2003 Christian Herwartz, Respektvolles Sehen und Hören üben

Exerzitienkurse auf der Straße

Auch im Jahre 2004 bietet die Gruppe Ordensleute gegen Ausgrenzung wieder Exerzitienkurse des „Respektvollen Sehens und Hörens“ an. Dabei wohnen die Teilnehmer in Berlin-Kreuzberg in einer Notunterkunft für Obdachlose im Keller einer Kirchengemeinde, der im Sommer leer steht. Den Tag über gehen sie aufmerksam durch Berlin und suchen nach Orten, an denen sie merken, dass ihre Interessen, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte angesprochen werden. Dort bleiben sie stehen und ziehen zumindestens innerlich ihre Schuhe aus und üben sich in Aufmerksamkeit: Sie meditieren, beten, versuchen vor ihren Ängsten nicht zu fliehen, werden ansprechbar.

Schuhe ausziehen – dieses Bild ist einer biblischen Geschichte des 2. Buch Mose entnommen:Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches – ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Er wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Er läuft zu dem Dornbusch. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden, weil das Leben, die Ursehnsucht, die fundamentale Vitalität, das von dir nicht Gewusste, weil Gott mit dir hier sprechen will. Mose hört nun neu von der Versklavung seines Volkes und damit auch von seiner eigenen verdrängten Not und wie ihm eine wichtige Rolle auf dem Weg der Befreiung zugedacht ist.
Mose wehrt sich und fragt: Wie heißt du? Er bekommt eine Antwort. Er wehrt sich weiter gegen die ihm zugedachte Aufgabe. Doch dann geht er los. Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, mit Respekt zuzuhören. Die – bei Stiefeln auch wehrhafte – Distanz der Schuhe wird abgelegt, auch der Dünkel, die besseren oder schöneren Schuhe zu haben. Die oft dornige Realität wird mit den nackten Füßen berührt, um darin die eigenen Verletzungen und Biestigkeiten, die eigenen und fremden Sehnsüchte und die Wege zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor der Wirklichkeit und den Menschen in ihr – auch gegenüber der eigenen Geschichte und Zukunft; kurz: neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten an dem „heiliggewordenen“ Ort der Aufmerksamkeit.

Die Teilnehmer suchen in der Stadt z.B. unter Obdachlosen oder Drogenabhängigen, in einem türkischen Cafe oder in einer Moschee/Kirche, an der Hinrichtungsstätte Plötzensee oder dem sowjetischen Ehrenmahl in Treptow einen Ort, wo sie in sich Neugierde spüren; sie ziehen ihre Schuhe aus und beginnen mit einer Zeit der Aufmerksamkeit. Sie nehmen die Umwelt und die eigenen Gefühle darin wahr und ahnen langsam, warum sie sich gerade diesen Ort „ausgesucht“ haben. Vielleicht ist der Teilnehmer den Menschen oder Fragen an diesem Ort bisher aus dem Weg gegangen. Vorurteile, Verletzungen und Ängste in der Lebensgeschichte oder vieles andere können Gründe dafür sein, aus dem Inneren heraus hierher geführt zu sein. Manchmal kommen Tränen oder andere Gefühlsregungen. Dann ist es gut an diesem Ort zu verweilen und sogar bald wieder hierher zurück zukehren, um neu die Schuhe auszuziehen.

Abends kommen die Übenden zurück in die Herberge und erzählen nach einem gemeinsamen, selbst zubereiteten Essen und Gottesdienst von ihren Wegen, ihrem Suchen, ihrem Stehenbleiben, ihrem langsamen Nähern an die Orte, die sie persönlich als wichtig, als aufwühlend, als ihnen heilig erfahren haben. Und auch von den entdeckten Schwierigkeiten, den Ängsten, den Dornbüschen in ihrem Leben erzählen sie. Dabei werden sie aufmerksam begleitet, um selbst deutlicher zu erkennen, wohin sie geführt werden.

Zehn Tage dauern diese Kurse, die in der Tradition der Exerzitien (exerzieren = üben) stehen, in der Ignatius von Loyola im 16. Jahrhundert einen wichtigen Impuls gegeben hat. Wir begleiten diese Kurse von etwa 10 TeilnehmerInnen mit ihren ganz individuellen Wegen in zwei überschaubaren Gruppen. Eine Frau und ein Mann von unserer Einladungsgruppe sind jeweils dabei. Wir sehen in diesen Kursen einen Beitrag, persönliches Ausgrenzungsverhalten zu überwinden. Eine große Freude ist es für uns, wenn die Teilnehmer ihr zielgerichtetes Alltagsverhalten zurück und sich vom inneren Gespür führen lassen. Dann durchlaufen sie manchmal schmerzhafte Etappen der Selbsterkenntnis. Doch lösen sich auch unvermittelt Fixierungen. Die darüber erfahrene Freude ist ein Licht mitten in den alltäglichen Ereignissen, durch das Zukunftsperspektiven sichtbar werden.