2014 Christian Herwartz, Der Sehnsucht folgen

Bei den Übungszeiten (Exerzitien) auf der Straße geht es wie bei anderen Suchzeiten darum, die Wirklichkeit um und in uns mit größerer Aufmerksamkeit wahr zu nehmen. Diese Exerzitienart wird häufig von Männern wahrgenommen, die in Klöstern oder kirchlichen Bildungshäusern eher in der Minderzahl anzutreffen sind. Sie nutzen die manchmal abenteuerlichen Situationen im offenen Kontakt mit der Wirklichkeit, in der sie die eigenen Regeln suchen und finden müssen. Straße steht für das Gegenteil vom privaten Raum. In ihm ganz selbst zu sein und ein-geübte Fremdbestimmungen fallen zu lassen ist die erste Herausforderung in diesen Übungszeiten. Es folgt konsequent die Frage, mit welchen Inhalten die geöffneten Zeiten sich füllen sollen.

Bei den Straßenexerzitien sind wir Gäste in Gemeindesälen, in Notunterkünften oder an Orten, die uns anderswo zur Verfügung gestellt werden. Sie sind wie Pilgerherbergen, in die wir oft unsere Isomatte und den Schlafsack mitbringen müssen. Tagsüber ist jeder alleine unterwegs, abends haben die Begleiter einen Gottesdienst und einer aus der Gruppe das Abendessen vorbereitet. Danach ist das Gespräch in kleinen Gruppe vom bis zu fünf Teilnehmern. Dieser Austausch ist der einzige feste Tagungsordnungspunkt für alle Übende.

Die Suche nach der in uns liegenden Sehnsucht und dem Mut, ihr zu folgen, unterstützen drei Impulse in den oft 10tägigen Kurse. Sie sollen helfen, die eigene Sehnsucht im Jetzt neu zu entdecken und sich von ihr in die Begegnung mit mir selbst und anderen führen zu lassen. Abends berichten die Teilnehmer von den Erlebnissen unterwegs und entdecken dabei Spuren der Liebe, in denen wir den in und unter uns lebendigen, von den Toten auferstandenen Jesus wahrnehmen können. In den Exerzitien lassen wir uns geradezu auf das Versteckspiel mit ihm ein, der den Frauen am Grab als Gärtner (Jo 20,15), den beiden unterwegs nach Emmaus als Fremder (Lk 24,15ff) und der auf die Fischer am Ufer des Sees von Tiberias am Feuer (Jo 21,1ff) Warteter gezeigt hat. Wo und wie will er mir in den Übungstagen begegnen? Werde ich darauf neugierig, denn ohne dieses leitende Interesse, werde ich vielleicht nichts bemerken?

Das Geschenk der Neugierde wird Männern auf der ihnen eigenen Weise anvertraut, jenseits der üblichen Beschäftigungen. Jesus lädt die Jünger, die ihn auf dem Weg nach Jerusalem in den Unterwegsorten ankündigen und seinen Frieden bringen sollen, ein, kein Futter für die überall anzutreffenden Wölfe mitzunehmen. Die Geldbörse aber auch andere Beutel mit vermeintlichen „Sicherheiten“ sollen zurück bleiben, ebenso können die Schuhe sofort ausgezogen werden und nicht erst morgen, wenn sie in den Häusern unterwegs anklopfen. Auch die Regeltreue steht nicht im Vorgrund, das „man muss, dies oder das tun“. Im Text bei Lukas heißt es dazu: „Grüßt nicht unterwegs.“ (10,3-4)) Durch diesen Text herausgefordert, entdeckt jeder die Dinge, die seine Aufmerksamkeit ablenken.

Dann kommt der Schritt auf die Straße, auf der wir im Gegensatz zur eigenen Wohnung keine schützende Haustür mehr habe, die wir für manche Menschen öffnen und für andere nicht. Die Straße ist damit ein Bild für das von uns nicht Planbare und damit auch ein Bild für Gott, der ja trotz aller Entdeckungen geheimnisvoll bleibt. Jesus nennt sich deshalb Straße, (Jo 14,6) auf der er auch in uns als Obdachloser lebt (Mt 8,20). Wie werden wir ihm begegnen? Wie sollen wir nach ihm fragen und wie können wir im Gebet mit ihm in Beziehung treten?

Manche entdecken ihre Sehnsucht hinter ihrem Ärger über häufige Ablehnungen oder hinter ihrer Traurigkeit über einen andern Missstand. Unsere persönliche Sehnsucht haben wir uns nicht ausgedacht. Sie gehört zu unserem Wesen und ist ein Teil unserer sehr unterschiedlich erfahrenen Würde. Manchmal ist diese Handschrift Gottes in uns lesbar und wir entdecken darin seinen uns anvertrauten Namen. Dann können wir ihn damit persönlich ansprechen.
Mose ließ sich von seiner Sehnsucht nochmals mit 80 Jahren (Ex 3,1ff; Apg 7,30) leiten und zog über den vertrauten Bereich der Steppe, wo er mit den Tieren Futter fand, hinaus in die Wüste. Seine Sehnsucht wird im Namen seines Sohnes Gerschom (Gast im fremden Land) deutlich (Ex 2,22). Mose fühlt sich angenommen, aber er assimiliert sich nicht in der Religion des Gastlandes. Er bleibt dem Gott seiner Väter treu. Auf dem Weg zum Gottesberg sieht er einen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Mose wird neugierig, weicht vom Weg ab und geht auf den Dornbusch zu. Alles Materielle verbrennt, wenn es entzündet wird. Dieser brennende Busch scheint mir deshalb ein Bild für die Liebe zu sein, die brennt, aber nicht verbrennt.

Irgendwo auf dem Weg wird er aus dem Dornbusch heraus angesprochen: „Mose, Mose, komm nicht näher! Leg Deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Ex 3,5) Ähnlich suchen wir bei den Exerzitien auf der Straße den Ort, an dem uns etwas gesagt werden soll. Darauf bereiten wir uns vor und legen die Schuhe mit hohen Hacken, mit denen wir auf andere hinab sehen, oder die Turnschuhe, mit denen wir in Konflikten schnell weglaufen, oder die Schuhe mit Stahlkappen, mit denen wir zu treten können beiseite und spüren den Boden, auf dem wir z.B. vor einem Gefängnis oder im Gespräch mit einem Drogenabhängigen, Obdachlosen, Passanten, Kind, … stehen. Wir reduzieren die Distanz zu den Situationen, die wir sonst eher meiden.

Gott antwortet Mose auf seine Sehnsucht und schenkt ihm die verlorene Heimat in ihm selbst: „Ich bin der“Ich-bin-da.“ Dass heißt er wird auch in Zukunft da sein und auf seinem Weg mitgehen. Er ist kein Hausgott, sondern mit uns unterwegs. Er ist Straße wie Jesus später sagt.

Ein Teil von unserem Inneren wehrt sich, von oder mit Gott zu sprechen. Auch diesen Teil müssen wir bei den Exerzitien nicht abspalten oder gar verurteilen. Auch Buddhisten und sehr kirchenferne Menschen haben die Exerzitien auf der Straße mit Gewinn durchlaufen. Sie haben andere Worte für den inneren Bezugspunkt ihrer Lebenssehnsucht gefunden.

Manchmal treffen sich besondere Gruppen, wie ehemalige Strafgefangene oder Obdachlose von der Reeperbahn in Hamburg mit sehr hohem Männeranteil. Dann werden manche Männerthemen schneller genannt. Auf Grund dieser Erfahrung gibt es in München dieses Jahr wieder einen Männerkurs von Sonntag den 26.10. 18 Uhr bis zum Sonntag den 2.11.14 14 Uhr. Weitere Informationen unter http://www.strassenexerzitien.de