Lutz Müller, Gott am Ostbahnhof ?! (2004)

Rund um den Berliner Ostbahnhof lassen sich jeden Tag mehrere Gruppen von Obdachlosen nieder. Sie verbringen ihre Zeit dort, treffen auf Freunde, bekommen Besuche von anderen Berbern, verkaufen den „Strassen-Feger“ und machen manches andere mehr. Vom 11. – 17. Juli leistete ich einer dieser Gruppen Gesellschaft, genauer: sie nahmen mich auf. Ich kam jeden Tag und setzte mich zu ihnen für einige Stunden. Sie gewährten mir Gastfreundschaft und ließen mich bei und mit ihnen die Zeit verbringen.
Ich bin Jesuit, also ein Ordensmann (und auch Priester) in der katholischen Kirche. Das kam aber nicht zur Sprache. Bei der Gruppe war ich als Mensch willkommen. Rolle oder Beruf spielten keine Rolle. So lernte ich sie ein wenig kennen: Jürgen und Herbert, Bianca und Michel, Fischi und Willi, Christel und viele andere. Ich setzte mich dazu und hörte ihren Unterhaltungen zu, beteiligte mich teilweise daran. Voller Aufmerksamkeit nahm ich wahr, wie sich die Beziehung zwischen ihnen entwickelte. Mit Interesse war ich bei ihnen, ganz wach schaute ich auf das, was sich ereignete. Manchmal wurde ich aktiv und machte auf eine Bitte hin einige Besorgungen. Sonst hörte ich eher zu.
Es war meine Art der Meditation.
Wir Jesuiten verbringen pro Jahr eine Woche der Kontemplation. In dieser Woche tun wir nichts anderes, als auf Gott zu warten. Normalerweise ziehen wir uns dafür in ein einsam gelegenes Haus zurück, um dort zu meditieren. So eine Woche nennt man „Exerzitien“, d.h. Übungen, und zwar geistliche. Bei geistlichen Übungen geht es also um die Begegnung mit dem Heiligen Geist. In den Exerzitienhäusern hat man viel Zeit und Raum, um sich auf diese Suche nach Gott zu konzentrieren.
Was ich in dieser Woche gemacht habe, nennt man „Exerzitien auf der Straße“. Die Suche nach Gott kann nämlich auch dort geschehen, wo Gott nach eigener Aussage am häufigsten anzutreffen ist: bei den Armen. In Matthäus 25 identifiziert sich Jesus mit den Hungernden, Durstigen, Fremden und Obdachlosen, Nackten, Kranken, Gefangenen. Diese Menschen seien seine Brüder und Schwestern, dort sei er selbst anzutreffen. Mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit habe ich ihn dort gesucht und gefunden.

Die Kontemplation (2014)

Das kontemplative Gebet hat dieselben Grundhaltungen wie die Exerzitien auf der Straße. Es geht immer darum, wach, aufmerksam und interessiert da zu sein. Wer in der Kapelle meditiert, in der Stille betet, mit dem Atem da ist, in Ruhe sitzt, der öffnet sich der Wirk-lichkeit. Es geht um die Begegnung mit der Gegenwart Gottes. Das ist der Moment, wo die eigene Offenheit alle anderen Aktivitäten ersetzt. Die Kontemplation setzt die volle Auf-merksamkeit auf das, was jetzt ist, ohne darüber nachzudenken, die Wirklichkeit zu beur-teilen, das Vorhandene zu analysieren. Sondern die Wahrnehmung ist das Entscheidende. Mit allen inneren und äußeren Sinnen lausche, sehe, spüre, taste, schmecke ich. Es geht nicht ums Beobachten, Reflektieren, Kategorisieren, sondern die Wahrnehmung empfängt das, was ist. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe!“ (Erich Fried)
Die Natur ist dabei die erste Lehrmeisterin. Weit entfernt davon, in ihr etwas verändern zu wollen, nimmt der Exerzitant die Natur einfach wahr. Die Farben sehen, die Kleinigkeit wahrnehmen, die Geräusche hören, den Details lauschen, die Umrisse erahnen, die Struk-tur (eines Blattes, eines Steins, eines Asts) ertasten, Feuchtigkeit oder Trockenheit spüren, der Natur ohne vorgefasste Ideen begegnen. Also die Biene als Biene sehen – und sich nicht über das Bienensterben den Kopf zerbrechen. Den Regen auf der Haut spüren – und sich nicht Gedanken über den sauren Regen machen. Die Ameise als Kunstwerk der Schöpfung wahrnehmen – und nicht die Organisationskunst der Ameisenvölker analysieren. Das abge-fallene Blatt als Teil der Natur zulassen – und nicht nachdenken über die Umweltver-schmutzung. Die Blüte bewundern – und nicht die Unreinheit ihrer Farbe kritisieren.

Genauso wie Mose dem brennenden Dornbusch mit Aufmerksamkeit und Respekt begegnet, ohne ihn verändern, gestalten oder nutzen zu wollen, genauso begegnet der Kontemplative der Wirklichkeit. Genauso wie Mose vor der Gegenwart Gottes im brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch die Schuhe auszieht, sich vor ihr niederwirft, sein Gesicht bedeckt und ins Hören kommt, genauso sitzt und atmet, verweilt und ist, erspürt und begegnet der Kontemplative der Gegenwart Gottes in der Wirklichkeit.

Der Ort dafür ist eine Kapelle oder Meditationsraum. Für viele ist die Gegenwart Jesu im Tabernakel hilfreich. Die Dauer von 6-7 Stunden am Tag ermöglicht eine Intensität der Erfahrung, die Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit zeigt, ohne einem Leistungsdenken zu verfallen. Im kontemplativen Gebet kann ich nichts machen. Ich nehme wahr, lasse zu und lasse los. Ich bin in dem, was ist. Ich schweige und bin bei mir, in der Natur, in der Gegenwart Gottes, bei der Gruppe.
Wach, interessiert und aufmerksam sind die Eigenschaften des Weges. Müdigkeit, Desinteresse, Unaufmerksamkeit und Ablenkung ver- und behindern den Weg.
Das tägliche Begleitgespräch ermutigt zur Fortsetzung, zum Dranbleiben, zum weiteren Suchen. An vielen Tagen gibt es auch ein Gespräch vor der Gruppe, da es viele geteilte und gemeinsame Anliegen in einer meditierenden Gruppe gibt.
Die tägliche Eucharistiefeier ist der Ort der unmittelbaren Begegnung mit Jesus Christus, seinem Evangelium, der Gemeinschaft der ihn Suchenden. Die Predigt hat hier ihren besonderen Ort, denn es werden die Kernpunkte der Kontemplation, wie sie im Evangelium benannt werden, erklärt. Meine Beziehungsfähigkeit, meine Bereitschaft, Christus im Anderen, Fremden, Unbekannten, Hungernden, Armen, Obdachlosen zuzulassen, meine Bedürftigkeit nach Liebe, Erlösung und Annahme, meine Haltung gegenüber gespürter Leere und Fülle, mein Umgang mit körperlichen und seelischen Schmerzen, meine Bereitschaft, fragmentierte, unverstandene oder leidvolle Erfahrungen zuzulassen, meine Sehnsucht nach Vergebung, meine Beziehung zu Gott und Mitmensch, das sind alles Bestandteile der Kontemplation.

Wie in den Straßenexerzitien auch, gibt es im kontemplativen Prozess bestimmte Phasen. Einweisungen zum Sitzen und zur Handhaltung gehören ebenso dazu wie Empfehlungen zum mentalen Gebet, wie beispielsweise das Beten mit dem Namen Jesu. Daher heißt das kontemplative Gebet auch Jesusgebet, Herzensgebet oder einfach Gebet der Stille.

Literaturempfehlungen:
Franz Jalics, Der kontemplative Weg, Echter 2010 (80 Seiten, Einführung)
Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und das Jesusgebet, Echter 2009 (400 Seiten, ausführlich, mit Gesprächsprotokollen)
Weitere Infos:   www.kontemplation-in-aktion.de,  www.haus-gries.de

 

 

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