1993 Christian Herwartz, Unsere Stadt soll schöner werden

Wagenburgen stören nur

Für „Christ und Sozialist“ (CuS) sprachen mit Christian, Christa, Peter und Oliver Vogelsmeier

In Berlin steigt, wie in anderen Großstädten, die Zahl der Menschen, die ohne ein Dach über dem Kopf dastehen, MitarbeiterInnen von Obdachlosenprojekten schätzen sie in Berlin auf mindestens 30.000. Von den Politikern angesichts leerer Staatskassen und goldener Hauptstadtträume im Stich gelassen, haben viele Obdachlose zur Selbsthilfe gegriffen und aus ausgedienten Bau- und Wohnwagen auf unbebauten Flächen im Stadtgebiet sog. Wagenburgen errichtet. 12 davon gibt es in Berlin, eine hat unlängst von sich reden gemacht, die Wagenburg am Engelbecken in Berlin-Mitte. Auf dem Gelände soll für 2-3 Millionen DM ein Sportplatz entstehen – allerdings nur für 2 Jahre, dann sollen, laut behördlicher Planung, dort Häuser gebaut werden. Also wurde der Platz am 7. Oktober geräumt. Mehrere Hundertschaften Polizei (die Berliner Zeitung spricht von 900 Polizisten) vertrieben die ca. 30 Wagenburgler, riegelten den Platz ab und ließen nur noch Leute mit extra ausgestellten Passierscheinen auf den Platz. Sie zerstörten z.T. das Hab und Gut der Wagenburgler und ließen die Wagen durch eine Abfallbeseitigungsfirma (!) nach Karow im Bezirk Pankow am nördlichen Ende der Stadt schleppen und auf der sprichwörtlichen grünen Wiese abstellen.

Doch es regte sich Widerstand, und Presse und Fernsehen wurden aufmerksam. Ein Kreis von Betroffenen und Unterstützerlnnen, davon etliche aus den 4 umliegenden Kirchengemeinden (2 ev. und 2 kath. Gemeinden) begann eine Mahnwache und einen Hungerstreik (s. Flugblatt der 4 Gemeinden auf S. 15). Die Politiker wurden aufgefordert, endlich mit den Betroffenen zu reden und ihnen einen Ausweichstellplatz in der Innenstadt zur Verfügung zu stellen.

Von Anfang an dabei war Christian, der zwar selbst eine Wohnung hat, aber genau weiß: ich kann der Nächste sein, der vertrieben wird. Christian wohnt mit Ausländern und ehemals Obdachlosen in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft und arbeitet als Lagerarbeiter. Er gehört zum Jesuiten-Orden. Wir haben ihn besucht, um von ihm mehr über die Aktion, ihre Hintergründe und Wirkungen zu erfahren. Christian zu seinem Entschluß, sich mit den Obdachlosen nicht nur verbal zu solidarisieren, sondern seinen Urlaub so zu planen, daß er über einen Monat mit den Betroffenen zusammen leben konnte: »Ich wußte, daß die Räumung kommt und ich wußte, da bin ich jetzt gefragt, ich bin dran. Voraus-schauend zu sehen, wann ich dran bin, ist eine Hilfe, sonst bleiben einem nur spontane Aktionen. Beim Räumen von Wohnungen geht es individuell zu, aber wir wollten uns gemeinschaftlich dagegen zur Wehr setzten.«

CuS: Erzähl doch einfach mal, was abgelaufen ist.

Christian: 32 Tage habe ich mit diesen Menschen gelebt. Die ersten 3 Tage auf dem Platz, dann wurden wir weggetragen. Dann 5 Tage (und Nächte) Mahnwache vor dem Roten Rathaus, da sollten wir auch gleich wieder geräumt werden, aber es war zu viel Bevölkerung da, die zugeguckt hat. Die Polizei hat auf verschiedene Weise versucht, uns mürbe zu machen: nachts haben sie uns alle halbe Stunde geweckt, sind mit Mannschaftswagen um die Matratzen herumgefahren, haben sich mit ihren Stiefeln ans Kopfende der Matratzen gestellt, so daß sie jederzeit hätten zutreten können. Eine Plane gegen den Regen wurde uns verboten. Die Abgase der Mannschaftswagen wurden direkt auf die Matratzen geblasen, bis die erste Frau kurz vor der Ohnmacht stand. So was passierte nachts, wenn keiner zugeguckt hat.

Obwohl die Mahnwache vor dem Roten Rathaus genehmigt war, wurden wir am 5. Tag angewiesen, unsere Sachen zu packen und zum Marx-Engels-Forum zu gehen. Ausdrücklich wurde angeordnet, wir sollten uns vor das Standbild von Marx und Engels stellen, was damit ausgesagt werden sollte, brauch‘ ich wohl nicht zu erklären. Diesem Druck mußten wir weichen, wir wären sonst verhaftet worden. In dieser ganzen Zeit hat sich nie ein Politiker sehen lassen, um mit uns zu reden, dafür kamen immer neue Schikanen. An einem Tag, z.B., haben wir – ganz umweltbewußt – ein Feuer in einer Tonne anmachen wollen. Sofort kamen 10 Polizisten und haben das Feuer mit einem Feuerlöscher ausgeblasen und damit natürlich alle Matratzen durch die Chemikalien versaut. Und gelacht haben sie natürlich. Immer im Wechsel wurden mal Polizisten geschickt, die schärfer waren, und dann wieder gutmütige.

Verschiedene Pfarrer haben sich bemüht, ein Zelt für uns zu organisieren. Der Malteser Hilfsdienst kam, um das Zelt aufzubauen, aber die Polizei hat es verboten. Das ist unüblich, sonst bekommt eine Mahnwache, gerade wenn Hungerstreikende dabei sind, einen Wetterschutz. In der Begründung für die Ablehnung der Zelte heißt es: »Es ist untersagt, auf öffentlichen Grün- und Erholungsanlagen Versammlungen durchzuführen.« Wir haben uns dann mit Hilfe eines Unterstützers selbst ein paar Hütten in Schulterhöhe gebaut. Zuerst wurde es geduldet, aber dann hat die Polizei versucht, die Hütten kaputtzumachen. Es haben aber so viele bürgerliche Leute zugesehen, daß sie es aufgegeben haben.

Am 15. Tag kam mittags, während gerade eine Suppenküche aus Pankow Essen ausgab, eine Hundertschaft Polizei mit 8 Leuten vom Grünflächenamt und haben die Hütten abgerissen. Der Platz war wieder voller Leute, aber diesmal waren es alles Obdachlose, und das sind keine potentiellen Wähler, auf die man Rücksicht nehmen müßte. Ich stand da mit dem Megaphon in der Hand und versuchte, der Polizei alles zu erklären. Da konnte man genau spüren, sie wußten, daß sie Unrecht tun, sie konnten uns nicht in die Augen schauen und jeder wollte am liebsten einen Kollegen vorschicken. Aber die Polizei kann nicht kollektiv entscheiden, ob sie einem Recht oder einem Unrecht dient. Sie ist für alles zu benutzen. Die Hütten wurden weggeschafft, nur die Matratzen blieben liegen. Dieses Erlebnis war so einschneidend, daß daraufhin am 16. Tag der Hungerstreik abgebrochen wurde.

Die Mahnwache ging aber weiter, auch wenn im Polizeibericht und am nächsten Tag in den Zeitungen stand, beides sei abgebrochen worden. Etwas Wichtiges habe ich noch ausgelassen: Gleich am ersten Räumungstag wurde der Polizei eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin vorgelegt, um die wir uns bemüht hatten, um zu erreichen, daß die Räumung abgebrochen wird. Das Gericht hat dem entsprochen und die Räumung bis zum Haupttermin ausgesetzt. Die
{222}
Polizei hat daraufhin beim SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Gerhard Keil, nachgefragt, und der hat befohlen, die Räumung fortzusetzen. Er hat später gesagt, das Landgericht sei nicht zuständig gewesen, sondern das Verwaltungsgericht. Wir haben dann das Verwaltungsgericht angerufen, um unsere Chancen nicht zu verspielen. Das Verwaltungsgericht hat vor Ablauf der Räumung gar keinen Spruch erlassen, so daß dann in den Zeitungen stand, die Räumung sei nachträglich vom Gericht gutgeheißen worden.

CuS: Welche Gründe waren deiner Meinung nach für die Räumung der Wagenburg ausschlaggebend?

Christian: Man muß sich fragen, welcher Lebenswert wird in unserer Gesellschaft nach vorn gedrückt und welcher andere muß verschwinden. Die Buntheit der Stadt wird kaputtgemacht, zum Schluß bleiben nur noch Banken und Geschäftshäuser. Die Politiker wollten den Beweis bringen, daß man in Berlin investieren kann, ohne sich um soziale Probleme kümmern zu müssen.

Offiziell wird, wie schon in der Nazi- Zeit, mit ästhetischen Gründen argumentiert. In einem Schreiben vom Bauaufsichtsamt Berlin-Mitte an die Bewohner der Wagenburg heißt es: »Dies (das Erscheinungsbild der Wagenburg) widerspricht den modernen Vorstellungen von einem geordneten Zusammenleben in einer Großstadt, zumal in der Innenstadt, insbesondere auch dem ästhetischen Empfinden der übrigen Bevölkerung in der Nachbarschaft, die sich schon mehrfach mit Beschwerden an das Bezirksamt gewandt hat. Für die überwiegende Mehrheit der Berliner Bevölkerung ist die dauerhafte Existenz von Wagenburgen in der Innenstadt unerträglich«. Mehrere Wochen nach der Räumung gab es eine Veranstaltung mit dem Bezirksbürgermeister, bei der etwa 70 Leute anwesend waren, darunter viele Nachbarn, die eine Geschichte mit der Wagenburg hatten. Von diesen 70 haben nur 4 erklärt, sie seien mit der Räumung einverstanden.

CuS: Wie war sonst die Reaktion der Bevölkerung auf eure Mahnwache und auf den Hungerstreik?

Christian: Wir hatten sehr viel Unterstützung. Gerade kleinbürgerliche Leute aus dem Osten haben uns unterstützt. Denen brauchten wir nichts zu erklären, die haben gleich gesagt: »Wir sind die Nächsten«. Vor dem Roten Rathaus, wo sich viele Leute informiert haben und Geld gespendet haben, gab es am Tag vielleicht 3 von 1000, die Mißfallen geäußert haben. Die Ostler wissen, die »Entsorgung« der Wagenburg geht in den Osten, wie alle Entsorgung, ob das nun Müll ist oder Menschen, die man nicht haben will. Die Bevölkerung kam mit allem Möglichen: mit Geldspenden, mit Essen, heißen Getränken und Decken. Bauarbeiter kauften morgens ein paar Schrippen. mehr und brachten sie rüber. 3 Frauen aus Charlottenburg kamen später jeden Tag zweimal und brachten Lebensmittel. Ohne eine solche Unterstützung kann so etwas gar nicht laufen.

Der Polizeipräsident von Berlin begründet ganz offiziell das Verbot der Mahnwache vor dem Roten Rathaus damit, daß »auch in den nächsten Tagen mit ähnlichem Zulauf von Unterstützern und Sympathisanten … zu rechnen ist«, daher »kann ein solches Verhalten im Interesse der Mitarbeiter in den Amtsräumen und den Besuchern des Rathauses nicht hingenommen werden «.   (Schreiben vom 3.10.93)

Durch den Anlaß der Mahnwache sind wir immer wieder Menschen begegnet, die ihr Gesicht zeigen konnten. Jeden Tag haben wir einen oder eine von ihnen besonders hervorgehoben. Einmal war es z.B. der Klomann, der selber arm ist, aber von uns kein Geld für die Toilettenbenutzung haben wollte, und uns stattdessen, immer wenn wir kamen, einen Kaffee angeboten hat. Natürlich gab es auch Provokateure, Leute, die uns beschimpft haben. Aber am schlimmsten waren für mich die, die selbst schon resigniert hatten, und die uns immer wieder sagten: »Ihr werdet nichts ändern!«

CuS: Wie hat eigentlich die sog. Linke Szene auf die Wagenburg reagiert? Viele Autonome leben ja selbst in besetzten Häusern, haben die euch unterstützt?

Christian: Es gab eine Diskussion um die Form des Hungerstreiks. Ein Vorwurf an uns lautete: Was ihr macht, ist selbstzerstörerisch, außerdem wird diese Aktionsform abgewertet, wenn sie vorschnell angewandt wird. Hungerstreik ist ja eine schwache Form, eigentlich eine Aktion, die Gefangene anwenden und nur als letztes Mittel. Die Autonomen tun sich schwer, wenn die Obdachlosen selbst keine Strukturen aufbauen, z.B. Plenen oder Kampagnen, aber da diese Strukturen fehlten und das Vorgehen und die Aussagen spontan waren, kamen die Autonomen damit nicht klar. Es gab auch echte Polemik, z.B. die Aufforderung, die Mahnwache nicht zu besuchen, denn dort würden die Christen alles beherrschen. Die linke Szene hat uns also, von wenigen Menschen abgesehen, nicht unterstützt, man muß natürlich dazusagen, daß die im Moment sowieso geschwächt ist.

CuS: Die zwei evangelischen und die zwei katholischen Gemeinden vor Ort haben euch nach Kräften unterstützt.

Christian: Die Gemeinden haben sich sehr solidarisch verhalten und einen eigenen Lernprozeß durchgemacht. Manchmal war die Gefahr da, daß sie sich »sozialarbeiterisch « verhalten haben, also anstelle der Betroffenen gesprochen haben. Das haben wir dann thematisiert und es konnte korrigiert werden. Es wurde ja von Seiten der Politiker versucht, die Kirche zur Befriedung einzusetzen, das hat aber nicht geklappt, weil hier Menschen von ihrem Glauben her selbst eine Meinung haben. Schon im Vorfeld haben Leute von der Caritas mit den Wagenburglern solidarische Pressekonferenzen durchgeführt. Der Pfarrgemeinderat der katholischen St.Michaels-Gemeinde hat am 21.10. unter der Überschrift: »Die Armen brauchen die Stadt – die Stadt braucht die Armen« zu einer Fastenkette aufgerufen. Kardinal Sterzinsky hat uns am 9.10. einen Besuch abgestattet, um seine Solidarität auszusprechen. Er hat gesagt, er fühle sich an das Vorgehen der Volkspolizei beim Mauerbau erinnert.

Es gab einen Aufruf von der St. Michaels-Gemeinde und den Bewohnern der Wagenburg an Kardinal Sterzinsky und an die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Frau Dr. Laurien, mit folgendem Wortlaut: »Wir fordern Sie auf, die Armen Berlins zu unterstützen und sich beim Senat für den Verbleib der Wagenburg… oder für einen anderen Standort in der Mitte Berlins einzusetzen.« Frau Laurien hat sich geweigert, diesen Aufruf entgegenzunehmen, wofür sie in der »Katholischen Kirchenzeitschrift « scharf kritisiert wurde.

Zu dem Vorwurf, die Christen hätten alles beherrscht, will ich noch sagen, daß wir uns z.B. bei der Mahnwache bemüht haben, christliche Symbole nicht nach vorn zu stellen, um auch auszudrücken, daß die Aktion von Christen und Nicht-Christen gemeinsam getragen wird. Wir wollten aussagen, daß es ja schließlich um gesellschaftliche, nicht um kirchliche Fragen geht, in denen sich Menschen, die auch Christen sind, engagieren.

CuS: Was wurde denn eigentlich aus den Wagenburglern, nachdem der Platz geräumt worden war?

Christian: Nach der Räumung haben die Leute auf dem Platz vor der Kirche einfach auf uns gewartet, auch die nächsten 14 Tage haben sie gewartet. Sie sind immer wieder zur Mahnwache gekommen und haben gesagt: »So lange es euch gibt, sind wir noch irgendwie zusammen.« Mit der Zeit haben sie fast alle Unterschlupf auf der Wagenburg an der East-Side gefunden. (Die East Side Gallery ist ein ca. 1 km langer Mauerrest, der nach der Maueröffnung von Künstlern bemalt wurde). Sie sind also nicht ihren Wagen nach Karow gefolgt. Was sollen sie da auch? Diese Menschen gehören in den Kiez, wo sollen sie denn sonst mal was schnorren, wo können sie sonst von der Nachbarbevölkerung akzeptiert sein? In der Sprache der Wagenburgler hieß das: »Wir wollen uns nicht in ein Lager deportieren lassen!« Das klingt natürlich sehr hart, aber es wird verständlich, wenn man weiß, daß der Platz in Karow eingezäunt wurde und nachts mit Scheinwerfern ausgeleuchtet wird. Am Anfang hat die Polizei den Platz bewacht, um zu verhindern, daß Wagen wieder heruntergezogen werden.

CuS: Was ist denn eigentlich mit den anderen Wagenburgen in Berlin?

Christian: Ich hatte die Hoffnung, daß die anderen Wagenburgen, die ja ebenfalls von Räumung bedroht sind – bei zweien ist die Räumung schon angekündigt – die Mahnwache übernehmen würden, um die Bevölkerung über ihre Situation zu informieren. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Es gibt allerdings auch große Unterschiede zwischen den Wagenburgen, in einigen leben fast nur Leute, die aus der Obdachlosigkeit hineingezogen sind, bei anderen ist es die Entscheidung, in der Gemeinschaft, in der family, wie sie sagen, leben zu wollen. Oft ist es auch eine Schrebergartenmentalität, ein ganz unpolitisches Verständnis.

CuS: Der Hungerstreik wurde also nach 16 Tagen abgebrochen, aber du bist trotzdem bei den Leuten geblieben.

Christian: Ja, ich habe die nächsten 16 Tage mit Menschen verbracht, die auch obdachlos waren, aber den Begriff Wagenburg oft gar nicht mehr kannten. Ihnen war aber klar, daß es bei der Mahnwache auch um ihr Anliegen ging. Die Obdachlosen haben gesagt: »Das ist hier für uns das Paradies, so geschützt (durch die Nachtwache sind wir sonst nicht. Geregeltes Essen gibt es sonst auch nicht und Ausschlafen ist ein Fremdwort«. Wir haben die Mahnwache fortgesetzt und nach einer gewissen Zeit kamen dann einige der ehemals Hungerstreikenden zurück. Sie waren von einer Suppenküche in Pankow eingeladen worden, sich zu erholen und haben dies Angebot angenommen. Verschiedene Schichten der Bevölkerung sind gekommen, Studenten z.B., es war ein Ort, wo menschliche Gemeinschaft entstehen konnte. Es war gut, noch zu bleiben.

Am 7. November wurde dann auch die Mahnwache am Marx-Engels-Forum geräumt. Das war ein Sonntag und sie haben gewartet, bis die Pfarrer, die anwesend waren, zum Gottesdienst weg mußten. Wir haben das Feuer in der Tonne auf einer Schubkarre mitgenommen, sind durch die Stadt gezogen und haben die Mahnwache auf Privatgrund, nämlich auf dem Gelände des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz wieder eröffnet. Auf öffentlichem Grund gab es keine Chance mehr und auf kirchliche Räume wollten wir nicht zurückgreifen, schließlich geht es hier um ein gesellschaftliches Problem.

CuS: Was sagst du denn rückblickend zu dieser Zeit?

Christian: Es war jeder Tag positiv und das war nicht selbstverständlich, denn wir konnten ja nichts planen. Ghandi hat einmal gesagt, Hungerstreik ist eine Form, um deine Freunde zu überzeugen, nicht deine Feinde. Es ist eine schwache Form, die du nur wählen darfst, wenn du deine Schwachheit annehmen kannst, anstatt sie zu verbergen, sonst kannst du es nicht durchhalten. Die Hungerstreik-Kultur weitet sich aus, weil andere Formen immer mehr ausgehebelt werden.

Bei der Mahnwache haben sich die Leute sehr um Disziplin bemüht, sie haben den Platz saubergehalten, sie sind weggegangen, wenn sie Alkohol getrunken haben, sie wollten wirklich keinen Grund geben für eine Räumung. Und trotzdem wurde die Mahnwache nicht geduldet. Stattdessen gab es immer wieder Versuche, die Leute zu kriminalisieren. Nur ein Beispiel: ein Mann bekam eine Anzeige, weil er mit Filzstift einen Pfeil auf einen Laternenpfahl gemalt hat.

Wenn wir während dieser Zeit im Evangelium gelesen haben, z.B. die Propheten, mußten wir uns nie mit der Frage quälen: Wie ist denn das zu verstehen? Die Texte haben sich vielmehr durch die Situation selbst ausgelegt, wir haben jeden Tag die Erfahrung gemacht:

Ja, das ist heute passiert.

Veröffentlicht in: Christ und Sozialist 4/93 Dezember 1993

Advertisements