2008 Christian Herwartz, Gastfreundschaft

Gastfreundschaft vergeßt nicht. Durch sie haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Hebr.13,2

Schritt 1: Gast sein, um Gastfreundschaft bitten

a) Fremdlinge und Gäste sind wir vor Gott, die kein Land auf Dauer kaufen oder verkaufen können (Lev 25,23). Gäste können ihren Gestaltungsauftrag nicht mit Rechtstiteln begründen. Sie leben in einer direkten, auf die Offenheit des anderen angewiesenen Beziehung. Sie können Situationen erkennen, sich an die eigenen Erfahrungen erinnern und frei von Machtansprüchen darüber reden. Das ist ein wichtiger gesellschaftlicher Dienst.
Gott wird von Jeremia als fremder Gast, als Wanderer gesehen, der nur über Nacht bleibt (Jer 14,8). Gott teilt unsere Angewiesenheit besonders in Jesus, der immer neu anklopft und uns auch dazu anhält: „Klopft (beständig) an, dann wird euch aufgetan.“ (Lk 11,9) Er sagt uns, dass er unter Hungrigen, Kranken, Gefangenen, allen ausgegrenzten Menschen auf besondere Weise zu finden ist (Mt 25). Sein gelebtes Glaubensbekenntnis, von einem heimatlosen Aramäer abzustammen (Dt 26,5), wird für uns greifbar, wenn er um etwas zu trinken (Joh 4,7) und noch als Auferstandener um etwas zu essen bittet (Lk 24,41). Er zeigt uns das unaufdringliche Leben als Gast, der sich z.B. zum Gebet zurückzieht (Mk 1,35), sich beim Essen an den letzten Platz setzt (Lk 14,8), sich von verachteten Menschen einladen läßt, z.B. von Zachäus dem Zöllner (Lk 19,6), und Zeit hat für Kinder (Mt 19, 14), für die zur Steinigung aus der Stadt getriebene Frau (Joh 8,6) oder für jene, die ihm die Füße mit ihren Tränen wäscht. Jesus konnte entdecken, wer Gastfreundschaft lebt (Lk 7,36-47).
Weitere Texte für die Meditation: Ps 39,13; Hebr. 11,13; Satzungen 67; GK 34 1/7f, 3/1, 5/6

b) Bei Exerzitien erlebe ich, wie Menschen Obdachlose, Drogenabhängige, Bettler darum bitten, sich eine Weile zu ihnen auf die Straße zu setzen; überraschend wurde einem dann ein Karton als Unterlage angeboten und ihm wurde eine neue Nähe zu Jesus geschenkt. – Schon das Warten auf Gastfreundschaft kann zu einer heilsamen Zeit werden, in der die eigene Angst, mit dem oder jenem gesehen zu werden, aber auch die Liebe Gottes neu zu entdecken ist. Jesus wurde ja wegen der Tischgemeinschaft mit gesellschaftlich und religiös Ausgegrenzten – wegen dieser für die Mächtigen gefährlichen Grenzüberschreitung – umgebracht.
c) Wohin könnten wir einzeln und gemeinsam als Freunde in Christus gehen, um unser Unterwegssein, als Gast, als Fremde weiter zu leben? Wo sind wir nicht mit einer Funktion eingeladen und sicher, nicht auf Grund unseres gesellschaftlichen Ansehens auf einen der vorderen Plätze gebeten werden? Wo können wir unsere Bedürfnisse als Gäste neu erfahren? Wo sind wir mit anderen – z.B. vor einer Suppenküche wartend – Eingeladene?
Auf diesem Weg des Pilgerns die Freundschaft in Christus zu entdecken, könnte einmal heißen, sich mit einem Mitbruder zum Besuch eines Gefangenen zu verabreden, d.h. die/den Gefangene/n um eine Einladung zu bitten, in der Vorbereitung die eigenen Interessen zu entdecken, beim Besuch die Nähe Gottes – die Freundschaft in Christus – zu spüren. Der erste Schritt dabei ist, die Gastfreundschaft der Gefangenen anzunehmen. – In der Nachbetrachtung können die Beziehungen untereinander und zu dem Besuchten ausgesprochen und dann in der Kommunität – mit Besuchserfahrungen an sonst gemiedenen Orten wie z.B. in der Warteschlange auf dem Flur des Arbeitsamtes oder betend in einer Moschee – zur Sprache kommen.

Schritt 2: Gastgeber sein: Das Fest der Gastfreundschaft gestalten

a) Abrahams Gastfreundschaft wird besonders deutlich, als er die drei Gesandten Gottes in Mamre dringend darum bittet, bei ihm zu rasten, aber auch als er mit ihnen um das Leben der Menschen in Sodom ringt. (Gen 18)
Jesus, der selbst meist Gast war, bringt uns in Gleichnissen die Gastfreundschaft des Vaters nahe. Von großen Festen wird erzählt: Mt 22,1-14, 25,1-13; Lk 15,11-31, 14,16-24. Gastfreundschaft ist Ausdruck des Reiches Gottes, das unter uns begonnen hat. Sie gilt besonders denen, die keine Gegeneinladung aussprechen können (Mt 5,46). – Zum Gastgeber wird Jesus nach einer Heilungen: er nimmt von einem Jungen Brot und Fisch, spricht das Dankgebet und läßt es austeilen. Der bescheidene Beitrag des Gastes wird durch Jesus als Gastgeber zur Quelle der Freude für alle (Mt 15,35; Jo 6,9). Als Gastgeber wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße (Jo 13,4) und öffnet ihnen in Emmaus beim Brotbrechen die Augen (Lk 24,32). Dann können sie befreit nach Jerusalem in die Gemeinschaft der Apostel zurückkehren.
Weitere Texte für die Meditation: 1Ti 3,2; 1 Pet 4,9; GK 32 11/48; GK 34 1/11, 8/23, 9/15.
b) Wenn wir uns an die Erfahrungen als Pilger, als Fremde, als Gäste erinnern, können wir als Gastgeber Menschen ankommen lassen. Wir werden neugierig auf die Erfahrungen der Fremden und Nachbarn, geben ihnen Raum und dürfen von ihnen lernen. Dabei überwinden wir Fremdheit und Ausgrenzungen, hören ihre Geschichten oder Ratschläge, nehmen ihre Gestaltungsbeiträge an und bieten ihnen so angemessen Raum und Zeit, die wir manchmal anderen abtrotzen müssen. Aus dem Herzen heraus tun wir das, was dran ist. „Wenn ihr Fremde, Sklaven, … seht, erinnert Euch daran, wie es ihnen zumute ist.“ (Ex 23,9; Lv 19,33f). Auch verschüttete und verachtete menschliche Würde kann dabei wieder entdeckt werden, wenn wir uns erinnern, was uns wichtig war, als wir in der Fremde müde oder krank waren, die Sprache nicht verstanden und zu Wort kommen wollten.
c) Wie können wir in unserer Arbeitszeit Menschen einladen, ohne dabei hauptsächlich mit unseren Aufgaben und Funktionen sichtbar zu sein? Wie sehen wir dabei jene, die uns nicht wieder einladen oder andere Vorteile bringen können? Es ist ein ganz kostbares Geschenk, wenn es dabei mutig zu einer partiellen Überwindung der oft notwendigen Rollen kommt, mit denen wir gesehen werden. Mitten in den dabei auftretenden Konflikten helfen oft fremde Menschen – auch Klienten -, besonders wenn sie zu Gästen oder später gar zu Mitgliedern werden (Ergänzende Normen 175).
Nachbarn, ausländische Gäste, … können wir in unser Haus oder an andere Orte einladen, die uns geeignet erscheinen; auch zu einem Ausflug an Plätze, die uns wichtig sind, an denen etwas von uns sichtbar wird und wir uns gegenseitig in unserer Würde entdecken können. Solch ein Fest wurde z.B. die Feier der Erinnerung an die Blutzeugen von Plötzensee, unter ihnen P. Alfred Delp, am 60. Jahrestag der Ermordung. Es wurde deutlich, was uns in der Freundschaft zu Christus heute wichtig ist und wir teilten diese Geschichte mit anderen.
Neben den gut vorbereiteten Festen gibt es die ungeplanten spontanen Einladungen, die unser Leben zum Fest werden lassen. Welche Absprachen unter uns ermöglichen, welche stillschweigenden Übereinkünfte verhindern sie? Unter welchen Bedingungen findet eine Mitarbeiterin oder ein hungernder oder obdachloser Mensch Aufnahme, wenn ihn ein Mitbruder mitbringt oder wenn er unangemeldet anklopft?

Schritt 3: Wie die Gastfreundschaft und den Frieden schützen?

a) Je nach ihren Vermögen ist den Einzelnen in einer gastlichen Gemeinschaft auch der Schutz der Gäste anvertraut. Wie kann uns bewußter werden, welches alltägliche Verhalten die Gastfreundschaft einer Gemeinschaft zerstört?
In dem Gleichnis vom Hochzeitsfest fragt der Gastgeber einen der vielen guten und bösen von den Straßen herbeigeholten Menschen, warum er kein hochzeitliches Gewand an hat (Mt 22,12). Jener hatte keine Entschuldigung und wurde hinausgeworfen. Welcher Mangel macht einen solchen Ausschluß nötig? Es geht nicht um eine Frage der Sympathie, einer angesehen Stellung in der Gesellschaft, Geld, Bildung oder einem guten Lebenswandel. Alle sind eingeladen worden. Doch es gab Umstände, in denen die Gastfreundschaft mißbraucht wurde.
Ist der Gast ohne hochzeitliches Gewand mit seinem Herzen in der Vergangenheit geblieben, hat nicht zulassen wollen, dass wir jetzt nicht mehr Fremde oder Gäste sondern Hausgenossen des Gastgebers im Himmel sind (Eph 2,19); ist er ein Mensch geblieben, für den jemand, der Drogen genommen oder einen anderen umgebracht hat, immer ein mißtrauisch zu beobachtender Drogenabhängiger oder Mörder bleibt, ist er also ein Mensch, der keinen Neuanfang zuläßt?
Viele Interpretationen dieser Stelle gibt es unter uns. Wenn wir sie in der Kommunität einmal aussprechen, können wir wichtige Elemente einer gastfreundliche Lebensweise entdecken.
Texte zur weiteren Meditation: 1 Petr 4,9; EN 323; GK 34 1/11, 10/3
b) Die gesellschaftliche Mißachtung von Menschengruppen muß von einer gastlichen Runde abgewehrt werden. In unserer Mitte gibt es Menschen, die einen besonderen Schutz brauchen, wie Kinder, Verfolgte, Mißhandelte, Alte, usw., deren Verspottung wir abwehren und denen wir diskreten Schutz gewährleisten müssen. Eine besondere Aufmerksamkeit verlangt es auch, anstehende Themen zuzulassen und sie nicht vorschnell in private oder sakrale Räume abzudrängen: Wie offen gehen wir mit einem Suchtproblem in unserer Mitte – auch zusammen mit Gästen – um oder mit der Frage nach Gott in einer uns ungewohnten Ausdrucksweise?
In den Satzungen (266) wird besondere Aufmerksamkeit Frauen gegenüber angemahnt, die auch weiterhin in unserer Gesellschaft und auch in der Kirche um die Achtung ihrer Würde ringen müssen (GK 14).
Wenn wir in unseren Gemeinschaften um einen würdevollen Umgang ringen, können sie Orte der Überwindung großer Verletzungen sein, nicht nur bei Frauen, Homosexuellen, Mißbrauchten, … sondern auch in unseren eigenen emotional manchmal zumindest partiell unterkühlten und eingefrorenen Beziehungen. – Weiterhin steht in den Satzungen an dieser Stelle, dass es in unseren Häusern keine Waffen und eitle Dinge geben soll. Wenn wir Gewaltlosigkeit in einer gastlichen Gemeinschaft sichern und in Bescheidenheit leben wollen, sind alle mit ihrer Phantasie gefordert, wie sie daran mitwirken können. Was tut dem Gast Gewalt an? Wo wird Ängstlichkeit in den interkulturellen und -religiösen Auseinandersetzungen mit Gewaltlosigkeit verwechselt, obwohl sie ja oft Motor von Gewalttätigkeiten ist?
Ebenso können sowohl persönliche Eitelkeiten wie das Nennen von Titeln oder das ständige Erzählen von Erfolgsgeschichten oder andere kommunitäre Gepflogenheiten, Gäste aus anderen Lebensbereichen – besonders verletzte, ärmere Menschen – sehr bedrängen. Erklärungen sind manchmal Verständigungsbrücken, Rechtfertigungen reißen oft Gräben auf.
Ohne Scheuklappen aus Erfahrungen zu lernen bedeutet, dass ein „schwieriger“ Gast nicht nur eine Störung sondern auch ein Engel Gottes werden kann.

c) Für ein Kommunitätsgespräch sind vielleicht die folgende Fragen interessant:
– Könnten wir zwecks größerer Offenheit gegenüber möglichen Gästen einige behindernde Dinge, ausgrenzendes Verhalten, usw. weglassen? Gibt es Bemerkungen von Gästen oder auswärtigen Mitbrüdern, die uns bei einer Entscheidung helfen?
– Entdecken wir besonders schutzbedürftige Personen, denen wir – wie Jesus z.B. den Kindern gegenüber (Mt 19,4) – eine besondere Achtsamkeit entgegenbringen wollen?
Beispiele: einem trockenen Alkoholiker kein Bier oder Pralinen mit Likör anbieten; nicht einen zur Anzeige verpflichteten Polizisten oder Richter und einen Menschen ohne Papiere zusammen einladen; keinen Menschen leichtsinnig in dem geschützten, privaten Raum der Gastfreundschaft in die Öffentlichkeit von Fernsehen usw. drängen; diskriminierende Redeweisen möglichst sofort deutlich als zerstörerisch benennen und sich angemessen distanzieren.
– Wollen wir Gäste und Pilger besonders um die Auslegung der Schrift (Lk 4,20f) und ihren Segen bitten?

Advertisements