Marita + Michael Herwartz, einige Texte

Maria und Michael begannen als Paar 2009 in Berlin für eine Teilgruppe Exerzitien auf der Straße für Paare anzubieten. Von dem ersten Kurs berichten Kathrin und Andreas Fisch. Einige Jahre später musste diese Tradition wegen Krankheit unterbrochen werden. (Darüberhinaus boten Claudia Kaiser und Manuela Koop ab 2012? Paarexerzitien für frauenliebende Frauen an. In der Begleitung sind die eigenen Erfahrungen wichtig.)

Michael Herwartz, aus eim Rundbrief für Freunde:    Wundern     (2015)
Vor einem Jahr wurde Marita, meine Frau, ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Ader im Hirn war geplatzt. Sie wurde am nächsten Tag operiert, sie blieb aber in der Narkose. In den Tagen danach erlitt sie einen Hirninfarkt nach dem anderen. Es wurde alles versucht, aber es kamen immer neue. Diese Tage waren grausam für meine Kinder, deren Lebensgefähr-ten und für mich.
Dann hatten meine Tochter und ich ein Gespräch mit zwei Ärzten. Es liefe gerade ein großer Schlag im Hirnstamm. Wenn der vorbei sei, sei das Gehirn mehr oder weniger zerstört. Wenn Marita überhaupt überlebe, werde sie entweder nicht mehr aufwachen oder aber in einem Zustand sein, den man niemand wünschen möchte (Wachkoma). Meine Tochter fragte, was denn geschehe, wenn der Schlag jetzt aufhöre. Das gebe es nicht, war die Antwort.
Ich stand dann an ihrem Bett. Sie lag wie die Tage vorher im Koma vor mir, wurde beatmet…  Ich war völlig hilflos und unendlich traurig. Ich war noch nie so arm, wie in diesem Moment. Das erste, was ich dann spürte war ihr Arm um meine Schulter. Die Nachricht war: Sie würde bei mir bleiben, auch wenn sie stirbt. Und dann spürte ich noch etwas anderes, etwas viel viel größeres: Dass ich nicht falle. Dass es da ein Versprechen gibt: Ich werde dich halten, ich lasse dich nicht, du bist in meiner Hand geborgen, ich bin da.
Ich habe dann meinen Bruder Christian um die Krankensalbung gebeten. Er kam am Tag darauf. Da gab es die ersten Anzeichen, dass doch nicht alles vorbei ist, dass der Schlag doch aufgehört hat oder doch nicht die üblichen Verwüstungen angerichtet hatte.
Es kamen auch keine weiteren Schläge mehr. Die Narkose wurde zurückgefahren und gegen alle Vorhersage wachte sie wieder auf, wurde mehr und mehr ansprechbar, überwand eine halbseitige Lähmung. Heute lebt sie – zwar mit einigen Einschränkungen- aber fast wieder normal. Wirkliche Erklärungen dafür gibt es nicht.
Was ich sagen will: Für mich ist das alles ein Wunder. Ich habe Gott schon öfter gespürt, aber nie in dieser Deutlichkeit.
Was ich auch sagen will: Wir beide glauben und unser Glaube ist uns wichtig, aber das gilt für viele andere auch. Marita ist eine wunderbare Frau, aber ich denke nicht, dass Gott sie aus diesem Grund gerettet hat. Und ich denke schon gar nicht, dass andere, die nicht gerettet wurden, weniger von Menschen und Gott geliebt werden.
Warum ich das alles schreibe? Einmal weil ich es immer noch nicht fassen kann und einfach erzählen muss. Zum anderen, weil mir wichtig ist, dass das, was in der Bibel steht, was in den vielen Jahren seit Christus immer wieder neu erzählt worden ist, immer noch stimmt. Gott lebt. Er ist da. Er ist nah.
DANKE.

Marita Herwartz, Überlebende sexueller Gewalt
Im Rahmen der Beiträge zu den in der letzter Zeit veröffentlichten Vorgänge in Kirche und Gesellschaft wurden von unterschiedlichen Kreisen die Begriffe „Opfer sexuellen Missbrauchs“ und „Überlebende sexueller Gewalt“ verwendet und auch jeweils kritisiert.
Ich bin selber „Opfer“ von Misshandlungen und auch „sexuellem Missbrauchs“ gewesen (im privaten, nicht im kirchlichen oder ande-rem institutionellen Bereich) und möchte zur Wahl der verwendeten Begriffe anmerken:
Das Wort „Opfer“ intendiert Hilflosigkeit und Ausgeliefert-sein, was sicher für die- oder den-jenigen zutrifft, der gerade Gewalt erfährt. Das Verarbeiten der Traumata, das Sprechen darüber und das „Coming-Out“ sind aber gerade aktive Akte, die der Befreiung aus den Traumata dienen und in denen das Wort „Opfer“ nicht mehr angemessen ist. „Überlebende“ mag für viele gedanklich besetzt sein mit Überleben aus Lebensgefahr, beschreibt aber recht passend den „Überlebens-kampf“, der es für viele „Opfer“ ist oder war aus den Traumata heraus zu einem, wie auch immer möglichst „normalen“ Leben zu finden, denn genau diese Möglichkeit, ein „normales“ Leben zu führen, ist für viele Betroffene in Gefahr. Auch wenn das Messer nicht im wörtlichen Sinne an die Kehle gehalten wurde, wurde dennoch die „normale“ Entfaltung und Entwicklung, das „normale Leben“ bedroht, unterdrückt und oft genug auch abgetötet. Und jedem, der das er- und „überlebt“ hat, gebührt Respekt – vor seiner/ihrer gesamten Persönlichkeit und Leistung und nicht nur vor seinem/ihrem „Opfer-sein“! Leicht wird „Opfer“ eine Zuschreibung, die alle Lebensbereiche um-fasst und den Menschen daran hindert sich anders zu erleben; dieser Begriff reduziert die Person und wird dadurch auch gefährlich in dem Sinne, dass sich die so Bezeichneten leicht „nur“ noch als Opfer wahrnehmen und ihre Persönlichkeitsent-wicklung, ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und ihr Wachsen an den Herausforderungen gehindert wird. Doch gerade darin liegt die Chance zur Überwindung der Traumata und zur Wahrnehmung der Stärke und Leistung, die dazu aufgebracht werden mussten, eben zur Wahrnehmung der „Überlebens-leistung“. Die Erfahrung zeigt, dass es vielen „Opfern“ nicht recht gelingt, manche werden selber zu „Tätern“; gerade in diesen Fällen scheint die Terminologie von „Opfer“ und „Täter“ die Rollen noch zu verstärken und festzuschreiben und, schlimmer noch, wird die Identifikation als Opfer immer wieder als Erklärung oder gar „Entschuldigung“ dafür genutzt, selbst zum Täter/zur Täterin geworden zu sein. Es gibt Gruppierungen, die „Opfer“ als Schimpfwort benutzen und die die damit bezeichnete Person herabwürdigen und reduzieren, das Gefühl der Hilflosigkeit re-produzieren oder stärken und die Angst schüren, (wieder) Opfer zu werden. Dadurch wird dann entweder eine passive, erleidende Haltung manifestiert oder als Gegenreaktion und Auflehnung dagegen Aggression geschürt und Gewalt -und damit neue „Opfer“- produziert. Die schwierige, vorurteilsbeladene, oft herabwür-digende Situation der „Opfer“ wiederum bedingt und begünstigt deren Schweigen, was vorbe-haltlose Aufklärung und Verhinderung von neuen Übergriffen unmöglich macht. Ein Klima der Achtung und des respektvollen Umgangs – nicht des Voyeurismus – ist notwendig, um Betroffene zu stärken, „Coming-Out“ zu ermöglichen und Grundlagen zur Verarbeitung der Traumata zu schaffen.
Das Wort „Missbrauch“ intendiert, dass es auch einen „richtigen“ Gebrauch von Menschen gibt und wird deshalb schon seit Jahren von den Interessenverbänden der Betroffenen abgelehnt. „Sexuelle Gewalt“ ist als Oberbegriff umfassender; denkbar und in vielen Fällen vielleicht passender wäre „sexuelle Übergriffe“. Der Begriff „Überlebende sexueller Gewalt“ hat sich bei vielen Interessenverbänden von Betroffenen als eine Art Überbegriff etabliert, um alle „Fälle“ einschließen zu können. „Von sexuellen Übergriffen Betroffene“ könnte möglicherweise eine Formulierung sein, die auch von weniger mit der Thematik befassten Menschen akzeptiert und genutzt werden und damit zur Bereitschaft zur Diskussion beitragen kann.

Michael Herwartz, Guck doch mal nach links! – Straßenexerzitien in Kreuzberg (2010)
2. Tag. Ich sitze im Café. Der Anfang ist für mich jedesmal schwierig. Ich fühle mich unsicher ohne meine Funktionen, meinen Beruf, weiß nicht, wie das gehen soll in den nächsten Tagen. Ich bete: „Es ist so schwer anzufangen dich zu suchen. Ich bin wehrlos vor dir, sehne mich danach, dass du mich einfach annimmst …“ Auf der anderen Seite des Cafés steht ein junger Mann auf, kommt zu mir, nimmt mich in den Arm und sagt: „Wie schön, dass du da bist! Auf dich habe ich gewartet!“ Ich bin völlig verdattert … Der Betreuer des jungen Mannes kommt, entschuldigt ihn, er sei halt behindert.
5. Tag. In den Tagen danach entwickelt sich der Gedanke, dass ich noch viel mehr loslassen muss. Ich nehme mir vor mich als Bettler in die U-Bahn zu setzen. Aber als es soweit ist, traue ich mich nicht. Ich verlasse die U-Bahn, trete auf die Straße und sehe ein Plakat: „Geht nicht gibt’s nicht!“
9. Tag Jetzt gegen Ende der 10 Tage sitze ich auf einer Bank. Ich bin glücklich, bete, danke Gott für seine Begleitung und bitte, dass er auch im Alltag bei mir sei. Es kommt eine Antwort, wie eine Stimme, etwas gelangweilt, wie von jemanden, der eine selbstverständliche Antwort gibt: „Guck doch mal nach links!“ … Dort sitzt meine Frau.
aus: Geschwister erleben Seite 63

 

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