Maria Jans-Wenstrup, Exerzitien in Berlin-Kreuzberg 2000/1

Wer in einem arabischen Land zum Tee eingeladen wird, steht von diesem Moment an unter dem Schutz des Gastrechts und darf sich zu Hause fühlen. So war das türkische Teeglas, das wir im Schlussgottesdienst unserer Exerzitien geschenkt bekamen, ein sprechendes Symbol für die Erfahrung der vorangegangenen acht Tage. Offen sein und warten, wohin ich eingeladen werde, dann der Einladung folgen und mich beschenken und herausfordern lassen und wieder weitergehen – so lässt sich der Weg dieser Tage beschreiben.

Die Idee zu diesen Exerzitien war nach einer vierwöchigen Intensivzeit entstanden, die ich 1998 in Berlin erlebt hatte. Die Einladung dazu sollte ein eigener Akzent sein zum 150jährigen Jubiläum unserer Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau und den TeilnehmerInnen ermöglichen, in einem konkreten Umfeld die Erklärung unseres letzten Generalkapitels mit ihrer Selbstverpflichtung, „prophetisch zu handeln mit anderen – besonders den Armen und Randgruppen – und für sie“, geistlich zu vertiefen. Außer Sr.M.Adelgert, Sr.M.Anne, Sr.M.Irmentrud, Sr.Josefa M. und mir von unserer Gemeinschaft hatten sich auch eine Frau aus Dortmund, ein peruanischer Comboni-Missionar aus Nürnberg und ein Jesuit aus Berlin in den Berliner Stadtteil Kreuzberg einladen lassen, um bei einfacher Lebensweise mitten in der Vielfalt der Kulturen und in der Begegnung mit Menschen am Rande das Evangelium Jesu auf neue Weise verstehen zu lernen und in unserem Leben wirksam werden zu lassen.

So fanden wir uns am Freitag, dem 21. Juli 2000, in den Gemeinderäumen der katholischen St. Michaelsgemeinde direkt am ehemaligen Mauerstreifen ein. Dort empfingen uns die Kleine Schwester Ulrike, Annette Westermann von der Gemeinschaft Charles de Foucauld und die Jesuiten Christian Herwartz und Stefan Taeubner. Sie gehören zu den „Ordensleuten gegen Ausgrenzung“, einer Gruppe von Menschen aus verschiedenen religiösen Frauen- und Männergemeinschaften, die sich austauschen über die Praxis ihres Glaubens im Kontakt mit Menschen, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden, und alle drei Monate vor den Mauern des Abschiebegefängnisses in Berlin-Köpenik beten und meditieren. Sie hatten sich bereit erklärt, uns durch die Exerzitien zu begleiten, und sich gemeinsam darauf vorbereitet. In der Obdachlosenunterkunft der Gemeinde war ein Matratzenlager liebevoll für uns hergerichtet worden und auch sonst fühlten wir uns in den Gemeinderäumen mit Küche, Gruppenraum und sanitären Anlagen schnell wohl.

Nach dem ersten Tag, der dem Ankommen in der Gruppe, im Haus, im Stadtteil diente, spielte sich schnell ein Tagesrhythmus ein: Wir begannen mit gemeinsamem Morgenlob und Frühstück, danach ging jede/r die eigenen Wege. Um 17.00 Uhr trafen wir uns dann zur Eucharistiefeier wieder, in die die Erfahrungen, Begegnungen und Gedanken des Tages einmündeten und die in ihrer sehr persönlichen und zugleich einfachen Gestaltung jedes Mal ein besonderes Geschenk für uns wurden. Das anschließende Abendessen bereiteten wir abwechselnd vor und fanden uns danach in zwei festen Kleingruppen zusammen, um die Erfahrungen des Tages auszutauschen, uns gegenseitig darin die Einladungen Gottes verstehen zu helfen und zum Weitergehen zu ermutigen. Eine solche Begleitung in Gruppen war für die meisten von uns neu, stellte sich aber als eine große Bereicherung und Hilfe heraus.

Was war nun – abgesehen von dem etwas ungewöhnlichen Ort – das Besondere dieser Exerzitien? Das Besondere liegt nicht neben oder hinter, sondern gerade in dem Ort, an dem sie stattfanden. Jede/r von uns entdeckte hier „heilige Orte“, Orte des Gebetes und der Meditation. Für die eine war das ein Platz, an dem sich Drogenabhängige trafen und die Matratze unter der Brücke daneben, die einem Obdachlosen als Schlafplatz diente. Für eine andere war es die Suppenküche, vor der sie sich in die Reihe der Wartenden stellte, um mit ihnen zu essen. Für den einen war es die Bauwagenkolonie, in der jugendliche Punker leben, für die andere die Abschiebehaftanstalt, in der Ausländer die Zeit bis zu ihrer Ausweisung aus unserem Land verbringen müssen, ohne zu verstehen, warum. Für die eine waren es die mahnenden Orte deutscher Nazi-Vergangenheit, für wieder eine andere die Mauer, die Menschen und Welten trennte und vielfach noch trennt.

Die Meditation dieser Orte und Begegnungen verwandelte vor allem unsere Augen: Hässliche, abstoßende oder Angst einflößende Gestalten wurden unter diesem Blick zu Menschen mit Würde, die uns etwas zu sagen hatten von Gott. Immer wieder staunten wir, wie sich da Verbindungen zum Evangelium zeigten. Als z.B. zwei von uns von einem angetrunkenen Obdachlosen vor einer dritten Person als seine Mutter und seine Schwester vorgestellt wurden, bekam das Tagesevangelium, in dem Jesus fragte, wer ihm Mutter, Schwester und Bruder sei, eine ungeahnte Aktualität. Die Betrachtung der Worte Jesu nach einer solchen Begegnung kann nicht aus abgehobenen Gedanken bestehen, sondern lässt mitten im konkreten Leben Ausschau halten nach den Menschen, in denen er mich als seine Schwester anschaut und anspricht. Ein zweites ganz anderes Beispiel mag diese Einladung Gottes an solch einem „heiligen Ort“ noch verdeutlichen. Betend vor den Mauern und Gittern eines Gefängnisses zu sitzen, wurde für mich zu einer schmerzhaften Herausforderung Gottes, meine eigene Ohnmacht und Begrenztheit anzuschauen. Zugleich schenkte er mir mitten darin die überraschende Begegnung mit einem Kind, die mir eine neue Sicht meiner Ohnmacht ermöglichte.

So kann jede/r von uns Geschichten erzählen, wie er / sie in dieser Woche durch scheinbar äußere Erlebnisse auf einem inneren Weg mit Gott geführt wurde. In den begleitenden Gesprächen stellten wir immer wieder überrascht fest, wie sich die von Ignatius erkannten Exerzitienphasen (Fundament, schmerzende Selbsterkenntnis, Leidensgeschichte, Auferstehung, „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“) auch ohne Planung und gezielte Impulse und mitten in einer doch recht unruhigen Umgebung wie von selbst einstellten. Als Ergänzung dazu, hinauszugehen und sich von den Menschen und Orten einladen zu lassen, war dabei die Vertiefung in einer stillen „Wiederholungsmeditation“ wichtig, um das Erfahrene „innerlich zu verkosten“. Die in ihrer Schlichtheit sehr ansprechende St. Michaelskirche und die Kapelle der Sießener Franziskanerinnen, zu denen wir jederzeit Zugang hatten, boten uns dazu willkommene Räume der Stille, für die wir sehr dankbar waren.

Einen weniger auffälligen, aber entscheidenden Anteil am Gelingen unserer Exerzitien hatten schließlich unsere BegleiterInnen, die sich – obwohl neben ihrer Alltagsarbeit – sehr intensiv auf die Prozesse der Einzelnen und der Gruppe einließen und uns an ihrer Spiritualität vom menschlichen Gott teilnehmen ließen.

Als wir am Ende der gemeinsamen Zeit die „Schätze“, die jede/r gefunden hatte, symbolisch in einer Schale sammelten, war diese bis zum Rand gefüllt und allen war klar, dass diese Form der Exerzitien Gott eine besondere Möglichkeit gibt, Menschen auf seinem Weg zu führen, und dass sie deshalb unbedingt wiederholt und auch anderen ermöglicht werden sollte.

Auf diesen Wunsch hin konnte schon in der Woche danach ein neuer Termin für Exerzitien an (städtischen) Brennpunkten festgelegt werden: 27. Juli – 5. August 2001. Als Veranstalter sind wieder die Ordensleute gegen Ausgrenzung angefragt. Eingeladen werden sollen Ordensleute verschiedener Gemeinschaften; aber das ist kein ausschließendes Kriterium. Die Anmeldung läuft über P. Christian Herwartz SJ, Naunynstr. 60, 10997 Berlin, Tel. und Fax: 030 / 6 14 92 51, oder über mich:

Sr.M.Teresa Jans-Wenstrup SND
Postfach 1452 – 49363 Vechta
Tel.: 04441 / 947-170 – Fax: 04441 / 7562
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Vechta, 12. August 2001

Liebe Anne, lieber Luitger!

Vor einer Woche sind unsere Exerzitien in Kreuzberg zu Ende gegangen und ich bin noch ganz erfüllt von den intensiven Erfahrungen und Begegnungen. So drängt es mich, gerade euch beiden, die ihr so gerne dabei gewesen wäret, ein wenig von dem Geschenk dieser Tage zu erzählen.

Ich selbst bin schon einige Tage vor Beginn der Exerzitien nach Berlin gefahren, um in dem mir so vertraut und lieb gewordenen Kreuzberger Umfeld wieder richtig anzukommen, bevor es losgeht. In einer Vorbesprechung stimmten wir vier BegleiterInnen – Annette Westermann (Gemeinschaft Charles de Foucauld; Frauenseelsorgerin im Bistum Berlin), Klaus Mertes (Jesuit, Direktor des Canisiuskollegs in Berlin), Christian Herwartz (Jesuit, arbeitsloser Lagerarbeiter, Berlin) und ich (Schwester Unserer Lieben Frau, Lehrerin in Vechta) – uns auf die Exerzitien ein, klärten letzte organisatorische Fragen und teilten uns für die Austauschgruppen auf. Am Freitag nachmittag bereiteten wir im Pfarrheim der St.Michael-Gemeinde alles vor, fanden die Obdachlosen-Notübernachtung schon als Schlafraum für die Männer hergerichtet, gestalteten oben im Pfarrheim die Räume für Gespräche und Gottesdienste, zum Essen und zum Schlafen für die Frauen und kochten das Willkomm-Abendessen – alles schlicht und schön. Währenddessen trudelten so nach und nach die TeilnehmerInnen ein: zwei Schwestern Unserer Lieben Frau aus Münster, zwei Jesuiten aus München und Berlin und drei Münsteraner Diözesanpriester.

Eine angenehme Spannung lag im Raum, als wir dann nach dem Essen zusammen im großen Kreis saßen. Schon die Vorstellungsrunde zeigte, wie sehr sich fast alle von Anfang an sehr persönlich und intensiv auf die Exerzitien einließen. Mich beeindruckte der Vertrauensvorschuss, der in dieser Offenheit füreinander und auch für das, was in dieser Woche geschehen könnte, zu spüren war. In den ersten Tag, der vor allem dem Ankommen dienen sollte, gab Christian dann einen doppelten Impuls mit: Eine Weise, die helfen könne, meinem inneren Fundament auf die Spur zu kommen, sei die Frage, was mich am meisten empört, aufregt, wirklich zornig macht. Diese Frage könne dann weiterführen zu der zweiten, welcher Wert mir denn da so wichtig ist, dass ich einen solchen Zorn empfinde. Was auf den ersten Blick ein Umweg zu sein scheint, könne sehr fruchtbar werden für die Suche nach der eigenen tragenden Basis, letztlich nach dem mir persönlich zugewandten Gesicht Gottes. (Mich selbst brachte genau diese Frage vor drei Jahren auf die beiden Worte Ohnmacht und Vollmacht, die ich an mir selbst erlebe und in denen sich mir seitdem auch viel von Jesus, von Gott erschlossen hat.) Die andere Zugangsmöglichkeit zu dem, was Ignatius Fundament nennt, ging von dem islamischen Umfeld aus, in dem wir uns befanden. Christian erzählte von den 99 Namen, in denen die Muslime Gott verehren, und davon, dass der hundertste der sei, der jedem ganz persönlich offenbart wird. So könne es lohnend sein, zum Einstieg diesem meinem ganz eigenen Namen Gottes nachzuspüren.

Der erste Morgen begann – wie dann jeder weitere – mit dem gemeinsamen Morgengebet und Frühstück, ehe sich die TeilnehmerInnen je individuell in und durch ihren Tag führen ließen. Für die meisten war dieser erste Tag vor allem eine Annäherung an die doch zunächst unvertraute Umgebung. Abends erzählten viele, wie sie mit offenen Sinnen durch die Straßen gegangen waren und bei verlangsamtem Tempo auch sogenannte Kleinigkeiten wahrnehmen und bestaunen konnten. Um 17.00 Uhr trafen sich alle zum gemeinsamen Gottesdienst und Abendessen. Beides hatte in diesen Tagen einen ganz besonderen Charakter: Letzteres schon deshalb, weil es jedes Mal von einem/r aus der Gruppe mit viel Liebe vorbereitet worden ist. Und die Messe habe ich jeden Tag neu als großes Geschenk geschwisterlicher Einfachheit und Tiefe erlebt. Wir BegleiterInnen haben sie abwechselnd zu zweit gestaltet, wobei sich oft schon im Vorfeld sehr bereichernde Gespräche entwickelten über die jeweiligen Schrifttexte und ihre Verbindung zu unseren Exerzitien. In den Gottesdiensten selber konnte jede/r von ihren/seinen Schätzen etwas einbringen, so dass ich mit dem Herzen verstand, dass die liturgische Rede von den ”Schwestern und Brüdern” wirklich Wahrheit ist. Dieser Grundstimmung entsprach dann auch der oft spontan mehrstimmige volltönende Gesang (der durch Klaus’ Gitarrenklänge noch einmal doppelt so schön wurde).

Geschwisterlichkeit ist für mich auch ein treffendes Wort für die Erfahrung der abendlichen Austauschrunden, am Samstag noch einmal in der Gesamtgruppe; für die weitere Zeit ließen sich alle problemlos auf eine gegenseitige Begleitung in zwei Untergruppen von jeweils drei bis vier TeilnehmerInnen und zwei BegleiterInnen ein. Christian und ich, die zusammen eine Gruppe begleiteten, staunten jeden Abend aufs Neue über die Wege, die die Einzelnen sich führen ließen, aber auch über die Offenheit, mit der alle offenbar völlig ungefiltert nicht nur von Orten und Erlebnissen erzählten, sondern auch von zum Teil sehr tiefen inneren Erfahrungen. Und wir waren dankbar dafür, zu zweit begleiten zu können, da sich so unsere unterschiedlichen Charismen ergänzen konnten und es auch einfach schöner ist zu zweit zu staunen und sich zu freuen. Eine gute Erfahrung war auch, wie die TeilnehmerInnen sich gegenseitig auf ihren Wegen begleiteten, manchmal wortwörtlich zum Arbeitsamt oder auf den vietnamesischen Markt, oft durch Denkanstöße oder ermutigende Worte. Da waren z.B. zwei, die sich schon lange kannten und von denen der eine dem anderen sagen konnte, welcher Ort für ihn wohl eine besonders fruchtbare Herausforderung sein könnte – und gerade da hatte dieser tiefe Begegnungen mit Gott und den Menschen. Oder ein anderer, dessen Weg über eine lange Strecke unklar und ziellos erschien, fand – auch durch den Zuspruch seiner Brüder und Schwestern – den Mut, sich auf eine ganz neue Weise der Gottesbegegnung einzulassen.

Jetzt bin ich eigentlich schon mittendrin im Erzählen über die Wege einzelner. Vorher möchte ich euch aber noch ein paar Gedanken aus dem Impuls zur Dornbuschgeschichte weitergeben, mit dem Klaus einen Rahmen schuf für die lange Liste möglicher ”heiliger Orte” in Kreuzberg und darüber hinaus, die wir am Samstag abend als Anregung verteilten. Mir selbst waren daraus vor allem zwei Gedanken wichtig: Gott hat sich für seine Begegnung mit Mose gerade einen Dornbusch ausgesucht, den ”Allerletzten” unter den Bäumen (vgl. die Jotamsfabel im Richterbuch), den man lieber meidet, weil er piekst und kratzt. Er muss sich mir schon in den Weg stellen und sich in meinem Fleisch festhaken, bis ich irgendwann erkenne, dass Gott mir darin begegnen will. Und das Andere: Mose muss die Schuhe ausziehen, damit die Begegnung möglich wird, er muss die vielfachen Sicherheits- und Gewohnheits- und Rollen-Sohlen ablegen und sich verletzbar machen, nur dann kann etwas wirklich Bedeutsames geschehen.

Damit ihr euch ein wenig mehr darunter vorstellen könnt, möchte ich euch nun etwas von den heiligen Orten erzählen, die in dieser Woche wichtig geworden sind. Da war die Gedenkstätte Plötzensee mit der ihr zugeordneten Kirche ”Regina Martyrum”, die Macht des Widerstands vielfach unbekannter Menschen und die Ohnmacht gegenüber einer Todesmaschinerie. Einer wurde an diesem Ort des Todes und der Hoffnungslosigkeit auf die heutige Not der Arbeitslosigkeit gestoßen und ließ sich davon anregen, ins Kreuzberger Arbeitsamt zu gehen. In dessen Gängen und Hallen machte er zunächst eine absolute Fremdheitserfahrung. Und doch zog es ihn wieder dorthin. Und beim zweiten Mal entdeckte er Menschen, war näher an ihren Sorgen und auch den kleinen Freuden. Schließlich erzählte ihm jemand von seiner Wut über die erfahrene Behandlung und überhaupt von seiner ganzen Misere und nahm ihn so mit in die Büros, zu denen er sonst keinen Zutritt gehabt hätte. Diese menschlichen Begegnungen ließen ihn seinen persönlichen Arbeitsamt-Sonnengesang schreiben und er durfte die Gegenwart Gottes mitten in all der Not und Hoffnungslosigkeit spürbar erfahren. Dann führte ihn ein Traum zurück nach ”Regina Martyrum” und er entdeckte dort in dem großen Altarbild, das er vorher als dunkel und bedrückend erlebt hatte, die lebendige Kraft der kleinen warmen Lichttropfen, die dunkle Felsblöcke schmelzen können. Da war es ein angemessenes Zeichen für die Kraft des Widerstands, dass er daraufhin eine Kopie dieses beeindruckenden Bildes an einer Pinwand im Arbeitsamt aufhängte.

Ein anderer Ort ist die Sparkasse am Kottbusser Tor. Auf dem Platz davor treffen sich täglich Drogenabhängige und hier war in dieser Woche auch fast täglich einer der Exerzitanten zu finden. Auch bei ihm war zuerst vor allem Fremdheit da und die Frage, ob er das Recht habe, die Menschen dort anzuschauen. Aber seine besondere Gabe der Achtsamkeit auf die kleinsten (und zugleich großen!) Zeichen menschlicher Zuwendung brachten ihn bald zum Staunen über diese Menschen, die für viele einfach abstoßend wirken. Wichtig wurde für ihn eine etwas unansehnliche, aber sympathische Frau, die ihm durch Erzählen und Geschenke teilgab an ihrem Leben, deren Ablehnung durch andere ihn aber auch herausforderte, zu ihr zu stehen – hier bekam das Evangelium von der Salbung durch eine Sünderin ungeahnt aktuelle Bedeutung und er fand sich auf einmal in der Rolle Jesu. Eine andere Begegnung war die mit einem älteren muslimischen Paar, das sich durch eine offenbar ungerechte Behandlung nichts von seinem tiefen Frieden rauben ließ. In dieser Umgebung wuchs als Kernwort das von der ”arm-seligen Heiligkeit”, die nicht nur hier am Kottbusser Tor erfahrbar war, sondern auch in der offenen evangelischen Thomaskirche, wiederum in den in Plötzensee geehrten Menschen des Widerstands und die auch als ermutigendes Ideal mit nach Hause geht.

Weitere Orte waren: Die Moschee mit der Erfahrung des Eingeladenseins, jenseits der eingefahrenen Wege nach Gott Ausschau zu halten (und ihn dort auch wirklich zu finden). Der Markt der Vietnamesen, die ständige Bedrohung und Unsicherheit in der Illegalität und auch hier die Erfahrung des Eingeladenseins in deren Tischgemeinschaft. Die Suppenküche. Die Christusstatue in der St.Michaelskirche… Schließlich entdeckten wohl alle durch das Erfahrene hindurch den heiligen Boden in sich selbst, fanden eine neue Perspektive auf die Flamme der Gottesgegenwart im Dornengestrüpp des eigenen Herzens.

Als wir am letzten Abend im Gottesdienst Annettes schöne Holzschale herumgaben, um symbolisch die empfangenen Schätze einzusammeln, legte jede/r kostbare Gaben hinein, die ihn/sie wohl noch lange im Alltag begleiten werden. Aus derselben Schale empfingen wir dann in der Eucharistie Gott selbst als Brot des Lebens und antworteten mit dem Tanz des Magnificat. Am Ende bekam jede/r als Erinnerungszeichen einen schlichten großen Holzlöffel, für den wir im Zusammenhang der Exerzitien vielfältige Deutungen fanden: In diesen Tagen haben wir erlebt, wie Menschen uns von ihrem Leben haben kosten lassen. Dieser Löffel ist einfach, alltäglich und doch schön. Pilger schnitzen sich einen Holzlöffel als ständigen Begleiter. Wir sind Menschen begegnet, die die Suppe auszulöffeln haben, die unsere Gesellschaft ihnen eingebrockt hat.

An diesem letzten Abend saßen wir noch lange zusammen. Hieu hatte Hähnchen gemacht, die mindestens die Größe von Truthähnen hatten und auch sonst war es ein Festmahl, das die gemeinsamen Tage krönte. Ich selbst musste leider schon abends Abschied nehmen und konnte nicht mehr den Gemeindegottesdienst am Sonntagmorgen miterleben, in dem die Beiden von ihren Erfahrungen im Arbeitsamt und am Kottbusser Tor erzählten und so die Gemeindemitglieder ein Stück weit an ihren Erfahrungen teilnehmen ließen und ihnen so die Bedeutung ihres Stadtteils spiegelten.

Ich hoffe, ihr habt durch mein Erzählen ein wenig vom Geschmack dieser Exerzitien schmecken können. Es ist schön, dass ihr – wie noch viele andere – in dieser Zeit an uns gedacht und für uns gebetet habt. Zum Schluss kann ich euch sagen, dass es für das kommende Jahr schon einen neuen Termin gibt. Es ist der 19.-28. Juli 2002, wieder in Kreuzberg. Nun wünsche ich euch ganz viel Segen und ein offenes Auge für alle Dornbüsche, die sich euch in den Weg stellen, dass ihr die Flamme darin entdecken könnt!

Eure Teresa