Urban Heck, Straßenexerzitien – ein Abenteuer und Tschüss Daniel

Eine Szene aus meinen Straßenexerzitien:
„Was machst Du hier?“ fragt einer von ihnen.
„Ich suche Gott“ antworte ich.
„Den findest Du hier nicht, da gibt es doch so, so eine Redewendung – ähm – Gott ist überall.“
„Dann muss er auch hier sein“ sage ich.
Kopfschüttelnd geht er weg. Sollte Gott (auch) unter den Alkoholtrinkern im Park sein?
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Das sagt sich so leicht dahin: Gott ist überall. Wenn mein Gegenüber gewusst hätte, dass ein Theologe antwortet: „Ich suche Gott“, hätte er wohl noch mehr den Kopf geschüttelt. Wissen denn Theologen nicht? Doch, doch, aber was wir wissen, erlöst uns noch lange nicht. Wer gerade gemütlich auf seinem Packen von Katechismus-Sätzen sitzt, kann jetzt weiterblättern.
Hier geht es nicht um Glaubenswissen sondern um Glaubenserfahrungen. Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist weitaus mehr als nur Wissen, wenn ich bis ins Mark getroffen bin.
Die Bibel ist prall gefüllt mit Glaubens- und mit Zweifelserfahrungen. Viel geschieht unter-wegs, „auf der Straße“. Menschen brechen auf, sind unterwegs: Abraham bricht auf, Moses ist unterwegs, Jakob haut ab aus Angst vor Rache, Israel bricht aus Ägypten auf, zieht durch die Wüsten, Jesus begegnet Menschen oft auf den Straßen Galiläas und auf dem Weg nach Jerusalem. Paulus war unentwegt unterwegs. Die Bibel ist voll von Glaubensweggeschichten.
Wie kann ich „auf der Straße“, unterwegs, mitten in der Stadt Erfahrungen mit mir und Gott machen? „Die Straße“ bietet dazu unzählige Möglichkeiten: Begegnungen, Impulse, Ablenkungen, Richtungsentscheidungen, Unverhofftes, Stille, Leere, Lärm, Menschen, Vielfalt. Da mittendrin sich selbst und Gott auf die Spur zu kommen, das sind Straßen-exerzitien, das ist nahe am Alltag. Dazu braucht es die Bereitschaft, über das Gewohnte hinaus zu gehen, neugierig auf das, was gerade jetzt geschieht. Das ist ganz anders als im stillen Exerzitienhaus idyllisch eingebettet in die wunderbare Natur. Hier wie dort kann ich Erfahrungen mit mir und mit Gott machen. Hier wie dort kann ich mit Gott rechnen, aber ich kann ihn nicht zu einer Begegnung zwingen, nicht in Exerzitien, nicht in der Liturgie, er ist vielmehr schon da. Exerzitien sind Übungen, um Gott – und mir selbst – auf die Spur zu kommen.
Wie geht das in Straßenexerzitien? Mit Madeleine Delbrêl antworte ich: Ohne Plan von Gott; ohne Bescheidwissen über ihn, in den Tag gehen. Denn Gott ist unterwegs zu finden, und nicht erst am Ziel; lasst euch von ihm finden.
Straßenexerzitien in der Praxis
• Eine Frau und ein Mann begleiten eine Gruppe von bis zu fünf Erwachsenen.
• Unterkunft und Essen sind einfach.
• Zwischen Morgenimpuls und Abendgottesdienst ist die Zeit, um „ohne Plan“ aufzubrechen.
Jeder geht täglich in den je eigenen Tag im eigenen Tempo. Wohin zieht es mich? Wovor
habe ich Angst? Worauf bin ich neugierig? Der ganze Tag, die ganze Stadt stehen zur
Verfügung. „Die Welt ist Gottes voll“ (A. Delp SJ).
• Nach dem Gottesdienst und dem Abendessen ist die Zeit, einander in der Gruppe zum ersten
Mal zu erzählen: Was hat mich bewegt? Wo bin ich erstarrt? Was habe ich erlebt – innen wie außen? In der Gruppe wird erlebt und quasi nebenbei eingeübt, über eigene (Glaubens-)Erfahrungen zu sprechen.
• Die Begleiter hören zu, nehmen wahr, was und wie erzählt wird. Sie geben Rückmeldungen, Hinweise, keine Ratschläge, keine Anweisungen. Die Begleiter passen die Impulse für die Gruppe je nachdem, was mehr hilft, an.
• Am letzten Exerzitientag können die Teilnehmer z.B. in einer Gottesdienstgemeinschaft
etwas von ihren Erfahrungen erzählen.
Das ist in Kürze die Struktur, die selbst noch unterwegs ist. Denn es gibt kein verbindliches
Lehrbuch für Straßenexerzitien. Wer in aller Herrgottsfrühe ohne Worte losziehen möchte, kann das tun. Wer unterwegs eingeladen wird oder irgendwo an einem Dornbusch hängenbleibt, ist eben gerade dort gut auf seinem eigenen Weg. Es ist ein Abenteuer, keine geführte Gruppenreise.
Die Geschichte von Mose am brennenden Dornbusch ist wichtig für Straßenexerzitien.
• Eines Tages trieb Mose das Vieh über die Steppe hinaus; also über das Gewohnte, das
Alltägliche hinaus.
• Da macht ihn ein Dornbusch neugierig, der brennt und doch nicht verbrennt. Neugierde
braucht es, um aus dem Alltäglichen auszubrechen. Etwas zieht mich an, spricht mich an,
ein Mensch, eine Situation, eine Stimmung.
• In der Begegnung mit Gott zieht Mose die Schuhe aus. Der Ort, wo Du stehst, ist heiliger
Boden. Die Schuhe ausziehen ist Zeichen von Respekt und hilft, den heiligen Boden, mehr
wahrzunehmen. Die Schuhe können für unsere selbstgebauten Panzer und Schutzwälle
stehen, sie können für unser „Helfenwollen“ stehen, für Angst und für alles, was uns hindert, den heiligen Ort zu spüren.
• In Straßenexerzitien geht es darum Orte zu finden, wo ich mir die Schuhe ausziehe, weil ich spüre, hier ist heiliger Boden. Wo ich Gottes Gegenwart wahrnehme, da ist es wie am
brennenden Dornbusch. Wo kann heiliger Boden für mich sein?
Jesus war damals unter den Armgemachten und den Sündern zu finden. Im Matthäus evangelium sagt er: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40). Also kann ich in diesen Menschen Jesus selbst begegnen, in den Armen, den Verachteten oder an den Rand Gedrängten, in Wärmestuben, Bahnhofsmissionen, Schwulencafes, Drogenstuben, an den Treffpunkte von Alkoholikern sowie Kliniken und Arbeitsämter. Diese Aufzählung ist natürlich nie und nimmer vollständig, sie soll anregen und neugierig machen. Manche werden dadurch in die Versuchung geführt, diese Orte zu besuchen und zu besichtigen.
Straßenexerzitien sind aber kein Sozialpraktikum. Straßenexerzitien führen auch nicht wie ein Navigationsgerät zum Zielpunkt Gott. Er ist unterwegs zu finden, er ist schon längst da, wo wir ihn nicht vermuten. Straßenexerzitien sind ein Abenteuer.
„Kann ich mich dazusetzen?“ fragte ich ihn am Anfang. Als ich dann auf den Boden saß, haben mich die Leute übersehen. Ich war unten, so weit unten, wie ich mich nicht hätte herunterbeugen können. Es war ein langes Gespräch da unten mit einem Menschen, der Bettler genannt wird. Er fragte nicht, was ich will, er fragte, „Wo kommst Du her?“. Zwischendurch vertraute er mir Geld an. Ungefragt sagte er mir: „Gott braucht uns und wir brauchen Gott“ und am Ende segnete er mich.


Wunderbare Strassenexerzitien – Tschüss Daniel (2004)

Auf der Suche nach Gott sitze ich bei Alkoholkranken auf einer Parkbank. Ein Mann links außen, in der Mitte eine halb liegende Frau und rechts ich. Seit drei Tagen gehöre ich irgendwie dazu. Die Frau will schlafen und beklagt sich, dass sie nicht schlafen kann. Ich esse in dem Moment einen Apfel und frage sie: „Sollen wir ein Schlaflied singen?“ Aber während ich noch kaue, beginnt sie in einer Art Singsang mit „Schlaf, Kindchen, schlaf“. Als sie abbricht, und als mein Apfel gegessen ist, beginne ich selbst zu singen, und plötzlich setzt sie sich senkrecht auf, schaut mich entgeistert an und fragt: „Woher kennst Du das?“ Ich antwortete: „Ich habe zwei Kinder“. Da erzählt sie – jetzt – hellwach, als hätte das Schlaflied die Schleusen eines Staudamms geöffnet: „Ich habe fünf Kinder, das jüngste ist mit zehneinhalb Wochen gestorben. Nachts um halb zwei haben sie aus der Klinik angeru-fen: Kommen Sie, wenn Sie ihren Sohn noch einmal sehen wollen. Ich bin mit dem Taxi hingefahren. Da haben sie mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?“ Sie schaut mich an, und ich kann nur sagen: „Scheiße“. Sie wiederholt, als wäre es ihr Refrain: „Die haben mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?“ Mir bleibt nur, wieder zu antworten: „Scheiße“. Mit Tränen in den Augen spricht sie von ihrem verstorbe-nen Sohn und von der Fahrt durch die Nacht, als wäre es gerade letzte Woche und nicht vor vielen Jahren gewesen. Ich spüre, wie ich selbst traurig werde, und dass meine eigene Trauer hochkommt, meine schlummernde Trauer um meinen zehnjährigen Neffen Daniel, der vor sieben Jahren unerwartet schnell gestorben ist. Die Frau bricht ihre Erzählung resigniert ab: „Aber das interessiert euch ja nicht“. Der Mann zu ihrer Linken bemüht sich abzulenken: „Reden wir über was anderes.“ Mir reicht es, ich habe genug für heute. Einer Alkoholikerin habe ich zu verdanken, dass ich nun weiß: Ich habe mit Gott noch eine alte Rechnung offen. Ich spüre Trauer und Wut über Daniels Tod.
Abends nach dem Gottesdienst beim Austausch mit der Gruppe erzähle ich und frage mich, wie es weitergeht, wie ich weitergehe. Vorschläge, wo der Weg für mich weitergehen kann: In einer Kinderklinik, im Friedhof an einem Kindergrab oder mit der Geschichte von einem David, der mit zwölf Jahren im Ferienlager tödlich verunglückte und daheim beerdigt wurde. Am nächsten Morgen male ich beim Morgenimpuls mit Straßenmalkreide ein Labyrinth in den Innenhof. Wir hören die Emmausgeschichte, gehen ins Labyrinth und beten dort. Dann gehe ich zur U-Bahnstation und nehme die nächste U-Bahn, die fährt. Im Zug entscheide ich, da auszusteigen, wo Kinder aussteigen. Aber kein einziges Kind ist im ganzen Wagen. Erst Stationen später steigt eine Familie ein, und als die aussteigt, gehe ich in die gleiche Richtung, und lande schließlich in einem Park. Dort spielen drei Jungen Verstecken, und ich male für sie mit meiner restlichen Straßenmalkreide. Sie kommen und fragen: „Was machst Du da?“ Ich lasse sie raten, und sie kommen von selbst darauf, dass ich ein Labyrinth aufs Pflaster male. Etwas später sitze ich auf der Bank daneben und lese über das verstorbene Kind David. Nun kommen die neugierigen Jungen zurück und gehen durch das Labyrinth, gehen rein und raus, spielen damit. Ich lese von diesem David, der daheim in Berlin gut verabschiedet und dann beerdigt wurde. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, dass ich mich von meinem Neffen Daniel nicht richtig verabschiedet habe. Über drei Jahre lang habe ich selbst beerdigt, Trauernden geraten, sich zu verabschieden, aber ich selbst habe mich nicht verabschiedet von Daniel, ich bin in der Mitte meiner Trauer hängen geblieben. Da sehe ich, wie einer der Jungen den übrigen Kreidestummel nimmt und in die Mitte des Labyrinths schreibt „ANFANG“. Ja, genau das ist es: Ich bin in der Mitte meiner Trauer, denn ich habe mich nicht von Daniel verabschiedet. Jetzt muss ich das tun, jetzt muss ich mich irgendwie verabschieden von Daniel. Das muss ich machen. In dem Moment kommt von links eine ältere Frau mit einem Kind, etwa ein Jahr alt. Das Kind läuft tapsend mitten über das Labyrinth, kommt zu meiner Parkbank und schaut mich erwartungsvoll an. Ich sage „Hallo“. Die Frau ruft ungeduldig: „Daniel, komm, wir gehen“. Ich halte inne – unglaublich, in der Mitte meiner Trauer, meines Tun-Müssens kommt ein kleiner Daniel. Und als ob Gott, der für mich sorgt, noch deutlicher mit dem Zaunpfahl winken wollte, ruft die Frau auch noch: „Daniel, sag’ tschüss“. Heiß und kalt lief es mir den Rücken herunter. Ich habe das auf mich bezogen. Ich beuge mich zu Daniel, streichele ihm sanft über den Rücken und verabschiede mich so von meinem Daniel: „Tschüss, Daniel“. Dann ging der kleine Daniel. So habe ich meinen Neffen dem Gott anvertraut, der für mich sorgt, und der mich begleitet. Der Ort war ein profaner Platz im Park, und gleichzeitig war das für mich heiliger Boden, so heilig wie der Boden am brennenden Dornbusch. Noch jetzt, Monate danach, wenn ich davon erzähle, wenn ich versuche das Wunder in Worte zu fassen, noch jetzt berührt es mich.

 

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