Marie-Odile Lampert ist

Mitherausgeberin des ersten Straßenexerzitien-Buches mit Texten aus Frankreich, Kanada und Brasilien:
Chr. Herwartz s.j. et compagnons, Nos villes, d’un coeur brulant, Les Exercices spirituels dans la rue. Ihr Artikel ist überschrieben: „Aout 2013, dans la rue“ (Seite 77-80) (Siehe oben auf dieser Seite.)
In unserem deutschen Buch Christian Herwartz u.a. schreibt sie 2016: „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“  (siehe oben) Seite 109-115:

Überrumpelnde Begegnungen

Straßenexerzitien wurden mir als eine neue Form der Exerzitien vorgeschlagen, die das Augenmerk auch auf die Ärmsten unserer Gesellschaft lenken. Aus Solidarität mit Menschen, die sich darin üben wollen und um es weiter anbieten zu können, habe ich mich dafür entschieden. Trotzdem glaubte ich, wir würden auf der Straße als Damen eines Wohltätigkeitsvereins auftreten. Einige Tage vor Beginn der Exerzitien sah ich im Bericht eines regionalen Fernsehsenders ein Interview mit einem jungen Mann, mit dem ich vor ein paar Jahren einige spannende Begegnungen im Gefängnis hatte. Es war ihm nicht gelungen, draußen wieder Fuß zu fassen, er lebte jetzt auf der Straße. Er sprach immer noch im gleichen sanften, aber entschiedenen Tonfall. Ich wünschte mir, ihn während dieser Woche wiederzutreffen, und dachte, bei der Größe des Stadt-zentrums könne das nicht so schwierig sein.
In die Stadt kam ich normalerweise zu bestimmten Zwecken: für bestimmte Einkäufe, seltener zum Besuch kultureller Veranstaltungen, jedenfalls nie ohne Ziel und ohne Grund. Ich lief sonst nur von einem Parkplatz zu dem Ort, an den ich wollte. Wie würde es wohl werden, mich sechs Stunden täglich dort aufzuhalten und mich in dieser Zeit von dem leiten zu lassen, was ich in mir spüre, aufmerksam zu sein für das, was geschieht und zu uns spricht, um Gott zu begegnen?
Nachdem wir am ersten Morgen eingeladen worden waren, uns ohne Wanderstock oder Geld, ohne jemanden zu grüßen, auf den Weg zu machen (Lukas 10), bin ich – nicht ohne ein etwas mulmiges Gefühl – auf gut Glück in die erstbeste Straße eingebogen. Eine Sackgasse – das fing ja gut an! Nein, doch nicht, ein kleiner Weg führte weiter nach rechts. Das war der Auftakt. Und diese erste humorvolle Erfahrung war befreiend. Ich ging immer weiter im Vertrauen, dass Er Bescheid weiß und mich leiten will. Abend für Abend, wenn wir den Tag vor uns passieren ließen, fand ich darin Sinn. Am ersten Tag erlebte ich auf der Straße eine Schlüsselszene für meine Suche. Ein alter Jude saß in einem Park und sah Kindern beim Spielen zu. Ich sah seinen Blick
und mein Blick ging hin und her zwischen ihm und den Kindern. So entstand die Frage, die mich die ganze Woche lang beschäftigte: Was sind die Früchte meines Lebens als Single ohne Kinder, das ganz aufging in einer hyperaktiven und glücklichen Berufstätigkeit, durch die ich reisen und menschliche und kulturelle Erfahrungen machen konnte? Welchen Sinn hatte sie? Sollte ich mich nach mehr als dreißig Jahren noch einmal neu orientieren? Die Straße hat diese drängende Frage an mich herangetragen. In den ersten Tagen hat sie meine Neugier gestillt, indem ich neue Orte mit politischer, historischer oder religiöser Bedeutung entdeckt habe, die mich innerlich bereichert und meinen Horizont mit neuen Fragen und Mitgefühl erweitert haben. Ich mochte es, die Leute anzuschauen, die zur Arbeit in die Stadt kamen, auch die Touristen und genauso diejenigen, für die sie ein Ort des Nichtstuns und der Langeweile war. Nach diesem ersten Tag gab ich Gott den Namen: „Er, der uns zu einem Volk macht. Er, der mit uns ist.“
Den folgenden Tag begannen wir mit der Erzählung von Mose und dem brennenden Dornbusch (Exodus 3). Wir wurden eingeladen, an die Orte zu gehen, die aufzusuchen wir keine Lust hatten. Ich ging zu einem Krankenhaus und verweilte in der Kapelle. Ich fühlte mich dort sehr unwohl und erinnerte mich mit Widerwillen an die vielen Toten, die hier aufgebahrt werden. Dann blieb ich lange vor der Psychiatrie. In mir wechselten sich, teilweise am selben Tag, starke, einander widersprechende Gefühle ab: Ich lebe! Mit den Menschen, denen ich begegnete, entstand eine immer stärkere und mutigere Komplizenschaft, zum Beispiel vor dem Laden eines Künstlers oder auf der Terrasse eines Cafés, als mich ein Unbekannter spontan einlud. Mit der einen oder anderen führte ich lange Gespräche und immer kamen wir schnell auf existenzielle Fragen zu sprechen. Als bekäme mein Leben – mit seinen Verletzungen, seinen Ängsten, all seinen Höhen und Tiefen – Besuch. Gott macht uns zu einem Volk und eint uns mit der ganzen Menschheit. Jeden Abend erzählten wir unseren Tag. Die kleine Gruppe nahm unsere Erzählung auf, formulierte sie manchmal neu und half uns, einen Sinn darin zu entdecken. Den anderen zuzuhören, trieb uns an, weiterzugehen auf Wegen, die andere schon erkundet hatten. Aber das Erlebte war nie identisch, jeder Ort ist immer wieder neu. Meine Selbstgespräche, meine frommen, inneren Konstrukte hielten nicht der Macht dessen stand, was ich hier oder dort erspürte. Es geht darum, die Schuhe auszuziehen wie Mose vor dem brennenden Dornbusch. Die Straße ist auch abstoßend, sie ist schmutzig und hässlich. Dass wir uns an einem Abend gegenseitig die Füße gewaschen haben, verweist auf diese Realität und die extreme Menschlichkeit, die sie hervorbringt und hervorruft.
Am nächsten Tag flüchtete ich mich in einen Park am Stadtrand, aber plötzlich verspürte ich einen starken Drang, ins Stadtzentrum zurückzukehren. Er war unwiderstehlich. Mein Blick fiel auf ein Schild an einem Käfig, der auf dem Straßenpflaster stand: „Lebensgefahr“. Im Käfig saß eine weiße Ratte. An diesem Tag blieb ich mehr als eine Stunde bei dem jungen Mann, dessen einzige Gefährtin diese Ratte war. Ich saß mit ihm auf dem Boden und vergaß, dass ich beobachtet oder erkannt werden könnte. Ich hörte dem jungen Mann zu und entdeckte das Leben der Obdachlosen, ein hartes, gewaltsames und unaufhörlich bedrohtes Leben. Gegenüber befand sich eine Bäckerei. Ein Mann, der dachte, etwas Gutes zu tun, brachte uns ein Brötchen: „Es ist im Geschäft auf den Boden gefallen. Ich bring es lieber euch, als es wegzuwerfen …“ Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört, meine eigene „Großzügigkeit“ und die unserer Gesellschaft zu hinterfragen.
Die Exerzitien näherten sich dem Ende und wir erinnerten uns an die Begegnung in Emmaus: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lukas 24,32). Dieses Mal wollte ich eine überfüllte Straße meiden, schlug aber – vielleicht darin geübt, meinen Intuitionen zu vertrauen – dennoch ihre Richtung ein. Ich stand dann vor einem bekannten Restaurant, in dem ich manchmal gute Kunden zu Geschäftsessen treffe. In einer überraschenden Umkehrung der Werte empfand ich in diesen Tagen einen gewissen Ekel davor. Plötzlich entdeckte ich gegenüber des Restaurants, unten auf dem Boden sitzend, den jungen Mann, den ich vom ersten Tag an suchte. Wie oft war ich schon vorbeigegangen, ohne ihn zu sehen? Er war sehr dünn geworden, ich erkannte ihn kaum wieder, aber er war es, stark erschöpft. Am nächsten Morgen wollte ich ihn gern zu unserem letzten Essen einladen, aber ich fand ihn nicht mehr. Wir begegneten uns noch einmal auf einer Brücke, als ich Stunden später die Stadt verließ. Musste mein Herz zuerst noch umkehren?
In dieser Woche habe ich eine bewegende Erfahrung gemacht: Ich wurde von einem starken inneren Drang zu Begegnungen geführt, die eigentlich unwahrscheinlich waren. Ich erlebte die Bewegung hin zu dem „brennenden“ Herzen meines Lebens, wo es um meine Menschlichkeit geht, wo wir zu unseren Mitmenschen – denen von der Straße, denen unserer Arbeitsplätze – als Geschwister gehören. Gleich einem Fingerzeig bin ich am ersten und letzten Tag der Exerzitien demselben Arbeitskollegen begegnet, ein Ruf nach Jerusalem, in das ich zurückkehren muss! Die Erfahrung, die wir machten, indem wir den Straßen der Stadt lauschten, hat für alle ein menschliches Gesicht bekommen. Unsere Exerzitien waren strukturiert durch die tägliche Bibellektüre, das Teilen des Brotes und unserer Lebenserzählungen, deren Sinn sich erschloss, indem wir wagten, sie mitzuteilen und indem sie von unserer kleinen Gemeinschaft der Übenden aufgenommen wurden. Diese Begegnungen haben mir ermöglicht, Ihn, der mit uns ist und aus uns ein Volk macht, im Alltag unseres Lebens
zu erkennen. Was für eine Freude und was für eine Dankbarkeit, erfahren zu haben, dass Er wirklich da ist – und sehr viel öfter, als wir denken!
Auch heute noch begleitet mich diese Erfahrung, dass ich im Alltag auf der Straße geführt werde, und zwar durch einfache, aber oft genug überrumpelnde Begegnungen, wenn ich sie in meiner Zerbrechlichkeit und meiner Sehnsucht zulasse. So oft wie möglich versuche ich jetzt, die Menschen, die mir auf der Straße begegnen, anzuschauen, sie zu grüßen, sie anzulächeln, und oft hellen sich die Gesichter auf. Die menschliche und materielle Armut einiger bleibt eine offene Wunde. Im Rahmen meiner Möglichkeiten schaue ich in der Arbeit, dass jeder seine Beschäftigung behalten und unabhängig von seiner Ausbildung und seinen Kompetenzen etwas zum Leben der Firma beitragen kann. Vom Austausch, der unsere Abende geprägt hat, habe ich gelernt, dass jedes Wort einen unendlichen Wert hat, auch wenn es gekünstelt wirkt oder zögerlich. Ich fühle mich sehr arm, wenn ich jemandem nicht zuhören oder sie nicht verstehen kann. Mit all unseren Unterschieden haben wir versucht, gemeinsam zu leben. Diese Zeit der Demokratie, auch sie bleibt Zeugin eines möglichen anderen Lebens in der Gesellschaft.

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