Nadine Sylla, Ohne Rassismus? Einfach?

Die Naunynstraße hat mein Leben verändert, das kann ich heute mit Sicherheit sagen. Mein Leben wäre ganz anders, hätte mich die Naunynstraße nicht eingefangen und danach nie wieder richtig losgelassen.
Manchmal langweilt es mich sehr, mich in studentischen Kreisen zu bewegen. Das heißt nicht, dass ich dort nicht tolle Leute kenne, die sogar in vielen Punkten meine Weltansicht teilen, sich auch darüber Gedanken machen, wie man sich am besten gesund und umweltbewusst ernährt oder wofür man sich engagiert. Wie viel größer ist der Reichtum, den ich in der Naunynstraße vorfinde, so bunt und unterschiedlich. Wie oft sitze ich Dienstagabend in der Runde und bin berührt, von der Lebensweisheit, die aus den Erfahrungen spricht und von den unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auf das Leben. Ich kenne keinen Ort, wo ich sonst von so vielen verschiedenen Lebensrealitäten erfahren darf, wo so unterschiedliche Menschen zusammen am Tisch sitzen, wo Schubladen aufgemacht werden, und ein buntes Durcheinander heraus kommt. Und wo ich gelernt habe, dass es nicht um Mitleid geht.
Ich glaube auch, dass es keinen besseren Ort gibt, an dem Ibrahim und ich uns kennen lernen konnten. Ein Ort, an dem Status, finanziellen Möglichkeiten und beruflichen Chancen unwichtig sind, ein Ort, an dem wir einfach Mensch sein können und uns als solche begegnen. Nachdem die Äußerlichkeiten und Ungleichheiten wegfielen, konnten wir beide merken, dass da etwas ist, was uns verbindet und trägt. Unsere Liebe und die gegenseitige Achtung voreinander zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass das, wonach ich mich sehne, wahr werden kann. Dass ein Mensch, der nach äußerlichen Kriterien so „anders“ ist als ich, innerlich tief mit mir verbunden ist, wir uns auf Augenhöhe begegnen können und die imperialistischen Narrative des Westens in Frage stellen.
Mit unserer Beziehung und unserer Hochzeit bin ich den Schritt gegangen, auch ein wenig anders zu sein. Nach außen hin bin ich noch immer weiß und unmarkiert, aber mein Herz kann von Rassismus nicht mehr unberührt bleiben. So gibt es Kontexte, in denen Ibrahim „anders“ ist und Kontexte, in denen ich „anders“ bin und Kontexte, in der wir beide als anders wahrgenommen werden. Neben der Bestätigung meiner Sehnsucht wurde ich deutlich damit konfrontiert, wie stark unsere Gesellschaft rassistisch strukturiert ist. Das ist zum einen erkennbar an den offensichtlichen Privilegien, die Weiße Deutsche haben. Vielmehr schockiert mich immer wieder die westliche Überlegenheit, die in so vielen Aussagen impliziert wird. Und „anders“ heißt dann nämlich eigentlich rückständig, unzivilisiert, unterentwickelt, gewalttätig, irrational, fundamentalistisch, mit anderen Werten und einer anderen Kultur, die nicht mit den westlichen Werten zu vergleichen ist. Die sind halt so. Warum sich die Mühe machen, sie zu verstehen? Es ist gesellschaftlich anerkannt, solche Meinungen zu verbreiten.
Diese Rhetorik haben die europäischen Gesellschaften jahrhundertelang gelernt. Gesellschaften, die die Welt eroberten und mit Differenzkonstruktionen von Hautfarbe und Herkunft ihre Überlegenheit legitimierten. Je tiefer man sich in der Strudel der Imperialismus und Kolonialismus begibt, desto weniger Hoffnung findet man, sich zumindest ein stückweit davon zu befreien. Ich schäme mich für das, was die Weiße „Rasse“ in den letzten Jahrhunderten vollbracht hat. Und doch glaube ich ist der erste Schritt zur Veränderung, die Menschen reden zu lassen, die auf der anderen Seite der imperialen Wasserscheide standen, die Menschen, denen jahrhundertelang eine eigene Geschichte und Kultur abgesprochen wurde.
Heute brauche ich die Naunynstraße, wie ich Luft zum Atmen brauche. Weil sie mir immer wieder neu Mut macht, dass eine andere Welt möglich ist, eine Welt, in der Herkunft, Hautfarbe, Muttersprache oder Religion kein Kriterium ist, um Leute zu sortieren und in Schubladen zu stecken, sondern wir uns in Gleichheit begegnen können. Bis heute kenne ich keinen Ort, wo Ibrahim und ich so sehr einfach nur als Menschen gesehen werden, wo unsere vermeintlichen Unterschiede keine Rolle spielen, wo ich vergesse, worüber ich mir sonst Gedanken mache. Wo ich sehe, dass sich Menschen über unsere Liebe freuen.
Dabei ist auch in der Naunynstraße nicht alles eitel Sonnenschein. Auch hier habe ich rassismusrelevante Bemerkungen gehört, die mich treffen und mich zum Weinen bringen. Und immer wieder spüre ich den Graben zwischen den Geschlechtern, oft hänge ich dazwischen und kann beide Seiten nachvollziehen. Versuche mich zu positionieren. Scheitere dabei. In einer Welt, die strukturiert wird durch Rassismus und Sexismus und andere Diskriminierungsformen, sind wir alle davon geprägt und auch das bleibt in der Naunynstraße nicht vor der Türe stehen. Auch die Gleichheit bleibt bruchstückhaft, da Nationalität und Aufenthalt, aber auch die Möglichkeit zu arbeiten oder staatliche Leistungen zu beziehen, sich auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt. Aber in dieser räumlichen Nähe kann ich vieles nicht mehr ignorieren und mich einfach nicht damit beschäftigen, sondern bin Tag für Tag neu herausgefordert, ein Miteinander zu suchen. Und es ist viel mehr Gleichheit, als es an anderen Orten möglich ist.
Wie oft habe ich schon versucht zu verstehen, warum mich dieser Ort anzieht wie ein Magnet. Rational kann ich es nicht erklären. Aber ich glaube, dieses Gefühl nach Hause zu kommen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hat etwas mit meiner Sehnsucht zu tun. Ich habe eine Sehnsucht nach der Gleichheit aller Menschen. Zu spüren, dass wir als Menschen so viele Gemeinsamkeiten haben, dass wir erstmal Menschen sind und nicht Christen oder Muslime oder Europäer oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigter. Dass da ein Gott ist, der keinen Unterschied macht zwischen den Menschen und keine Grenzen zieht zwischen vermeintlichen Unterschieden.
Die Naunynstraße ist ein Versuch, eine alternative Geschichtsschreibung zu beginnen.
Also: Einfach ohne – Rassismus? Ohne Rassismus ist niemals einfach. Es gibt sogar WissenschaftlerInnen, die sagen, statt Antirassismus sollten wir lieber über Rassismuskritik sprechen, da wir zu sehr in rassistischen Strukturen verstrickt sind um ohne Rassismus zu denken und zu handeln. Aber das macht auch Mut, denn überall dort, wo Strukturen aufgebrochen und über Rassismus nachgedacht wird, da wird etwas Neues möglich. Würde die Bundesrepublik sich in ihrem Zuwanderungs- und Asylgesetz ein bisschen mehr an der Naunynstraße orientieren, könnten wir uns viel mehr in Gleichheit begegnen:

Ohne Einkommensnachweis
Ohne Abstammungsurkunde
Ohne Papierkontrolle
Ohne Einbürgerungstest
Ohne Sprachnachweis
Ohne ärztliches Gutachten
Ohne Taufschein
Ohne Gesinnungsfragen
Ohne „wo kommst du her?“
Ohne „wann gehst du wieder zurück?“
Ohne Schul- und Berufsabschlüsse
Ohne Existenzgrundlage
Ohne Terrorismusverdacht
Ohne Misstrauensvorschuss
Ohne Mitwirkungspflicht
Ohne Fragen zur Scheinehe
Ohne Krankenversicherungsnachweis
Ohne Anhörung zu anerkennungswürdigen Fluchtgründen
Ohne Zwangsmissionierung
Ohne erweitertes Führungszeugnis
Ohne Fingerabdruck
Ohne Abschiebung