2004 Christian Herwartz, Begleitende / erwachsene / geschwisterliche Beziehungen

In vielfältige Beziehungen trete ich täglich ein oder finde ich mich darin vor: am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Arzt, auf dem Postamt, im Elternhaus, im Konzert, in einer Jugendgruppe, auf einem Fest, in einer politischen Gruppe, beim Sport. Manche Begegnungen sind kurz, funktional – ich kaufe eine Briefmarke und gehe wieder; lasse mir einen Zahn aufbohren und füllen und gehe wieder; helfe einem älteren Menschen über die Straße und gehe weiter – andere sind länger und oft auch beschwerlich: ich bin auf der Arbeit oder an der Uni und treffe wieder und wieder auf einen Meister oder Professor, der mich beurteilt und dadurch über mei¬nen Lebensweg mit entscheidet. Oft ist viel Fingerspitzengefühl notwendig, mich unter diesen Rahmenbedingungen der Abhängigkeit angemessen zu verhalten: was gebe ich von mir preis und öffne damit die Beziehung; was gehört hier nicht hin, weil es den partiellen Kontakt überfordern oder gar vergiften würde. Das gilt für beide Seiten: die Professorin oder den Professor wie auch die Studentin oder den Studenten. Was sollen der Meister aber auch die Mitlehrlinge von mir wissen, was geht sie nichts an? Das hängt für mich davon ab, wie sehr auch in diesen weiterhin abhängigen oder von Konkurrenz geprägten Beziehungen ganz versteckt „freundschaftliche Inseln“ entstehen. Die dort ausgetauschten Informationen dürfen dann nicht im Austragen der alltäglichen Machtkonflikte verwendet werden. Vertrauen, das der Situation angemessen ist, jeweils neu zu wagen oder mutig zu schweigen, wo ich oder andere über den Tisch gezogen werden sollen, verlangt viel Aufmerksamkeit und ein Lernen aus Konflikten und Fehlern. Es ist garnicht selbst-verständlich, dass diese Erfahrungen genutzt werden, wie ich oft bei verbitterten oder stark rechtlich orientierten Menschen gelernt habe. So verständlich ihr Verhal¬ten auch sein mag, ich möchte weiter zwischen ermutigenden, lebensspendenden Erfahrungen und jenen unterscheiden, die mich Vorsicht und Widerstand lehren.
Ich gerate in viele abhängige Beziehungen, wenn ich nach Anerkennung suche, auf der Flucht bin, mich betäuben will, Drogen brauche, in der Konkurrenz zueinander andere abdrängen oder ausschalten will, dafür Verbündete suche. Auch in den von mir gewünschten, erwachsenen, partnerschaftlichen, liebevollen Beziehungen bre-chen diese Mißbrauch-Versuchungen auf und wollen die egalitären Beziehungen von Gleich zu Gleich in Zweckbeziehungen – um das oder jenes zu erreichen – um-wandeln. Manche Menschen haben soviel Vertrauensmißbrauch erlebt, daß sie sich eine geschwisterliche Beziehung scheinbar nicht mehr vorstellen können und sich einsam ständig abgrenzen von denen da unten, über denen sie „Gott sei Dank“ ste-hen; gleichzeitig möchten sie gern von den gesellschaftlich Anerkannten beachtet werden. Der Bruder oder die Schwester nebenan kommt bei einer solchen Sicht-weise weniger in den Blick. Aber ich kann mich bei dieser fremdbestimmten Suche auf irgendeiner Rangleiter auch selbst nicht entdecken: Wer bin ich denn in all die-sen vielfältigen Beziehungen? Wann folge ich den Interessen anderer, obwohl sie zerstörerisch sind? Wo weiche ich der Stille aus, in der ich nach den eigenen und den gemeinsamen Wünschen fragen kann. Wo ist etwas geglückt, bei dem ich anknüpfen möchte?
Bei meinem Suchen frage ich mich auch nach den Beziehungswünschen Gottes, so wie sie mir durch das Leben Jesu deutlich werden. Da gibt es von der eigenen Erfahrung herkommend für mich immer Neues zu entdecken. Jesus hat sich gegen alle abhängigen Beziehungen gewehrt. Er wollte nicht mit Herr, Vater oder Meister angeredet werden (Mt 23,9+10 auch Jo 13.13-17). Und auch in den familiären Beziehungen wollte er sich nicht festschreiben lassen: Ihr alle, die ihr nach dem Wil-len Gottes sucht, seid mir Brüder und Schwestern (Mt 12,48-50). Dahinter steckt die Botschaft, daß wir alle Töchter und Söhne Gottes sind (Mt 5,45). Aber auch das versteht Jesus nicht als eine abhängige Beziehung sondern als eine freie, nämlich die von Erben (Röm 8,17). Die egalitäre Beziehung von Gott und Mensch, die Jesus gelebt hat, halten wir oft nicht aus. Wir erhöhen Gott und erniedrigen den Menschen. Sind wir unfähig, seine gleichmachende „himmlische“ Botschaft jetzt anzunehmen und umzusetzen? Macht es uns so sehr Angst, das hierachische Den-ken zurückzustellen und in die liebende Grundbeziehung zu Gott und allen Men-schen einzutreten? Ja, dieser Schritt zu einer erwachsenen Beziehung zu Gott und allen Menschen fällt nicht leicht. Wir brauchen den Grund nicht nur in der eingeübten gesellschaftlichen Erwartung der Mächtigen zu suchen, die sich der unterschiedlichen Institutionen bedienen. Jeder Mensch kennt den Mißbrauch von Be¬ziehungen, indem der andere überredet oder überrumpelt wird, seine Freiheit ver¬liert und zum Objekt wird, um etwas für sich oder andere zu erreichen. In der er-wachsenen Beziehung bleibt Gott – und auch mein Nächster – der ganz andere. Gott aber auch jede Tochter und Sohn Gottes ist unbrauchbar für mein Prestige- und Machtbedürfnis. Diese ihm gegenüber hinterhältigen Bedürfnisse sind Blockaden in einer erwachsenen Beziehung, in der wir uns auf die gegenseitige Begleitung ohne therapeutisches, pädagogisches, organisatorische Machtgefälle einlassen. Es ist der Weg des Entdeckens der eigenen authentischen aus der Liebe Gottes empfangenen Eigenständigkeit. In der Bibel wird sie Vollmacht genannt. Es geht um das coming-out, das Sichtbarwerden meiner Identität und der meines Mitmenschen. Ja, es geht auch auf diesem Weg des Glaubens um Macht, die sich auf den Konflikt mit der vorgefundenen Macht und allen anderen menschlichen Interessen einläßt. Es geht um die Befreiung zum Menschsein als Schwester und Bruder aller, denen ich in meiner Begrenztheit Nächster sein darf.

Ich frage mich machmal: In welchen Beziehungen finde ich mich vor? Kommt es darin zur gegenseitigen Begleitung oder soll ich nur funktionieren? Wie kann ich die Beziehungen mitgestalten? Was ist mir dabei wichtig?

Gott, Du bleibst unser Schöpfer und der Unverfügbare in der von Dir angebotenen liebenden Beziehung, die unser Rechnen mit Plus- und Minuspunkten auf den Skalen der Macht, des Ansehens, der Moral hinter sich läßt. Ich löse mich nur schwer davon, suche Sicherheiten, Vorweisbares, obwohl ich mich davon lösen möchte. Ich will mich nicht verstecken, sondern mich öffnen (lassen) in der geschwisterlichen Liebe mit Dir und jedem Menschen, den Du mir zeigst. Das wird mich überfordern. Doch in Deiner Treue schenkst Du die Kraft und die Beschei-denheit, den Nächsten und mich selber in dieser Beziehung wachsen zu lassen. Da bin ich trotz allen Zauderns zuversichtlich. Amen

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