Markus Roentgen

Markus ist (Straßen-)Exerzitien-Begleiter und bildet BegleiterInnen aus.
In Gedichten verdichtet er seine Erfahrungen. weitere  Beispiele

Straßenexerzitien in Berlin vom 14.-18.12. 2014

Fensterkreuz

alte Straßenlaterne

Lichtdunkel

kahler Baum

Berge

entberge

Stille der Frühe

Grundrauschen

der Kreuzberger

Häuserfluchten

Die Exerzitien auf der Straße sind für mich in diesem Jahr auch Exerzitien mit der WG Naunynstraße 60 in Berlin-Kreuzberg.

Einige der Menschen dort sind mir nun seit drei Jahren vertrauter. Sie sind mir ins Herz gewachsen.

Ich staune, wie im Morgen und an den Abenden wir dort sprechen, beim Frühmahl und beim Abendessen, auch zwischendurch in der Küche und beim Begegnen im einen zentralen Wohnraum, an den die Schlafräume der Frauen und der Männer grenzen.

Es sind Gespräche, von denen ich sonst oft nur träume, wenn in Begegnungen nicht viel mehr als „small talk“ möglich wird.

Irgend eine, irgend einer aus Naunyn 60, diesem Zusammenkommen von Menschen aus verschiedenen Religionen, Kontinenten, Sprach-gründen, Kulturen, Lebensgeschick und Lebensaltern wirft eine Frage oder ein Wort auf – und bald ist am Tisch ein intensives und sehr differenziertes Gespräch über die großen Themen aus Philosophie, Politik, Theologie, Kultur und Gesellschaft im Raum. Die Differenzierung ergibt sich durch eine der Regeln der Kommunität: Wer spricht darf ausreden. Die anderen hören es an.

Wie Anfang

aus D i r anfanglos

wie Enden

in D i r Ohnenden

wie Leben zeitigen

mit D i r ewigda?

Es sind die fruchtlosen Denkgespräche

aus denen der Mensch sich fühlbar fand

im Geheimnis

zu D I R

unermesslich

Die zweite Regel wird hier so gelebt, wie ich es sonst bislang nirgendwo fand: Wer die Türschwelle übertritt, ein neuer Gast, wird nicht befragt nach dem Woher? Warum hier? Wer bist Du? Wie geht es Dir? Welche Geschichte bringst Du mit? Was hat Dich in Not und Bedrängnis gebracht?

Es gibt etwas zu trinken (Tee und Tee und wieder Tee aller Art), etwas zu essen, einen Schlafplatz, der Vorname genügt. Der Gast hat das erste Wort, wenn sie, wenn er sprechen möchte.

Hier wird gelebt, was der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem wundervollen Buch „Von der Gastfreundschaft“ bedenkt, wenn er umkreist, dass dort, wo der Gastgeber die Hoheit der ersten Frage ausübt, Hierarchie entsteht, Gefälle, Macht im Gespräch, Heteronomie, Setzen der Regeln, Bestimmung über Sprache, Identität, Gesetz.

Da jedoch, wo der Gast, der Fremde, die Fremde das erste Wort erhält, in der je eigenen Sprache, im Gestus, im Schweigen, in Gegenseitigkeit, das MIT auf Augenhöhe entstehen kann und somit eine Weise von Beziehung im herrschaftsfreien Gespräch in der vorbehaltlosen Annahme vor aller Leistung und trotz aller möglichen Verstrickungen.

Ich habe dies nun in drei längeren Aufenthalten in Naunyn 60 erfahren und staune, wie unprätentiös und ohne Idealisierung dies real im Raum ist – täglich.

In der Küche von Naunyn 60 hängt ein Bild, es zeigt die „Flucht nach Ägypten“ des göttlichen Kindes mit denen, die es annahmen, wie der Evangelist Matthäus sie beschreibt in Mt 2, 13-15 (s. Bild in Anlage). Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach Berge, todbedroht mitunter, nur ein falsches Papier oder keines wehrt den Aufenthalt, Mächte und Gewalten stellen ihnen nach, drohen mit Ausweisung – und so mit Gefahr für Leib, Seele, Leben – TRAUMATA. Wo kann ich bleiben, wer nimmt sich meiner an, wo darf ich sein ohne Berechtigungsschein?

Auch das ist Naunyn 60 – Leben retten, ermöglichen, öffnen, aushalten, gestalten.

Ein Blitzlicht meiner Handykamera leuchtet im Bild das bedrohte Kind an,ein schöner Fehler in der Fotografie, der Esel geht und geht, Josef, der schon alte Mann sucht mit ängstlichen Augen den Weg, Maria birgt das Kind in ihrem Mantel, das Kind schaut zurück. Da ist noch einer, der mit geht. Da schützt einer den Weg und schirmt von hinten her ab. Ein Lampenschein ist ihm ins Gesicht gerückt, ein weiterer ungewollter ausleuchtender Neben-effekt beim Entstehen des Fotos vom Bild in der Küche.

Dieser Dritte, das bin je Ich, das bist je Du – ich kann es sein/ Du kannst es sein – oder – lass es sein, mit zu gehen…

Wo ist Berge, wo ein Unterschlupf?

Als ich am Ende der Tage zu arbeiten hatte an der KATHO in Karlshorst, da fand ich auf dem Gelände, einem ehemaligen katholischen Krankenhaus, in einem Nebenausgang ein Wärterhäus- chen, das Studierende oder umherschweifende Graffiti-Künstler umgestaltet hatten. Jemand hat „KITA“ (Kindertagesstätte) oben hin gemalt, unten ein großes Herz. Mir war: Solche Ort sind heute auch Notunterkunft – für Obdachlose, für Menschen auf der Flucht, für Menschen in Bedrängnis, für den ausgesetzten Gott – mitten im Dickicht der Städte,- in den Straßenfluchten, – im Unterwegs ohne angebbares Zuhause (s. Bild in Anlage).

Rolf, ein neuer Mitbewohner in Naunyn 60, ist dieses Mal der, mit dem ich das Etagenbett teile, er unten, ich oben.

Rolf ist Musiker, ein begabter Gitarrist und Sänger, voller Ideen, Leben pur.

Er rät mir, es vor Weihnachten mit meiner Trompete auf der Straße zu probieren.„Das kommt jetzt gut bei den Leuten, Trompete mit Advent- und Weihnachtsliedern.“

Er erklärt mir, wie man in Berlin einen Schein bekommt, mit dem man in Bahnhöfen und an Plätzen Musik machen darf, ohne behörd- lich und polizeilich verwiesen zu werden.

Auf den Schein verzichte ich.

In den Tagen probiere ich mich aus als Straßenmusiker, täglich am U-Bahnhof Prinzenstraße, auch auf dem Hermannplatz, U-Bahn- hof Moritzstraße, am Bahnhof Jannowitzbrücke und am U-Bahnhof Hermannstraße. Ambivalente Erfahrungen: Glückliche Gesichter, Kinder, die ihre Eltern anhalten zum Zuhören, zum Anfassen der glänzenden Trompete, viel Zuspruch: „Eh, Mann, du spielst jut, du brauchst ’nen besseren Platz. Früher hab ick och jetrötet!“- „Spiel det noch mal. Det hab ick jahrelang nich jehört ‚Et is en Ros entsprungen‘ – det jefällt mir, wart, ick sing mit…“ –

Ein Obdachloser erzählt mir seine Geschichte: „Ich bin Gunnar, komme von der Ostsee, war mal Radioreporter, ganz erfolgreich. Dann ist die Frau mir weg. Habe angefangen zu saufen. Jetzt bin ich schon drei Jahre auf der Straße. Nett, dass Du mir zuhörst. Gefällt mir, wie Du spielst.“

Aber auch: An der Moritzstraße und an der Hermannstraße stelle ich meinen Kasten auf ein Stück Straße vor einem Buchverlag und einem Einkaufszentrum. Die ersten Münzen werden von Passanten in den Trompetenkoffer gelegt. Vielleicht 10 Minuten gespielt. Dann – jeweils – ein Wachmann (des Verlages, des Kaufhauses) kommt: „Da, wo Sie stehen, das ist privat. Verlassen Sie das sofort, sonst rufe ich die Polizei.“ Beim Buchverlag sage ich: „Dann gehe ich halt zwei Meter woanders hin!“ Der Wachmann: „Dann rufe ich auch die Polizei, denn Sie nerven unsere Ange- stellten.“ Als ich das dem Wachmann sage vor dem Kaufhaus und meinen Trompetenkoffer 10 Zentimeter wegziehe in Richtung U-Bahnschacht, nickt der und sagt: „So ist es in Ordnung!“

Als Straßenmusiker verdiene ich nicht schlecht. Täglich etwa zwei Stunden gespielt, täglich etwa 30 Euro verdient.

Wenn ich denke, dass es Menschen gibt, die etwa in der Massen-tierverarbeitungsindustrie als Zuschneider der Schweine und Rinder (ein gefährlicher Knochenjob im Akkord mit enorm schar- fen Messern – bis zu 10 Stunden täglich), mitunter dies tun für 4 Euro pro Stunde –

Wir können vom eingenommenen Geld einmal wunderbar essen in der WG. Franz bereitet eine Lammkeule als Eintopf zu – welch‘ ein Genuss!

Als ich an der Jannowitzbrücke spiele, kommen nach dreißig Minuten zwei Punks mit Hunden: „Du gehst uns mit Deinem Getröte dermaßen auf den Sack. Seit Du hier bist, kriegen wir da an der Treppe nix mehr!“ Ich verstehe und gehe.

Ähnlich, aber leiser an der Prinzenstraße. Im U-Bahneingang, hinter mir, fast versteckt schräg zur Tür, ein ganz junger Obdachloser, vielleicht 17 Jahre alt, Blick ganz nach unten, Kapuze tief ins Gesicht, darunter eine alte Weihnachtsmannmütze. Nach einer Zeit kommt er raus und sagt: „Mann, seitdem Du da bist, bekomme ich gar nichts mehr!“ Ich sage: „Das tut mir leid! Bitte nimm‘ Dir etwas aus dem Koffer!“ ER: „Ich würde niemals in Deinen Koffer ‚reingreifen. Das gehört sich nicht!“ – Ich gebe ihm etwas und verziehe mich.

Am Tag darauf ist er nicht mehr da. Zum Ende meiner Zeit kommt eine ältere Frau, ich spiele „In dulci jubilo“ – sie kommt näher und fängt zu weinen an. „Das ist so schön, wie Sie das spielen. Das habe ich jetzt bestimmt zwei Jahre nicht gehört. Ach, geht das ins Herz. Danke!“

Spät am Abend liege ich in meinem Hochbett, mit Blick durchs Fensterkreuz hinaus (s. Bild in Anlage):

Den Tag im Hören schließen:

was tönt die Straße,

wo ist in mir Fließen!?

Ich bin sehr dankbar den Menschen aus Naunyn 60: Den beiden Jesuiten, Christian und Christian, Samuel, Rainer, Rolf, Mohammed, Franz, Ibrahim, Nadine, Maria, Joy, Christina, Monika, Reu, Envr, Gaston, Boris, dem dritten Christian – und wer sonst noch in den Tagen dort ankam!

Am ersten Abend ein langes Gespräch mit Envr aus der WG, ein großer Zeichner, ein Denker, eine echte philosophische Bega- bung. Zwei Stunden sprechen wir, hören aufeinander, schweigen, betrachten seine Mikrogramme aus dem Bleistiftgebiet.

Im Nachsinnen zum Gespräch kommt mir:

Urrauschen

im Urgrund die Vielheit da und e i n s

und so

jeder Akzent sein D A

in meinem Wort

der Ausdruck D e i n e s Allwortes

in meinem Maß

die Steine sprechen Dich aus

in ihrer Gestaltformrelation

und so alles Wirkliche

wirkend D I C H

und nichts allein

fasst D i c h ganz

im liebenden T a n z

Markus Roentgen


2015

die Glocke

läutet

d e n Tag

e i n

a u s

der Nacht, der Nächte Nacht

zittert im Frühwind

die Osterglocke

n a c h

markus roentgen

 

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