Maria Jans-Wenstrup ist eine der Herausgeberinnen von

„Im Alltag der Strasse Gottes Spuren suchen“  und stellt sich auf Seite 13 mit dem folgenden Beitrag vor:

Auf Wurzeln statt auf Zäune vertrauen lernen

An einem Straßenexerzitientag gingen meine Partnerin und ich gemeinsam schweigend die Wege, die uns gerade einluden, und gerieten in eine Essener Kleingartenkolonie. In einem der Gärten stand eine große Voliere, die von Tauben bevölkert wurde. Darüber, außerhalb des Käfigs, saßen zwei wilde Tauben auf einer Leitung und ich hatte spontan den Gedanken, sie würden sich über die Tauben in der Voliere lustig machen. Dieses Bild hat mir zutiefst in die Seele gesprochen: Da sind die einen – die vielen –, gut versorgt mit allem, was Tauben so brauchen, in Gemeinschaft und in Sicherheit vor Fressfeinden und anderen Bedrohungen. Und da sind diese zwei, die selbst dafür sorgen müssen, dass sie genug zu fressen und ein halbwegs geschütztes Nest haben, und die mit allen möglichen Risiken leben müssen. Und doch war mir beim Schauen ohne Zweifel klar, dass mir das risikoreiche, aber freie und immer neu herausgeforderte Leben viel mehr entspricht als das versorgte, behütete und geregelte Leben der Käfigtauben.

Diese Erfahrung gibt vielleicht eine Ahnung davon, was mir Straßenexerzitien bedeuten. Von meiner Prägung her bin ich eher eine „Käfigtaube“, die im Geregelten ihre Sicherheit findet. Aber gleichzeitig meldete sich – lange fast unmerklich, aber doch in stetiger Wiederkehr – immer wieder in mir auch eine Sehnsucht nach mehr, eine Ahnung, dass ich „woanders hingehöre“. Diese Sehnsucht hatte zwei Seiten, die mir zunächst unvereinbar schienen: eine kontemplative, die die Einheit mit dem tiefsten Grund allen Lebens (den ich Gott nenne) suchte, und eine soziale, die den Menschen, besonders den an den Rand gedrängten, nahe sein wollte. Über die Jahre hinweg verstand ich immer ein wenig mehr, dass diese beiden Seiten durchaus etwas miteinander zu tun hatten. Als ich dann vor mehr als fünfzehn Jahren den ersten Vorläufern der Straßenexerzitien begegnete und von da aus den Weg ihres Werdens erleben und auch ein wenig mitgestalten durfte, fand ich darin genau diese meine doppelte Sehnsucht als zu einer einzigen gewordenen. Das göttliche Du ist ja nicht irgendwo in einem fernen Himmel zu Hause, sondern will mir hier im konkreten Leben begegnen. Und nirgendwo in den Evangelien ist ausdrücklich ein Ort von Gottes Anwesenheit genannt außer in der Weltgerichtsrede bei Matthäus: „Was ihr den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken, Gefangenen getan habt, das habt ihr mir getan“ (vgl. Matthäus 25,31-46). Wenn das keine Einladung an den Ort der Gottesbegegnung ist!

Ganz allmählich konnte ich der „wilden Taube“ in mir mehr Raum geben, verlor die Angst, mich auf völlig fremde Orte, Menschen, Lebenssituationen einzustellen, mich von ihnen berühren zu lassen. Mein allzu strenges Regelwerk und Moralkorsett weichte in der Begegnung mit faszinierenden Menschen, die dort nicht hineinpassten, wie von selbst auf und entließ mich in eine größere Freiheit, die aber alles andere als ungebunden ist. Ich lernte und lerne weiter zu vertrauen, dass die Wurzeln es sind, die den nötigen Halt geben, nicht die Mauern und Zäune. Auf diesem Lernweg waren und sind mir ausdrückliche Exerzitienzeiten wichtig, in denen ich bewusst das Spüren auf Gottes Anruf im oft

Banalen, vielleicht sogar Abwegigen übe. Aber als das eigentliche Geschenk erfahre ich, dass ich jederzeit auch im Alltag mit solchen Überraschungen rechnen darf und dass ich Geschwister gefunden habe, die mir helfen, sie zu deuten, auf sie zu vertrauen und mich von ihnen leiten zu lassen. Das ist kein „Zuckerschlecken“ im behüteten Käfig. Aber es ist ohne Frage all die manchmal an die Grenze führenden Herausforderungen wert, in eine erwachsene Du-Beziehung mit Gott und den Menschen hineinwachsen zu dürfen.

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