1998 Christian Herwartz, Berufen und gesandt

„Ihr Jesuiten in Berlin-Kreuzberg, Ihr seid keine Lehrer, Professoren, Pfarrer, …, was macht ihr eigentlich? Diese Frage ist uns in den letzten zwanzig Jahren oft gestellt worden. Als Antwort zähle ich dann die Berufe auf, in denen ich gearbeitet habe: Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer, Dreher, Lagerarbeiter. Ich bin froh, daß ich noch Arbeit habe und so mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammensein kann. Aber ich bin auch froh, daß ich in unserer Wohngemeinschaft mit Arbeits- und Obdachlosen, Strafentlassenen, … zusammenwohnen darf, weil ich so auch an den Sorgen und Freuden dieser Menschen Anteil haben darf. Viele Einwohner Kreuzbergs – etwa 140 000 Menschen – sind ohne Arbeit und viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Meist werde ich spätestens hier im Erzählen unterbrochen. Die Fragenden wollen wissen, warum wir in diesem multikulturellen Stadtteil wohnen und in solchen Berufen arbeiten.

Ich antworte dann ersteinmal mit meiner persönlichen Berufungsgeschichte: Beim Lesen der Bibel wurde mir immer klarer, daß Gott eine Vorliebe für Arme und Ausgegrenzten hat. ER und Sie – aus Gott ist ja der Mann und die Frau erschaffen – ist unter diesen Verachteten anwesend. Von hieraus liebt Gott alle Menschen und ruft sie zur Umkehr. Von diesem unter uns anwesenden Gott wollte ich mich rufen lassen. Also habe ich Orte aufgesucht, wo das Hören leichter fällt: unter Obdachlosen, in Exerzitien, unter Kranken, in der Fabrik, unter Ausländern, unter jungen Menschen, … Und das Suchen hat sich gelohnt: Auf dem Weg zur Arbeit in einer Umzugsfirma, wo fast ausschließlich Vorbestrafte beschäftigt waren, dort habe ich in der Staßenbahn mit besonders großem inneren Gewinn in der Bibel gelesen. Das war ein Zeichen, dem ich nachgehen mußte. Ich war auf der Spur, meine Berufung zu entdecken.
Doch das reicht nicht.
Nach dem II. Vatikanischen Konzil hat sich auch unser Orden neu gefragt, wohin ihn Gott führen will; modern ausgedrückt: was seine Identität ist. Dabei wurde besonders nach den eigenen Wurzeln gefragt. Die 32. Generalkongregation hat dann 1975 das Ergebnis so zusammengefaßt:
„Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört.“ (Nr. 48) Doch wir Jesuiten wissen oft auf Grund unserer Herkunft oder durch den Zugang zur Bildung und den Bindungen an einflußreiche Menschen nicht viel von der Not armer und unterdrückter Menschen, steht dann in einem späteren Abschnitt der Dokumente (Nr. 98). Ein grundlegender Weg, um diese Voraussetzung für die Förderung der Gesellschaft zu erlangen, wird dann beschrieben:
„Wenn eir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird nur dann gelingen, wenn wir uns eingestehen, daß auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, daß diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zu nehmen. (Nr. 99)
Von diesem Gedanken her hat die Ordensleitung – wie anderswo in der Welt auch – in Deutschland Mitbrüder gesucht, „die unter den Ärmsten leben und arbeiten, (damit) sie empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind.“ (Nr. 98)
Nach einigen Jahren der Vorbereitung als Gastarbeiter in Frankreich wurden Michael Walzer aus der Süddeutschen Provinz und ich aus der Norddeutschen Provinz gefragt, ob wir bereit wären, eine neue Kommunität unter Arbeitern, Ausländern, Menschen am Rand der herrschenden Gesellschaft zu gründen. Wir wurden dann im im Herbst 1978 nach Berlin gesandt. Später stießen andere Mitbrüder dazu. Zur Zeit lebt Franz Keller, einem schweizer Jesuiten, und ich mit durchschnittlich weiteren fünf Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedenen Religionen und reichen Lebensgeschichten zusammen.
Im Zusammenleben mit den Arbeitskolleginnen und Kollegen, den Nachbarn, den Gefangenen, mit denen wir Kontakt haben, unseren Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft, den Menschen, mit denen wir uns in der Gewerkschaft und in Gruppen für mehr Gerechtigkeit engagieren, mit den JEVs, die wir in Berlin begleiten, haben wir uns mehr und mehr verändert. In diesem Prozess ist uns wichtig, daß wir uns jede Woche über unsere Erfahrungen in der Kommunität austauschen und darüber ins Gebet kommen. Sie ist für uns eine sichtbare Zelle der Kirche, die uns im Alltag unterstützt und es uns ermöglicht, dem gegenwärtig verachteten, ausgegrenzten und neu gekreuzigten Gott in unserer Gesellschaft nachzuspüren und um Einheit mit ihm zu beten.
Oft möchten wir die Tische der Wechsler in Seinem Heiligtum, das ja die ganze Welt ist, umwerfen (vgl.Mt 21,12) und manchmal tun wir es in Solidarität zusammen mit Obdachlosen, Streikenden, … Aber häufig geht die Wiederentdeckung der Würde einen stilleren Weg. Das Leid, besonders das sinnlos zugefügte, schmerzt sehr. Das Jagen nach Besitz, Macht und Ansehen hinterläßt tiefe Wunden bei vielen. Doch ist unser Leben nicht so schmerzhaft, wie viele meinen: denn ein Stückweit in die Nähe Gottes gerufen zu sein und ihn zu begleiten, ist eine große Freude. Davon möchten wir Zeugnis ablegen und einladen, diese Dimenson seiner Anwesenheit zu suchen.

Beitrag für’s FREUNDEHEFT Sommer 98

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