2005 Christian Herwartz, Die sich wandelnde Arbeitswelt in Deutschland

Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich werden immer seltener angeboten. Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland sind dafür wichtige Gründe. Ein Teil dieser Arbeiten wird dort in Freihandelszonen durchgeführt, in denen Firmen besonders junge Menschen ausbeuten, wenig Steuern zahlen und ihre Betriebe gewerkschaftsfrei halten.
Eine ähnliche Tendenz gibt es auch im Inland bei Arbeiten, die man nicht ins Ausland verlagern kann. Auch hier sind ähnlich wie in Übersee „Freihandelszonen“ entstanden. Die hier beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wurden oft privat, gewerblich oder kriminell aus dem Ausland herbeigeholt und leben ohne Papiere. Sie müssen sich mit einem sehr geringen Lohn zufrieden geben – oft wird ihnen gar kein Lohn ausgezahlt und gesundheitsschädigende, schwere Arbeiten zugemutet; die Arbeitgeber zahlen keine Steuern und Sozialabgaben. Schon bei legal angeworbenen Arbeitsimmigranten fallen Ausbildungsausgaben weitgehend weg, bei den Papierlosen gibt es keine Ausgaben für die nächste Generation und die „Entsorgung“ im Krankheitsfall, im Alter ist sichergestellt. Der Staat übernimmt die Abschiebekosten.
In der Logik des kapitalistischen Systems entstand z.B. im Baugewerbe durch ausländische Firmen, die nicht die erkämpften Standards im Land erfüllen müssen, ein Wettbewerbsdruck. Um Gewinn und einige Arbeitsplätze für Einheimische zu retten, werden unterbezahlte papierlose Arbeiter angeworben. Ähnliches läßt sich auch bei größeren industiellen Firmen beobachten, die Betriebsteile auslagern, Subunternehmen Arbeiten überlassen, usw.
Restaurants, Putzkolonnen und Schlachthöfe bedienen sich ebenso dieser Form der Migration. Arbeiten in diesen Bereichen sind weitgehend – ähnlich wie in der Landwirtschaft – so schlecht entlohnt, dass Einheimische mit ihren Ausgaben für Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Kindererziehung, usw. sie nicht mehr annehmen können.
Ähnliches gilt für notwendige Dienstleistungen in der Betreuung von alten oder kranken Menschen oder Kleinkindern im privaten Bereich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist im legalen Bereich so teuer geworden, dass sie sich auch Menschen im Mittelstand nicht mehr leisten können. Auch sie werben über entsprechende Dienste – z.B. im Internet – Arbeitskräfte im Ausland an. – Ein zusätzliches Feld papierloser Arbeit ist die Sexarbeit.
In Deutschland werden Menschen aus dieser entwürdigenden Situation sehr selten legalisiert. So versiegt diese Quelle billiger Arbeitskräfte nicht und die herrschende Ideologie ändern sich nicht, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die oft brutale Abschiebepraxis vor allem im Dienst der Lohndrücker und Rassisten scheint von einer Mehrheit gerechtfertigt.

Wir sind von dieser veränderten Arbeitswelt betroffen und reagieren in unserem solidarischen Engagement
in Übersee, um den realen Migrationsdruck zu verkleinern und Lebensqualitäten zu erhalten,
in der eigenen Arbeitsuche und im Kontakt mit Migranten, um uns dieser Realität zu stellen und die Gesichter unserer Kolleginnen sehen zu können;
im Stadtviertel und in unseren Wohnungen, um das Leben mit ihnen zu teilen;
in den Gefängnissen, um die Freunde nicht allein zu lassen.

Wir arbeiten nicht mehr unter Bedingungen, die weitgehend durch soziale Gesetze abgesichert und gewerkschaftlich ausgehandelt sind. Viele Absicherungen sind zerstört, so dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht unter die Armutsgrenze fallen, besonders Familien mit Kindern. Die weltweite Angleichung im wirtschaftlichen Bereich, bei der einige Reiche viel reicher und die große Mehrheit ärmer wird, nimmt deutlich zu. Staatliche Lenkung fördert weitgehend diese Entwicklung und leistet immer weniger Widerstand.

Im September 2004 wurde mit Unterstützung der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden der Europäische Bund der Wanderarbeiter gegründet, durch die KollegInnen Unterstützung finden, die bisher nicht organisierbar sind. >www.migrant-workers-union.org<