2004 Christian Herwartz, Migration – Integration

St. Galler Tagblatt Montag 27. Januar 2003 :
Das Feu sacré ist nicht erloschen
Hauptversammlung des Sicherheitspolitischen Forums an der HSG
Der 15. Zyklus des Sicherheitspolitischen Forums wurde mit der Reihe «Migration – Integration» eröffnet. Erneut konnte ein bekannter Kenner der Materie für ein Referat an der HSG gewonnen werden: Jesuitenpater Christian Herwatz.
MELANIE RIETMANN

Ziel des Sicherheitspolitischen Forums an der Universität St. Gallen ist es, Informationen aus erster Hand zu bieten. Die Zahl der Politiker, Sicherheitsexperten und Wirtschaftskräfte, die in den 15 Jahren seit der Gründung des Forums an der HSG referierten, ist lang. Zu ihnen gehören der Dalai Lama, Otto Schily, Carla del Ponte oder Perez de Cuellar.

An der diesjährigen Hauptversammlung unter der Leitung von Forumsgründer Willy Graf wurde der neue Zyklus «Migration – Integration» präsentiert. Er folgt der Reihe «Terrorismus». Unter diesem Thema waren Vertreter von israelischen wie palästinensischen Organisationen, aber auch Referenten aus Ex-Jugoslawien wie der Aussenminister Serbiens und Jugoslawiens, Wladimir Jovanonvic, zu Wort gekommen. Dieser Auftritt hat dem Forum übrigens erstmals Bombendrohungen beschert. Die Organisation der Veranstaltungen liegt grösstenteils in der Hand der Studierenden. Als besonders erfreulich wertete Graf, dass ihr Interesse an der Mitarbeit beim Forum gross sei. Trotz erheblicher Beanspruchung durch das Studium stellen sich immer wieder viele junge Frauen und Männer für die Knochenarbeit zur Verfügung, die bei der Vorbereitung eines Referates nötig ist. Was besonders erstaunt: Selbst Studierende der schwierigen Assessment- Stufe finden es interessant, sich neben dem Studium noch anderen Aufgaben zu widmen. Auch wenn die Fluktuation wie für die übrigen studentischen Aktivitäten angesichts der Beanspruchung der Studierenden gross ist. «Warum sollen unsere Studentinnen und Studenten nicht aus erster Hand erfahren, was viele nur aus den Medien inne werden, wenn es möglich ist, Referenten aus der ganzen Welt an die HSG zu holen?», fragte sich Graf vor 15 Jahren. Das damals entzündete «Feuer» brennt immer noch. Dass es in all den Jahren gelungen ist, immer wieder neue Kräfte für die Zielsetzungen des Sicherheitspolitischen Forums zu begeistern, ist das Verdienst von Willy Graf, der die jungen Leute motiviert. Sie bekommen keinen Rappen. Nach wie vor kämpft das Forum zudem darum, dass diese Freiwilligenarbeit als «Credits» akzeptiert wird, Tätigkeiten, die im Rahmen des Studiums angerechnet werden. Nicht gerade berauschend ist die finanzielle Situation des Forums: Wie alle, die auf Sponsoren und Mitgliederbeiträge angewiesen sind, spürt auch das Forum immer grössere Zurückhaltung.

Der diesjährige Zyklus wurde durch Pater Christian Herwatz eröffnet. Der Jesuit setzt sich seit 25 Jahren für die «sans papiers» ein. Allein in Berlin, wo Herwatz wohnt, gibt es 100 000 illegale Einwohner. Der authentische Bericht über seine Gefangenenbetreuung, Mahnwachen und Obdachlosenhilfe, Demonstrationen und seine eigene Haft war eindrücklich. «Diese Menschen werden gezwungen, Arbeiten zu verrichten, die man nicht gut bezahlen will», sagte er. Die «sans papiers» lebten unter unvorstellbaren Bedingungen und seien der Willkür von Polizei und Gefängniswärtern ausgesetzt. «Sie müssen sich mit niedrigsten Löhnen zufrieden geben. Oft bekommen sie nicht einmal die. Man droht einfach, sie anzuzeigen», stellt Herwatz immer wieder fest. Bei der Bevölkerung seien sie unerwünscht. Die Politiker kämen dieser Stimmung mit immer härteren Massnahmen entgegen. «Das ist eine Verbeugung vor den Stammtischen», sagte Herwatz und forderte dazu auf, auch Menschen ohne Papiere als Menschen zu behandeln.

Jenen, die für eine Menschen-unwürdige Politik eintreten, gehe es letztlich um die Reichtumssicherung. «Würden die illegal Eingereisten in die Gemeinschaft aufgenommen und erhielten Papiere, käme das den Staat teuer zu stehen», sagte er und verurteilte die Abschreckungsmassnahmen, mit denen versucht werde, das Leben dieser Menschen zu erschweren. Nächster Referent ist IKRK-Präsident Jakob Kellenberger. (MéR)

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