2010 Christian Herwartz, Ein Weckruf

„Nicht mit mir“ ruft uns Friedrich Schorlemmer in der letzten Ausgabe von Publik Forum zu. Prophetisch weist er auf die Folgen des Vertröstens hin, wenn wir das Ziel der Einheit aus den Augen verlieren und uns nicht mehr um das gemeinsam zu feiernde Abendmahl bemühen.
Es war ein Hoffnungszeichen auf dem ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin, dass sich katholische und evangelische Pfarrer gegenseitig zum Abendmahl eingeladen haben. Leider hat dieser Impuls nicht gezündet, die Mutigen wurden auf beiden Seiten isoliert und abgestraft. In der Folgezeit wurde dieser Anstoß nur von wenigen aufgegriffen. Das notwendige Ringen um einen angemessenen Ausdruck der Einheit unter uns in Christus erlahmte. Christus wird weiter gespalten verkündigt. Die Zeit war noch nicht reif, diesem Konflikt unter uns nachzugehen. Es wäre ein ausreichender Druck auf breiter Basis in den Kirchen nötig gewesen. Nun feiern wir auf dem 2. ökumenischen Kirchentag in München am Himmelfahrtstag wieder viele getrennte konfessionelle Gottesdienste. Das ist auch für mich ein Skandal.

So will ich zuerst für diesen Weckruf „Nicht mit mir“ danken. Der Glaubensweg beginnt oft mit einem Nein. Das Nein Jesu gegen den Versucher in der Wüste hat schon die ganze Verkündigung Jesu umschrieben. Seine Antworten – „der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort aus dem Munde Gottes“ und „du sollst Gott nicht auf die Probe stellen“ – sind für mich das erste Glaubensbekenntnis Jesu, das ich im Neuen Testament lese. Das Nein gegen ein stures „Weiter so“ ist ein befreiender Schritt, dem ich mich gerne anschließe.

Warum ist kein Aufschrei und der entschiedene Wunsch zu einer gemeinsamen Praxis nach den Ereignissen des letzten ökumenischen Kirchentags gekommen? Weil Friedrich Schorlemmer besonders die katholischen Christen nach einer Antwort fragt, will ich darauf aus meiner Sicht antworten: Ja, es gibt noch viele Verhärtungen in der katholischen Kirche. Eine Blockade ist die oft rückwärts schauende Mentalität, für die direkte Amtsübergabe von Jesus ausgehend (Sukzession) so entscheidend ist. Dahinter bemerke ich, dass die Sehnsucht nach Einheit nachgelassen hat. Der Einheitswunsch wird von vielen als eine Störung der bestehenden Ordnung gewertet. Es gibt einen Überdruss an dem Skandal der Kirchenspaltung, der in den Ländern unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Mitte des Glaubens – der Opfertod Jesu und seine Auferstehung – stehen auch in unserem Land oft nicht im Zentrum, sondern die Sorge um den vermeintlich guten Ruf, der sein Fundament aber nicht in der Wahrheit sucht, sondern dem die gegenseitige Abgrenzung wichtiger ist. Das ist – entgegen der Botschaft Jesu – eine versteckte Anbetung der Konkurrenz, die fälschlicherweise in unserer Gesellschaft oft als Lebensantrieb angesehen wird. Es geht häufig um das Konservieren der eigenen Identität. Die Reformation war eine Reaktion auf die Sünden der Kirche, die die Menschen gespalten hat. Der Weg der Reue darüber und der Umkehr muss weiter gehen. Denn nur die Wahrheit wird uns frei machen.

Die Kehrseite des Neins von Friedrich Schorlemmer ist sein Ja zur Freiheit eines mündigen Christen. Dazu will er ermutigen. In diesem Wunsch fühle ich mich mit ihm ganz eins. Der freie Blick auf den jeweiligen Impuls des Lebens in unserer Mitte kann die Zeichen der Zeit und das Wirken Gottes unter uns wahrnehmen. Er wird uns immer neu verstellt durch innere und äußere Blockaden, und es braucht jeweils ein neues Hinsehen und manchmal eine echte Bekehrung, um den Impuls Gottes und die berechtigten Anliegen anderer wahrnehmen zu können. In diesem Freimut möchte ich einige Aspekte nennen, die leicht bei der offenen Abendmahlseinladung vergessen werden, die evangelische Christen und Gemeinden aussprechen. Für diese Einladung danke ich an dieser Stelle ausdrücklich. Ich möchte aber auch auf die Hindernisse hinweisen, wenn ich den Einladungen nachgekommen bin.

Die evangelische Berufschularbeit lädt bei uns seit vielen Jahren jeweils einige Klassen zu einem Tag des Zuhörens ein. Mitglieder der jüdischen, der muslimischen, der evangelischen und katholischen Gemeinde stehen den Klassen abwechselnd Rede und Antwort über ihre religiöse Praxis. Mit großer Freude habe ich häufig an diesen Tagen teilgenommen. Aber trotz meines Protestes wurden diese Tage meist mit den Worten eingeleitet: „Ihnen stehen heute VertreterInnen von vier Religionen Rede und Antwort.“ Theologisch gebildete evangelische Menschen sprechen so.

Auch bei Gottesdienstbesuchen bin ich auf ähnliche Weise vor die Tür gesetzt worden. Zum Glück kann ich mich wehren und brauche den gemeinsamen Gottesdienst nicht fluchtartig verlassen. Oft wurde die katholische Kirche in den Predigten falsch dargestellt; mir wurde gesagt, was ich angeblich glauben würde; oder dass es doch glaubwürdiger wäre, in eine evangelische Kirche einzutreten. Ja, die evangelischen und die katholische Kirchen sind für mich alle vollgültige Kirchen, in denen Christus verkündigt wird. Sie sind Gemeinschaften mit lebendigen Menschen, die Zeugnis von seiner Gegenwart ablegen. Ich entdecke die Gläubigen wieder in den gesellschaftlichen Kämpfen um mehr Frieden und Gerechtigkeit. Dafür bin ich dankbar und suche deshalb die Feier unseres gemeinsamen Glaubens, auch wenn ich manchmal alle Geduld zusammen nehmen muss, um die ausgrenzende Sprache in den evangelischen Gottesdiensten zu ertragen. Ich kann mir meinen Glauben ohne den Wunsch nach Einheit nicht vorstellen, nach Einheit unter uns Christen und mit allen Menschen guten Willens. Ich vermute ihn bei jedem Menschen als Ausdruck seiner Würde, auch wenn er manchmal durch Ängste oder Brutalitäten verdeckt ist.

Meiner Erfahrung nach kommt es in evangelischen Kirchen besonders aus zwei Gründen zur Distanzierung von anders riechenden Christen. Die meist gut durchdachte Predigt wirkt häufig wie die Verkündigung einer Buchreligion. In der Überwindung von Missständen hatten Luther und andere Reformatoren der Bibel wieder einen zentralen Platz in der Kirche zurück erobert. Das war ein entscheidender Schritt für die Neufundierung und Reinigung kirchlichen Lebens. Dieses Geschenk der Reformation haben wir Katholiken uns Stück für Stück angeeignet und wollen es nicht wieder verlieren. Doch die Verkündigung des auferstandenen, in unserer Mitte anwesenden Christus, aus der ich zu leben versuche, vermisse ich häufig im Gottesdienst. Ein historischer Text wird ausgelegt. Er steht oft im Mittelpunkt, und nicht der Lebendige, über den der Text spricht. Dann bleibe ich hungrig, weil die Verkündigung dort stehen bleibt und die Begegnung mit den Menschen heute nicht spürbar wird.

Friedrich Schorlemmer greift dabei nicht zur Polemik aus der Zeit der Reformation, sondern sucht Zuflucht zur milderen Ironie. Aber auch sie ist kein Glaubenszeugnis des heute unter uns anwesenden Christus, der uns zum Abendmahl einladen will. Das können die Texte auch nicht, die Friedrich Schorlemmer wie aus einem Gesetzbuch zitiert. Wir können einander nicht aus eigener Vollmacht einladen, sondern müssen uns Christus anvertrauen, der uns dazu einlädt. Gottesdienst ist sein Dienst an uns.

Eine andere schmerzhafte Grenze spüre ich bei der Einladung zum geschwisterlichen Mahl durch die evangelischen Schwestern und Brüder. Manchmal wird eine doppelte Bekehrung von den Eingeladenen verlangt: Die zur Freiheit eines mündigen Christen, wie Friedrich Schorlemmer schreibt, und die zur bürgerlichen Gesellschaft mit vielen ihrer staatlichen Ausdrucksformen. Wie wichtig werden selbst in Gottesdiensten staatliche Würdenträger und Politiker genommen. Staatsnähe wird häufig dokumentiert. Oft sind Mehrheiten in der Gemeinde ausschlaggebend und nicht die Grundsätze des Evangeliums. Da stoße ich auf eine Fülle von Regeln. Sie erscheinen wichtiger als die Begegnung mit den Menschen, in denen ich heute Christus repräsentiert sehe. Jesus selbst hat auf sie verwiesen: Durstige, Hungrige, Kranke, Gefangene, Flüchtlinge und andere Fremde oder Menschen, die in besonderer Weise um den Frieden ringen.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich kenne viele evangelische Christen, die mir Vorbild in der Nachfolge Christi sind. Und ich sage auch nicht, dass es in der katholischen Kirche immer die Freiheit gibt, diesen Christus heute zu sehen und ihm zu folgen. Doch mir ist wichtig, dass für uns Christen aus unterschiedlichen Traditionen in gleicher Weise gilt: Wir können uns nur unter seinem Kreuz wiederfinden und dorthin zurückrufen. Dieses Kreuz steht leider immer wieder mitten in unserer Gesellschaft und den Kirchen. Dort hoffe ich auf das Handeln Gottes, seine Auferstehung von den Toten und sein Mahl mit den Jüngern am See Genezareth mit gebratenem Fisch und Brot. Für mich ist immer wieder überraschend, unter welchen Zeichen er sich neu zeigen will, dieser lebendige Gott. Da reicht es nicht in der Bibel zu stöbern; vielmehr ist es wichtig, die eigenen Erfahrungen mit den dort beschriebenen in Verbindung zu bringen.
Deswegen fahre ich zum ökumenischen Kirchentag nach München und will mich von diesem lebendigen Gott auch dort überraschen lassen.

Leserbrief an Publick Forum 2010 unveröffentlicht

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