2016 Christian Herwartz, Ins Hören kommen und bleiben

Nach Jesu Tod am Kreuz lebten die Jünger in großer Angst. Unter ihnen Kleopas, der spätere Bischof von Jerusalem, und Maria, die Frau des Klopas, die mit der Mutter Jesu und Maria Magdalena bis zum Tod bei Jesus blieben (Joh 19,25). Nach den Feiertagen erreichte die Zurückgezogenen die unglaubliche Nachricht: Jesus lebt! Bald darauf ging Kleopas – wenn wir uns an der unterschiedlichen Schreibweise des Namens nicht stören – mit seiner Frau Maria nach Emmaus, um einmal miteinander unter vier Augen über diese neue Nachricht zu sprechen. Sie verließen die große Runde und gingen zurück nach Hause (Lk 24,13). Im 3. Jahrhundert wurde eine Kirche über ihrem Haus gebaut, etwa 32 km von Jerusalem entfernt. Nach dem historischen Emmaus wird weiter gegraben.

Unterwegs stoßen die beiden auf einen Fremden, dem Kleopas erst etwas überheblich antwortet: „Bist du der einzige, der in Jerusalem weilt und nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist?“ Dieses spontan überhebliche Verhalten gegenüber Fremden erleben wir auch heute. Kleopas besinnt sich aber. Er erzählt ihm von der Hinrichtung Jesu und den enttäuschten Hoffnungen der Jünger. Dann kommt eine typische Antwort der „Straße“, auf der uns auch heute noch Jesus begegnet, der Straße, Wahrheit und Leben ist (Joh 14,6). Der ihnen fremde Mensch erinnert an die Aussagen der Propheten, die sie jetzt nicht nur mit dem Kopf, sondern mit ihren Herzen hören, bis sie brennen. In Emmaus angekommen, wollen sie dem Fremden weiter zuhören und nötigen ihn zu bleiben. Er willigt ein und wird zum Gastgeber, der ihnen das Brot bricht. Dieser Rollenwechsel kennzeichnet gute Gespräche, bei denen sich das Gefälle zu einem Hilfsbedürftigen umdreht und dieser über alle Grenzen hinweg auf Augenhöhe reden kann. Beim Brotbrechen, diesem Zeichen des Teilens, erinnern sich die beiden Jünger an Jesus und erkennen ihn im Fremden. Doch dann sehen sie ihn nicht mehr.

Sofort, noch in der Dunkelheit der Nacht, kehren sie nach Jerusalem zurück und gehen an all den Orten vorbei, wo ihre Herzen anfingen zu brennen. Als sie in die bleibende Gemeinschaft mit Jesus, in den Kreis der Jünger und Jüngerinnen zurückkommen, erzählt Petrus von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen. Die beiden können ihm jetzt zuhören und sagen ihm wohl: Wir glauben dir, denn wir erlebten Ähnliches. Der Evangelist Lukas erzählt weiter: „Noch während sie miteinander redeten, trat Jesus selbst in ihrer Mitte und sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch!“
Jetzt erzählen die Versammelten nicht mehr von gestern. Jesus der Friedensbringer, den Lukas am Anfang seines Evangeliums ankündigte: „Frieden den Menschen seiner Huld“ (Lk 2,14), ist nun mitten unter ihnen.
Erstaunlicherweise wird in den liturgischen Texten sein Kommen beim Erzählen der Emmausgeschichte weggelassen, in der wir dann seine Anwesenheit in der Eucharistie oder beim Abendmahl feiern. Mit dieser Nachricht beginnt die Lesung an einem anderen Tag.
Da Kleopas und Maria in der Begegnung mit dem Fremden zu Hörenden wurden, das Wunder der Auferstehung erlebten und sie bei der Rückkehr in die durch Jesus eröffnete Gemeinschaft – ihr neues zu Hause – offen für neue Begegnungen blieben, konnten sie nun Petrus zuhören. Die Tür für das neue Kommen Jesu blieb offen. Damit wird die Geschichte zum helfenden Impuls, nach der intensiven Wahrnehmungszeit während der (Straßen-)Exerzitien auch im Alltag hörend zu bleiben.

Bild
Ikone von Br. Ansgar Stukenborg OSB aus dem Kloster Nütschau.

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