Manuela Knopp, Zwei Texte (2009) und (2013)

“Ich suche Gott!”

Mit diesem Satz habe ich bei meinen Exerzitien auf der Straße einige Menschen etwas überrascht. Doch hat er mir auch Türen geöffnet und Interesse geweckt. Anfang September durfte ich eine Woche Exerzitien auf den Straßen von Duisburg erleben. Mit mir unterwegs waren drei weitere junge Frauen.
Begleitet wurden wir von einer Schwester und einem Priester.

Die Straßenexerzitien sind auf einer Bibelstelle aufgebaut:
Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dorn- busch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich Gott anzuschauen.
Mit dieser Bibelstelle wurden wir losgeschickt auf die Straßen von Duisburg um unsere “Heiligen Orte” zu suchen. Zu spüren wo brennt mein Dornbusch aus dem mich Gott beim Namen anspricht. Wo begegne ich Gott? Welcher Ort ist für mich heilig? Wir wurden losgeschickt um unsere Schuhe auszuziehen. Das kann bedeuten: Vorurteile ablegen, behutsam und respektvoll zu sein oder Ohnmacht zu spüren. Für jeden ist der brennende Dornbusch, der heilige Ort, verschieden. Von unseren Begleitern bekamen wir eine Liste mit möglichen heiligen Orten: Gefängnis, Obdachlosenheime, Babyklap-pe, Tafelladen, Hospiz, Amtsgericht, Arbeitsamt, Krankenhäuser, Marktplätze, Moschee, Synagoge, Kirchen, Bordelle, Mittagstische für Bedürftige … . Man gab uns den Rat auch offen zu sagen was wir in Duisburg tun, oder Menschen zu fragen, wo wir Gott finden könnten.
Meine Erfahrungen kann ich eigentlich kaum beschreiben. Ich habe Gott dort gefunden, wo ich es nicht vermutet hätte. Menschen haben mir den Weg gezeigt, denen ich es niemals zugetraut hätte.

Meine “Wegweiserin”:
Am ersten Tag meiner Suche nach meinem heiligen Ort, wusste ich: Für mich geht es zum Gefängnis. Ich setzte mich in die Straßenbahn und stellte fest, dass es davon zwei gab in Duisburg, in der Stadtmitte und beim Amtsgericht. Doch an beiden Stationen konnte ich mich nicht überwinden auszusteigen. So fuhr ich in einen abgelegenen Stadtteil und schaute mich dort etwas um. Als ich an eine Haltestelle kam sagte eine Frau zu mir: “Die Straßenbahn fährt um 11.16 Uhr. Sie hält auch an der JVA.” Ich sagte: “Danke, da wollte ich hin! Ich weiß nur noch nicht zu welcher.” Da erzählte sie mir: “Mein Freund sitzt darin und ich darf ihn nur alle zwei Wochen besuchen. Er fehlt mir. Aber was machst du da? Rein musste wohl nicht, oder?” Ich antwortete noch zaghaft: “Ich möchte mir das ansehen!” “Das geht nicht. Da kommt niemand nur so rein! Du bist schon komisch!” meinte sie. “Ich suche aber Gott!”

Da entstand eine lange Pause. Ich habe schon gedacht das Gespräch sei beendet als sie meinte: “Gott in der JVA? Hmmm, dann geh mal zu der in der Innstadt. Da ist ein Pastor, vielleicht kann der dir helfen!” So war die JVA in der Innenstadt mein Ziel.

Heiliger Ort – Gefängnis:

Am Gefängnis, der JVA, setzte ich mich mit etwas Abstand vor die Mauer. Diese hohen Mauern waren sehr schwer auszuhalten. Ich kam nicht hinein und heraus kam auch niemand.
Einmal kamen zwei Frauen, die einen Mann besuchen wollten. Sie wurden von irgendeiner anonymen Stimme aus der Sprechanlage abgewiesen. Der Mann dürfe keinen Besuch empfangen, er würde verlegt werden in eine andere JVA und er brauche nichts. In zwei Wochen sei Besuchszeit. Die Frauen ließen sich so leicht nicht abweisen und versuchten es wieder, ohne Erfolg. Sie schauten mich an, als ob ich ihnen helfen könnte. Doch ich war genauso ohnmächtig wie sie. Hier wurden mir die Schuhe ausgezogen.
Nach einigen Stunden des Sitzens spürte ich, hier ist Gott. Er ist vor der Mauer und teilt meine Ohnmacht. Er hielt mit mir aus. Er ist hinter der Mauer bei den Gefangenen und teilt deren Ohnmacht und Sehnsucht nach Freiheit. Dort vor der JVA hat für mich der Dornbusch gebrannt.

Die Reporterin:

An einem richtig warmen Tag in Duisburg ging ich barfuss in die Stadt. Die Schuhe wurden in den Rucksack gepackt. Natürlich gab es immer wieder überraschte Blicke.
Ich setzte mich in der Fußgängerzone vor einen Brunnen und habe die Sonne genossen. Da kam eine Reporterin und fragte: “Was machen sie denn heute noch an diesem schönen Tag?”
Ich sagte: “Ich suche Gott!” Da bekam ich zur Antwort: “Aber doch nicht an so einem schönen Tag? – Warum suchen sie denn überhaupt Gott?” Darauf konnte ich so schnell keine Antwort geben.
Diese Reporterin hat mich völlig aus der Bahn geworfen mit ihrer Frage. Es war klar, ich suche Gott. Doch über das Warum habe ich mir keine Gedanken gemacht.
Die Frage beschäftigte mich und an einem ganz ungewöhnlichen Ort bekam ich die Antwort.

Heiliger Ort – ausgebranntes Haus:

An unserem zweiten Tag in Duisburg hat es in unserem Stadtteil gebrannt. Drei Kinder und eine junge Frau kamen dabei in einer Wohnung ums Leben.
Dieses ausgebrannte Haus war mein Ziel. Ich kam zu diesem Haus und fand davor ein Meer von Blumen, Kerzen, Kuscheltieren und Briefen. Da stand z.B. “Warum?” “Wir Muslime beten für Euch!” Menschen standen vor dem Haus und hielten sich im Arm. Sie redeten miteinander und weinten. Auch mir kamen die Tränen an diesem Ort. Tränen der Trauer und der Freude. Freude, weil dieses Miteinander, diese Solidarität mich überwältigt hat. Ich setzte mich auf die andere Straßenseite und nach einiger Zeit kamen Menschen zu mir und fragten was ich hier mache. Ich antwortete: “Ich suche Gott!” “Den suchen wir hier alle!” antwortete eine FrauDoch ist mir hier klar geworden, warum ich Gott suche. Auch hier hat für mich der Dornbusch gebrannt. Hier war Gott ganz deutlich spürbar: in den Gesprächen der Menschen, in den Briefen, in den Fragen und in den Umarmungen. Aus Ehrfurcht habe ich hier meine Schuhe ausgezogen.
Dornbüsche gab es in Duisburg einige für mich: Straßenmusiker, die Plätze der Obdachlosen, in der Straßenbahn, der Mittagstisch für Einsame …. Doch nicht nur in Duisburg brennen sie. Auch hier in meinem Alltag finde ich diese heiligen Orte. Ich muss nur offen dafür sein, wo und wie Gott mich anspricht und mir begegnen möchte. Manchmal packt es einen voll und ganz. Manchmal ist es nur ein leichtes Kribbeln.
geschrieben 2009

GOTTES ZÄRTLICHER ENGE UND MEINE HEILIGENDEN TRÄNEN (2013)

Im Juni war ich für vier Tage auf den Straßen Berlins unterwegs. Ausgebrannt und traurig machte ich mich vom Schwabenland auf in die große Stadt. Hab schon auf der Fahrt nach Berlin viel geweint: um eine unerwiderte Liebe und um meinen Cousin, der sich kurz zuvor mit 22 vor einen Zug gelegt hat. Ich war so wütend und traurig. Kraftlos. Die Frage nach Gott war so präsent. Fühlte mich von ihm überfordert. Ich weinte und weinte und so kam mir der Gedanke: Am ersten Tag geht’s zum Palast der Tränen. Der Palast der Tränen ist die ehemalige Ausreisehalle des Grenzübergangs Friedrichsstraße. Ein Ort des Abschieds der Trauer und der Angst. Viele wollten mich dort trösten. Ich saß auf einer Bank im Tränenpalast und konnte durch ein großes Fenster nach draußen auf den Bahnhof und die vielen Menschen schauen. Die Tränen flossen. Ein Security-Mann fragte, warum ich denn weine und ich hatte das Gefühl er wollte mich loswerden. Antwortete nur, dass man hier im Palast der Tränen ja wohl weinen dürfe. Ich weinte auch wieder den ganzen ersten Tag in Berlin. Schämte mich. Da fiel mir die Bibelstelle (Lukas 7,36-50) ein, in der eine Sünderin Jesus die Füße mit ihren Tränen salbt. Wie schön … welche Aufwertung von Tränen, von meinen Tränen. Im Laufe des Tages fiel mir Dietrich Bonhoeffer ein: “Und reichst du uns den schweren Kelch den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.” Wie kann jemand in so einer Situation wie Dietrich Bonhoeffers so eine Strophe schreiben? Mir völlig unbegreiflich, unfassbar. Am zweiten Tag war Plötzensee, ein Gefängnis und eine Hinrichtungsstätte während der NS-Zeit mein Ziel. Viele Widerstandskämpfer ließen dort ihr Leben. Hier wollte ich Bonhoeffer nachspüren. Ich saß in der Bahn und konnte mich aber nicht entscheiden an der Haltestelle auszusteigen. War träge. Es war die Ringbahn und beim zweiten Mal an dieser Haltestelle sagte eine Frau: “Komm mein Kind hier müssen wir aussteigen.” Es war eine Mutter zu ihrem Kind. Doch für mich war es Gott, der das zu mir sagte. Ich stieg aus und um in den Bus nach Plötzensee. Dort setzte ich mich barfuß in den Ausstellungsraum, weinte und weinte. Meine Tränen machten den schlichten Betonboden richtig nass. Für mich war es, als ob ich ihn irgendwie salben würde. Dann kam eine Gruppe niederländischer Touristen. Sie redeten sehr laut und viel. Ich überlegte zu gehen. Doch ich dachte auch ich habe das Recht hier zu sein und zu weinen. Sie sahen mich irgendwann und wurden ruhig, andächtig. Es fühlte sich so an, als ob ich den Ort geheiligt hätte mit meinen Tränen. Ich senkte meinen Kopf und weinte immer noch. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und ich schaute hoch. Da stand eine Frau vor mir, schaute mich an. Ein Blick … der mich tief berührt hat. Nicht mitleidig. Sie wischte meine Tränen ab mit ihren Händen. Ohne Worte und ohne Mitleid im Blick. Ich konnte es zulassen. Berührt von einer Fremden. Ich schaute wieder auf den Boden und hab sie nicht mehr gesehen. “Gottes zärtlicher Engel” habe ich sie genannt. Hier hat ER mich so berührt, angerührt. Ich war wieder allein und sang “Von guten Mächten” aus tiefstem Herzen in dieser Halle. Da störte mich auch die neue Touristengruppe nicht.

Advertisements