2014 Andrea Scherer, Christian Herwartz, „Wie finde ich den eigenen Weg im weiten Feld der Spiritualität?“

Im November 2013 fand ein dreitägiger Kurs dieses Titels in Johannisthal statt, für den der Leiter von Haus Johannisthal den Jesuitenpater Christian Herwartz aus Berlin angeworben hatte. Ungewöhnlich für Christian, wie ihn alle in Berlin nennen, ist es, in ein kirchliches Bildungshaus zu fahren. „Exerzitien auf der Straße“ sind sonst sein „Markenzeichen“. Das sind Achtsamkeitsübungen mit Menschen, die meist für ca. 10 Tage in einfachen Unterkünften mit Isomatte und Schlafsack zusammen leben und täglich auf die Straße gehen, wo Gott ihnen mitten im Staub und Lärm der Großstadt begegnen möchte. Der Fixpunkt dieser Exerzitien ist das tägliche Begleitgespräch , bei dem in der Regel zwei Begleiter, ein Mann und eine Frau, je einer Gruppe von fünf Exerzitienteilnehmern dabei zuhören, was sich am Tag ereignet hat. Oft wird erst in diesem Zuhören offenbar, wo Gott mit den Suchenden gegangen ist.
Als zweite Begleiterin habe ich Christian auf diese erste Reise nach Johannisthal begleitet.
Der erste Eindruck, als wir auf das Haus zu fuhren: mitten im Wald tut sich eine große Baustelle auf. Das idyllische Tal ist im Umbruch, die Neugestaltung hat begonnen.
Der Empfang des Leiters und der Mallersdorfer Schwestern war sehr freundlich, das schon fertiggestellte, neue Tagungsgebäude von großer Klarheit, von gleichzeitig großzügiger wie auch schlichter Schönheit in Materialien und Formgebung: einladend, freilassend, ansprechend.
Auch in der ländlichen Idylle von Johannisthal blieben wir unserem Drei-Tages-Kurs der Grundstruktur der „Exerzitien auf der Straße“ treu, wie sie sich aus den Erfahrungen vieler Übender seit dem Jahr 2000 nach und nach herausgebildet hat.
Mit der Geschichte von Mose – der das Vieh über den vertrauten Bereich der Steppe hinaustrieb (Ex 3,1 ) bis zum Gottesberg Horeb und dem dort, in der Wüste, im brennenden Dornbusch der Name Gottes offenbart wurde – ermutigten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre Professionalität im Leben, im Glauben beiseite zu lassen und sich der Führung ihrer Herzen anzuvertrauen. Sie werden über die Grenzen der normalen Alltagswahrnehmungen hinaus gehen und sich fragen: Was ärgert mich, wonach sehne ich mich, oft schmerzlich, wo gibt es den brennenden, stacheligen Dornbusch in meinem Leben? Von der Erkenntnis dessen, was schmerzt, ist es oft nur ein kleiner Schritt zu der Sehnsucht, die in uns brennt. Und auf einmal spüren wir mitten in diesem Schmerz, in den Dornen unseres Lebens: Da ist für mich heiliger Boden. Da wartet Gott auf mich. Da will er mir Heilung schenken. Da ruft er mich bei meinem Namen.
Mit dieser Vorbereitung schickten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für einige Stunden statt auf die Straße in den Wald, mit sich alleine in die Gegenwart der Wahrnehmung dessen, was jetzt für sie da ist.
In der Auswertung dieser Erfahrungen, im Erzählen der Teilnehmer und im Beisein der Begleitperson in der Kleingruppe stellte sich dann sehr bald heraus, dass die Grunderfahrungen der Straßenexerzitien auch ohne Straße mitten im Wald zu entdecken sind:
– Da ruft ein Pfad im Wald die längst vergessene Erfahrung von einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg und die damals vorhandene Sehnsucht und Liebe wieder wach.
– Da erinnert eine Baumwurzel an Mumien, die während der Krebstherapie geformt wurden und damals Schritt eines Neuanfangs wurden, noch einmal einen Schritt in die Weite zu wagen.
– Da erzählt ein teilweise in die Tiefe gestürzter Lehmhaufen davon, dass auch die schwere Last auf dem eigenen Herzen ins Rutschen kommen kann.
– Da zeigt eine Autobahnbrücke, die das Tal überspannt, die eigene Zerrissenheit zwischen Ablehnung dieses Betonmonstrums mitten im Waldnaabtal und der Liebe zu den Menschen, die dieses Kunstwerk der Technik mit ihrem Verstand und ihrer Hände Arbeit geformt haben, ein „Pfeiler, schön wie die Säule einer Kathedrale“.
Wir Begleitenden bemerkten in diesen Tagen, dass die Suche der Menschen in dieser ländlichen Region entscheidend nicht von Idylle und Tradition geprägt ist, sondern genauso von der Sehnsucht nach Gott in ihrem eigenen Leben und im Leben ihrer Kirchen, wie wir das von Menschen in Großstadtregionen kennen.
Es tut gut, sich der Natur in Johannisthal anzuvertrauen.
Und gleichzeitig haben wir erfahren, dass es für diejenigen, die dort arbeiten und Veranstaltungen besuchen, ein Bedürfnis ist, sich in aller Offenheit den Fragen der Zeit zu stellen, die Wunden in der Kirche und in der Gesellschaft nicht zuzudecken und sich dem Anruf Gottes in ihrem eigenen Leben zu stellen.
Für diese Erfahrung sind wir den Menschen aus der Region von Johannisthal dankbar und haben deshalb gerne die Einladung zu einer weiteren Veranstaltung in diesem Jahr angenommen.
Auch beim Katholikentag in Regensburg werden wir kurze Exerzitien auf der Straße anbieten.
Weitere Informationen befinden sich unter http://www.strassenexerzitien.de