2016 Christian Herwartz, Von Überraschung erfreut werden – Spiritualitat in Aktion

Ungeplantes wahrnehmen, Fremdes zulassen und damit rechnen, dass darin eine Botschaft verbor­ gen ist. Mit dieser Devise leben wir seit Jahrzehn­ ten in Berlin­Kreuzberg und halten die Tür zu unserer Wohnung möglichst offen. Wenn jemand von der Straße aus klingelt, öffnen wir elektrisch die Haustür und setzen uns wieder an den Früh­ stückstisch. Da kommen im Laufe des Tages vie­ le Menschen, die wir noch nicht kennen. Solche Öffnung unserer Wohnung auf die Straße hin ist ein Chance für eine Wohngemeinschaft Erwach­ sener. Dabei machen uns Überraschungen oft für längere Zeit sprachlos:

• Menschen aus über siebzig Ländern klopf­ ten an und fanden Unterkunft. Manche Län­ der waren mir völlig unbekannt: Cabinda,

eine Kolonie von Angola. Ein Mann von der Befreiungsbewegung wohnte bei uns und verhandelte in Berlin mit Regierungs­ vertretern verschiedener Länder. Die Ko­ lonialgeschichte wurde vor unseren Augen aufgerollt.

• Jahrelang tauchten Hindernisse auf, so dass die gewünschte Taufe für einen Mitbewoh­ ner nicht möglich erschien. Er bekam bei uns Taufunterricht. Doch in welcher Konfes­ sion sollte er getauft werden. Eine schwierige Entscheidung. Ist das überhaupt ohne bür­ gerliche Papiere möglich? Er wurde getauft.

• Nach zwölf Jahren Haft wurde ein gesunder Mann entlassen und sofort in die Psychiatrie eingewiesen; die Ärzte entließen ihn und er floh zu uns nach Berlin; auch hier sollte er nicht in Frieden leben. Freunde in Belgien nahmen ihn bei sich auf bis sich die Aufre­ gung legte. Er lebte einige Jahre bei uns bis er nach fünf Jahren unbeschadet in sein Bun­ desland zurückkehren konnte.

• Ein anderer glaubte vergiftet zu werden. So nahm er alle Lebensmittel in Plastiktüten mit ins Bett. Es raschelte, wenn er sich um­ drehte. Dann wurde ich neben ihm wach. Mit Leinensäcken war die Störung behoben. Leider zog er ohne Heilung aus und wir ver­ loren den Kontakt zu ihm.

• Ein Mann wollte mit seiner dreieinhalbjäh­ rigen Tochter bei uns wohnen. Er hatte kein Sorgerecht für sie. Die ständig alkoholisier­ te Mutter lebte mit einem Mann zusammen, der mehrfach wegen Kindesmissbrauch ver­ urteilt war. Vier Monate waren die beiden auf der Straße unterwegs. Nun versuchte er,

LEIDFADEN – FACHMAGAZIN FÜR KRISEN, LEID, TRAUER Heft 1 / 2016

Chartres, La Cathédrale, Le portail nord, La vie active

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aus der Fahndung zu kommen. Als das Kind wieder bei der Mutter war, klagte er gegen sie und befreite die beiden älteren Jungen aus der Situation. Die Erwachsenen und die Tochter verbrannten ein Jahr später in der Wohnung. Ich durfte das Kind begraben.

• Eine Mutter flüchtete aus einem afrikani­ schen Flüchtlingslager mit ihren beiden

Töchtern, als ihr Mann aus dem Kriegsge­ biet nicht zurückkehrte. Nach der Geburt des zweiten Kindes brach sie auf, da das Bein der älteren Tochter nach einem Bruch schlecht verheilt war. Sie suchte Zukunft und Heilung für sie. Wir nahmen sie trotz aller Aufenthaltsvorbehalte auf und die notwen­ digen Operationen gelangen.

Nach vielen Jahren bemerkte ich, dass wir un­ geplant einen spirituellen Weg miteinander ge­ hen. Oft sahen wir stille Menschen erst, wenn wir unsere alltäglichen Beschäftigungen ein wenig beiseite legten. Dann fanden wir auch mit ihnen Kontakt. Sie öffnen Lebensräume, ähnlich wie in einer intensiven Meditation von alten Texten. In der Mitte der Gemeinschaft ist dafür eine Stille des Begreifens und der Dankbarkeit entstanden.

Oft überfordert uns die angestrebte Offenheit füreinander und in uns selbst, einschließlich aller Überraschungen bis in die Kindheits­ und Vor­ fahrengeschichte hinein. Im Mitgefühl Fremden gegenüber werden wir oft ko­abhängig und müs­ sen dann diese Abhängigkeit wieder überwinden. Trotzdem freue ich mich täglich über den geöff­ neten Weg zur Straße. Sie tritt bei uns ein. Mit dieser Öffnung gehen wir einen Weg der Heilung aus der ängstlichen Abgrenzung unseres Lebens – so sehr sie in Krisen nötig sein kann.

Die geöffnete Tür (Johannes 10,9) ist ein Bild für die Offenheit der Liebe, aus der heraus wir geboren wurden und leben. Sie weist uns auf die Wirklichkeit des Unbeschreiblichen hin. Jesus greift auch nach dem Bild des Weges oder der Straße (Johannes 14,6), um auf seine grenzüber­ schreitende Identität hinzuweisen. Hier können

wir ihm auch heute begegnen, wenn wir uns nicht den vielen Ablenkungen auf der Straße hingeben. Bleiben wir eine Weile neben einem Bettler sit­ zen oder vor einem Gefängnis und erleben die schmerzhafte Mauer der Abschirmung zwischen unseren gefangenen Geschwistern und uns. Dann sehen wir die Lebensspuren von beiseitegescho­ benen und oft verstummten Menschen. Bei einer späteren Betrachtung wie in den »Exerzitien auf der Straße«, die vor 15 Jahren in unserer Woh­ nung entstanden sind, können wir auf die Lebens­ spuren Jesu in unserem Alltag stoßen. Er lebt in meinem Bewusstsein als Auferstandener mitten unter und in uns.

Weitere Informationen: http://www.strassenexerzitien.de.

Christian Herwartz, Jesuit, Arbeiter­ priester, lebt in einer Wohngemein­ schaft in Berlin­Kreuzberg, engagiert sich für und lebt zusammen mit Flücht­ lingen, Gefangenen und anderen bei­ seitegeschobenen Menschen in einem multikulturellen Umfeld und engagiert sich dort auch mit den »Exerzitien auf der Straße«. Christian Herwartz

Spiritualität als (ein) Weg der Welterfassung, in Leidfaden 1/2016