2006 Christian Herwartz, Der lernende Jesus in uns

“Fremd ist der Fremde nur in der Fremde (B. Brecht)” war das Thema eines Studientages in Steyl am 11. November 2006. Wie hat Jesus gelernt mit dem Fremden umzugehen, wurde ich einige Tage später nochmals in der Nürnberger Studentengemeinde gefragt. Jetzt will ich einige Notizen zu diesem Thema als Anstoß zum Weitersuchen zusammenstellen.
Jesus ist Jude und wurde in dieser Tradition oft daran erinnert, mit seinem Volk aus der Fremde und Ablehnung zu kommen. So heißt der erste Satz im jüdischen Glaubensbekenntnis: “Mein Vater war ein heimatloser Aramäer.” (Dtn. 26,5) Häufig wird in der Bibel an die Verachtung in der ägyptischen Sklaverei erinnert. Besonders beim zentralen Fest der Juden – der Paschafeier – wird diese Zeit in besonderer Weise nochmals durchlebt. Mit bitteren Kräutern wird Not dargestellt und gekostet. An diesem Fest lernen vor allem die Kinder ihre Geschichte, in die sie hinein geboren sind, diese Geschichte der Not und der Befreiung durch Gottes Hand. Sie lernen sich von der Hand Gottes führen zu lassen und erzählen sich gegenseitig ihre Geschichte mit Gott.
Jesus feiert dieses Begehen am Tag vor seiner Ermordung mit seinen Jüngern. Dabei trägt er uns Christen auf, dieses Abendmahl erinnernd zu feiern und uns mit ihm in die Geschichte der Sklaverei und Befreiung zu stellen und sie heute in Einheit mit ihm fortzusetzen.
Auch die 10 Gebote (Ex 20.2; Dtn 5,6) beginnen mit der Erinnerung an diese Geschichte und begründen sich darin. Gott ist der, der “den Fremdling liebt, indem er ihm Nahrung und Kleidung gibt. So sollt auch ihr den Fremdling lieben.” (Dtn 10,18f vgl. auch Lev 19,33f)
Ist diese Grunderfahrung lebendig, dann kann es heißen: “Einen Fremden sollst Du nicht unterdrücken. Ihr wißt doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr seid selbst in Ägypten Fremde gewesen.” (Ex 23,9)

Das zentrale Gebet der Christen das “Vater unser..” (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) ist ein Hineinfallenlassen in das Gebet Jesu und in die Hoffnung seines Volkes. So wie Jesus sich mit ihm identifiziert hat, kann er in uns lebendig, ja der befreiende Kern unseres Lebens sein. Dieses Gebet ist die Frucht seines Lernens in der Geschichte seines Volkes, an der er uns teilnehmen läßt.

An dieser Stelle höre ich die Frage: Mußte Jesus denn Lernen? Er ist doch der Sohn Gottes. Dann können in Gruppen schnell die Diskussionen aufkommen, wie sie im 3. Jahrhundert heftig geführt wurden. Zur Klärung war ein Konzil nötig. Es verkündete: Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott. Manche Christen konnten diesen Satz nicht nachsprechen und bildeten eigene Kirchen. Zum Menschsein gehört zentral das Lernen. Zum Gottsein die Einheit mit Gott. In beides will uns Jesus auf besonders intensive Weise mitnehmen. Im eigenen Prozess können wir die immer größere Einheit mit ihm spüren. Er steht nicht auf einem Sockel des Besserwissenden, sondern als Bruder neben und mit der alles durchdringenden Göttlichkeit in uns. Dieses “Wissen” der Gläubigen benennen Muslime mit einem Bild: Gott ist uns näher als unsere Halsschlagader.

In den verschiedenen Phasen unseres Lernens werden wir unterschiedliche Etappen des Lernens im Leben Jesu entdecken. Ich möchte auf zwei hinweisen. Dabei kommt es mir im Zusammenhang des Themas nicht so sehr auf das intellektuelle, sondern auf das emotionale Lernen an. Wie entwickelt sich das Sehen mit dem Herzen und beeinflußt ein freier werdendes Handeln?

a) Die Evangelisten (Lk 7,36-50 und Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Jo 12,3-8) berichten von einer Frau, die in ihrer Not die Regeln des damaligen Anstands durchbricht und zu Jesus mitten in einer Männergesellschaft geht. Die Frau war wahrscheinlich in der Gesellschaft nicht geachtet. Mit ihren Tränen wusch sie Jesus, wie eine gute Gastgeberin, die Füße und salbte sie sogar mit Öl. Als sich die Männer empörten, stellt sich Jesus zu dieser Frau und zeigt seine Wertschätzung. Wohl auch durch diese Erfahrung angestoßen hat in ihm ein Lernprozess stattgefunden, auf den er in einer ähnlichen Situation seines Lebens zurückgreift: Als er einen Tag vor seiner Hinrichtung in Todesangst ist, legt er wie die Sklaven sein Obergewand ab und wäscht seinen Jüngern die Füße (Jo 13,1-17). Nicht Rechtfertigungen sondern dieses schlichte Zeichen der Demut führt ihn und später immer neu die ganze Gemeinschaft der Jünger zurück zu den eigenen Ursprüngen. Mitten im Ärger über mißglücktes Menschsein kann die Entschiedenheit und Ruhe einkehren, die die göttliche Einheit nicht verliert. Die Frau, Jesus bezeichnet sie als Prophetin, wurde ihm zur Lehrerin.

b) Jesus lernt in vielen Etappen eine immer größere Offenheit. Biblisch wird sie Armut genannt. In den Seligpreisungen (Mt 5,3) wird diese Armut/Offenheit vor Gott an erster Stelle gepriesen.
Ein Fremder, ein römischer Hauptmann zeigt Jesus den Weg zu dieser vertrauensvollen Offenheit, einem Glauben, wie er ihn in Israel nicht gesehen hat (Mt 8,10; Lk 7,9).
Ein besonderes Beispiel für das Lernen im Kontakt mit Fremden wird von Matthäus erzählt (15,21-28; Mk 7,24ff). Folgen wir der Erzählung einmal langsam Satz für Satz:

Nach einem immer gefährlicher werdenden Konflikt mit Menschen aus der Partei der Pharisäer in der Gegend von Genesaret, weicht Jesus über die Landesgrenze nach Norden aus. Also:
“Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.”
Jesus war dort Ausländer und hatte vorübergehend Asyl gefunden.
“Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.”
Jesus trifft also auf eine Frau in Not, die ihn um Heilung bittet. Wir kennen diese Situation, dass uns fremde Menschen um Hilfe bitten.
“Jesus aber gab ihr keine Antwort.”
Auch wir gehen an bettelnden Personen oft genug in Gedanken oder in Eile vorbei. Jesus ist ein Mensch wie wir alle.
“Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befreie sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.”
Die Jünger wollen Jesus aus seiner mangelnden Anteilnahme herausholen, zumal ihnen die Frau lästig wird. Sie zurecht zu weisen haben die Jünger wohl nicht mehr den Mut, da Jesus oft genug Partei für Frauen und Kinder genommen hat. Doch Jesus läßt sich nicht zum Handeln bewegen:
“Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.”
Mit diesem recht arrogant wirkenden Satz drückt Jesus seinen bisherigen Erkenntnisstand aus, zu dem er sich durchgerungen hatte. Eine darüber hinausgehende Anfrage überfordert ihn und seine Jünger offensichtlich. Wo soll das Engagement dann noch hinführen? Jeder von uns kennt die notwendigen aber auch die ängstlichen Diskussionen um sinnvolle Grenzziehungen.
“Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!”
Die Frau macht in ihrer Not einen zweiten Schritt. Mir kommt es so vor, dass sie vor Jesus demütig ihre Schuhe auszieht und ihre Schwachheit zeigt.
“Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.”
Doch Jesus weist noch einmal auf die ihm notwendig erscheinende Grenzziehung verärgert hin. Was mag bei diese Antwort alles im Spiel sein? Jesus will die eigenen Pläne nicht so schnell aus der Hand legen. Wir alle kennen dieses oft ängstliche Klammern an unsere Regeln auch. Wie leicht fallen dann diskriminierende Worte: die ihn aufnehmenden Fremden werden als Hunde bezeichnet. Jesus war blieb in seiner Herkunftskultur gefangen und war in der neuen Situation des vorübergehenden Exils noch nicht angekommen.
“Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.”
Die Frau widerlegt seine Argumente nicht. Sie bestätigt sogar die planend, männlich wirkenden Gedanken Jesu. Sie stört sich nicht an dem Schimpfwort, nimmt es an und erzählt die Geschichte weiter. Sie lädt Jesus ein, die Geschehen aus ihrer Lage heraus zu sehen. Sie versucht sein Herz zu erreichen.
“Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.”
Jetzt entdeckt Jesus ihren Glauben und der Funke des gemeinsamen göttlichen Lebens springt über. Die Frau bekommt ihre Würde zurück. Die Grenzziehungen entfallen und die Heilung von dem quälenden Ungeist findet statt. Er hat keine Macht mehr über Jesus und die Tochter der kanaanäischen Frau. Jesus ist nicht mehr der Fremde. Ob er es selbst schon bemerkt hat, wird nicht erzählt.
Aber die Früchte dieses Lernprozesses können wir später sehen: Jesus kündigt gegen Ende seines Lebens an, dass die Botschaft allen Völkern verkündigt wird. Das darin angesprochene Leben kann von keiner Grenze abgehalten werden:
“Dieses Evangelium vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören.” (Mt 24,14)
Bestärkt wird diese schmerzhaft gefundene Sicht nochmals vom Auferstandenen. In seinem von allen Ängsten gereinigten Menschsein – so wie wir ihn heute erleben können – sagt er seinen Jüngern und Jüngerinnen:
“Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.” (Mt 28,19)

Wir werden also zur Grenzüberschreitung hin auf den Fremden aufgefordert. Dies geschieht nicht nur mit dem Argument der Barmherzigkeit, weil wir uns in unserer Not auch Barmherzigkeit gewünscht haben, sondern mit dem Argument der Teilhabe an der Wahrheit. Es gibt für Jesus kein Fremdsein auf der Ebene menschlicher Würde. Dies hat er im Entdecken des Glaubens bei der Frau aus dem Gebiet von Tyrus und Sidon – also in dem oft umkämpften Gebiet im heutigen Libanon nahe der Grenze zu Israel – oder dem römischen Hauptmann erleben können. Diese Erfahrungen wurden auf seinem Weg in die Einheit mit seiner Grundsehnsucht der Einheit in Gott richtungsweisend.

Jesus lernt immer neu das Leben und die Gesetze in ihrem Sinn zu entschlüsseln, im Kontakt mit Menschen in Not oder mit denen, die oft nicht wertgeschätzt werden, wie Kinder, Zöllner, Sünder und Fremde. Jesus lernte mitten im Leben und ist dort auch heute zu finden. Diese Erfahrungen machen wir besonders in den Exerzitien auf der Straße, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Dabei sind die Entdeckungsorte der Anwesenheit Gottes überraschend und ganz auf die persönliche Geschichte jeder/s Einzelnen zugeschnitten. Dies kann an einem stillen Ort aber auch in der Begegnung mit einem Drogenkranken geschehen. Viele Erfahrungen aus diesen besonderen Zeiten der Aufmerksamkeit, wie wir die Geistlichen Übungen auch nennen, sind zu finden auf der Seite: http://www.con-spiration.de/exerzitien oder in dem kleinen Buch: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße, Echterverlag Herbst 2006.

Im Glauben dürfen wir die Einheit mit Jesus in der gemeinsamen Bezogenheit auf Gott entdecken. Er ist uns so nah, wie Gott uns ist, wir können unsere ganz persönliche Identität in ihm entdecken und er bleibt doch unterscheidbar. Er steht uns aber auch gegenüber und lädt uns ein, das Leben in uns lernend zu entdecken und zu bestätigen.
Das Fremde bleibt dann keine Bedrohung, sondern es gibt Anstöße, die eigene Enge, Überforderung oder fundamentalistische Reaktionen zu überwinden und in die Freude der grenzüberschreitenden Liebe einzutreten, diese frohe Botschaft des Leben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s