unserem Dünkel, genau so zum Schweigen
in unserem Leben gezwungen, wie diese Frau uns gegenüber, wenn wir nicht
höllisch aufpassen. Deswegen haben wir uns oft gefragt: was stört, damit wir
wirklich offen sind, dem Willen Gottes und unseren Nachbarn gegenüber? Keine
zur Schau gestellte Offenheit, keine Vereinnahme, sondern echte Offenheit, in
der wir unser eigenes Leben neu geschenkt bekommen. Diese Frage ist häufig
der „Sitz im Leben“ unserer Eucharistiefeiern.
c) Wir kennen eine Reihe Christen – im Orden und außerhalb -, die sehr wach und
mit Entschiedenheit nach dem ihnen geschenkten Leben fragen, es beobachten
und prüfen. Wir sehen sie einzelne Phasen durchleben; bestätigt und verunsi-
chert durch Freude, Trostlosigkeit und Umwelthindernisse. Ich versuche mich
auf sie einzulassen und ein Stück mit ihnen zu gehen. In diesem Prozess bin
ich gezwungen, mir selbst immer wieder die Frage nach meiner Ernsthaftigkeit
im Suchen des Willens Gottes zu stellen. Viele von diesen Menschen erfahren,Einfach mit Geschichte
243
dass ihre Schwierigkeiten mit der institutionellen Kirche wachsen und dass sie
gerade in der Treue zum Evangelium dazu gedrängt werden, sich von dieser
Kirche zu distanzieren. Eines der wenigen Hoffnungszeichen ist für einige von
ihnen der offene Brief von P. Rahner unter dem Titel: „Ich protestiere.“ In der
Begegnung mit ihnen mischt sich Vertrauen und Distanz, da wir als Vertreter
einer abzulehnenden Institution gesehen werden. Über dieses Problem sprechen
wir gerade in letzter Zeit oft miteinander. Ich erfahre diesen Prozeß als Weg in
das Herz der Kirche und des Ordens, auf dem mir die Augen oft schmerzhaft
aufgerissen werden, für die vielen Halbheiten und die Strukturen des Unglau-
bens in Orden, Kirche und Gesellschaft. Viele religiöse Worte wollen in meinem
Alltag nicht mehr greifen. Besonders die Aussagen über Christus und die über
das Wachsen des Reiches Gottes drängen in mir nach neuer Gestalt: doch leider
kenne ich kaum einen Mitbruder, dem die Entfremdung, die Ausbeutung am
Arbeitsplatz so unter die Haut gegangen ist, dass sich für ihn das Wachsen
des Reiches Gottes in der Überwindung dieser Ungerechtigkeit konkret zeigen
könnte. Es fehlt mir noch ein ausreichend profunder Austausch in gemeinsamer
Betroffenheit in diesen Fragen.
III.
Für mich – Michael – hat das vergangene Jahr mehr Fragen aufgeworfen als Ant-
worten geschenkt. Ich bin froh darüber, auch wenn es unangenehm und schmerz-
lich war, weil Fragen aufgeworfen wurden, die mein Handeln betreffen und die
in manchen Punkten weitgehende Veränderungen meines Verhaltens fordern.
Das erste Feld, auf dem Wichtiges passiert ist, ist der Arbeitsplatz. Ich bin von
den Kolleginnen und Kollegen als einer von ihnen angenommen worden, auch
wenn ich eine eigene Geschichte habe. Ich fühle mich wohl unter ihnen. Daran
hat sich nichts geändert dadurch, dass ich im Lauf der Zeit sehen gelernt habe,
welche Spannungen und Schwierigkeiten es unter uns gibt.
Ich erlebe den Betrieb als eine Welt, in der Brüderlichkeit ganz schwer gemacht
wird. Das fängt bei der unterschiedlichen Bezahlung an. In unserer Abteilung lie-
ge ich mit meinem Verdienst im Mittelfeld und spüre, dass es keine Möglichkeit
gibt, mich vor denen zu rechtfertigen, die weniger verdienen. Eine solche Situation
ruft notwendig Unzufriedenheit hervor und zieht Gräben zwischen Menschen. Die
Aussprache über das, was da passiert, ist nicht vorgesehen, nicht gewünscht. Auf
derselben Linie liegt es auch, wenn uns Vorgesetzte immer nur als Einzelne anspre-
chen, nie als Gruppe. Mich schmerzt die Wehrlosigkeit, die ich dabei erlebe, und
ich hoffe, dass wir lernen, gemeinsam zu reagieren und zu sprechen. Wohin soll in
solch einer Situation mein Weg als Jesuit führen? Diese Frage begleitet mich; ich
suche nach Elenenten einer Antwort. Das zweite Feld, auf dem Wichtiges passiert,244
Einfach mit Geschichte
ist unser Leben im Wohnviertel. In der Nachbarschaft zu ausländischen Familien
habe ich verstehen gelernt, dass mein Wunsch zu helfen nicht unproblematisch ist,
wenn es mir darum geht, diese Menschen zu achten.
Einmal wollen sie manches anders als ich mir das vorstelle. Zum anderen ist es
entwürdigend für sie, als ständig Hilfsbedürftige dazustehen. Ich habe noch nie
so deutlich gespürt, wie privilegiert und reich ich bin; durch meinen Verdienst,
meine Sprache, meine Bildung, meine Beziehungen. All das hat seinen problem-
losen, selbstverständlichen und notwendigen Charakter verloren. Ich möchte be-
reit werden, mich beschenken zu lassen, anzunehmen und zu empfangen. Einige
Christen, die wir im vergangenen Jahr kennen gelernt haben, suchen mit gro-
ßem Einsatz Wege, um das Evangelium in ihrem Leben Wirklichkeit werden zu
lassen. Ihre Einfachheit und ihr Ernst haben mich herausgefordert, mich selbst
neu auf den Weg zu machen. Besonders hart hat mich getroffen, wie genau sie
spüren, dass uns das Geld und alles, was wir damit erwerben, krank macht. Ich
wünsche mir sehr, dass eine größere Einfachheit für mich möglich wird.
IV.
Vielen Menschen brauchen wir nicht lange zu erklären, warum wir eine manu-
elle Arbeit angenommen haben und in ein mehr ausländisches Milieu gezogen
sind: z.B. Menschen, die einen Kulturschock erlebt haben, sei es in Übersee oder
bei uns unter Behinderten, Kranken oder Obdachlosen; Menschen mit einer ho-
hen Sensibilität für Machtmissbrauch; ausgesprochen kontemplativ Veranlagte;
Christen am Rande der Kirche oder Menschen mit dem vordringlichen Wunsch
nach sozialem und auch internationalem Frieden. Sie interpretieren unser Su-
chen von ihren Hoffnungen her. Fast durchweg fühlen wir uns durch ihre Erwar-
tungen innerlich angesprochen, aber überfordert. Auf der anderen Seite gibt es
Christen, die scheinbar Dinge von uns fordern, die uns Angst machen. Sehen sie
unser Dasein erst dann gerechtfertigt, wenn wir karitativ oder sakramental tätig
werden, womöglich so verstanden, wie es ein Mitbruder aus dem Terziat einmal
karikierend sagte: wenn wir „von unserem Besitz austeilen“? Das wäre wohl
das Selbstverständnis eines Reichen; und vor jedem einzelnen Menschen und
dem Evangelium insgesamt können wir uns doch nur als Arme verstehen. Wir
haben uns bisher weitgehend geweigert, Funktionen wahrzunehmen; sind wir
deshalb ungläubig? Ist der unheimliche Materialeinsatz von Kirche und Orden
in Deutschland nicht oft genug ein Zeichen des Unglaubens, ein Klammern an
Funktionen? Viele apostolische Arbeiten sind stark mit Herrschaftsfunktionen
gekoppelt und darauf abgestellt, andere zu beeinflussen, statt sich konsequent
in das Zusammenleben mit anderen Menschen – vor allem der Abhängigen – zu
integrieren. Das sind Fragen, die in uns umgehen, ohne Antwort. Von den Ar-Einfach mit Geschichte
245
beitskollegen wird die Kirche nicht grundlos als Machtbereich der kirchlichen
Funktionäre gesehen; diese Sichtweise ist eine hohe Mauer, die den Blick für das
Evangelium verstellt. Wie kann diese Mauer der Angst vor den Funktionären
ehrlich abgetragen werden, und damit ihr Leben eines Tages auch als Leben der
Hoffnung auf Wanderschaft, als ein kirchliches Leben gesehen werden?
Michael / Christian
„Wir brauchen euch!“
Dokumentation des „Christenbriefs“ an die Gefangenen
aus RAF und Widerstand
V
ierunddreißig katholische und evangelische Christinnen und Christen aus
acht Städten der BRD, aus Westberlin und Berlin/Ost (u.a. Mitglieder der
„Solidarischen Kirche in Nordelbien“, der Gruppe „Christen für den Sozialismus/
Hamburg“, der „Gruppe Solidarisches Arbeiten/Köln“, der „Jesuitenkommunität
Berlin-Kreuzberg“ sowie Ordensleute aus Frankfurt und Hamburg) haben Anfang
Februar einen vierseitigen Brief an die ca. 50 Gefangenen geschrieben, die sich
am Hungerstreik 1989 beteiligt hatten. Die meisten Gefangenen haben sich über
diese Christeninitiative gefreut. Die Frage ist jetzt: Wie geht es weiter? Ausführ-
liche Antwortbriefe oder Karten kamen (bis 9.3.) aus folgenden Knästen: Köln,
Bruchsal, Celle, Schwalmstadt, Straubing, Frankfurt, Saarbrücken, Schwäbisch-
Gmünd, Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart, Lübeck, Dieburg, Mannheim, Bochum,
Bielefeld.
„Liebe{r) …
An der ersten Stelle der Forderungen Eures Hungerstreikes 1989 stand die Zu-
sammenlegung. Uns ist klar, nur so könnt Ihr als Kollektiv sprechen und in
eine lebendige Diskussion mit anderen treten. Das ist auch uns ein Anliegen
geworden. Dazu gehört natürlich auch, dass wir außerhalb der Gefängnisse über
diesen Brief mit vielen diskutieren wollen.
Wir Briefe SchreiberInnen verstehen uns als ChristInnen. Viele von uns leben
in christlichen Gemeinschaften und arbeiten in verschiedenen manuellen und
intellektuellen Berufen. Warum wollen wir uns mit Dir und den anderen Gefan-
genen auseinandersetzen?
l Weil wir vermuten, dass wir viele kritische Punkte an unserer Gesellschaft
ähnlich wie Ihr sehen: die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mit-
teln in vielen Teilen der Welt, den Hungertod und die Armut vieler Menschen,246
Einfach mit Geschichte
die Zerstörung individueller und kollektiver menschlicher Identität, die oft
ähnlichen Strukturen in Gefängnissen, Betrieben und Bürokratien, die Be-
herrschung der Politik durch die kapitalistische Wirtschaft, die Zerstörung
der natürlichen Grundlagen der Menschen usw.
l Weil wir den Ursachen für diese Unmenschlichkeiten nachgehen, die Macht-
strukturen benennen und, wenn wir mit diesem Wissen menschlich bleiben
wollen, mit den zerstörerischen Mächten brechen und ihnen widerstehen
müssen. Wir vermuten, dass Ihr diese Notwendigkeit ähnlich seht. Wir Chris-
ten haben ja bei der Taufe versprochen, dem Satan zu widersagen, worunter
wir verstehen, der Herrschaft des Geldes, dem Personenkult, der Selbstherr-
lichkeit und der Gleichgültigkeit zu widerstehen.
l Weil wir auf lebendige Beziehungen zu Euch hoffen. Wir und unsere Gesell-
schaft brauchen Euch. Die Ausgrenzung von Menschen haben wir oft genug
als Zerstörung unseres eigenen Lebens erfahren. Umgekehrt konnten wir in
der Beziehung zu den – unter der Rücksicht der Kapitalvermehrung – abge-
schriebenen Menschen eigene (nicht-fremdbestimmte) Identität neu in uns
entdecken.
Wir wollen Euch als politische und liebende Menschen ernst nehmen und nicht
bei Eurer Ausgrenzung durch große Teile der Bevölkerung – auch uns Christen –
stehen bleiben, sondern gemeinsam mit Euch von unseren Träumen und Utopien
sprechen und die ausstehende Diskussion beginnen.
Folgende Fragen haben wir unter uns gesammelt.
l. In jeder Gesellschaft ist es im Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit notwen-
dig, dass Einzelne und Gruppen bereit sind, eine prophetische Rolle zu überneh-
men. Es gibt Widerstände: Wahrheit ist oft nicht mehrheitsfähig. Was treibt uns
in dieser Situation um: Gehen wir den Konflikten aus dem Weg, weil uns die
Akzeptanz durch die Mehrheit wichtiger ist? Wollen wir uns durchsetzen, um
Einfluss, ja Macht für uns suchen oder aus Verantwortung für das Ganze? Von
wo bekommen wir unser Mandat, von den Ausgebeuteten der drei Kontinen-
te, den Ausgegrenzten in unserer Gesellschaft, dem „Volk“ in seiner Mehrheit?
Wann war es jeweils trotz aller Gesprächs- und Hinhörbereitschaft nötig, „den
Tisch umzuschmeißen“ – wie Eva Haule einmal schreibt – und zu gehen, statt
„wie ein Häschen“ daran sitzen zu bleiben? Wir werden im Leben Jesu an die
Versuchungsgeschichte (Mt 4,l-ll) erinnert oder an die Situation, wo Petrus von
Jesus Satan genannt wird (Mt 16,23), als er ihn von seinem Weg nach Jerusalem
– der Konfrontation auf Leben und Tod – abbringen will, oder wie Jesus die Tische
der Geldwechsler im Tempel umkippt (Mt 21,12). Wann ist die Zeit des guten
Zuredens abgelaufen? Wann sind wir verantwortlicher Teil der UnterdrückungEinfach mit Geschichte
247
geworden? Wann ist Handeln dran, wann das Wiederaufrichten der Tische zu
neuem Suchen, Überzeugen und Entscheiden?
2. Wie ist unser Verhältnis zum Staat? Bei dieser Frage werden wir an die vie-
len unmenschlichen Selbstläufer sich abschottender Bürokratien und Entschei-
dungsgremien von Parteien wie auch der Wirtschaft erinnert, die die staatlichen
Institutionen und die Gesetzgebung massiv bestimmen. Die Folge ist eine dem
Volk gegenüberstehende Bedrohung, die Stabilisierung der Herrschaft von im-
mer wenigeren. Das trifft auch auf Staaten zu, die sich demokratisch nennen.
Wie reagieren wir darauf? Reicht es, wenn wir die grundgesetzlichen Rechte der
Menschen einfordern und uns immer neu gegen die Machtanmaßung stellen?
Sollten wir grundlegendere Reformen einklagen? Oder ist der Staat als Instituti-
on grundsätzlich abzulehnen: uns fällt die Kritik des Propheten ein, einen König
im alten Israel einzuführen (vgl. 1 Samuel 8). Dagegen steht der Rat, sich der
Obrigkeit zu unterstellen und sie als von Gott eingesetzt anzusehen (Röm. 13).
Es zerreißt uns fast, wenn wir sehen, dass die christlichen Kirchen bei uns trotz
der Fragen nach größerer Gerechtigkeit sich fast kritiklos staatstragend verhal-
ten, wodurch sie den Glauben unserer Ansicht nach geradezu aus dem Mittel-
punkt ihres Verhaltens verdrängen und nicht vorbehaltlos nach dem Grundsatz
leben, dass wir nicht zwei Herren dienen können, sondern dass wir Gott (der
Quelle des Lebens) mehr als den Menschen gehorchen müssen.
3. Die Gewaltfrage: Die grundlegende Glaubenserfahrung der Juden wie der
Christen ist der Vierzigjährige Lange Marsch der Befreiung aus der Sklaverei
Ägyptens in das Verheißene Land. Dies war gewiss kein gewaltfreier Weg. Den-
noch gibt es viele Christen – besonders diejenigen, die über die Friedensbewe-
gung politisiert worden sind – die sich zum persönlichen Weg der Gewaltfreiheit
bekennen. Wir denken an Franz von Assisi und Martin Luther King. In der Bibel
und in der christlichen Tradition gibt es verschiedene theoretische wie prakti-
sche Antworten auf die Gewaltfrage. Es gibt die Lehre vom Tyrannenmord und
vom Gerechten Krieg – in der neueren Theologie auch die Frage nach der gerech-
ten Revolution. Es gab die waffentragende Jeanne d’Arc und Thomas Müntzer. Es
gibt sie in den Armeen und in den bewaffneten Befreiungsbewegungen Latein-
amerikas und Südafrikas. Von den ChristInnen, die sich bewaffneten Kämpfen
angeschlossen haben, wissen wir, dass eine politisch notwendige Entscheidung
zum Töten des Feindes immer mit Schmerz und Erschrecken verbunden ist.
Kann es unter uns gelingen, weniger über den Austausch von Grundsatzpositio-
nen als über ein wachsendes Verständnis unserer verschiedenen Lebenswege,
Erfahrungen und Überzeugungen eine gemeinsame Basis zu finden, die Vertrau-248
Einfach mit Geschichte
en schafft für gemeinsame politische Praxis? Wir alle erleben persönliche und
strukturelle Gewalt – nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter. Wie gehen wir
damit um?
4. Wir bemerken auch aufgrund der Veränderungen in den osteuropäischen Län-
dern einen Verschleıß der Schlüsselworte wie Klassenbewusstsein oder Sozialis-
mus. Gleichzeitig organisiert sich das Kapital neu. Es kommt mehr und mehr mit
einer Durchkapitalisierung in Europa und weltweit. Das stellt Fragen an die Or-
ganisation des Widerstandes und an die Erneuerung des sozialen Bewusstseins
gegen das Profitstreben, den Kriegszustand in den unterdrückten Ländern und
die Zerstörung der Natur.
5. Täglich werden wir auf der Arbeit und beim Konsum in Trab gehalten. Die
gesellschaftlichen Risse sind sozialpartnerschaftlich verdeckt oder werden ein-
fach geleugnet: Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. In unserer Kultur der
Fremdbestimmung und in der besonderen Geschichte hier in der BRD fällt es
schwer, aus dieser Identifizierung mit gegnerischen Interessen wieder zurück
zu finden, die damit verbundenen Sicherheiten aufzugeben und die Freude in-
ternationaler Solidarität zu entdecken. Wie können wir die Klassenkonflikte in
unserer Gesellschaft neu bestimmen?
Wir haben bei mehreren Gefangenen bemerkt, wie wichtig Euch die Einheit von
persönlicher Beziehung und politischer Diskussion/Aktion ist. Die persönliche
und die öffentliche Ebene gehören zusammen. Ähnlich wichtig ist es uns, dass
die Ebene des Glaubens und die Ebene der Betroffenheit von Ungerechtigkeit
und der Einsatz für Gerechtigkeit nicht auseinanderfallen. Wir erfahren immer
wieder, wie gefährlich die Trennung von beidem ist. In der Diskussion mit Dir
und Euch allen hoffen wir, dass wir Eure Ganzheit genauso ernstnehmen können
wie Ihr die unsere. Damit kommen wir auf den Punkt. Wir wissen genau, dass
Du auf diesen Brief nicht angemessen antworten kannst, ohne mit den anderen
Gefangenen zusammen zu leben und um Antworten zu ringen. Uns ist derzeit
kein Grund einsichtig, Euch dieses Menschenrecht auf menschlichen Umgang.
auf Gemeinsamkeit, auf ein Kollektiv zu verweigern.
Deshalb fordern wir von den Regierenden die Zusammenlegung aller Gefange-
nen. die das wollen. Wir erbitten keine Gnade, wir fordern Rechte: unser Recht.
mit Euch sprechen zu können, wenn Ihr und wir das wollen: Euer Recht, mitei-
nander und mit uns sprechen zu können. Dafür werden wir uns mit dem uns
möglichen Nachdruck einsetzen.
„Initiative für die politische Diskussion zusammen mit den Gefangenen“249
Einfach mit Geschichte
Br. Franz Keller SJ
A
ls jüngstes von fünf Kindern kam Franz Kel-
ler am 19.8.1925 in Wettingen zur Welt. Sein
Vater war Kondukteur bei der Bahn, seine Mutter
Handarbeitslehrerin. Zwei seiner drei wesentlich
älteren Brüder wanderten lange vor dem Zweiten
Weltkrieg nach Afrika und Lateinamerika aus.
Der eine blieb in Chile bis zu seinem Tod, der
andere kehrte nach Hause zurück, lebte jedoch
nicht mehr lange. Der dritte Bruder wurde Land-
wirt. Auch er starb früh an den Folgen eines Un-
falls: Ein Pferd hatte ihn in den Unterleib getre-
ten. Franz’ einzige Schwester dagegen, die 1922
geborene Therese, wurde achtzig Jahre alt. Sie
blieb im Elternhaus in Rapperswil am Zürichsee, wohin die Familie 1926 gezogen
war und wo Franz seine Kindheit und Jugend verbrachte. Franz war ein fröhli-
cher, unternehmungslustiger Knabe. Doch mit dem Erwachsenwerden begann er
einer mehr zurückgezogenen Lebensweise zuzuneigen. Mit Therese verbanden
ihn eine enge Freundschaft und eine religiöse Gewissheit. Während rund um
die Schweiz der Krieg tobte, machte Franz eine Lehre als Hochbauzeichner in
Zürich. 1944 folgte der Militärdienst bei der Gebirgsbautruppe an der Grenze zu
Italien. Noch bis ins hohe Alter sollten ihn seine ständigen Rückenschmerzen an
die Schwerarbeit beim Holzfällen für den Brückenbau erinnern. Nach dem Krieg
absolvierte er in Winterthur das Technikum, Abteilung Hochbau.
Sein zweiter Lebensabschnitt begann im Mai 1950: Franz trat in die Gesellschaft
Jesu ein. Das Noviziat verlief nicht ganz störungsfrei: Mitten aus seinen Gro-
ßen Exerzitien heraus wurde er als Pionier zum Dienst einberufen. Es galt, von
Lawinen verursachte Schäden zu beheben. Im darauffolgenden Jahr konnte er
endlich mit dem Novizenmeister Pater Josef Stierli über seine Meditationserfah-
rungen sprechen. Zwischen ihnen entwickelte sich eine große Freundschaft.
Sein Wunsch, als Missionar nach Indien gesandt zu werden, konnte allerdings
nicht erfüllt werden – die indische Regierung hatte soeben ein Einreiseverbot
für Missionare erlassen. Auch in der Schweiz war es damals nicht ganz einfach:
Den Jesuiten war laut Verfassung bis 1973 jede Tätigkeit in Schule und Kirche
untersagt. So ging Franz 1952 über die Grenze nach Feldkirch und war am dor-
tigen Kolleg für den Wiederaufbau und Unterhalt der Gebäude zuständig. Ende
der sechziger Jahre gab es für ihn in der Schweiz zu tun: Er wurde beim Neubau
des Exerzitienhauses in Bad Schönbrunn gebraucht. Nachdem er zwei Jahre im250
Einfach mit Geschichte
Architektenbüro tätig gewesen war, übernahm er die Bauleitung in enger Zu-
sammenarbeit mit dem Architekten André Studer und dem Superior Pater Josef
Stierli, seinem einstigen Novizenmeister. Das Kolleg in Feldkirch wurde 1978/79
mangels Nachwuchs geschlossen. Franz betreute dort noch einen Neubau, der
als Altersheim und für die Ausbildung von Religionslehrern genutzt wurde.
Eine Quelle der Lebensfreude war ihm in all den Jahren seine Liebe zur Natur.
Oft ging er für einen Tag in die Berge oder fuhr mit dem Motorrad bis nach Nord-
deutschland. Dabei war sein Fahrstil ziemlich unbekümmert, um nicht zu sa-
gen wild. Es war durchaus keine Seltenheit, dass er einen Unfall baute und sich
schwere Verletzungen zuzog. Einmal hätte er so beinahe einen Fuß verloren.
Der dritte Lebensabschnitt brachte Franz wiederum eine gründliche Umstel-
lung: Er, der heimatverbundene Schweizer, zog 1980 nach Berlin-Kreuzberg. In-
zwischen immerhin schon 55-jährig, wollte er wie seine Mitbrüder Michael Wal-
zer und Christian Herwartz in der Elektroindustrie tätig werden. Das war nicht
ganz einfach, hatte er als Schweizer doch nur eine beschränkte Arbeitserlaubnis.
Mit einigem Glück fand Franz schließlich eine Stelle bei Elektrolux. Fünf Jahre
lang fertigte er im Tempelhofer Werk aus Kunststoffplatten Innenauskleidungen
für Kühlschränke. Dann wurde das Werk geschlossen und Franz bot seine Ar-
beitskraft auf dem Bau an: In der Regenbogenfabrik, einem besetzten Haus in
Kreuzberg, bei Sanierungen von Altbauten, im Altersheim der Jesuiten in Berlin-
Kladow. Zwischendurch half er bei der Pflege des todkranken Mitbruders Mi-
chael Walzer, der am 29.1.1986 mit 37 Jahren starb, was Franz tief bewegte. Gern
wäre er an seiner Stelle gegangen.
Immer wieder zog es ihn auch hier hinaus in die Landschaft. Mit dem Fahrrad
erkundete er die Umgebung und entdeckte immer neue Perspektiven. Besonders
gern sah er die Zugvögel, die oft im Berliner Raum einen Zwischenhalt einlegen.
Der Mauerfall erweiterte ihm pünktlich zu Rentenbeginn den Horizont und er-
möglichte ihm Tagestouren von 250 Kilometern bis an die polnische Grenze, die
Mecklenburgische Seenplatte oder nach Magdeburg. Strahlend kam er jeweils
nach über zwanzig Stunden zurück.
Im Mittelpunkt stand für ihn aber das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Da
war er fast immer ansprechbar und hatte ein offenes Ohr für alle, die sich an
ihn wandten. Sein mitfühlendes Zuhören half manchen über schwere Krisen hin-
weg. Zu seinem Da-Sein für Andere gehörte neben vielen vertraulichen Gesprä-
chen auch sein treues Mitbeten bei den Mahnwachen der „Ordensleute gegen
Ausgrenzung“ vor der Abschiebehaft in Berlin-Köpenick, beim Interreligiösen
Gebet auf dem Gendarmenmarkt und anderswo.
Zu seinem 85. Geburtstag erschien das Buch „Geschwister erleben“. Unter der
Überschrift „Gott ist die Liebe“, schreibt Franz: „Mein geistliches Leben hat sichEinfach mit Geschichte
251
weiter entwickelt. Dabei war mir sehr wichtig die regelmäßige geistliche Lesung.
Da habe ich so manches Buch auch zweimal gelesen. Ebenso die praktische Ar-
beit hat mein Leben immer mehr vereinfacht, und dann hat das Alter auch noch
dabei geholfen. Heute kann ich mein geistliches Leben in dem Satz zusammen-
fassen: Gott ist die Liebe. Ihm möchte ich mich anvertrauen.“
In seinem letzten Lebensjahr gab er das Fahrradfahren auf. Ein Rollstuhl wurde
für den Kirchgang angeschafft. In der Kommunität waren besonders die Mitbe-
wohner aus Afrika und Asien mit viel Hingabe bemüht, ihm das Leben zu erleich-
tern. Franz hatte bis zum Schluss keine Schmerzen. Am 7. Januar 2014 kam der
Schweizer Provinzial Christian Rutishauser zu Besuch nach Berlin-Kreuzberg.
Franz hatte sich nach dem Mittagessen nochmals hingelegt. Zur Visite um 16
Uhr war er wach, stand aber nicht auf. Wir beteten mit ihm ein Vaterunser. Er
sprach es mit schwacher Stimme mit. Dann gab ihm sein Provinzial ausdrücklich
die Erlaubnis, jetzt zu gehen. Er entließ ihn also aus seiner Verantwortung. Mit
einem Lachen verabschiedeten sich die beiden voneinander. Hernach war Franz
nicht mehr ansprechbar. Am 9. Januar um 9.40 Uhr verschied er friedlich.
Alle an der Pflege Beteiligten wuschen den Leichnam und betteten ihn neu. Jetzt
hatten die Freunde und wir selbst noch 56 Stunden Zeit, am Sterbebett zu ver-
weilen. Dann wurde sein Körper eingesargt und der Sarg offen ins Wohnzimmer
gestellt. Wir nahmen mit Gebeten und Liedern Abschied. Die Beerdigung sodann
war eine große Dankesfeier mit sehr vielen Menschen aus den verschiedenen
Etappen der Kommunität in Berlin-Kreuzberg. Aus der Schweiz waren sein Neffe
Dr. Leo Keller und P. Christoph Albrecht SJ gekommen, der mit uns Eucharistie
feierte. P. Stefan Taeubner SJ leitete die Beerdigungszeremonie, die mit einem
interreligiösen Gebet von je einem Muslim, Hindu und Christen begann. Auch
am Grab während der stillen persönlichen Verabschiedung erklang hinduisti-
scher Gesang und Geigenspiel. Dankbar für das Leben mit Franz tauschten die
Trauergäste beim anschließenden Picknick in der Versöhnungskirche ihre Erin-
nerungen an den Verstorbenen aus, und es war, als sei er, von den vielsprachigen
Erzählstimmen herbeigerufen, an diesem Ort der Begegnung mitten unter uns.
Christian Herwartz SJ252
Einfach mit Geschichte
Ein Schweizer Jesuit in Berlin-Kreuzberg
Zum Tod des Jesuiten Franz Keller
B
erlin, 13.1.2014 (Kipa) Der Schweizer Jesuit Franz Keller wurde vor dreißig
Jahren Mitbewohner einer besonderen Wohngemeinschaft von Jesuiten in
Berlin-Kreuzberg. Mit seinem Tod geht ein an Erfahrungen und Begegnungen
reiches Leben zu Ende. Franz Keller starb am 9. Januar 2014 in Berlin.
Kreuzberg, U-Bahn-Station Kottbusser Tor. Auf dem Boden liegen Flaschen,
Scherben, Tüten und gebrauchte Spritzen. Seit dreißig Jahren trifft sich hier die
Drogen-Szene. Hier traf sich auch Christiane F. mit ihren Dealern, die mit ihrem
Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ berühmt wurde. Nur wenige Touristen und
Kreuzberger Szene-Gänger verirren sich an diesen unwirtlichen und zugigen
Platz. Diesen Platz passierte über drei Jahrzehnte oft auch der in Wettingen (Aar-
gau) geborene Franz Keller, wenn er jeweils die Naunynstraße 60 ansteuerte.
Dort befand sich sein Platz in der Jesuiten-Kommunität.
Die Tür neben dem „Tor zur Hölle“
Wollte er zur „Jesuiten-WG“, kam der 88-Jährige bis zuletzt meist an der Punker-
Kneipe „Trinkteufel – Tor zur Hölle“, vorbei, dessen Stammgäste in Lederkluft
den zuletzt stark gebeugten Mann freundlich grüßten. Franz Keller lächelte je-
weils, wenn ihn Besucher fragten: „Jesuiten, hier?“ Tatsächlich findet der Gast in
der Wohnung, in der Jesuit Christian Herwartz 1978 mit Mitbrüdern eine Kom-
munität von Arbeiterpriestern gründete und dessen Mitglied Franz Keller zwei
Jahre später wurde, kein Hinweis auf eine Konfession. Kein Kreuz, keine Mari-
enfigur, dafür bunte Bilder von Bewohnern der WG.
Wichtig sind hier keine Ikonen, sondern die Bewohner und ihre Lebensgeschich-
ten. An diesem Ort fand Franz Keller, der ursprünglich als Missionar nach Indien
gehen wollte, seinen Lebensort. Hier, unweit des einstigen Grenzverlaufs der Berli-
ner Mauer, fand er sein „Indien“. Der Aargauer war hier Mitglied einer besonderen
Wohngemeinschaft. Sie war von Beginn an eine Adresse für Randständige. Zum
Kommunitätsabend kamen und kommen Menschen, die es zu Hause in ihren Wän-
den nicht aushalten. Wegen Einsamkeit, Streit oder weil ihnen der Strom abgestellt
wurde. Es kommen Menschen, die im Gefängnis saßen oder Ausländer ohne gülti-
ge Papiere. Menschen aus allen Nationen, die teilweise über Monate hier leben.
Der ruhende Pol
Der bescheiden auftretende Mann wollte stets nah bei seinen Mitbewohnern
sein. Und lebte in bemerkenswerter Einfachheit. Sein kleines Zimmer in derEinfach mit Geschichte
253
Jesuiten-WG war derart karg und spartanisch eingerichtet, dass selbst Obdachlo-
se und ehemalige Gefängnisinsassen darüber staunten. Tief geprägt von seiner
katholischen Herkunft in der Schweiz, lebte er zusammen mit Schrägen und
Schrillen, die religiös oftmals ganz anders „tickten“ als er. Manchmal gelang es
ihm mit seinem nuancierten Humor, sich an die oftmals geschundenen Seelen
seiner Gäste heranzutasten.
Wenn es in der Küche nicht nur auf dem Herd brodelte, sondern auch zwischen
Streithähnen, reichte ein besonnenes Wort von ihm, um zu schlichten. Er war
der ruhende Pol der Jesuiten-WG. Ein Mann, von dem, wie manche sagen, ein
besonders Licht ausging. Mitbewohnerin Renate Trobitzsch notierte im Buch
„Gastfreundschaft“ über ihn: „Mit diesem offenen, freundlichen Blick schaut und
nimmt er jeden an, egal wer es ist. Franz wirkt, oft wortlos, einfach durch sein
Da-Sein. Das weckt die liebevollen, hilfsbereiten Seiten im Menschen, da wandelt
sich das Rücksichtslose, der Ärger, das Misstrauen. Von ihm geht etwas Orientie-
rendes und Friedensstiftendes aus.“
Sprung ins kalte Wasser
Wer im Buch „Gastfreundschaft“ blättert, das die Geschichte der Jesuiten-WG
und viele ihrer Besucher festhält, die hier mal gelebt haben, erfährt auch von
der bewegten Lebensgeschichte von Franz Keller. In Rapperswil verbrachte er
seine Kindheit und Jugend. Nach dem Krieg absolvierte er in Winterthur das
Technikum. Im Mai 1950 trat er als Bruder in den Jesuitenorden ein. Statt nach
Indien ging Franz Keller 1952 nach Feldkirch an das Kolleg der Jesuiten und war
für den Gebäudeausbau und -erhalt zuständig.
Als Franz Keller ins damals noch geteilte Berlin entsandt wurde, ahnte er kaum,
was auf ihn zukam. Als er aus der beschaulichen Bergwelt im damals anarchis-
tischen Kreuzberg mit seiner aufkeimenden Hausbesetzer-Szene ankam, glich
dies einem Sprung ins kalte Wasser. Die „Berliner Schnauze“ war gewöhnungs-
bedürftig, wie er einmal bemerkte. Wie seine Mitbrüder Michael Walzer und
Christian Herwartz suchte er eine Arbeit in der Elektroindustrie. Ohne unbe-
schränkte Arbeitserlaubnis war dies für einen Schweizer damals jedoch schwie-
rig. Schließlich fand er Arbeit bei Elektrolux. Später half er bei der Sanierung
von Altbauten.
Mittendrin und dabei
Im Schlepptau von Mitbruder Christian Herwartz war Franz Keller stets mit-
tendrin und dabei, wenn aus der Jesuiten-WG mutige Projekte und Initiativen
entstanden. Er engagierte sich in der „Gruppe interreligiöses Friedensgebet“, die
sich regelmäßig auf dem Berliner Gendarmenmarkt zum Gebet trifft. Er war bei254
Einfach mit Geschichte
den Mahnwachen der „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ vor der Abschiebehaft
in Berlin-Köpenick dabei, wo er zeitweise auch auf den Jesuiten Klaus Mertes
traf, damals Rektor des Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Berlin. Franz Keller
schätzte auch das Projekt „Exerzitien auf der Straße“, bei dem sich die Teilneh-
mer ihren „Dornbusch“, und damit den eigenen heiligen Ort zeigen: Menschen
am Wegrand, historische und soziale Brennpunkte oder eigene traumatische Er-
fahrungen.
Ein reiches Leben
Am liebsten jedoch war Franz Keller unterwegs mit seinem Velo. Seine große
Liebe war die Natur und so zog es ihn in jeder freien Minute hinaus ins Berliner
Umland mit seinen vielen Seen. Nach dem Mauerfall 1989 konnte er auch die
ostdeutschen Bundesländer entdecken und fuhr mit dem Velo bis hinauf zur
Mecklenburgischen Seenplatte.
In den über 30 Jahren der Existenz der Kreuzberger Jesuiten-Kommunität haben
400 Menschen aus 61 verschiedenen Ländern hier für eine Zeit gelebt. Ein inter-
nationales Netzwerk von Leuten ist entstanden, die sich mit dieser WG verbun-
den fühlen. Viele Gäste auch aus der Schweiz waren hier zu Gast. Und fast alle
sind diesem Mann begegnet, von dem Christian Herwartz nun sagt, er sei ein
„Kristallisationspunkt des Friedens gewesen“. Die Stammgäste in der Punker-
Kneipe „Trinkteufel“ – und nicht nur die – werden den Mann, der ihnen oftmals
ein verschmitzten Lächeln schenkte, jedenfalls vermissen.
Vera Ruettimann
Einfach ohne Umwege
Meine Erfahrungen mit Christian Herwartz
A
ls ich aus der Abschiebehaft ohne Papiere bei Christian ankam und nur
Obdach für eine Nacht erbat, hat er mich aufgenommen. Aus einer Nacht
sind sieben Jahre geworden. Christian hat mir Tag für Tag neu Mut gemacht,
Hoffnung zum Weiterleben und hat alle menschlichen und rechtlichen Möglich-
keiten ausgeschöpft, um mir ein Bleiberecht zu verschaffen, ja viel mehr, er hat
es ermöglicht, dass ich als freier Mensch leben kann.
Die Hilfe, die Christian mir geschenkt hat, ist so groß, dass ich sie nicht in Worte
fassen kann. Es ist mehr, als Menschen aus sich heraus geben können. Ich habe
bei Christian gesehen, was es heißt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst.“ Ich habe in der Person von Christian erfahren, wie die Seligpreisungen
Jesu an mir Wirklichkeit geworden sind:Einfach mit Geschichte
255
Ich hatte Hunger und er hat mir zu essen gegeben.
Ich hatte kein Obdach und er hat mir Wohnung gegeben.
Ich hatte nichts anzuziehen und er hat mir Kleidung gegeben.
Ich hatte keinerlei finanzielle Mittel und er hat mir Geld gegeben.
Ich hatte keine Papiere und er hat mir Recht verschafft.
Ich hatte Angst auf die Straße zu gehen und er hat mir Mut gemacht.
Ich hatte keine Arbeit und er hat mir Arbeit beschafft.
Ich hatte niemanden hier, den ich kannte und dem ich vertraute und ich habe
durch Christian viele Freunde und eine große Familie gefunden.
Als ich Christ wurde, habe ich meine Herkunftsfamilie verloren. Durch Christi-
an bin ich in eine neue Familie hineingewachsen. Ich habe in ihm mehr als einen
Vater, mehr als einen Bruder gefunden!
Meine Erfahrungen mit Franz Keller
Als ich ganz neu in der Naunynstraße wohnte, habe ich gesehen, dass Franz
ein ganz besonderer Mensch ist. Immer wenn er sich mir zuwandte und mit mir
sprach, spürte ich seine Liebe und Wärme. Sein Lächeln strahlte so viel Freund-
lichkeit und Menschlichkeit aus! In der Bibel hatte ich gelesen: Gott ist die Liebe.
Und in den Augen von Franz habe ich diese Liebe Gottes gesehen!
Im Gottesdienst der Kommunität habe ich immer neben Franz gesessen. Da habe
ich ihn mehrmals gebeten, in einem konkreten Anliegen für mich zu Gott zu beten.
Als Franz das für mich tat, passierte es mehrmals, dass meine Bitten in kurzer Zeit
erfüllt wurden, auf wundersame Weise. Dadurch ist mein Vertrauen zu Gott im-
mer größer geworden. Franz war wie eine Brücke zwischen mir und Gott. Als ich
schon begonnen hatte, an Gott zu glauben und erfahren hatte, dass Gott die Bitten
erfüllt, die ich über Franz vor ihn bringe, bat ich Franz erneut, weiter in meinem
Namen bei Gott zu bitten. Ich hielt dies für einen guten Weg, denn Franz war ein
heiliger Mensch für mich, weil Gott offenbar auf ihn hörte. Aber eines Tages sagte
Franz zu mir: „Du bist selbst ein Mensch, genau wie ich. Du selbst darfst Vertrauen
zu Gott haben. Du selbst hast deine ganz eigene Beziehung, die direkt zu Gott geht.
Du musst nicht den Umweg über mich nehmen.“ Während Franz so zu mir sprach,
sah ich die Liebe Gottes in seinen Augen. Deshalb habe ich geglaubt, dass es wahr
ist, was er mir sagte. Deshalb habe ich es gewagt, selbst in Beziehung zu Gott zu
gehen und ihm meine Bitten auf direktem Weg vorzutragen.
Durch Franz und Christian ist für mich die Liebe Gottes so deutlich geworden,
dass sie mir das Liebste geworden sind, was ich auf Erden habe, gleich nach Gott
Vater, Gott Sohn und dem Heiligen Geist.
Franz256
Einfach mit Geschichte
Was mich trägt
A
ls ich alles verloren hatte und keinerlei Vertrauen mehr in das Leben hat-
te, fand mich Christian. Er erinnert mich immer an einen Schäfer, denn er
hat mich aufgenommen, wie ein Schäfer ein Schaf aufnimmt. Er hat für mich
gesorgt, nicht wie der Tagelöhner, der die Schafe verlässt, wenn der Wolf kommt,
sondern wie der Herr des Schafstalls, der sich für jedes seiner Schafe in Liebe
verantwortlich fühlt. Ich kam aus dem Gefängnis, wo ich nie hätte sein dürfen,
in die WG Naunynstraße. Christian gab mir ganz aufs Neue die Erfahrung zu
leben, die Erfahrung von Gemeinschaft und Freude.
Ich hatte auch die Ehre, Franz Keller kennenzulernen. Für mich ist es die höchs-
te Ehre, wenn ein Mensch es zulässt, dass ein anderer ihm die Füße wäscht.
Franz hat mir diese Ehre erwiesen: Ich durfte seine Füße waschen, ja mehr, ich
durfte sie pflegen. Das ist mir die größte Ehre, die man einem Menschen gewäh-
ren kann. Das ist für mich wie Sündenvergebung.
Ohne Christian könnte ich heute nicht das Leben führen, das ich heute habe:
ich hätte keine Freunde, ich wäre gar nicht mehr am Leben, ich hätte es mir
genommen.
Deshalb danke ich Christian so sehr, dass ich durch ihn, die WG und Franz Kel-
ler eine Ersatzfamilie gefunden habe.
Und ich danke Hans Mulawski, der schon nicht mehr am Leben ist, der sich
im Gefängnis um mich gekümmert hat und der früher als ich entlassen wurde
und deshalb den Kontakt zu Christian hergestellt hat, damit es noch einen Men-
schen gibt, der mich im Gefängnis besucht. Das hat mir überhaupt erst den Mut
gegeben, das Gefängnis überleben zu wollen, weil ich nach meiner Entlassung
in Christians WG wohnen konnte, was für mich bedeutete, in ein Zuhause ent-
lassen zu werden. Das war der Funke Hoffnung, den ich brauchte, um überhaupt
weiter leben zu wollen.
In der Folgezeit hat mir Christian immer gesagt, dass er mich nicht loslassen
könne, wenn ich nicht für mein inneres Kind sorge, so dass es erwachsen wer-
den dürfe. Nun habe ich über Christian ein Paar kennengelernt mit drei teils
schon pubertierenden Kindern und habe in dieser Familie erfahren, dass Gott
mich selbst durchs Leben trägt, er selbst, egal, was vorher war. Ich habe jetzt den
Glauben und die Kraft, dass ich immer in Gottes Hand sein werde, auch wenn ich
nicht weiß, wohin er mich führen will.
DANKE DIR CHRISTIAN
BorisEinfach mit Geschichte
257
DANKE!
D
anke Christian, dass du diesen LebensRaum „Naunyn“ geschaffen und offen
gehalten hast, ein Raum für das ganze Universum. (Gaston)
Danke Christian, durch dich habe ich viele Freunde und eine große Familie ge-
funden. (Monika)
Danke Christian, dass mir durch dich und Franz die Liebe Gottes deutlich wur-
de, dass ich keine Worte finde um das auszudrücken. (Franz)
Danke, dass du mich beherbergt hast, ohne jemals auch nur die geringste Gegen-
leistung zu verlangen – außer mich zu ermutigen, Gottes Licht nicht unter den
Scheffel zu stellen! (Rana)
Der Beatle George Harrison fand seinen Guru in Indien, der Straßenmusiker
Rock’n Rollf fand seinen Guru in der Naunynstraße, Berlin-Kreuzberg.
Ich danke dir für alles, die offenes Ohr, für deine Nächstenliebe, aber vor allem
habe ich von dir gelernt, den Leuten ohne Vorurteile zu begegnen. (Ibrahim)
Danke, dass du mir immer wieder zeigst, dass anders leben wirklich möglich ist,
wenn man Gott und seine Botschaft ernst nimmt. (Nadine)
„Man kann nie genug vom Leben lernen“. Ich bedanke mich. (Samuel)
Christian, du hast mir ein Reichtumsexperiment versprochen. Wo du Recht hast,
hast du Recht. Herzlichen Dank! (Hilmtrud)
Danke für die Gastfreundschaft und Wärme, dass du dein Haus mit mir teilst
und für deine Worte. (Maria Cruz)
Danke für den Gottesdienst am Kommunitätsabend in der Naunynstraße.
(Christian S.)258
Einfach mit Zukunft
Einfach mit Zukunft –
Generationswechsel Naunynstraße
1. Treffen am 30. Januar 2015
L
iebe Andrea, Andreas, Anna, Bernadette, Beate, Boris, Christian, Christoph,
Claire, Denis, Franz, Gabriele, Gaston, Gregor, Gundula, Hanns, Hilmtrud,
Ibrahim, Ingrid, Iris, Johannes, Joy, Katharina, Klaus, Ludger, Mabel, Margit, Ma-
ria, Markus, Martin, Michael, Mohammed, Monika, Nadine, Rainer, Rana, Rolf,
Samuel,
Eure Namen wurden spontan benannt, als wir uns in der Kommunität überleg-
ten, mit wem wollen wir die Zukunft unserer Wohngemeinschaft beraten. Anlass
war auch die Ankündigung des Besuches von Stefan Kiechle – Provinzial der
Jesuiten in Deutschland – Anfang März. Er möchte mit uns allen diese Frage
beraten.Einfach mit Zukunft
259
Einige der Adressaten dieser Mail haben hier ihren Lebensmittelpunkt, oder aus-
drücklich um eine Beteiligung an dem Prozess gebeten als Freunde oder am Mit-
leben Interessierte. Auch ehemalige BewohnerInnen sind dabei. Ebenso haben
wir Christoph Albrecht aus Basel schätzen gelernt, der seit Jahren Interesse am
Mitleben gezeigt hat oder Gregor aus dem Süd-Sudan, auch wenn seine Rückkehr
aus diesem vom Krieg geschüttelten Land erst in ein paar Jahren geplant ist.
Ähnliches gilt für Klaus, der noch in St. Blasien in der Leitung der Schule und
des Internates gebraucht wird. Über 35 Jahre lebt unsere internationale Kommu-
nität in Kreuzberg und war in der Beziehung zu vielen Kulturen oft eine Brücke
zu sehr unterschiedlichen Menschen und Themen. Wer möchte diesen Erfah-
rungsschatz auf dem eigenen Weg nutzen?
Vielleicht können sich einige von Euch frei machen zu einem Vorgespräch, bei
dem unsere unterschiedlichen Interessen ausgesprochen werden können und
wir uns darüber besser kennen lernen. Für die Moderation des Gespräches mit
dem Provinzial habe ich Klaus Mertes gebeten nach Berlin zu kommen.
Liebe FreundInnen in der Naunynstraße oder anderswo, für morgen, also Freitag
den 30.1.15, haben wir unser Treffen des besseren Kennenlernens ausgemacht:
18 Uhr Imbiss und 19 Uhr Austausch. Einige von Euch werden nicht kommen
können. Manche wohnen ja auch weit weg. Wir werden versuchen Euch auf dem
Laufenden zu halten. Manche werden nicht im Verteiler dieser Mail stehen, weil
ich sie vergessen habe oder ihr Interesse noch nicht kenne. Ihre Namen werden
vielleicht schon bei dem Treffen morgen auftauchen. Für die Gesprächsunter-
stützung konnte ich Jutta Becker gewinnen. Sie ist schon lange in Kreuzberg. Mit
ihr zusammen habe ich in der letzten Zeit einige Male Exerzitien im Alltag in St.
Michael begleitet und vor einiger Zeit mit dem Archivieren der bei uns liegenden
Unterlagen begonnen. Danke für Deine Bereitschaft!!
Wir stehen nach dem Tod von Franz Keller vor der Notwenigkeit, neue Ideen zu
entwickeln. Lange habe wir gedacht, dass uns seine weiter erfahrene Gegen-
wart noch gut weiter leben lässt. Er wird uns jetzt bei den anstehenden Schrit-
ten begleiten. Und auch Michael Walzer, der heute vor 29 Jahren 36-jährig starb
und der 1971 die Idee hatte, das Leben mit Arbeitern in einer Fabrik zu teilen.
1978 brachen wir von Frankreich Kommende nach Berlin auf. Jetzt will ich die
Schätze der Gemeinschaft und ihrer Geschichte in jüngere Hände geben und
bin gespannt darauf, wohin mein Pilgerweg mich noch führen wird. Werde ich
in Berlin bleiben oder vielleicht weiter nach Norden ziehen? Das war das Thema
während der Exerzitien in den letzten zwei Wochen für mich und Katharina
Prinz. Es war eine Zeit des Gebetes für jeden Einzelnen in der Gemeinschaft und
auch die Bitte, den Ruf Gottes besser zu erkennen.260
Einfach mit Zukunft
Anfang März erwarten wir den für die Jesuiten in Deutschland verantwortli-
chen Provinzial Stefan Kiechle. Er hat sein Interesse bekundet, über die Zukunft
der WG-Naunynstr. mit uns zu sprechen. Einige von Euch haben ihm geschrie-
ben. Welche Ideen für dieses Gespräch und darüber hinaus werden wir morgen
sammeln können?Einfach mit Zukunft
261
Michael hat dazu gestern einige Zeilen geschrieben:
Lieber Christian,
seit heute sieht alles danach aus, dass ich am kommenden Freitag leider nicht zu
dem Gespräch nach Berlin werde kommen können. Leider!!! Und so will ich mich
mit diesen Zeilen von Münster aus in den Prozess mit einbringen; vielleicht passt
es ja am Freitag, wenn diese Zeilen vorgelesen werden. Meine nachhaltige Erfah-
rung mit der Kommunität in der Naunynstr. ist am Besten in der Kennzeichnung
von Franz beschrieben: Wir sind hier im Paradies! Außenstehende mögen solche
Aussage belächeln. Und gerade das gilt es zu verhindern. Denn ich habe das Leuch-
ten in den Augen von Franz gesehen, als er diesen Satz gesagt hat, und war selbst
direkt angesteckt. Wie aber solches Leuchten in den Augen weitertragen? Welche
Werbemaßnahmen sind einer so sensiblen Öffentlichkeit wie der in der Naunynstr.
angemessen? Für welche Armut trauen wir uns zu, zu werben – und: Wie?
Vielleicht steht ja bald schon ein Fest an. Ein Fest, zu dem wir alle uns einmal mehr
so richtig herausputzen und unser Dasein in diesem Paradies auf das Prächtigste
feiern. Ein Fest, zu dem wir all die leisen Belächler dieses Paradieses einladen,
auf dass ihr be-lächeln ein Lachen werde. Lasst uns doch zeigen, wie wir sind: lie-
benswert und angewiesen, arm und paradiesisch reich, verborgen und öffentlich,
mitteilsam und hörend…. und noch so Vieles mehr.
Liebe FreundInnen in der Naunynstr oder anderswo,
herzliche Einladung zu unserem zweiten Treffen „Zukunft der Naunynstraße“.
Annette Walz hat die Stichworte festgehalten, die beim ersten Treffen auf die
Fragen von Jutta Becker genannt wurden:
a) „Mit welchem Wort kann dieser Ort in der Naunystr. für Dich am besten be-
schrieben werden?“
b) „Was steht im Zentrum, was ist der Kern, was hält die Mitte zusammen?“
zu a) wurden zuerst die derzeitigen BewohnerInnen gefragt. Sie schrieben diese
Stichworte auf die ausgeteilten Karten und erläuterten sie:
dazugehören – für mich ist es Sicherheit, aber nicht immer – Mein Leben, mein
Zuhause – Ein Ort an dem sich die Tür öffnet: für alle Menschen & für GOTT – viele
Menschen auf engem Raum – Übergangswohnen auf der Suche nach eigener Woh-
nung – irreale, behütete Welt, das Tor zum Paradies (Metaphysik) – Refugium & „Mu-
sentempel“ – gastfreundliche Gemeinschaft – Meine Hoffnung für Leben – Kommuni-
tät – Wo man wohnt ist seine Heimat – Meine Zuhause finden.. – z.Zt. mein Zuhause
– mein Zuhause, danke für die wechselnde Gemeinschaft – Anker 262
Einfach mit Zukunft
Auf den Karten der FreundInnen und UnterstützerInnen standen folgende Stich-
worte:
Geborgenheit auf Zeit? – Raum für/zu Leben (reduziert auf das Wesentliche) – Wo
jeder so genommen wird wie er ist – Einheit in Vielfalt – geschützter Raum/Zuflucht
– Wagnis – Raum für eine (die) offene selbstbestimmte KEIMZELLE in der Gesell-
schaft von unten! – einzigartiger Ort der Gastfreundschaft – Leben – Heimat und
Kirche – Gemeinschaft trägt – „Gott ist die Liebe“ – offenes Wagnis & Herausforde-
rung – das Leben in seiner ganzen Existentialität und Tiefe – meine zweite Familie &
Wahlheimat – Zuflucht – Menschen – Feuer
zu b) „Was steht im Zentrum?“ wurden folgende Stichworte erläutert:
Gastfreundschaft – Gemeinschaft – Essen – „Nahrung“ – Menschliche Nähe (Geschenk
& Herausforderung) – Wahrheit (relativ / absolut) – Vertrauen – Glück – Menschwer-
dung – Toleranz – Endurance – Interreligiöse Toleranz – weiter Horizont und Ver-
wurzelung – Kommen aus Not/Suche – Güte, Weisheit, Menschlichkeit…der Schäfer,
schenkt Leben – Geschwisterlichkeit (wie Bruder Jesus vor gelebt)
Die Stichworte helfen vielleicht etwas, sich an diesen bewegenden Abend zu
erinnern oder neugierig nachzufragen. Liebe Jutta, herzlichen Dank für die Be-
gleitung unseres Gespräches. Du hast auch deine Unterstützung für die nächsten
Treffen, einschließlich dem mit dem Provinzial der Jesuiten zugesagt. Am Freitag
den 13.2.15 wird es wohl vor allem um die Frage gehen: Was ist nötig, damit
die Gemeinschaft in der Naunynstraße weiter leben kann? Ich, Christian, will
auch auf die für mich schwierige Frage von Gundula antworten: Was kann ich
abgeben?
Am Freitag den 27.2.15 werden die Erwartungen an das Gespräch mit Stefan Kiech-
le SJ dran sein. Das Datum dafür soll heute Nachmittag festgelegt werden.
2. Treffen am 13. Februar 2015
L
iebe FreundInnen in und um die Kommunität,
das Treffen mit Euch am Freitag den 13.2.2015 habe ich weitgehend verschla-
fen. Ich hatte das volle Vertrauen, dass Ihr auch ohne mich auf die wesentlichen
Punkte kommt. Als ich den Bericht von Markus las, wurde ich in diesem Vertrau-
en bestätigt. Ich bin so froh über den Prozess, auf den Ihr Euch eingelassen habt.
Ich will mich weiter im Loslassen meiner bisherigen Rolle daran beteiligen.Einfach mit Zukunft
263
Markus schreibt:
„Beim zweiten Treffen zur Zukunft der WG Naunynstraße 60 hat Jutta in der Mo-
deration immer wieder dazu eingeladen, die Aufmerksamkeit darauf zu richten,
was jede und jeder Einzelne zum Leben der Gemeinschaft beitragen kann. Dies mit
einem klaren Blick darauf, dass Christian sich zunehmend in seiner Präsenz vor
Ort zurückziehen wird.
Zunächst wurde wichtig, zu hören, wie die Menschen, die für längere Zeit hier
leben und lebten, die Offenheit der Gemeinschaft für Kontakte nach außen, fürs
Mitleben von Menschen in Exerzitien, im Besuch, in kurzfristiger Aufnahme zur
Übernachtung erfahren. Roy als Hindu betont diese besondere Bedeutung der WG,
auch als Ort, wo gesellschaftliche und religiöse Isolation überwunden wird. Er
nennt Naunyn einen „Wallfahrtsort, an dem er sich wohlfühlt.“
In der Spannung von Belastung und Erweiterung, Freude, Beschenktsein und An-
strengung wird deutlich, dass generell die Offenheit der WG zu ihrem Kern gehört.
Dass dies in Vielem mit der sanft-präsenten Autorität und Herzensbildung (die rich-
tigen Fragen werden gestellt) von Christian verbunden ist (auch bei Grenzfragen,
wo es um ein JA oder NEIN zur Bleibe eines Menschen geht), steht außer Frage.
Zugleich wird deutlicher, dass dies auch für die Zukunft der WG ein unverzichtba-
rer Aspekt wird, diese Offenheit zu wahren und zu pflegen. Dies gilt auch in der
Grundausrichtung im Geist Jesu, im Blick auf ein Friedensleben zwischen Men-
schen unterschiedlichen Religionen und Kulturen.
Hilmtrud von der Congregatio Jesu (CJ) erklärt sich bereit, ab Herbst 2015 dauer-
haft bis zu neun Monate in die WG zu ziehen und mit zu leben. Es wird angeregt,
dass jede und jeder Einzelne, dem die WG am Herzen liegt, mit Namen mitteilt, wie
und wodurch sie/er diesen Prozess unterstützen kann (ggf. auch ein Leitungsteam
auf Zeit). Christian wird gebeten (in der Weise des Älteren) sein Lebenswissen und
seinen Erfahrungsschatz an die weiter zu geben, die intensiver ins Mitleben hier-
her kommen (Lehrer – Lehrling). Es wird angeregt, den Prozess intensiv ins Beten
zu nehmen. Rana schlägt vor, jeden Freitagabend zum gemeinsamen Beten für die
WG zusammen zu kommen. Hier wird das gemeinsame Schweigen und die Kraft
der Stille betont.
Den dauerhaft hier wohnenden Menschen ist es wichtig, dass Menschen in der
Verantwortung für die WG hierher kommen, denen das Zusammenleben vertraut
ist und die eine hohe Akzeptanz der WG Bewohnenden haben. Hier werden auch
Fragen nach der Art des Zusammenlebens in die Runde gegeben. Wie geht es zu-
künftig, dass die Alltagsdinge getan werden (Putzen, Waschen, Kochen, Heizen, Ab-
fall beseitigen etc.), ohne dass der Stil der Freiwilligkeit aufgegeben wird? Wie geht
es mit internen Konflikten, die dann stärker etwa werden, wenn Christian nicht vor264
Einfach mit Zukunft
Ort ist? Wie kann die Grundfinanzierung der WG, die wirtschaftliche Struktur, die
Miete etc. in Zukunft gesichert werden?
Alle diese Aspekte sollen beim dritten Treffen am 27.2. im Blick auf das Gespräch
mit Provinzial Stefan Kiechle im März weiter so vorbereitet werden, dass die Spiri-
tualität des Lebenszusammenhanges der WG Naunynstraße als Zukunftsort kirch-
lichen/ interreligiösen Lebens hier und jetzt sich noch mehr verdeutlichen.
Herzlichen Dank an Jutta für die sehr hilfreiche Moderation.
Herzliche Einladung zum dritten Abend der Beratungen am 27. 2. 2015. Ab 18 Uhr
gibt es einen Imbiss, ab 19 Uhr das Gespräch. Wir beginnen nach der Shabbat-
Liturgie.“
Dieser Einladung zum 3. Zukunftsgespräch kann ich mich nur anschließen und
hoffe, diesmal wieder in Eurer Mitte zu sitzen und auch für Rückfragen offen zu
sein. Mir sind die folgenden Fragen wichtig: Wie werden wir auskunftsfähiger
über unsere Interessen? Und welche offenen Fragen können wir auch vorein-
ander benennen. Ich freue mich, dass mein Mitbruder Tobias Zimmermann das
nächste Mal zu uns stoßen will.
3. Treffen am 27. Februar 2015
L
iebe Freundinnen und Freunde,
in der Reihe unserer Freitagsgespräche steht jetzt der Besuch von dem Ver-
antwortlichen aller Jesuiten in Deutschland bevor: P. Stefan Kiechle. Darauf sind
wir nun gut vorbereitet. Jutta wird uns weiter begleiten und schreibt über das
letzte Treffen:
Das 3. Zukunftsgespräch Berlin-Kreuzberg SJ am 27.2.2015
Nach einem Rückblick auf die vielen, so eindrücklichen Gesprächsbeiträge zu
den Leitfragen bei unserem 1. Treffen:
– Mit welchem Wort kann dieser Ort in der Naunynstraße für dich am besten be-
schrieben werden? – Was steht im Zentrum, was ist der Kern, was hält die Mitte
zusammen?
und beim 2. Treffen:
Was ist nötig, damit die Gemeinschaft in der Naunynstraße weiter leben kann?
Was kann ich, Christian, abgeben?
waren beim 3. Treffen im Vorfeld des Provinzialbesuchs folgende Anliegen wichtig:
Wie werden wir auskunftsfähiger über unsere Interessen – welche offenen Fra-
gen können wir auch voreinander benennen?Einfach mit Zukunft
265
Wir hörten einander an, wir gaben einander Auskunft zu folgenden Fragen:
Wo bin ich persönlich gewachsen? Was hat mich stärker gemacht in der Kommunität?
BewohnerInnen der WG antworten:
mein Glauben an Gott; gewachsen im Vertrauen in Menschen, aber auch im Re-
alismus; viele einzelne Erkenntnisse; eine klarere Vorstellung von zukunftsfähi-
gen, geistlichen Gemeinschaften – eine Freundin sagte, seit ich hier wohne sei ich
nicht mehr so dünnhäutig – ein wenig mehr Toleranz – zu lieben und lernen, zu
leben – offene Tür – durch ein Gespräch mit Christian (über das Studium); – nette
Leute kennengelernt zu haben – Gleichheit; schweigen lernen; dass anders leben
möglich ist – ich suche noch – gläubiges Loslassen – Gottesnähe erfahren; „Solidar-
nosc” bei eigenen Schwächen – die Konfrontation
Was möchte ich stärker einbringen in die Gemeinschaft?
BewohnerInnen der WG antworten:
Freude – mehr „Spiritualität”, bin mir aber nicht sicher, ob dies hier möglich ist, dies
nicht an einem anderen Ort stattfinden müsste – mit Einbringen bin ich derzeit vor-
sichtig. Von mir aus: konkrete Tätigkeiten/Hilfen! Arbeiten – Gelassenheit – Hilfsbe-
reitschaft – zusammen Leben – mich selber als Person; alles, was zum Weitergehen
führt; Dankbarkeit – Nähe – mein Engagement für Frieden – Solidarität – Mitarbeit
Was hat mich angezogen und bereichert im Kontakt mit der Kommunität?
Freunde der WG antworten:
die „unmögliche” Möglichkeit, dass Menschen aus vielen Ländern und unterschied-
lichen Religionen in Frieden zusammen leben und dabei noch offen sind für ande-
re! – verschiedene Menschen verstehen wollen – Christian; mich selbst konfrontie-
ren; Ehrlichkeit; Liebe; Sinn des Lebens – Solidarität ist ansteckend; wächst – Hilfe;
Frühstück am Samstag; Fülle – die Würde jedes Menschen sehen und schützen
– Stabilität; Selbstsicherheit durch bedingungslose Gastfreundschaft
Was möchte ich stärker für die Kommunität einbringen?
Freunde der WG antworten:
ein offenes Ohr für die Einzelnen – sagen, wenn ich jemanden nicht verstehe –
mich selbst; Freude – Zuhören und Stimme in den Orden hereingeben – das, was
sie braucht und wozu ich eingeladen werde -menschliche Nähe; Zeit; Dasein -Ge-
bet; Taize-Gebet; Gastgeberin für Frühstück
Was müssen wir dem Provinzial sagen, dass er es weiß?
all das, was bei unseren Treffen über diesen Ort, über diese Gemeinschaft gesagt
wurde! – kann er das spirituelle Potenzial spüren, das dieser Ort für den Orden266
Einfach mit Zukunft
hat? – diese Gemeinschaft ist für Jesuiten ein weiterer Lernort – seine Aufgabe
wäre doch ein großer Verlust: eine seit über 30 Jahren existierende Mission – zum
Guten vieler Menschen wäre dann einfach vertan.
Wie kann der Provinzial uns unterstützen: personell? materiell? Mit engagiertem
Interesse und phantasievollen Ideen für ein Weiterleben der Kommunität?
Danke Jutta für diese Stichworte. Die Beratungen gehen in der Kommunität wei-
ter. Auch der Tod meiner Mutter prägt unseren Alltag. Abschiede gehören zum
Leben. In jedem Abschied liegt auch ein Neuanfang. Dem wollen wir uns stel-
len.
4. Treffen am 12. März 2015
Lieber Stefan,
Dein Besuch bei uns in Kreuzberg rückt näher. Herzlich willkommen!
Wir erwarten Dich am Donnerstag den 12.3.15 gegen 12 Uhr bei uns. Ein Mittag-
essen ist vorbereitet. Dann hast Du viel Zeit anzukommen. Vielleicht willst Du mit
dem einen oder anderen Bewohner einen Spaziergang oder selbst einen Mittags-
schlaf machen. Dir steht für den ganzen Nachmittag das Zimmer von Br. Schmidt
im 3. Stock zur Verfügung. Br. Schmidt und ich rechnen in dieser Zeit auch mit
unseren Visitengesprächen.
Da Du mit denen, die Dir einen Brief im Blick auf die Zukunft schrieben, persön-
lich sprechen willst, habe ich Iris Weiss, Andrea Scherer und zwei Personen aus
der hiesigen Gemeinde St. Michael/St. Marien zu 16.30 Uhr eingeladen. Alle Brief-
schreiberInnen kenne ich vielleicht nicht. Ggf. kannst Du ja andere dazu einladen.
Von 18 bis 19 Uhr wird es für alle, die zum abendlichen Gespräch mit Dir kommen,
einen Imbiss geben. Bei den vorbereitenden Gesprächen waren es jeweils etwa 30
Personen aus der Kommunität und FreundInnen, wovon die meisten eine längere
Zeit in der Naunynstr. gewohnt und ein Interesse am Fortbestand der Gemeinschaft
haben. Ich berichtete oft von dem Münchner Gespräch mit Dir im letzten Herbst,
bei dem Du gesagt hast, dass Du keinen Mitbruder mehr nach Kreuzberg schicken
willst. Auch Tobias Zimmerman wird zu diesem Gespräch kommen, der auch schon
beim letzten Gespräch dabei war. Das Gespräch ab 19 Uhr wird wieder von der
Kreuzberger Pfarrerin i. R. Jutta Becker moderiert. Ihren Bericht des letzten Zu-
kunftsgespräches hänge ich diesem Schreiben an.Einfach mit Zukunft
267
Wir alle hoffen auf einen Vorschlag des Hl. Geist, der eine Lösung sieht, die wir im
Gebet bemerken können. Öffnen wir unsere Ohren dafür. Wir wollen den Abend
mit etwas Musik und dem Gebet um diese Offenheit beginnen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
nach dem Treffen mit Stefan Kiechle – der sich für den Abend ausdrücklich be-
dankte und entschuldigte – er sei gegen Ende sehr müde geworden – und alle
grüßen lässt. Jetzt steht an, dass wir selbst auf die sich nun abzeichnende Lage
sehen und die Perspektiven erkennen, die jetzt da sind. Auch wenn wir Jesuiten
Kreuzberg verlassen, lebt Kreuzberg weiter und vielleicht auch die Naunynstr.
60. Wie sehen die Einzelnen die jetzige Situation? Worin sollten wir uns gegen-
seitig unterstützen?
Nach dem Abend mit Stefan ist für mich noch deutlicher, für welche Geschenke
ich aus meinen 37 Jahren hier danken darf. Das geht anderen vielleicht auch so.
Und mir ist mein Schmerz über manche Entwicklungen bei mir und im Orden
deutlicher geworden. Das kann für andere auch ein wichtiges Thema sein. Wir
werden auch die Impulse sammeln, wie es weitergehen kann.
5. Treffen am 27.03. ohne Bericht
6. Treffen am 8. Juli
E
ine große Runde traf sich am Abend (nach einem großartigen Essen, gekocht
von Franz), um voreinander die Sicht auf die gegenwärtige Lage auszuspre-
chen.
Beginn mit einem geistlichen Impuls aus dem Evangelium nach Lukas 9,57-60
In allen Veränderungen und Unsicherheiten unseres Lebens werden wir daran
erinnert, dass die Bibel das Leben nicht in Jahren, sondern in Tagen zählt: Abend
und Morgen: 1. Tag. So ruft uns Jesus, den Tag heute in seiner Gegenwart zu
leben: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt
für das Reich Gottes“. Jesus ruft uns aus den Jahren der Vergangenheit und den
Jahren der Zukunft, die wir ängstlich (ver)planen wollen, in die Gegenwart, in
seine liebende Nähe.
Christian berichtet über die große Wertschätzung, die der ganzen Kommunität
durch die Mitbrüder im Jesuitenorden zum Ausdruck gebracht wird. Er liest aus
einer entsprechenden Mail vor, in der ausgesprochen wird, dass Christian mit
der Kommunität Naunynstraße einen für den ganzen Orden bestehenden Auf-
trag gelebt hat und dass der Orden für diesen Ort auch weiterhin eine Verant-268
Einfach mit Zukunft
wortung sieht, wenn auch keine Möglichkeit besteht, die Kommunität derzeit
personell weiter zu unterstützen.
Christian wird nach seinem Geburtstag im Frühjahr 2016 aus der Kommunität
ausziehen und auf Pilgerschaft gehen
Christian gibt eine ihm wichtige Frage vor, die ihm in diesen Tagengestellt wur-
de: Was bedeutet Leitung für dich? – und sagt dazu:
* Zur Leitung gehört zuallererst das Hören, dem Menschen, der zu mir spricht,
zuhören. Nicht gleich Vorhaltungen machen, nicht gleich reden, sondern erst
einmal dem anderen Menschen Raum geben, ihn zu Wort kommen lassen.
* Dieses Zuhören, dieses Eingehen aufeinander geschieht zwischen Einzelnen
in der Kommunität, aus diesem Geist lebt die Gemeinschaft. Der Geist leitet
sie.
* Leitung bedeutet auch konkret, dass jemand dafür Sorge trägt, den Raum da-
für offenzuhalten, damit dieses Eingehen und Hören aufeinander immer wie-
der geschehen kann.
* Die Außenkontakte, also die Einbettung der Kommunität in die gegenwärti-
gen Bewegungen war Christian wichtig.
Leitung und Sorge tragen
Michael Peck und Iris Weiss berichten über ihren Weg in die Kommunität
Naunynstraße und ihre Situation hier.
Michael lebt seit einigen Monaten jeweils für 2 1/2 Tage pro Woche in der WG,
die anderen Tage in Münster, wo er einen Marktstand für Oliven und Käse hat.
Er hat sich mit der Kommunität vertraut gemacht und prüft sich im Zusammenle-
ben mit der Gruppe, ob dieses der Ort seiner Sendung ist, auf den er sich länger-
fristig einlassen und seine Existenz in Münster loslassen soll. Es ist ein Prozess,
der für ihn noch nicht abgeschlossen ist, aber mit weiter Aussicht…
Iris hat sich seit längerer Zeit ganz auf ein Leben in der Kommunität eingelas-
sen – auch sie sieht für ihr Leben eine Perspektive an diesem Ort. Beide, Michael
und Iris, können sich vorstellen, nach Christians Auszug, Leitung im Sinne von
verantwortungsvollem Sorgetragen zu übernehmen.
Brauchen wir bestimmte Menschen als Leitende?
Aus der Kommunität gibt es Äußerungen zur Frage der Leitung nach Christians
Auszug:
* Ja, wir brauchen das. Die Kommunität muss im Geist von Franz Keller und
Christian weitergeführt werden. Sie werden nie so sein wie sie, aber es muss
weitergehen. Ich bin froh, dass Michael und Iris da sind.
* Ich weiß nicht, mir geht das zu schnell. Da wird so ein Druck gemachtEinfach mit Zukunft
269
* Wir können es doch mal für ein paar Monate versuchen, wie es geht.
* Wir sind eine Gemeinschaft im Geist von Franz und Christian. Wir sind alle
verantwortlich. Wir können es doch versuchen mit ihnen
* Wir brauchen keine Leitung. Wir können doch unser Zusammenleben selber
regeln. Jeder ist gleichberechtigt. Vielleicht könnte man das mal für einige
Monate ausprobieren – so ganz ohne neue Leitung?
* Wir sollten respektieren, wenn Christian mit Michael und Iris über diese
Frage schon länger redet, dass es nötig ist. Wichtig: jeder, der hier lebt hat
sich doch entschieden, hier zu leben. Positiv. Und hat Verantwortung für die
Gemeinschaft. Ich freue mich, dass Iris und Michael da sind.
* (Ein Gast auf Zeit mit Exerzitien auf der Straße): Christian, ich habe jetzt ver-
standen, wie schwer es ist, ein Guru zu sein.
Christian betont, dass es in der Kommunität um mehr geht als einander gleich-
berechtigt zu tolerieren. Toleranz ist nur absolutes Minimum. Hier ist mehr nötig
und hier wird auch mehr gelebt. Hier leben auch Menschen, die in einer Schwä-
che gestützt und geschützt werden müssen. In der Kommunität ist Leitung durch
bestimmte Menschen nötig, um für alle kontinuierlich einen Raum offenzuhalten
– damit jeder, auch der Schwache, immer wieder gehört wird. Leitung bedeutet
hier also, Sorge zu tragen für eine Kontinuität. Z. B. auch die kontinuierliche Be-
reitstellung der äußeren Wohnbedingungen usw. Leitung gibt dem Ort Stabilität
und öffnet der Gemeinschaft Raum.
* Es wäre hilfreich, wenn eine Gemeinde (St. Michael?) oder eine andere Or-
densgemeinschaft denjenigen, die für die Leitung Sorge tragen werden, als
Sendende den Rücken stärkt.
7. Treffen am 29. September
L
iebe Mitfühlende, gestern haben wir uns wieder mit Euch in größerer Runde in
der Naunynstr. getroffen. Im Mittelpunkt des Gespräches standen die beiden
Briefe von Iris und Michael, die ich Euch nochmals anhänge. Es war ein Abend aus
dem wir wohl alle freudig heraus kamen, weil wir einen Schritt im Generations-
wechsel vorangekommen sind. Uns hat wieder Jutta geholfen bei der Gesprächsfüh-
rung. Wir hatten Besuch aus Spanien von der verantwortlichen Combonischwester
für Europa, der Ibrahim meisterhaft alle Wortmeldungen auf Spanisch übersetzt
hat. Dieses Übersetzen hat aus den Gesprächen Tempo heraus genommen. Wunder-
bar. Und Maria hat auch daraus Nutzen ziehen können. Wir wollen uns in dieser
Zusammensetzung wieder am Mi, den 4.11.15 um 18 Uhr treffen.270
Einfach mit Zukunft
8. Treffen am 4. November
B
esonders begrüßt werden an diesem Abend Christians Mitbruder Markus
aus München, der für die Zukunft der älteren Ordensbrüder Sorge trägt,
Christian (ehemals Pfarrer in der Thomaskirche und der WG seit 1987 verbun-
den) und Hilmtrud von der Congregatio Jesu, frisch angereist um einige Monate
in der WG mitzuleben.
Christian wählt das Bild eines Staffellaufes um den Prozess der Verantwortungs-
übergabe zu veranschaulichen: Beide Läufer müssen für die Stabübergabe das-
selbe Tempo erreichen und in Einklang loslassen bzw. zugreifen damit der Stab
nicht fällt.
Die aktuell an Christian herangetragene Bitte, einen Hilfe suchenden Menschen
aus dem Krankenhaus in die WG zu holen, macht vielerlei deutlich. Es braucht
die „Köpfe“ für den konkreten Gang ins Krankenhaus. Es ist der Geist der Un-
terscheidung gefragt, der in die Entscheidung mündet. Dieser Prozess wird von
allen gespeist, sodass Christian die Stabübergabe nicht nur an 2 Personen im
Blick hat, sondern an alle. Bei der berechtigten Frage nach dem Tempo gilt es,
die momentanen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Später stellt sich die
Frage, woher in Zukunft Autorität kommen soll, Entscheidungen zu akzeptie-
ren. Für Christian wächst Autorität durch Beziehung und das Aussprechen: „Ich
vertraue dir“. Der größte Mangel besteht nicht im fehlenden Schlüssel, son-
dern darin, nicht gesehen zu werden.
Nach seiner Geburtstagsfeier am 16. April geht Christian ein halbes Jahr auf
Achse, die Vorstellung des Buches über Staßenexerzitien fällt in diesen Zeitraum,
ebenso Besuche im weiteren Kreis der FreundInnen und UnterstützInnen der
Naunynstraße. Für die Zeit danach zieht es Christian nach Flensburg, ohne sich
schon fest zu legen. Sein Anliegen ist weiterhin, wie auch hier in der Naunynstra-
ße, zu probieren, was für die Gesamtgesellschaft gut wäre, z.B. ein Haus Gottes,
ein spirituelles Zentrum. Das wird sich vor Ort mit Katharina entwickeln.
Christian Schmidt will in der Naunynstraße wohnen bleiben und entsprechende
Gespräche mit Markus, Iris und Michael laufen einvernehmlich.
Als Meilenstein bezeichnen Iris und Michael das Gespräch mit dem Provinzial
Stefan Kiechle: keine konkreten Zusagen, aber sehr klare Signale. Wir unterstüt-
zen den Fortbestand der WG und übernehmen Verantwortung. Diese Zusage ist
beiden ein Herzensanliegen. Daran hängen viele Fragen. Andrea Scherer betont
den leitenden ignatianischen Geist, der bei der Stabübergabe nicht verloren gehen
darf. Die WG soll weiterhin ein schutzbietender Raum bleiben, in dem Menschen
spirituelle Erfahrungen machen und ihn gestalten können. Iris beeindruckte in
dem Gespräch mit dem Provinzial die wahrgenommene Großzügigkeit und gro-Einfach mit Zukunft
271
ße Freiheit hinsichtlich der zukünftigen Ausgestaltung. Diese grundlegende Hal-
tung ermöglicht im Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Religionen
und Kulturen auf den Weg zu sich zu kommen. Christian nennt beispielhaft ei-
nen Prozess, der in dem Satz „Ich habe hier meinen muslimischen Glauben ge-
funden“ mündete.
Der anschließende Austausch macht deutlich, was es bedeutet im Tempo (der
Auseinandersetzung) zu bleiben. Es wird ein Wildblumenstrauß an Aussagen,
Positionierungen, Rückmeldungen und Anfragen gesammelt:
* Menschwerdung ist ein Begriff, der fällt, um die bereits gelebte Wegstrecke
in der Naunynstraße zu umreißen, die in Nächstenliebe, für einander da
sein, still sein und Gastfreundschaft sichtbar wird.
* Zum Prozess der Menschwerdung gehören auch Ängste.
* Wir sind mit unterschiedlichen Privilegien ausgestattet und müssen die ver-
schiedenen Bedürfnisse respektieren die sich aus existentieller Betroffen-
heit ergeben.
* Die Naunynstraße wird als einer der seltenen Orte beschrieben, wo Menschen
sich in ihrer Unterschiedlichkeit voneinander entfernen und wieder zuein-
ander finden können. Die tragende Bedeutung der Menschen, die hier schon
lange und aus Überzeugung leben, wird betont. Wie wird sich – auch ohne
die Autorität von Christian – das gemeinsame Leben entwickeln, mit Hil-
fe des heiligen Geist.
In der Kommunität gibt es Stimmen der Zuversicht, klare Zusagen sich auch
weiter aktiv in die WG einzubringen. Hoffnung und Sorge werden geäußert. Die
Aufgabe von Iris und Michael – für die Gemeinschaft zu sprechen, sie zu leiten
und das Miteinander zu gestalten – wird als sehr herausfordernd gesehen. Die
konkreten Anfragen an Iris und Michael betreffen vor allem anstehende Verän-
derungen (Iris benutzt den Begriff „Umbau“), die Frage nach Regeln/Regellosig-
keit und nach der (liebenden) Autorität nach innen und außen.
In diesem Teil des Gesprächs werden Irritationen, Ängste, Empfindlichkeiten
deutlich, aber auch eine große Sprachfähigkeit, die im letzten Jahr weiter ge-
wachsen ist. Vieles ist noch offen und muss auch offen bleiben. Viele Fragen
müssen weiter bewegt werden und „das Leben ist immer anders als die Phan-
tasie darüber – lass Platz für das Überraschende“. Dieser Satz richtet sich an
Christian Herwartz und an die Wohngemeinschaft der Naunynstraße.
Wie immer wurde der Abend wunderbar eingerahmt: Kulinarisch durch die Koch-
künste von Franz und musikalisch durch Rock`n Rollf mit Gitarre und Gesang.
Beate Sellner272
Einfach mit Zukunft
Mission erfüllt?
D
ie kleine Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg werden die Jesuiten nach fast
40 Jahren nicht mehr fortführen. Unter der Hand haben sich die Prioritäten
verschoben. Die Kommunität sollte mit nach einem angemessenen Einsatz für
Glaube und Gerechtigkeit im deutschsprachigen Raum suchen. Eine nachhalti-
ge Unterstützung blieb aber seit längerer Zeit aus. Ist die ursprüngliche Frage
beantwortet? Werden bei uns keine Menschengruppen – die Armen aus dem
Evangelium – mehr strukturell ausgegrenzt? Haben wir zu einem öffentlich ge-
lebten Glauben in den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften gefunden?
Sind wir in der Demokratie angekommen? Lassen wir uns von Papst Franziskus
herausfordern, einen Lebensstil der Offenheit, der Gastfreundschaft und Grenz-
überschreitung jeweils mit einer deutlichen Option für die in der Gesellschaft
Ärmeren zu suchen? – Menschen außerhalb des Jesuitenordens wollen nun die
Tür der Kommunität offen halten. Was können Interessierte dort finden?
Ein Blick in die Geschichte
Noch im geteilten Berlin nahmen drei Jesuiten 1978 eine Arbeit als Lagerarbei-
ter, Dreher oder Küchenhilfe auf. Mitten in dem vom Abriss bedrohten Kreuzberg
zwischen Menschen, die vor allem aus der Türkei aber auch aus vielen andern
Ländern kamen, gründeten sie eine Kommunität, die im Laufe ihrer Geschichte
viele Menschen anzog. Regelmäßig tauschten sie sich über ihren Alltag, die Ar-
beit und die Kontakte im Stadtteil aus und feierten anschließend miteinander
„Gottesdienst am Küchentisch“.7
Später kamen Menschen aus dem Gefängnis oder auf der Flucht aus dem Aus-
land in die Kommunität. Sie brachten ihre Verzweiflung, ihre Krankheiten und
Süchte mit. Die Gemeinschaft teilte mit ihnen die Sehnsucht nach einem Leben
für Glaube und Gerechtigkeit. Die drei Jesuiten waren dort angekommen, wohin
sie der Orden geschickt hatte. Sie gingen in der Tradition der Arbeiterpriester
den Weg vom betreuenden „Für“ zum solidarischen „Mit“.
Im 2. Weltkrieg gingen französische Priester mit ihren Landsleuten als Fremdarbei-
ter nach Deutschland. Wurden sie entdeckt, dann landeten sie im Konzentrations-
lager. Später verließen einige ihre Kollegen nicht und gingen weiter diesen Weg
der Menschwerdung: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus
Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott sein, sondern
7
Gregor Freiherr von Fürstenberg schreibt mit Bezug auf Franziskus von einer Missi-
on am Küchentisch, in: Zustand permanenter Evangelisierung, Herderkorrespondenz
11/2015, S. 30-33Einfach mit Zukunft
273
er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ (Philipper-
brief 2,5ff) Daraufhin erreichten katholischen Unternehmer ein päpstliches Verbot
der Arbeiterpriester, das erst vom Konzil wieder aufhoben wurde.
Auch in Deutschland spürten wir bei unserem Start in Berlin eine Konfliktlinie:
Wie sollte der Orden dieses Engagement, das sich in die Arbeiterbewegung ein-
fügen und keine eigene Institution gegründen wollte, nachhaltig begleiten? Wie
konnte das Berliner Engagement seinen Platz neben theologischen Fakultäten,
Schulen, pastoralen oder karitativen Einrichtungen finden?
Unser Engagement in Berlin startete 1971 in München mit der Frage von Michael
Walzer (+1986): „Kommst Du mit, nach einer Fabrikarbeit zu suchen?“ Schon als
Schüler setzte er sich für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutsch-
land ein und wollte nun eine Brücke zwischen den intellektuell und manuell
Tätigen schlagen. Ich sagte sofort zu. Anfangs folgten wir unserem Anliegen bei
Ferieneinsätzen. Im Theologiestudium fand ich in Frankfurt jeweils donnerstags
Arbeit im Umzugswesen als Träger und Fahrer. Doch am Ende des Studiums kam
uns die gesetzgebende weltweite Generalkongregation (1974/5) im Orden zu Hil-
fe. Die Jesuiten sollten nun besonders an ihrem Einsatz für Glaube und Gerech-
tigkeit erkennbar sein. Ratlosigkeit herrschte unter den deutschsprachigen Jesu-
iten, da sie nicht auf widerständige Erfahrungen zurückgreifen konnten, wie sie
die Theologie der Befreiung in Lateinamerika benannte. Daraufhin beschloss die
Provinzialkonferenz, der damals noch vier deutschsprachigen Ordensprovinzen,
zwei neue Kommunitäten zu gründen: Eine sollte sich in Frankfurt/M neu mit
der eigenen Spiritualität auseinandersetzen und die andere nach dem Einsatz für
Gerechtigkeit in unseren Ländern suchen.
Nach einer mehrjährigen Vorbereitung unter französischen Arbeiterpriestern be-
gnnen wir in Berlin und übernahmen nach der Auflösung der Frankfurter Kom-
munität unbemerkt auch ihr Suchen. Wir erlebten mit großer innerer Freude die
Einheit des Engagements für Glaube und Gerechtigkeit. Nach dem Tod von Franz
Keller (+2014), einem Schweizer Jesuiten, der über 30 Jahren mit uns lebte, steht
2016 ein Generationswechsel an.
Exerzitien auf der Straße
Ein jüngerer Mitbruder fragte sich 1996 am Ende seines Studiums, ob er die
jährlichen Exerzitien (Geistlichen Übungen) bei uns machen könnte. Ihn bewegte
die Frage: „Soll ich nach meinem Theologiestudium für ein Jahr in einem Hospiz
für Aidskranke mitarbeiten?“ Spontan hielt ich ihn davon ab, weil bei uns bis
zu zwanzig Personen auf engstem Raum wohnen; eine stille Ecke wie in einem
Kloster fehlt. Außerdem hatte ich noch nie Exerzitien begleitet. Ludger blieb bei
seiner Anfrage. Schließlich sagte ich: „Unsere Gastfreundschaft gilt auch dir. In274
Einfach mit Zukunft
meinem Schlafzimmer stehen sieben Betten, um auf Notfälle reagieren zu kön-
nen. Eins ist für dich frei.“ Er kam. Abends nach der Fabrikarbeit erzählte er mir
von seinen Erfahrungen des Tages: Seine Zerrissenheit meditierte er dort, wo die
Berliner Mauer stand: Er ging auf der Straße mit einem Fuß rechts und mit dem
anderen links von der Markierung. An einem anderen Tag stand er vor Trümmer-
grundstücken und meditierte die Wunden der Stadt und seinen eigenen. Später
freundete er sich mit einem obdachlosen Mann an, der ihn einlud, ihm „seine“
Stadt zu zeigen. Beim Erzählen wurde ihm klar, dass er damit auch ins Hospiz
eingeladen worden war.
Als Menschen um einen Exerzitienkurs in Berlin-Kreuzberg baten, suchte ich
nach BegleiterInnen. Ich fand sie in der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgren-
zung“, mit der ich regelmäßig vor dem Abschiebegefängnis stehe. Dort auf der
Straße finden wir in unseren Gebeten angesichts des staatlichen Unrechts zu be-
sonderer Klarheit. Wir feierten Gottesdienste, manchmal – nur durch die Mauer
getrennt – zeitgleich mit den Gefangenen. Wenn Papst Franziskus uns ermahnt,
auf die Straße zu gehen und mit staubigen Füßen heim zu kommen, dann meint
er wohl auch solche Situationen. Für unsere Gruppe kamen die vielen Flüchtlinge
im letzten Jahr nicht überraschend, denn wir standen, als wir vor den Gefängnis-
mauern ausharrten, ja praktisch am Mittelmeer, auf dem so viele Menschen bei
der Überfahrt sterben. Bei den anschließenden Besuchen in der Haft begegneten
wir den zur Abschiebung ausgesonderten Menschen. Sah ein Rechtsanwalt ihre
Akten durch und formulierte einen Widerspruch, dann mussten über die Hälfte
der Gefangenen wegen Rechtsverstoß sofort entlassen werden. Sie öffneten uns
die Augen für rechtswidriges behördliches Verhalten. Die Richter folgten meist
unhinterfragt den Wünschen der Ausländerbehörde.
Im Sommer 2000 boten wir „Exerzitien an sozialen Brennpunkten“ an. Die Teilneh-
merInnen waren in der Notschlafstelle der St. Michaelisgemeinde untergebracht.
Sie bekamen die vier Ratschläge Jesu mit (Lk 10,3/4), aufmerksam zu sein. Jesus
schickte die 72 Jünger wie Schafe unter die Wölfe. Deshalb sollen sie kein Futter
für die Wölfe mitnehmen, also die Geldbörse zurücklassen, ebenso kein Überle-
benspaket kaufen; der Rucksack bleibt hier. Beim Eintritt in die Häuser werdet
ihr eure Schuhe ausziehen. Verschiebt diesen Respekt vor den Bewohnern nicht:
Zieht sie sofort aus! Und überwindet auch das „man muss doch“, die ablenkenden,
blockierenden Höflichkeitsregeln: „Grüßt nicht unterwegs.“ – Abends erzählten
die Teilnehmenden von ihren Erlebnissen und suchten darin nach den Spuren
Gottes. In diesen Austauschrunden werden die eigenen Erlebnisse von den vor-
urteilsbehafteten Sichtweisen befreit, die jeder mitbringt. Überwältigt von dem,
was sie gesehen hatten, bedrängten mich die BegleiterInnen, im nächsten Jahr
zu einem neuen Kurs einzuladen. Ich verlor gerade meine Arbeit in der FabrikEinfach mit Zukunft
275
und fand mich auf der Straße wieder. Seitdem mischen sich in den Exerzitien
auf der Straße8 Menschen in vielen Städten Deutschlands und auch in Belgien,
Frankreich, der Schweiz, aus Österreich, Ungarn und Kanada und einzelne aus
Italien, Finnland, Norwegen, Brasilien unter das Volk und lassen sich von der in
ihnen liegenden Sehnsucht führen. Menschen mit unterschiedlichen religiösen
und weltanschaulichen Prägungen entdecken ihre Sehnsucht und fragen nach
dem, der uns damit so einmalig schuf, geben dieser Kraft ihren persönlichen
Namen und lassen sich von ihr führen. Die uns treibende Kraft wartet auf uns,
wo immer sie uns begegnen will. In den Exerzitien bekommen wir Hinweise und
können ihre Spuren wahrnehmen.
Als Arbeiter brach ich täglich mit der Frage auf: Wie willst du, Jesus, der du als
Auferstandener unter uns und in jeder/m von uns lebst, mir heute in meinen
KollegInnen begegnen? Ähnlich suche ich in den Exerzitien den Ort, wo der Auf-
erstandene auf mich wartet. Jesus trainierte die ersten JüngerInnen, ihn in ver-
schiedenen Situationen zu erkennen: Er erwartete die Frau am Grab als Gärtner,
die beiden Jüngern auf der Straße nach Emmaus als Fremder und die Jünger am
See Genezareth am Kohlenfeuer.
Wohl nicht ganz zufällig begann die Entdeckung dieser Exerzitienform in unserer
Kommunität. Wir benutzen keine Gegensprechanlage, sondern öffnen die Haus-
tür grundsätzlich ohne zu fragen. Dadurch finden wir in unserem Wohnzimmer
oft Menschen vor, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wir erleben Straße mitten
im privaten Bereich. Das ist ein Geschenk Gottes, der ja Weg oder Straße (Jo
14,6) ist, auf der wir ihm und der Welt begegnen können. Ignatius, der Gründer
des Jesuitenordens, lebte selbst im 16. Jahrhundert nach seiner Bekehrung neun
Monate in Manresa (Spanien) als Obdachloser. In dieser Zeit sammelte er seine
Exerzitienerfahrungen.
Wenn wir die Straße mitten in unserer Wohnung erleben, fragen wir die Eintre-
tenden grundsätzlich nicht danach, woher sie kommen. Die Gäste kommen viel-
leicht gerade aus einem Gefängnis oder einer Psychiatrie oder aus einer anderen
schwierigen Lebenssituation und können ohne das Vertrauen in die Gastgeber
davon nicht erzählen. Ist die zwischenmenschliche Brücke geschlagen, bleiben
viele über längere Zeit, so dass ich in den letzten 40 Jahren in meinem Schlaf-
zimmer mit Menschen aus über 70 Ländern zusammen gelebt habe. Von vielen
überraschenden Begebenheiten kann ich erzählen:
8
Im Februar 2016 erscheint ein neues Buch von fünf BegleiterInnen: Christian Herwartz
u.a., Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen – Persönliche Begegnungen in Stra-
ßenexerzitien in den Neukirchener Verlagen – Erfahrungsberichte, Kursangebote, Litera-
turhinweise und vieles mehr: http://www.strassenexerzitien.de/276
Einfach mit Zukunft
Herausforderung: Flucht
Ein Mann mit einem Mädchen an der Hand stand nach einer viermonatlichen
Wohnungslosigkeit vor unserer Tür und sagte: „Dieses Mädchen von dreieinhalb
Jahren habe ich entführt. Ich möchte gern hier wohnen.“ Trotz meiner Sprachlo-
sigkeit wusste ich: Hier im Treppenhaus kann ich ihm nicht weiter zuhören. Als
Alternative blieb: Wegschicken oder die Tür öffnen. Gefühlt stand die Mutter des
Kindes sofort neben mir. Welcher Freund uns solch eine Situation zumutete und
unsere Adresse weitergab, fragte ich nicht. – Zwei Monate wohnte Yvon mit ih-
rem Vater bei uns. Eine echte Entführung, denn die Mutter hatte das Sorgerecht.
Jetzt lebte sie mit einem Mann zusammen, der mehrfach wegen sexuellen Miss-
brauchs verurteilt war. Als das Mädchen wieder bei der Mutter war, strengte
der Vater einen Prozess an und die beiden älteren Jungen wurden in ein Heim
gebracht. Yvon blieb. Ein Jahr später beerdigten wir sie in Berlin. Sie verlor zu-
sammen mit den beiden alkoholabhängigen Erwachsenen bei einem Wohnungs-
brand ihr Leben.
Herausforderung: Sexueller Missbrauch
Jeder fünfte Europäer soll ein Trauma von einem sexuellen Übergriff in jungen
Jahren in sich tragen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch bei uns einige
Menschen mit einer solchen Erfahrung leben. Oft sprach ich mit Klaus Mertes
über dieses gesellschaftliche Thema. Er hörte von Betroffenen ihre Leidensge-
schichten unter Verschwiegenheit. Aber 2010 kamen ehemalige Schüler und
erzählten von Vorfällen in ihrer Schulzeit. Nun sagte er ihnen: „Ich glaube euch
und ich werde eure Mitschüler anschreiben: Wir wollen zu den Taten der Lehrer
damals stehen.“ Erwartungsgemäß griff die Presse diesen Brief auf. Herausfor-
dernde Monate begannen für den Orden, die Kirche, andere Schulen und auch
für ihn. Oft war Klaus bei uns und suchte mit uns nach dem nächsten Schritt.
Ich organisierte den ersten Bußgottesdienst zu diesem Thema. Das Unrecht sollte
bekannt und nicht vergessen werden. Mit anderen Jesuiten brachte ich das Buch
„Unheimliche Macht“ und das gleichnamige Blog heraus. Die noch lange nicht
abgeschlossenen Aufklärungen öffneten uns auch für andere Schweigegebote
die Augen.
Herausforderung: Schutzraum
Damit in der Kreuzberger Kommunität9 alle Anwesenden offen auch über ihre
Schwächen sprechen können, muss der Ort geschützt werden. Deshalb haben
Fernsehkameras kein Gastrecht und auch die Menschen nicht, die berufsmäßig
9
https://nacktesohlen.wordpress.com/Einfach mit Zukunft
277
nach den Fehlern von Mitbürgern suchen. So wichtig ihre Arbeit auch ist, die
Wiedereingliederung von Menschen, die von Not und Schuld gezeichnet sind, ist
auch ein wichtiger gesellschaftlicher Dienst. Zentral bleibt für uns, die Stärken,
die guten Absichten und die Liebenswürdigkeiten eines jeden Menschen heraus-
zustellen.
Christen können auch in Deutschland verfolgt sein. Wurde jemand bei uns ge-
tauft und das Familiengericht im Heimatland beschließt daraufhin, diesen Abfall
vom vorigen Glauben zu ahnden, dann lebt der Christ trotz aller Gesetze und
Gerichte bei uns in Lebensgefahr. Zumal wenn ein Familienmitglied unterwegs
ist, um das Urteil zu vollstrecken, ist die Person gut beraten, ihr Heimatland nicht
zu nennen. Sie würde der zum Mord bereiten Person eine Spur legen. Die Frage
nach der Herkunft ist dann eine lebensgefährlichen Falle.
Herausforderung: Juristische Auseinandersetzungen
Trotz oder gerade wegen meines starken Wunsches nach Frieden – dem inne-
ren in mir, dem in meinen direkten Lebensbezügen, in der Gesellschaft, zu der
ich gehöre, dem zwischenstaatlichen und dem zwischen den Religionen – wurde
ich mehrmals verklagt und musste vor Gericht erscheinen. Meist endeten die
Verfahren nach einer Zeit der Aufregung mit einem Freispruch. Doch ich erleb-
te auch die menschlich erschreckende Seite der Justiz. Wegen eines formalen
Fehlers meines Rechtsvertreters (geringfügige Fristüberschreitung) wurde ich
verurteilt. Die juristischen und parlamentarischen (Petitionsausschuss) Korrek-
turmöglichkeiten versagten, obwohl auch in der Presse ein Aufschrei kam. Ich
ging einige Tage ins Gefängnis. Trotz der erschreckend gewalttätigen Aktionen,
die ich bei allen Beteiligten in dieser Zeit gesehen habe, war diese Zeit der gesell-
schaftlichen Ausgrenzung für mich eine Reinigung von begrenzten Sichtweisen
und Ängsten in mir. Ich hatte mir zur Priesterweihe einen Leitspruch aus der
Bergpredigt gewünscht: „Wenn dich jemand zwingen will, eine Meile mit ihm zu
gehen, dann gehe zwei mit ihm.“ (Mt 5,41) Nun durfte ich die Frohe Botschaft in
diesem Satz schmecken.
Ebenfalls spürte ich diese Freude auf dem langen Weg der gerichtlichen Ausein-
andersetzung, als ich einmal staatliches Verhalten anklagte. Wir wollten in Ber-
lin mit unserer Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ diesmal vor der neuen
Abschiebehaft auf dem Flughafengelände eine Mahnwache durchführen. Die
Kundgebung wurde verboten. Diese Entscheidung bestätigten die Richter von
drei unterschiedlichen Gerichten, bis dann der Bundesgerichtshof schon nach
drei Jahren diese Fehlentscheidungen aufhob. Nun durften wir vor dieser auch278
Einfach mit Zukunft
juristisch völlig überflüssigen Haftanstalt stehen, die jetzt weitgehend als Flücht-
lingsheim genutzt wird.10
Herausforderung: Interreligiöses Friedensgebet
Neben dem notwendigen Blick auf die Gerechtigkeit gibt es auch den ebenso
wichtigen barmherzigen Blick auf die Menschen, die nach einem Neuanfang
suchen. Vielleicht ist das Jahr der Barmherzigkeit nicht nur für die Nachkom-
men Abrahams eine Chance, sondern auch für die Politik mit der ihr oft eigenen
Rechthaberei. Zwischen Juden, Christen und Moslems, denen die Barmherzigkeit
allen ein großes Anliegen ist, kann sie zu einer Brücke der gegenseitigen Achtung
werden. Seit 2002 beten wir mit Gläubigen verschiedener Religionen in unserer
Verantwortung für den Frieden in der Welt. Wir spüren die Einheit unter uns
trotz unterschiedlicher Glaubenspraxis auch im Alltag der Kommunität, in der
Menschen aus mindestens vier Religionsgemeinschaften miteinander leben. Vie-
le Freunde und Bekannte unterstützen diese zusammenführende Glaubenspra-
xis, ohne die die großen Menschheitsfragen nicht anzupacken sind.
Die letzten Generalkongregationen des weltweiten Jesuitenordens (1983, 1995)
bestätigten nicht nur den Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit deutlich, sondern
erweiterten diese beiden Grundoptionen um das respektvolle Einlassen auf die
unterschiedlichen Kulturen und den interreligiösen Dialog. Diesen Anliegen fühlt
sich die kleine Beliner Kommunität mit ihren Möglichkeiten verpflichtet. Sie ließ
sich auf die Kultur der Arbeiter ein und lebte nach und nach mit Menschen
aus über siebzig Ländern auf engem Raum zusammen, mitten in einem multi-
kulturellen Stadtteil mit vielen Sprachen, Lebensverhältnissen und Religionen.
Regelmäßig gehörten Menschen aus fünf unterschiedlichen religiösen Traditio-
nen zur Kommunität. Dieses alltägliche Zusammenleben wird seit 2002 ergänzt
vom öffentlichen interreligiösen Friedensgebet,11 das die Kreuzberger Jesuiten
mit begründeten und durch die Jahre monatlich mitgetragen haben. Durch dieses
Engagement gehören sie zu den Gruppen, die von der Stadt im Rahmen eines
friedvollen Zusammenlebens der Religionen angefragt sind. Diese Begegnungen
fördern das achtsame Hinhören auf die Bedürfnisse der verschiedenen Religions-
gemeinschaften und was sie als einzelne und miteinander für das Gemeinwesen
bewirken können. Siehe auch S. 189.
Die Mission der Kommunität ist nicht zu Ende, sondern ist neu herausgefordert
Sie hat gerade in einer neuen Etappe wieder Fahrt aufgenommen.
Christian Herwartz
10 https://flughafenverfahren.wordpress.com/
11 http://www.friedensgebet-berlin.deEinfach mit Zukunft
279
Einladung zum Fest
L
iebe FreundInnen der Gemeinschaft Naunynstraße in Berlin Kreuzberg!
Ihr habt uns in vielen Etappen unserer langen Geschichte begleitet. Dafür
bin ich Euch sehr dankbar, weil wir ohne Euch geradezu verhungert und in den
heißen Konflikten unserer Umwelt oder unter uns selbst verbrannt wären.
Franz Keller aus der Schweiz war mir seit 1980 ein kritisch hinterfragender, das
Leben treu teilender Bruder. Er starb im Januar 2014. Mit seiner Freundlichkeit
war er aber weiter anwesend. Bis heute berufen wir uns bei Entscheidungen auf
seine Wahrnehmung. Doch im Sommer 2014 musste ich einsehen, dass die Zeit
für einen Generationswechsel in dieser herausfordernden Wohngemeinschaft
gekommen war, in der Menschen aus vielen Ländern und Religionen ihren
Lebensmittelpunkt haben. Bald wurde klar: Im deutschsprachigen Orden der
Jesuiten standen keine Mitbrüder bereit, die in dieser Kommunität leben, die
eingeübte Gastfreundschaft und das politische und spirituelle Engagement auf
ihre Weise fortsetzen wollten/konnten. Doch es wurden Menschen sichtbar, die
die Geschichte vor Ort weiterführen wollten. Schmerzhafte Prozesse mit aufbre-
chenden alten Verletzungen und Traumata aus Kriegen und Zeiten der Flucht
brachen auf. Ich wurde bedrängt, doch nicht zu gehen. Doch darüber wurde mir
die Notwendigkeit für einen solchen Schritt immer deutlicher und meine Bereit-
schaft entschiedener, ihn auch zu gehen und meine Verantwortung nach 40 Jah-
ren an die zu übergeben, die diese Lebenspraxis fortsetzen wollten, die sich uns
aus der Botschaft Jesu und vielen anderen religiösen Erfahrungen aufdrängte.
Die Übergabe der Schlüsselinformationen, die Neuausrichtung mit den hier Woh-
nenden und den neu Hinzugekommenen begann. Internen Treffen und Meetings
mit einigen von Euch Unterstützern fanden regelmäßig statt, auch in Offenheit
gegenüber dem Orden. Davon werden andere erzählen.
Heute lade ich Euch alle zum Fest des Neubeginns und des Abschieds an meinem
73. Geburtstag am 16. April 2016 im Haus des Teilens, dem Sharehaus in unserer
Nähe ein – http://sharehaus.net. Sven Lager & Elke Naters übernahmen das ehe-
malige Altersheim der Stadtmission in der Lenaustrasse 3-4, 12047 Berlin (Nähe
U-Hermannplatz) und eröffneten die „Werkstatt für himmlische Gesellschaft“.
Einen Blick in ihren engagierten Lebensweg und ihre Glaubensentdeckung in
Südafrika eröffnet der Werbespot für ihr Buch „Es muss im Leben mehr als Alles
geben!“ https://www.youtube.com/watch?v=vF3_P-SzFAA.
Über den Ablauf des Festes gibt es keine genaueren Vorstellungen. Noch ist viel
Platz, Euch mit Euren Wünschen für dieses Wochenende einzubringen. Am Sonn-
tag den 17.4.16 laden wir zu einen Dankgottesdienst in St. Michael (Kreuzberg)280
Einfach mit Zukunft
ein. – Bitte meldet Euch, wenn Ihr ein Quartier in Berlin braucht oder einen Gast
aufnehmen wollt.
Anschließend will ich für ein halbes Jahr auf Reisen gehen, um bei Gegenbe-
suchen allen zu danken, die uns so oft unterstützt haben. Ich möchte mit Euch
Erfahrungen austauschen, lernen und sehen, wo und wie ich mich den heraus-
fordernden Anfragen Gottes jetzt stellen soll. So wird es hoffentlich eine Missi-
onsreise für mich. Dieses Wort ist durch unbarmherzige Besserwisserei miss-
braucht worden. Doch im Vordergrund steht bei mir in meinem missionarisch
erlebten Leben das Hören auf den anderen und das Entdecken seiner Wahrhei-
ten. Koloniales Verhalten, das sich leider in vielfältigen Formen auch heute fort-
setzt, ist das Gegenteil vom dialogischen Vorgehen, bei dem wir uns gegenseitig
die eigenen Erfahrungen und Sichtweisen anvertrauen. Diese Grundhaltung ist
bei eigener Kritikbereitschaft die Voraussetzung, den Missionsauftrag des Evan-
geliums Jesu sinnvoll zu verstehen. In diesem Sinn versuchen wir uns in der
Wohngemeinschaft Naunynstraße postkolonialistisch zu verhalten und schon
ein wenig die Zukunft einer antirassistischen, multireligiösen, nachkapitalisti-
schen, im Hinblick auf die Geschlechter (zumindest anfänglich) gleichberech-
tigten, einer von gegenseitiger Achtung duftenden Gesellschaft zu schmecken.
„Wenn dich jemand zwingt eine Meile mit zugehen, geh zwei mit ihm!“ suchte ich
mir 1977 zur Priesterweihe als Wahlspruch aus. Viele der Träume, wie sie Jesus
auch mit diesem Satz aus der Bergpredigt ansprach, wurden wahr, obwohl die
volle Verwirklichung aussteht und wir viele Irrwege gingen.
In den Monaten unterwegs werde ich immer mal wieder Exerzitien auf der Straße
begleiten. Die Termine findet Ihr unter strassenexerzitien.de. Außerdem will ich
unser im Februar erscheinendes Buch zu diesem Thema bekannt machen, das
wir mit sechs BegleiterInnen und vielen Teilnehmerinnen geschrieben haben. Es
erscheint in der Neukirchener Verlagsgesellschaft unter dem Titel „Im Alltag der
Straße Gottes Spuren suchen – Persönliche Begegnungen in Straßenexerzitien“.
Gern nehme ich Einladungen für eine Präsentation in kleineren oder größeren
Kreisen entgegen.
Herzliche Grüße aus Berlin bis bald
ChristianEinfach mit Zukunft
281
Mit der Straße in Verbindung bleiben
D
ie Straße – das ist mir ein Ort der Verbindung schlechthin.
Was auch immer ich an mir und meinem Umfeld nicht aushalte, was mich
aus mir selbst heraus holt in Endlosschleifen in meinem Kopf schickt: – Wenn ich
es in Verbindung mit der Straße bringe, komme ich wenigstens latent wieder in
einen Zustand der Hoffnung und des Hinschauen/Wahrnehmen – Wollens, weil
ich einfach schon zu oft erfahren habe, dass die Straße antwortet, auch wenn es
manchmal länger braucht als man meint, aushalten zu können.
So zum Beispiel neulich im Alltag: Ich hatte mich mit Dagmar verabredet. Sie
war eine langjährige Freundin und Lebenszeugin von mir. Aber im Laufe der
Jahre (und im Laufe meines Exerzitienweges) haben wir uns leider mehr ausein-
ander entwickelt, als ich mir selbst lange Zeit zugestehen wollte. Ich bin nämlich
jemand, der sich von sich aus nicht von Freunden trennt. Das muss normalerwei-
se bei mir immer auf der anderen Seite stattfinden, dass eine Trennung passiert,
weil ich selbst einfach niemanden aufgeben möchte, egal, was passiert.
Nun also trafen wir uns nochmal, weil sie das so wünschte, nachdem ich die
Freundschaft 12 Monate zuvor auf Eis gelegt hatte. Wir waren samstags um282
Einfach mit Zukunft
11.00 verabredet – mir blieb nur, die Zeit vorher auf die Straße zu gehen und
immer wieder zu üben, einfach nur den Kontakt meiner Füße zu dem spürbar
harten Untergrund wahrzunehmen. Alles, was an Argumenten für oder gegen
Dagmar und den Dialog mit ihr auftauchte, sollte so irgendwie in die Verbindung
mit Christus kommen. Ich wollte spüren, auch wenn ich nichts davon wahrneh-
men konnte, dass das, was da in meinem Kopf vorging, ebenso da war wie der
Rest der Schöpfung und eine Verbindung aufnehmen konnte, auch wenn ich mir
das in Worten nicht mehr vorstellen konnte.
Als wir uns trafen, hatte ich dann das Gefühl, wir redeten völlig aneinander
vorbei. Irgendwann hatte sie alles gesagt, was sie mir mitteilen wollte. Sie hatte
mitbekommen, dass ich Heidelberg verlassen wollte und dass der Grund dafür
ihr nicht mitteilbar war. Und irgendwann konnte sie das auch so lassen und
wieder gehen. In meinem Kopf dröhnte es. Innere Vorwürfe, warum ich mich
nicht mehr öffne, warum ich meinen Lebensweg nicht besser bezeuge, warum
ich um Freundschaften nicht mehr kämpfe, warum ich Christus und meinen
Weg, ihn zu suchen, nicht mehr zu den Menschen bringe usw. machten einen
mordsmäßigen Krach in meinem Kopf.
Ich konnte keine Antworten darauf hören. Und innere Argumentationen führen
da erfahrungsgemäß auch nicht weiter. Also ging ich den ganzen Tag auf der
Straße herum, immer mit der Aufmerksamkeit in die Füße zurückkehren übend
und mit leeren Augen schauend, was da außerhalb von mir noch war und mir
vielleicht was sagen wollte. Da war aber nichts, was sprach. Immerhin: Ich weiß,
dass Gott auf einen zukommt, wenn ER das will. Und dass es nur nötig ist, im
„Aggregatzustand“ der Wahrnehmung zu bleiben. (So nenne ich das innerlich…)
Daraus nahm ich die Kraft, dabei zu bleiben. Um 17.30 war eine Stunde eucha-
ristische Anbetung in einer katholischen Kirche, da ging ich mal hin. Stille! Kraft
außerhalb von mir! Das brauchte ich einfach. Und Vertrauen auf das, was man
eben nicht sieht. Was hätte es auch sonst gerade zu üben gegeben? Nach dieser
Schweigestunde, zu der erstaunlicherweise die St. Anna Kirche in HD immer
total voll ist, war dann noch eine Eucharistiefeier. Da blieb ich dann auch noch,
auch wenn mich da eigentlich nichts berührte und nur eine Hoffnung auf die
Wirkung der Eucharistie blieb.
Auf dem Weg aus der Kirche passierte es dann, dass neben mir eine alte Frau
zusammenbrach. Einfach so. Neben ihrem Sohn, der sie am Arm führte. Sie
schrie, konnte sich nicht mehr halten, hatte Angst um ihr Leben. Weil ich gerade
neben ihr stand und ihr Sohn wohl zu geschockt war, um sie halten zu können,
lag sie dann plötzlich in meinem Arm und hing so halb über meiner Schulter. IchEinfach mit Zukunft
283
spürte ihr Herz rasen ohne Ende. Es hämmerte in einem irren Tempo in meinen
Brustkorb hinein, mindestens 6x pro Sekunde. So etwas habe ich mein Lebtag
noch nicht gespürt und werde es vermutlich nie vergessen. Es übertrug sich ja
quasi in mein Herz hinein, weil sie mit ihrem Herzen fast auf meinem hing. Mas-
senweise Menschen gingen an uns vorbei, quasi niemand blieb stehen, nur eine
Frau rief auf Anfrage ein Taxi. Es war der Gedenkgottesdienst für ihren vor 12
Monaten verstorbenen Mann gewesen. Der hatte sie wohl so sehr innerlich mit-
genommen, dass jetzt ihr Herz völlig ausrastete. Ich stand da mit den Füßen auf
der Straße und hielt die Frau im Arm. Es war einfach sinnvoll. Es war auch nicht
schwer, auch wenn ihr ganzes Gewicht auf mir hing, weil sie sich ja selber nicht
mehr halten konnte. Es gab zu dem Zeitpunkt einfach nichts anderes zu tun
(zumindest, nachdem das Taxi organisiert war), – und es reichte sowas von aus,
einfach da zu stehen und diese Frau zu halten und zu hören, vielleicht mal zu
antworten, wenn mir was kam. Irgendwie schien ihr etwas an dieser Situation
Hoffnung zu geben, jedenfalls sagte sie mir mindestens 10 x ich sei ein Engel,
der ihr geschickt worden sei… Wenn SIE gewusst hätte, was sie mir in diesem
Moment an Sinn gegeben hat! Dass ich nichts weiter tun musste, als da stehen
und sie halten. Nur da sein und das tun, was gerade erforderlich war. Das war ja
fast nichts. Einfach ohne Worte, ohne viel Therapien und ohne das Gelaber von
heute morgen, nur mit jemandem sein und dabei die Straße noch spüren – und
das reichte für den Moment und das Hier und Jetzt!
Naja, irgendwann kam das Taxi und wir setzten die Frau hinein. Ich fragte noch,
wo sie wohne, ob man da vielleicht eine Treppe hoch müsse und ich noch helfen
solle. Ja, gern – ich kam also mit. Das schien auch ganz gut so, denn ihr Sohn
machte mir einen ihr gegenüber total devoten Eindruck. Irgendwas war da wie
symbiotisch. – Und so war er ziemlich handlungsunfähig und schrie einfach oft
auch nur recht hysterisch rum, weil er es nicht wahrhaben konnte, dass sie je-
den Augenblick sterben konnte. Irgendwie schien es mir gut zu sein, dass da
jemand wie ich noch einfach so mit dabei war, ohne innere Bindung, nur halt
einfach da. Erstaunlicherweise trafen wir dann unterwegs noch eine Bekannte
der beiden, die Kardiologin ist. Die kam mit, half, die alte Dame in den 2. Stock
zu transportieren, und kümmerte sich um sie. Sie wollte einen Notarzt holen,
aber die alte Dame weigerte sich ohne Ende und schrie, sie wolle einfach nur bei
sich zuhause sein. Es stellte sich heraus, dass alle ihre älteren Familienmitglie-
der in Krankenhäusern gestorben waren und dass sie eine tierische Angst davor
hatte, dass ihr das auch passieren würde. Als die Kardiologin den rasenden Puls
der alten Dame mitbekam, rief sie auf eigene Verantwortung trotzdem den Not-
arzt. Es waren unglaubliche Emotionen in der kleinen Wohnung: Innere Aufstän-
de der alten Dame, die den Tod hereinmarschieren sah, und schrie, sie müsse284
Einfach mit Zukunft
doch „bei ihrem Bub bleiben“ (- der Sohn war mindestens 50! -) Der Sohn in un-
glaublicher Angst um seine Mutter raste innerlich nur durch die Wohnung, zu
keiner Kommunikation mehr fähig. Wir konnten nichts tun, außer sie gut zu la-
gern, ihr Atemluft zu verschaffen und mit zu warten. Ich dachte mir: „Was kämp-
fen die denn so um ihr Leben, wenn sie einfach nur „bei sich zuhause“ sein
möchte? Vielleicht geht es doch nur darum, für diese Frau hier und jetzt Sterbe-
begleitung zu sein. Vielleicht verpassen wir das, wenn wir nur Hilfe organisieren
und darum kämpfen, dass sie das zulässt. Was wissen wir denn schon, ob es die
Chancen verbessert, wenn die Frau jetzt hier bleibt oder ins Krankenhaus geht?
Was helfen Statistiken, wenn ich keine Wahrnehmung für mein Gegenüber hier
und jetzt habe und wenn ich nur aus Angst und Handlungszwängen heraus agie-
re?“ All sowas ging mir durch den Kopf und ich konnte einfach nur neben der
Frau stehen, die meine Hand hielt, und damit in den Füßen sein, im Kontakt zum
Boden. Ein bisschen konnte ich mich nicht enthalten, mal zu Meridianen Kontakt
aufzunehmen, aber es schien mir nur sinnvoll zu sein, in den gemeinsamen En-
ergieraum zu gehen und einfach mit ihr zu bleiben. Irgendwann kam der Notarzt-
wagen. Die Ärzte machten dann ein EKG und sagten, dass man mit einem derar-
tigen Herzkammerflimmern normalerweise keine 15 Minuten überleben würde.
(Wir waren aber schon locker 1 Stunde zugange…) Kein Zugang. Inzwischen war
ihr eine Infusion mit irgendeinem Beruhigungsmittel gelegt worden, die aber
wohl nichts nützte. Weil es keinen Ständer für die Infusionsflasche gab, durfte
ich neben der Frau stehen und die Flasche halten. Einfach dasein und sehen, wie
die Tropfen in sie reinflossen, und dabei im Atem sein und mit dem Erdboden in
Verbindung. Für mich war das Gewissheit, für mich war das Gebet. Irgendwas
davon hat sie mitbekommen, jedenfalls hat sie sich zwischenzeitlich immer wie-
der bei mir bedankt, wenn sie nicht gerade gegen den Krankenhaustransport
kämpfte. Die Sanitäter waren toll: Sie ließen der Frau alle Freiheit und zwangen
sie zu nichts. Ich war ihnen unglaublich dankbar, dass sie ihr ihre Würde ließen
und sie nicht zu ihren Heilungsmethoden zwangen. Aber die Bekannte und der
Sohn konnten sich kaum halten. Sie wollten die Frau unbedingt ins Kranken-
haus bringen, egal, ob sie wollte oder nicht. Das ging über Stunden, schien mir.
Irgendwann wollte ich auch mal was sagen. Ich stellte der Frau die Frage, ob sie
lieber in Ruhe zuhause mit uns oder im Krankenhaus mit Ärzten, die bis zur
letzten Minute um ihr Leben kämpfen, sterben wolle, falls es jetzt ums Sterben
ginge. Sie schrie, so laut sie konnte, sie wolle überhaupt nicht sterben, sie wolle
bei ihrem Bub bleiben!! Man merkte aber, dass sie schon kaum noch Kraft hatte.
Ich fragte sie, ob sie irgendwo in sich vielleicht einen winzigen Schimmer Hoff-
nung auf das Krankenhaus habe, an den sie sich festklammern könne. Denn hierEinfach mit Zukunft
285
zuhause ging ihr ja offensichtlich die Kraft aus. Da überlegte sie, und es gelang
ihr, in den Transport einzuwilligen. Ich glaube, ich war noch nie in meinem Le-
ben so berührt davon, wie ich jemanden auf einer Bahre eine Treppe herunter
transportiert gesehen habe. Alle zählten die Sekunden, weil das Leben der alten
Frau mittlerweile in jedem Moment so sichtbar schwächer wurde. Und auch mir
kam die Angst hoch, ob die Fahrt in die Uniklinik nicht zu lang dauern würde.
Ich zwang sie in die Füße auf die Straße. Was sollte ich auch anderes machen?
In Verbindung mit Christus bringen, was anderes fällt mir da einfach nicht ein.
In den Notarztwagen durfte ich nicht mitkommen, also war ich nach Stunden in
diesem Ausnahmezustand dann auf dem Heimweg. Konnte zuhause auch nur in
den Namen gehen. Es ging einfach nichts sonst.
Als ich am nächsten Tag in der Uniklinik anrief, hörte ich, dass sie alles überlebt
hatte. Ich glaube, ich hab selten so derart vor Dankbarkeit geheult wie in dem
Moment: Mir kommen heute noch die Tränen beim Aufschreiben. Als sie sich
später bei mir meldete (bei ihrem „Engel“, wie sie mich permanent nennt), konn-
te ich ihr mal sagen, wie unendlich wertvoll sie für mich gewesen war: Hatte sie
mir doch nach so einem langen, langen Tag des inneren Kämpfens um Beziehun-
gen, um meinen kontemplativen Lebensweg und die Möglichkeiten, ihn nach
außen verständlich zu machen, und um meinen Sinn schlechthin gezeigt, dass es
einfach reicht, da zu sein und in Verbindung mit der Straße zu bleiben. Und dass
daraus Beziehung und Sinn entstehen kann, da wo das gerade gebraucht wird.
Und dass das ausreicht. Mir zumindest. „Gott braucht uns so, wie wir sind“, hatte
mal ein Begleiter auf Exerzitien gesagt. Auch wenn wir nichts anderes tun kön-
nen oder wollen, als mit den Füßen auf der Erde zu stehen und vielleicht einen
Menschen oder eine Infusionsflasche zu halten. Und ich bin überzeugt, auch
wenn wir nur rumstehen, ohne etwas zu tun, könnte er uns einen Sinn geben.
Mir ist nichts wichtiger als die Straße….286
Literatur
Literatur
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Christian Herwartz, Mission erfüllt?, in: Herderkorrespondenz, Freiburg/B,
Februar 2016
Christian Herwartz u.a., Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen – Persönliche
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Georg – Sankt Georgen, Frankfurt am Main 2015, S. 43 – 45
Christian Herwartz et compagnons (Hg.), Nos villes, d‘un coeur brulant – Les
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Bibel heute, Sept 2014, Mittelseiten
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zum Bruder, Berlin 2013
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12 Porträts aus Bibel und Tradition. München 2013, S. 131–142
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fildern 2012, S. 156-160
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wegs – 100 Jahre Rudolf Weckerling, Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste,
Berlin 2011, S. 109-111
Christian Herwartz, Brennende Gegenwart – Exerzitien auf der Straße, Ignatia-
nische Impulse 51, Würzburg 2011
Christian Herwartz, Weg der Liebe Gottes unter uns, Misereor Kreuzweg,
Würzburg 2011, Christian Herwartz mit Ursula Richard, Geht dahin, wo
es euch berührt, in: Ursula Richard, “Stille in der Stadt”, München 2011
S. 107-118
Christian Herwartz, Straße werden – Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße,
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Barth u.a. Hg, Heidelberg 2009, S. 148-159
Christian Herwartz, Neuland auf alten Wegen wahrnehmen, in: Bernhard Lüb-
bering Hg., Nehmt Neuland unter den Pflug, Ein Lesebuch nicht nur für City-
Kirchenarbeit, Münster 2008, S. 237-251
Christian Herwartz, Ein Training im Hinsehen. Mahnwache vor der Abschiebe-
haft, in: Franziskanische Mission 3/2008, S 18/19
Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße, Ignatiani-
sche Impulse 18, Echter Würzburg 2006
Christian Herwartz, Unterwegs zu hause – Mensch werden inmitten der Aufer-
stehung, in: Jesuitenzeitschrift Promotio Iustitiae 2005
Christian Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen – Exerzitien auf der Stra-
ße, in: Korrespondenz der Spiritualität der Exerzitien, 55/86 (2005), S. 19 –
25
Christian Herwartz, Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunyn-
str., Berlin 2004
Webblogs:
http:/strassenexerzitien.de; http:/nacktesohlen.wordpress.com
http:/bibliologberlin.wordpress.com288
AutorInnen
AutorInnen dieses Buches:
Andrea Scherer 82, 162, 167; Andreas Ebert 79; Angelika Seipt 156; Angelika
Ullmann-Schüler 21; Anna 33, 109; Anne – Marieke Koot 169; Anne Lonsdorfer
51; Anne-Katharina Wittmann 30, 31; Annemarie Werner 143; Antonie Viehoff
69; Beate Sellner 270; Beatrix Jessberger 120; Bernadette Allgeier 83, 142, 150,
154, 170, 190; Boris 256; Christen-Initiative 245; Christian Becker 139; Christian
Herwartz 5, 77, 232, 238, 240, 249, 258,ff, 272, 279; Christina Hennig 178; Christine
Gottstein 127; Conny 70; Corinna von Stackelberg / Wolfgang Rumpf 211; Diether
Wegener 119; E. 145; Edgar Boes 74; Elisabeth Wackers 42; Elke Plutz 75; Enrico
Neumann 234, 236; Ernst Pohl 150; Evelyn 195; Franz 254; Gabriele 110, 119; Gaston
Flemming 168; Helene Bode 195; Helga Hartmann 68; Ida 63; Ingrid Hartmann
132; Iris Noa Weiss 141; Jan Rinke 116; Jens Reulecke 180; Jens Sommer 56;
Johanna Palm 135; Johannes Zipezauer 145; Jörg Machel 95; Josef Freise 100; Jutta
267; Karin 137, 182; Katharina Brandstetter 229; Katharina Prinz 171; Katharina
Weidner 166; Kathrin Happe 19; Kathrin und Andreas Fisch 46; Klaus Mertes
103; Laura 161; Lisa F. Oesterheld 123, 128, 231; Luise Jarck-Albers 36; Mabel
und Margit 111; Magdalena Beier 115; Maria-Anna und Br. Winfried 60; Marita
Lersner 18; Markus Roentgen 85, 149, 157, 263; Marlies 90; Martina Fröhlinger
155; Matthias 147; Matthias Schnegg 176; Michael Bretzinger 183; Michael Ertl
108; Michael Herwartz 152; Michael Malchow 160; Michael Peck 45, 261; Michael
Schindler 57; Michael Walzer 240; Nadine Sylla 5, 13, 21, 186; Nikolaus Huhn 184;
Patrick Jutz 49; Petra Neudert 93; Rana Bose 158; Regina 105; Regina Eggert und
Maria Jans-Wenstrup 38; Ricarda 74; Richard Kick 125; Roswitha Falkenberg 131;
Ruth 124; Ruth Schüler 20; Sandra Lassak 25; Silvia Weber 65; Solveig Kelber
192; Sonja Hannemann 54; Stefan Voges 128; Sven Schlebes 51; Sybille Pieck 70,
102, 138, 237; Thomas 233; Thomas Hieber 89; Thomas Koser-Fischer 72; Thomas
Schmidt 201; Thomas-Dietrich Lehmann 191; Tobias Geßner 43; Vera Ruettimann
252; Willibald Lambert 62

Titelbild:
Das Titelbild zeigt eine Brieftaube, die aus allen Ecken Deutschlands und der
Welt die Briefe zu uns brachte. Es erinnert daran, dass jeder Mensch eine Ge-
schichte zu erzählen hat, an die vielen Verbindungen und das große Netzwerk,
in das die Naunyn eingebunden ist und letztlich auch an die vielen bunten Vögel,
die in der Naunyn ein- und ausgehen.
Es ist von Rock’n‘Rollf gezeichnet, der mit großer Liebe und Detailliertheit nicht
nur das Titelbild, sondern auch die Gestaltung der einzelnen Kapitel übernom-
men hat. Rolf bereichert uns in der Naunynstraße mit seiner Anwesenheit, sei-
nem Zeichentalent und seiner Musik, die auch den letzten Musikmuffel zum Mit-
wippen bringt und ist seit Juni 2014 hier zuhause. Vielen Dank für deine Mühe
und deine Karikaturen, die manchen Themen mit einem Augenzwinkern mehr
Leichtigkeit geben!Einfach ohne
Dritte Textsammlung
der Gemeinschaft Naunynstraße
mit der Jesuitenkommunität Kreuzberg,
zusammen mit
den Comboni-Schwestern in Berlin und
der Arbeitsstelle Spiritualität – Nord in Neukirchen
Berlin 20164
Impressum
Impressum
Herausgebende: Christian Herwartz und Nadine Sylla
Email: christian.herwartz@jesuiten.org, nadine.sylla@posteo.de
Kontakt:
Wohngemeinschaft, Naunynstraße 60, 10997 Berlin, Tel: 030-614 92 51
Website: naunynblog.wordpress.com
email: naunyn@gmx.de
Sr. Margit Forster, Sr. Mabel Mariotti; berlin@comboni.de
Katharina Prinz, Neukirchen 84, 24972 Queren, katharina-prinz@gmx.de;
Website: spiritualität-nord.de
Druck:
hinkelsteindruck, Lausitzer Platz 15, 10997 Berlin
Website: hinkelstein-druck.de
Druckvorbereitung:
Umbruch-Bildarchiv e.V., Lausitzer Straße 10, 10997 Berlin-Kreuzberg
Website: umbruch-bildarchiv.de
Bilder und Fotos:
Cover: Rolf Kutschera
alle Grafiken am Anfang jeden Kapitels und auf S. 66 Rolf Kutschera
S. 60 Pilgerweg zum Kirchentag, Foto privat
S. 71 Straßenexerzitien, Gemälde von Kursteilnehmern
S. 117 und S. 118 Folien- und Scherenschnitte von Miriam Bondy
S. 147 Envers Gemälde: Gott fährt eine Harley Davidson
S. 175 Engel der Kulturen, Atelier Merten-Dietrich
S. 231 Megalocity von Max
S. 236 Bild von Christian Schmidt
S. 249 Franz Keller SJ
S. 260 Ein Kompass für die Naunynstraße von Henning Brandis
Diese Dokumentation ist nicht käuflich.
Ein Beitrag zu den Druckkosten ist möglich und erwünscht an
Christian Herwartz, PAX-Bank, IBAN: DE 50 3706 0193 6003 3490 10,
BIC: GENODED1PAXVorwort
5
Liebe Leserinnen
und Leser,
Schön, dass ihr hier reinschaut. Wir zumindest finden, dass sich hier ein wah-
rer Schatz in diesem Buch verbirgt und zeigt, was Menschen bewegt und be-
rührt, wonach sie sich sehnen und auf der Suche sind. Wie sie „Einfach Mensch“
sind. Und es vermittelt ein buntes Bild von der Gemeinschaft Naunynstraße,
auch in ihrem Suchprozess des momentanen Generationswechsels, und was
wichtig ist, davon zu bewahren.
Wie kamen wir zum Titel „Einfach ohne“? Ausgangspunkt war für uns die Erfah-
rung in der Naunynstraße, dass es schön ist von sich zu erzählen, aber nicht an-
deren Fragen zu stellen, die sie vielleicht in Schwierigkeiten bringen können. Im
bürgerlichen Leben mögen Fragen wie „Woher kommst du?“, „Was machst du?“
normale Fragen der Kontaktaufnahme sein, für Menschen, die im Gefängnis oder
in der Psychiatrie waren, die keine Papiere haben oder in andere solche Schubla-
den passen, ist dies eine unangenehme oder sogar gefährliche Frage. Sie haben die
Möglichkeit zu lügen oder wenn sie die Wahrheit sagen, schnell abgestempelt zu
werden. Die Frage „Woher kommst du?“ markiert den Angesprochenen auch als
anders und nicht zugehörig, da er oder sie ja offensichtlich nicht von hier kommt.
Wenn wir den Wunsch haben, ein gemeinsames Zuhause zu schaffen, in dem sich
verschiedene Menschen zuhause und wohl fühlen, kann eine solche Frage eine
Blockade darstellen, die nicht weiterhilft, wenn wir uns als Menschen begegnen
und kennen lernen möchten. Es macht traurig und betroffen, wenn diese Fragen
gestellt werden, weil es nicht hilft, die Grenzen zu überwinden, sondern sie hervor-
hebt und die Vielfältigkeit jedes einzelnen Menschen vernachlässigt.
Aus diesem „einfach ohne Fragerei“ wurde dann der Titel „Einfach ohne“. Er lädt
ein, darüber nachzudenken, was wir weglassen können, um uns als Menschen
zu begegnen oder auch um befreiter und in Fülle leben zu können. Dass das nicht
immer einfach ist, ist uns durchaus bewusst, bringt aber eine Leichtigkeit und
auch eine Hoffnung zum Ausdruck. In Lukas 10 Vers 3-4, ein klassischer Text
für den Beginn der Exerzitien auf der Straße, werden vier Punkte genannt, die6
Vorwort
wir weglassen müssen, um in die Aufmerksamkeit zu kommen: das Geld, die
Vorratstasche, „Einfach ohne Schuhe“ und nicht zuletzt das „Man muss“, das uns
immer wieder gefangen hält.
Für uns beide ist auch das Stichwort „Einfach ohne Privilegien“ wichtig. Für mich,
Christian, bedeutete es, die akademische Welt zu verlassen und Arbeiterpriester
zu werden, mit den Arbeitern zu sein. Das heißt auch selbst Arbeiter zu werden,
den Arbeitern zuhören, sich zugehörig fühlen und anzufangen im Kollektiv zu
denken und dabei die eigene Hoheit abzugeben. „Einfach mit Solidarität“.
Für mich bedeutet dies, dass ich „Einfach ohne Vorgaben“ die Themen der Begeg-
nung nicht durch mein Fragen vorgebe, sondern etwas von mir preisgebe, sodass
eine Atmosphäre des Vertrauens entstehen kann, in der auch der Fremde mir et-
was von sich sagen kann. Dann werde ich oft erst einmal Gast beim Anderen, ja
ich trete sogar manchmal, wenn ich den oder die Andere in großer Not wahrneh-
me, in eine stark zugewandte Co-Abhängigkeit ein und entfremde mich von mir
selbst. Farblich ausgedrückt: Ich bin dann kein Weißer mehr, sondern zu einem
Schwarzen geworden. Oft suchte ich danach, diesen Schritt der Entfremdung zu
überspringen, um nicht immer wieder mühsam zu mir zurück zu finden. Erst
über die Arbeit von Susanne Szermerédy, „Vom Gastgeber zur Geisel des Ande-
ren – Religiöse Erfahrungen bei Exerzitien auf der Straße“ wurde mir klar, dass
der Philosoph Emmanuel Levinas meine Erfahrung als Grundstruktur mensch-
licher Begegnung ansieht. Wenn Menschen sich im Respekt begegnen, treten
sie als Fremde in die Welt des Anderen ein, um dann in ihrer Welt den anderen
als Gast aufzunehmen. Durch diese Phasen des Verlustes eines jeden Vorranges
werden wir gereinigt von den vielen uns unbewusst anhängenden Privilegien,
Vorrechten und auch, zu mindestens teilweise, von Herrschaftswissen, das in
den Zeiten der Entfremdung zurücktritt. Nach dieser Phase der Irritation ist ein
Mitgefühl entstanden. Konnte ich es im Alltag bei meinen Entscheidungen bei-
behalten, wurde dem Hochmut in mir ein Riegel vorgeschoben. Dann stehe ich
mit meinen Schwächen neben dem Gast mit seinen Schwierigkeiten und kann
ihm irgendwann beistehen, ohne mich über ihn zu erheben. Diesen Weg darf ich
immer neu in der Kommunität üben. Er ist für mich ein Glaubensweg und sagt
etwas über die erhoffte Beziehung zu Gott aus, wie wir sie in den Exerzitien auf
der Straße einüben.
Für mich, Nadine, wurde das Thema Privilegien in der Naunynstraße und in
der Beschäftigung mit dem Kolonialismus wichtig. Wenn ich die Naunynstraße
ernst nehme als ein Ort der Gleichheit, als ein Ort, an dem „Einfach gemeinsam“
möglich wird, dann muss ich bereit sein, einen Teil meiner Privilegien aufzuge-
ben. Privilegien wie ein eigenes Zimmer, eine eigene Wohnung, eine Heizung im
Schlafzimmer, was und wann ich essen will etc. Das sind Privilegien, die dann
7
in der näheren Betrachtung manchmal mehr wie Mauern als wie Privilegien
aussehen, die mich von anderen trennen und mich auch von meiner eigenen
Sehnsucht abschneiden. Privilegien à la Naunynstraße heißt für mich, gesehen
zu werden, wenn ich nach Hause komme, Leben und Glauben zu teilen, und
ganz konkret ein leckeres Abendessen von Franz in Gemeinschaft zu essen,
von Maria liebevoll als Schwiegertochter bezeichnet zu werden, mit Enver mein
Fahrrad zu reparieren, mit Rolf Scherze zu machen, mit Samuel zu lachen oder
wenn Rana mir von seinen diversen Besuchen bei Vorträgen und Gottesdiens-
ten erzählt. Es heißt aber auch die Schwächen der anderen auszuhalten und
nicht wegzugehen, sondern immer wieder neu nach Wegen zu ringen.
„Einfach ohne Kolonialismus“ ist in den letzten Jahren immer wichtiger für mich
geworden, weil ich immer mehr gemerkt habe, wie sehr der Kolonialismus noch
in den europäischen Gesellschaften sichtbar ist, und wie sehr er unsere Sicht
und unseren Umgang auf „Andere“ geprägt hat. Schon in der Sozialisation als
Kinder lernen wir ganz viel, wie „die Anderen“ sind und vor allem, dass sie
anderes sind. Auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird auf diese Stereo-
typen zurückgegriffen, die damals entwickelt wurden. Dies war Anlass dafür,
in diesem Buch das erste Kapitel dem Kolonialismus zu widmen, mit der Frage,
wo nehmen wir koloniale oder imperialistische Strukturen heute wahr und wie
können wir uns darin begegnen, ohne sie erneut zu reproduzieren und in der
Differenz zu verharren. Dabei sind einige schöne Ideen zusammen gekommen.
Ähnlich wie die erste Textsammlung „Gastfreundschaft“ (2004) zum 25-jährigen
Bestehen der Gemeinschaft und die zweite „Geschwister erleben“ (2010) zum 85.
Geburtstag von Franz Keller entstand, gab es auch für diese einen besonderen
Anlass – „Einfach mit Geschichte“: Nach 40 Jahren – angefangen mit der Vorbe-
reitung in Frankreich, beauftragt nach einem Weg des Einsatzes für Glauben
und Gerechtigkeit zu suchen, im Kontakt mit den ArbeitskollegInnen, wurde die
Kommunität in Kreuzberg gegründet, verbunden mit vielfältigen Kontakten, un-
terbrochen durch den Tod von Michael Walzer und Franz Keller – stand jetzt der
Generationswechsel an. Die Nachfolgenden werden mit ihren Begabungen und
Möglichkeiten anders auf das Zeitgeschehen antworten als wir es taten, aber
„Einfach mit Zukunft“ weitergehen. Doch sie können sich dabei auf die befreien-
de Geschichte beziehen, wie sie in den vielen Erzählungen der FreundInnen in
den drei Textsammlungen angesprochen wird.
Vielen Dank an alle, die ihre Erfahrungen geteilt haben und ihren Teil für die-
sen Schatz beigetragen haben. Und ein riesengroßes Dankeschön an Hilmtrud
für ihr unermüdliches Korrekturlesen.

Christian und Nadine8
Inhalt
Inhalt
Liebe Leserinnen und Leser, . ……………………………………………………………………………………………………………….. 5
Einfach ohne Kolonialismus
Einfach postkolonial? ……………………………………………………………………………………………………………………………… 13
Deutschstunde …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 18
Einfach beiseitelegen . …………………………………………………………………………………………………………………………….. 19
Einfach ohne – mehr zu mir? . …………………………………………………………………………………………………………… 20
Ein Traum wird wahr . ……………………………………………………………………………………………………………………………. 21
Ohne Rassismus? Einfach? . ………………………………………………………………………………………………………………… 22
Einfach ohne Grenzen . …………………………………………………………………………………………………………………………… 25
Meine Weltbrille . ……………………………………………………………………………………………………………………………………….. 30
Welten(un)gerechtigkeit I …………………………………………………………………………………………………………………….. 31
Welten(un)gerechtigkeit II …………………………………………………………………………………………………………………… 32
Mensch sein ohne Grenzziehung ……………………………………………………………………………………………………. 33
Aktiv gegen rechts . ………………………………………………………………………………………………………………………………….. 36
Unser Leben mit dem Glauben …………………………………………………………………………………………………………. 38
Zum Wort „Flüchtlinge“ . ……………………………………………………………………………………………………………………….. 42
Einfach ohne
Genug „Jein“ gesagt ………………………………………………………………………………………………………………………………….. 43
Einfach – Ohne ……………………………………………………………………………………………………………………………………………… 45
Einfach leben ohne Kinder als Paar ……………………………………………………………………………………………… 46
mehr ohne ………………………………………………………………………………………………………………………………………………………. 49
Jesuiten ohne Naunyn – Naunyn ohne Jesuiten …………………………………………………………………….. 49
Ohne schlechte Gedanken . …………………………………………………………………………………………………………………. 51
Einfach ohne Gott ……………………………………………………………………………………………………………………………………… 52
Einfach ohne … Schwimmring . ………………………………………………………………………………………………………… 54
Einfach ohne Vorgaben
Die Engel in der Naunyn – BotInnen Heiligen Bodens . …………………………………………………… 56
Einfach ohne Absicht ……………………………………………………………………………………………………………………………… 57
Pilgerweg mit Esel . …………………………………………………………………………………………………………………………………… 60Inhalt
9
Herr wie Du willst… . ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 62
Besuch aus Rom …………………………………………………………………………………………………………………………………………. 63
Einfach ohne Äußerlichkeiten und Scheinheiligkeit ………………………………………………………… 65
Mich durch Gott stören lassen …………………………………………………………………………………………………………. 68
Einfach ohne Schuhe
Einfach danke! …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 69
Mit brennendem Herzen . ……………………………………………………………………………………………………………………… 70
Sieben ………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 70
Baustellenkirche . ………………………………………………………………………………………………………………………………………. 72
Exerzitien im Alltag . ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 74
Spende abgelehnt ………………………………………………………………………………………………………………………………………. 74
Gott hüllt sich in Schweigen . …………………………………………………………………………………………………………….. 75
Aufmerksam werden . …………………………………………………………………………………………………………………………….. 77
Gott auf der Straße suchen und finden ………………………………………………………………………………………. 79
München ohne Geld . ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 82
Ein Brausen im Kopf ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 83
Einfach ohne Fragerei
Ohne Fragen . ………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 85
Ein Stück Himmel über dem ‚Tor zur Hölle‘ …………………………………………………………………………….. 89
Der lange Weg einer Heilung …………………………………………………………………………………………………………….. 90
Zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche: . ……………………………………………………… 93
Einblicke aus Kreuzberg ………………………………………………………………………………………………………………………. 95
Einfach zuhören ………………………………………………………………………………………………………………………………………. 100
Lebensspur, die ich hinterlasse …………………………………………………………………………………………………….. 102
Willkommenskultur ……………………………………………………………………………………………………………………………… 103
Einfach offen
Dem Leben trauen ………………………………………………………………………………………………………………………………….. 105
Vom Leben umweht ………………………………………………………………………………………………………………………………. 108
Einfach ohne . …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 109
Ein Draußenmensch ……………………………………………………………………………………………………………………………… 110
Einfach offen – Comboni Missionsschwestern in Berlin ……………………………………………….. 111
Mit – Ohne: Einfach Mitleben . ……………………………………………………………………………………………………….. 115
Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens …………………………………………………………………. 11610
Inhalt
Er war heute da . ………………………………………………………………………………………………………………………………………. 119
Offenheit . ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 119
Worte nach Peters Suizid . …………………………………………………………………………………………………………………. 120
Einfach Mensch sein
Es hat sich ereignet ……………………………………………………………………………………………………………………………….. 123
ohne… einfach … . …………………………………………………………………………………………………………………………………….. 124
Das Prinzip der Verschwendung ………………………………………………………………………………………………….. 125
Ohne Schublade ……………………………………………………………………………………………………………………………………….. 127
Lectio divina . …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 128
Sieben Fragen in sieben Tagen ………………………………………………………………………………………………………. 128
Sauerteig sein ……………………………………………………………………………………………………………………………………………. 131
Mein langer Weg in die Liebe . ……………………………………………………………………………………………………….. 132
Mach es wie Gott, werde Mensch . ………………………………………………………………………………………………. 135
Menschenwürde . …………………………………………………………………………………………………………………………………….. 137
Ohne Werkzeugkoffer für das Leben ………………………………………………………………………………………… 138
Eine stinknormale Männerfreundschaft . ………………………………………………………………………………. 139
Einfach ohne Vorbehalte . ………………………………………………………………………………………………………………….. 141
Einfach in Fülle
Ostergedicht 2014 …………………………………………………………………………………………………………………………………… 142
Einfach Naunynstraße ………………………………………………………………………………………………………………………… 143
Einfach ohne verpixelte Madonna . …………………………………………………………………………………………….. 144
Ein Stück Himmel auf Erden . …………………………………………………………………………………………………………. 145
Ohne Leib – ein Kosmos in Bleistiftstrichen . ………………………………………………………………………. 147
On the road …………………………………………………………………………………………………………………………………………………. 149
Sehnsucht . …………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 150
Zusammen leben . ……………………………………………………………………………………………………………………………………. 150
Wundern . ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………… 152
Einfach gemeinsam
Gastfreundschaft (1) ……………………………………………………………………………………………………………………………… 154
Gastfreundschaft (2) . ……………………………………………………………………………………………………………………………. 155
Senfkorn Naunynstraße …………………………………………………………………………………………………………………….. 155
Ein Ort der Menschlichkeit ……………………………………………………………………………………………………………… 156
Einfach mit dem Herzen antworten . ………………………………………………………………………………………….. 157Inhalt
11
Gottesdienst in der Naunynstraße . …………………………………………………………………………………………….. 158
Abschied – Neuanfang . ………………………………………………………………………………………………………………………… 160
Gast(geberin) in der Naunynstraße . …………………………………………………………………………………………… 161
Klopft an und euch wird aufgetan . …………………………………………………………………………………………….. 162
Einander wahrnehmen . ……………………………………………………………………………………………………………………… 166
Kommunität Naunynstraße . S.  167
Ohne Festhalten S. 168
Rituale S. 170
Einfach freiwerden
Was in uns steckt S. 171
Gleichzeitigkeit des Anderen S. 176
Einfach ohne … S. 178
Die Schätze im Verborgenen entdecken ………………………………………………………………………………….. 180
Mit und ohne Gott … . ……………………………………………………………………………………………………………………………. 182
Die Letzten . S. 183
Stille in Stereo . S. 184
Wir sind alle Pilgerinnen . S. 186
Einfach mit Solidarität
Geschwister S. 190
Arbeiterpriester – was ist das eigentlich? S. 191
Unverblümt. Eine Floristin aus Wien. S. 192
Einfach ohne diese Gutmenschen S. 195
Wie sieht für mich werktägliche Geschwisterlichkeit aus? S. 195
Der Schritt ist radikal, das Leben ganz normal. S. 196
Die Option für die Armen ist zentral S. 201
Einfach mit Hoffnung
Hoffnung für das Leben S. 211

Einfach mit Frieden
Frederiks Frage S.  229
Heilmittel S. 231
Weihnachten eine offene Herberge S. 232
12

Im Getümmel S. 233
Richtungen S. 234
Dezember S.  236
Sehnsucht S. 237
Einfach mit Geschichte
Rede in Bonn S. 238
Weihnachten 1978 S. 240
„Wir brauchen Euch!“ S. 245
Br. Franz Keller SJ S. 249
Ein Schweizer Jesuit in Berlin-Kreuzberg S. 252
Einfach ohne Umwege . S. 254
Was mich trägt S. 256
Danke! S. 257
Einfach mit Zukunft – Generationswechsel Naunynstraße
1. Treffen am 30. Januar 2015 . ……………………………………………………………………………………………………….. 258
2. Treffen am 13. Februar 2015 ……………………………………………………………………………………………………… 262
3. Treffen am 27. Februar 2015 ……………………………………………………………………………………………………… 264
4. Treffen am 12. März 2015 . …………………………………………………………………………………………………………… 266
5. Treffen am 27. März.: Bericht fehlt ………………………………………………………………………………………… 267
6. Treffen am 08. Juli . …………………………………………………………………………………………………………………………… 267
7. Treffen am 29. September …………………………………………………………………………………………………………….. 269
8. Treffen am 04. November . …………………………………………………………………………………………………………… 270
Mission erfüllt? ………………………………………………………………………………………………………………………………………… 272
Einladung zum Fest . ……………………………………………………………………………………………………………………………… 279
Mit der Straße in Verbindung bleiben . …………………………………………………………………………………….. 281
Literatur ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 286
AutorInnen …………………………………………………………………………………………………………………………………………………. 288
Weitere Beiträge haben einen guten Platz auf dem Blog.
Dieses Buch ist nicht zuende. Reaktionen und weitere Beiträge an:
einfachohneblog.wordpress.com oder einfach-ohne@gmx.deEinfach ohne Kolonialismus
13
Einfach ohne Kolonialismus
Einfach postkolonial?
A
uch wenn der Kolonialismus scheinbar schon lange Zeit vorbei ist, hat er die
Situation und die Machtstrukturen unserer Welt wie wenige Ereignisse der
Welt geprägt und die Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Kon-
tinente grundlegend verändert. Neben den ökonomischen und politischen Aus-
wirkungen, die bis heute in den Ländern deutlich sichtbar sind, möchte ich in
diesem Text auf die Ideologie schauen, die sich aus der Eroberung und Besetzung
von neun Zehnteln der Welt entwickelt hat. Edward Said, einer der bekanntesten
postkolonialen Wissenschaftler, ist davon überzeugt, dass die Kolonialisierung
nur durch diese Ideologie so erfolgreich sein konnte, dass neun Zehntel der Welt
unter europäischer Herrschaft standen.
Was für eine Ideologie ist damit gemeint? Es ist die Annahme, dass die westliche
Welt dem Rest überlegen ist. Sie geht mit der Annahme einher, dass die west-14
Einfach ohne Kolonialismus
liche Welt es in allem besser weiß und ihre Zivilisation und ihre Werte in alle
Welt tragen muss. Diese Überlegenheit wird neben biologischen Begründungen
auch mit Begriffen wie entwickelt, zivilisiert, rational, demokratisch und den
Menschenrechten gefüllt. Die nichtwestlichen Länder hingegen stellen die an-
dere Seite der Medaille dar, sie sind unzivilisiert, wild, gewalttätig, emotional
und korrupt. Die Ideologie zieht eine Linie zwischen Menschen verschiedener
Herkunft und Hautfarbe und nimmt diese Charakteristika als Grundlage für
den Unterschied. Während das zunächst mit biologischen Merkmalen begründet
wurde, wird heute eher auf die „andere“ Kultur und Religion zurückgegriffen
um die Unterschiede und damit auch die Hierarchie zwischen den Menschen zu
begründen. Diese Linie ist bis heute in Begegnungen zwischen Menschen sicht-
bar, in den Zuschreibungen, denen nichtweiße Menschen ausgesetzt sind, aber
auch in dem Zugang zum ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital.
Die postkoloniale Theorie versucht aufzuzeigen, wie sich die kolonialen Ideolo-
gien bis heute in den Gesellschaften und in den Köpfen wiederfinden lassen. Sie
fragt aber auch danach, welche Alternativen es geben könnte, wenn wir die ras-
sistischen Strukturen unserer Welt auflösen wollen, die jedem Menschen gemäß
seiner Hautfarbe einen Platz zuweisen.
Ich möchte ein paar Aspekte nennen, die mich immer wieder neu berühren:
Stuart Hall, der aus Jamaica für sein Studium nach England kam und daher die
koloniale Situation, als auch die Situation in der Metropole kennt, ist überzeugt
davon, dass sich gerade die westliche Identität daraus entwickelt, dass sie sich
von „den Anderen“ abgrenzt und Mauern zieht. Für ihn sind aber alle Geschich-
ten und Identitäten der Welt miteinander verwoben, und die Kolonialgeschichte
ist unsere gemeinsame Geschichte:
„Menschen wie ich, die in den fünfziger Jahren nach England kamen, haben dort – sym-
bolisch gesprochen – seit Jahrhunderten gelebt. Ich kam nach Hause. Ich bin der Zucker
auf dem Boden der englischen Teetasse […] dann gibt es neben mir Tausend andere, die
der Tee in der Tasse selbst sind. Der lässt sich nämlich, wie Sie wissen, nicht in Lan-
cashire anbauen. Im Vereinigten Königreich gibt es keine einzige Teeplantage. Und doch
steht die Tasse Tee symbolisch für die englische Identität“ (Hall 1994, S. 74).
Daher fordert er von den westlichen Gesellschaften:
„Mit Unterschieden leben, das lässt sich ganz einfach sagen, aber für die heutigen euro-
päischen Gesellschaften ist es die schwerste Sache der Welt, praktisch mit Unterschie-
den zu leben. Denn es bedeutet fähig zu werden zu einer Gemeinschaft, die es nicht nötig
hat, alle anderen zu vernichten, um sie selbst zu sein. (…) In der Sprache des RassismusEinfach ohne Kolonialismus
15
sind alle anderen ethnische Gruppen und jetzt geht es darum, ob weiße Europäer lernen
können, eine ethnische Gruppe unter anderen zu sein.“ (Hall 2000, S.16).
Leila Ghandi beschreibt Kolonialismus als Prozess, den Wert des Nichtwestli-
chen abzuwerten und zu zerstören. Diese Zerstörung umfasst nicht nur gesell-
schaftliche Strukturen und Gebäude der Einheimischen, sondern reicht auch bis
an die eigene Kultur und Wertschätzung heran. Die Zuschreibungen, als anders
und unterlegen bezeichnet zu werden, wurden auch verinnerlicht. Genauso wie
die westlichen Gesellschaften ihre Überlegenheit ablegen müssen um ein eth-
nische Gruppe unter anderen zu sein, braucht es daher eine Befreiung aus dem
Anderssein heraus. Dazu gehört eine Wertschätzung der eigenen Geschichte,
Sprache und Kultur.
Als ein Beispiel kann hierbei die Umdeutung einer Schwarzen Identität gesehen
werden. An dieser Umdeutung wird deutlich, dass es die Notwendigkeit einer
Schwarzen Solidarität gab, bevor die Überwindung von konstruierten Grenzen
zwischen den Kulturen überhaupt möglich ist. Hall zeigt dies am Widerstand der
postkolonialen MigrantInnen in Großbritannien auf, die sich gegen eine kollekti-
ve Weiße britische Identität wehren, da ihnen die Zugehörigkeit verwehrt wird.
Dies war ein entscheidender Moment der Wiederentdeckung von verlorener Ge-
schichte und Sprache. Die Identität, die damals entstand, war eine Schwarze
Identität. Schwarz, nicht als eine Frage der Pigmentierung, auch da sich alle
postkolonialen MigrantInnen so bezeichneten, sondern als eine historische, po-
litische und kulturelle Kategorie, die eine Verbindung zwischen Aussehen und
Geschichte schafft:
„Ihre Geschichten liegen weit zurück, eingeschrieben in ihre Haut. Aber es ist nicht we-
gen ihrer Haut, daß sie in ihren Köpfen schwarz werden.“ (Hall 1994, S. 79)
Jahrhundertelang wurde eine Symbolik entwickelt, in der Schwarz bzw. nicht
Weiß genug zu einem negativen Attribut wurde, deshalb wurde genau diese Ka-
tegorie aufgegriffen und auf eine neue Art und Weise artikuliert. Die Menschen
lernten Schwarz zu sein, indem sie lernten, sich neu damit zu identifizieren. Das
bewirkte eine Veränderung im Bewusstsein, in der Selbstwahrnehmung, als ein
neuer Prozess der Identifikation und das Hervortreten eines neuen Subjekts.
Schwarz wurde damit zu einer politischen Kategorie, die Solidarität schaffte.
Andere postkoloniale TheoretikerInnen haben Visionen entwickelt, die neue For-
men von Zugehörigkeit für alle Menschen enthalten. Bhabha spricht von Hybri-
dität, das heißt eine Vermischung von Identitäten und Zugehörigkeiten, die nicht
mehr von einheitlichen Kulturen und Nationen ausgeht. Es richtet sich gegen ein16
Einfach ohne Kolonialismus
Verständnis, das „Deutschsein“ oder „Amerikanisch sein“ als etwas Reines, Ab-
geschlossenes versteht. Stattdessen haben wir doch alle verschiedene Zugehörig-
keiten und Bezüge, Kultur, Religion, Familie, Geschlecht sind nur einige davon.
Unsere deutsche Kultur, wenn es so etwas überhaupt gibt, setzt sich zusammen
aus Religionen, die sicher nicht in Deutschland ihren Ursprung haben, aus latei-
nischen Buchstaben, arabischen Zahlen und einem Nationalstaat, der nicht viel
mehr als hundert Jahre alt ist.
Auf die verschiedenen Zugehörigkeiten Bezug nehmend, spricht Frantz Fanon
von der Entwicklung eines Sozialbewusstseins über verschiedene Grenzen hin-
weg, welches Befreiung ermöglicht:
„Befreiung [ist] die neue Alternative, Befreiung, die aus ihrer selbst (…) eine Transforma-
tion des sozialen Bewußtseins über das nationale Bewußtsein hinaus bewirkt“
(Fanon 1973, S. 173).
Edward Said bezeichnet den Widerstand gegen den Kolonialismus und Grenzzie-
hungen als einen alternativen Weg des Entwurfs menschlicher Geschichte. Da,
wo wir keine Geschichte schreiben, die Differenzen konstruiert und Grenzen
zieht, sondern Geschichten der Verbundenheit erzählen, entsteht etwas Neues:
„[Widerstand ist] ein alternativer Weg des Entwurfs menschlicher Geschichte […] Es ist
besonders wichtig sich klar zu machen, dass dieser alternative Entwurf auf dem Zu-
sammenbruch der Schranken zwischen den Kulturen beruht“ (Said 1994, S. 295). „Diese
Schranke wegzuräumen, heißt den Nicht-Europäern Zutritt zur ganzen Fülle menschli-
cher Erfahrung gewähren, endlich kann die Menschheit ein Schicksal, und, wichtiger
noch eine Geschichte haben“ (Said 1994, S. 365).
Das Faszinierende an Edward Said ist, dass er hier auch explizit die Kolonialge-
schichte meint, die uns auf beiden Seiten der Linie mit uns verbindet. Er ist über-
zeugt davon, dass es möglich ist, darüber zu reden und zu schreiben, in einer
Form, in der sich sowohl Europäer, als auch ehemalige Kolonialisierte wieder-
finden. Aber wie geht diese Befreiung aus Strukturen, die uns alle in unserem
Wunsch nach Menschlichkeit und Gleichheit verletzen? Wie können die Schran-
ken zwischen den Kulturen überwunden werden? Und wie können Geschichten
erzählt werden, in denen sich alle Menschen und ihre Lebensrealitäten wieder-
finden? Geschichten, in denen wir unsere Verbundenheit als Menschen und als
WeltbürgerInnen sehen?
Für mich als Weiße deutsche Frau ist der erste Schritt, sich mit der Kolonialge-
schichte und ihren Folgen auseinanderzusetzen. Das bedeutet auch zu verstehen,Einfach ohne Kolonialismus
17
wie sehr ich von Kindheit an gelernt habe, dass es Unterschiede gibt und diese
auch zu werten. Kolonialgeschichte hilft mir die Welt von heute zu verstehen
und dass es ganz andere Lebensrealitäten wie meine eigene gibt. Realitäten, in
denen so viel mehr Steine in den Weg gelegt werden, egal, welchen Weg die
Personen wählen. Wenn ich mich mit Menschen des globalen Südens über den
Kolonialismus unterhalten habe, konnten sie mir stets etwas dazu sagen, bei
Europäern hingegen ist dieses Thema oft ein „Weißer“ Fleck auf der Landkarte
ihres Bewusstseins. Es heißt auch, sich bewusst zu werden, mit welchen Privi-
legien Weiße Menschen ausgestattet sind. Und diese Bewusstwerdung ist, für
mich zumindest, immer wieder schmerzhaft, da sie mir die Linie, die der Kolo-
nialismus gezogen hat, deutlich vor Augen führt. Die Privilegien kann ich nicht
loswerden, sie sind an mich geklebt, ich kann nur immer wieder versuchen, dass
sie auch für andere nützlich sind.
Das Herausfordernde beim Thema Rassismus und Postkolonialismus ist, dass
ich auf der einen Seite mir wünsche, dass sich die Differenzlinien auflösen, auf
der anderen Seite diese Linie und die damit verbundenen unterschiedlichen Le-
bensrealitäten immer wieder thematisiere, um dafür zu sensibilisieren.
Würde mich jemand fragen, was es individuell von einzelnen Personen braucht,
dass diese Linie schwächer wird, würde ich sagen, hört Menschen auf der ande-
ren Seite der Linie zu, nehmt sie ernst, glaubt ihnen und wisst es zur Abwechs-
lung mal nicht besser – gar nicht so leicht, wo wir das doch mehr als hundert
Jahre geübt haben.
Nadine Sylla18
Einfach ohne Kolonialismus
Deutschstunde
Orientierung in der deutschen Sprache
S
ie nennen dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
So wie die Fische: der Saibling, der Stichling.
Das passt ja, denn Du bist durchs Meer gekommen.
Und wie die Vögel: der Sperling, der Hänfling.
Du hast ja auch Länder und Wüsten durchquert.
Flüchtling, wie die Pilze auch: Krempling und Pfifferling.
Auch das passt: denn wir haben in diesem Jahr
einen pilzreichen Herbst. Das ist gut.
Sie nennen Dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
Nur: ob Sie ‚Mensch‘ meinen, wenn sie ‚Flüchtling‘ sagen, das weiß ich nicht.
Sie fragen zunächst: Bist Du Nützling oder Schädling?
Nützlinge, das sind hierzulande
die Ohrwürmer, Wanzen, Brackwespen und Spinnen –
bist Du wie sie? Das wollen sie wissen.
Oder bist du ein Schädling, wie die deutsche Schabe,
die Fliegen und Flöhe und natürlich die Tauben?
Das wollen sie wissen. Das musst du verstehen.
Nützling oder Schädling.
So ist die hiesige Logik.
Sei Lehrling, und lern erst,
wer zuständig ist und was das Gesetz sagt;
wer gehört wird und wer zu entscheiden hat.
Und dann wird sich zeigen:
Werden sie dir
den Schierlingsbecher reichen
wie dem Sokrates?
Oder nähren sie Dich,
wie den Säugling an der Brust der Mutter.
Vielleicht bist du ja auch wie der Schmetterling,
der niemandem nutzt und nicht fragt ob er schadet.
Er schält sich im Frühling
aus der Mumie heraus.
Und fliegt.
Er ist schön. Das genügt.
Sie nennen Dich Flüchtling – und das heißt: Du lebst.
Marita LersnerEinfach ohne Kolonialismus
19
Einfach beiseitelegen
Ist das Einfache wirklich so einfach?
D
as Wort „einfach“ ist eines meiner liebsten. Auf die Frage, wie ich eine für
mich erfüllende Erfahrung, etwa eine für mich wichtige Entscheidung oder
eine Ahnung einer Begegnung mit dem Ewigen, beschreiben würde, sage ich
gerne „Sie war einfach“. Das sage ich nicht, weil ich eine schnell ausgesprochene
Antwort möchte. Nein, im Gegenteil. Die Aussage „es war einfach“ stimmt. Nur
steht sie für mich so oft am Ende eines zumeist langen Prozesses, der alles ande-
re als einfach ist.
Ich erlebe mich als eine ringende Person: um eine Lösung, um eine stimmige
Antwort, um eine neue Erkenntnis oder Erfahrung. Und Ringen ist nicht einfach.
Eher anstrengend und oft kräftezehrend. Eine kleine Geburt – so stelle ich sie
mir zumindest vor, obwohl ich kein Kind zur Welt gebracht habe. Umso mehr
verblüfft es mich, dass das Ergebnis dieser Anstrengung, nach all dem Ringen,
Abwägen, Zweifeln, oft dann ganz einfach ist. Einfach im Sinne von „klar“, „selbst-
verständlich“. Aber ohne das Ringen wäre es wahrscheinlich nicht so gewesen.
Dann hätte ich das Einfache womöglich nicht entdeckt. Warum überhaupt rin-
gen, wenn das Ergebnis doch so einfach ist? Eine Erklärung ist: Wenn ich ringe,
dann ringe ich nicht nur mit anderen, sondern in erster Linie mit meinen eigenen
Ansprüchen, Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten. Vielleicht ringe ich mit Gott.
Im Ringen erkenne ich, wer ich eigentlich bin. Wie gut! Denn dann kann ich so
einiges beiseitelegen, was im Weg steht, oder etwas anders betrachten.
Wie neulich bei der Geburt eines Kindes in unserer Familie. Den Namen, den die
Eltern für das Kind gewählt hatten, mochte ich gar nicht: das erste Kind in der
Familie, für das es keinen Namenstag gibt, ein eher neumodischer und nicht
schön klingender Name, ein Name ohne einen/eine Heilige, eine Bedeutung, die
mir nicht zusagte… . All das ging mir durch den Kopf. Ich habe alle meine Ener-
gie eingesetzt, um noch etwas daran zu ändern. Ich wurde nicht gehört. Und das
war auch gut so. In meinem Unmut über den Namen merkte ich zunächst nicht,
wie meine Freude über die Geburt eines gesunden Kindes abnahm, weil mein
Anspruch, meine Vorstellungen hinsichtlich des Namens mich bestimmten. Und
dabei waren sie so unrealistisch, denn ich habe schlichtweg kein Recht, über
den Namen anderer zu bestimmen und sie zu bewerten. Irgendwann kam es mir,
diese Gedanken und Gefühle einfach einmal beiseite zu legen und es für möglich
zu halten, dass ich den Namen mögen kann. Ich sprach also den Namen ein paar-
mal laut aus. Er klang immer schöner. Letztlich begann ich, ihn zu mögen, und
damit wuchs die Freude über den Menschen, dem dieser Name gegeben wurde.
Kathrin Happe20
Einfach ohne Kolonialismus
Einfach ohne – mehr zu mir?
I
ch kehre zurück von einem 10-tägigen Besuch in Ruanda. 10 Tage Kigali – mit
meiner Mutter und meiner Schwester, um die Hochzeit meines ruandischen
Gastbruders zu feiern. Immer wenn ich aus Ruanda zurückkehre, fehlen mir die
Worte für das, was ich dort erlebe.
Es ist mein dritter Aufenthalt dort. Ich weiß, was mich erwartet, wenn ich dort
hinfliege – wie und wo ich wohnen werde, wie und wo ich einkaufe, wie ich
mich mit Freunden verabrede, abends ausgehe und mich in der Stadt bewege.
Ich liebe dieses Land – liebe die Hügel, das gemeinsame Essen, das Licht, das
Motofahren durch Kigali, das Zusammenkommen bei Freunden. Ich liebe, dass
ich zurückkehren kann – nach eineinhalb Jahren – und verstanden werde, für
das was ich fühle und erlebe, bei jedem Mal, wenn ich das Land besuche; dass
ich einfach sein kann. Und doch fällt es mir bei jeder Rückkehr nach Deutsch-
land schwer, das Leben dort zu beschreiben und das was mir dort widerfährt in
Worte zu fassen.
Ich habe dort zum ersten Mal in einem Land gelebt, in dem ich durch die Stra-
ßen laufe und auffalle – auffalle, weil ich eine andere Hautfarbe habe, weil ich
„anders“ bin? Meine Hautfarbe scheint viele Geschichten zu erzählen: dass ich
gebildet bin, dass ich über gute Verbindungen verfüge, dass ich Geld habe, dass
ich Ideen habe – all diese Assoziationen, für die ich nichts tun muss, außer durch
die Straße zu laufen oder an der Bushaltestelle zu stehen. Ich habe in vielen
Situationen ohne mein aktives Zutun eine herausgehobene Stellung erfahren –
bei einer Hochzeit werde ich extra begrüßt, obwohl ich das Brautpaar gar nicht
kenne und nur als Begleitung dieses Fest mitfeiere; bei der Familienfeier eines
Freundes darf ich mich als Erste vorstellen; auf der Straße werde ich von einem
Unbekanntem angesprochen, ob ich ihn bei der Entwicklung seines Business-
Plans beraten kann; ein Moto-Fahrer bittet mich, ihm einen Job bei meinem da-
maligen Auftraggeber, der GIZ, zu vermitteln. Aber das ist doch alles positiv?!
Ja, klar. Es ist ein Vertrauensvorschuss in mich, der allein auf meiner Hautfarbe
beruht. Zum ersten Mal habe ich eine Ahnung davon, wie es ist, schwarz zu sein
in einer Umgebung, die vor allem weiß ist. Und doch ist es nicht das gleiche,
wenn deine Hautfarbe statt positiv negativ konnotiert ist.
Ich habe in meiner Zeit in Ruanda tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich
viel geteilt habe: Ideen, Träume, Zweifel, Lebensentwürfe, und die mir gezeigt
haben, wie vieles man teilen kann, wenn man nicht als aller erstes auf die Haut-
farbe schaut, sondern den Menschen „dahinter“ sieht. Ich habe viel über mich
selbst gelernt, indem ich die Möglichkeit hatte all das zu teilen, und es hat mir
ein neues Spektrum an Betrachtungsweisen und dadurch auch an Möglichkei-Einfach ohne Kolonialismus
21
ten gegeben. Mich für diese neuen Betrachtungsweisen zu öffnen, war nicht im-
mer einfach. Es bedeutet immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Diese
Auseinandersetzungen erfordern Kraft und immer wieder den Willen, darauf
zu schauen, was tatsächlich „ich“ bin. Ich denke, dass ich mein Selbst nicht von
meiner kulturellen und sozialen Identität trennen kann, aber die Begegnungen
in Ruanda haben mir neue Handlungsspielräume aufgezeigt und eröffnet.
Mein ruandischer Gastbruder hat eine deutsche Frau geheiratet. Er wird in
Deutschland leben. In dem Haus meiner Mutter steht neben einem Bild von
meiner Schwester und mir ein Bild meines Gastbruders und seiner Frau. Wenn
ich meine Mutter besuche, deckt sie die ruandischen Untersetzer – darauf die
deutschen Frühstücksbrettchen. Was in diesen kleinen Gesten deutlich wird,
passiert auch in unserem Miteinander und in unserem Denken und in unserer
Sichtweise auf die Realität, in der ich lebe – und es ist ein großes Geschenk, für
das ich sehr dankbar bin.
Ruth Schüler
Ein Traum wird wahr
I
ch wurde 1958 als zweite Tochter meiner Eltern geboren. Mein Vater war Be-
amter, meine Mutter war Hausfrau und Mutter mit Leib und Seele. Aufgewach-
sen bin ich mit den Werten und Zielen in dieser Zeit, im Wirtschaftswunder West-
deutschlands. Ich bin nicht immer gerne zur Schule gegangen, habe aber meinen
Schulabschluss gemacht und eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Meinen
Traum, eine eigene Familie zu gründen, habe ich verwirklicht. Ich habe mit Mitte
zwanzig geheiratet und bin heute Mutter zweier erwachsener Töchter.
Alles war klar und gut so wie es war!?
Ja, bis mein Mann im Jahr 2009 verstarb. Über Nacht war nichts mehr so wie
es gestern war. Jetzt, wo mein Mann tot war und unsere Töchter das Elternhaus
verlassen hatten um zu studieren, war mein Familientraum ausgeträumt. Über-
nacht habe ich mich in dem Haus, das wir zu viert bewohnt und belebt haben,
allein wiedergefunden.
Mein Schicksal – was nun?
Ich habe die Tür meines Hauses geöffnet in der Hoffnung es wieder zu beleben.
Und „das Schicksal“ war mit mir. 2013 ist mein ruandischer Gastsohn bei mir
eingezogen und für eineinhalb Jahre geblieben. In diesem September bin ich auf
Familienbesuch nach Kigali geflogen. Zu versuchen, mit Worten zu erfassen, was
ich erleben durfte, scheint mir nicht möglich. Was ich aber sagen kann, ist, was22
Einfach ohne Kolonialismus
ich zu sehen gelernt habe, nachdem ich mein altes Denken entstaubt habe, ist ein
Geschenk dieser Menschen an mich.
Und, ich bin mit Privilegien einer Hautfarbe, einer Schulpflicht, dem Wahlrecht,
einem bürgerlichen Wohnstand in Friedenszeiten in eine Familie, in der ich will-
kommen war und bin, hineingeboren worden, in ein Leben hineingeboren, das
mich bevorteilt, ohne dass ich je etwas dafür geleistet habe.
Angelika Ullmann-Schüler
Ohne Rassismus? Einfach?
N
ach Birgit Rommelspacher geht es bei Rassismus nicht nur um individuelle
Vorurteile, sondern um ein gesellschaftliches Verhältnis. Mithilfe von ras-
sistischen Legitimationen wird es begründet, dass bestimmte Gruppen weniger
Zugangsmöglichkeiten und Teilhabechancen haben, das heißt es hat konkrete
Auswirkungen beispielsweise auf Zugang zum Arbeits- und Bildungssystem. Sie
beschreibt vier Schritte zum Rassismus:
Naturalisieren: Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft bestimmte Eigen-
schaften zugeschrieben, wie rückständig, lernunwillig, aggressiv… (DIE sind so)
Homogenisieren: Diese Eigenschaften werden allen, die dieser Gruppe angehö-
ren, zugeschrieben (Die sind ALLE so)
Polarisieren: Anschließend wird die Differenz betont, dass sie sich damit stark
von „uns“ unterscheiden (Die sind ganz ANDERS)
Hierarchisieren: Der letzte entscheidende Schritt ist dann klar zu machen, dass
„wir“ natürlich viel entwickelter und besser sind (WIR sind besser).
Dieses gesellschaftliche Verhältnis ist eine gesellschaftliche Struktur, die ein
Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Wie können wir uns in diesen Strukturen
der Ungleichheit begegnen, ohne sie zu reproduzieren und bestärken?
Hier war die Naunynstraße immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt für mich.
Warum, will ich im Folgenden erzählen: Die Naunynstraße hat mein Leben ver-
ändert, das kann ich heute mit Sicherheit sagen. Mein Leben wäre ganz anders,
hätte mich die Naunynstraße nicht eingefangen und danach nie wieder richtig
losgelassen.
Manchmal langweilt es mich sehr, mich in studentischen Kreisen zu bewegen.
Das heißt nicht, dass ich dort nicht tolle Leute kenne, die sogar in vielen Punkten
meine Weltansicht teilen, sich auch darüber Gedanken machen, wie man sich
am besten gesund und umweltbewusst ernährt oder wofür man sich engagiert.Einfach ohne Kolonialismus
23
Wie viel größer ist der Reichtum, den ich in der Naunynstraße vorfinde, so bunt
und unterschiedlich. Wie oft sitze ich Dienstagabend in der Runde und bin be-
rührt, von der Lebensweisheit, die aus den Erfahrungen spricht und von den un-
terschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auf das Leben. Ich kenne keinen
Ort, wo ich sonst von so vielen verschiedenen Lebensrealitäten erfahren darf,
wo so unterschiedliche Menschen zusammen am Tisch sitzen, wo Schubladen
aufgemacht werden, und ein buntes Durcheinander heraus kommt. Und wo ich
gelernt habe, dass es nicht um Mitleid geht.
Ich glaube auch, dass es keinen besseren Ort gibt, an dem Ibrahim und ich uns
kennen lernen konnten. Ein Ort, an dem Status, finanzielle Möglichkeiten und
berufliche Chancen unwichtig sind, ein Ort, an dem wir einfach Mensch sein
können und uns als solche begegnen. Nachdem die Äußerlichkeiten und Un-
gleichheiten wegfielen, konnten wir beide merken, dass da etwas ist, was uns
verbindet und trägt. Unsere Liebe und die gegenseitige Achtung voreinander
zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass das, wonach ich mich sehne, wahr wer-
den kann. Dass ein Mensch, der nach äußerlichen Kriterien so „anders“ ist als
ich, innerlich tief mit mir verbunden ist, wir uns auf Augenhöhe begegnen kön-
nen und die imperialistische Narrative des Westens in Frage stellen.
Mit unserer Beziehung und unserer Hochzeit bin ich den Schritt gegangen, auch
ein wenig anders zu sein. Nach außen hin bin ich noch immer weiß und unmar-
kiert, aber mein Herz kann von Rassismus nicht mehr unberührt bleiben. So gibt
es Kontexte, in denen Ibrahim „anders“ ist und Kontexte, in denen ich „anders“
bin und Kontexte, in der wir beide als anders wahrgenommen werden. Neben
der Bestätigung meiner Sehnsucht wurde ich deutlich damit konfrontiert, wie
stark unsere Gesellschaft rassistisch strukturiert ist. Das ist zum einen erkenn-
bar an den offensichtlichen Privilegien, die Weiße Deutsche haben. Vielmehr
schockiert mich immer wieder die westliche Überlegenheit, die in so vielen Aus-
sagen impliziert wird. Und „anders“ heißt dann nämlich eigentlich rückständig,
unzivilisiert, unterentwickelt, gewalttätig, irrational, fundamentalistisch, mit
anderen Werten und einer anderen Kultur, die nicht mit den westlichen Werten
zu vergleichen ist. Die sind halt so. Warum sich die Mühe machen, sie zu verste-
hen? Es ist gesellschaftlich anerkannt, solche Meinungen zu verbreiten.
Diese Rhetorik haben die europäischen Gesellschaften jahrhundertelang ge-
lernt. Gesellschaften, die die Welt eroberten und mit Differenzkonstruktionen
von Hautfarbe und Herkunft ihre Überlegenheit legitimierten. Je tiefer man sich
in den Strudel des Imperialismus und Kolonialismus begibt, desto weniger Hoff-
nung findet man, sich zumindest ein stückweit davon zu befreien. Ich schäme
mich für das, was die Weiße „Rasse“ in den letzten Jahrhunderten vollbracht hat.
Und doch, glaube ich, ist der erste Schritt zur Veränderung, die Menschen reden24
Einfach ohne Kolonialismus
zu lassen, die auf der anderen Seite der imperialen Wasserscheide standen, die
Menschen, denen jahrhundertelang eine eigene Geschichte und Kultur abgespro-
chen wurde.
Heute brauche ich die Naunynstraße, wie ich Luft zum Atmen brauche. Weil sie
mir immer wieder neu Mut macht, dass eine andere Welt möglich ist, eine Welt,
in der Herkunft, Hautfarbe, Muttersprache oder Religion kein Kriterium ist, um
Leute zu sortieren und in Schubladen zu stecken, sondern wir uns in Gleichheit
begegnen können. Bis heute kenne ich keinen Ort, wo Ibrahim und ich so sehr
einfach nur als Menschen gesehen werden, wo unsere vermeintlichen Unter-
schiede keine Rolle spielen, wo ich vergesse, worüber ich mir sonst Gedanken
mache. Wo ich sehe, dass sich Menschen über unsere Liebe freuen.
Dabei ist auch in der Naunynstraße nicht alles eitel Sonnenschein. Auch hier
habe ich rassismusrelevante Bemerkungen gehört, die mich treffen und mich
zum Weinen bringen. Und immer wieder spüre ich den Graben zwischen den
Geschlechtern, oft hänge ich dazwischen und kann beide Seiten nachvollziehen.
Versuche mich zu positionieren. Scheitere dabei. In einer Welt, die strukturiert
wird durch Rassismus und Sexismus und andere Diskriminierungsformen, sind
wir alle davon geprägt, und auch das bleibt in der Naunynstraße nicht vor der
Türe stehen. Auch die Gleichheit bleibt bruchstückhaft, da Nationalität und
Aufenthalt, aber auch die Möglichkeit zu arbeiten oder staatliche Leistungen zu
beziehen, sich auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt. Aber in dieser räumli-
chen Nähe kann ich vieles nicht mehr ignorieren und mich einfach nicht damit
beschäftigen, sondern bin Tag für Tag neu herausgefordert, ein Miteinander zu
suchen. Und es ist viel mehr Gleichheit, als es an anderen Orten möglich ist.
Wie oft habe ich schon versucht zu verstehen, warum mich dieser Ort anzieht
wie ein Magnet. Rational kann ich es nicht erklären. Aber ich glaube, dieses Ge-
fühl nach Hause zu kommen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hat
etwas mit meiner Sehnsucht zu tun. Ich habe eine Sehnsucht nach der Gleichheit
aller Menschen. Zu spüren, dass wir als Menschen so viele Gemeinsamkeiten
haben, dass wir erstmal Menschen sind und nicht Christen oder Muslime oder
Europäer oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigter. Dass da ein Gott ist,
der keinen Unterschied macht zwischen den Menschen und keine Grenzen zieht
zwischen vermeintlichen Unterschieden.
Also: Einfach ohne – Rassismus? Ohne Rassismus ist niemals einfach. Es gibt so-
gar WissenschaftlerInnen, die sagen, statt Antirassismus sollten wir lieber über
Rassismuskritik sprechen, da wir zu sehr in rassistischen Strukturen verstrickt
sind um ohne Rassismus zu denken und zu handeln. Aber das macht auch Mut,
denn überall dort, wo Strukturen aufgebrochen und über Rassismus nachge-
dacht wird, da wird etwas Neues möglich. Würde die Bundesrepublik sich inEinfach ohne Kolonialismus
25
ihrem Zuwanderungs- und Asylgesetz ein bisschen mehr an der Naunynstraße
orientieren, könnten wir uns viel mehr in Gleichheit begegnen:
Ohne Einkommensnachweis
Ohne Abstammungsurkunde
Ohne Papierkontrolle
Ohne Einbürgerungstest
Ohne Sprachnachweis
Ohne ärztliches Gutachten
Ohne Taufschein
Ohne Gesinnungsfragen
Ohne „wo kommst du her?“
Ohne „wann gehst du wieder zurück?“
Ohne Schul- und Berufsabschlüsse
Ohne Existenzgrundlage
Ohne Terrorismusverdacht
Ohne Misstrauensvorschuss
Ohne Mitwirkungspflicht
Ohne Krankenversicherungsnachweis
Ohne Anhörung zu anerkennungswürdigen Fluchtgründen
Ohne Zwangsmissionierung
Ohne erweitertes Führungszeugnis
Ohne Fingerabdruck
Ohne Abschiebung

Nadine Sylla
Einfach ohne Grenzen
D
ie Erfahrungen Grenzen zu überschreiten, zu durchbrechen oder davon
zu träumen, dass Grenzen zwischen Menschen und Ländern überwunden
werden, davon möchte ich in den nachfolgenden Überlegungen schreiben. Aus-
gangspunkt sind persönliche Erfahrungen, die ich in vielfältiger Hinsicht im
Überschreiten von Grenzen ebenso wie in der Erfahrung von Grenzen gemacht
habe und tagtäglich immer wieder aufs Neue mache.
Seit Anfang 2012 lebe ich in Peru, einem Land, das sich durch seine geografische,
klimatische und kulturelle Vielfalt auszeichnet. Dadurch darf ich die Erfahrung
machen, was es bedeutet, die eigenen Länder- und Kontinentgrenzen zu überwin-
den und mich mit Offenheit und Bereitschaft, Neues zu lernen, auf etwas ganz26
Einfach ohne Kolonialismus
anderes einzulassen. Da ist nicht nur die andere Kultur, die mich auch heute noch
nach mehr als drei Jahren immer wieder überrascht oder vor offene Fragen und
mitunter auch Unverständnis stellt, sondern auch der soziale andere Kontext.
Grenzen überschreite ich aber besonders auch im Entdecken und Kennenlernen
anderer Weltsichten und Weisheiten, die mir vorher unbekannt waren, die an
den Rand gedrängt, diskriminiert und deren Reichtum an Wissen und Praktiken
weitestgehend ausgemerzt wurde sowie weiterhin von der Mehrheitsgesellschaft
als minderwertig abqualifiziert wird. Obwohl Peru zu den lateinamerikanischen
Ländern mit der größten ethnischen und kulturellen Vielfalt gehört und fast die
Hälfte der Bevölkerung einer indigenen Gruppe angehört, so wird dies auf der
politischen Agenda kaum berücksichtigt. Vielmehr gehört die indigene Bevöl-
kerung weiterhin zu ärmsten Bevölkerungsschicht. Die sogenannte „Andinisie-
rung“ der städtischen Zentren, besonders der Hauptstadt Lima, durch Migranten
aus dem Hochland oder den Regenwaldgebieten hat nicht zur Entwicklung einer
tatsächlich multikulturellen Gesellschaft geführt. Auch wenn dies die vorherge-
hende Bürgermeisterin Limas mit dem Slogan „Lima multicultura“ (Lima multi-
kulturell) glauben machen wollte. Statt eines interkulturellen Zusammenlebens
hat eine starke Segregierung der Bevölkerung entlang der sozialen Klasse sowie
der ethnischen Zugehörigkeit stattgefunden. Die Armen und damit auch die Mig-
rant_innen lassen sich an den immer größer und unkontrollierbarer werdenden
Armensiedlungen am Rande der Stadt nieder. Während die Oberschicht, vor al-
lem aus sogenannten „criollos“ (Mischlingen) bestehend, in schicken Stadttei-
len westlichen Charakters wohnen. Dort trifft man die „chollos“, wie Männer
und Frauen aus dem Hochland genannt werden, vor allem als Hausangestellte,
Kindermädchen, Chauffeur oder in anderen niedrigen Dienstleistungsarbeiten
an. Alltagsrassismus, der sich in Fernsehsendungen, Musik und im Umgang
miteinander widerspiegelt, ist an der Tagesordnung. Wie sehr dieses koloniale
Denken noch in den Köpfen verhaftet ist, zeigt sich daran, dass alles, was aus
den „westlichen“ Ländern kommt als „entwickelter“ und damit besser gilt. Das
eigene, angefangen von kulturellen Werten und Praktiken, Traditionen bis hin
zu phänotypischen Charakteristika wie Haut- und Haarfarbe wird demgegen-
über gering geschätzt bzw. als „unterentwickelt“ oder vormodern abqualifiziert.
Stattdessen geht es gerade darum, diesem von außen kommenden Modell nach-
zueifern. Dies hat auch zu dem Bestreben geführt, die „eigene Rasse verbessern“
zu wollen, indem man versucht, dem westlichen Schönheitsideal möglichst nahe
zu kommen. Auch in meinem ganz persönlichen und alltäglichen Leben werde
ich mit diesen Formen des Rassismus, die bereits im Zwischenmenschlichen be-
ginnen, konfrontiert. Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich als „gringa“ in
dem peripheren Stadtteil San Juan de Lurigancho wohne, wo doch grundsätzlichEinfach ohne Kolonialismus
27
EuropäerInnen im Süden der Stadt in Stadtteilen wie Miraflores, San Isidro und
anderen anzutreffen sind. So mancher Taxifahrer hat mehrfach nachgefragt, ob
ich mich nicht versprochen habe und tatsächlich nach San Juan de Lurigancho,
dem bevölkerungsdichtesten und zugleich kriminellsten Distrikt fahren wollte.
„So jemand wie du“ lebt dort doch nicht, bekomme ich oft zu hören. Und auch,
dass ich einen „cholo“ geheiratet habe, stößt immer wieder auf Erstaunen und
Unverständnis, wo ich doch jemanden „meines Standes und meiner Rasse“, wie
mir neulich eine Frau sagte, hätte haben können.
Angesichts dieses alltäglichen Rassismus, der Menschen nach ihrem Äußeren
und ihrer Herkunft klassifiziert, stellt sich die Frage, wie Grenzen von Vorur-
teilen, Rassismus und Diskriminierung überwunden werden und Formen eines
wirklichen Zusammenlebens in Toleranz und gegenseitigem Respekt und vonei-
nander Lernens aufgebaut werden können?
Nach Südamerika aufzubrechen hatte für mich nicht nur mit der Faszination
der vor allem andinen Kultur zu tun, sondern auch mit der Suche nach einem
Lebensstil, in dem es möglich ist ohne die vielen Dinge, die ich in Deutschland
als im Übermaß vorhandene erfahren habe und die man gemäß der kapitalisti-
schen konsumorientierten Gesellschaftsordnung anscheinend braucht, zu leben.
Dabei wird verschleiert, dass die Mehrheit sich nur sehr schwer oder nie Zugang
zu diesen Dingen verschaffen kann. Hier in Peru wie in anderen lateinamerika-
nischen Ländern lebt ein Großteil der Bevölkerung ohne die grundlegendsten
Dinge, die zur Befriedigung der Grundbedürfnisse notwendig sind. Sie leben
ohne Kranken- oder sonstige Versicherungen und ebenso ohne ausreichend gute
Bildungsmöglichkeiten. Ist der bewusste Versuch, vieles an Alltagsselbstver-
ständlichkeiten, auch materieller Art, zurück zu lassen und einfacher und mit
weniger zu leben in diesem Kontext lediglich ein individuelles Luxusvorhaben
oder doch auch ein kleiner Beitrag zu einer ökologisch und sozialverträglicheren
Lebensweise?
Wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung mit knappen ökonomischen Ressour-
cen auskommen muss, so sind die Glücksversprechen und Verheißungen des
Kapitalismus das, wonach viele sich sehnen und alles dafür tun, Anteil daran zu
haben. Sind doch die Erlangung von Statussymbolen wie ein großes Auto, Haus
und eine angesehene Arbeitsstelle neben Kleidungs- und Körperstilen Zeichen
dafür dazu zu gehören und verschaffen Anerkennung und Ansehen. Es zu kriti-
sieren und ganz bewusst davon Abstand zu nehmen und auf bestimmte Konsum-
güter zu verzichten, ist in gewisser Hinsicht ein kleiner kontrakultureller Akt
und stößt, wie ich feststellen muss, immer wieder auf Irritationen.
Alternative Entwicklungen, in denen es einen Wert hat vom Auto aufs Fahrrad
umzusteigen, ohne überflüssige Luxusgüter zu leben, sind hierzulande noch eher28
Einfach ohne Kolonialismus
marginal. Zugleich ist auch zu beachten, dass eine gewisse Art und Weise des
„alternativen Lifestyles“ gerade auch Bestandteil des neoliberalen Systems oder
besser gesagt sein Abbild ist. Geht es doch darum über Sport, Fitness, gesunde
Ernährung, Wellness und Esoterik den eigenen Körper zu optimieren und sich im
gesellschaftlichen Konkurrenzkampf besser zu positionieren. Individualistisch
geht es auch um die Verbesserung der persönlichen Lebensqualität. Mit einer so-
lidarischen und nachhaltigen Lebensweise hat dies jedoch wenig zu tun. So stellt
sich die Frage danach, was es bedeutet, alternativ zum herrschenden System zu
leben, einfach ohne die zuvor aufgeführten materiellen Güter, aber auch ohne
etablierte Denkweisen und damit verbundene Lebensstile, die in vielfältiger Hin-
sicht auf sozialen, rassistischen und nicht zu vergessen geschlechtlichen Benach-
teiligungs- und Diskriminierungsstrukturen beruhen. Ungleichheiten zwischen
Männern und Frauen, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt in vielfacher
Hinsicht sind ebenso ein weiteres Element in der von religiösem und politischem
Konservatismus dominierten hierarchisierten peruanischen Gesellschaft. Ein
besorgniserregender Anstieg sexueller Gewalt an Frauen kulminierend in sei-
ner extremsten Form der Frauenmorde, ebenso wie eine zunehmende Zahl von
Schwangerschaften unter Minderjährigen und Homophobie sind Kennzeichen
des verbreiteten Machismo.
Schlussendlich geht es also um die Frage danach, was Gutes Leben im Gegensatz
zu allen kapitalistischen „Verheißungen“ eines vermeintlich besseren Lebens be-
deutet. Anhaltspunkte dafür kann uns das indigene Konzept vom Buen vivir,
vom guten Leben geben. Dabei handelt es sich um ein politisch-emanzipatori-
schen Konzept, das anknüpfend an indigene Kosmovisionen und ihre sozialen
und kulturellen Werte einen Prozess der Dekolonialisierung in Gang gesetzt
hat. Und damit eine klare Absage an das westlich-hegemoniale und falsche Kon-
zept des besseren Lebens macht. Konkret heißt dies, vor allem diejenigen zu
Wort kommen zu lassen, deren Stimme jahrhundertelang niedergedrückt und
ungehört gemacht wurde und weiterhin gemacht wird. Und dies bedeutet, fort-
bestehende (neo)koloniale Strukturen, die sich in sämtlichen Dimensionen des
Lebens, der Wirtschaft, Politik, sozialen Ordnung, Kultur und damit vor allem
auch in den Mentalitäten widerspiegeln, zu überwinden und gerade das Wis-
sen und die Erfahrungen von den sogenannten Rändern, den stumm Gemachten
schätzen und anerkennen zu lernen. Die Wiederentdeckung indigener Kosmovi-
sionen und ihr Konzept von einem guten Leben können uns wichtige Ideen und
Orientierungen geben in der Suche nach alternativen Lebens- und Sozialstruk-
turen und nach einer Entwicklung, die nicht in auf die Prinzipien des immer
mehr und immer schneller setzt und Entwicklung lediglich als fortschreitendes
Wirtschaftswachstum versteht. Ziel ist ein religiös und ethisch erfülltes LebenEinfach ohne Kolonialismus
29
für alle zu erreichen. Nicht auf individuelle Weise, sondern auch mit der Ver-
pflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Es handelt sich auch nicht einfach um
eine nachhaltige Entwicklung, sondern es geht um ein gänzlich anderes Ver-
ständnis von der Natur und den natürlichen Ressourcen sowie der Beziehung
mit ihr. Ein grundlegender Paradigmenwechsel im Naturverständnis ist in Zei-
ten, in denen die ökologische Krise immer dramatischere Ausmaße annimmt,
entscheidend. Im Gegensatz zum okkzidental-kapitalistischen Verständnis von
Land/Erde ist für die indigenen Völker Land wesentlich mehr als eine bloße
natürlich zu verwertende Ressource. Wie die Rede von der Pachamama, der
Mutter Erde schon anzeigt, handelt es sich um eine lebensnotwendige, wechsel-
seitige Beziehung zwischen Mensch und Natur. Land/Erde somit als Teil eines
Geflechtes wechselseitiger Beziehungen zu verstehen und dementsprechend als
gemeinschaftlich organisierten Lebensraum, spiegelt nicht nur die spirituelle
Dimension, die mit dem Land verknüpft ist, wider, sondern steht auch für eine
veränderte soziale Praxis und Gesellschaftsvision. In dieser Vision steht Land
nicht für Kontrolle, Ausbeutung, Besitz, sondern für Gemeinschaft, Solidarität
und miteinander Teilen. Diese Vorstellung von einem Leben basierend auf Prin-
zipien der Harmonie, Reziprozität und Gleichheit zwischen Menschen und mit
der Natur steht dabei im Gegensatz zu den gegenwärtigen real gegebenen Ver-
hältnissen, in denen Wirtschaftspolitiken immer mehr auf Extraktivismus und
damit die grenzenlose Ausbeutung der Erde und ihrer Ressourcen setzt. Es geht
aber auch um die Rekonstruktion sozialer Beziehungen, die besonders auch die
Veränderung des eigenen Selbstverständnisses beinhaltet und neue dekoloniale
Subjektwerdungsprozesse zulässt. Subjektwerdung im Kontext des Buen Vivir,
des guten Zusammenlebens, heißt dann auch den propagierten Individualismus,
in dem es nur um die Durchsetzung meiner Rechte und meines Wohlbefindens
geht, zu überwinden. Stattdessen handelt es sich um eine kollektive, solidarische
Entwicklung neuer zwischenmenschlicher, zwischengeschlechtlicher und zwi-
schenethnischer Beziehungen ebenso wie in der Beziehung zur Erde, zur Natur
und zu Gott.
Ausgehend von der Weltsicht des Buen vivir lassen sich also Ansätze für alter-
native Lebens- und Sozialformen ableiten. Die Überwindung kolonialer Struk-
turen und die Ermächtigung derjenigen, die bis heute an den Rand gedrängt
werden ebenso wie ihr Wissen und Weisheiten, welche entgegen aller Versuche
es auszulöschen im Verborgenen bewahrt werden konnten, ist Herausforderung
und Notwendigkeit zugleich. Das Konzept des Buen Vivir kann uns wichtige
Anhaltspunkte geben zur Veränderung sämtlicher Strukturen, die weiterhin ko-
lonisierend wirkmächtig sind: der Markt, die Politik, Wirtschaft, die Religion
und (Dominanz-)Kultur. Und es ist ein Modell, das uns einlädt, auch die per-30
Einfach ohne Kolonialismus
sönlichen, alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen zu verändern und
neue Formen des gemeinschaftlichen, interkulturellen, gender- sowie sozial und
ökologisch gerechten Lebens zu suchen und somit Grenzen von Klasse, Ethnie,
Geschlecht, ebenso wie zwischen Ländern und Menschen zu überwinden und
neue Sozial- und Lebensformen aufzubauen.
Sandra Lassak
Meine Weltbrille
M
ein Brillengestell und meine Brillengläser wurden in Deutschland entwi-
ckelt und hergestellt. Es ist meine persönliche Brille , mit der ich durch die
Welt gehe. Ich, mit meiner Lebensgeschichte, und Deutschland dienen als mein
individueller zentraler Vergleichspunkt, um die Welt zu betrachten, sie zu verste-
hen, sie zu benennen und mich in ihr zurechtzufinden.
Andere Menschen haben andere Brillen und sehen andere Dinge, oder sehen
Dinge anders.
Manchmal leihe ich mir die Brillen anderer und sehe die Welt in ganz anderen
Farben, viel schärfer oder auch verschwommener. Faszination und Irritation zu-
gleich. Meine Augen verlassen die gewohnte Perspektive, die Komfortzone. Das
kostet Kraft. Und gibt Kraft.
Im Laufe der Jahre wurde meine Sehschärfe von professionellen Brillenträger_
innen immer wieder korrigiert. Und ich habe mir mühsam verschiedene Farbfil-
ter für die Gläser erarbeitet. Manchmal hat es Jahre gedauert.
Ab und zu sind meine Gläser schmutzig, manchmal sind sie sogar von einer di-
cken Staubschicht überzogen. Eine klare Sicht ist mir dann nicht möglich.
Immer wieder muss ich die Brille abnehmen und sie zu putzen.
Aber nicht immer merke ich gleich den Schmutz. Oder ich bin zu faul, die Brille
schon wieder abzunehmen um sie zu putzen. Oder aber mir fehlt das richtige
Putzwerkzeug.
Zum Teil habe ich mich auch einfach daran gewöhnt, dass die Gläser immer
etwas verschmutzt sind.
Nach so vielen Jahren Gebrauch sind einige Gläser ganz schön verkratzt. Aber
sie können nicht in neue, ungebrauchte Gläser eingetauscht werden.
Manchmal sitzt meine Brille auch schief. Oder sie ist verbogen.
Aber es ist meine Brille. Trotz oder gerade wegen aller blinden Flecken.
Ich mag es sie aufzusetzen, um mit ihr und durch sie die Welt und mich, in ihr,
wahrzunehmen. Jeden Tag. Ein bisschen anders.
Anne-Katharina WittmannEinfach ohne Kolonialismus
31
Welten(un)gerechtigkeit I
M
it 20 Jahren saß ich in einem kleinen Café in Cuzco (Perú). Zusammen mit
Laura und Rike, zwei deutschen Freundinnen gleichen Alters. In einer
Leichtigkeit dahin sinnierend, während ich meinen Kaffee schlürfte, drängte
sich in mir eine Frage auf, die mir gleichzeitig eine Lösung des Problems der
Armut schien. An meine Freundinnen gerichtet sprach ich sie aus: „Ich verste-
he nicht warum die Menschen in Perú, die arm sind, nicht ein paar Jahre alles
versuchen um so viel zu sparen, dass sie nach ein paar Jahren zumindest für ein
Familienmitglied ein Flugticket nach Deutschland kaufen können, um dann dort
zu arbeiten und Geld nach Hause schicken?“
Meine liebe kluge Freundin Laura antwortete erklärend einfühlsam, jedoch mit
einer Spur Verwunderung: „Wir aus Deutschland oder Europa oder den Staaten
dürfen einfach so nach Perú, aber die dürfen nicht einfach so zu uns kommen,
die bekommen kein Visum um nach Deutschland rein zu kommen!“ Ohrfeige.
Diese Antwort traf nicht nur mein unwissendes Unverständnis, ich konnte sie
kaum aushalten! Konnte mich mit meiner Position und Privilegien in der Welt,
die ich mit dieser einen einzigen Antwort spürte, nicht aushalten. Ich wollte sie
nicht haben, wollte es nicht als ein Teil von mir akzeptieren. Die Ungerechtigkeit
der Welt überkam mich. Tiefe Traurigkeit von innen wollte mich mit dieser Un-
gerechtigkeit nicht zufrieden geben (müssen). Wollte nicht, dass das Glas meiner
Brille, um die Welt und mich in der Welt zu betrachten, einen Riss bekam. Ich
konnte nicht verstehen warum es so ist wie es ist. Daher hatte ich auch keine
Worte. Ich konnte es (mir) nicht erklären, und damit auch nicht kritisieren. Nur
ein Gefühl, das blieb. Ein Gefühl das mich einnahm. Jahrelang. Ohne Worte. Mit
Gefühl.
Erst viele Jahre später konnte ich benennen was ich damals fühlte, konnte ich
rational begreifen, was ich emotional spürte: Macht- und Herrschaftsverhält-
nisse. Globaler, struktureller Rassismus. Koloniales Erbe. Jetzt weiß ich, war-
um ich es nicht verstehen konnte: Ich, als Weiße, war (für mich) bis dato das
Zentrum „der“ Welt. Weiß meine Weltsicht und Weiß meine Erfahrungen.
Knapp eineinhalb Jahre nach meiner zunächst nur gefühlten Erkenntnis hei-
ratete ich. Ich heiratete mit knapp 22 Jahren. Ich heiratete einen Peruaner.
Ich heiratete ohne Hochzeitsfest, ohne Brautkleid, ohne Ringe, ohne meinen
Eltern Bescheid zu geben, ja sogar ohne meine Anwesenheit! Die Frage, die
mir, die ihm und die uns nun seit nunmehr zehn Jahren gestellt wird, sobald
wir gegenüber uns noch fremden Menschen nur erwähnen, dass wir mit einem
Peruaner/einer Deutschen verheiratet sind: „Ah, ihr habt wegen dem Papier
geheiratet, oder?“32
Einfach ohne Kolonialismus
Wir haben aus Liebe geheiratet. Aber um unsere Liebe leben zu können, um
unsere Beziehung gemeinsam an einem Ort führen zu können, gab es keinen
anderen Weg: wir mussten heiraten. Und damit wollten wir auch heiraten.
Haben wir nun wegen dem Papier geheiratet?? Wir haben wegen unserer Lie-
be für das Papier geheiratet!! Habe ich damit eines meiner (Weißen) Privilegien
geteilt? Habe ich damit ein Stück „Ungerechtigkeit der Welt“ gerechter machen
können? Nein!
Geglaubt, der Ungerechtigkeit der Welt zumindest uns gegenüber ein Schnipp-
chen geschlagen zu haben, schlich sie sich ungeahnt und lange von mir verkannt
in das alltägliche Leben unserer Beziehung, die wir unter scheinbar „normalen
Bedingungen“ in Deutschland führten, ein: Struktureller Alltagsrassismus. Ja,
mein Mann lebt seit sieben Jahren in Deutschland, nein, er hat trotzdem keine
unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Spätestens alle drei Jahre muss diese – und
damit wir und unsere Beziehung – bis auf den Standort unserer Waschmaschine
geprüft, um verlängert zu werden. Er hat keine Niederlassungserlaubnis, da er
nicht fest angestellt ist und nicht in die Rentenkasse einzahlt. Warum? Weil sein
peruanischer Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, er sich
mit Jobs für nichtqualifizierte Menschen und der Aufstockung durch Alg. II sei-
nen Lebensunterhalt bestreitet.
Die Welt ist wie sie ist, weil wir sie zu dem gemacht haben. Das macht mich
traurig, stellenweise überkommt mich Hilflosigkeit. Gleichzeitig gibt es mir aber
auch Kraft und eine Vision, denn dass wir die Welt zu dem gemacht haben heißt,
dass sie nicht so bleiben muss wie sie jetzt ist. Die Ungerechtigkeit der Welt kann
sich ändern: nicht rückwärts, aber vorwärts!
Welten(un)gerechtigkeit II
M
ein Neffe Noah, fünf Jahre, ist in seinen so jungen Jahren des Öfteren „tod-
traurig wegen der Ungerechtigkeit auf der Welt“, wie er es selbst beschreibt.
Dann ist er ganz erschüttert, zornig, nachdenklich und braucht Zeit, um für sich
die Welt mit ihren Ungerechtigkeiten innerlich zu verarbeiten. Meist überkommt
ihn diese Traurigkeit, wenn er hört oder sieht, dass seinen geliebten Tieren Scha-
den, gleich welcher Art, zugefügt wird. Wenn er einmal groß ist, so möchte er
Tierretter bei Greenpeace sein. Besonders für Meerestiere interessiert er sich.
Noah besuchte mich dieses Jahr mit seiner Mama, meiner „kleinen Schwester“,
in Peru. Es war spannend für mich zu sehen, wie und was er in Peru wahrnahm.
Noah sah in Peru Unterschiede. Große als auch kleine. Er konnte sie benennen
und beschreiben und setzte sie im Vergleich zu Deutschland und Thailand (einEinfach ohne Kolonialismus
33
Jahr zuvor hatte er in Thailand Urlaub gemacht). Für mich faszinierend: Er nahm
Unterschiede wahr und gleichzeitig nahm er sie einfach an – (noch) ohne Wer-
tung!
Es gab Dinge und Situationen, die er erklärt haben wollte oder denen er seine ei-
gene kindliche Erklärung gab – und damit war er dann zufrieden. Die Erklärung
hatte keine Wertung für ihn, sie galt rein als Ordnungs-, aber nicht als Hierar-
chiesystem in seinem Kopf.
Auch wenn er selbst in dem Alter ist, indem er immer der Schnellste, der Beste,
der Stärkste und vor allem der Gewinner sein möchte, so war Deutschland für
ihn nicht besser, entwickelter, fortschrittlicher, Peru nicht schlechter, unterent-
wickelter, traditioneller. Hier in Peru waren einige Dinge eben anders – nicht
besser und nicht schlechter, sondern einfach nur anders!
Zugegeben: seine Mama berichtete mir später, dass er im Flugzeug auf dem Rück-
weg nach Deutschland unglaublich weinte und dann doch meinte, dass Peru das
beste Land der Welt ist, Deutschland doof ist und alle lieben Menschen doch
nach Peru ziehen sollen…
Anne-Katharina Wittmann
Mensch sein ohne Grenzziehung
H
eute ist der erste Juni. Am 6. Juni werden in Neuruppin einige hundert Men-
schen gegen „Überfremdung“ demonstrieren. Sie nennen ihre Veranstaltung
„Tag der deutschen Zukunft“ und haben Theodor Fontane und die Neuruppiner
Klosterkirche zu ihren Wahrzeichen gemacht.
Es wird – als Reaktion darauf – ein Stadtfest und zwei (weitere) Demonstrations-
züge geben, die für kulturelle und religiöse Vielfalt, Solidarität mit Flüchtlingen
und Migrant*innen, Gewaltlosigkeit und Frieden eintreten. Ich bin froh, dass ich
dabei sein kann. Ich bin nicht froh, dass die Überschrift über unserer Veranstal-
tung lautet: „Schöner leben ohne Nazis“. Ich wünsche mir einen Blick, der auch
ideologisch Verblendete als Menschen erkennt, die meine Nachbarn sein könn-
ten, und die es wert sind, dass ich mich mit ihnen auseinandersetze.
Die offen geschehende Gewalt macht mir Angst – Islamischer Staat, Boko Ha-
ram und so weiter. Ist es mehr Gewalt, als es früher war, „früher“ im Sinne
von vor der Industrialisierung, vor den Weltkriegen, vor der Globalisierung, vor
dem Terrorismus? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich bezweifle, dass
westliche Werte, ja sogar die Orientierung an den Menschenrechten gegen Un-
menschlichkeit immun machen. Die Gewalt geschieht zum Teil versteckt, aber
sie geschieht.34
Einfach ohne Kolonialismus
Sie geschieht an den Grenzen, sie geschieht an den Orten, wo Rohstoffe gewon-
nen werden, sie geschieht zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, und
sie geschieht im Alltag. Mein Geschlecht, der Ort, an dem ich geboren bin, die
Gesetze, die dort gelten, der Besitz, den meine Familie hat oder nicht hat, die
Liebe, die mir meine Eltern geben, meine körperlichen und geistigen Vorausset-
zungen: all das stellt die Weichen dafür, wie andere mit mir umgehen, bevor ich
überhaupt alt genug bin, um eigene Entscheidungen zu treffen. Gott sieht mich
so und liebt mich so, wie ich bin. Er allein. Er begegnet mir in Jesus Christus und
gibt mir Kraft, für mich selbst und für andere einzustehen. Im Heiligen Geist ver-
bindet er mich mit Menschen, die Jesus nachfolgen. Sie erinnern mich an meine
Aufgabe: das Leben auszuhalten, so wie es jetzt ist, und dabei über die Grenzen
meiner eigenen Sorgen und meines eigenen Wissens hinaus schauen zu lernen,
und lieben zu lernen. Ein Leben miteinander wünsche ich mir so – im Schauen,
im Verzeihen, im Werben um die anderen und im ständigen Erinnern: Er ist da.
Nachtrag vom 21. Juli:
Am 6.6. haben die Menschen in Neuruppin gezeigt, dass sie etwas vom Leben mit-
einander verstehen. Das Stadtfest auf dem Schulplatz war gut besucht, auch von
Menschen aus dem Übergangswohnheim. Meine Gemeinde steuerte Chorgesang
und sehr viel Kuchen bei. Es kam einiges an Geld für die Arbeit mit Flüchtlingen
zusammen. Am meisten habe ich mich über die Begegnungen an diesem Tag ge-
freut, und über die weißen Papierschwäne, die man falten lernen und sich anste-
cken konnte – als ein Symbol für Gewaltfreiheit.
Es gab parallel zum Stadtfest Sitzblockaden und kleinere Verfolgungsjagden zwi-
schen Polizei und Blockierern, die den Demonstrationszug der Nazis dann schließ-
lich doch eingeholt haben.
Das Ergebnis: Der Demonstrationszug musste umkehren und die Stadt verlassen.
Woraufhin er nach Velten weiterzog. Dort hatten die Organisatoren des „Tags der
deutschen Zukunft“ im Voraus eine Demonstration für den ganzen Tag angemeldet.
Das war ihr Plan B.
Ganz zu schweigen von den alltäglichen Drohgebärden gegenüber Flüchtlingen, so
wie erst vor ein paar Wochen in Hoyerswerda. Davon bekommen Menschen wie
ich, die selten auf Flüchtlinge treffen, nicht viel mit. Ich höre es nur über das Netz-
werk der Neuruppin-bleibt-bunt-Aktivist*innen, oder lese es in der Zeitung.
Bei aller Ambivalenz war ich auch stolz, dass die Nazis in Neuruppin blockiert
wurden. Aber ich habe mich gefragt, was Gewaltfreiheit ist. Fängt die Gewalt nicht
schon an, wenn ich zu jemandem sage: „Raus aus unserer Stadt“? Ich bin noch
immer keinem Nazi begegnet. Ich könnte versuchen, einen aus dem öffentlichen
Leben anzusprechen. Wo ich einen „ganz normalen“ finde, abgesehen von Demons-Einfach ohne Kolonialismus
35
trationen, bei denen ich durch viel Polizei von ihnen abgeschirmt werde – keine
Ahnung. Und was würde ich zu ihm sagen?
Ich werde wütend, wenn ich höre, dass Nazis bei Google Maps Gegenden markiert
haben, in denen Flüchtlinge leben. Inzwischen wurden die Markierungen entfernt,
weil Menschen sich bei Google Maps gemeldet und protestiert haben. Aber die-
jenigen, auf die ich wütend bin, sind Gesichtslose. Ich kenne sie nicht. Ich weiß
nicht, warum sie so denken und handeln, wie sie es tun. Natürlich zucke ich zu-
sammen und widerspreche, wenn jemand in meiner Stadt von „Fidschis“ spricht
oder darüber nachdenkt, ob die neuen Mieter in einer Wohnung vielleicht Katzen
kochen werden. Die so reden, sind für mich keine Nazis. Ich kenne ihre Gesichter
und ihre Freundlichkeit und weiß, dass sie niemals absichtlich einem Flüchtling
oder irgendeinem anderen Menschen Schaden zufügen würden. Ich erkenne auch
den Unterschied zwischen unreflektierter Sprache und Ironie – meistens. Aber wo
fängt die Gewalt an? Nicht schon mit Worten?
Ich werde unruhig, wenn ich mich damit auseinandersetze, was ich eigentlich
selbst bereit wäre zu geben. Geld? Das wäre irgendwann verbraucht, und dann?
Kleidung? So richtig schön ist die nicht mehr, wenn ich sie übrig habe. Und nähen
kann ich nicht so gut. Einen Teil meiner Wohnung, oder sogar mein Bett, und ich
schlafe auf dem Boden? Ich kenne Menschen, die dazu bereit sind. In der Naunyn-
straße mindestens einen. Was müsste mit mir geschehen, dass ich so viel Raum
hätte? Und worin würde sich das dann äußern?
21. Juli. Die andere Seite der Frage, wie Raum statt Gewalt entsteht: Wo gehöre
ich hin? Gerade hat mich jemand gefragt, ob ich noch einen Wein mit ihm trinke.
Er wünschte sich Gesellschaft. Ich habe abgelehnt, weil ich dachte: Ich muss
aufräumen, und es gibt noch einen Text zu schreiben. Deswegen habe ich mich
jetzt hingesetzt und angefangen zu schreiben. Ich dachte: Nach dieser Absage
kann ich erst recht nicht so schludrig mit meiner Zeit umgehen wie in den letz-
ten Tagen und Wochen. Ich habe mich für beides geschämt, die Absage und die
Schludrigkeit. Ich hatte heute – wie schon so oft – den Impuls, um mich herum
und in mir selbst aufzuräumen. Raum zu schaffen für Gott.
Mit ToDo-Listen funktioniert das nicht, das habe ich eingesehen. Gott hilft. Beten
hilft. Frühes Aufstehen hilft, eventuell. Das tun, was dran ist, hilft. Wie kommt
es zu den langen Zeiten, in denen mir das Aufräumen außen und innen so schwer-
fällt, dass ich es ganz sein lasse? Möglich, dass es daran liegt, dass meine Arbeit
und ich nicht zusammen leben, so gern ich sie auch tue. Wenn ich predige oder
zuhöre, Lieder aussuche, Gläser abwasche, die Bibel auslege oder mir eine Bau-
stelle anschaue, bin ich mehr oder weniger da. Manchmal bin ich ganz da, das
merke ich daran, dass sich Friede in mir ausbreitet und der Tag vergehen kann,36
Einfach ohne Kolonialismus
ohne dass ich müde werde oder mir Sorgen mache. Aber was mit mir lebt, das
ist die Frage, zu welchen Menschen ich gehöre, und wann sich das entscheiden
wird. Meine Sehnsucht nach einer Kommunität oder einer Familie ist so alt wie
meine Zweifel daran.
Die Sehnsucht habe ich von Euch, und von meiner Zeit als JEV in Graz. Es gibt
so etwas wie ein unsichtbares Netzwerk, das erscheint, wenn ich es brauche.
Meine ehemaligen Mitbewohnerinnen aus der Zeit in Graz. Meine Eltern, die mir
sagen, dass sie regelmäßig Kerzen für mich anzünden. Menschen in Leipzig und
Berlin, mit denen ich gemeinsam gebetet habe – oder Gespräche geführt, oder
gekocht, oder gewohnt, oder gestritten. Wenn ich Ende des Jahres aus Neuruppin
weggehe, werde ich hinzufügen können: Menschen aus Neuruppin, mit denen
ich ein Stück Weg gemeinsam gegangen bin. Das unsichtbare Netzwerk macht
mir Mut, dass ich eines Tages wissen werde: Hier bleibe ich, fürs erste. Ich ent-
decke den Raum in mir immer dann wieder, wenn dieser Mut mich trägt.
Anna
Aktiv gegen rechts
K
aum zwei Monate im Amt als Pastorin zur Anstellung in der schleswig-
holsteinischen Kleinstadt Heide musste ich erleben, dass eines Morgens die
historische Kirche am Markt mit Hakenkreuzen und Nazisprüchen besprüht
worden war. Obwohl wir als Kirchengemeinde Anzeige erstatteten, eine Stel-
lungnahme veröffentlichten und in den Gottesdiensten jener Tage auf die Sache
Bezug nahmen, hatte ich das Gefühl, kaum jemand teile das Ausmaß meiner
Betroffenheit. Dass die beiden Täter gefasst wurden und eine „allgemeine politi-
sche Unzufriedenheit“ anstelle einer dezidiert faschistischen Gesinnung zu Pro-
tokoll gaben, bestätigte viele in der Meinung, man dürfe solche Vorfälle nicht
so hoch hängen, Naziumtriebe erhielten durch große Aufmerksamkeit doch erst
Aufwind etc.
Ungefähr zeitgleich erfuhr ich jedoch, dass das „Antifaschistische Bündnis Dith-
marschen“ regelmäßige Treffen in einem Gemeinderaum abhielt. Ich traf dort auf
eine erstaunliche Mischung von Teilnehmenden: zum einen Altlinke, die sich seit
Jahr und Tag für Frieden und Demokratie einsetzen, zum anderen Jugendliche,
die eher der autonomen Szene zuzurechnen sind und einschlägige Erfahrungen
mit dem Auftreten Rechter vor allem bei Musikveranstaltungen gemacht hatten.
Es war jeweils eine große Ernsthaftigkeit zu spüren, hohe Aufmerksamkeit für
die rechten Tendenzen aus der Mitte der Gesellschaft und der Wunsch, dagegen
anzugehen.Einfach ohne Kolonialismus
37
Die Idee einer Film- und Diskussionsveranstaltung kam auf. Monatelang wur-
de geplant, wobei die verschiedene Herangehensweise der beiden Strömungen
nicht immer hilfreich war: „Flashmob“ oder angemeldete Infotische, öffentlicher
Verteiler oder geheimniskrämerisch verschlüsselte Mailnachrichten? In meiner
Rolle als Pastorin konnte ich in den Fragen nach Finanzierung, Mobilisierung,
Moderation usw. allerhand vermitteln. Mein Versuch, die Gemeinde in den jewei-
ligen Planungsstand einzubinden, hielt auch dort zumindest das Thema wach.
Die Veranstaltung wurde in den verschiedenen Lokalblättchen, im Internet und
im Gemeindebrief angekündigt, was ja für sich schon einen gewissen Aufklä-
rungswert hat.
Am 2. Februar 2013 war es dann soweit: Im Gemeindesaal zeigten wir vor über
achtzig Personen den Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ (2012),
der die unsäglichen Vorfälle in der Rechtsrockszene dokumentiert. Der Freibur-
ger Produzent Peter Ohlendorf war selbst gekommen und wirkte sehr echt in
seinem umfänglichen Engagement. Der Film von 2012 führt schließlich nicht nur
Verharmlosungen der Thematik durch Politik und Polizei vor Augen, sondern
stellt auch Menschen vor, die sich erfolgreich dagegen wehren.
Bis in den späten Abend wurde diskutiert. Es spricht vielleicht für sich (und für
die über die kirchlichen Mauern hinaus gewandte Perspektive der Ökumene!),
dass statt Menschen, die ich unmittelbar zur Gemeinde zählen würde, vorrangig
Schüler, Gewerkschafter und anderweitig Engagierte gekommen waren. Ermu-
tigend war die Veranstaltung in jedem Fall: sei es durch die Fülle an Informati-
onsmaterial, zusammengestellt vom „Antifaschistischen Bündnis“ sowie von ei-
nem alternativen Buchladen, sei es als Forum für Anregungen der Anwesenden
untereinander. So empfand es beispielsweise eine FSJ-lerin, der man bisher vom
investigativen Journalismus als Berufsziel abgeraten hatte, die von Peter Ohlen-
dorf aber große Bestärkung erfuhr. Ich selbst habe nun mehr Vertrauen, dass
sich auch in Heide zumindest im Bedarfsfall (nächste Nazi-Aktion) ein großes
Bündnis für eine Gegenkundgebung u. ä. findet.
Luise Jarck-Albers38
Einfach ohne Kolonialismus
Unser Leben mit dem Glauben
Einfach mit Gott – einfach ohne Gott? So einfach ist es nicht einzuteilen.
M
aria ist Christin, Regina ist Heide. Seit ein paar Jahren sind wir ein Paar.
Was uns unser Glaube je persönlich und in unserer Beziehung bedeutet,
davon wollen wir etwas mit euch teilen.
Wie ist dein Glaube gewachsen?
R egina : Ich habe zum Glauben gefunden durch die Natur und durch die Tiere.
Durch das Vertrauen, das mir entgegen gekommen ist durch die Natur.
Ich bin in der ehemaligen DDR ohne kirchlichen Glauben aufgewachsen und
ohne die Wärme einer Familie. Als Kind war ich viel allein draußen. Von Tieren
und ihrem Zutrauen könnte ich so viele Beispiele erzählen. Tiere spüren, glaube
ich, die Verbundenheit. Ich habe oft im Wald übernachtet und sie haben mir nie
etwas getan. Einmal bin ich morgens aufgewacht und neben mir saß ganz still
ein Hase und hat mich liebevoll angeschaut.
Einer der schönsten Momente in meinem Leben war die Begegnung mit einem
Schäferhund. Ich lebte damals in einem Kinderheim, war ausgerissen und doch
wieder auf dem Weg zurück. Da war dieser Schäferhund, erst ganz weit weg von
mir, näherte sich dann aber immer mehr an. Auch er war wohl ausgerissen, er
hatte ein schreckliches Stachelhalsband um den Hals, von dem er ganz wund
war. Aber mir näherte er sich ganz von selbst, hat sich mir anvertraut – das war
so schön. Er schaute mich ganz traurig an und ich habe ihn kurzerhand von
seinem schlimmen Halsband befreit. Der ganze Hals war sehr verletzt. Er schrie
kurz vor Schmerz, aber dann hat er sich befreit gefühlt. Und er blieb einfach an
meiner Seite ohne Leine, den ganzen Weg lang. Wir waren Weggefährten. So ein
Vertrauen! Im Schmerz haben wir uns gefunden, am Kinderheim angekommen
wurden wir aber wieder schmerzlich getrennt und haben uns nie wieder gese-
hen. Aber dieser Schäferhund hat mir Vertrauen geschenkt und Liebe, das werde
ich nie vergessen.
Bis heute bin ich eng mit der Natur verbunden. Ich kann stundenlang dasitzen
und schauen. Mich in den Kreislauf des Lebens hineinnehmen lassen. Der Mond
hat eine sehr große Anziehungskraft für mich. Wenn Vollmond ist, erlebe ich
eine ganz besondere Verbundenheit, die ich nicht erklären kann. Schon als Kind
habe ich daraus eine Kraft empfangen, die ich nicht beschreiben kann.
Ich bin Heide. Die Natur hat mich gelehrt zu glauben. Immer neu. Das ist sehr
groß. Sie ist mein großer Lehrer. Und die große Kraftquelle. Die Ruhe, die Stille,
das Vielfältige der Natur. Zuzuhören, was sie mir sagt. Daraus schöpfe ich.Einfach ohne Kolonialismus
39
M aria : Auch mich hat mein Glaube seit der Kindheit geprägt. Von heute aus
sehe ich vor allem zwei Einflüsse: Einmal das Land, auf dem ich groß gewor-
den bin; die Weite um unseren Bauernhof herum, die Wälder, Wiesen, Felder,
das Rumstrolchen darin und einfach ein Teil davon sein. Zum anderen meine
Familie, in der ich Wärme und Geborgenheit erlebte und in der der katholisch
geprägte christliche Glaube selbstverständlicher Teil des Lebens war, den ich
sozusagen mit der Muttermilch in mich aufnahm. Getragen sein, auch vom ge-
meinsamen Gebet, mein Leben morgens und abends Gott anvertrauen, nie ohne
das Segenskreuzchen meiner Mutter aus dem Haus gehen; das hat meinen Glau-
ben geprägt.
Immer waren Menschen für meinen Glauben wichtig. Das Gemeinsame mit an-
deren, aber auch die Herausforderung durch sie. Mein Ordenseintritt als junge
Frau war keine Kehrtwende, sondern der organisch gewachsene nächste Schritt.
Hier konnte ich meine tiefe Gottverbundenheit leben und mich mit anderen zu-
sammen für Menschen einsetzen. Aus neuen Begegnungen wuchs mir eine grö-
ßere Sensibilität für die Strukturen der Ungerechtigkeit in unserer Welt zu und
für die Menschen, die Opfer davon werden. Schritt für Schritt erlebte ich mich
hineingerufen ins Loslassen von Vertrautem und in die Suche nach meinem ganz
persönlichen Weg des Glaubens. Der tiefste Kern davon blieb und bleibt fest
und verlässlich, aber Form und Farbe wandeln sich im Gespräch mit dem, was
mich je neu umgibt. Manchmal komme ich mir vor wie die alten Eichen meiner
Heimat: Ihre Wurzeln sind so tief und fest, dass sie keine Angst haben vor Sturm
und Unwetter und mit ihren Ästen weit ausgreifen können. Aus dieser Verwur-
zelung in das unwandelbare und doch immer überraschend mir entgegenkom-
mende Du Gottes lebe ich.
Warum bist du heute entschieden Heide/Christin?
R egina : Ich habe als Jugendliche ein großes Kruzifix um den Hals getragen.
Das bedeutete mir viel. – Einige Male stand ich an der Schwelle zwischen Leben
und Tod und das Leben siegte jedes Mal. Ich habe mich dann gefragt: Was ist
meine Aufgabe? Wozu ist mir das Leben neu aufgegeben? – Mich hat es immer
zu Kirchen hingezogen, schon als Kind in der DDR. Ich liebe Kirchen. Und doch
bin ich irgendwann zu der Erkenntnis gekommen, dass mein Weg nicht ist, mich
an eine konkrete Kirche zu binden, dass mein Leben das eines Heiden ist. Im
Gespräch mit der Natur spüre ich, was richtig und was falsch ist. Es ist eine sehr
starke Verbindung, die mir da geschenkt ist. So was kann man, glaube ich, nicht
machen. Deswegen bin ich Heide geworden und glaube sehr stark.40
Einfach ohne Kolonialismus
M aria : Auch nachdem ich meinem Kinderglauben entwachsen bin und nach
vielen Jahren sogar meine Ordensgemeinschaft wieder verlassen habe, bin und
bleibe ich sehr bewusst Christin. Ich erlebe das göttliche Du im Gebet wie
im alltäglichen Leben als persönliches Gegenüber, das mich liebt und auch
herausfordert, das sich für das Leben der Menschen interessiert, mit dem ich
in Beziehung treten kann. Im christlichen Glauben entdecke ich den meinen
wieder und finde in den Jesus-Erzählungen Ermutigung und Herausforderung.
Und vor allem gehört zu meinem Glauben unabdingbar die Glaubensgemein-
schaft, im Austausch, im Gebet, in gemeinsamer Aktion. Der sonntägliche Got-
tesdienst mit seinen vertrauten Riten hat da etwas von einem Basislager, das
eine wichtige Auftankstation ist, wo aber nicht das eigentlich Entscheidende
des Lebens seinen Ort hat.
Wir leben als Paar zusammen. Was löst mein Glaube bei dir aus, wie beschenkt,
bereichert, fordert er dich heraus?
R egina : Als du in mein Leben getreten bist, ist erst bei mir Manches in Frage
gestellt worden. Ich habe dich auf der Suche erlebt und war selbst suchend. Ich
habe dir die Orte gezeigt, wo ich meinen Glauben gefunden habe, und ich bin
mit dir mitgegangen. Es war verwirrend am Anfang. Zum Beispiel, als ich die
ersten Male mit dir in die Kirche gegangen bin. Manchmal fühlte ich mich fast
ohnmächtig, zitternd: sitzen, stehen, die vielen Worte. Da meldeten sich Zweifel
in mir. Ich bin deinen Weg mitgegangen, wollte zugleich meinen eigenen Weg
weiter gehen, mich nicht beirren lassen. Aber ich habe wieder zu mir zurück-
gefunden. Der Rhythmus mit festgelegten Gottesdienstzeiten passt nicht zu mir.
Für meinen Glauben gibt es nichts Vorgeschriebenes, er ist ein Einschwingen in
den Rhythmus der Natur. Kirchen liebe ich, aber es ist für mich etwas Besonde-
res hinzugehen und dann findet eine unerklärliche Begegnung statt. Es lädt mich
ein und dann bin ich bereit zu kommen. Dann ist es wahrhaftig, dann gehe ich
und bete wirklich, dann bin ich da und begegne dem Wahrhaftigen.
M aria : Für mich wurde in der ersten Zeit dein Glaube nicht so sehr zur Anfrage,
sondern bewirkte eher eine große Neuentdeckung meines eigenen Glaubens. Im
Gespräch mit dir musste ich eine neue Sprache suchen für das, was mir wichtig
ist, weil du ja die kirchliche „Insidersprache“ nicht kanntest. Das hat mir in Vie-
lem selbst mehr Klarheit geschenkt. Wenn wir zusammen in den Gottesdienst
gehen, erlebe ich manchmal eine eigene Distanz zu meiner Kirche, weil mir das,
was ich dann auch mit deinen Ohren höre, unverständlich und nicht einladend
erscheint. Und dann fasziniert mich oft hinterher, dass du kaum die Worte ge-Einfach ohne Kolonialismus
41
hört hast, sondern in deiner ganz eigenen Weise den Kirchenraum und die Atmo-
sphäre gespürt hast. Das erweitert dann auch meine Wahrnehmung.
R egina und M aria : Was uns beide prägt, ist eine große Achtung vor dem Glau-
ben der je anderen und der Respekt vor den Räumen, die es braucht ihn zu leben.
Und was uns verbindet, ist eine Hochachtung vor jedem Geschöpf dieser Erde,
vor jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze in ihrer unverwechselbaren Art.
Wir gehen einen spannenden und wunderschönen Glaubensweg miteinander
und mit dem/der Dritten in unserem Beziehungsdreieck – und der ist noch lange
nicht zu Ende.
Regina Eggert und Maria Jans-Wenstrup
DIE KIRCHE VERWIRFT JEDE DISKRIMINIERUNG
EINES MENSCHEN UND JEDEN GEWALTAKT GEGEN IHN
UM SEINER RASSE ODER FARBE,
SEINES STANDES ODER SEINER RELIGION WILLEN,
WEIL DIES DEM GEIST CHRISTI WIDERSPRICHT.
II. Vatikanisches Konzil – Nostra aetate Art. 5, 1965
Genauso widerspricht die Diskriminierung aufgrund
der Liebe zu einem anderen Menschen dem Geist Christi.42
Einfach ohne Kolonialismus
Zum Wort „Flüchtlinge“
S
eit 2012 bis heute 26.06.2015 gab es mehrere Gerichtsverfahren zur „Mahn-
wache vor dem Abschiebegefängnis im Flughafengelände Schönefeld“. Die
Mahnwache wurde damals dort abgewiesen und war Anlass, dies vom Obersten
Gerichtshof prüfen zu lassen. Ermutigende Botschaft heute: „Der Bundesgerichts-
hof hat am 26.6.2015 entschieden:
Eine Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis, neben dem Flugfeld in Berlin-
Schönefeld ist möglich. http://flughafenverfahren.wordpress.com/
Angesichts der mehr als 60 Millionen Menschen, die auf der Flucht sind vor Ge-
walt, Armut, Krieg, Katastrophen und Vertreibung, ist dieser Erfolg der Organi-
sation „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ und vieler ihrer Mitstreiter um und mit
P. Christian Herwartz SJ nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nein, diese
Bundesgerichtshofentscheidung stimmt zur Mitfreude und schenkt uns und vie-
len Mitstreitern Mut und Hoffnung!
Mit dem Wort „Flücht l i n g e“ tue ich mich persönlich schwer. Es hat etwas Be-
schwichtigendes an sich, dieses …l i n g e. Ein hier fliehen – flüchten Menschen
vor Terror, Krieg, Gewalt und Macht.
Im Gespräch mit den hier ankommenden Menschen, berichten sie mir von ihren
Wünschen und Sehnsüchten, und meist haben sie drei besondere Anliegen:
1. …endlich Ruhe zu finden vor Krieg, Waffengewalt, Vergewaltigung, Bomben-
lärm und -bedrohung…
2. …neue Perspektiven zu finden für die Familie, sich selber, besonders wieder
gesund zu werden…
3. …die Erfüllung ihrer Sehnsucht, irgendwann wieder in ihre angestammte Hei-
mat in Frieden zurückkehren zu dürfen…
Unter uns leben viele Zeitgenossen, die in langen, bangen Kriegsjahren bis
1945/46 und darüber hinaus in einer fremden Gegend leben mussten. Auch sie
waren geflüchtet, verschleppt, abtransportiert gegen ihren Willen… So ferne
kann dieses Erinnern nicht zurück liegen, als dass wir es vergessen könnten.
Auch damals haben wir Aufnahme und Unterstützung in uns fremder Umge-
bung und von uns fremden Menschen, erfahren dürfen. Dieses dankbare Erin-
nern daran ist wichtig und dringend nötig, bei uns selber, uns als Christen, in
der Politik, in den Kirchen, den Familien und in den Schulen.
Menschen, die zu uns finden, sind nicht „die Anderen“, nein, die große Mensch-
heitsfamilie sind WIR‚ und dies gilt für ALLE :
„Die Menschenwürde ist unantastbar“! – BGB Artikel 1 Abs.1
Elisabeth WackersEinfach ohne
43
Einfach ohne
Genug „Jein“ gesagt
Mehr Mut zum einfachen Ja und Nein
A
nstoß für meinen Beitrag ist eine Predigt von Leh, die zum klaren Nein-
und Ja-Sagen ermutigt hat: „SAGT EINFACH JA ODER NEIN, WAS DARÜBER
HINAUSGEHT, DAS IST VON ÜBEL“ Mt 5,37. Ich möchte das nutzen, um über
meine Zeit als Jesuit European Volunteer in Berlin vor 15 Jahren nachzudenken.
Direkt nach der Schulzeit habe ich damals mit Alex, Hedwig und Johanna ein
Jahr Gemeinschaft in Berlin gelebt. Ein Jahr mit den Grundlinien: Leben in Ge-
meinschaft, Einsatz für Gerechtigkeit, gelebter Glaube und einfacher Lebensstil.
Christian und Ruth hatten uns dabei begleitet. Die Begegnungen in der Naunyn-
straße mit Franz und den vielen anderen Mitbewohnern sind mir neben den
eben aufgezählten Menschen wichtig geworden.
Vielleicht ist das hier auch eine Art Glaubensbekenntnis. Früher war meine
Reaktion auf Bekenntnisse dieser Art oftmals „Jein“, oder „sowohl als auch“. Ich44
Einfach ohne
fühle mich oft Simon Petrus nah in der Geschichte, in der er nach Jesu Verur-
teilung gefragt wird, ob er diesen Jesus aus Nazareth kenne. Wie oft habe ich
mich schon zu etwas bekannt (einem Ideal, einer Freundschaft, einem Vorhaben
usw.), um es dann im nächsten Augenblick zu verwerfen, nicht mehr zu ken-
nen, bzw. zu verneinen. Im Nachhinein merke ich dann immer wieder, wie viel
Überheblichkeit da drin steckt und wie mir die Kraft gefehlt hat. Dann, wenn
man zu einer Sache wirklich Ja sagt, ist das ein automatisches Nein zu anderen
Dingen.
In der Kneipe vor ein paar Monaten ist mir mit Alex in einem intensiven Ge-
spräch über Glauben und Politik klar geworden, dass schon während des JEV-
Jahres vieles klar wurde, wozu wir oder ich Nein sagen wollten: Nein zu einer
Kirche, der Menschen weniger wichtig zu sein scheinen als ihre Besitztümer.
Nein zu einer Sexualmoral, die doppeldeutiger nicht sein kann und die verhin-
dert, für mich und meine Mitmenschen sensibel zu werden. Nein zu Drogen und
Betäubung, die mir den Verstand vernebeln und dadurch meine Jein-Sagerei ver-
stärken. Nein zu Zwang und Dogma und Nein zu Gottesdienst, der sich hinter
Mauern, Formeln und Verklausulierungen versteckt.
Viel von diesem Nein bezieht sich auf eine Kirche, die keine Antworten auf mei-
ne Fragen, Zweifel und Bedürfnisse zu haben scheint. Auf der einen Seite steht
die Sehnsucht nach Geborgenheit, Versöhnung und vermehrt auch nach der so
wichtigen Auseinandersetzung und der Wunsch nach Spiritualität, aus der ich
Zuversicht und Hoffnung schöpfe. Aber diese Seite zu erkennen – also das Ja
sagen war oft schwieriger für mich, und ist es auch immer noch, als das Nein zu
formulieren. Zu was kann ich aus ganzem Herzen Ja sagen?
Mittlerweile kann ich ein Ja bekennen zur Liebe, die sich für mich gerade auch
im Wahrnehmen und Ausdrücken körperlicher Zärtlichkeit zu mir und anderen
zeigt. Ein Ja zum Schwachen und Unperfekten, ein Ja zum Scheitern.
Mich beeindruckt ein Ja von Freunden zu ihrem Kind, das von Fachärzten als
nicht lebenswert bezeichnet wurde und doch ins Leben gefunden hat.
Ein Ja zur Beziehung zu meiner Freundin Antje, mit all den Freuden genauso wie
den Mühen und Streitereien, die wir bisweilen haben.
Und ein Ja zu unserem gemeinsamen Sohn, der unser Leben so erfüllt macht. Ein
Ja, in das ich in der Zeit bis zur Geburt auch erst mit „Schmerzen“ reingewach-
sen bin. Ein Ja zum Leben, das oft so wenig durchschaubar und planbar ist, aber
(gerade deswegen) so viel Reichtum in sich birgt.
So merke ich, es braucht immer wieder Mut und auch Zeit für ein klares Ja und
Nein. Also aus der Vergangenheit, in der Gegenwart, Richtung Zukunft immer
öfter: Einfach Ohne Jein
Tobias Geßner45
Einfach ohne
Einfach ohne
Was eine Kombination !

Z.B. 1 :
einfach S E I N – ohne H A B E N
Spinner ! , höre ich sie sagen, träum weiter!

Z.B. 3 :
einfach L I E B E N – ohne L i e b mich doch a u c h
Du bist doch total verrückt.
Stimmt, sage ich; und jetzt?

Z.B. 4 :
einfach N E H M E N – ohne S C H A M
Glaubst Du, Du bist allein auf der Welt?
Nein, sage ich, wir sind All – ein:
Willkommen im Club der Armen!

Z.B. 5 :
einfach S E H E N – ohne A B S E H E N
denn :
jeder Ab-sicht geht die Sicht ab.
Die Ab-sichts-losigkeit hat die goldene Perle.
Der liebe Gott lässt sich nicht bescheißen.
Michael Peck
Z.B. 2 :
einfach F R A G E N – ohne A N T W O R T
Wer hält das aus?
Da wirst Du doch im Sehnen krank, bis zum Zerbersten!46
Einfach ohne
Einfach leben ohne Kinder als Paar
A
ndreas : In jenen Jahren sind wir schon mehrfach umgezogen und hatten
immer ein Zimmer als Kinderzimmer vorgesehen. Doch stets blieb es das
Klavierzimmer, das Gästezimmer oder die Rumpelkammer. Zum Kinderzimmer
ist es nie geworden. Nach dem Hausbau mit zwei Kinderzimmern bekamen wir
es dann von Ärzten schriftlich, dass eine Schwangerschaft denkbar unwahr-
scheinlich sei. Das neue Haus, über das wir uns so gefreut hatten, erschien uns
auf einmal ohne Kinder, nur für zwei Erwachsene, viel zu groß. Viel später gin-
gen wir zu „Exerzitien auf der Straße“ in Berlin-Kreuzberg vom 17. bis 26. Juli
2009 in einer Unterbringung in schlichter Einfachheit.
K athrin : Trauer, Wut, Enttäuschung, mit diesen Gefühlen bin ich in Berlin in
den ersten Tagen auf die Straße gegangen. Mein ganzes Leben bisher hatte ich
mich von Gott getragen gefühlt, seinen Segen erlebt, und jetzt sollte mir mein
sehnlichster Wunsch versagt bleiben? Wie konnte Gott das zulassen?
So sehr wünschten wir uns Kinder zu bekommen, dass ich mich, nachdem die
Ärzte uns die Hoffnung genommen hatten, von Gott verlassen fühlte. Auch Angst
hatte ich: Wie geht es Andreas damit? Hält unsere Beziehung das aus?
Trotzdem bin ich losgegangen, auf der Suche nach einer Antwort. Bin wie blind
losgelaufen, immer weiter, ohne wirklich zu sehen. Und dann irgendwann vor ei-
nem Spielplatz stehengeblieben. Habe mich dort auf eine Bank mitten im Trubel
hingesetzt. Lauter glückliche Familien – und ich war grün vor Neid!
Zwei Tage, drei Tage, immer das gleiche: Berlin schien nur aus Spielplätzen zu
bestehen, einer nach dem anderen.
A ndreas : Mir fiel der Abschied von Kindern schwer, wo ich doch die prinzipielle
Möglichkeit gehabt hätte. Fast schon mythische Vorstellungen, was man über die
Gene leiblichen Kindern weitergibt, mischten sich dabei mit Ängsten, diese Ent-
scheidung einmal zu bereuen, etwa wenn sich Kathrin von mir trennen würde
und ich dann zu alt für Kinder wäre. Bei den 10-tägigen Straßenexerzitien, den
ersten, die überhaupt für Paare angeboten wurden, zog jeder von uns schweig-
sam alleine los. Erst am Dienstag in der Mitte der Exerzitien nahmen wir uns
mit zu den Orten, die uns wichtig geworden waren und erst nach einem halben
Tag gemeinsamen Gehens konnten wir über Ängste und Traurigkeit, Hoffnungen
und Perspektiven sprechen.
K athrin : Dann bin ich mit Andreas zusammen losgegangen. Endlich langsamer,
in Ruhe. In einem Park haben wir eine Bank gefunden und geredet. Und ichEinfach ohne
47
habe gemerkt, wie froh ich um unsere Liebe bin, darüber, dass Andreas zu mir
hält. Mit ihm die Trauer geteilt und die Enttäuschung. Mit ihm zusammen habe
ich auch auf die Zukunft schauen können, wir haben unterschiedliche Lebens-
entwürfe durchgesprochen, geschaut, was alles geht. Adoption, uns für andere
Familien engagieren, eine Zeitlang ins Ausland gehen…
A ndreas : In mitten der Trauer war in mir während der Straßenexerzitien
jedoch die Perspektive gewachsen: Wir müssen unsere Berufung in den Kon-
texten und Lebensumständen finden, die da sind, nicht in einem wie auch im-
mer bestimmten „Normallebenslauf“. Ich überlegte, ob eine Adoption in Fra-
ge käme, gerne Geschwister. Oder die Aufnahme einer Flüchtlingsfamilie im
Anerkennungsverfahren in unseren freien Zimmern, um sie willkommen zu
heißen und Eltern und Kindern eine enge Flüchtlingsunterkunft zu ersparen.
Oder ob wir uns als Paten in der Hausaufgabenbetreuung für Kinder einsetzen,
die sich damit schwer tun. Und in jeder dieser Optionen sind wir nicht einfach
altruistisch gewesen, sondern stets unserem Wunsch nach einem Leben mit
Kindern und dem Wunsch nach einer elternähnlichen Rolle gefolgt. Ich war
froh und erleichtert, als Kathrin diese Möglichkeiten auch gut hieß und nicht
am Unmöglichen krampfhaft festklammerte. Immerhin waren wir schon ei-
nige Jahre diesen Weg zu leiblichen Kindern gegangen und standen nun am
Abhang, wo dieser Weg nicht weiterführte.
K athrin : In den nächsten Tagen war es leichter für mich, auch anderes wahr-
zunehmen, ich fühlte mich nicht mehr so gefangen in meiner Trauer. Und ob-
wohl jeder von uns wieder alleine losgegangen ist, sind wir uns unterwegs
begegnet. Einmal im Park vor St. Michael. Und Andreas hat mich daran erin-
nert, dass er bei seinen letzten Exerzitien schon darum gebetet hatte, dass wir
Kinder bekommen, und gehört hatte: „Wartet noch zwei Jahre, dann sieht alles
anders aus.“
A ndreas : In der Runde am Samstag, wo sich die beiden Exerzitantengruppen
gegenseitig von ihren Gotteserfahrungen erzählten, sprachen Kathrin und ich
zum ersten Mal außerhalb der engsten Familie über unsere Situation. Eine Rück-
meldung ist mir bis heute bedeutsam geblieben: Eine Teilnehmerin, eine selbst-
bewusste, sympathische Frau um die 40 Jahre, berichtete, dass auch sie sich
Kinder wünschen würde, aber noch nicht einmal einen Partner hätte und bei
uns das besondere Geschenk sähe, dass wir uns als Paar zugetan seien. Tatsäch-
lich hatten wir in der Fixierung auf unseren Schmerz der Kinderlosigkeit dieses
Geschenk aus den Augen verloren.48
Einfach ohne
K athrin : Und ich konnte auf Gottes Zusage an Andreas vertrauen. Er hatte eine
Verheißung für uns beide gehört, auch für mich. Und über mein Vertrauen in
Andreas konnte ich mein Vertrauen in Gott wiederfinden.
Nach der Rückkehr in den Alltag gab es mir immer noch einen Stich, wenn ich
Frauen mit Kinderwagen begegnete, es war immer noch schwierig sich mitzu-
freuen, wenn Freundinnen mir mitteilten, sie seien schwanger – aber das Ver-
trauen in Gottes Zusage blieb. Ich fühlte mich nicht mehr alleine.
Und heute: Tobias ist vier Jahre alt und hat seit 9 Monaten mit Rafael den Bruder,
den er sich so wünschte; unser Leben ist auf den Kopf gestellt und manchmal
enorm anstrengend! Aber die beiden schenken uns so viele tolle Glücksmomen-
te. Zwei echte Gottesgeschenke eben.
A ndreas : Das Adoptionsverfahren haben wir nach den Straßenexerzitien be-
gonnen, ich zumindest ohne wirklich innerlich reif dafür zu sein. Es sollte ja
ohnehin eine Weile dauern, bis alle Prüfungen und Klärungen erfolgt wären und
noch länger bis – falls überhaupt jemals – ein Kind adoptiert werden könnte.
Überraschend schnell und knapp zwei Monate über den im Gebet gehörten zwei
Jahren hinaus („Gib Euch ruhig noch 2 Jahre, dann werdet Ihr Kinder haben oder
andere Lebensformen finden“, Tagebucheintrag am 1. August 2008 auf meinen
Straßenexerzitien in Duisburg), zog am 27. September 2010 Tobias bei uns ein.
Und wie es ein Kind nur sein kann, ist er heute unser eigenes Kind, nicht nur
unseres, aber ganz und gar unseres: „Was für einen wunderbaren Sohn wir doch
bekommen haben!“ Und seit dem 11. Juni 2014 wohnt und lebt auch Rafael mit
uns. Als Tobias die Neuigkeit erfuhr, drehte er sich im Garten zu seinen besten
Freunden und Nachbarskindern mit insgesamt vier Geschwistern mit dem Satz
um: „Ätsch, ich bekomme ein Brüderchen!“ Wie das manchmal auf dem Weg mit
Gott ist: Am Ende ist man überreich beschenkt, nur nicht immer so, wie anfangs
erwartet. Und es ist gut, in den Exerzitien für die vielen Geschenke die Augen
geöffnet bekommen zu haben, denn manchmal übersieht man mit Tränen in den
Augen das Gute im Leben, weil man nicht die Einfachheit und nicht den Mut hat,
es zu glauben.
Kathrin und Andreas FischEinfach ohne
49
Mehr ohne
M
anchmal wünsche ich mir mein leben ohne termine
und mit mehr freiräumen, begegnungen, muse
manchmal wünsche ich mir mein leben ohne geld
und mit mehr vertrauen auf das was kommen mag
manchmal wünsche ich mir mein leben ohne hetze
und mehr mut zur langsamkeit und entschleunigung
ohne streit und krieg
mehr versöhnung und vergebung
ohne egoismus
mehr mitgefühl
ohne gedankenlosigkeit
mehr achtsamkeit
ohne oberflächlichkeit
mehr ehrlichkeit
ohne lüge
mehr wahrhaftigkeit
Herr, wann werde ich den mut haben
mein leben in deinem mehr zu finden

Patrick Jutz
Jesuiten ohne Naunyn – Naunyn ohne Jesuiten
E
s war im Jahre 2007 als ich zum allerersten Mal zu Straßenexerzitien unter-
wegs war. Dies war in Berlin, für mich damals eine fremde Stadt, aber sehr
interessant und spannend. Wir waren in Kreuzberg, in der Obdachlosenunter-
kunft von St. Michael, im Keller die Matrazenlager, eine Dusche im OG für alle,
einfache Verhältnisse. War ich bei der Ankunft noch etwas erschrocken über
diese Zustände, lernte ich in dieser Woche doch wie wichtig dies für mich war.
Ohne diese Einfachheit hätte ich mich wohl nicht so verändert. Ohne das Weglas-
sen der vielen Ablenkungen und Verführungen des Alltags hätte ich die so viel
wichtigeren Dinge des Lebens nicht wiederentdeckt.
An einem Tag dieser Woche besuchte ich die Naunyn-WG und hörte bei einer Tas-
se Tee, wie einfach hier so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft zusam-
menleben. Ich besuchte die Menschen der Naunyn später mit meiner Familie,
weil mich dieser Ort verändert hatte und mich dieses Wohnmodell so faszinierte.
Ich war auch Gast wenn ich in Berlin Straßenexerzitien begleitete, und ich lebte50
Einfach ohne
mal zehn Tage dort für persönliche Exerzitien. Das Wohnen in dieser WG war
mir sehr wertvoll für meine Straßenexerzitien, die dort lebenden Menschen ha-
ben mir geholfen, mich und meine Lebenswelt zu erkennen. Es entstand in mir
ein Gefühl der Heimat dort, da ich öfters wieder Menschen traf, die ich schon
kannte und mit denen ich Erinnerungen verband. Aber immer waren auch Men-
schen dort, die ich noch nicht kannte, weil sie erst nach meinem letzten Besuch
gekommen waren. Für mich war die Wohngemeinschaft der Naunyn stets stark
getragen von den drei Jesuiten, die dort mitwohnten, Franz und zwei Christians.
Klar gab es auch Andere, die viel für dieses Wohnprojekt taten, aber diese drei
Jesuiten waren das Rückgrat.
Als ich von der Entscheidung des Provinzials hörte, dass keine neuen Jesuiten
mehr in die Naunyn nachziehen werden, war ich erstmal erschrocken, erst im
zweiten Moment konnte ich verstehen, dass Mitglieder der Jesuiten sich eine
Naunyn-Nachfolge nicht vorstellen konnten. Man kann fragen, warum die Je-
suiten als Gemeinschaft dieses Wohn-/Sozial-/Exerzitienprojekt in Kreuzberg,
welches in ganz Deutschland bekannt ist, nicht weiter mittragen wollten. Mit der
Zeit wurde mir klar, dass es einem Mann viel abverlangt, mit 7 anderen Män-
nern in einem Raum zu schlafen und keinen privaten Bereich zu haben und sich
ständig auf fremde Menschen einstellen zu müssen. Christian kann das – und
dafür bewundere ich ihn – aber viele, wie auch ich, trauen sich das nicht zu –
jedenfalls nicht dauerhaft. Beim Schreiben dieses Textes fiel mir ein Zitat von P.
Arrupe ein: „Alle Jesuiten müssen für die Armen arbeiten. Viele Jesuiten müssen
mit den Armen arbeiten. Wenige Jesuiten (von Gott berufen und aus Gehorsam)
müssen wie die Armen leben.“
Es wird also bald eine Naunyn ohne die Jesuiten geben. Es stellen sich spannen-
de Fragen. Welche Gewohnheiten können einfach so weiterlaufen, ohne dass sie
von den WG-Bewohnern hinterfragt werden? Welche Menschen der WG werden
die Verantwortung für diese übernehmen? Was muss getan werden, damit die-
se WG weiterlebt, auch ohne Jesuiten? Wieviel Gleichheit ist möglich, wieviel
Leitung ist nötig? Kann ein Unterstützerkreis von Menschen, die nicht in der
Naunyn wohnen, diese WG begleiten und unterstützen? Aber ich bin sicher das
wird gut weitergehen und ich freue mich auf das Fest 2016.
Ich danke allen, die mich in der Naunyn willkommen hießen und mich als Gast
beherbergt haben. Es waren prägende, beindruckende und schöne Zeiten und ich
werde sie nicht vergessen. Ich wünsche allen, die weiter und neu in dieser WG
leben eine gute Gemeinschaft und Gottes reichen Segen. Den zwei Christians
wünsche ich einen guten Umzug, gute Weggefährten am neuen Ort und einen
segensreichen Lebensabend: „Ihr habt alle reichlich gesät! – Herzlichen Dank.“
Patrick Jutz, EttlingenEinfach ohne
51
Ohne schlechte Gedanken
G
estern bekam ich die Geburtsanzeige von Luisa Padma, und in mir erwachte
die tiefe Freude, Ruhe und Zufriedenheit: klein, winzig, zerbrechlich und
zugleich voller Lebensenergie und Vertrauen.
Da wurde mir klar, dass dies das richtige Bild im Rückblick auf meine Exerzitien
auf der Straße in Berlin ist. Das kleine Kind als Sinnbild einer neuen Schöpfung,
die in Jesus Wirklichkeit als Retter und Heiland wurde. Licht – Liebe – Leben
– so steht es treffend auf dem Bild der Madonna von Stalingrad, die ich in Ber-
lin wiederentdeckt habe. Ein Bild der Zuversicht, das inmitten des Kessels von
Stalingrad 1942, inmitten der Nacht voller Angst, Hunger, Folter und Tod zum
Weihnachtsfest gemalt wurde, um Menschen Halt und Hoffnung und Vertrauen
zu geben.
Ich blicke wie in einen Spiegel und sehe die Spanne des Lebens zwischen „dem
Guten, das ich tun will, und dem Bösen, das ich tue“, wie Paulus es ausdrückt.
Dieser Sog zum Negativen, Destruktiven haftet dem Menschen an seit dem Sün-
denfall (Gen 2), der freien Entscheidung gegen Gott. Jesus sagt bei Markus 7,16:
„Nicht, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen,
sondern, was aus ihm herauskommt, das macht ihn unrein.“ Dagegen hilft nicht
die Ja-Aber-Taktik, die alle Optionen offenhält, sondern die klare Entscheidung
für den liebenden Gott, Jahwe, der für uns da ist. Dabei bleibt es eine lebenslange
Herausforderung, die Quellen des Guten, Heilen und Heilenden, die Wasser des
Lebens in mir zu suchen und lebendig zu halten. Die Exerzitien auf der Straße
haben dafür meine Sensibilität erweitert:
– mich selbst gut zu sehen,
– den Menschen, der mir begegnet, mit innerer Aufmerksamkeit und wohlwol-
lendem, liebevollem Blick wahrzunehmen
In Momenten der Stille und Achtsamkeit, in denen ich dem Quell des Lebens
Raum gebe, sinne ich darüber nach, wie mein Leben sich anfühlt, wenn es ein
Leben wäre
– ohne Eifersucht
– ohne Machtanspruch
– ohne Neid und Gier
– ohne Isolation und Angst
– ohne Versteckspiel
– ohne Verletzlichkeiten und Misstrauen
– ohne Spott und Auslachen
– ohne Sicherheitsabstand
– ohne Aggressivität52
Einfach ohne
Wenn ich das Negative verbanne, füllt sich die entstandene Leere mit neuen
Wirklichkeiten. Es kann ein Gefühl wie neugeboren zu sein, eine „neue Schöp-
fung“. Das Lebensgefühl verändert sich: Das Leben vor Gott ist ein Leben gefüllt
mit Liebe








voll Vertrauen in meine eigenen guten Kräfte
voll positiver Gedanken für den anderen
voll Freude an der Verschiedenheit
voll Zutrauen in die gute Motivation
voll Demut im Urteilen
voll Solidarität und Erbarmen
voll Mut und Zärtlichkeit im Handeln
voll Energie zu Versöhnung und Frieden
Seit einiger Zeit beflügelt mich der Kanon „Du bist heilig, du bringst Heil, bist die
Fülle, wir ein Teil…“ Ein Lied der Hoffnung, das mich im Auf und Ab des Alltags,
in guten und in schlechten Stunden, bei Frust und Stress spüren lässt, wo meine
Sehnsucht verankert ist, entschieden für und somit gebunden an den guten Gott,
der an mich glaubt und mir vertraut.
Ich bin tief überzeugt, dass das Leben „Ohne“ sich zu einem Leben „MIT“ wandelt
durch

Seine Lebensenergie und Lebenszusage für mich und

meine Lebenszusage und Lebensenergie für Ihn.
Anne Lonsdorfer
Einfach ohne Gott
E
s geschah mitten am Tag. Mitten im Tiergarten. Berlin erlebte einen Orkanaus-
läufer. Ein grandioses Schauspiel. Wolkenbänder in Endlosmetamorphose.
Manchmal brach die Sonne durch. Hagelklatschen. Schneegeschmeichel.
Mein Sohn schlief. Seit zwei Stunden schon. Freie Zeit. Für mich und die Gedan-
ken. Da sackte der Smartphoneakku weg. Mitten am Tag. Mitten im Tiergarten.
Berlin erlebte einen Orkanausläufer.
Die schönsten Bildmotive: Verschenkt. Aus Facebook. Rausgerissen. E-Mail-
Abgleich: unterbrochen. Telefonweiterleitung: auf der Mailbox geparkt. Das per-
sönliche Ende der Netzwerkgesellschaft. Plötzlich. Unerwartet war ich raus aus
meinem Leben. Unerreichbar für die Anderen. Unfähig, sie zu erreichen. Der
Universalschlüssel mit Streicheldisplay lag tot in meiner Hand.Einfach ohne
53
Ich setzte mich auf eine Bank. Den Kinderwagen parkte ich neben mir. Mein
Sohn schlief immer noch. Zum Glück. Äste knackten. Der Wind rauschte. Ein
fantastischer Tag. Schade, dass jede Impression nun nicht mehr geteilt werden
konnte. Jedes Sonnenblitzen, jedes Windspiel. Ein gigantisches Schauspiel nur
für mich. Für Sekunden. Bruchteile. Nichts konnte ich mehr festhalten. Ich war
raus und doch auf einmal drin. Direktkontakt. Das Ende von Homo Faber. Ein
Neuanfang.
Erst Tags zuvor hatte ich einen neuen Holbein angefangen: „Ich ging ohne mich
zu Gott. Lebensbilder komischer Derwische.“ Gott finden. Das wollte ich, seitdem
ich moderner Wissenschaft lauschte und von seinem Tod erfuhr. Dass mich diese
Suche so einiges kosten würde, ahnte ich zu spät. Vieles verlor seinen Reiz, seine
Wichtigkeit. Gesellige Abende, wichtige Projektjobs, systemische Auszeichnun-
gen. „Einfach ohne“ war lange das Ticket meiner Reise. Leider auch ohne Rast
und ohne Ziel. Irgendwann verzweifelte ich an diesem „ohne“. Ich war mitten im
Leben, hatte Familie, Aufträge: volle Hände, volle E-Mail-Fächer, massenhaft Fra-
gen. Die Beschäftigung mit dem „einfach ohne“ kontrastierte mit meinem Leben.
Gewaltig. Ich ließ los und lebte doch in mitten der Dinge weiter und sie wollten
erkannt werden. Richtig.
Sich suchen, Gott suchen, Sinn suchen, Geld suchen, Kunden suchen, Liebe su-
chen: Das war irgendwann zuviel suchen. Ich hatte keine Lust mehr auf die Su-
che. Auch nicht mehr auf den suchenden Sven. Da fiel mir Holbein in die Hände.
Wie wäre es, einfach ohne mich? Ohne den alten Sven?
Einen Tag später tobt ein Orkan über Berlin. Kurz bevor mein Smartphoneakku
den Geist aufgab, hatte ich einen kurzen Chat mit einem befreundeten Berater-
kollegen. Er berichtete von einer Tagung in einer Kirche zum Thema „Modernes
Leben, Start Ups und Kirchen“. Mit der Kirche stand er auf Kriegsfuss. Er war ein
begnadeter Social Entrepeneur. Die Veranstaltung hatte ihm gefallen. Überra-
schung. Er überlegte sogar, den Kontakt zu den Veranstaltern zu halten. „Kirche
ist gar nicht so schlimm. Hat sich viel getan. Vielleicht wäre sie mit weniger Gott
noch besser.“ Da brach der Kontakt ab. Einfach ohne mich. Einfach ohne Gott?
Unter den Bäumen im Tiergarten spielte das alles auf einmal keine Rolle mehr.
Irgendwie sackte etwas in mir tiefer. Ich fand Grund. Mitten im Orkan. Tiefe
Ruhe. Eine wunderbare Lebendigkeit durchflutete mich. Kein Ich. Kein Gott. Kei-
ne Worte. Sondern lebendiger Frieden. Ich stand auf. Mein Sohn blinzelte. Wir
gingen weiter. Einfach ohne „einfach ohne“. Sondern mit „allem, was ist“. Akku
sei Dank.
Sven Schlebes54
Einfach ohne
Einfach ohne … Schwimmring
M
ulmig war mir schon zumute, als ich am „Kotti“ aus der U-Bahn ausstieg
und mich umsah. Selbst mit einigen Jahren Großstadterfahrung fühlte
ich mich recht verloren, ziemlich landeiig, und nun war ich auf dem Weg zur
Naunynstraße. Dem Wohnort von Christian, der WG, der Kommunität oder was
immer mich da erwarten mochte. Die Beschreibung „ist genau neben dem ‚Tor
zur Hölle‘“ machte die Sache auch nicht besser.
Während ich noch überlegte wo lang, wurde ich angesprochen. Und ausgerech-
net nach dem Weg gefragt. Mein Gegenüber sah weder sonderlich vertrauens-
erweckend aus, noch hatte ich einen Plan. Bzw., den hatte ich schon, aber gut
verwahrt im Rucksack. Sollte ich ihn wirklich rauskramen, Straßen suchen, Weg
erklären? Vielleicht war mein Fragesteller ja viel mehr an meinem Portemonnaie
als an der Wegführung interessiert? Mit einem resignierten innerlichen Seufzer
gab ich nach. Immerhin war ich auf dem Weg zu Straßenexerzitien – und geht es
da nicht gerade um den Moment der überraschenden Begegnung?
Zu meinem leichten Verwundern erwies sich die Rucksackbekanntschaft als
überaus unterhaltsam, und während ich meine Siebensachen wieder verwahrte,
wurde ich erneut angesprochen: „Wo willst du denn hin?“ Helga, Rollstuhlfah-
rerin, blickte mich abwartend an. Nun, wenn ich schon dabei war, konnte ich ja
bei der Wahrheit bleiben. Zur Naunystr. 60. „Ach, zum Christian. Ich bring dich
hin.“ Völlig selbstverständlich bekam ich Geleitschutz und eine erste Idee, wie
die nächsten Tage „auf der Straße“ wohl aussehen konnten.
Heute, zwei Jahre später, sind neben Erinnerungen auch Veränderungen geblie-
ben. Manches steht in einem neuen Zusammenhang. Josua 3, z.B. Ein Bibeltext,
der den Einzug des Volkes Israel in das „gelobte Land“ beschreibt. Nach dem Aus-
zug aus der Sklaverei, der Durchquerung von Meer und Wüste, schien das Ver-
heißene so nah. Wenn da nur nicht der Jordan wäre. Der zu allem Überfluss auch
noch alle Ufer überschwemmte. Was mag man da fühlen, als Generation, die in
der Wüste aufwuchs und Wasser eher in homöopathischen Maßen kannte?
Und dann die interessante Ansage Gottes: Die Priester sollen die Bundeslade
(das Zeichen der Präsenz Gottes) nehmen, sich damit in den Jordan stellen und
erleben, wie sich – bei jedem Schritt – das Wasser teilt. Und so dem Volk einen
trockenen Übergang bescheren. Doch: Vorsicht ist angesagt! Da es sich nicht nur
um ein wundersames, sondern zweifellos heiliges Geschehen handelt, muss auch
das Volk sich heiligen und darf der Lade nicht zu nahe kommen (Jos 3, 5). Der
rechte Abstand wird bestimmt: „doch dass zwischen euch und ihr ein Abstand
sei von ungefähr zweitausend Ellen! Ihr sollt ihr nicht zu nahe kommen. Aber ihrEinfach ohne
55
müsst ja wissen, auf welchem Wege ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher
noch nicht gegangen.“ (Jos 3, 4).
Abstand ja, aber im Blickkontakt bleiben. Denn „ihr müsst ja wissen, auf wel-
chem Weg ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher noch nicht gegangen“. Die
meisten Wege die ich gehe, bin ich schon oft gegangen. 100 Mal, 1000 Mal. Einen
Weg, den ich noch nie gegangen bin? Der Unmögliches erfordert, ja, geradezu
verlangt? Einem heiligen Mysterium auf unbekannten Wegen in die Tiefe eines
Stromes zu folgen, erscheint wie die erste Laufdistanz vom Kottbusser Platz zum
„Tor zur Hölle“. Und überraschenderweise schlagen nicht die Wellen über einem
zusammen, sondern man findet sich im ganz anderen, „gelobten“ Land wieder.
An der langen Kaffeetafel eines Samstagmorgens, an die ganz selbstverständlich
ein weiterer Stuhl dazugestellt wird. Erleichtert, dass die üblichen taxierenden
Präliminarien – wer bist du, woher kommst du, was stellst du dar? – uninteres-
sant sind und die Einladung zum „da sein“ gilt.
Seither mag ich auf die „Wege, die ich noch nicht gegangen bin“ nicht mehr ver-
zichten. Zu groß ist der Gewinn der nicht gesuchten Fundstücke. Was nichts da-
ran ändert, dass die Herausforderung, und manchmal auch die Angst, bleibt.
Dabei ist es gut, die sicheren Orte des „gelobten Landes“ erlebt zu haben. Sie
verstecken sich in Begegnungen, im Glauben, im eigenen Herz. Und manchmal
eben auch in der chaotischen, herzlichen, erstaunlichen und heilsamen Runde
eines Tisches in der Naunynstraße 60.
Sonja Hannemann56
Einfach ohne Vorgaben
Einfach ohne Vorgaben
Die Engel in der Naunyn – BotInnen Heiligen Bodens
D
ie Gemeinschaft in der Naunynstraße, die Naunyn, kenne ich nun schon seit
fast 30 Jahren. Ich habe mich verändert, mein Leben hat sich verändert. Auf
eines konnte ich mich aber verlassen: der Geist der Naunyn blieb derselbe – oder
dieselbe. Wer mir auch immer dort erschien. „Zufällig“ gab es immer jemanden,
der oder die dort lebte, der oder die mich in mein Leben hinein ansprach. In den
Straßenxerzitien war die Naunyn immer ein Ort, den ich aufsuchen „musste“,
weil dort mein Engel wartete, mit dem oder der ich weitergehen konnte: ein „zu-
fälliges“ Gespräch beim Frühstück, ein Text, der mir geschenkt wurde, die Breite
des möglichen menschlichen Lebens, die am Tisch saß und mir die Zuversicht
und den Mut gab, nicht zu eng zu denken.Einfach ohne Vorgaben
57
Ich war im Jesuitenorden, bin ausgetreten, habe geheiratet, bin geschieden wor-
den, lebe jetzt wieder in einer Partnerschaft. In der Kirche ist so ein Lebensweg
schwierig zu vermitteln. Wenn ich in die Naunyn gehe, frage ich mich aber: In
welcher Kirche ist dieser Weg schwer zu vermitteln? In der Naunyn ist beim
Samstagsfrühstück eine Gemeinschaft zusammen, wie ich sie mir um Jesus he-
rum vorstelle. Da spielt nicht einmal eine Rolle, wer welcher Religion angehört
und ob er oder sie einer angehört. Nicht, dass es egal wäre – aber es ist nicht
wichtiger als die Gemeinschaft und der Mensch, der am Tisch sitzt. Auch ich bin
dort als Mensch willkommen und füge der Buntheit des Lebens am Tisch ein
paar Farbkleckse hinzu. Nie habe ich erlebt, dass ich deshalb in eine Schublade
kam oder be- oder verurteilt wurde. Eher habe ich erfahren dürfen, dass Wege
eben so sind wie sie sind. Nach dem Besuch in der Naunyn war ich oft wieder
geerdet. Weil ich auf Heiligem Boden gestanden hatte. Diese Erdung bedeutet:
mehr Mut zu mir selber und meinem Weg in Achtung der Andersartigkeit der
anderen Menschen. Sie sind Bereicherung und nicht Problem. Ich wünsche mir,
dass ich noch öfter in die Naunyn kommen darf, um meine Sicht der Dinge wei-
ten zu lassen.
Jens Sommer
Einfach ohne Absicht
Die Ros‘ ist ohn‘ Warum
sie blühet, weil sie blühet
sie acht‘ nicht ihrer selbst
fragt nicht, ob man sie siehet.
D
er schlesische Dichter Angelus Silesius hat hier ein schönes Poesiealbums-
wort formuliert, das für ihn auch Bild für das tiefste Geheimnis des Lebens
ist. Doch ist es wirklich möglich, ohne Warum leben, ohne Grund und auch ohne
Zweck? Und ist es nicht das Normalste der Welt, immer bestimmte Absichten
zu verfolgen und wenn es nur um die Frage der Befriedigung unserer Grundbe-
dürfnisse geht: Wie komme ich zu meinem Essen? Wo finde ich eine Toilette? Wie
muss ich mich anziehen, damit ich nicht friere? Wodurch fühle ich mich sicher?
Was kann ich tun, um echte Gemeinschaft zu finden?
Doch ist damit nicht nur unser alltägliches Leben geprägt. Vielmehr scheint heu-
te in allen Lebensbereichen ein bewusst absichtsvolles Handeln nötig zu sein.
Pläne und Strategien bestimmen nicht nur das berufliche Tun sondern auch die
Familie und sogar die Freizeit, die geplant und gemanagt sein wollen.58
Einfach ohne Vorgaben
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, dass auch menschliche Bezie-
hungen seit jeher durch bestimmte Absichten geprägt sind. Im beruflichen und
politischen Umfeld spricht man heute von Networking, dem Eingehen von Bezie-
hungen, um Einfluss zu gewinnen und sich Vorteile zu verschaffen. Eigentlich
ist das ein altes Phänomen, wenn man an die Heiratspolitik der Fürsten früherer
Zeiten denkt.
Nochmals also die Frage: Kann ich ohne Absicht handeln? Und wozu – hier mel-
det sich schon wieder die eigene innere Intention – soll ein absichtsloses Tun gut
sein?
Eine Antwort auf diese Frage finde ich bei den Exerzitien auf der Straße. Bei ei-
ner empirischen Untersuchung zu diesen zeigte sich, dass hier als eine wesentli-
che Haltung gesehen wird, möglichst ohne Absicht auf die Straße zu gehen. Doch
wie kann man die Absicht zu haben, ohne Absicht unterwegs zu sein? Auch bei
den Übenden der Straßenexerzitien zeigen sich bewusste oder noch mehr unbe-
wusste Absichten. Das kann die Absicht sein, einem Menschen von der Straße
zu begegnen. Da meldet sich jemand an, der einfach nach einer Abwechslung
gegenüber herkömmlichen Exerzitien sucht oder es zeigt sich die schlichte Ab-
sicht, sich selbst oder Gott in den Exerzitien auf der Straße zu begegnen. Da gibt
es keinen, der sagt: Ich mache hier mit, habe damit aber nichts im Sinn. Wie
kommt es also dazu, dass erfahrene Teilnehmer und Begleiterinnen die Haltung
der Absichtslosigkeit besonders herausstellen? Lügen sie sich dabei selbst in die
Tasche?
Einige kurze Geschichten aus Exerzitien können hier weiterhelfen: Da war ein
Exerzitant, der die Absicht hatte, unbedingt Armen von der Straße zu begegnen.
Doch das klappte einfach nicht, bis er sich enttäuscht in eine Kirche setzte um
dort zu beten. Dort versah einer, der auf der Straße gelebt hatte, eine Art Aufsichts-
dienst. Genau dieser kam nun auf ihn zu und sagte: „Ich mach mir eine Gulasch-
suppe warm. Magst du mitessen?“ Mit derselben Absicht war ein anderer Üben-
der aus den Exerzitien unterwegs und genauso „erfolglos“, bis er an einem Tag
gegen eine Glaswand lief und sich so verletzte, dass er ins Krankenhaus gebracht
werden musste. In der Notaufnahme hatte er lange zu warten, doch in dieser Zeit
begegnete er plötzlich Menschen, wenn auch nicht aus dem beabsichtigten Milieu.
Wieder ein anderer wollte in den Exerzitien eine schwierige berufliche Phase
analysieren. Doch diese Vergangenheit war gar nicht Thema, sondern er entdeck-
te auf der Straße Orte und Menschen, die seine eigene innere Lebendigkeit neu
anregten. Darunter war ein von Bürgern kreativ gestalteter Stadtteilplatz „Keim-
zelle“, wo er sich von einem Menschen von der Straße auf englisch segnen ließ,
der ihm zusagte: „Alles wird gut“. So sollte es werden, wenn auch ganz anders
als ursprünglich beabsichtigt.Einfach ohne Vorgaben
59
Wieder ein anderer, der bisher nur herkömmliche Exerzitien in Bildungshäusern
kannte, war von seinen letzten Exerzitien so enttäuscht, dass er die Absicht fass-
te, mal völlig andere Exerzitien zu machen. Doch dann waren ihm die ganzen
Straßenexerzitien eine ungeheure Zumutung: die ökumenischen Gottesdienste,
die Unterbringung, sein Ekel beim Kontakt mit manchen Leuten auf der Straße.
Doch dann saß er bei der Ausländerbehörde neben einem Mann, dessen Lebens-
geschichte ihn so berührte, dass er plötzlich über seine Grenzen gehen konnte,
was er eigentlich mit diesen „anderen“ Exerzitien gar nicht beabsichtigt hatte.
Diese kleinen Beispiele zeigen Menschen, die bei ihren Exerzitien auf der Straße
eine bestimmte Absicht verfolgten. Aber wichtig war, dass sie innerlich bereit
waren, diese loszulassen und sich darauf einzulassen, was sich ihnen auf der
Straße zeigte. Es scheint wie bei einer Pilgerwanderung zu sein. Ein Ziel ist im
Blick, doch der Weg dahin bietet Überraschungen, durch die das Ziel plötzlich
aus dem Blick zu geraten scheint oder besser gesagt, in denen das ursprüngliche
Ziel in einer neuen Art und Weise erscheint. So war es schon bei Mose, dessen
Geschichte in diesen Exerzitien in besonderer Weise fortgeschrieben wird: Er
lebt in der Fremde als Hirte für seinen Schwiegervater. In seiner Arbeit entdeckt
er eines Tages einen brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch. Seine
Absicht, auch hier zuzupacken und die Situation in den Griff zu bekommen, wird
durchkreuzt. So lässt er sich aufhalten, zieht die Schuhe und damit seine Absich-
ten und Pläne aus, und entdeckt so Gott und eine neue Aufgabe, um nun als Hirte
für sein Volk da zu sein, dieses der Hand der Wölfe zu entreißen.
An diesen Geschichten, die miteinander unsichtbar verbunden sind, wird deut-
lich: In den (Straßen-)Exerzitien komme ich mit bestimmten Absichten an, aber
erst wenn ich bereit bin, diese loszulassen, kann Gott wirken. Aber auch die eige-
nen Absichten loszulassen ist keine Methode, die ich absichtlich einüben könnte,
sondern es ist vielmehr eine Haltung grundsätzlicher Bereitschaft. Wann und wo
dies geschieht, kann ich nicht bestimmen. Ich kann nur aufmerksam sein und
warten.
So bleibt die zweite Frage: Wozu ist es gut, absichtslos zu werden? Die Antwort
lässt sich aus den erzählten Beispielen vielleicht erahnen. Beantworten lässt sie
sich nur praktisch, wenn es jemand am eigenen Leib erfährt. Für mich kann
es z.B. sehr entlastend sein, wenn ich spüre, dass nicht ich es bin, nicht meine
Absichten, Pläne, Strategien, von denen das Heil der Menschen abhängt, sondern
jemand anderes, der mich dazu womöglich brauchen kann. Das schenkt mir eine
neue Art von Gelassenheit und Freiheit, fast wie der von Angelus Silesius besun-
genen Rose. Meine eigenen Absichten loszulassen, kann mir neue Horizonte öff-
nen und mich gespannt und vertrauensvoll auf das Unerwartete warten lassen.
Michael Schindler60
Einfach ohne Vorgaben
Pilgerweg mit Esel
I
rgendwann spät im letzten Jahr hatte Maria-Anna die Idee, zum Kirchentag zu
pilgern, als eine gemeinsame Sache. Ich stimmte zu und kam schnell auf den
Gedanken, einen Esel dafür anzuheuern. J. in Mohlsdorf hätte mir seinen gelie-
hen, aber dann war tatsächlich auch die Kreuzsteinmühle bereit, mir PrikleprittEinfach ohne Vorgaben
61
wieder auszuleihen. Bei D. bin ich nach wie vor in Ungnade gefallen, doch über
W. krieg ich den Esel.
Wenig Geld in der Tasche, war es nicht so leicht, die Ausrüstung zusammenzu-
stottern. Gott hat mir sehr geholfen, die rechten Ideen eingegeben, ebenso Ge-
schick, Türen geöffnet, z. B. für eine Werkstatt und beim Sachen finden alles
bereit gelegt. So entstanden Packsattel, Halfter, Koffer, Satteldecke u. a.
Dienstag, 17.05.2011
Sind bis Niederlungwitz gekommen. Der Esel läuft klasse, aber in sehr gemütli-
chem Spazierschritt. Ich würde mich freuen, wenn er noch an Kraft gewinnen
täte. Eine Sorge ist auch die Zeit, wenn er an langer Leine angebunden ist, Pause
machen soll, sich ausruhen soll, jedoch wie verrückt hin und her jagt! Er mag
nicht allein sein. Eine sehr schöne Mittagspause gab’s in Glauchau in der Lu-
thergemeinde. Im psychosozialen Treff wurden wir zum Mittagessen eingeladen.
Einmal die Woche gibt’s Essen und wir kamen natürlich genau zur Zeit. Konn-
ten uns sogar dort in einem Raum ausstrecken. Gottes Liebe ist so wunderbar…
Geschafft sind wir am Abend aber trotzdem (besonders Maria-Anna). Wie gut,
dass uns gleich der Kirchenälteste in sein Haus aufnahm. Müde bin ich, geh zur
Ruh…
Mittwoch, 18.05.2011
Der Kirchenälteste W. und Frau hatten gestern ihren 53. Hochzeitstag. Sie waren
sehr nett und entgegenkommend und haben uns ebenso in Ruhe gelassen. Ihr
Haus war sehr aufgeräumt und der Garten gepflegt und dennoch durfte der Esel
dort herumtrampeln und wir unser Zeug ausbreiten. Meine Hochachtung!
Wir kamen durch St. Egidien. Ich hatte mich an einen alten Pilgerbruder von der
Klüßchen Hagis Wallfahrt 2000 erinnert. Wir suchten ihn und fanden tatsäch-
lich sein Zuhause. Die Eltern waren da, er auf Arbeit. Es gab ein sehr schönes,
spontanes Zusammensein mit lieben, einfachen Leuten. Mittagsrast machten wir
in Hermsdorf bei einer Pension und dann boten uns die Leute von sich aus an zu
bleiben. So blieben wir denn! Ich habe mir eine Arbeit erbeten und durfte Zaun
streichen. Maria-Anna machte auch mit. Der Esel kam zu Schafen auf die Weide.
Offenbar begegnen sich die Viecher immer erst mal argwöhnisch. Nach einer
Weile kamen die Schafe dem Esel immer näher. Der verhielt sich ganz friedlich,
dann wurd’s ihm aber lästig, er warnte sie mit Hufen, die durch die Luft flogen,
doch die Schafe wollten’s genau wissen und dann – Zack – hat der eine Hammel
was auf die Fresse gekriegt. Und dann wussten sie‘s! Ich muss gestehen, ich
war auf der Seite des Esels. Der olle Hammel hat sich noch eine ganze Weile die
Lippen geleckt.62
Einfach ohne Vorgaben
Mittwoch, 22.06.2011
Die Rückkehr nach C. ging reibungslos. Erwartungsgemäß waren wir mittags
da. In Lauenhain kamen wir zu einer Kindergruppe und N., Kind von meiner
Nachbarin, begrüßte mich stürmisch. Die Kinder fütterten dem Esel Gras – war
sehr schön! Nach Crimmitschau hinein machten wir noch kurz Station bei ka-
thol. P., trafen unsern Freud O. R. auf dem Fahrrad und sogar den Pfarrer M. G.
trafen wir, wie er gerade Einkaufen ging. Den Regengüssen des Tages entkamen
wir glücklich. Doch dann setzte ein schwerer Teil ein: Abschied, Abschluss, sich
trennen, Umschalten auf Normal. Heute fiel mir das wirklich schwer. Eigent-
lich könnten wir auch gut weiterziehen, noch ein paar Wochen. Jetzt wird alles
normal. Keiner lächelt mehr, keiner winkt mehr, keiner will Fotos machen. Mir
graust vor dem normalen Leben. Und es ist auch schade, nicht mehr mit dem
Esel umzugehen. Die Gute! – Akkordeon kann ich auch nicht mehr spielen. Wenn
ich es schon schwer habe, wird es Maria-Anna wohl noch schwerer haben. – Der
Esel ist wieder in Rudelswalde, morgen ist Fronleichnam, und am Freitag will
ich ihn in die Krebssteinmühle bringen. In den Tagen darauf bekam ich 5 Euro
und 10 Euro geschenkt. Auch der Pfarrer schenkte etwas Essen. Man bekam den
Eindruck, als bedankten sich die Leute für unser Unterwegssein. Einige taten’s ja
tatsächlich. Den Esel schaffte ich Freitag, 24.06., zurück. In der Kreuzsteinmühle
war der Empfang kühl und ernüchternd. W. war leider nicht da. Hab’s noch am
selben Tag mit dem Fahrrad zurückgeschafft, dann hat’s aber gereicht!
Maria-Anna und Br. Winfried
Herr wie Du willst…

Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n
und wie Du willst, so will ich ich geh’n;
hilf Deinen Willen nur versteh’n!
Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit;
und wann Du willst, bin ich bereit;
heut und in alle Ewigkeit.
Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,
und was Du willst, ist mir Gewinn;
genug, dass ich Dein eigen bin.
Herr, weil Du’s willst,
drum ist es gut;
und weil Du’s willst, drum hab ich Mut.
Mein Herz in Deinen Händen ruht!Einfach ohne Vorgaben
63
Bezugnehmend auf sein Lieblingsgebet schrieb der selige P. Rupert Mayer in
einem Beileidsbrief (20. Februar 1942) an jemanden, dessen Mutter verstorben
war, unter anderem:
… Vielleicht darf ich Ihnen mitteilen, was mich in den schwersten Stunden meines
Lebens seelisch außerordentlich gekräftigt hat. Es war beiliegendes Gebet. Wenn
man von einem großen Herzeleid gequält wird, kann es sein, dass dieses Gebet
anfangs keinen Eindruck auf uns macht, weil wir die Hingabe an den hl. Willen
Gottes noch nicht aufbringen können. Denn das Gefühlsleben tut nicht mit. Aber
wenn wir das Gebet täglich verrichten, ruhig und langsam, ohne uns zu Gefühlen
zu zwingen, die wir nicht haben, so wird es uns allmählich ansprechen. Und mit
der Zeit steigt in uns eine Ahnung auf, wie glücklich doch das Menschenherz sein
müsste, das sich rückhaltlos in die Vaterarme Gottes werfen könnte! Und dann
flechten wir in unser Gebt den heißen Wunsch ein, dass wir doch bald zu diesen
Glücklichen gehören möchten. Wie nahe können Sie dadurch Gott und der lieben
Mutter, die wohl schon dieses Glücks teilhaftig ist kommen!
Seit ich weiß, dass Neues für Euere „Heimat für viele“ bzw. Euer „Gast-Haus“
ansteht, denke ich immer wieder an Euch. Möge das Abschiednehmen durch
die „Alchemie des Heiligen Geistes“ und seine verwandelnde Präsenz auch das
Abschiednehmen segnen und zum Segen werden lassen.
Willibald Lambert
Besuch aus Rom
D
as erste Mal als ich nach Berlin ging, um Margit und Mabel als ihre Provinz­
oberin zu besuchen, war im Jahr 2011.
Ich kannte weder Berlin noch die Art der Präsenz meiner Mitschwestern, von der
ich nur gehört hatte… eine umstrittene Präsenz, anders als alle anderen. In den
ersten Tagen haben Mabel und Margit mir die Wirklichkeit von Berlin gezeigt
und erläutert. Sie haben mir ihre Geschichte, wie sie nach Berlin kamen, erzählt,
und sie haben mir Christian und die Kommunität in der Naunynstraße vorge-
stellt, wo sie einige Monate gelebt haben, bevor sie ihre Tätigkeit mit SOLWODI
anfingen. An einem Samstagmorgen haben sie mich in die Naunynstraße be-
gleitet. Sobald ich reinkam blieb mir fast die Luft weg. Der große Tisch für viele
Leute war gedeckt, viele Menschen von verschiedenen Kulturen und Richtungen
waren schon da, alle sprachen Deutsch, und ich verstand überhaupt nichts. Ich
erinnere mich nur an das lächelnde Gesicht von Christian. Die Menschen, die
am Tisch saßen, sprachen über das „Leben“. Mabel und Margit bemühten sich
zu übersetzen. Dann traf mich der Blick von Christian, der mich einlud etwas64
Einfach ohne Vorgaben
zu sagen. Ich konnte nur stottern. Ich erinnere mich nur daran, dass ich nichts
Wichtiges gesagt habe, nur etwas sehr Oberflächliches.
Nach dem Frühstück, das etwas drei Stunden gedauert hat, durfte ich die Woh-
nung kennenlernen und wieder blieb mir die Luft weg. Die kleine Wohnung hat
zwei Bereiche: Männer und Frauen, Badezimmer, Küche, aber was mich sehr
beeindruckt hat ist, dass Christian im Männerzimmer schlief und zwar in einem
Stockbett wie alle anderen Bewohner. Sein Bett war voller Bücher, aber das war
auch schon alles! Dann war da in einer Ecke das kleine Zimmer von Bruder
Franz, ein Bett, abgetrennt durch einen Vorhang. Weiter nichts. In der Küche
haben alle mitgeholfen: jemand kochte, andere spülten, wieder andere räumten
das Zimmer, in dem das Frühstück stattgefunden hatte, auf.
Letztendlich sind wir ins Büro von Christian gegangen, ein kleines Zimmer ne-
ben dem Frühstückszimmer, wieder ein Raum voller Bücher und ein Computer.
Dort gab mir Christian ein Buch, das er über die Exerzitien auf der Straße ge-
schrieben hatte, auf Spanisch übersetzt, über die Exerzitien auf der Straße. Er
erzählte mir etwas und schaute mich dann, immer noch lächelnd, an und fragte
mich: Was ist dein Traum vom Leben? Wieder eine Frage, die ich aber diesmal
mit mehr Gelassenheit und Spontaneität beantwortete. Jedes Mal, als ich Berlin
verlassen habe – seit 2011 war ich einmal jährlich in Berlin – habe ich seine Fra-
gen in meinem Herzen mitgenommen. „Was ist dein größter Ärger?“ – „Das Leid“.
Fragen, die mich immer monatelang herausgefordert und begleitet haben.
In den darauffolgenden Tagen, es war der 24. Juni, während Mabel, Margit und ich
beteten, lasen wir im Evangelium von Lukas über die Geburt Johannes des Täu-
fers. Ich war betroffen von der Wahl des Namens. Die Nachbarn und Verwandten
wollten ihm den Namen seines Vaters geben: Zacharias. Aber die Mutter sagte:
Nein. Er soll Johannes genannt werden. Sie antworteten: Es gibt niemand in deiner
Familie mit diesem Namen. Genau dieser Satz: Es gibt niemand in deiner Familie mit
diesem Namen hat mich die Heuchelei spüren lassen, die sich in vielen versteckt:
das ist nicht nach unserer Regel, das ist nicht unser Charisma, die sind außerhalb
der Normalität… Aber in der Entschiedenheit der Frau, die kraftvoll die Tradition
ändert und mit alten Mustern bricht, strömt die Geistkraft mit etwas Neuem ein!!
In jenen Tagen in Berlin habe ich verstanden, dass ich mich dem Neuen öffnen
musste, auch wenn dies manchmal Angst macht, weil dir die Luft weg bleibt…
und du nicht weißt, wo du wieder Fuß fassen kannst… Christian, Bruder Franz,
die Mitglieder der Gemeinschaft der Naunynstraße, Mabel, Margit… alle erzäh-
len mir vom Neuen des Evangeliums… Jesus lehrt uns die Freiheit, immer das
Neue des Evangeliums in unserem Leben und auch in den Strukturen zu finden,
die Freiheit, neue Schläuche für das Neue zu wählen.
Ida, Provinzoberin der Comboni-SchwesternEinfach ohne Vorgaben
65
Einfach ohne Äußerlichkeiten und Scheinheiligkeit
W
ill man das Wesen der Naunynstraße kennen lernen, darf man sich von
Äußerlichkeiten nicht abschrecken lassen. Die gesamte Wohnung schreit
nach einer Renovierung. Besonders hässlich ist die Wohnzimmerlampe, die aller-
dings auch aufgrund ihrer atemberaubenden Scheußlichkeit Kultcharakter 1 hat.
Die Küchendecke ziert ein verstaubter Ährenstrauß und die Wände, an denen die
Farbe nicht mehr erkennbar ist, sind mit Photos und Gemälden dekoriert. Irgend-
wann fing ich an, nachzufragen, was die Kunstwerke ausdrücken und wer sie
gemacht hat. Daraufhin bekam ich viele rührende Geschichten erzählt und ich
erhielt einen tiefen Einblick in die dreißigjährige Naunynstraßengeschichte 2 .
Es wirkt noch immer sehr befremdlich auf mich, dass auf Ordnung und Sauber-
keit und eine gewisse Struktur überhaupt kein Wert gelegt wird, aber so lang-
sam begreife ich, dass diese provokante Nachlässigkeit zum Wesen dieser WG
dazu gehört. Wie der große Tisch im Aufenthaltsraum treffend symbolisiert, ste-
hen eben die gerade anwesenden Menschen im Mittelpunkt und alle Kraft und
Energie fließt in den Austausch miteinander oder das Kümmern um Hilfesuchen-
de. Da bleibt das Putzen eben außen vor. Die Strukturlosigkeit begünstigt dies
allerdings auch, denn es gibt keinen Putzplan und eben für Hilfesuchende we-
der ein Aufnahmegespräch noch irgendeinen Vertrag oder Hilfeplan. An meiner
Wortwahl lässt sich ableiten, dass ich Sozialpädagogin bin. Allerdings versuche
ich meine fachliche Professionalität in der Naunynstraße mehr und mehr außen
vor zu lassen, weil sie zum einen nicht in die Naunystraße passt und ich zum
anderen nur am Samstag als Gast auftauche.
Beeindruckend finde ich Christians Unkompliziertheit. Wer da ist, oder regelmä-
ßig kommt, gehört einfach dazu, ohne dass der Status irgendwie definiert wer-
den muss. Sucht jemand eine Übernachtungsmöglichkeit und es ist ein Bett frei,
so kann der/die Betreffende bleiben. Er sieht sich als Freund und Unterstützer
und nicht als kontrollierender Organisator.
In der Naunynstraße wird eben die bange Frage „Was denken die anderen?“
komplett ignoriert. Auf Äußerlichkeiten, Normen, gesellschaftliche Pflichten
und Konventionen wird radikal und entschieden verzichtet. Dies ist ein krasser
Gegenentwurf zu meinem sonstigen Leben. So lasse ich aus Prinzip niemanden
1
2
Ich habe ein besseres Verhältnis zu ihr, als ich erfuhr, dass sie aus einem Unterhemd von
Franz gebastelt wurde.
Um den Rahmen nicht zu sprengen und um nicht das Thema zu verfehlen, erzähle ich die
gehörten Geschichten jetzt nicht. Das kann Christian selber besser und hat es bestimmt
bereits.66
Einfach ohne Vorgaben
in meine Wohnung, wenn ich nicht aufgeräumt habe, während Christian seinen
Gästen sogar in Unterhose die Tür öffnet 3 .
Ich zögerte lange, einen Text für die Naunynstraße zu schreiben, weil ich mich
noch nie damit auseinandergesetzt habe, warum ich meine Samstagvormittage
in der Regel dort verbringe. Während ich in meiner unordentlichen Wohnung
sitze und tippe, wird mir klar, dass ich es nicht nur tue, weil man dort anregende
Gespräche führen und nette Menschen treffen kann. Nein, mir wurde jetzt beim
Schreiben bewusst, dass es eben dieser radikale Verzicht auf Äußerlichkeiten
und gesellschaftliche Normen sind, die mich anziehen und die mich auch äu-
ßerst provozieren. Mit Äußerlichkeiten ist jetzt nicht nur die Wohnungseinrich-
3
Er kam direkt aus dem Bett und befürchtete, dass sonst niemand die Tür aufmacht.
Mit einem Priester in Unterhose vermochte ich nicht umzugehen. Schließlich kenne ich
Geistliche nur ordentlich angezogen und das soll eigentlich auch so bleiben. Also suchte
ich nach langer Zeit das Gespräch, indem er mir sein Verhalten erklärte und mich fragte,
ob ich nicht ebenso handeln würde. Diese Frage beantworte ich noch immer mit einem
entschiedenen NEIN.Einfach ohne Vorgaben
67
tung gemeint. Schließlich ist dies auch Geschmackssache und als Gast 4 steht mir
die Kritik auch nicht zu. Nein, es ist der Umgang miteinander, die unkomplizier-
te Selbstbedienung und dass auch auf gutes Benehmen nicht geachtet wird. Al-
lerdings gehen alle in der Regel sehr respektvoll miteinander um, aber niemand
muss seine Gefühle verstecken. Wer sich ärgert, darf das sagen, und zurechtge-
wiesen wird man nur, wenn man bei einer Erzählung für alle quasselt. Da jede/r
so sein darf, wie er/sie nun mal ist, wird „Willkommenskultur“ und unbedingte
Wertschätzung einfach und unkompliziert gelebt, und zwar ohne dass dafür ein
Konzept entwickelt wurde. Nein es wird einfach das Leben geteilt. Dabei kommt
es selbstverständlich auch zu Konflikten, die ich zwar registriere und bei Bedarf
meine Meinung äußere, aus denen ich mich aber in der Regel raushalte.
Es ist eben sehr menschlich in dieser WG mit allem was dazugehört und niemand
spielt frommes Theater oder wahrt den Schein. Diese radikale Natürlichkeit und
Einfachheit beeindrucken mich zutiefst und inspirieren mich auch 5 . Trotzdem
könnte man den Ährenstrauß meiner Meinung nach mal entsorgen und über
eine neue Lampe zumindest einmal nachdenken 6 .
Silvia Weber
4
5
6
Bin ich wirklich nur Gast? Eigentlich gehöre ich schon längst zum Freundeskreis mit
dazu.
Aber ich will auch mal ehrlich sein: Manchmal nervt es auch total und wirkt auf mich
abschreckend, weil die Konflikte öfters in einer meiner Meinung nach unangemessenen
Art und Weise ausgetragen werden.
Schließlich hat Franz dieses Unterhemd nie getragen.68
Einfach ohne Vorgaben
Mich durch Gott stören lassen
E
s gab Jahre, da war ich bereit und so offen, mich von Gott sogar mitten in
der Nacht aus dem Schlaf und aus dem Bett klingeln zu lassen, um eben mal
nach Hannover oder Dresden und so weiter zu trampen. Oder hier in Berlin zu
Menschen mich führen zu lassen, denen Hilfe zukommen musste. Selbst Hei-
zungsanlagen hat Gott mir mitten im Winter fern der Heimat und des Nachts
nach Holland trampend anvertraut, da Monteure nicht die Gabe besaßen, diese
Heizungsanlagen zu reparieren. Nun meine aber nicht, dass ich die Heizanlagen
repariert habe. Mein Auftrag war es, mit den Heizungsanlagen zu sprechen, um
von ihnen zu erfahren, dass sie nicht genügend geliebt wurden, denn danach
sehnten sie sich. Auch Pflanzen und auch das Gewitter sowie ein Regenbogen
sollten durch Gottes Auftrag an mich Hilfe erfahren.
Nun war es nicht gerade meine Gabe, dem Herrn sofortigen Gehorsam zu leisten
vom Herzen her. Doch ging ich um seinen Willen zu erledigen und so war ich
hinterher in der Seele und am Leibe aufgeblüht. Hieraus ergossen sich Taten-
drang und Wohlgelüste des Tätig-Seins für Gott bis hin zur völligen wohltuenden
Erschöpfung. Ich selber war nicht mehr vorhanden als menschliche Person. Ich
hatte mich selbst nicht mehr genug um mich gekümmert und so ergab sich, dass
mich das Tätig-Sein für den Herrn in Selbstbestätigung verwarf, was zur Folge
hatte, dass ich unzufrieden wurde, mürrisch, arrogant, um mich selbst drehend.
Am Schluss war mir die Klarheit geschenkt, dass der Egoismus in meiner Person
die Macht errungen hat. Ich erhielt das Geschenk der Erkenntnis, und mit viel
Geduld fand ich zu mir selbst zurück.
Und so ist es mir wichtig geworden, dass ich nicht vor die Haustür trete, sondern
dass ich fähig werde, bei mir zu bleiben um dem Herrn zu begegnen, für Ihn da
zu sein mit meiner ganzen von Ihm geschenkten Persönlichkeit. Nun danke ich
für diese Nachdenkpause, wie ich mit Gott umgehe.
Helga HartmannEinfach ohne Schuhe
69
Einfach ohne Schuhe
Einfach danke,
dass es die Straßenexerzitien gibt
dass sich Begleiterinnen und Begleiter finden
dass immer wieder neue Teilnehmer/ innen und Begleiter/ innen dazukommen
dass sich Gemeinden und Gemeinschaften finden, die in ihren Räumen solche
Exerzitien ermöglichen und gastfreundlich sind
dass diese Exerzitien kostenfrei stattfinden können
dass diese heilsame Einfachheit möglich ist
dass die eigene Bedürftigkeit sein darf und achtsam damit umgegangen wird
dass diese Form der Exerzitien so offen, konkret und in die Tiefe gehend ist
dass soviel Interesse aneinander und füreinander möglich ist
dass „nichts sein muss“ und „vieles sein darf“
dass die Struktur so klar ist und wie sie ist
dass einiges verrückt wird
einfach danke.

Antonie Viehoff70
Einfach ohne Schuhe
Mit brennendem Herzen
I
ch komme gerade aus Berlin zurück, wo ich zehn Tage an Strassenexerzitien
teilgenommen habe. Mein Herz und mein Kopf sind noch so voll von allen
Erfahrungen, die ich dort machen durfte, dass ich davon gerne in Kurzfassung
einige kleine, aber zentrale Aspekte aufnehmen würde.
Der Kern- und Anfangsimpuls dieser Form von Exerzitien (Üben der Aufmerk-
samkeit) kommt aus der Geschichte von Mose (Ex 3, 1-17). Mose geht mit seinen
Schafen über die Steppe hinaus in die Wüste. Er verlässt seine Komfort-Zone
und macht eigentlich etwas völlig Unsinniges. Die Schafe, die er hütet, werden
in der Wüste nichts zu fressen finden. Er aber begegnet genau dort Gott – in ei-
nem Busch der brennt, doch nicht verbrennt. „Zieh deine Sandalen aus, denn du
stehst auf heiligem Boden!“ befahl Gott.
„Überraschend begegnet uns Gott durch einen Menschen, ein Zeichen oder eine
spontane Freude in uns selbst. Er braucht keine Bedingungen, um uns zu finden.
Jeder Vergleich eines besseren oder schlechteren Weges zu ihm ist lächerlich. Gott
kommt auf uns zu, und wenn er bei uns eine geöffnete Tür findet, dann tritt er mit
seinem Frieden identitätsstiftend ein. Jeder Ort, an dem wir ihn empfangen dürfen,
wird uns heilig sein.“ (Christian Herwartz, Brennende Gegenwart).
Ich selbst bin über meine Steppe hinaus nach Berlin mit ängstlichem, suchen-
dem Herzen. Mit offenem Herzen und mit der Ausrichtung aller meiner Sinne
bin ich der Frage nachgegangen: „Wo finde ich Gott?“. Und durfte genau das von
Christian Herwartz Beschriebene erleben.
Deshalb wünsche ich Ihnen den Mut, mit brennendem Herzen über die Steppe
hinaus zu gehen und dem Wunder des Lebens (Gott) zu begegnen.
Conny
Sieben
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehen
Sieben mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
E
in Freund schenkte ihr eine Schallplatte von Karat. Diese vier Verszeilen
begleiten sie seitdem. Sie sucht die Brücke, die zu dem Ort führt, an den sie
gehört. Dort wird sie ihr Geheimnis finden.
Vor einigen Jahren traf sie in Köln einen Brückenbauer. Sie nahm an zehntägigen
Straßenexerzitien teil. Die Teilnehmerinnen leben während dieser Zeit in einfa-Einfach ohne Schuhe
71
chen Unterkünften. Tagsüber gehen sie aufmerksam durch die Stadt und suchen
nach Orten, an denen sie merken, dass ihre Sehnsucht angesprochen wird. Dort72
Einfach ohne Schuhe
bleiben sie stehen und ziehen ihre Schuhe aus. Sie erspüren mit nackten Sohlen
den heiligen Boden, den brennenden Dornbusch, der brennt und doch nicht ver-
brennt, die Liebe. Sie werden still, und in der Stille hören sie die Antwort.
Sie war stundenlang durch die Stadt gewandert. Es war ein heißer Tag. Ihre Füße
schmerzten. Ihre Wanderung hatte sie zum Neumarkt geführt. Der Neumarkt ist
ein Treffpunkt der Heroinsüchtigen. Vielen von ihnen sind obdachlos. Warum
war sie hier? Sucht hat immer eine Geschichte. Sucht sucht. Was hatte das mit
ihr zu tun?
Sie setzte sich an den Rand des Platzes. Dorthin, wo die Treppe in den Untergrund
zur U-Bahn führt. Plötzlich hörte sie eine Stimme. Der Berliner Dialekt war un-
überhörbar. „Wenn Sie ein wenig rutschen, junge Frau, haben wir beide Platz.“
Sie rutschte und er setzte sich neben sie. Er war alt. Graue Stoppelhaare standen
dicht an dicht von seinem Kopf ab. Sie erinnerten an Igelstacheln. Eine gepflegte
Erscheinung. Augen, die dahinter schauten, waren auf sie gerichtet. Sie kamen
ins Gespräch. Sprachen über sie, über Gott und die Welt. Nach über zwei Stunden
hatte sie ihm so viel von sich erzählt wie vielleicht noch nie einem Menschen.
Schon gar nicht einem fremden Menschen. Am Ende des Gesprächs erfuhr sie,
dass er vor seiner Obdachlosigkeit auf allen sieben Kontinenten der Welt Brücken
gebaut hatte. Er verabschiedete sich von ihr mit dem Wunsch, sie möge ihren Ort
finden. Sie hatte ihren Brückenbauer gefunden und ihre Suche nach dem Inhalt
für ihre Schale begann. Entschlossen stieg sie hinab in ihren Untergrund.
Die 7 Farben des Regenbogens geboren aus Licht umspannen die sieben Konti-
nente und spiegeln sich in den 7 Chakren des Menschen im Fluss des Lebens. Ein
Mandala, das in seinem Zentrum den göttlichen Funken behütet in dem alles mit
allem verbunden ist. Das Kind wird geboren, um mit seiner Gabe den göttlichen
Funken lebendig zu halten.
Sybille Pieck
Baustellenkirche
N
un also bereits der letzte Exerzitientag. Was soll man an so einem Tag schon
noch machen? Manche meiner Kurskolleg/innen möchten noch ein Museum
besuchen und es damit ausklingen lassen. Ich ziehe trotzdem nochmal los. Viel-
leicht versuche ich‘s noch einmal ohne Plan. Einfach in die S-Bahn einsteigen.
Irgendwo wieder aussteigen. Ohne Hoffnung – wie die Emmausjünger, von denen
wir heute Morgen hörten. Mal sehn.
Ein etwas trister Vorort, nichts Spektakuläres. Einander gleichende Wohnblocks
in Reihen, dazwischen Grünstreifen mit Sandkasten. Billigsupermarkt, Video-Einfach ohne Schuhe
73
verleih, Handyladen. Und endlich normale Menschen, nicht so aufgetakelt wie in
den Flaniermeilen. Irgendwie erinnert mich dieser Stadtteil an die Nachkriegs-
siedlung, wo wir lange gelebt haben und wo unsere Kinder aufgewachsen sind.
Irgendwie fühle ich mich zuhause. Ohne Stress. Nichts Besonderes erleben müs-
sen. Nichts Besonderes sein müssen. Wider Erwarten finde ich ein kleines Eisca-
fé. Und einen Platz am Plastiktischchen unter dem laufenden Fernseher.
Trotz aufdringlicher Nachrichten aus aller Welt hole ich mein Notizheft heraus
und lese noch einmal die Einträge der vergangenen Tage. Hängen bleibe ich an
einer Anleitung zur Meditation über einen biblischen Text, den wir von unserem
Kursleiter bekommen haben. Damals bin ich gestolpert über die Anweisung: Ich
stelle mir vor, wie Gott mich mit einem liebevollen Blick ansieht. Über diesen
Satz bin ich bei meiner Meditation nicht hinausgekommen. Mich soll Gott mit
einem liebevollen Blick anschauen? Ausgerechnet mich?
Ich kaufe noch ein Eis – eine besonders leckere und übergroße Portion – dann
breche ich auf. Einfach der Straße nach, den Wohnblocks entlang, immer gerade-
aus. Und plötzlich höre ich mich sagen: Kyrie eleison, Herr erbarme dich. Kyrie
eleison, Kyrie eleison, immer wieder und immer wieder. Jeder Schritt ein Kyrie,
jedes Kyrie ein Schritt. Und jetzt höre ich die Stimme von Jesus, wie der den
blinden Mann fragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Dass du mich mit
liebenden Augen ansiehst, bricht es aus mir heraus. Dass du mich mit liebenden
Augen ansiehst! Und danach wieder: Kyrie eleison, fünfmal, zehnmal. Dann: Was
willst du, dass ich für dich tun soll? Dass du mich mit liebenden Augen ansiehst!
Und wieder: Kyrie eleison, Herr erbarme dich! Uns so fort und immer fort. Ich
kann nicht mehr anders. Das Kyrie eleison gehört zu meinen Schritten, meine
Schritte werden zum Gebet, zum Schrei: Dass du mich mit liebenden Augen an-
siehst!
Ich weiß nicht wie lange ich so gegangen bin und gebetet habe. Irgendwann sehe
ich, fast erleichtert, dass ich auf eine Kirche zugehe. Vielleicht endlich ein Ort,
um zur Ruhe zu kommen und still zu werden. Vor der Kirche liegt ein Sandhau-
fen. Um den Sandhaufen herum ein rotweißes Absperrband: Baustelle. Ich gehe
um die Kirche herum, suche einen Eingang. Doch überall, wo es hineingehen
könnte, ist das rotweiße Band gespannt. An der Rückseite steht eine kleine Tür
halboffen. Ich überschreite das Absperrband und gehe hinein. Ein verstaubter
Tisch, darauf ein paar leere Bierflaschen. Vielleicht die Sakristei. Von drinnen
sind Geräusche von Bauarbeiten zu hören, verhalten. Ich gehe durch die nächste
Tür und betrete den Kirchenraum. Noch einmal Absperrband. Ich steige drü-
ber – und stehe im Chor. Ich sehe, dass die ganze Kirche eingerüstet ist. Hier
wird gearbeitet. Lauter Männer. Eine Männer-Baustellenkirche, wo die Ärmel
hochgekrempelt werden, damit etwas geschieht, damit nicht immer alles beim74
Einfach ohne Schuhe
Alten bleibt, damit sich endlich etwas verändert. Ich drehe mich zum Altar. Auf
Christo-Art ist er mit einer Plastikfolie verhüllt.
In diesem Moment fällt ein Sonnenstrahl durchs matte Chorfenster. Ich stehe
ganz im Licht. Ich bin glücklich. Vor dem Altar haben Arbeiter aus Backsteinen
und einem Brett eine kleine Sitzbank improvisiert. Ich stelle eine Bierflasche
zur Seite und setze mich. Aus mir heraus fängt es leise an zu singen. Kein Kyrie,
nein, nur „Ich lobe meinen Gott“ und „Meine Seele erhebt den Herrn“. Die Män-
ner beachten mich nicht, arbeiten in aller Ruhe weiter. Der Klang ihrer Stimmen,
ihrer Schritte, ihrer Werkzeuge hallt gedämpft unter dem Gewölbe. Ihre Geräu-
sche stören mich nicht, im Gegenteil, sie gehören zu meinem Lied dazu.
Wenn ich schon so eine Freude an dieser Baustellenkirche habe – schießt es mir
durch den Kopf –, wie groß muss dann erst die Freude Gottes über mein Baustel-
lenleben sein! Und mein Herz brennt wie das der Emmausjünger, als ihnen die
Augen geöffnet waren durch die Begegnung mit dem Auferstandenen.
Thomas Koser-Fischer
Exerzitien im Alltag
E
xerzitien im Alltag in St. Michael/ Waldemarstr. ist ein wichtiger Termin für
mich. Ohne ihn würde mir etwas fehlen. Wir treffen uns seit einigen Jahren
in der Advents-und Passionszeit und ab und zu zu den „Exerzitienzwischentref-
fen“. Mit Anstößen durch biblische Impulse und der täglichen Meditationszeit su-
chen wir in dieser Zeit in unserem Alltag die Orte und Situationen, in denen wir,
wie Mose, unsere Schuhe ausziehen möchten, teilen sie uns gegenseitig mit, und
helfen uns, sie zu erhellen und zu verstehen. Im gegenseitigen Hören, Schweigen,
Reden und am Ende mit einer Mahlzeit begleiten wir uns gegenseitig auf unse-
rem Weg, so wie die Jünger von Emmaus begleitet wurden.
Ricarda
Spende abgelehnt
E
xerzitienende: Da ich (vorläufig) das letzte Mal hier in der Suppenküche war,
wollte ich noch eine Spende los werden. Ich wandte mich deshalb an die
„Schweizerin“. Diese verwies mich aber an die indische Schwester (wahrschein-
lich die Oberin).
Bevor ich etwas sagen konnte, begrüßte sie mich mit den Worten (freundlich und
mit Handschlag (!)): „Sie sind neu hier, ich habe Sie noch nicht oft gesehen. Kom-
men Sie jetzt öfters?“ Ich: „Nein, und ich wollte mich auch verabschieden.“Einfach ohne Schuhe
75
Das Gespräch dauerte rund 10 Minuten und wurde leider öfters unterbrochen,
da einige Menschen etwas von der Schwester wollten. Ich erzählte von den Exer-
zitien auf der Straße, den Randgruppen, die wir uns ausgesucht haben, dass Gott
hier im Speisesaal gegenwärtig sei und dass ich ihn getroffen hätte. Sie war sehr
erstaunt und fragte mehrfach nach, erzählte mir auch von ihrem Mutterhaus in
Düsseldorf und dass sie mehrere Jahre in Essen war, wo es auch eine Suppenkü-
che gab. Sie fragte mich auch, ob ich Priester sei.
Zwischendurch versuchte ich mehrmals, eine Spende loszuwerden. Sie lehnte
immer höflich, aber bestimmt ab, ohne Begründung. Ich argumentierte mit: Die
anderen geben hier Lebensmittel, Sachen und Geld ab. Andere würden freiwillig
helfen und ihre Zeit opfern. Mir ginge es finanziell gut und ich verstünde ihre
Haltung nicht. Sie lächelte und sagte: „Von denen, die mit uns essen, nehmen wir
nichts an.“ Danach fragte sie mich nach meinem Namen und verabschiedete sich
freundlich von mir. Betört ging ich langsam nach draußen.
Edgar Boes
Gott hüllt sich in Schweigen
I
ch bin auf dem Weg und mache Straßenexerzitien in Berlin. Mit neun ande-
ren Personen sitze ich beim Abendessen im Gemeindehaus von St. Michael,
unserer Basis. Die Nacht ist unruhig. Ich frage mich, was mich erwarten wird.
Am nächsten Morgen verlasse ich das Gemeindehaus. Ich weiß gar nicht, wo ich
bin und laufe erst einmal so lange, bis ich auf der anderen Straßenseite ein Hin-
weisschild entdecke: „Checkpoint Charlie“. Das wirkt wie ein Magnet auf mich.
Genau da muss ich hin!
Angekommen studiere ich an der östlichen Galeriewand die politischen Ereig-
nisse am damaligen Grenzübergang. Ich sehe Bilder von Adenauer, Ulbricht,
John F. Kennedy, Willy Brandt. Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich
genau. Meine Mutter war Flüchtling, kam in den Westen. Doch ihre Geschwister
mit Familien blieben hinter der Mauer. 1963 wurde mein Onkel in seiner Mittags-
pause erschossen, hinterrücks. Angeblich wollte er fliehen. Meine Tante, die sich
anschließend immer wieder kritisch über das Regime äußerte, durfte die DDR
nie verlassen, auch als Rentnerin nicht. Den Fall der Mauer hat sie nicht mehr
erlebt und ich habe sie nicht kennengelernt. Ich bin eine Betroffene.
Ich kreuze zur westlichen Wand. Die „Mauertoten“ fangen an, mich zu inter-
essieren. Das sind die Menschen, die sich nicht einsperren lassen wollten, die
alles, auch ihr Leben, dafür riskiert haben, frei zu sein. Ich vertiefe mich in Peter
Fechters Schicksal. Hier an dieser Stelle, am Checkpoint Charlie, ist er unter den76
Einfach ohne Schuhe
Augen der Westmächte und anderer Zuschauer auf der Westseite beim Fluchtver-
such elendiglich verblutet. Wegen der angespannten politischen Lage zwischen
Ost und West hat niemand sich getraut zu helfen. Das ist kaum fassbar, ich bin
empört. Wie grausam ist denn das?! Unmenschlich und feige! Aber hätte ich
anders gehandelt? Resigniert stelle ich fest, dass auch ich wahrscheinlich weg-
geschaut hätte. Was tue ich heute gegen unmenschliche Zustände, Willkür oder
Grausamkeit? Nichts. Ich hole meinen Notizblock hervor und schreibe meine
Gedanken zu den Themen „Mauer“, „Flucht“ und „Freiheit“ auf. Jeden Tag zieht
es mich nun zum Checkpoint Charlie und von hier auf den Weg der Mauertoten.
Einmal laufe ich sogar anderthalb Stunden bis zur Bernauer Straße. Dort gibt
es eine Gedenkstätte, in der jeden Tag eine Andacht für einen der Mauertoten
gehalten wird. Daran möchte ich teilnehmen.
Als ich eines Tages wieder einmal am Checkpoint Charlie vorbeilaufe, taucht
wie aus dem Nichts bei mir die Frage auf, warum Peter Fechter dort verbluten
musste, obwohl doch Jesus für uns gestorben ist und sein Blut bereits für uns
vergossen hat. Ich stelle die Frage bei der abendlichen Austauschrunde in der
Gruppe. Unser Betreuer, ein Pater, gibt mir den Rat, die Frage direkt an Gott zu
richten.
„Aber wie soll Gott denn mit mir reden?“, frage ich.
„Nun, vielleicht träumst du etwas“, sagt er.
„Na klar“, sage ich ironisch. Trotzdem nehme ich mir vor, offen zu sein.
Am Morgen wache ich auf und habe den Gedanken „Lehrter Bahnhof“ im Kopf.
Ich frage mich, was ich damit anfangen soll. Auf dem Stadtplan kann ich den
Bahnhof nicht finden und erfahre, dass an dieser Stelle nun der Hauptbahn-
hof steht. Egal, ich laufe trotzdem hin. Aber an welcher Stelle dort soll ich Gott
fragen? Dieser Bahnhof ist riesig und hat mehrere Etagen. Und weil er viele
Geschäfte hat, mache ich zuerst einen Einkaufsbummel. Dann suche ich einen
geeigneten Platz, um mit Gott zu reden. In der Nähe eines Blumenstandes, mitten
im Getümmel, halte ich an. Ob dieser Platz geeignet ist, weiß ich nicht. Ich stelle
meine Tüten ab und lege los, das heißt, ich frage Gott nach dem Warum. Nichts
passiert. Gott hüllt sich in Schweigen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch nichts
anderes erwartet. Also mache ich mich auf zum Kanal und zum daran angren-
zenden Invalidenfriedhof. Auch hier starben Menschen auf der Flucht, beim Ver-
such, den Kanal nach Westen zu durchschwimmen beziehungsweise die Mauer
zu überwinden, die den Friedhof teilte. Von dort soll es einen Weg zur Bernauer
Straße geben, wo ich noch einmal hin möchte. Ich schaue in den Kanal, versuche
mir vorzustellen, wie es damals war. Das Wetter ist trübe und mich fröstelt. Auf
dem Friedhof vertiefe ich mich in die Schautafeln, auf denen die missglückten
Fluchtversuche beschrieben sind.Einfach ohne Schuhe
77
Den Weg zur Bernauer Straße kann ich aber nicht finden, stattdessen stehe ich
vor einem Wohnblock. Sackgasse. Und auf einmal habe ich keine Lust mehr auf
die ganzen Toten.
Ich atme tief durch und kehre um. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof kommt
mir immer wieder derselbe Vers aus Psalm 10 in den Sinn: „Be still and know
that I am God.” Auf Englisch, weil ich ihn in einer englischen Gemeinde gehört
habe, als ein junger Mann tödlich verunglückt ist. Ich denke an Hiob, als Gott
ihn fragt, wo er denn gewesen ist, als Er die Welt erschaffen hat. Ich nehme es als
Antwort auf meine Frage nach dem Warum und sie lautet: Es geht mich nichts
an, was Gott macht oder zulässt. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die
wir Menschen eben nicht verstehen. Kurz: Ich soll mich erst einmal um mich
selbst kümmern. Ich kann es in diesem Moment akzeptieren.
Und dann bricht plötzlich die Sonne hervor und ich sehe den Bahnhof, der früher
unter einem anderen Namen mit so viel Leid verbunden war, in goldenes Licht
getaucht, das sich strahlend in den vielen Scheiben bricht. Ein überwältigender
Anblick, ein Naturschauspiel! Ob das Gott war, der mir doch noch geantwortet
hat? Ich weiß es nicht. Ich beschließe aber, die Toten ruhen zu lassen, wenn ich
ein letztes Mal an der Stelle war, an der Peter Fechter verblutet ist. Doch als ich
ankomme, ist dort ein Auto geparkt. Ok, ich habe verstanden.
Elke Plutz
Aufmerksam werden
I
n den letzten zehn Jahren wurde bei Kirchen- und Katholikentagen eine Auf-
merksamkeitsübung angeboten. Jeweils etwa fünfzig Menschen gingen zwei
oder drei Stunden auf die Straßen der Stadt. Als Hilfestellung bekamen sie zwei
Sätze aus dem Lukasevangelium (10,3+4) mit auf den Weg. In diesem Bibeltext
bereitet Jesus 72 JüngerInnen darauf vor, in die Städte und Ortschaften zu gehen,
in die er noch kommen will.
Anschließend erzählten die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen von ihren
überraschenden Erfahrungen. Ähnlich nahm Jesus sich die Zeit, den Jüngern zu-
zuhören. Bei uns hörten jeweils einige BegleiterInnen mit Erfahrungen aus Stra-
ßenexerzitien zu. Jetzt möchte ich Sie, die LeserInnen dieser Zeitschrift, einladen,
sich auf solch eine Zeit der Aufmerksamkeit einzulassen. In den nächsten Heften
will ich noch mehr über den Einstieg in die Exerzitien auf der Straße schreiben.
In der biblischen Vorlage weist Jesus zuerst auf die Situation hin, die die Jünger
vorfinden werden. Ähnliches gilt auch für uns. Sie gingen aus dem geschützten
Kreis der Jünger hinaus in ein oft feindlich gesinntes Umfeld. Hier hatten sie sich78
Einfach ohne Schuhe
im Schutz von Jesus, der wohl jeden zu Wort kommen ließ, eine Stellung erarbei-
tet. Doch das wird sich auf der Reise ändern. Ihr überschreitet eine Grenze. Legt
deshalb alle Besserwisserei ab. Hört aufmerksam zu. „Nun geht! Ich sende euch
wie Lämmer mitten unter Wölfe,“ sind die Worte Jesu.
Dann gibt Jesus noch vier Anweisungen:
1. Lasst das Futter für die Wölfe weg: „Nehmt keinen Geldbeutel mit.“ Ohne Geld
seht ihr besser eure Geschwister, die auch ohne Geld auf der Straße sind, und
könnt ihre Bedürfnis spüren: Durst, Hunger, den Zugang zu einer Toilette, Re-
genkleidung. Dann seid ihr keine Kunden mehr, deren Bedürfnisse auf Zuruf
befriedigt werden. (Auch andere Abhängigkeiten, die uns zur Beute von Wölfen
werden lassen, können wir wenigstens für einige Zeit weglassen: die Uhr, Handy,
online-Präsenz …)
2. Kauft kein Überlebenspaket ein. „Lasst auch den Rucksack weg,“ steht im Text.
Die JüngerInnen dürfen jede Absicherung vermeiden, als sich ganz auf die Frohe
Botschaft Jesu verlassen.
3. Geht in die Achtung vor euren Gastgebern. „Zieht Eure Schuhe sofort aus,“
nicht erst beim Betreten der Häuser, sondern schon hier. Vertagt eure Geste der
Achtung nicht!
Legt die Schuhe der Distanz weg: Die Schuhe mit hohen Hacken, mit denen wir
auf andere hinabsehen können – die Turnschuhe, mit denen wir oft bei Konflik-
ten schnell weglaufen – die Schuhe mit Stahlkappen, mit denen wir zutreten
können …. Jeder von uns trägt andere Schuhe (des Herzens), die eine Distanz zum
Boden und zur Wirklichkeit vor Ort herstellen.
4. „Und grüßt nicht unterwegs.“ Wie können wir diese Anweisung verstehen? Als
ich in einer überschaubaren Runde, den Text aus dem Lukasevangelium vorlas,
sprang eine ältere Ordensfrau auf und schrie geradezu: „Ich will doch nicht un-
höflich sein!“
Auch diesen Ratschlag müssen wir in unseren Alltag übersetzen. Ich schlage
vor: Lasst euch von einengenden Regeln nicht aufhalten und grüßt vielleicht mal
diejenigen, die ihr sonst nicht grüßt. Mit manchen Höflichkeitsregeln können
wir den Ruf Gottes in den Hintergrund drücken. Er wird in vielen Alltagskon-
ventionen beiseite geschoben.
Was sehen wir alles – auch in gewohnter Umgebung – neu, wenn wir einige ver-
traute Dinge weglegen? Anschließend hilft ein Gespräch mit FreundInnen die
Erfahrungen zu sichten. Manchmal weitet unseren Blick das Lesen der Erfah-
rungsberichte auf der Webseite: http://www.strassenexerzitien.de
Christian HerwartzEinfach ohne Schuhe
79
Gott auf der Straße suchen und finden
D
amit wir klug werden“ hieß das Motto des Kirchentages. Klugheit, was ist
das eigentlich? Sicherlich mehr und etwas anderes als rationale Vernunft,
Intellekt, Berechnung, formale Logik, obwohl all dies auch Teil jener Klugheit
sein kann, von der die Bibel spricht. In Psalm 90 heißt es: „Herr, lehre uns beden-
ken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“. Die biblische Klugheit
erwächst aus der Erfahrung und Erkenntnis unserer eigenen Endlichkeit oder –
wie Paulus gesagt hat – aus der Erkenntnis, dass unsere Erkenntnis so wie unser
gesamtes Leben fragmentarisch ist, Stückwerk. Und doch gibt es ein Unterwegs
sein, ein Vorwärts-Streben, eine Suche unter uns, Sinn und Ziel des Lebens tiefer
zu erfassen, lebensklüger und auch gottesklüger zu werden, das Geheimnis zu
umkreisen, das wir Gott nennen.
Rainer Maria Rilke, der in seinem „Brief an einen jungen Dichter“ den Jüng-
ling dazu ermutigt, lange Zeit ohne Konzepte und fertige Antworten zu leben,
schreibt:
„Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fra-
gen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer
sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines
fremden Tages in die Antworten hinein.“
Das gilt auch und vor allem bei der Frage nach Gott. Nochmals Rilke:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“
Die Suche nach Gott ist ein Prozess, ein Weg. Die jüdisch-christliche Tradition ist
im Wesentlichen eine Tradition des Unterwegsseins. Abraham muss alles Ver-
traute verlassen und sich auf den Weg machen, um das Land der Verheißung
zu finden. Mose erlebt am brennenden Dornbusch Gott als denjenigen, der ihn
auf einen riskanten Weg schickt, in die Höhle des Löwen, um die versklavten
Hebräer zu befreien. Mose hat nichts als die Verheißung: „Ich bin da. Und ich
werde mit dir sein!“ Jesus war Wanderprediger. Die wichtigsten Gespräche, Be-
gegnungen und Heilungen ereignen sich unterwegs auf den Straßen und Wegen80
Einfach ohne Schuhe
Palästinas. Und Jünger sein, das bedeutet Vertrautes verlassen, aufbrechen, mit-
gehen, ihm nachfolgen. Gott auf der Straße suchen. Ohne äußere Absicherungen,
ohne Netz und doppelten Boden. Kein Geld sollen seine Boten mitnehmen, kein
Brot, so lesen wir bei Markus. Matthäus verschärft es sogar noch: nicht einmal
Schuhe sollen sie anhaben und keinen Stock zur Selbstverteidigung mitnehmen.
Wehrlos sollen sie sein und sorglos und sich der Verheißung anvertrauen, dass
der himmlische Vater weiß, was sie brauchen.
Ich habe in den vergangenen Tagen etwas sehr Berührendes erlebt. Am Pfingst-
sonntag kam eine Frau aus Berlin in die Martinsmesse, unseren Abendgottes-
dienst im Spirituellen Zentrum. Am Ende erzählte sie von einem Experiment.
Teil ihrer Ausbildung als Geistliche Begleiterin war ein „Sozialpraktikum“. Aber
weil sie ohnehin sozial stark engagiert ist mit obdachlosen und ausgegrenzten
Menschen in Berlin-Kreuzberg, spürte sie, dass etwas ganz anderes dran ist für
sie. Bei Exerzitien war sie der Geschichte des Propheten Elia begegnet, den Gott
in die Fremde schickt mit dem Versprechen, ihn zu versorgen. Elia erlebt, wie
ihn eine arme Witwe aufnimmt, er erlebt, als er hungrig ist, wie ein Rabe kommt
und ihm Brot und Fleisch bringt. Andrea, diese Frau, hatte den Eindruck, ihr
Praktikum müsse ein Elia-Experiment des Vertrauens sein. Sie beschloss, zwölf
Tage lang nach München zu fahren und dort ohne einen Pfennig Geld zu leben.
Davon erzählte sie am Ende unseres Gottesdienstes. Wir luden sie ein, die erste
Nacht in unserer Pilgerherberge zu schlafen. Zwei Jakobspilger waren ohnehin
da. Und eine alte Dame, die selbst nur das Nötigste zum Leben hat, gab ihr eine
Adresse und einen Schlüssel und sagte: „Ich habe ein Zimmerchen, das leer
steht. Da kannst du ab morgen wohnen!“
Am Pfingstmontag teilte Andrea mit den Pilgern das Brot, das sie am Vortag von
dem Geld gekauft hatte, das sie durch Flaschensammeln zusammen gekriegt hat-
te. Die Pilger hatten nicht gedacht, dass die Läden am Feiertag geschlossen sind.
So wurde die mittellose Andrea selbst zur Gastgeberin! Einige Tage später saß sie
selbst hungrig und erschöpft im Englischen Garten. Das Flaschensammeln hatte
sich als schwierig erwiesen, weil sie gemerkt hat, dass sie dadurch wirklich
Bedürftigen die Einnahmen stibitzt. Das alles erfuhren wir im Gottesdienst am
vergangenen Sonntag. Originalton Andrea: „Und was jetzt passiert ist, trau ich
mich fast nicht zu erzählen. Es klingt zu kitschig, und ich kann verstehen, wenn
ihr die Geschichte nicht glaubt! Aber als ich dasaß, hungrig und im Nieselregen,
da kam ein Rabe! Jawohl ein Rabe wie in der Eliageschichte! Aber da ich Vege-
tarierin bin, hatte er kein Fleisch dabei. Dafür aber einen wunderschönen roten
Apfel. Den legte er neben mir ab und flog davon! Der Apfel war völlig unbeschä-
digt bis auf die kleine Spur des Vogelschnabels im Fruchtfleisch. Die konnte ich
rausschneiden. Der Apfel war wunderbar!“Einfach ohne Schuhe
81
Ein Experiment mit einem Gott, der offensichtlich Humor hat und ein Meister
der Inszenierung ist. Er zeigt sich gern da, wo wir aufbrechen ins Unbekannte
und Ungesicherte. Wir finden ihn eher auf der Straße als in festen Häusern. Ig-
natius von Loyola, der Erfinder der Geistlichen Übungen und Exerzitien, sprach
davon, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Jesus sagt im apokryphen
Thomasevangelium, Logion 77: „Spaltet das Holz und ich bin da, hebt den Stein
auf, und ihr werdet mich finden“. Deswegen hat er seine Leute immer wieder
hinausgeschickt auf die Straße. Und er selbst war ständig in Bewegung – und
trotzdem aufmerksam und achtsam.
Viele Heilungsgeschichten beginnen damit, dass Jesus auf dem Weg innehält
und dass er etwas sieht, was seine Jünger zunächst übersehen. Zum Beispiel Jo-
hannes 9,1: „Im Vorübergehen sah er einen Mann, der war von Geburt an blind!“
Während die Jünger sofort diskutieren, wer schuld ist an der Misere des Blin-
den, sein Karma oder seine Eltern, wendet sich Jesus diesem Menschen zu. Er
bestreicht die Augen des Blinden mit einem Brei aus Speichel und Humus und
schickt ihn zum Teich Siloah, um sich zu waschen. Auch der Blinde muss aufbre-
chen, um Heilung zu erleben. Und dann ist Jesus erst einmal weg, und der Mann
muss sich im Dschungel von Nachbarschaft, Elternhaus und religiösen Behörden
bewähren und daran wachsen.
Die Straße, der Weg: Jesus nennt sich im Johannesevangelium selbst den „Weg“,
und der erste Namen, den man den Christen gab war „Die Leute des Weges“ nach-
zulesen in Apostelgeschichte 9,2. Wenn Jesus seine Leute auf den Weg schickt,
dann meinen sie oft, ihre Hauptaufgabe sei es, Gott in die Welt zu tragen, zu
missionieren. Aber die Erfahrung, die diejenigen machen, die sich senden lassen,
sieht ein wenig anders aus: Sie stellen erstaunt fest, dass Gott längst da ist, wo
sie hinkommen. So wie Paulus in Athen den Altar des Unbekannten Gottes ent-
deckt hat. Auf der Straße entdecken die Jünger Jesu, dass sie in der Begegnung
mit Fremden, mit Andersdenkenden und Andersglaubenden, dass sie gerade am
Rand der Gesellschaft und der verfassten Kirche selbst transformiert werden.
Deswegen ist es so genial, wenn Papst Franziskus die Kirchenchristen auffor-
dert, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Nicht nur, um Gott dort hinzutra-
gen, sondern um Gott zu suchen und zu finden.
Christian, du hast einmal gesagt: „Jeder Mensch ist ein wandelnder Taberna-
kel“. Für Nichtkatholiken: Tabernakel ist das Häuschen, in dem die Hostie, das
gewandelte Abendmahlsbrot, die Gegenwart Gottes aufbewahrt und angebetet
wird. Ich wünsche uns, dass wir auf unseren Wegen in diesen Tagen auf dem Kir-
chentag etwas davon spüren und erleben: Gott in allem, in jedem Mitgeschöpf, in
jedem Mitmenschen. Er ist schon da.
Andreas Ebert82
Einfach ohne Schuhe
München ohne Geld
A
m ersten Tag meines sozialen Experimentes stand ich am Pfingstsamstag
in der Fußgängerzone in München, bei regnerisch-kühlem Wetter. Am Vor-
abend hatte ich meine Regionalgruppe über mein Vorhaben knapp informiert
und bei Susanne aus unserer Gruppe übernachtet. Nun stand ich da, alleine,
ohne Plan und Geld, wie ich die nächsten 12 Tage und 11 Nächte in München
leben sollte. Ich hatte zwei kleine Rücksäcke dabei mit etwas Wechselwäsche,
Regenschutz, einem Schlafsack und einer dünnen Alumatte. Mein „Reichtum“
war ein altes Fahrrad mit großem Korb auf dem Gepäckträger, das mir Susanne
für meine Zeit in München geliehen hatte. Meine Freunde in Berlin wussten
nicht, was ich in München vorhatte, mein Mann und meine Kinder auch nicht.
Ich hatte mich einfach für 12 Tage Sozialpraktikum abgemeldet. Über etwas zu
reden, wovon ich selbst keine Ahnung hatte, wie es werden sollte, das wollte ich
nicht. Ich war mir sehr sicher, dass ich genau dieses Sozialexperiment machen
sollte. Ich hatte mich schon Tage zuvor darauf gefreut, nicht in eine Einrichtung
eintauchen zu müssen, wo ich wieder neue Regeln lernen müsste. Ich hatte schon
so viele Projekte in Berlin: die Kommunität Naunynstraße mit den Menschen
aus aller Herren Länder, aus Psychiatrie, Gefängnis und Flucht, mit meinen Men-
schen aus dem Hospiz, durch meine gewerkschaftliche Beratung von Menschen
in sozialen Krisensituationen und auch mit meinen pubertierenden Jungs zu
Hause.
So war dann auch das Erste, was mich in München an diesem ersten Morgen
traf, ein Gefühl ungeheurer Freiheit: Freistellung von allen Rollenverpflichtun-
gen! Dann fiel mir aber irgendwann ein, dass die beiden Pfingstfeiertage bevor
standen, Tage, an denen man kein Flaschenpfand eintauschen kann und die Le-
bensmittelgeschäfte nicht offen haben. Ich sammelte ein paar Flaschen, Wert
2,50 Euro, am Hauptbahnhof aus ankommenden ICE ein und kaufte mir davon
bei einem Discounter neun Scheiben Roggenvollkornbrot für 49 Cent! Und einen
Camembert für 1,09 Euro. Damit war das Versorgungsproblem erst mal verges-
sen. Wasser füllte ich mir immer an öffentlichen Wasserstellen in zwei Plastik-
fläschchen ab.
Das Übernachte gestaltete sich schwieriger. Ich war sehr ruhig, hatte aber kei-
ne Ahnung. Für die Nacht waren Dauerregen und 5 Grad gemeldet. Ich schlief
letztlich in einer kleinen Kirche, in der mich ein Klosterbruder einfach bis zur
Pfingstmesse am nächsten Morgen verweilen ließ. Am Pfingsttag überfiel mich
eine riesige Dankbarkeit, die erste Nacht und den ersten Tag überlebt zu haben
und so reich beschenkt worden zu sein. Die zweite Nacht verbrachte ich mit zwei
Jakobswegpilgern in der Pilgerherberge auf Matten in dem Spirituellen ZentrumEinfach ohne Schuhe
83
St.Martin. Dort hatte ich am Abend Gottesdienst mitgefeiert und mit den Pilgern
zusammen einen persönlichen Segen des Pfarrers erhalten, eine Kostbarkeit für
meinen Weg. Die dritte Nacht schlief ich in dem Klassenzimmer einer Lehrerin,
und ab der vierten Nacht hatte ich die Witwe des Elija (1 Kön) gefunden, der Gott
befohlen hatte, für Elija zu sorgen, was ich in den Exerzitien unserer Fortbildung
im April dieses Jahres mehrere Tage aus einem Augenwinkel mitmeditiert hatte,
als ich immer wieder Elija-Texte las. Diese Witwe wohnt nun in München und
streckte mir am Ende eines Gottesdienstes in St. Martin ihre Visitenkarte und
ihre Wohnungsschlüssel entgegen und lud mich für den Rest der Zeit in ihr Gäs-
tezimmer ein. Nun war die Zeit zwischen etwa 22 Uhr am Abend und morgens
ca. 5.30 Uhr abgesichert. Ich prüfte kurz, ob das zu viel Absicherung war, aber
Elija war bis ins dritte Jahr bei seiner Witwe geblieben. So beschloss auch ich zu
bleiben, falls nichts anderes vorfalle.
Nach fünf Tagen hörte der Regen auf und das Leben auf der Straße wurde leich-
ter. Nach dem ersten warmen Abend lag der Englische Garten morgens voller
Pfandflaschen wie die Wüste voller Manna. Nur musste ich vor 6 Uhr da sein,
also bevor die Müllabfuhr und die professionellen Sammler kamen. Zum Haupt-
bahnhof ging ich nicht mehr, die professionellen Sammler und die kriminellen
und zwielichtigen Strukturen waren mir unheimlich geworden, weil ich plötz-
lich sah, wer hier nicht als Reisender war und dass die das von mir auch sahen.
Diese Regeln wollte ich nicht genauer kennenlernen. Auch bei Mac Donalds, wo
ich, wenn es finanziell möglich war, einmal am Tag einen Kaffee für einen Euro
trank, mein ganzer Luxus, fragte man mich nur am ersten Tag, ob ich sonst
noch was wolle, ab dem zweiten gehörte ich zu den Stammgästen, denen man
nur freundlich sagt, „Zucker und Milch sind rechts, bedienen Sie sich“. Welche
Würde, Gast sein zu dürfen, einfach Kunde und nicht Bettler. Am 5. Tag landete ein
Rabe neben mir im Gras, der Rabe, der Elija Brot und Fleisch brachte, er brachte mir
einen wunderschönen roten Apfel, weil ich mich doch vegetarisch ernähre, erklärte
mir eine Dame im Gottesdienst am nächsten Sonntag, Gott habe eben Humor. Ich
erlebte Tage voller Freiheit, voller Dankbarkeit, voller Freude, Tage, in denen Gott alle
Wege mitging, Urlaub mit Gott.
Andrea Scherer
Ein Brausen im Kopf
D
onnerstag morgen der Straßenexerzitien, die gemeinsam in einer Gruppe
seit Sonntag zuvor begonnen hatten; Ende Oktober, kalte, kurze Tage, gele-
gentlich Niederschlag. Das draußen-auf-der-Straße-sein erforderte Engagement
und Fantasie, denn so einfach war es für mich nicht, bei dem kalten Wetter in84
Einfach ohne Schuhe
dieser großen Stadt den Tag über draußen zu gestalten. Tags zuvor war ich über-
müdet gewesen und zu kaum einer Kraftanstrengung fähig. Aber heute, da stand
etwas an, das spürte ich!
Das KZ Sachsenhausen in Oranienburg knapp eine Stunde mit der S-Bahn, nörd-
lich von Berlin: Es war nicht der erste Besuch in einem KZ; in den zurücklie-
genden 20 Jahren habe ich das öfters gemacht und jedes Mal auf merkwürdige
Weise eine Art Durchgang erlebt und auch das KZ als Ort, an dem all jene nicht-
sprachliche persönliche Gewalterfahrung einen Platz auf dieser Welt gefunden
hat. Also wenn man so will, fast auch eine Wohltat. Feierliche Stille herrschte
im Land Brandenburg, denn es war Reformationstag. Wildgänse zogen in der
bekannten V-Formation hoch am Himmel gen Süden.
Und dann erstreckte sich vor mir ein riesiges Areal, das so dicht an der Gro-
ßen Stadt Berlin lag. Langsam ging ich das Gelände ab, das meist grasbewach-
sen war, nur in einem kleineren Areal standen Gebäude, wie z.B. Wohnhütten,
der Erschießungsplatz und eine überdachte Gedenkstelle für die Ermordeten,
mit einem Ruinenfeld. Erschießungsplatz: eine Art Zufahrtweg war fast PKW-
garagentief, abwärts in die Erde gegraben, die Erdwände waren mit Eisenbahn-
holzbohlen verstärkt und befestigt. Dadurch ging von dem Ort ein verbrauchter
Holzgeruch aus, ähnlich wie in den Baracken. Der Bereich war offen, also nicht
überdacht.
Direkt an der „Linie“ wo die Erschießungen stattgefunden haben sollen, blieb ich
stehen, und in mir tauchte ein Bild, eher noch eine Erfahrung auf, die geradezu bi-
zarr war: Das Bild zeigte genau auf der „Linie“ so etwas wie eine Hochsprungmat-
te, die aber zumindest im oberen Teil, auf den man drauffiele, aus rosa Daunen-
matratzen und -decken bestand. Sodass es ganz leicht gewesen wäre, mit einem
leichten Schwupp sich in die wunderbar sauberen, weichen, rosa Decken hinein-
fallen oder -hopsen zu lassen. Und in dem „Bild“ habe ich das auch gemacht und
bin ganz weich und sanft gefallen. Es war im Grunde genommen wunderschön.
Und dann habe ich wieder die Augen aufgemacht, von irgendwoher kam eine et-
was lärmende Gruppe, und mir wurde das Grauen um mich her, der eklige Holz-
geruch und der Ort so tief in der Erde voll bewusst. Und mit diesen widersprüch-
lichen Eindrücken ging ich weiter. Weiter hieß, zu dieser überdachten Stelle, an
der der Getöteten gedacht werden kann. Und dann ging ich noch einmal zurück
zur Erschießungsstelle, ob das „Ganze wieder anfängt“, aber es fing nicht mehr
an. Es war ganz still – Grauen pur; aber die jüngste Erinnerung war stark und
präsent und ist es bis heute, sechs Jahre und sechs Wochen später.
Bernadette Allgeier85
Einfach ohne Fragerei
Einfach ohne Fragerei
Ohne Fragen

Fensterkreuz
alte Straßenlaterne
Lichtdunkel
kahler Baum
Berge
entberge
Stille der Frühe
Grundrauschen
der Kreuzberger
Häuserfluchten86
Einfach ohne Fragerei
D
ie Exerzitien auf der Straße sind für mich in diesem Jahr auch Exerzitien
mit der WG Naunynstraße 60 in Berlin-Kreuzberg. Einige der Menschen dort
sind mir nun seit drei Jahren vertrauter. Sie sind mir ins Herz gewachsen. Ich
staune, wie wir am Morgen und an den Abenden dort sprechen, beim Frühmahl
und beim Abendessen, auch zwischendurch in der Küche und beim Begegnen in
einem zentralen Wohnraum, an den die Schlafräume der Frauen und der Männer
grenzen. Es sind Gespräche, von denen ich sonst oft nur träume, wenn in Begeg-
nungen nicht viel mehr als „small talk“ möglich wird.
Irgend eine, irgend einer aus Naunyn 60, diesem Zusammenkommen von Men-
schen aus verschiedenen Religionen, Kontinenten, Sprachgründen, Kulturen, Le-
bensgeschicken und Lebensaltern wirft eine Frage oder ein Wort auf – und bald
ist am Tisch ein intensives und sehr differenziertes Gespräch über die großen
Themen aus Philosophie, Politik, Theologie, Kultur und Gesellschaft im Raum.
Die Differenzierung ergibt sich durch eine der Regeln der Kommunität: Wer
spricht darf ausreden. Die anderen hören es an.
Die zweite Regel wird hier so gelebt, wie ich es sonst bislang nirgendwo fand:
Wer die Türschwelle übertritt, ein neuer Gast, wird nicht befragt nach dem Wo-
her? Warum hier? Wer bist Du? Wie geht es Dir? Welche Geschichte bringst Du
mit? Was hat Dich in Not und Bedrängnis gebracht?
Es gibt etwas zu trinken (Tee und Tee und wieder Tee aller Art), etwas zu essen,
einen Schlafplatz, der Vorname genügt. Der Gast hat das erste Wort, wenn sie,
wenn er sprechen möchte.
Hier wird gelebt, was der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem
wundervollen Buch „Von der Gastfreundschaft“ bedenkt, wenn er umkreist, dass
dort, wo der Gastgeber die Hoheit der ersten Frage ausübt, Hierarchie entsteht,
Gefälle, Macht im Gespräch, Heteronomie, Setzen der Regeln, Bestimmung über
Sprache, Identität, Gesetz. Da jedoch, wo der Gast, der Fremde, die Fremde das
erste Wort erhält, in der je eigenen Sprache, im Gestus, im Schweigen, in Gegen-
seitigkeit, das MIT auf Augenhöhe entstehen kann und somit eine Weise von
Beziehung im herrschaftsfreien Gespräch in der vorbehaltlosen Annahme vor
aller Leistung und trotz aller möglichen Verstrickungen. Ich habe dies nun in
drei längeren Aufenthalten in Naunyn 60 erfahren und staune, wie unprätentiös
und ohne Idealisierung dies real im Raum ist – täglich.
Rolf, ein neuer Mitbewohner in Naunyn 60, ist dieses Mal der, mit dem ich das
Etagenbett teile, er unten, ich oben. Rolf ist Musiker, ein begabter Gitarrist und
Sänger, voller Ideen, Leben pur. Er rät mir, es vor Weihnachten mit meiner Trom-
pete auf der Straße zu probieren. „Das kommt jetzt gut bei den Leuten, Trompete
mit Advent- und Weihnachtsliedern.“Einfach ohne Fragerei
87
Er erklärt mir, wie man in Berlin einen Schein bekommt, mit dem man in Bahn-
höfen und an Plätzen Musik machen darf, ohne behördlich und polizeilich ver-
wiesen zu werden. Auf den Schein verzichte ich.
In den Tagen probiere ich mich aus als Straßenmusiker, täglich am U-Bahnhof
Prinzenstraße, auch auf dem Hermannplatz, U-Bahnhof Moritzstraße, am Bahn-
hof Jannowitzbrücke und am U-Bahnhof Hermannstraße. Ambivalente Erfah-
rungen: Glückliche Gesichter, Kinder, die ihre Eltern anhalten zum Zuhören, zum
Anfassen der glänzenden Trompete, viel Zuspruch: „Eh, Mann, du spielst jut, du
brauchst ‘nen besseren Platz. Früher hab ick och jetrötet!“- „Spiel det noch mal.
Det hab ick jahrelang nich jehört ‚Et is en Ros entsprungen‘ – det jefällt mir,
wart, ick sing mit…“ –
Ein Obdachloser erzählt mir seine Geschichte: „Ich bin Gunnar, komme von der
Ostsee, war mal Radioreporter, ganz erfolgreich. Dann ist die Frau mir weg. Habe
angefangen zu saufen. Jetzt bin ich schon drei Jahre auf der Straße. Nett, dass Du
mir zuhörst. Gefällt mir, wie Du spielst.“
Aber auch: An der Moritzstraße und an der Hermannstraße stelle ich meinen
Kasten auf ein Stück Straße vor einem Buchverlag und einem Einkaufszentrum.
Die ersten Münzen werden von Passanten in den Trompetenkoffer gelegt. Viel-
leicht 10 Minuten gespielt. Dann – jeweils – ein Wachmann (des Verlages, des
Kaufhauses) kommt: „Da, wo Sie stehen, das ist privat. Verlassen Sie das sofort,
sonst rufe ich die Polizei.“ Beim Buchverlag sage ich: „Dann gehe ich halt zwei
Meter woanders hin!“ Der Wachmann: „Dann rufe ich auch die Polizei, denn Sie
nerven unsere Angestellten.“ Als ich das dem Wachmann sage vor dem Kauf-
haus und meinen Trompetenkoffer 10 Zentimeter wegziehe in Richtung U-Bahn-
schacht, nickt der und sagt: „So ist es in Ordnung!“
Als Straßenmusiker verdiene ich nicht schlecht. Täglich etwa zwei Stunden ge-
spielt, täglich etwa 30 Euro verdient.
Wenn ich denke, dass es Menschen gibt, die etwa in der Massentierverarbei-
tungsindustrie als Zuschneider der Schweine und Rinder (ein gefährlicher Kno-
chenjob im Akkord mit enorm scharfen Messern – bis zu 10 Stunden täglich),
mitunter dies tun für 4 Euro pro Stunde… Wir können vom eingenommenen Geld
einmal wunderbar essen in der WG. Franz bereitet eine Lammkeule als Eintopf
zu – welch‘ ein Genuss!
Als ich an der Jannowitzbrücke spiele, kommen nach dreißig Minuten zwei Punks
mit Hunden: „Du gehst uns mit Deinem Getröte dermaßen auf den Sack. Seit Du
hier bist, kriegen wir da an der Treppe nix mehr!“ Ich verstehe und gehe.
Ähnlich, aber leiser an der Prinzenstraße. Im U-Bahneingang, hinter mir, fast
versteckt schräg zur Tür, ein ganz junger Obdachloser, vielleicht 17 Jahre alt,
Blick ganz nach unten, Kapuze tief ins Gesicht, darunter eine alte Weihnachts-88
Einfach ohne Fragerei
mannmütze. Nach einer Zeit kommt er raus und sagt: „Mann, seitdem Du da bist,
bekomme ich gar nichts mehr!“ Ich sage: „Das tut mir leid! Bitte nimm Dir etwas
aus dem Koffer!“ ER: „Ich würde niemals in Deinen Koffer ‘reingreifen. Das ge-
hört sich nicht!“ – Ich gebe ihm etwas und verziehe mich.
Am Tag darauf ist er nicht mehr da. Zum Ende meiner Zeit kommt eine ältere
Frau, ich spiele „In dulci jubilo“ – sie kommt näher und fängt zu weinen an. „Das
ist so schön, wie Sie das spielen. Das habe ich jetzt bestimmt zwei Jahre nicht
gehört. Ach, geht das ins Herz. Danke!“
Den Tag im Hören schließen:
was tönt die Straße,
wo ist in mir Fließen!?
Ich bin sehr dankbar den Menschen aus der Naunyn 60: Den beiden Jesuiten,
Christian und Christian, Samuel, Rainer, Rolf, Mohammed, Franz, Ibrahim, Nadi-
ne, Maria, Joy, Christina, Monika, Rana, Envr, Gaston, Boris, dem dritten Christi-
an – und wer sonst noch in den Tagen dort ankam!
Am ersten Abend ein langes Gespräch mit Envr aus der WG, ein großer Zeichner,
ein Denker, eine echte philosophische Begabung. Zwei Stunden sprechen wir,
hören aufeinander, schweigen, betrachten seine Mikrogramme aus dem Bleistift-
gebiet.
Im Nachsinnen zum Gespräch kommt mir:
Urrauschen
im Urgrund die Vielheit da und e i n s
und so
jeder Akzent sein D A
in meinem Wort
der Ausdruck D e i n e s Allwortes
in meinem Maß
die Steine sprechen Dich aus
in ihrer Gestaltformrelation
und so alles Wirkliche
wirkend D I C H
fasst D i c h ganz
im liebenden T a n z
Markus RoentgenEinfach ohne Fragerei
89
Ein Stück Himmel über dem ‚Tor zur Hölle‘
Ü
ber 8 Jahren lebte und arbeitete ich in der faszinierenden Stadt Berlin. Vie-
les habe ich erlebt und manche Entwicklungen konnte ich über die Jahre
beobachten und mit begleiten. Immer wieder wurde mir die Frage gestellt: „Wie
wird geistliches Leben in Berlin sichtbar?“
Bei dieser Frage muss ich an verschiedene Texte der Bibel denken, wo Jesus in
den Gleichnissen das Reich Gottes in Bildern uns nahe bringt. So z.B. in Lukas
13,19+20: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch in seinen Gar-
ten säte, und es wuchs und wurde ein Baum“….und „das Himmelreich gleicht einem
Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis
es ganz durchsäuert war.“ Klein, unscheinbar, von den Massen nicht beachtet
und wenig kommentiert wächst das Reich Gottes in Berlin, und man könnte es
glatt übersehen weil es meist nicht in den Schlagzeilen vom ‚Tagesspiegel‘ und
‚Morgenpost‘ zu finden ist.
Das Himmelreich in Berlin ist gleich einem kleinen Senfkorn, das in einer Wohn-
gemeinschaft in Kreuzberg zu finden ist. Sie liegt hinter dem berüchtigten ‚Kotti‘,
einem Platz wo Drogenabhängige und Junkies zu Hause sind – direkt über der
Kneipe mit der Aufschrift „Trinkteufel – das Tor zur Hölle“. Dort oben in die-
ser Wohnung finde ich einen Menschen, der nach den Grundsätzen des Reiches
Gottes lebt und wo ich spüre, dieser Platz ist ein Ort des Segens für viele und
ein Vorgeschmack des Himmels. Dort lebt Christian, ein Jesuitenpater, der sich
schon seit Jahrzehnten dort für die Belange von Flüchtlingen und Menschen am
Rand der Gesellschaft einsetzt. Er lebt in dieser Wohngemeinschaft, die für alle
und jeden offen ist. Sein Motto lautet: „Man kann von jedem Menschen etwas
lernen“. Die Menschen kommen aus Vietnam, Pakistan, Kamerun, Afghanistan
und vielen anderen Ländern. „Menschen aus über siebzig Nationen haben hier
schon gewohnt und das bedeutet 70 mal neu Gastfreundschaft zu lernen“. Er
fragt die Menschen, die zu ihm kommen und um einen Schlafplatz bitten nicht,
ob sie einen legalen Aufenthaltsstatus haben oder ob sie ‚clean‘ sind. Er schaut
nach, ob ein Bett frei ist. Sie dürfen so lange bleiben, wie sie wollen. Christian
stellt diesen Ort als logische Folge seines Glaubens dar. „Ich lese in der Bibel, und
dann kommt das dabei raus“, sagt er und „Und als Christ kann man die Tür nicht
gut zuhalten!“ Das bewegt mich und ich fühle, dass hier Reich Gottes wächst
und sichtbar wird. „ Einfach ohne“ großes Aufsehen wird dort von Christian und
anderen Bewohnern der tätige Glaube der Bibel vorgelebt. Er ist ansteckend und
vor allem für unsere heutige Zeit relevant, und das braucht Berlin.
Das wünsche ich mir noch mehr für uns, dass wir „einfach ohne“ nachzudenken
Gottes Liebe und Barmherzigkeit an Menschen, die uns begegnen, verschenken90
Einfach ohne Fragerei
und „einfach ohne“ immer nachzufragen, zu hinterfragen und auszufragen unser
Herz öffnen und unser Gegenüber reinlassen. Egal ob Flüchtling, mit Papier oder
ohne, Junkie clean oder auf dem Weg oder jemand der „einfach mal ohne Agen-
da“ mit jemand auf eine Tasse Kaffee seinen Alltag teilen möchte.
Thomas Hieber
Der lange Weg einer Heilung
Fürwahr, er lud auf sich unsere Schmerzen ….
und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes. 53, 4+5)
A
ls in unserem Land die Diskussionen um sexuellen Missbrauch losgingen,
machte mich das Thema zwar sehr betroffen, aber ich ahnte noch nicht,
dass dies eine ganz persönliche Betroffenheit war.
Ich musste über 50 Jahre alt werden, bis sich die Wahrheit des sexuellen Miss-
brauchs in der Kindheit wieder einen Weg ins Bewusstsein bahnte.
Da diese Wahrheit für das kleine Mädchen zu schrecklich war, um damit leben
zu können, wurde sie begraben und mit der Wahrheit auch ein Teil des Mäd-
chens.
Über Jahrzehnte hinweg litt ich unter einem immer wieder kehrenden Alptraum,
an dessen Inhalt ich mich nicht erinnern konnte. Nur wachte ich schreiend auf,
mit klopfendem Herzen und voller Panik. Manchmal sprang ich aus dem Bett,
weg von der Tür. Irgendwann konnte ich mich erinnern, dass jemand in mein
Zimmer kommt, der mich bedroht, dann, mit über 40 Jahren, erinnerte ich mich,
dass sich im Traum ein Mann über mich beugt, was den absoluten Horror aus-
löste.
Die Panik nach diesem Traum war so extrem, dass ich mich entschloss, eine Psy-
chotherapie zu machen. Ich ahnte, dass da irgendwas Schreckliches passiert sein
musste, aber ich hatte auch Angst vor der Wahrheit. Ich versuchte den Gedanken
an sexuellen Missbrauch zu verdrängen. Da kam mir die Therapeutin sehr entge-
gen, die mir nach einigen Sitzungen erklärte, dass ich so viel in meiner Kindheit
erlebt habe, dass sich diese Alpträume auch ohne sexuellen Missbrauch erklä-
ren lassen. Ich brach die Therapie nach kurzer Zeit ab, war aber beruhigt und
beschloss, dass die Träume nun weg sein werden. Sie verschwanden wirklich,
und die nächsten 7 Jahre hatte ich Ruhe. Aber als ich begann, davon unabhängig
mich mit mir auseinanderzusetzen, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäf-
tigen, war der Traum plötzlich wieder da. Mit voller Wucht erschien der Mann
wieder. Ich geriet noch einmal an einen Therapeuten, der mich beruhigte und ichEinfach ohne Fragerei
91
ließ mich auch gerne entgegen meiner Ahnung beruhigen, aber ein Jahr später
brach die Wahrheit dann heraus.
Während eines Gruppencoachings, als der Coach mit einer anderen Teilnehmerin
darüber spricht, dass der Körper nicht lügt, trifft mich die Wahrheit mit voller
Wucht. Es schießt mir durch den Kopf, und der Mann wollte mir Böses!
Mein Herz rast, mein Unterleib verkrampft sich, ich ziehe automatisch die Beine
an, möchte mich am liebsten verkriechen.
Ich kämpfe mehrere Stunden mit mir, dann spreche ich das Thema an und ak-
zeptiere die Wahrheit. Ich komme zu dem Schluss, dass es mein Großvater war,
der sich an mir schuldig gemacht hat, und als die Tränen fließen, verspüre ich
auch eine Art Befreiung. Die nächsten Tage sind gefüllt mit Trauer, aber gleich-
zeitig habe ich das Gefühl, dass der Deckel vom Dampfkocher abgenommen wur-
de. Ich spüre mich plötzlich ganz anders. Ich genieße eine ungeahnte Freiheit.
Ich beobachte, wie ich ganz anders aus mir heraus komme.
Dann schleicht sich die Routine ein, und immer häufiger frage ich mich, ob ich
mir das nicht alles nur eingeredet habe.
2 Jahre später beginne ich noch einmal eine Therapie, diesmal bei einer sehr
guten Therapeutin, die es schafft, mich an Erinnerungen heranzubringen, die
sehr gut abgekapselt waren. Ich durchlebe noch einmal die Gefühle des klei-
nen fünfjährigen Mädchens, das seinen beiden Opas ausgeliefert ist, und von
niemand beschützt wird. Es ist einfach nur schrecklich, dieses Verlasen- und
Ausgeliefertsein, die Angst und die Scham.
In diesem Moment entscheidet das kleine Mädchen, dass es niemandem vertrau-
en kann, keiner hat ihr geholfen, weder Vater noch Mutter noch sonst jemand
hat sie beschützt. Und sie sieht wie Gott durch das Fenster des Kinderzimmers
zuschaut bzw. bei ihr ist. Und in diesem Augenblick entscheidet sie, dass sie von
nun ab nur noch Gott vertrauen kann. Er muss sie nun an die Hand nehmen.
Nach der Therapiesitzung bin ich völlig erledigt. Dies war die erste Sitzung, wo
nichts aber auch gar nichts Gutes zu finden war. Wenn ich meine Beziehung
zu meinen Vater oder meiner Mutter angeschaut hatte, gab es zwar auch viel
Schmerz, aber es ließ sich auch immer Gutes finden.
Nur bei Missbrauch gibt es nichts Gutes! Auch wenn ich die Erinnerung begraben
hatte, die Ereignisse haben dennoch mein ganzes Leben beeinflusst. Es hat mein
Vertrauen in andere Menschen zerstört und mich meiner Weiblichkeit beraubt.
Das erzeugt Wut und natürlich viel Traurigkeit. Aber mein Leben geht weiter
und ich kann es jetzt anders leben. Der Vers „Die Wahrheit wird euch frei ma-
chen“ bekommt eine ganz andere Bedeutung für mich.
Die nächste Sitzung war dann auch schon wieder sehr viel positiver, und ich
entscheide aus Missbrauchsstrukturen auszubrechen.92
Einfach ohne Fragerei
Als erstes handele ich 7 Wochen Überstundenabbau aus. Ich möchte die Zeit
nutzen, mich mit mir zu beschäftigen und mit meinem Verhältnis zu Gott. Ich
spüre seit Jahren, dass eine berufliche Neuorientierung ansteht, und ich brauche
Zeit, nachzudenken,
So beschließe ich die ersten zwei Wochen in einem Kloster zu verbringen, um
wirklich Zeit für mich und für Gott zu haben. Ich recherchiere im Internet und
fühle mich zur Kommunität Volkenroda hingezogen. Dort verbringe ich 2 wun-
dervolle Wochen mit Gott. Die erste Woche rede ich noch und nehme an den
Gesprächen im Kloster teil. Dann zieht es mich mehr und mehr in die Stille und
die zweite Woche verbringe ich im Schweigen. Ich bin völlig überwältigt, wie
Gott mir begegnet und wie er an mir arbeitet. Zuerst geht es um Heilung! Bevor
ich mich neu orientieren kann, bevor ich etwas für Gott tun kann, heilt er meine
Wunden. Der Missbrauch kommt hoch und ich erinnere mich an das Bild, wo das
kleine Mädchen Gott erlebt, wie er durchs Fenster zuschaut, als sie missbraucht
wird. Ich habe Gott in der Ferne erlebt.
Ich denke an den Vers: Und Gott rief aus der Ferne, ich habe dich je und je geliebt
und aus lauter Güte zu mir gezogen.
Das hatte Konsequenzen für mein Leben. Mich in Gottes Hand zu begeben, da ich
Menschen nicht mehr trauen konnte, war eine Entscheidung mit dem Verstand.
So blieb das Gottvertrauen auch oft im Kopf. Im Gebet zeigt mir Gott eine Puf-
ferzone um mein Herz, wo er nur ab und an durchdringen kann. Und ich denke
zurück an die Fünfjährige und ich fühle mich verlassen, frage mich, warum hat
mich Gott verlassen, warum war er mir fern? Wie kann ich ihn an mein Herz
lassen, wo er mir doch auch nicht geholfen hat? Ist er an mir schuldig geworden?
Ist Gott an so vielen Menschen schuldig geworden? Muss ich ihm vergeben? Darf
ich so denken? Und dann denke ich an Jesus, wie er am Kreuz hängt und sagt,
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Ja, ich war verlassen, aber ich befinde mich in guter Gesellschaft!
Jesus wurde auch verlassen. Das gibt ein wenig Trost. Am Nachmittag sitze ich
auf einer Bank auf dem Klostergelände und eine Gruppe, die dort ein Seminar
hat, stellt sich unweit hin. Der Redner liest 2 Verse vor:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und
„Er lud auf sich unsere Schmerzen … und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Er lässt den Teil dazwischen weg.
Ich spüre, wie Gott zu mir redet. Jesus wurde von Gott verlassen, so dass er all
die Wunden derjenigen, die auch verlassen wurden, heilen kann.
Er ist gestorben, um meine Wunden zu heilen. Bisher sah ich das Kreuz nur als
den Ort, wo Jesus für meine Sünden zahlt. Nun erfahre ich, dass er dort auch für
meine Wunden gestorben ist. Er hängt am Kreuz für Opfer und Täter!Einfach ohne Fragerei
93
Der Heilungsprozess geht weiter. Am nächsten Tag geht mir das Lied nicht aus
dem Kopf: „Warst du da, als sie kreuzigten den Herrn?“ Ich sehe Jesus am Kreuz
auf einem Hügel, weit weg von allen anderen, völlig allein, verlassen, und dann
die Frage, war ich dabei? Ja, ich war dabei als ich selber gekreuzigt wurde. Miss-
brauch ist wie eine Kreuzigung. Die Verlassenheit, Ausweglosigkeit, das Ausge-
liefertsein, die Schande und die Scham.
Aber das Lied hat noch andere Strophen. „Warst du da als sie ihn ins Grab legten
und warst du da als sie den Stein wegrollten?“
Auch ich wurde begraben. Meine Weiblichkeit und mein Vertrauen in andere
Menschen wurden zu Grabe getragen. Ich habe mich dann in die Autonomie ge-
flüchtet und „meinen Mann gestanden“. Ich war immer sehr lebenstüchtig, und
dennoch blieb da eine Sehnsucht.
Aber wie Jesus durfte auch ich wieder auferstehen, der Stein wurde weggerollt.
Der Deckel vom Dampfkochtopf gehoben.
Überwältigt von Gottes Liebe zu mir habe ich mich heilen und in seine Arme
fallen lassen.
Das, was in der Therapie bereits aufgearbeitet wurde, durfte ich nun noch ein-
mal in seinem Licht sehen und von seiner Liebe besiegeln lassen.
Marlies
Zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche:
Sind wir Gott?
M
anchmal habe ich den Eindruck wenn ich die gezielt immer wieder auf-
tauchenden Zeitungsartikel gegen die katholische Kirche lese. Gezielt und
ablenkend von den täglichen Missbräuchen vieler anderer Gemeinschaften, El-
ternhäuser und der täglichen Brutalität der Medien. Manche Gruppierungen der
Alt-68-er auch erwähnt.
Ein ebenso brisantes Thema ist der Missbrauch in den geschlossenen Abteilun-
gen der Psychiatrien. Worüber keiner schreibt oder redet. Wenn heute foren-
sische Gutachter bei Gericht ehemalige Ärzte sind, die an sedierten Patienten
forschten. Das will keiner wissen.
Der tätliche Missbrauch der Eltern gegenüber ihren Kindern, wieviel Gewalt
passierte unsichtbar für die Öffentlichkeit hinter den Mauern der Elternhäuser.
Reden wir doch einfach mal über die Prügel, die angstmachenden Verhaltens-
weisen mancher Eltern hinter den Kulissen.
Sind wir Gott? Nein wir sind NICHT Gott. Es steht uns nicht zu zu richten, es lässt
sich aber auch so nicht leben. Das sündhafte Verhalten eines Paters verurteile94
Einfach ohne Fragerei
ich bestimmt – aber ich werde diesen Menschen nicht verurteilen, nicht wieder
kreuzigen.
Es gibt so viele Menschen die schuldig werden, es gibt heute aber eine ebenso
schlimme Gnadenlosigkeit, einen shitstorm, eine unbarmherzige Verurteilung.
Fast eine Todesstrafe. Wie im Alten Testament. Das stimmt mich nachdenklich.
Wie kannst Du einer Kirche zugehören, die SO WAS TUT!!!
Ich sehe die Verfehlungen klar, aber nennt mir EINE Gemeinschaft, die rein wie
ein weißes Leinentuch ist? Es sind Menschen, klar das soll keine Ausrede sein,
aber dort wo Menschen leben geschehen täglich wahnsinnige Dinge, Trennun-
gen von Gott und dem, was er mit uns eigentlich will.
Ich bin katholisch, weil ich da meine Heimat habe, weil das Vaterunser mich
verbindet mit meiner tiefsten Kindheit, das damals mit dem Jetzt. Und weil ich in
dieser Gemeinschaft einen gnädigen Gott kennengelernt habe, der mir geholfen
hat, die große Schuld und Ungerechtigkeit, die mir widerfahren ist, abzulegen.
Weil ich erfahren habe, dass Gnade und Barmherzigkeit bei mir selber anfängt.
In der Umkehr zu Jesus.
Ich bin katholisch und ich finde unseren Papst genial. Das gefällt Dir nicht? Dann
erkläre mir, warum Du erst die Bestätigung einer Obrigkeit brauchst um GLAU-
BEN zu leben.
Mensch, Du selbst bist ein winziges Zahnrad im Getriebe Kirche, Du selbst bist
Gemeinde, und wenn Dein Glaube gestorben ist weil Patres Schüler missbraucht
haben, dann fehlt es mir an Deiner persönlichen Meinung… ich möchte mit Dir
über Deinen (lebendigen) Glauben sprechen, nicht über das was andere getan
haben.
Was würde Jesus tun, sagen und uns raten? Ich glaube barmherzig zu sein, und
dem der gefehlt hat sagen: Kehr um und sündige nicht mehr. Richten wird es
Gott, es ist ans Licht gekommen, die Verfehlungen des Paters sind beleuchtet
worden von allen Seiten. Was wollt Ihr noch?? Und nehmt Euch in Acht, JEDER
Mensch hat seine Verfehlungen, auch ich.
Warum? Warum seid Ihr nicht liebevoll? Gnädig und voller Güte? Weil DIESER
es nicht verdient hat? Wir sind alle bedürftig, wann erkennt Ihr das? Die welche
am lautesten brüllen am meisten.
Petra NeudertEinfach ohne Fragerei
95
Einblicke aus Kreuzberg
nicht ganz dicht
„Wer in alle Richtungen offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.“ Das lese ich je-
den Morgen wenn ich zum Bäcker gehe an der Hauswand. Das ist nur ein Spruch
unter vielen, diesen aber lese ich immer wieder. Zuerst dachte ich, das läge dar-
an, dass dieser Spruch außergewöhnlich geistvoll ist, aber ich beginne daran zu
zweifeln. Eigentlich ärgere ich mich über den Satz, eigentlich ist er ein Angriff
auf meine Lebenseinstellung, eigentlich will ich doch nach allen Seiten hin offen
sein. Wer maßt sich da an, mir zu sagen, ich sei nicht ganz dicht?!
Wie sollte man in Kreuzberg überleben, wenn man sich abgrenzen wollte? Hier
treffen wie kaum irgendwo Nationalitäten, Religionen und Lebensstile aufein-
ander. Politische Parolen jedweden Zuschnitts zieren oder verunzieren die Häu-
serwände, und wenn jemandem gar nichts einfällt und die Fassade ist frisch
gestrichen, dann kommt die Aufschrift: „Wär ́ mir zu sauber hier“. Wie wollte
man hier überleben, wenn man dies alles werten müsste. Ich sehe das alles, ma-
che mir einen Reim darauf, erkläre mir die Hintergründe und Zusammenhänge
oder nehme es hilflos hin. Insgesamt akzeptiere ich das etwas schrille Mosaik
von Kreuzberg, das dabei entsteht. Wütend machen mich eigentlich nur jene
Gruppen und Personen, die von sich meinen, die Inkarnation Kreuzbergs zu sein.
Jene, die am liebsten Zuzugs- und Ausweisungslisten erstellen würden, damit
Kreuzberg dem selbstgebastelten Bild entspräche. Die einen können sich nicht
damit abfinden, dass hier so viele Ausländer leben, andere empören sich über
jede neue Dachgeschosswohnung, weil sie sich von Yuppies verdrängt fühlen.
Bei solchen Forderungen endet meine Offenheit. Auch für mich gibt es offenbar
eine Grenze des Erträglichen. In gewisser Weise beruhigt mich das – denn wer
möchte schon nicht ganz dicht sein?!
ohne Lüge
Marco weiß nicht, dass seine Eltern Pflegeeltern sind. Ich weiß es, und die hal-
be Straße weiß es ebenfalls. Wahrscheinlich wissen es bald auch einige seiner
Klassenkameraden, weil sie es irgendwann aufschnappen werden, bei den Ge-
sprächen der Erwachsenen. Doch Marco spürt etwas, das vermutet selbst die
Pflegemutter. Sicher ist sie sich nicht. Sie erinnert sich, dass auch sie in diesem
Alter über ihre Herkunft spekuliert hat. Auch sie dachte manchmal, ihre Eltern
können nicht ihre Eltern sein. So beruhigt sie sich. Und so vollführt sie weiter
eine Gratwanderung aus Lüge und Rücksichtnahme, aus Schonung und Kon-
fliktvermeidung. Marco wundert sich, dass seine Eltern schon so alt sind, und
er versteht nicht, dass Tante Doris immer die Tränen kommen, wenn sie ihn96
Einfach ohne Fragerei
besucht, auch ihre große Herzlichkeit kommt ihm seltsam vor, wo sie doch so
selten Kontakt zueinander haben.
Marco wird immer misstrauischer, seit er merkt, dass man Gespräche abbricht,
wenn er ins Zimmer kommt. Er bekommt dann zwar immer viel Zuwendung
und herzliche Worte, aber es macht keinen Sinn für ihn. In der Schule kommt
Marco nicht mehr so gut mit wie in den ersten zwei Jahren. Die Lehrer sagen, er
sei unkonzentriert und einzelgängerisch. Häufig erzählt Marco Geschichten, die
einfach nicht stimmen. Er erfindet Onkel und Tanten, Ferienreisen und Geschen-
ke und gibt damit furchtbar an. Das nehmen die anderen Kinder ihm übel. Die
Pflegeeltern sind sehr besorgt und geben sich redliche Mühe gegenzusteuern. Sie
versuchen, dem Kind alle Liebe zukommen zu lassen, die es doch so dringend
braucht. Denn dass das Kind nicht aus Schlechtigkeit lügt, das wissen sie.
So sehr sich Marco jedoch um Aufmerksamkeit und Zunwendung in der Schule
bemüht, zuhause wird er immer reservierter. Er erzählt kaum noch, was drau-
ßen passiert, und auf die Zuwendung der Familie reagiert er kalt und abweisend.
Warum sie sich nicht erreichen begreifen weder Marco noch die Pflegeeltern,
und sie werden es nicht begreifen können, solange die Wahrheit nicht auf den
Tisch kommt.
ohne Stempel
„Chronisch-krank, was ist das eigentlich?“, fragte Frau Lehmann mit leicht he-
runtergezogenen Mundwinkeln. „Chronisch-krank“, so lautete die Diagnose, die
ihr Leben zerstörte. Dieses Etikett war es, unter dem man sie vom Akutkranken-
haus in die Chronikerabteilung überführte.
Die Enkel lösten die Wohnung auf und fragten immer wieder, was sie behalten
möchte. Nicht ohne Trotz zählte sie zunächst die großen Möbel auf: das Bett, den
Eichenschrank. Das geht nicht, wurde ihr beschieden. Mit einem etwas hinter-
hältigen Gesichtsausdruck erkundigte sie sich nach Bildern. Ja, das ist möglich!
Sie wollte den Elfenreigen, der im Schlafzimmer hängt. Einmeterachtzig mal
Einszwanzig. Die Enkel zuckten zusammen. Das geht natürlich auch nicht. Frau
Lehmann triumphierte innerlich. Sie hat das Spiel aufgedeckt. In Wahrheit geht
nichts. Gar nichts. Sie sollen nur nicht so tun. Was sie dann wirklich mitnahm
war ein Album und eine Zigarrenkiste mit Briefen. All den Kleinkrempel, den
man ihr noch aufschwatzen wollte, hat sie verschmäht. So wollte sie sich ihren
Stolz nicht abkaufen lassen. Alle sollten es sehen, wie ihr Leben zerstört wird, sie
sollten sich nicht vormachen können, dass alles doch noch ganz gut ausgegagen
sei.
Frau Lehmann ist nicht beliebt im Krankenhaus, und sie will auch nicht beliebt
sein. Sie ist stolz und nicht kleinzukriegen, und das soll jeder merken. Das willEinfach ohne Fragerei
97
sie in ihrer Beerdigungsrede hören, sagt sie mir einmal: „Die hat sich nichts
gefallen lassen,“ soll darin vorkommen, „kein süßer Honig.“ „Chronisch-krank“,
dieses Wort formt sie immer wieder auf ihren Lippen. Wie ein Todesurteil er-
scheint es ihr. Das wünscht sie ihrem schlimmsten Feind nicht. Lebenslänglich,
das sind zwölf oder fünfzehn Jahre, sagt sie, chronisch-krank, das ist inklusive
Hinrichtung.
Die Enkel kommen nicht gern zu ihr, denn zu helfen ist ihr nicht. Sie will sich
einfach nicht helfen lassen. Sie hadert mit der ganzen Welt, und niemandem ist
ein Rezept eingefallen, wie ihr zu helfen gewesen wäre. Zuhause ging es einfach
nicht mehr. So wach ihr Geist auch sein mag, sie kann einfach nichts mehr al-
lein bewerkstelligen, sie braucht ständig medizinische Hilfe, und auf Besserung
kann nicht mehr gehofft werden. Alle haben gesucht, aber niemand hat eine
gute Lösung gefunden. Jetzt ist sie auf einer Chronikerstation gelandet. Aber
Frau Lehmann erinnert täglich daran, dass dies auch keine Lösung ist für einen
Menschen, der leben will, auch mit seiner Krankheit!
ohne Heimat
Er ist ein Verfolgter geblieben. Das ist die bittere Wahrheit, an der er mit seinen
Erfahrungen als Asylant nicht vorbeikommt. Ich kann mich noch gut an die
Zeit erinnern, als er damals nach der Flucht aus dem Iran hier in Deutschland
ankam. Ganz euphorisch kam er in die Asylberatung der Kirche. Alle bösen Er-
fahrungen meinte er nun hinter sich zu haben. Auf Warnungen, dass auch hier
so manches Problem auf ihn zukommen würde, reagierte er fast ärgerlich. Nach-
dem er sich in seiner Heimat immer nur in Konfrontation zum Staat befunden
hatte, war sein Bedürfnis nach Harmonie offensichtlich groß. Er schwärmte von
Deutschland, als hätte er einen Werbefilm zu drehen. Deutschland ein ordentli-
ches Land, ein sicheres Land. Jede Gelegenheit nutzte er, um die fremde Sprache
zu erlernen. Hier war endlich ein Staat, der seinen Vorstellungen von Demokratie
entsprach, und für den setzte er sich ein. Die Helfer aus der Flüchtlingsarbeit wa-
ren gerührt bis entsetzt über soviel Naivität. Alle guten Ratschläge, seinen Fall
so darzusellen, dass er in die Raster unserer Gesetzgebung passt, wies er empört
von sich. Nein, er wollte nie wieder lügen, nie mehr heucheln, nie mehr um die
Ecke argumentieren. Gerechtigkeit setzt sich durch in der Demokratie, das war
sein fester Glaube.
Zunächst fühlte er sich auch bestätigt. Seine offene freundliche Art stieß auf viel
Sympathie bei den meisten Beamten, mit denen er es zu tun bekam. Doch immer
öfter musste er feststellen, dass der freundliche Umgangston noch lange keinen
Fortschritt in seiner Sache brachte. Im Gegenteil – immer häufiger erreichten ihn
Bescheide, in denen mit Bedauern festgestellt wurde, dass in seinem Fall leider98
Einfach ohne Fragerei
keine Hilfe gewährt werden könne. Am größten allerdings war sein Entsetzen,
als er bemerkte, dass die Grenzen der Bundesrepublik auch für seine Peiniger
aus der Heimat offen sind. Es hat ihn tief erschüttert, dass der Arm der Diktatur
bis nach Deutschland reicht und dass die Angst unter seinen Landsleute selbst
hier nicht aufhört. Seine Rechte als Asylbewerber sind auf eine Mindestmaß ein-
geschränkt, die Folterer aus der Heimat sind durch Diplomatenpass geschützt.
Er ist ein Verfolgter geblieben, das hat er schmerzhaft lernen müssen. Und den-
noch, er will sich nicht kleinkriegen lassen! so sagte er, als ich ihn das letzte Mal
traf. Das eine wenigstens will er erreichen: dass die Freiheiten dieses Landes
nicht nur denen zugutekommen, die sie missbrauchen, sondern auch denen, die
aus tiefstem Herzen für Recht und Demokratie eintreten.
ohne Rechte
Die Friedhöfe an der Hermannstraße in Berlin Neukölln sind Oasen für den ge-
stressten Großstädter. Wer sie betritt, lässt den Verkehrslärm dieser vielbefahre-
nen Straße sehr schnell hinter sich. Trennen erst einmal Büsche und Sträucher
den Spaziergänger vom Fahrdamm, dann hört man die Vögel zwitschern und die
großen Bäume rauschen.
Für die Kirchengemeinden sind diese Friedhöfe allerdings nicht nur Orte der
Ruhe, sondern auch Orte der Erinnerung an eine lange verdrängte Schuld. Erst
zur Jahrtausendwende haben Berliner Kirchengemeinden damit begonnen, sich
daran zu erinnern, dass auch auf ihren Friedhöfen Zwangsarbeiter geschuftet
haben. In der Emmausgemeinde, in der ich als Pfarrer arbeite, haben wir für
diese Vorgänge keine Zeitzeugen mehr finden können. Aber aus den kirchlichen
Archiven konnten wir entnehmen, dass in der Zeit des Krieges Zwangsarbeiter
aus Osteuropa nach Berlin verschleppt wurden. Sie mussten die Arbeiter erset-
zen, die als Soldaten in den Krieg geschickt worden waren. Oft waren es halbe
Kinder, die unter katastrophalen Bedingungen harte Knochenarbeit verrichten
mussten, ohne ausreichende Ernährung. Bei geringsten Verstößen wurden sie
schwer bestraft oder kamen sogar in ein Konzentrationslager.
Nach langen Jahren der Verdrängung gab es über fünfzig Jahre nach Kriegsen-
de wunderbare Begegnungen mit einigen Überlebenden oder deren Hinterblie-
benen. Der Brief der Witwe eines Zwangsarbeiters hat mich besonders beein-
druckt. Sie schrieb an die Berliner Kirche: „Mein Herz ist leichter geworden,
weil es auf dieser Erde gutherzige Menschen mit frommen Wünschen gibt, die
bereit sind und versuchen, die Schuld abzubüßen und die von anderen began-
genen Fehler wieder gutzumachen. Mir ist es wichtig, dass irgendwo in einem
fernen Land, wo er so viel Kummer und Entbehrung durchgestanden hat, an ihn
erinnert wird.“Einfach ohne Fragerei
99
Zum Gedenken an all diese Menschen und an das Versagen von uns Christen
haben wir auf dem Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde einen
Stein aufgestellt, in den die Namen aller Gemeinden eingraviert sind, die von
diesem Sklavengeschäft profitiert haben. Und jede dieser Gemeinden hat eine
Steintafel aus diesem Granitblock ausgeschnitten bekommen, um ihn in ihrer
Kirche aufzubewahren: als Erinnerung und als Mahnung.
Fenster mit Aussicht
Vor dem Fenster tobt das Leben. Die übrigen achtzig Quadratmeter ihrer Woh-
nung sind ihr gleichgültig, Hauptsache, sie hat diesen Platz am Fenster im Hoch-
parterre. Hier liegt ein dickes Kissen und hier stehen verschiedene Gerätschaf-
ten, um es sich bequem zu machen. Ein kleiner Hocker, um sich mit den Knien
abstützen zu können, eine Hochbank für den Hintern, wenn es Zeit ist die Po-
sition zu wechseln. Hier stehen auch Aschenbecher und Thermotasse. Sie liebt
diesen Platz. Schon als Kind hat sie gern aus dem Fenster geschaut. Nun ist sie
alt, und seit sie die Wohnung wegen der Arthrose kaum noch verlassen kann, ist
dieses Fenster ihr Tor zur Welt.
Sie hasst die nassen Tage, wenn sie hinter der Scheibe sitzen muss. Dann fühlt
sie sich wie eingesperrt. Mit der großen Wohnung kann sie wenig anfangen.
Da fühlt sie sich nur allein. Sie braucht die Straßenluft zum Leben. Auch im
Winter. Gegen die Kälte kann man sich warm anziehen. Hinter der Fensterni-
sche hat sie einen schweren Vorhang anbringen lassen, wenn sie den schließt,
dann kühlt die Wohnung nicht aus, und so kann sie fast das ganze Jahr Position
beziehen. Sie beobachtet die Kinder, wie sie zur Schule gehen, spricht mit Pas-
santen, organisiert sich Hilfe durch die Nachbarn, fordert den Gemeindebrief
ein, wenn der Pfarrer hinauf grüßt. Manchmal kommt eine Freundin entlang,
und die sitzt dann auf dem Rollator vor dem Fenster für einen Plausch. Die
Nachbarn wissen, dass sie dort ist und dort sein wird, auch in ein paar Stunden.
Bereitwillig nimmt sie Aufträge entgehen. Sagt dem Briefträger, dass er die
Post für den ersten Stock wieder mitnehmen kann, weil der Empfänger doch
ausgezogen ist.
Das Angebot einer bequemeren Wohnung hat sie ausgeschlagen, weil sie ihren
Fensterplatz nicht räumen will. An diesem vertrauten Ausblick hängt alles, was
ihr das Leben noch lebenswert macht. Auf der Straße ereignen sich all die Ge-
schichten, die sie interessieren. Die ausgedachten Sachen im Fernsehen lang-
weilen sie. Beim Stöbern in alten Papieren ist sie zufällig auf ihren Taufspruch
gestoßen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ja, der Raum ist weit, der
sich da vor ihrem Fenster auftut. Sie genießt ihn, jeden Tag neu.
Jörg Machel100
Einfach ohne Fragerei
Einfach zuhören
Wenn du mir zuhörst,
aufmerksam zuhörst,
ist Zeit nicht gleich Zeit,
ist das Eis fest genug,
bin ich für den nächsten Schritt bereit.
M
ir gefällt das Lied „Zuhören“ von Pascal Gentner sehr. Wieviel Offenheit,
festes Eis unter den Füßen, das Zuhörenkönnen braucht, habe ich in mei-
ner beruflichen Arbeit wie auch in meiner Familie und im Freundeskreis erst
nach und nach erkannt. Ich arbeite seit langem an verschiedenen Orten in der
politischen Bildung, derzeit engagiere ich mich an der Katholischen Hochschule
in Köln für interethnische und interreligiöse Begegnungen u. a. in Israel und
Palästina.
Ich erinnere mich an eine meiner ersten Begegnungen mit einer Delegation der
Universität Bethlehem vor achtzehn Jahren in Köln: Gleich am zweiten Tag nach
der Ankunft der Bethlehemer wollte ich ihnen das EL-DE-Haus in Köln zeigen,
den Ort, von dem aus Juden, Kommunisten und andere vom Naziregime Verfolg-
te nach Auschwitz abtransportiert wurden. Die palästinensischen Gäste, Dozent/
innen wie Studierende, weigerten sich. Und ich dachte: Da kriegst Du aber viel
Spaß mit der Delegation, wenn sie sich so radikal zeigen. Eine palästinensische
Dozentin, mit der ich mich später anfreundete, erklärte es mir dann so: „Ich
kann mich nicht einfach so mit dem Leid von Juden konfrontieren, die uns (als
jüdische Israeli) heute so viel Leid zufügen.“
Am Ende der zweiwöchigen Begegnung war „das Eis“ mit einigen so fest, dass
ich mit ihnen ins EL-DE-Haus gehen konnte. Es war Vertrauen gewachsen. Ein
Bethlehemer Student, der selber in einem israelischen Gefängnis inhaftiert war,
kommentierte seine Eindrücke: „Meine Zelle war etwa so groß wie diese hier.
Und wir haben auch unsere Gedanken an die Wand geschrieben. Ich kann nach-
empfinden, wie es den Gefangenen hier gegangen ist.“
Mich hat diese Frage, wie man Offenheit für das Leid anderer entwickelt, seit-
dem nicht mehr losgelassen. Der israelische Psychologe Dan Bar On hat Pro-
gramme des gegenseitigen Zuhörens zwischen Menschen verfeindeter Gruppen
entwickelt: „Listening to each other’s story“. Er brachte deutsche Kinder von Na-
zitätern und israelische Kinder von deutschstämmigen Holocaustüberlebenden
zusammen. Er beschreibt, wie auch er persönlich sich durch diese Begegnungen
verändert hat. Die Art und Weise, wie die Nachfahren von Nazitätern um ihre
eigene Menschlichkeit rangen, indem sie mit einem Vater zu tun hatten, der sieEinfach ohne Fragerei
101
liebte und den sie liebten und der gleichzeitig Menschen umgebracht hatte, habe
ihn innerlich so angerührt, dass er selber als Nachfahre von Holocaustüberle-
benden die letzten Reste eines Feindbildes von Deutschen aufgegeben habe.
Dan Bar On starb leider viel zu früh im Jahr 2008; mit Mitarbeiter/innen des von
ihm mitgegründeten „Peace Research Institute in the Middle East“ war ich 2012
an einer Begegnung zwischen israelischen, palästinensischen und deutschen
Studentinnen und Studenten auf Zypern beteiligt. Die Begegnung stand unter
dem Motto der amerikanischen Friedensaktivistin Gene Knudsen Hoffman: „Ein
Feind ist jemand, dessen Geschichte wir noch nicht gehört haben.“
Die ersten zwei Tage dienten dem Aufbau gegenseitigen Vertrauens. Es durfte
in diesen zwei Tagen nicht über Politik geredet werden, denn wir wollten alle
eingefahrenen Feindbilder von vorne herein vermeiden. Es ging vielmehr dar-
um, Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erfahren, dass jede/r in der deutsch-
israelisch-palästinensischen Gruppe als Mensch voll und ganz akzeptiert war.
Eine solche Atmosphäre zu fördern, war eine große menschliche Herausforde-
rung. Diese Atmosphäre war dann die Voraussetzung dafür, dass anschließend
eine große Offenheit füreinander möglich wurde. Israelische Student/innen be-
richteten von ihren Großeltern, die in Europa dem Holocaust entkommen waren
und nach Palästina geflüchtet waren. Sie sprachen auch über die in der Shoa er-
mordeten Verwandten. Ein deutscher Student erzählte stockend, dass er seinen
Großvater sehr gemocht habe und dass er nach seinem Tod den NSDAP-Ausweis
des Großvaters gefunden habe. Nie habe der Großvater davon gesprochen und
jetzt wisse er gar nicht, wie er damit umgehen solle. Palästinenser schilderten
Demütigungen, die sie an den Checkpoints im Westjordanland heute durch isra-
elische Soldaten erleben. Sie saßen dabei israelischen Studierenden gegenüber,
die selber vor dem Studium ihren Militärdienst an eben solchen Checkpoints
abgeleistet hatten. Als hier unmenschliche Schikanen bei Leibesvisitationen
zur Sprache kamen, solidarisierten sich israelische Gruppenmitglieder mit den
Palästinenser/-innen, die von ihren entwürdigenden Behandlungen berichteten.
Gemeinsam suchten sie nach Möglichkeiten, wie in Israel in der Presse und in
der Öffentlichkeit solchen Unmenschlichkeiten Einhalt geboten werden und wie
gegen sie protestiert werden könnte.
Der vietnamesische Buddhist und Mediationslehrer Thich Nhat Hanh hat in sei-
nem französischen Meditationszentrum Plumvillage israelische und palästinen-
sische Gäste fünf Tage lang miteinander schweigend meditieren lassen, bevor
sie miteinander sprachen. Die Tage des Meditierens brachten jede/n einzelne/n
in Kontakt mit sich selber. Shifra Sagy von der Universität Beer Sheva lässt ihre
israelischen Studentinnen und Studenten inzwischen Lebens- und Leidensge-
schichten gleichaltriger Palästinenser/innen in ihren Lehrveranstaltungen lesen102
Einfach ohne Fragerei
und erlebt, wie sich Einstellungen ändern können – wenn vorab die israelischen
Studierenden ihre eigenen Gefühle und Gedanken aussprechen konnten und
sich angenommen fühlten.
Dies ist wohl ein entscheidender Schlüssel für Veränderungsprozesse: sich sel-
ber ganz angenommen zu wissen. Wie gelange ich dahin, mich selber ganz an-
zunehmen?
Exerzitien sind für mich als Christ ein Weg, zu mir und zum göttlichen Grund in
mir zu finden. Drei Formen von Exerzitien haben mich geprägt: Im Haus Gries
stand in kontemplativen Exerzitien die Begegnung mit Jesus Christus in meinem
Innersten im Zentrum der Exerzitien. Im Ashram Jesu wurden die dunklen Sei-
ten meiner Lebensgeschichte besprochen, die erlittenen Schmerzen, die beim
Meditieren hochkommen, und das allabendliche Gruppengespräch ist heilsam.
Besonders dankbar bin ich für die Erfahrung der Straßenexerzitien, für die Er-
fahrung des Meditierens mit offenen Augen auf der Straße, wo mir Gott im Ge-
genüber begegnen kann. Für mich wurde wirklich die Straße zur Kapelle und
Gott wurde als der „Ich bin da“ für mich erfahrbar. Ich bin es gewohnt, meinen
Alltag sehr zielgerichtet zu planen und durchzustrukturieren. Die Straßenexerzi-
tien haben mir geholfen, die Erfahrung der Meditation – auch die der kontempla-
tiven Exerzitien – stärker in den beruflichen wie persönlichen Alltag zu nehmen.
Ich nehme göttliche Momente war. Das geschieht, wenn es mir gelingt, ganz da
zu sein, so wie Franz Jalics sagt: „Ganz Ohr zu sein. Ganz dabei zu sein. Nicht nur
mit dem Verstand zuzuhören, sondern mit dem ganzen Körper, mit ganzer Seele.
Zuhören bedeutet, mit großer Ehrfurcht in die Einzigartigkeit des Gegenübers hin-
einzuhorchen …“ (Jalics 2005, 394).
Josef Freise
Lebensspur, die ich hinterlasse
C
hristian, als ich dich am Samstag, 29. Oktober, im Gubbio zu Franziskas
Ordensjubiläum wieder sah und dich predigen hörte, war es für mich, als
würde sich ein Kreis schließen: Ein Kreis um den brennenden Dornbusch. Der
Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt, die Liebe, die brennt und doch
nicht verbrennt. Der Impuls, mit dem ich mich 2005 auf den Weg machte; der
erste Schritt, den ich mich auf den Straßen in Köln zu machen traute über meine
Grenze hinaus mit offenen Augen und offenen Ohren, bereit, die Liebe zuzulas-
sen in allen Facetten: Liebe geben, Liebe annehmen, Liebe zulassen. Das ist die
Lebensspur, die ich hinterlasse. Leben ist Hineingleiten in den Grundstrom der
Liebe. Ich nähre diesen Strom mit mir, bin ein Tropfen im Großen und Ganzen.Einfach ohne Fragerei
103
Ohne mich kein Strom, ohne die anderen Tropfen kein Ich. Wir alle sind der
Strom der Liebe. Die Liebe nährt das Leben. Viele Jahre war ich traurig, weil ich
so allein war. Niemand da, der mich begleitete auf meinem Weg, niemand an mei-
ner Seite. Dann hatte ich in einer Kölner Kirche eine Vision. Ich stand vor einer
Antoniusfigur und sah auf das Kind. Und plötzlich brannte es in meinem Herzen
(der Impuls am Morgen: die Emmaus-Jünger, die sprachen: „Brannte es nicht in
unseren Herzen …“) und ich erkannte: Mein Leben ist wie ein Staffel-Lauf. Ich
bin der Stab, der weitergereicht wird. Bevor mich ein Mensch verlässt, ist schon
ein anderer da. Ich bin nie allein und in den Menschen begegnet mir Jesus. Er ist
immer bei mir, er verlässt mich nie. Ich danke dir, dass du durch dein Projekt
der Straßenexerzitien mir den Raum gegeben hast, die Grenze zu überschreiten,
die es mir ermöglicht hat zu sehen.
Sybille Pieck
Willkommenskultur
K
ürzlich erzählte Christian in einem Buch (Brücke sein – Vom Arbeiterpries-
ter zum Bruder) etwas über mein Leben: „Er hat eine Schülerin, die in einer
Notlage war, geradezu als Kind angenommen. Nicht formal, aber er hat sie in die
Kommunität aufgenommen, weil sie von ihrer Mutter verstoßen worden war und
weil der Vater sie verleugnete.“ (S.25) Da steht sie, diese Geschichte aus meinem
Leben, vor meinen Augen zu Papier gebracht. Als die Naunynstraße 2004 ihr 25-
jähriges Jubiläum feierte, schrieb ich in dem Buch „Gastfreundschaft“ von der
Begegnung dieser Schülerin und ihres Freundes mit der Naunynstraße. Das war
zu Anfang meiner Zeit in