2006 Christian Herwartz, Die Armut Gottes und seine Lust, Einheit zu stiften

In dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählt Jesus, wie der Weinbergbesitzer jedem ein Silberstück auszahlen läßt (Mt 20,9). Das ist keine leistungsgerechte Entlohnung, denn manche hatten zwölf andere nur eine Stunde gearbeitet. Zahlt sich im Reich Gottes, auf das diese Geschichte hinweisen will, Leistung nicht aus?

Vor Gott können wir nicht mit unseren Leistungen und Erfolgen prahlen. Das wäre lächerlich. Wir sind und bleiben vor ihm arm (Mt 5,3). Trotzdem sind wir eingeladen, uns mit all unseren Kräften bei der Gestaltung der Welt abzumühen. Am Ende wird, so erzählt es uns Jesus, die Armut Gottes sichtbar. Er hat kein Wechselgeld. Jeder bekommt ein Silberstück. Gott kann kein halbes, ganzes oder anderthalbfaches ewiges Leben zuweisen. Jeder Mensch ist von ihm gleich geachtet.

Der Geist des Evangeliums unterläuft die Taktik der Spaltung, die jeder Herrschaft von Menschen über Menschen innewohnt. Besonders größer Firmen oder Bürokratien sind weitgehend demokratiefrei Orte mit vielen Hierarchien. Menschen empfinden sich als höhergestellt, wichtiger und beanspruchen von daher auch einen höheren Lohn und mehr Anerkennung als sie anderen zugestehen wollen. Wie ist in dieser Umwelt der Geist des Evangeliums lebbar, der auf die Gleichheit vor Gott und untereinander hinweist? Jeder kennt dafür Beispiele im privaten Bereich unter Arbeitskollegen, aber auch beim politischen Handeln in Betrieb und Gesellschaft. Das Grundgesetz weist auf die gleiche unantastbare Würde aller Menschen hin. Nach diesem Grundsatz zu leben, wird zum Konflikt, wenn andere dadurch ihre Macht gefährdet sehen. Unrecht soll nicht aufgedeckt werden. Als der Sicherheitsingenieur auf der Riesenbaustelle am Potsdamer Platz in Berlin Sicherheitsschuhe für alle Arbeiter anmahnte, wurde er entlassen. Andere hatten auf die Hierarchie der Löhne entsprechend der Herkunftnationalitäten der Arbeiter bis runter auf zwei DM pro Stunde hingewiesen. Die Zahlen wurden von einer Gewerkschaftsgruppe am Bauzaun veröffentlicht.

Jesus hat Unrechtsituationen aufgedeckt und ist ausgegrenzt worden. Er hat die Mächtigen gestört und wurde nach den herrschenden juristischen Regeln umgebracht. Und so bin ich mir sicher, daß er weiterhin unter ausgegrenzten Menschen anwesend und zu finden ist. Die Opfer der herrschenden Strukturen sind keine besseren Menschen, ja oft ähnlich ausgrenzende Täter. Doch Gott bleibt in seiner Armut den Menschen treu. Er läßt sich von uns wegschieben bis hin zu den Menschen in der äußersten Ausgrenzung, die wir zum Wohl der Mehrheit oder der bestehenden Ordnung für nötigt halten. Er wartet mit seiner Freundschaft auf dem letzten Platz. Wir fallen im Leben aus dem Geist des Evangeliums nie aus seiner Gegenwart.

Umwerfend ist die immer neue Erfahrung, welche Lust ich bei Gott finde, unter den Menschen auf dem Boden seiner Gerechtigkeit, die sich keiner durch Ansehen erkaufen kann, Einheit zu stiften. In ihm Brüder und Schwestern zu sein ist eine stärkere Verbindung als Blutsverwandtschaft oder nationale, wirtschaftliche oder sportliche gemeinsame Interessen. Es ist eine internationale, alle Grenzen überschreitende Freude.