Sonja Hannemann, Zwei Texte

Einfach ohne … Schwimmring (2015)

Mulmig war mir schon zumute, als ich am „Kotti“ aus der U-Bahn ausstieg und mich umsah. Selbst mit einigen Jahren Großstadterfahrung fühlte ich mich recht verloren, ziemlich landeiig, und nun war ich auf dem Weg zur Naunynstraße. Dem Wohnort von Christian, der WG, der Kommunität oder was immer mich da erwarten mochte. Die Be-schreibung „ist genau neben dem ‚Tor zur Hölle‘“ machte die Sache auch nicht besser.
Während ich noch überlegt wo lang, wurde ich angesprochen. Und ausgerechnet nach dem Weg gefragt. Mein Gegenüber sah weder sonderlich vertrauenserweckend aus, noch hatte ich einen Plan. Bzw., den hatte ich schon, aber gut verwahrt im Rucksack. Sollte ich ihn wirklich rauskramen, Straßen suchen, Weg erklären? Vielleicht war mein Fragesteller ja viel mehr an meinem Portemonnaie als an der Wegführung interessiert? Mit einem resignierten innerlichem Seufzer gab ich nach. Immerhin war ich auf dem Weg zu Straßenexerzitien – und geht es da nicht gerade um den Moment der überraschenden Begegnung?
Zu meinem leichten Verwundern erwies sich die Rucksackbekanntschaft als überaus unter-haltsam und während ich meine Siebensachen wieder verwahrte, wurde ich erneut ange-sprochen: „Wo willst du denn hin?“ Helga, Rollstuhlfahrerin, blickte mich abwartend an. Nun, wenn ich schon dabei war, konnte ich ja bei der Wahrheit bleiben. Zur Naunystr. 60. „Ach, zum Christian. Ich bring dich hin.“ Völlig selbstverständlich bekam ich Geleitschutz und eine erste Idee, wie die nächsten Tage „auf der Straße“ wohl aussehen konnten.
Heute, zwei Jahre später, sind neben Erinnerungen auch Veränderungen geblieben. Manches steht in einem neuen Zusammenhang. Josua 3, z.B. Ein Bibeltext, der den Einzug des Volkes Israel in das „gelobte Land“ beschreibt. Nach dem Auszug aus der Sklaverei, der Durchquerung von Meer und Wüste, schien das Verheißene so nah. Wenn da nur nicht der Jordan wäre. Der zu allem Überfluss auch noch alle Ufer überschwemmte. Was mag man da fühlen, als Generation, die in der Wüste aufwuchs und Wasser eher in homöopathischen Maßen kannte?
Und dann die interessante Ansage Gottes: die Priester sollen die Bundeslade (das Zeichen der Präsenz Gottes) nehmen, sich damit in den Jordan stellen und erleben, wie sich – bei jedem Schritt – das Wasser teilt. Und so dem Volk einen trockenen Übergang bescheren. Doch: Vorsicht ist angesagt! Da es sich nicht nur um ein wundersames, sondern zweifellos heiliges Geschehen handelt, muss auch das Volk sich heiligen und darf der Lade nicht zu nahe kommen (Jos 3, 5). Der rechte Abstand wird bestimmt: „doch dass zwischen euch und ihr ein Abstand sei von ungefähr zweitausend Ellen! Ihr sollt ihr nicht zu nahe kommen. Aber ihr müsst ja wissen, auf welchem Wege ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher noch nicht gegangen.“ (Jos 3, 4).
Abstand ja, aber im Blickkontakt bleiben. Denn „ihr müsst ja wissen, auf welchem Weg ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher noch nicht gegangen“. Die meisten Wege die ich gehe, bin ich schon oft gegangen. 100 Mal, 1000 Mal. Einen Weg, den ich noch nie gegangen bin? Der Unmögliches erfordert, ja, geradezu verlangt? Einem heiligen Mysterium auf unbekannten Wegen in die Tiefe eines Stromes zu folgen, erscheint wie die erste Laufdistanz vom Kottbusser Platz zum „Tor zur Hölle“. Und überraschenderweise schlagen nicht die Wellen über einem zusammen, sondern man findet sich im ganz anderen, „gelobtem“ Land wieder. An der langen Kaffeetafel eines Samstagmorgens, an die ganz selbstverständlich ein weiterer Stuhl dazugestellt wird. Erleichtert, dass die üblichen taxierenden Präliminarien – wer bist du, woher kommst du, was stellst du dar? – uninteressant sind und die Einladung zum „da sein“ gilt.
Seither mag ich auf die „Wege, die ich noch nicht gegangen bin“ nicht mehr verzichten. Zu groß ist der Gewinn der nicht gesuchten Fundstücke. Was nichts daran ändert, dass die Herausforderung, und manchmal auch die Angst, bleibt. Dabei ist es gut, die sicheren Orte des „gelobten Landes“ erlebt zu haben. Sie verstecken sich in Begegnungen, im Glauben, im eigenen Herz. Und manchmal eben auch in der chaotisch, herzlichen, erstaunlichen und heilsamen Runde eines Tisches in der Naunynstraße 60.

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Zweimal Jaroslav (oder: der Grund ist Gold)
Exerzitien auf der Straße 06.-14.07.2013, Berlin

Es ist mein dritter Tag auf der Straße. Ich fühle mich bedrückt, unfähig, am falschen Ort. Nicht zum ersten Mal. Wieder frage ich mich, auf was ich mich da eingelassen habe?
Sicher, mein Christsein schien deutlich überholungsbedürftig. Zu bürgerlich, zu brav und zu sicherheitsbetont. Immer wieder stellt sich mir die Frage, ob ich nicht ganze Teile des Evangeliums überlese. Wie lebe ich Jesu Aufforderung, zu den Kranken, Armen, Fremden, Ausgegrenzten zu gehen? Was bedeutet „soziale Gerechtigkeit“? Wie gehe ich mit Finanzen und Besitz um? Müsste ich nicht viel radikaler, also tiefer verwurzelt in der Gesinnung Jesu leben? Und gleichzeitig spüre ich, dass mehr Engagement oder eine größere Spende die Fragen nicht lösen. Hier geht es um mehr. Um mein Herz. Um neues Vertrauen.
Nun also „Exerzitien auf der Straße“, ein geistlicher Übungsweg für den Exodus 3 Pate steht. Mose überschreitet beim Weiden der Schafe eine Grenze, wird in die Wüste geführt, um Gott im brennenden – und nicht verbrennenden – Dornbusch zu begegnen. Hier empfängt er Gottes Namen und eine Sendung, die an eine alte Sehnsucht anknüpft: sein Volk zu befreien.
Meine Wüste heißt Berlin, konkret Kreuzberg. In der Naunynstraße werde ich aufgenommen, eingeladen von der offenen Kommunität die seit rund 35 Jahren über der Eckkneipe „Das Tor zur Hölle“ besteht. Hier werden keine Fragen gestellt. Überhaupt wird wenig gesprochen. Gibt es ein freies Bett, kann man bleiben. Zwei Tage, eine Woche, zehn Jahre. Ich bin schlicht „Sonja“. Neben Christian, Franz 1 und Franz 2, Samuel, Marie Cruz, Ibrahim und vielen anderen. Meine Anwesenheit braucht keine Begründung. Dass ich Exerzitien mache, sagt wohl nur wenigen etwas. Ich bin da, weil Christian mich eingeladen hat, das reicht. Christian Herwartz, Jahrgang 1943, ehemaliger Arbeiterpriester und Jesuit, ist Mitbegründer und -gestalter dieser Gemeinschaft. Und für diese Tage einer meiner Begleiter. Die anderen sind die Mitbewohner – und Gott selbst. Mir ist mulmig zumute. Über welche Grenzen wird Gott mich führen? Welche eigenen verborgenen Nöte werden mir begegnen – die meiner Mitbewohner sind offenbar. Und wer werde ich sein, ohne die professionelle Rolle des pastoralen Handelns?
Der dritte Tag ist schwer. Ich habe Sehnsucht nach einer echten „Dornbusch“-Erfahrung und gleichzeitig Angst, Grenzen zu überschreiten. Diese sind mir bewusst, kenne ich doch instinktiv die Orte, die ich meide: Obdachlose, Alkoholiker, Suppenküchen, Arbeits- und Sozialämter. Zu eng sind sie mit meiner Biografie verbunden, zu deutlich die Angst, selbst einmal „da“ zu landen. Meine Sprachlosigkeit ist groß. Zu Hause mag ich die Beobachterrolle, analysiere und entwickle Konzepte. Weder spontane Kontaktfreudigkeit noch die Gabe der Barmherzigkeit zeichnen mich aus. Es liegt an mir, diese Haltung beizubehalten oder mich zu öffnen, niemand drängt mich. Es ist einzig die Einladung Gottes, die mich lockt und neugierig macht. Ich will kein Tourist mehr sein. Komme ich ins Gespräch, antworte ich auf die Frage nach meinem Aufenthalt in Berlin: „Ich bin dabei, Gott zu suchen. Wo würdest du hingehen, um ihn zu finden?“ Etwas mechanisch, aber immerhin ein Anfang.
Ich breche auf. Nehme Joh 14, 6 ganz wörtlich: Jesus ist der Weg – die Straße –, die Wahrheit und das Leben. Jetzt stimmt für mich „der Weg ist das Ziel“ tatsächlich einmal: Überall kann „heiliger Boden“ sein, in jedem Menschen, jeder Situation kann mir Gott begegnen. Aus einem Impuls heraus fahre ich zur Beratungsstelle der Anonymen Alkoholiker. Es ist ein bedeckter Tag, die Wolken hängen tief. Regen ist wahrscheinlich. Das Wetter passt zur Stimmung. An der Kurfürstenstraße steige ich spontan aus. Die Beratungsstelle ist noch weit entfernt. Ich folge mehr dem Herz als dem Hirn. Sehe die Frauen, die schon um 9.00 Uhr morgens auf dem Straßenstrich stehen. Zuhälter. Mal wieder eine geschlossene Kirche. Gehe in eine kleine Parkanlage. Alles spricht von Trostlosigkeit: ungepflegte Rabatte, das zersplitternde Holz der Bänke. Eine einsame Arbeiterin verstärkt den Eindruck der Ohnmacht. Nichts strahlt Fülle oder Leben aus. Mein Herz wird schwer. Ich ziehe die Schuhe aus. Heiliger Boden? Höre, und habe das Empfinden, dass Gottes Herz genauso schwer ist. Unser Elend geht ihm nahe und schmerzt ihn. Ich bin wohl doch nicht alleine unterwegs. Mein Blick fällt auf einen Schaukasten: „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43, 1). Na dann.
Setze mich in die nächste Bahn und steige am Bahnhof Zoo aus. Bilder von „Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ füllen meinen Kopf. Laufe an vier Männern vorbei, die öffentlich dealen. Dazwischen Touristen, Passanten. Weiß nicht so recht, wohin mit mir. Immer wieder bete ich und meditiere „meinen“ Gottesnamen, den ich zu Beginn der Exerzitien finden durfte: „Du bist der, der mich mit Wohlgefallen geschaffen hat“. Oder, konkreter: „Du bist der, der mich mit Wohlgefallen ansieht.“ Als Gottes Antwort höre ich zweierlei: „Du bist meine geliebte Tochter, an der ich Wohlgefallen habe“ und „Du bist die, die andere mit meinem Wohlgefallen ansieht“. Ich wünsche mir, dass andere sich unter meinem Blick wohlfühlen. Dass sie darin das Wohlgefallen Gottes spüren und ihre Würde und Bestimmung erahnen. Und so sehe ich die Menschen an. Blickkontakt. Lächeln. Für mein vorsichtiges, abwägendes Gemüt eine herausfordernde Übung.
Stehe am Eingang des Zoos. Die Tiere hinter den Gittern deprimieren mich. Vor mir eine über 100m lange Schlange von Kindergarten- und Grundschulkindern. Eltern, Erzieher, Begleiter. Ein Verkäufer des „Straßenfegers“ baut seinen kleinen Stand auf und dekoriert ihn mit Plüschtieren. Hinter seinem Koffer stehen vier Flaschen Bier. Sein Gesicht ist aufgedunsen und grobporig, die Nase blau geädert. Ich stehe 2-3m hinter ihm und beobachte das Treiben. Schließlich setzte ich mich auf den Boden. Die Pflastersteine sind dreckig, manche liegen lose im Sand. Heiliger Boden? Wieder ziehe ich meine Schuhe aus. Will Gott mir etwas sagen? Höre – nichts. Bis ich merke, dass Gottes Reden diesmal anders ist: Wer auf dem Boden sitzt, hört auf zu existieren. Für eine ¾ Stunde verschwinde ich. Während die Kleinkinder noch unbefangen schauen, ist die Scham bei den Schulkindern schon ausgeprägt. Die Erwachsenen schauen noch nicht einmal weg – ich bin schlicht nicht vorhanden. Einsamkeit kenne ich aus vielen Erfahrungen, aber nicht zu existieren ist ein Schock. Als ich schließlich aufstehe, kommt der nächste. Mir ist nie bewusst gewesen, wie groß ich bin. Mit 1,80m muss ich nur sehr selten zu jemand aufsehen, kann alles überblicken und auf andere herabschauen. Die Sprache ist verräterisch.
Der Straßenfeger-Verkäufer hat mittlerweile eine zahme Hausratte aus seinem Hemd geholt. Sofort ist er von Kindern umringt. Er füttert sie mit etwas Joghurt. Ich trete herzu, knie mich erneut nieder, kann Kindern in die Augen sehen, sehe zum Verkäufer empor. Lächle. Streichle die Ratte, lasse etwas Geld da. „Vielen Dank, meine Dame!“ Komme nach 10 Minuten mit zwei Kaffee wieder. Gerne lässt sich Jaroslav unterbrechen. Der Kaffee ist nicht länger ein Almosen zur Beruhigung meines schlechten Gewissens. Er tut einfach gut, wenn man so lange im Wind steht. Jaroslav erklärt mir das Leben auf der Straße und damit auch seins. 49 Jahre, gebürtiger Prager, Tischlermeister und Sozialpsychologie-Student … das Auf und Ab eines unkonventionellen Lebens. Seine Herzlichkeit tut mir wohl. Er ist all das, was ich nicht bin: offen, kontaktfreudig und nahbar. Seine Ratte sucht Wärme und schlüpft unter sein Hemd. Ich kann die leichte Wölbung über seinem Herzen sehen. Er redet, ich höre zu. Gerne und ohne Anstrengung. Als ich mich schließlich verabschiede, reicht er mir die Hand: „Der nächste Kaffee geht auf mich!“
Es fängt an zu nieseln. Ich muss sowieso auf Toilette, habe Hunger und steuere McDonalds an. Ein kurzes Gespräch mit dem Ehepaar, das die Toiletten reinigt. Ich bedanke mich bei ihnen. Sehe sie an. Ein leichtes Lächeln. Mein Blick scheint weiter zu werden. Ich hole mir etwas zu essen und werde angesprochen: „Entschuldigung, aber wir brauchen den ganzen Tisch. Wir sind zu Acht.“ Ein 18 oder 19jähriges Mädchen, gut gekleidet, hält den Tisch für ihre Clique frei. Ich stehe auf und suche mir einen anderen Platz. So fühlt es sich also an, vertrieben zu werden. Als ich das Restaurant verlasse, ist der Tisch noch halb leer.
Setze mich in die Schalterhalle des Bahnhof Zoo. Ein Kommen und Gehen. Ich meditiere meinen Gottesnamen, bleibe wach und offen. Die Straße scheint zum Wohnzimmer zu werden. Viele Menschen, die ich nicht eingeladen habe oder kenne, die aber da sind. Und die ich sehen kann. Ein anderer Straßenzeitungsverkäufer kommt auf unsere Sitzgruppe zu. Seine Kleidung ist zerrissen, seine Haare und Nägel starren vor Dreck. Seine Sprache ist undeutlich. Ich bin die einzige, die ihn ansieht. Er kommt auf mich zu. Ich kaufe ihm eine Zeitung ab und halte den Blickkontakt. Er ist sichtlich verwirrt. Bedankt sich. Dreht sich noch dreimal um. Ein vorsichtiges Lächeln.

Für die Beratungsstelle der Anonymen Alkoholiker ist es zu spät und da Jaroslav die Bahnhofsmission am Zoo erwähnt hat, mache ich mich auf den Weg. Die Gestalten vor dem Eingang sind mir nicht geheuer. Laufe also weiter. Nach 10m denke ich: „Was soll’s?“ und kehre um. Die Frau vor mir wird eingelassen, dann fällt die Tür ins Schloss. Neben mir steht ein deutlich alkoholisierter Mann in meinem Alter. Überhaupt sind fast nur Männer zu sehen. Er trommelt an die Tür. Ein junger, großgewachsener und kräftiger Mitarbeiter macht auf. Was wir wollen? Er ein Mittagessen, ich einen Kaffee. Er bekommt die letzte Essensmarke für 14.00 Uhr, ich könne nachher ohne Marke rein. Die Tür fällt wieder zu und wir warten. Noch 20 Minuten. Offensichtlich gehören wir jetzt zusammen. Mein neuer Bekannter stellt sich als Jaroslav vor. Ich muss grinsen. Dieser Jaroslav kommt aus Polen, bietet mir eine Zigarette und jede Menge Informationen an. Wir reden über seine Diebstähle und Körperverletzungen, Strafverfolgung und Bußgelder … Als ich mich umdrehe, sind wir von mehr als 50 Personen umgeben. Manche von der Straße, andere tadellos gekleidet. Einzig die häufig fehlenden Zähne lassen die Armut erahnen. Zwischendurch kommen immer wieder Menschen, die Lebensmittel und Kleider abgeben. Jaroslav schwankt und krakelt. Er hat schon die kindliche Ehrlichkeit des Betrunkenen, ist aber zu nüchtern, um übergriffig oder gewalttätig zu sein. „Weißt du, ich bin Alkoholiker“, sagt er schließlich. „Ja“, antworte ich und sehe ihn an, „aber du bist noch viel mehr. Du bist ein Mensch. Und du bist wertvoll.“ Er wird still und sieht mich an. Legt mir die Hand auf die Schulter, kommt nahe. Schwankt. In schwerem Akzent murmelt er: „Danke. Menschen das oft nicht mehr sehen.“

Auf einmal scheint Jesus gegenwärtig zu sein. Ein Zauber liegt über der ganzen Szene. Die Not hat nicht mehr das letzte Wort. Zu viert sitzen wir am Tisch; Jaroslav, dem es schwer fällt den Löffel zu führen, Jacqueline, die als Kind unter der Stasi gelitten hat und mir Tipps für sichere Frauenschlafplätze gibt und Boris, selbst ernannter Nobelpreisträger 2016, das zauselige Covergesicht der Bahnhofsmission. Wir lachen, reden, fotografieren uns gegenseitig. Boris verschenkt zwei Bananen aus seinem Privatvorrat, Jacqueline teilt ihren Nachtisch. Jaroslav rückt uns Damen höflich die Stühle zurecht. Viel zu lange reden wir, schließlich werden wir von den freundlichen und aufmerksamen Mitarbeitern hinauskomplimentiert. Die nächsten 50 Gäste warten.
Jaroslav wankt mit Kaffee und Orange in der Hand zur U-Bahn. Er lässt es sich nicht nehmen mich zum Gleis zu begleiten und ist überrascht, dass ich einen gültigen Fahrschein habe. Uns bleiben noch 2 Minuten. Plötzlich schaut er mir direkt in die Augen und sagt völlig klar: „Warum bist du heute zu uns gekommen?“ Ich überlege kurz und antworte: „Weil ich Gott suche. Und ich glaube, ich habe ihn heute gefunden. Bei euch. Verrückt?“ Er sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Nein. Das ist sehr gut!“ Dann drückt er mir entschlossen seine Orange in die Hand: „Da. Die ist von Gott.“ Die U-Bahn fährt ein. –

Am heiligen Ort blieb mir nicht einmal Zeit, die Schuhe auszuziehen. Und doch ist mir Gott dort begegnet. In der Würde, Großzügigkeit und Herzlichkeit von Menschen, deren Not nicht das letzte Wort behält.
Der dritte Tag war ein Solitär. An manchen Tagen war ich zu bemüht und habe mich (innerlich) verlaufen, manchmal waren es die verborgenen inneren Orte, die einer Berührung bedurften. Was und ob etwas „passierte“, war nie vorhersehbar. Das große Bild ergibt sich erst in der Zusammenschau. Ich ahne, dass mein Herz freier und heiler geworden ist. Doch noch mag ich über Veränderungen nicht spekulieren, zu laute Töne scheinen unangebracht.
Als besonderes Geschenk empfinde ich die äußeren Bilder meines inneren Weges, die mich in einer Ausstellung in St. Thomas (Kreuzberg) überraschten. Auf goldgewirktem, schimmerndem Untergrund bildet die Künstlerin Barbara Duisberg aufrüttelnde Szenen dieser Welt ab, die – verwandelt und kostbar wie eine Ikone – Gottes Gegenwart aufleuchten lassen. Der Grund ist Gold. Wenn wir es denn sehen …
(© Barbara Duisberg, weitere Infos: http://www.stthomas-berlin.de/texte/seite.php?id=147252)

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