2000 Christian Herwartz Mission

Das städtische Leben ist von vielen Kulturen geprägt. Die meisten Städter wechseln ihre Sprache, ihr Verhalten entsprechend der jeweiligen Umgebung täglich mehrfach. Andere haben eine Nische gefunden oder sind durch ihr Aussehen, ihre Sprache, ihre Kultur in eine Ecke gedrängt worden. Dann leben sie – manchmal belächelt oder verspottet – mitten in Berlin wie in einem Dorf. Außerdem gibt es viele Menschen, die sich innerhalb unseres Landes oder auf Grund von Situationen in ihren Herkunftsländern bedroht fühlen und deshalb auf der Flucht sind.

Der problemverstellte Nächste
Wie leben wir unverstellt unter diesen Menschen? Diese Frage umreißt für mich die missionarische Dimension des Glaubens. Im Kontakt mit einem Nicht-Deutschen, Nicht-Drogenfreien, Nicht-Nicht-Gefangenen kann ich in einem Knäuel von Problemen hängenbleibe. Wenn der andere nur noch zum Problem wird, habe ich mich verrannt. Nein, sage ich dann mal laut, mal leise und suche nach dem Menschen in seiner Problem-Verpackung. Ich möchte die Würde des anderen und meine eigene neu entdecken und hinter meinen Schutzschilden hervortreten, hinter denen ich etwas besseres, großes, unangreifbares bin. Dazu muß ich in die jeweiligen Kulturen und Ausgrenzungen eintreten, die das Leben der anderen zumindestens parziell prägen.
Ich stoße auf Grenzen, fühle mich überfordert, entdecke meinen Unglauben, der andere Menschen abwertet und mich als etwas besseres sieht.

Gemeinschaft und Kontemplation
Dann brauche ich Menschen, mit denen ich meine Erfahrungen teilen kann. Ich finde sie in Deutschland besonders im Kreis der Arbeitergeschwister. In den christlichen Gemeinden finde ich nur schwer Gesprächspartner, weil meine „Kleider“ nach den Menschen riechen, auf die ich mich einlasse:

obdachlos, asiatisch, ölig von der Arbeit, parfümiert, auffällig einfarbig oder bunt, schrill, laut, … So empfinden es jene, die weiter weg stehen. Im jeweiligen Milieu ist das anders. Im absichtslosen Suchen nach der Würde der einzelnen Menschen in ihrer jeweiligen Kultur und Religion werde ich dazu gedrängt, nach gemeinsamen Grundlagen in der Kontemplation zu suchen. Gibt es Wege mitten durch die Zerrissenheit der Ansichten und die Gegensätze der kulturellen Verhaltensnormen hindurch? Der Lockruf zur Rückkehr in die alte Heimat wird stärker und wird ergänzt von Ausgrenzungsdrohungen meiner Herkunftsgemeinschaften. Stück für Stück will ich mich dem Fremden öffnen und dann die Geister unterscheiden, auch wenn dieser Weg mühsam und oft durch massive Ängste und existenzielle Verunsicherungen blockiert ist. Aber dann können wir z.B. Weihnachten in der Kommunität zusammen mit Muslimen die Sure von Maria lesen und staunend den Glauben des jeweils anderen entdecken. Es gibt eine Einheit zwischen den Gläubigen in der Mystik. Von daher werden Türen zueinander geöffnet.

Einsamkeit
Ich entdecke mich mit meinem missionarischen Glauben einsam auf den Brücken zwischen den Kulturen, bin ganz neu auf Gott verwiesen und spüre die Gemeinschaft mit ihm. In der Begegnung finde ich neue sprechende Worte. Ich entdecke neue Impulse in unserer jesuitischen Geschichte, spüre die Einheit mit Jesuiten in anderen Arbeitsfeldern und Kontinenten. Der Glaube wird zu einer sprudelnden Quelle frischen Wassers. Die Christen, zerstritten in vielerlei Kirchen und verbunkert in unterschiedliche, ganz nützliche Institutionen, sind oft weit weg. Doch auch ganz nahe, denn auch ich habe ja all diese Streitigkeiten und den damit verbunden Unglauben in mir. Oft fehlen mir Worte; sie verlieren an Faszination und ich werde daran erinnert: Das glaubwürdige christliche Leben, das Zeichen von Einzelnen und
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Gemeinschaften, hat – auch im Leben Jesu – den Vorrang vor der verbalen Verkündigung. Jesus selbst ist die frohe Botschaft, das Evangelium. Die Auslegung ist wichtig. Aber die Zeit des Wortes in den für mich weiter fremden Kulturen bestimme nicht ich. Geduld. Die Einladungen kommen.

Dankbar offen
Ich werde dankbar für alle Begegnungen und das Entdecken des vielfältigen Lebens. Gott preise ich, an diesen Ort des Sehens gestellt zu sein. Ängstlichkeiten treten zurück. Mission erfahre ich dann als das Ankommen in einer je größeren Heimat, in der ich mich offen mit meinen Schwächen und Stärken zeigen kann. Voll Freude möchte ich davon in der Kirche erzählen; das scheint mir eine zentrale Aufgabe von Missionaren zu sein, damit der Horizont aller geweitet und Gastfreundschaft ermöglicht wird. Ich werde ungläubig angesehen. Doch manche wagen sich auf diesen immer neuen Weg der Bekehrung.

Die Wirklichkeit sehen
Es ist wahr: Gott lebt als Ausgegrenzter unter uns, meist jenseits eigener kultureller Grenzen, verspottet, getreten, verhaftet und doch strahlend, mitreißend mitten unter uns, jetzt. In der schützenden Herberge mit den großen geheizten Räumen ist oft kein Platz mehr. In Gottes Nähe ein Stück das Evangelium offen zu leben und es den Menschen kostenlos zu verkündigen, ist für mich die missionarische Herausforderung innerhalb des Glaubens.

Berlin 2000 in: Jesuitenintern