Franziska Passeck, Exerzitien – einmal anders

Sr. Franziska ist in Köln Obdachlosenseesorgerin
und schrieb diesen Artikel 2003 nach ihren Exerzitien

(weiter unten ein Gebet aus jüngerer Zeit  Meinem Gott von ganz unten)

Von verschiedenen Seiten wurde ich gebeten, etwas über meine letzten Exerzitien zu Papier zu bringen.

Im Herbst 2002 las ich einen Artikel mit der Überschrift „Exerzitien auf der Strasse“. Es wurde gleich zu Anfang erklärt, dass im vergangenen Sommer zwölf Frauen und Män- ner der unterschiedlichsten Berufe, Lebensformen und Alters zehn Tage Exerzitien in Köln gemacht hatten. Meine spontane Reaktion dazu äusserte ich mit lauter Empö- rung: „ Na die müssen doch verrückt sein, Exerzitien in der Grosstadt, in Lärm und Verkehr und tausenden von Menschen. Das ist das Letzte was mir passieren könnte. Für meine Exerzitien brauche ich Stille, eine ruhige Kapelle und möglichst viel Natur!“

Aus lauter Neugier habe ich allerdings den Artikel zu Ende gelesen. Obwohl er wirklich nicht lang war, wusste ich plötzlich, nach dieser kurzen Zeitspanne, dass ausgerechnet ich, die dies so abwegig fand, genau dies tun sollte: Gott dort suchen, wo ich zwar nie geleugnet hätte, dass Er dort nicht auch ist, aber wo ich Ihn normalerweise nie aus- drücklich suchen würde.

Und so habe ich mich nach einigen Ausreden und Zögern meinerseits angemeldet. Im Vorfeld erfuhr ich nur, dass die Teilnehmer sehr einfach leben, in Mehrbettzimmern schlafen, das Essen abwechselnd kochen, am Tag in die Stadt an besondere Brenn-punkte geschickt werden und am Abend nach der gemeinsamen Eucharistiefeier und dem warmen Essen über ihre Erfahrungen in der Runde berichten.

In diesem Jahr hatten sich weniger Teilnehmer angemeldet. So wurde unsere Fün- fergruppe von Pater Christian (einem Jesuit) und Schwester Alexa (eine Franziskane- rin) begleitet.

In unserem provisorisch eingerichteten Gebetsraum hatte Schwester Alexa in der Mitte einen grossen Dornbusch aufgebaut.

Als Einstieg in unsere Exerzitien dachte Pater Christian mit uns, über die allen vertrau- te Stelle vom brennenden Dornbusch nach. Die für mich wichtigsten Impulse waren, dass Mose bei seiner täglichen Arbeit etwas Aussergewöhnliches sieht, neugierig wird und hingeht. Darauf hin wird ihm gesagt, dass er seine Schuhe ausziehen soll, d.h. alles ablegen , was einen grösser und irgendwie wichtig macht, um sich dann schutzlos und vorsichtig dem Geheimnis zu nähern und dabei schliesslich Gott zu begegnen.

Diese Geschichte sollte jedem von uns helfen, seine ureigenen „Dornbuscherfahrungen“ zu machen, sich gleichsam Menschen zu nähern, mit denen man im normalen Alltag keine Berührungspunkte oder seine persönlichen Schwierigkeiten hatte. In Köln gab es dafür mehr als genug Anlaufpunkte, wie z.B. Plätze, an denen sich Obdachlose häufig aufhalten, Treffpunkte für Drogenabhängige oder Prostituierte, das Sozialamt, Hospi- ze, Gefängnisse, die Babyklappe, der Strassenstrich usw.

Mein Weg führte mich fast alle Tage in das Zentrum von Köln, zum Dom und zum Bahnhof. Dort versuchte ich mit Wohnungslosen und Prostituierten ins Gespräch zu kommen. Ich fand relativ schnell Kontakt und habe so manches Detail aus ihrem Leben erfahren. Dabei wurde mir bewusst, dass ich im Vergleich zu diesen Menschen „im Himmel“ aufgewachsen bin und ein sorgloses Leben führen konnte, ohne den täglichen Kampf ums Überleben. Erschreckend fand ich, dass die meiste Armut wirklich nicht gleich zu sehen ist und sich einem erst nach näheren Kontakten zu den Betroffenen und längerem Hinsehen erschliesst.

Ausserdem erfuhr ich, dass es noch viel Schlimmeres gibt, als Prostitution aus einer finanziellen Notlage heraus. Ich lernte eine junge Frau kennen, deren Mutter in der frühen Kindheit starb und deren Vater einer geheimen Sekte angehört, in der sexueller Missbrauch von Kleinstkindern bis hin zu Babys normal ist. Das derartige Praktiken diese Frau psychisch kaputt gemacht und dadurch auch finanziell und sozial an den Rand ihrer Existenz gebracht haben, ist wahrscheinlich auch für Aussenstehende nach- vollziehbar.

Wir haben uns sehr lange über „Gott und die Welt“ unterhalten. Ohne dass ich danach gefragt hätte, erklärte sie mir, dass sie Atheistin sei, denn wie sollte sie an einen Gott glauben, wo sie doch noch nicht einmal an sich selber glauben könne. Dieser Satz hat mich sehr betroffen gemacht und lässt mir heute noch keine Ruhe. Er steht jetzt auf der Tasse, die wir Exerzitienteilnehmer im Abschlussgottesdienst als Erinnerung bekamen und auf welche wir etwas schreiben sollten, was wir aus dieser Woche mitnehmen wollten.

In den unterschiedlichsten Begegnungen der Exerzietien habe ich es für mich als sehr schwer empfunden, vielen Menschen völlig ohnmächtig gegenüber stehen zu müssen, ohne irgendwie helfen zu können. Getragen hat mich in den Augenblicken der Ohnmacht, die Hoffnung und Zuversicht, dass der Gott, der sich im brennenden Dornbusch Mose als der „Ich bin da“ offenbart, auch hier in diesen Menschen und für diese Menschen da ist.

Wenn ich auf all meine Begegnungen mit den im Schatten lebenden Menschen von Köln zurückblicke, kann ich nur dankbar sein für die erlebte Offenheit, durch die ich mich reich beschenkt fühle. Ich denke mit Hochachtung an Menschen zurück, die trotz der widerlichsten Lebensumstände nicht den Mut zum Leben verloren haben, sondern sich an den bescheidensten Dingen erfreuen und wenn es nur ein einfaches Pokerspiel ist.

Es waren kostbare Stunden mit ihnen, in denen ich lernen musste, die Schuhe vorher auszuziehen und mich möglichst auf Zehspitzen zu nähern, um nicht durch plumpes Interesse noch mehr kaputt zu machen, als es sowieso schon ist.

Heute, eine Woche nach dem Ende meiner Exerzitien, denke ich noch täglich an all die Menschen, die mir in Köln wichtig und fast zu Freunden geworden sind.

19 Jul 2003 Von: FranziskanerinnenOC@t-online.de (Schwester Franziska)

Meinem Gott von ganz unten

Gott, wenn Menschen mir das Flaschensammeln verbieten,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich in der Stunde nur 50 Cent verdient habe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich das wenige Geld dann auch noch verliere,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich den Sinn meines Tuns auf einmal in Frage stelle,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich trotz Öffnungszeit der Kleiderkammer weggeschickt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich von kirchlichen Vertretern nur als Almosenempfänger behandelt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich die Essensausgabe nur als Abspeisen erlebe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn Menschen mich von oben herab behandeln, nur weil ich um ein Glas Wasser bitte,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn mir Seife und Toilettenpapier vorenthalten werden,
weil ich von der Strasse komme,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich vor Wut über solche Art von christlicher Nächstenliebe koche,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich umsonst um ein Stück Brot bitte,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich nach einer Nacht am Bahnhof vor Müdigkeit kaum noch denken kann,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn unfreundliche Bahnbeamte mich aus dem Schlaf klopfen,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn die angebotene Suppe nicht nur kalt, sondern dazu noch sauer ist,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich aus der Kirche geschickt werde, weil man erst den Pfarrer fragen muss, ob man dort beten darf,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld

Gott, wenn ich mir beim Flaschensammeln klein und minderwertig vorkomme,
– richte Du mich auf!

Gott, wenn ich resigniere, weil ich beim Betteln keinen Erfolg habe,
– richte Du mich auf!

Gott, wenn ich auf der Suche nach einem Nachtquartier vor verschlossenen Türen stehe,
– richte Du mich auf!

Gott, wenn mich das Elend und die Ausweglosigkeit meiner Brüder und Schwestern bedrückt,
– richte Du mich auf!

Gott, wenn ich Angst habe vor der Ungewissheit, wo ich die Nacht verbringen werde,
– richte Du mich auf!

Gott, wenn ich plötzlich nicht mehr weiß, ob ich noch auf Deinem Weg bin,
– richte Du mich auf!

Gott, der Du mir im Kondensstreifenkreuz am Himmel seine Nähe zusagt,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir in seinen Schriften den Weg weist,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir überraschend im Altarsakrament begegnest,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir durch einen Inder das nötige Glas Wasser reichst,
– ich bete Dich an

Gott, der sich vor mir versteckt und der sich von mir suchen lässt,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mich auf meiner Suche begleitest und liebevoll führst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mich seinen Frieden kosten lässt,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir immer wieder in freundlichen Menschen begegnest,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mich die Einheit mit Deiner ganzen Schöpfung erfahren lässt,
– ich bete Dich an

Gott, der Du meinen Terminkalender in den Händen hältst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du Deinen Engel schickst, der mich zum Nachtquartier begleitet,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir nicht in den Kirchen begegnen wolltest,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir Ansehen verleihst, wenn andere mich übersehen,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir alles zur rechten Zeit schenkst, was ich zum Leben brauche,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mich befähigst, von dem wenigen das ich habe auch noch abzugeben,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir durch einen Schlager aus dem Radio Deine Liebe zusicherst,

– ich bete Dich an

Gott, der Du mir unzählige Schwestern und Brüder auf der Strasse geschenkt hast,
– ich bete Dich an

Gott, der Du in mir selber wohnst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mich vor Deiner Anwesenheit singen und tanzen lässt,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mit immer neuen Ideen meinen Hunger und Durst stillst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir jeden Tag kleine und große überraschende Freuden bereithältst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir auch die kleinen Wünsche erfüllst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mit mir im Notquartier meine Isomatte teilen möchtest,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir zu Füßen liegst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mit mir durch verschlossene Türen gehst,
– ich bete Dich an

Gott, der Du mir in Internetcafe und bei M Donalds begegnest,
– ich bete Dich an

Gott, die ganze Welt ist so voll von Dir,
– ich bete Dich an

Advertisements