2008 Christian Herwartz, Training im Hinsehen

In allen Bundesländern stehen versteckt Haftanstalten, in denen Männer und Frauen bis zu 18 Monaten einsitzen, die wegen keiner Straftat angeklagt sind. Die Ausländerbehörde möchte sie außerhalb der Grenze fliegen, welche die im Schengener Abkommen zusammengeschlossenen Länder Europas um sich gezogen haben. Sie wird militärisch gesichert. An ihr sterben jedes Jahr Tausende von Flüchtlingen, die sie aus unterschiedlichen Gründen passieren wollen.

Ein großes Polizeigewahrsam für Frauen und Männer steht in Berlin-Köpenick. Die Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ lädt seit 1995 regelmäßig zu einem Mahnwachengottesdienst vor dieser Abschiebehaftanstalt ein. Das Gebäude ist ein ehemaliges DDR-Gefängnis am Stadtrand.

Wir stehen vor den Mauern, die für uns ein Teil der Mauer um Europa ist. Denn die hier festgehaltenen Menschen sollen außerhalb dieser Mauern leben. Am Anfang unserer Zusammenkunft informieren wir über die Situation in der Haftanstalt und aller Flüchtlinge in unserer Stadt, besonders aber der Menschen ohne Pässe. Sie leben in der Angst, deshalb inhaftiert zu werden. In Berlin sind es etwa 100.000 Mitbürger und Mitbürgerinnen, bundesweit etwa eine Million. Wir erfahren von Menschen in der Haft, die nicht abgeschoben werden können, weil die Heimatländer grundsätzlich keine Abschiebungen dulden. Sie sitzen dort – wie die Behörde sagt – zur Abschreckung. Sie will damit die Fluchtbewegungen eindämmen. Die Ursachen sehen wir in politischen Notlagen und dem Reichtumsgefälle. Die Einreiseverweigerung soll diese Abhängigkeit zementieren. Gleichzeitig wird ungehinderter Geld- und Warenfluss gefordert und für uns Europäer Reisefreiheit. Vor diesen Widersprüchen stehen wir im Gebet vor der Haftanstalt, singen und hören meist einen biblischen Text.

Wir Berliner haben traumatische Mauererfahrungen. Hier stehen wir wieder vor einer solchen Mauer. Der Wachturm der Haftanstalt ähnelt den Wachtürmen an der Berliner Mauer. Die realsozialistische DDR wollte sich von dem kapitalistischen Westen abschirmen. Diese Mauer ist gefallen. Wir bitten in unseren Gebeten um das Fallen dieser neuen Unrechtsmauer in unserer Stadt. Dabei sehen wir all die anderen gesellschaftlichen Mauern deutlicher, auch die Mauer zwischen den USA und Mexiko und anderswo. Wie oft rechtfertigen und unterstützen wir – vielleicht ungewollt – diese das Leben eingrenzenden „Bauwerke“? Wenn diese Mauer fällt, dann ist unsere Gastfreundschaft neu gefragt, die im Moment durch staatliche Maßnahmen einschneidend behindert wird. Andere Staaten ahmen die Abgrenzungspolitik nach und grenzen uns aus. Die Freizügigkeit zu schützen, wäre eine gesellschaftlich Aufgabe und nicht sie zu verhindern. Diese Gedanken und Gebete kommen uns angesichts des Gefängnisbaues. Manchmal winken uns die Menschen von dort zu.

Bei dem Mahnwachengebet stellen wir ein Symbol in unsere Mitte. Einmal war es eine Liege und ein Stuhl. Wenn die Mauer fällt, dann brauchen die jetzt Inhaftierten Wohnraum und vieles mehr. Wünschen wir – auch mit diesem Eingriff in unseren Alltag – wirklich den Fall der Gefängnismauer hier in Berlin-Köpenik und rund um Europa, in der wir alle eingeschlossen sind? Mit dieser Frage verteilen wir uns auf dem Vorplatz, winken den Gefangenen zu und werden etwa eine Viertelstunde still. Oft ist diese Stille schwer aushaltbar. Einsichten tauchen auf, die wir sonst schnell beiseite schieben. Dann kommen wir alle wieder zusammen, tauschen uns über die spontanen Gefühle und Einsichten aus, beten und bitten um den Segen Gottes. Einige von uns besuchen anschließend Gefangene. Doch bevor wir gehen, singen wir über die Mauer zu den Gefangenen mit unserer ganzen Hoffnung: „We shall over come“.

Zurück im Alltag erkennen wir die Illusion noch deutlicher, Reichtum mit einer Mauer sichern zu wollen. Die Trennung von reich und arm im Land wird deutlicher. Auch bei uns leben die Menschen in einer ersten und immer mehr in einer vierten Welt. Kinderarmut nimmt zu. Schutzrechte werden abgebaut und im Grundgesetz verankerte Menschenrechte durch Verwaltungsanweisungen begrenzt. Viele Probleme unseres Alltags überfordern uns und wir sehen weg. Dann ist es gut, wieder an die Mauern der Abschiebehaft zurückzukehren und die Not der Opfer zu ahnen, biblische Erfahrungen zu hören und still zu werden vor dieser großen Monstranz, die ja jedes Gefängnis ist. Jesus hat uns vorausgesagt, dass er in den Gefangenen anwesend ist (Mt 25,36). Am Anfang seines öffentlichen Wirkens verkündete er in seiner Heimatstadt Nazareth, dass er gekommen sei, Gefangene und alle Zerschlagenen in Freiheit zu setzen (Lk 4,18).
veröffentlicht in: Franziskaner-Mission, Sept. 2008

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