Laura, Combonischwester in Südafrika

2005 gehörte Laura zu den Übenden in Nürnberg – heute lebt sie in Südafrika. Sie hat von dort immer wieder von Ihren Erfahrung bei der Begleitung berichtet. Ihr ausführlicher Bericht von ihren Exerzitien damals:

Exerzitien auf der Strasse
Nürnberg 19./28. August 2005

Ich habe heute Vormittag mit Christian gesprochen, ich habe meine jetzige Situation erzählt, und auch was ich in den letzten Monaten (wir hatten uns in Dezember getroffen) erlebt habe; die Schwierigkeit an der Uni, den Tod meines Bruders, meine Schwachheit, meine Empfindlichkeit, und den Wünsch los zu lassen.

Am Abend haben wir uns alle getroffen im Hof bei den Comboni, um uns vorzustellen und für eine Einführung zur Exerzitien. Der erste Impuls war Gn 16, Hagar.
Die Wut von Hagar anschauen und meine jetzige Situation, wo habe ich Wut gekriegt letztlich?
Welcher ist der Name, den ich heute Gott geben kann? Wer ist Er für mich heute?

Im Hof habe ich mich an die Exerzitien von letzten Jahr erinnert. Damals hatte ich das erste Gespräch mit Sc. Claudia im Hof und ich hatte den Eindruck in Gefängnis zu sein, die Mauer um uns machten mir Angst, eigentlich waren die innere Mauer, die ich gespürt hatte. Aber jetzt war es anders, diese Mauer verursachten in mir keine Angst. Die waren sehr hoch aber ich fühlte keine Beklemmung und keine Angst, die letztes Jahr mich nicht zulassen, dort zu bleiben.

Samstag 20/5

Gestern Abend und heute Nacht dachte ich an den Namen Gott zu geben. In den letzten Jahren war es „Herr, mein Hirt“, ja der Hirt, der mich geleitet und mich führt, der mich liebt und mich bei Namen ruft.

Aber plötzlich fällt mir das Bild eines Pferdes ein. Ich setzte darauf. Das Pferd hat aber keine Zügel und keinen Sattel, ich reite auf dem Fell. Eigentlich habe ich nie geritten, seltsam. Aber was mir einfällt ist, dass ohne Zügel man nicht steuern kann, ich muss mich festklammern , ihn umarmen und mich führen zu lassen. Es ist als ob ich kein Mittel mehr habe, um zu führen. Ich habe keine Kontrolle mehr. Ich spüre, es ist jetzt wie ein mich an der Hand Nehmen und Führen, es ist ein totales Kleben (aderire) an Ihm mit allem meinem Körper, mein Wesen.

Herr, du hast mich immer an die Hand genommen, geführt, hinaufgezogen wen ich auf dem Boden lag. Du hast mich oft geschleppt und jetzt auf diesem Pferd soll (und will) ich total kleben, nicht mehr partiell. Dazu rufst du mich?

Einerseits habe ich Angst, will keine Kontrolle mehr habe aber andererseits habe fühle ich mich beschützt so geliebt in seinen Händen (das gleiche habe ich im Tschad erlebt, als ich krank war).

Woher komme ich wohin gehe ich? Wohin ich gehe, das weiß ich nicht. Woher komme ich, weiß ich es gut. Von zwei sehr schwierigen Jahren: der Tod meines Vaters, das Problem meines Bruders (Alkoholiker) , die Umstellung Afrika/Deutschland, die Schwierigkeit in der Gemeinschaft, an der Uni (weil ich immer denke, das ich nicht fähig bin, das ich es nicht schaffe), meine Empfindlichkeit. Ich fühlte mich immer Mauern gegenüber, die zu groß und hoch waren.

Am Nachmittag spreche ich mit Christian und dann sagt er, dass vielleicht Gott von mir sich berühren lassen will. Das kann ich nicht glauben, und wer bin ich, dass Du von (einer wie ich) berühren lässt? Du müsst mich zu den anderen bringen, ja durch dich werde ich and die anderen ankommen, aber du müsst selber mich berühren. Und du wirst es tun bei Menschen, an die du nicht glaubst. Hab keine Angst.

Sonntag

Bevor ich mit Christian gesprochen hatte, konnte ich nicht klar die Möglichkeit spüren, dass ich Dich berühren darf. Aber danach ist diese Möglichkeit immer stärker in mir gewachsen.

Der Gottes Name könnte so lauten: der du mich trägst und den ich berühren darf (oder der sich von mir berühren lässt).

Mir fällt kontinuierlich die Frau ein, die Öl über den Kopf Jesu gießt und ihn salbt, berührt, streichelt mit ihren Händen . Darf ich auch?? Aber wer bin ich? Du weißt, wer ich bin, wie ich bin.

Mir fallen die Mauer wieder ein, und plötzlich ist es mir klar, dass die nicht existieren, ich habe die immer erdacht, erfunden; die sind nicht reell. Ebenfalls gibt es eigentlich keine Mauer zwischen mir und Dir. Es ist immer Einbahn gewesen. Ich habe immer gesehen, was Du in mir getan hast, wie du mich von Tod herausgezogen hast, wie Du mich an der Hand geführt hast, aber im Grunde habe ich immer eine Mauer aufgebaut zwischen Dir und mir, also habe ich fast immer Abstand genommen. Aber diese Mauer, wie alle andere Mauer sind irrational, ich habe die erdacht, um mich zu schützen, abzuwehren. Wahnsinn! Und wenn diese Mauer nicht existieren, dann besteht wirklich die Möglichkeit, dass ich Dich berühren darf. Wahnsinn. Ja, Du hast mich immer berührt auch wenn ich es nicht wahrgenommen habe, aber ich habe es nie gemacht, weil eben meine Mauer da war.

Die Mauer jetzt trennen nicht mehr, deswegen gestern Abend spürte ich die nur als Orte, wo die Menschen sind, ich konnte ihre Stimmen hören.

Letztes Jahr konnte ich dich nicht berühren, weil meine Mauer da war. Ja, mein Gefäß war zerbrochen (Mk 14,3-9), keine Rückkehr mehr aber keinen Schritt vorwärts, ich war nicht in der Lage dich zu berühren.

Gestern Abend in der Kirche habe ich die riesige Mauer bemerkt, aber die war hinter dem Tabernakel, zwischen mir und Dir gibt es keine Mauer, und ich könnte wirklich Dich berühren, Jetzt ist es mir Wurst wann; heute, morgen, in einem Jahr, in zehn Jahren, vielleicht sogar nie in diesem Leben. Es ist einfach wunderschön, dass es keine Mauer gibt, die verhindert. Es wäre tatsächlich möglich jeden Augenblick Dich zu berühren. Deswegen gestern konnte ich mich selber in den Augen von Christian sehen; es gab keine Mauer.

Die Mauer ist nicht mehr da, nicht nur Gott hat Zugang zu mir und ich zu Ihm, sondern die Menschen haben jetzt Zugang zu mir und ich zu ihnen. Wunderbar.

Ich denke immer wieder and die Sünderin (Lk 7), die die Füße Jesu küsst, die ihn mit Öl salbt. Sie streichelt ihn mit tiefe Liebe, mit Respekt, wie sie nie im Leben getan hat. So möchte ich sein und tun, zu Dir mein Gott.

Im Zimmer öffne ich die Bibel, die dort ist, und zufällig lande ich bei 1Joh: „was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir mit unseren Händen angefasst haben, das verkünden wir“.

In meinen Leben habe ich gehört, und gesehen was Du in mir getan hast, und jetzt vielleicht berufst Du mich, mit meinen Händen zu berühren, um wirklich verkünden zu dürfen.

Es ist Wahnsinn, gestern konnte ich mich selbst in Christians Augen sehen; nicht nur kann ich mich im Spiegel betrachten (das habe ich schon in Dezember erlebt, nachdem ich mit Christian gesprochen hatte), jetzt kann ich mich selbst in meinen Augen sehen.

Am Nachmittag bin ich zur Klara Kirche gegangen, die war aber zu, so bin ich gelaufen und mich neben einem Obdachlos gesetzt. Ich habe an Vanni gedacht.

Ich bin weiter gelaufen Richtung Gostenhof, die Mauer entlang, ich habe mich auf einen Bank gesetzt und plötzlich merke ich, dass ich zwischen den zwei großen Mauer der Stadt sitze, ich habe keine Angst, die Mauer in mir existiert nicht mehr. Die äußere Mauer haben keine Macht auf mich. Die Tür ist offen. Ich fühle mich so ruhig und in Frieden.

Dann komme ich bei den Comboni an und Christian wartet auf mich, wir machen uns auf den Weg zur Pegnitz. Es beginnt zu tröpfeln, und wir setzen uns bei dem Eingang einer Firma unter einem Vordach.

Ich erzähle ihm was ich während des Tages erlebt und gespürt habe. Ich habe gerade beendet zu erzählen, und es beginnt heftig zu regnen, ich sage „es ist ein Segen“. Plötzlich kommen zwei Männer und ein Kind an. Die sind Afrikaner. Ich schaue sie verblüfft an. Christian sagt „Laura, du bist Combonimissionsschwester, und sie sind Afrikaner“. Ich schaue das Kind an, ich kann es nicht glauben, ich zögere, ich blicke auf Christian, er lächelt. Es ist mir klar. Ich stehe auf, gehe zum Kind, das mich anlächelt, es hat zwei große schwarze Augen, in denen ich mich selber sehen kann. Ich halte seine Hand, die es mir reicht, ich streichele seinen nassen Kopf. Ich frage den Vater, wie alt das Kind ist, 15 Monate, es heißt Jeremia. Es ist voll Freude, in der Hand hat es ein Stück Croissant, es bricht ein kleines Stück und reicht es mir, ich esse es, es ist süß. Danach kommt Christian auch nahe, Jeremia bricht wieder ein größeres Stück und gibt es mir. Meinerseits breche ich es und gebe Christian ein Stück, seinerseits bricht er es wieder und gibt dem Kind. („…und sie erkannten ihn“ Lk 24,31)

Ich frage woher sie kommen; der Vater aus Kenia, der Freund aus Tunesien und das Kind halb Kenianer halb Deutscher. Ich konnte meinen eigenen Augen nicht trauen. Ich berühre ihn, es ist froh, es lässt sich berühren. Dann schaut es an meine Füße (da habe ich nicht verstanden, dass ich meine Schuhe ausziehen sollte, ich war außer mir). Es sieht mein Kreuz, es fasst es, und spontan sage ich „Du kennst es ja!“.

Dann plötzlich regnet es nicht mehr, die Sonne scheint, und die sagen: „Jetzt gehen wir weg!“. Und sie sind weg.

Wahnsinn! Ich bin außer mir, ich muss nur lachen. „Ich habe es gesehen, ich bin Zeuge“ sagt Christian. Ja heute 21/8/05 hat Gott mich mit meinen Händen zugelassen ihn selbst zu berühren, in einem Kind. Hier ist der Gottesname: der Du mich trägst und von mir berühren lassen hast. Tiefe Freude und Dankbarkeit in mir.

Dann gibt mir Christian den Impuls für morgen: den Dornbusch. Einen heiligen Boden finden und die Schuhe ausziehen. Jetzt verstehe ich warum Jeremia meine Füße anzeigte.

Am Abend fragt mich Christian, ob ich für den Austausch mit der Gruppe bleiben will. Ich überlege, ja! Ich kann es nicht für mich selbst behalten.

Ich kann nicht einschlafen. Ich bin wortlos, ich kann nur singen und lachen.

Montag

Um 4:30 bin ich schon wach, das erste Gefühl im Bauch ist Freude, Aufregung, ich bin verrückt von Liebe, ich fühle mich voll Liebe. Ein Wort ergeht auf mich: „Laura, du wirst die Zärtlichkeit Gottes den Menschen bringen, geben, teilen. Die Zärtlichkeit, die Arglosigkeit eines Kindes; sie sind in deinen Augen, in deinen Händen, und sie werden in deinen Worten sein“.

Ich denke, dass ich und Christian wie die zwei von Emmaus waren, und Du hast für uns das Brot gebrochen. Ich habe mich selbst in Deinen Augen gesehen, ich habe Dich berührt, gestreichelt und du hast es zugelassen und dann bist Du verschwunden.

Der „heiliger Boden“ hat mir schon in Tschad angesprochen. Die erste Fastenzeit dort hatte mich dieser Text sehr tief berührt. Damals war es mir klar, dass Tschad heiliger Boden war, und dass die Menschen heiliger Boden waren. Aber damals war auch meine Mauer dabei, jetzt nicht mehr.

Ich schaue meine Hände, die sind schön, glatt, zart. Wahnsinn.

Ich lese auf dem Zettel die möglichen heiligen Boden, und der Friedhof fällt mir auf, ich entscheide mich dorthin zu gehen.

Es ist erstaunlich, was passiert ist. Und ich habe es nicht verdienst, ich bin nicht besser als die anderen, ich habe nichts geleistet, ich habe nur zugelassen, sich die Liebe Gottes für mich zu zeigen.

Das Kind hieß Jeremia; es fällt mir ein, dass ich beim Workshop in London etwas neues entdeckt hatte. Ich hatte gefragt ob ich unserem Orden es prophetische Gestalten gibt, und ob die zugehört werden. Jehni sagte, dass jeder ist Prophet. Es ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Möglichkeit bestehet auch für mich. Als gestern der Mann Jeremia genannt hat, habe ich dann die zwei Situationen verbunden.

Das Bild des Pferdes taugte nur zu Dir getragen zu werden.

Das Kind, das in Ägypten in einem Karton schlief, fällt mir ein. Damals hatte ich das Brot von einem Kind nicht angenommen.

Dann mache ich mich auf den Weg, ich hatte vor, zum Friedhof zu laufen, aber am Ampel eine Frau und ihr Sohn fragen mich nach den Weg zur Lorenzkirche. Ich sage: „ich gehe auch in die Richtung“. Wir überqueren aber links kann man nicht gehen, wir gehen rechts. Dann biegen sie lins ab, ich laufe weiter. Noch weiter und denke ich, dass ich links abbiegen kann und vielleicht einen Weg zum Zentrum finden. Na ja, ich komme zu einem Platz an. Erstaunlich, in der Mitte ist ein Denkmal, ein Podium mit vier Säulen und in der Mitte ein blaues Pferd und zwei Gestalten darauf, ohne Armen. Wahnsinn.

Ich frage einen Mann, was es bedeuten kann, aber er weiß nicht, wir kommen ins Gespräch. Er fragt mich woher ich komme und behauptet, dass als fremde Sprache beherrsche ich deutsch gut. Er muss dann zur Arbeit gehen und wünscht mir eine schöne Woche.

Ich frage weiter, aber niemand weiß was das Pferd bedeutet.

Es regnet, ich bleibe unter einem Baum stehen, da kommt eine Familie mit Fahrräder und ein Kind sagt. „Guten Morgen“. „Ja, Guten Morgen“ antworte ich.

Dann gehe ich fort und komme zu den Katerinekircheruinen. Es gibt nur die äußeren Mauer, die Kirche wurde zerstört. Veranstaltungen werden im freien gehalten; es gibt keine Mauer mehr.

Ich denke an die Schwestern, die dort gelebt und gebetet haben.

Unglaublich, ich gehe um, ich sehe eine Frau mit einen merkwürdigen Hund, der rosa Socken trägt. Ich fühle, ich sollte ihnen folgen. Der Hund bleibt zu meiner Seite und die Frau, die schon vorne ist, ruft ihn: „Komm!“. Nach einer Weile, befinde ich mich auf einer Brücke, die Landschaft habe ich schon gesehen. Nein, es kann nicht sein, ich bin wieder am Platz mit dem Pferd. Wahnsinn. Ich fange an, in mir zu lachen. Den ersten Mann, dem ich begegne, frage ich nach dem Pferd. Er kann mir sagen, was er auch nur gehört hat. Es hat mit der Fachhochschule zu tun, mit dem Denken, dem griechischen Denken. Er weißt auf die Offenbarung hin. Ich fühle es, wie eine Bestätigung für mein Studium.

Die zwei Menschen auf dem Pferd sind eine Frau und eine Mann. Die Komplementarität. Es ist mir klar, alles von mir soll sich zu diesem Studium widmen. Gott braucht es, für mich und für die Menschen zu denen er mich schickt. Du sollst deine Erfahrung Gottes und Denken verbunden.

Da ist meine Zustimmung spontan. Ich will es, Herr. Geleite mich.

Es regnet nicht mehr, die Sonne scheint.

Ich spüre die Einladung, keine Angst vor dem Studium zu haben. Diese Mauer ist auch irrational, die existiert eigentlich nicht. Danke.

Ich schlage die Bibel nach; in der Offenbarung finde ich den Pferd in 6,1-12 „der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben, und als Sieger zog er aus, um zu siegen.“

Was das für mich bedeutet, weiß ich nicht.

Ein Chinese kommt zu mir und fragt nach den Weg zur Fachhochschule, ich kenne mich nicht aus, so gebe ich ihm meinen Stadtplan.

Dann will ich endlich zu Friedhof (wie ich geplant hatte) gehen. Ich laufe weiter und da ich bei der Frauenkirche bin, habe ich den Eindruck, dass ich hineingehen soll. Ich tue es, ich setze mich in der letzten Reihe, auf der anderer Seite sitzt ein Obdachlos Alkoholiker. Ich bete und dann gehe ich nach vorne um die Schaufenster anzuschauen. Ich bin dabei wegzugehen und der Mann steht auf, es ist mir klar, ich soll ihm folgen. Ich habe den Eindruck, dass er wie Vanni geht. Ich fühle mich ein bisschen dumm aber ich muss es tun. Er macht sich eindeutig auf den Weg zum Bahnhof, und ich hinter ihm. Dann hält er und ich gehe weiter, ich drehe mich um aber er ist nicht mehr da. Gut ich bin ganz in der Nähe der Klarakirche, wohin ich schon gestern gehen wollte, und ich gehe hinein. Nach Einer Weile bin ich dabei aufzustehen, um zum Friedhof zu gehen, aber er kommt herein. Er setzt sich hinter mir, ich ziehe meine Sandale aus und fange an zu weinen. Ich kann sein Atem spüren, fühlen, er erinnert mich an Vanni. Ich weine und kann nicht aufhören. Am Anfang sind wir alleine, dann kommen und gehen mehrere Menschen. Ich kann nur weinen. Nach langer Zeit werde ich ruhiger und will für ihn beten. Ich bin zwischen ihm und dem Tabernakel, „wie ein Brücke, zwischen Menschen und Gott“ denke ich; aber es stimmt nicht, ich bin einfach zwischen ihnen.

Ich drehe mich um, er schaut mich an, er hat blaue Augen, wie Vanni. Ich deutet ein Lächeln an. Ich will ihn begrüßen aber eine Frau (ich habe sie soft betteln sehen) ruft ihn, er will nicht gehen, aber sie ist aufdringlich, so geht er hinaus. Ich hatte auf einem Zettel den Namen meines Bruder geschrieben, um es in die Ziegel des Trauerns reinzutun, ich sollte es dort lassen, um Abschied zu nehmen. Das Weinen war für mich wie eine Befreiung, ich konnte neben jenem Alkoholiker Abschied von meinem Bruder nehmen. Der Mann war aber weg, ich wollte ihm einfach Auf Wiedersehen sagen. Ich bleibe eine Weile sitzen, und dann entscheide ich mich hinauszugehen. In diesem Augenblick kommt er wieder herein und setzt sich wieder hinter mir. Ich weiß nicht, was zu tun. Ich warte ab. Er ist noch da, und dann ist es mir klar, dass ich weggehen soll, er soll dort bleiben, wo er jetzt gehört. Ich habe aber keine Kraft.

Noch eine Weile, dann stehe ich auf, drehe mich um, und sage ihm „Auf Wiedersehen“, er guckt mich an mit seinen blauen Augen, mit den selben „verlorenen“ Blick wie Vanni. Er winkt mit dem Kopf. Ich stecke mein Zettel in eine Ziegel und gehe hinaus.

Ich will noch weinen, aber er ist mir auch klar, dass er dort bleiben und ich weggehen soll.

Ich laufe zu den Comboni. Ich bin sehr müde. Mit Christian gehe wir kurz, wo Jeremia zu uns gekommen war, auf diesem heiligen Boden beten wir. Gleich danach aber, kommt der Verwalter der Firma und sagt, dass wir dort nicht bleiben dürfen, und weggehen sollen.

Während des Austausches am Abend ist es mir klar, dass alle was ich in diesen Tagen bekommen habe, ist keine Leistung, ich war einfach in Deinen Händen; ohne zu planen (was ich geplant hatte, konnte ich nicht tun), ohne zu etwas zu beweisen oder zu leisten. Es ist nur Geschenk.

Dienstag

Ich lese die Liste der möglichen heiligen Orten aber es ist mir die Einladung klar, keinen Ort auszusuchen. Ich habe auch keinen Stadtplan mehr. Ich soll mich tragen lassen.

Ich gehe hinaus, und biege heute rechts ab. Ich versuche die Bartholomeuskirche zu besuchen aber die ist zu, „die ist evangelisch und ist immer zu“ sagt mir eine Frau. „Die katholischen sind immer offen“. Offen sein, empfangen, aufnehmen. So gehe ich in St. Josef, eine Frau kommt herein und zündet eine Kerze an. Ich fühle, jeder Mensch ist wichtig, würdig, eigenartig, geliebt von Dir. Ich will Gott danken, der mich trägt und den ich berühren durfte. Es ist das erste Mal, dass ich mich total auf Dich verlasse, dass ich alles loslasse. Und Du hast mich in Übermaße alles beschenkt. Ich kann nur staunen, danken und singen. Ich singe ein Magnificat auf italienisch.

Ich gehe hinaus und denke: „wenn ich geradeaus gehe, komme ich an Ratenauplatz an, dann kann ich der Uni vorbei gehen, wo ich den Deutschkurs besucht habe, und weiter ins Zentrum“. Ich habe leider mich geirrt, und ich befinde mich auf der selben Straße von gestern. „Eh, nein, den Platz mit dem Pferd kenne ich schon, ich will jetzt links die Mauer entlang gehen, und irgendwo finde ich einen Weg zum Zentrum“. Ich gehe langsam aber dann kann ich nicht weiter gehen, der Weg ist gesperrt, ich muss rechts abbiegen, so gehe ich den Weg und….“Eh, nein es geht nicht!!!!“ Ich bin wieder am Platz mit dem Pferd. Aber Ok, was kann ich tun, es ist so klar, ich bleibe ruhig. Ich frage ein Paar Menschen, die selbstverständlich nicht wissen, was das Pferd bedeutet.

Die Frau von gestern mit dem Hund kommt vorbei, der Hund hat aber heute keine Socken. Ich folge ihnen. Her Hund hält und sie auch ich gehe vorüber. Dann überholt sie mich und der Hund geht neben mir. „Ok, sage ich zu mir selbst, ich folge dir“. Wahnsinn! Endlich kommt die Frau zu ihrer Wohnung an, gleich hinter der Frauenkirche.

Ich bin sicher, dass der Alkoholiker von gestern dort ist, ich habe ein bisschen Angst, dass ich anfangen kann weiter zu weinen, aber ich muss hinein. So gehe ich hinein. Er ist da, am selben Platz, meinen Platz von gestern ist aber schon besetzt. Ich habe keine Angst mehr, ich fühle mich ruhig, es ist normal, dass er dort ist. Ich setze mich woanders und bete. In mir Ruhe, Gelassenheit. Ich spüre ich habe wirklich Abschied von Vanni genommen, ich habe ihn losgelassen. Es ist Frieden in mir.

Eine Frau kündigt eine Führung der Kirche an, ich nehme teil. Als ich hinaus gehe ist er noch da. Ich bin in Frieden. Dann verlaufe ich mich und endlich komme ich zu Frauentormauer und gehe weiter die Mauer entlang. Es ist wunderschön, die Freiheit und den Frieden zu spüren. Ich genieße dieses Geschenk Gottes für mich, ich denke es ist jetzt eine Zeit für mich allein zu gehen und Freiheit und Frieden zu genießen. Ich komme dann zu einem Ort und muss mich entscheiden, weiter kann ich nicht gehen, es gibt eine Mauer, rechts geht der Weg weiter und links auf einem Bank sitzt ein Obdachlos. Ich entscheide mich für links. Ich setze mich, er schaut mich an von unter seinem schwarzen Jacke. „Darf ich hier sitzen?“ frage ich. „Ich bin erschrocken“ sagt er weiter, „niemand kommt zu mir und ich spreche niemand an“. „Aber darf ich hier bleiben?“ „Ja, ja“. Er hat sehr schöne blaue Augen und nur ein Paar Zähne. Er dreht sich um und kehrt mir den Rücken zu.

Ich bleibe dort sitzen, und ziehe meine Sandale aus, und schweige. Ich bete nicht für ihn, es ist schon ein Gebet hier zu sein. Ich fühle mich frei hier zu sein. Meine Mauer sind nicht da, zwischen mir und ihm gibt es keine Mauer, kein Hindernis. Er sagt nichts und ich respektiere sein Schweigen. Was denkt er? Ich weiß es nicht. Ich bin einfach da, frei ohne Mauer. Ich will keine Druck üben, wir sind da und Gott ist in unserer Mitte. Einfach so.

Bevor ich weggehe, sage ich „danke, dass ich hier sitzen durfte“, ich versuche ihm eine Gänschenblumchen zu schenken, aber er will nicht. Dann fängt er an, zu reden und über sich selbst und sein leben zu erzählen. Er heißt Kurt. Dann fragt er mich was ich tue, ich antworte „Ich studiere Theologie“ „Oh“ sagt er. „Und danach?“ „ Ich hoffe, dass ich zurück nach Afrika“. Er staunt und sagt, dass in diesem Fall brauche ich Achtung (auf mich selbst und auf die anderen), Hochachtung und dann…. und dann etwas höheres , aber ich muss selber das richtige Wort finden. Ich soll auch nur eine Meinung haben. Er fragt nach meiner Familie, ob ich Geschwister habe. Ich sage auch über den Tod meines Bruders.

Er erzählt von seiner unglücklichen Kindheit.

Das Gespräch ist auf der selben Stufe, Ebene. Ich tue nicht gutes oder besser. Wir sind einfach so, Mensch zu Menschen. Es ist wunderschön.

Endlich gehe ich weg, er verabschiedet sich mit einem großen Lächeln.

Am Abend beim Austausch erfahre ich, dass Birgit den selben Mann getroffen hat. Und es ist schön zu sehen, wie Gott unterschiedlich mit jeder Person umgeht. Seine Pädagogik ist so persönlich und zutreffend für jeden einzelnen.

Mittwoch

Gestern Abend hat mich Christian gefragt, welche Schuhe ich vor Kurt ausgezogen hatte. Die Schuhe der Ungleichheit, es ist klar. Ja ich spüre, dass ich nicht größer bin. Ich bin nicht diejenige, die auf einer höherer Stufe steht, oder die gut ist und gibt. Ich bin nicht besser, sonder auf der selben Stufe, Mensch zu Menschen. Keine Mauer mehr. Wahnsinn und wunderschön.

Als ich aufgewacht bin, war das Pferd mein erster Gedenk. Dann immer wieder denke ich an Jeremia, der das Brot bricht. Mein Herz ist froh.

OK ich komme zum Platz, ich habe sowieso kein Programm, dann kann ich immer weggehen.

Heute will ich ohne etwas hinausgehen, nur mit den Schlüsseln. Ich will mich auf Dich verlassen.

Es ist wunderschön die innere Freiheit zu genießen. „Zur Freiheit habe ich dich befreit“.

Auf dem Weg begegne ich einer Frau mit Hund, sie will in Biergarten gehen aber der ist zu. Ich grüße sie. Dann langsam zum Platz. Ich setze mich, ich sehe Menschen, die kommen und gehen. Ich brauche nicht mehr zu fragen, was das Pferd bedeutet. Ich sitze ruhig.

Ein Kind spielt allein mit dem Ball auf der anderen Seite des Platzes. Dann kommt er zum Pferd, überholt ihn kommt zu mir und setzt sich ein paar Meter von mir. Er schaut mich an und fragt: „Auf wen wartest du?“ Mein Gott! „Auf dich“ möchte ich antworten aber ich will ihn nicht erschrecken. Ich stehe auf, gehe zu ihm und sage: „Ich bin einfach hier. Und du auf wen wartest du?“ „Auf meine Freunde. Ich habe schon geklingelt and die sind noch nicht zu Hause“. Dann beginnt er über seine Familie zu erzählen. Er hat zwei Brüder Joel und Stephan und eine Schwester Kira, seine Mutter heißt Gabi. „Und dein Vater?“ Er heißt John und ist Amerikaner, aber kommt auch ab und zu nach Deutschland. „Und du, wie heißt du?“ frage ich. „Lauren“ Es kann nicht sein, „wie schreibt man?“ und er zeigt mir, „Ich heiße Laura, wir haben den selben Namen“ „Du bist doch kein Junge“. Ich erkläre, dass in Italien es keinen Lauren gibt, sondern nur Laura. Ich habe dieses Namen noch nie gehört.

Er wird dieses Jahr in die Schule gehen und wenn er groß ist will er Rennfahren werden. Italien ist sein beliebtes Land, weil er dorthin auf Urlaub fährt.

Dann geht er weg, um seine Freunde zu suchen.

Ich bleibe eine Weile sitzen, „wenn er nicht zurückkommt, gehe ich weg“ denke ich. Aber nach einem Paar Minuten kommt er wieder, er winkt mit der Hand, spielt weiter und steigt auf das Pferd. Der Ball, den er auf dem Boden gelassen hat, rollt weg. Ich stehe auf und hole den Ball und gehe zu ihm beim Pferd. Ich setze mich dort. Wir fangen wieder an zu plaudern, dann kommt die Frau, die ich zuvor getroffen hatte (jetzt ohne Hund), sie sagt mir „Wir haben uns schon gesehen“ „Ja“ antworte ich. Sie fragt das Kind was des Pferd bedeutet, er weiß nicht, dann fragt sie mich. Ich sage: „ich glaube, jeder sollte seine eigene Bedeutung finden“. Sie stimmt zu und geht weg, sie will nämlich die Stadt weiter besichtigen. Ich wünsche ihr einen schönen tag.

Ich und Lauren reden miteinander weiter, „bist du morgen da?“ fragt er „Warum?“ erwidere ich, „Ich bin wahrscheinlich da“, „dann bin ich auch wahrscheinlich da“. Wahnsinn!

„Hast du Freunde hier bei der Mensa?“ (da erfahre ich, das das Gebäude eine Mensa ist) „Nein, ich habe nur dich kennen gelernt“ sage ich.

„Aber du hast andere Freunde, und du wirst sicher viele kennen lernen“

Er springt vom Pferd runter und dann wieder hinauf , er redet von schwarzen Spinnen usw.

Er erzählt mir, dass er einige Schmetterlinge gerettet hat. „Sie waren tot, oder sie schliefen, ich weiß es nicht, aber ich habe die in meine Händen genommen und ich habe die gerettet. Die sind jetzt bei diesen Steinen dort, siehst du die?“ „Ja“ antworte ich „willst du mir die Schmetterlinge zeigen?“ „Ja, gehe mal“. Ich stehe auf, er steigt vom Pferd ab. Wir gehen aber plötzlich seine Mutter ruft „Lauren, komm heim“. Er hat den Ball vergessen, ich sage es ihm.

„Tschüß Lauren“ „Tschüß“ antwortet er. Er läuft heim.

Es ist mir klar, ich muss jetzt gehen. Wahnsinn.

Ich gehe in dei Sebaldus Kirche und denke an alles was passiert ist. Ich kann es kaum glauben.

Das Kind hat meinen selben Namen, was bedeutet es? Was willst du Gott mir sagen? Du hast auf mich gewartet und du wartest noch auf mich. Da war ein heiliger Boden.

Was bedeutet es, dass er Rennfahren werden will? Dass er Schmetterlinge gerettet hat? Dass ich andere Freunde kennen lernen werde?

Ich gehe weiter, nach einer Brücke sitzen auf einem Bank zwei Männer, die offensichtlich trinken, sie haben nämlich eine Tüte voll Flasche Bier. Ich setze mich daneben. Sie reden miteinander. Ich spüre, dass ich meine Sandale ausziehen soll. Es ist klar, ich bin nicht die gute Schwester, die etwas für di anderen tun soll, ich muss niemandem helfen, ich muss nur dort sein, auf der selben Stufe, Mensch zu Menschen, ohne Mauer. Ich muss die Sandale der Ungleichheit ausziehen. Ich fühle mich so gut. Ich brauche nichts zu sagen oder zu fragen; nur da sein. Ich höre schlecht, was sie sagen, sie sprechen ein bisschen Dialekt und sind auch froh. Einer holt einen Wecker von der Tasche heraus und fragt den anderen, ob die Uhrzeit stimmt. Und der fragt mich nach Bescheid. Der mit Bart und blauen Augen, fragt mich ob ich etwas trinken will oder rauchen. Dann schickt er den anderen mehr Bier und Wein einzukaufen. Er setzt sich neben mir und wir plaudern über das Wetter, über Italien. Er heißt Rudi, er ist ein Dichter, er hat Gedichte geschrieben, er spielt Mundharmonika, er zeigt die mir, aber zuerst muss er die Lippen mit Wein erfrischen, sonst kleben sie sich. Der andere kommt mit dem Nachschub zurück. Sie trinken. Die Leute, die vorbei gehen, schauen mit Verachtung an, ich bin eingeschlossen. Dann beginnt er die Gedichte zu erzählen, eine ist über Mond und Sterne, die andere über die Wahre Liebe. „Was tief im herzen liegt, kann nicht verborgen sein“ usw. Während er erzählt, blicke ich hinauf und ich siehe zwei Polizisten vor mir. „Was macht ihr hier? Ihr wisst, das nicht erlaubt ist in der Öffentlichkeit zu trinken, wer hat hier schmutzig gemacht?“ und die Frau „Jetzt wollen wir die Ausweise sehen. Deinen, sagt sie zu Rudi, den deines Freundes und den der Dame“. Mein Gott denke ich, ich habe meinen Ausweis nicht bei mir, ich bin nur mit Schlüsseln hinausgegangen. Ich habe Angst, ich kann mir gut vorstellen, dass als Ausländer ohne Ausweis, bringen sie mich zur Polizei. Ich habe gespürt, was diese Menschen fühlen wenn die Polizei kommt.

Aber dann ist es plötzlich Ruhe in mir. Die Polizisten schreiben ihren Namen und Details und dann gehen sie weg ohne mich um den Ausweis zu bitten. Wahnsinn.

Die zwei Männer auch gehen weg, aber Rudi sagt mir „Ich komme zurück“. Und so tun sie. Ich kann noch die Verachtung der Leute auf uns spüren. Ich bin für eine von ihnen gehalten. Ich fühle aber mich wohl und frei.

Dann Rudi lädt mich an, mit ihnen auf einen anderen Bank zu sitzen. Ich gehe mit. Er erzählt weiter, er spielt Mundharmoniker. Dann fragt er mich, was mich nach Nürnberg gebracht hat. Ich frage, ob er wirklich wissen will. Er sagt Ja. „Also ich bin eine Nonne“ „Was? Wo ist dein Kreuz?“ Ich hatte es nämlich unter dem Pullover, und ich zeige es; wir reden weiter über die Kirche. Dann nehme ich Abschied und gehe weg.

Ich weiß (ich weiß nicht wie), dass ich zum Platz kommen muss. Aber ich habe auch den Eindruck, dass Lauren nicht kommen wird. Er hat mich „eingeladen“ und ich habe angenommen, wenn er kommt, werde ich dort sein, sonst habe ich nichts zu verlieren, und vielleicht könnte etwas neues sich entwickeln. Ich bin so gelassen und zuversichtlich, Wahnsinn. Mich schockiert, dass das Kind Lauren heißt, ich denke vielleicht der Namen, den ich Dir gegeben habe, gilt auch für mich. Ich, die tragen kann und die sich innerlich berühren lässt. Es ist nicht mehr einseitig, sondern gegenseitig.

Es ist mir klar, dass dort Du mir noch etwas sagen willst, was weiß ich aber nicht.

Ich komme einfach zum Platz trotz des Regens.

Ich setze mich dort, wo ich saß, als ich Lauren begegnet bin. Mir links ist ein Mülheimer, wie bei der Begegnung mit Jeremia……..

Ich bleibe sitzen, es regnet und es ist kalt, was tue ich hier, ich finde es sinnlos, aber trotzdem muss ich dort weilen.

Dann plötzlich ist es mir klar, hier habe ich meine Sandale noch nicht ausgezogen. Es geht nicht nur um Lauren, den ich für heiligen Boden halte, sondern es geht um alle Menschen.

JA, jeder Mensch ist heiliger Boden. Ich ziehe meine Schuhe aus.

Ich spüre eine sprudelnde Freude in mir, ich schaue alle Menschen an, die vorbei kommen. Eine Frau mit dem Fahrrad lächelt mich an, ich lächele zurück. Jeder Mensch ist wirklich heiliger Boden, der Obdachlos, der Beamte, die alte Frau, die vom Einkaufen zurückkommt, der sehr gut angezogene Junge, der vielleicht in der Bank arbeitet, ein älteres Paar, die Mutter, die mit ihren Kindern spazieren geht, die Frau, die mit ihren seltsamen Hund mit Socken spazieren geht, usw. ALLE! Wahnsinn!

Dan ist es mir wirklich kalt ich kann nicht mehr dort bleiben und ich gehe in die Lorenzkirche, dort treffe ich Christian, der heute Nachmittag nicht da ist, so keine Gesprächmöglichkeit, wes tut mir leid.

Dann gehe ich zum Bahnhof und setze mich nicht weit von einigen jungen Menschen, die trinken usw. Einer guckt mich an, aber ich kann mich nicht nähern. Danach gehe ich zur Wärmestube aber will nicht hineingehen. Ich sitze einfach draußen. Da kommt der selber Mann, der mich am Bahnhof mich angeguckt hat. Er ist barfuss, er lächelt mich an und sagt „Halo“ und ich lächele zurück „Halo“. Erstaunlich, er barfuss zu mir. Was soll das bedeuten?

Ich habe aber keine Zeit daran zu denken, weil Bram kommt an. Er grüßt mich und setzt sich neben mir. Wir tauschen unsere Erfahrung der Exerzitien aus. Dann will er hinein und ich gehe weg.

Es ist noch früh, aber ich bin müde und mache mich auf den Weg zu den Comboni. Ich gehe die Pegniz entlang, ich fühle ich soll ein anderen Weg gehen, so kehre ich zurück und gehe auf die andere Seite des Gartens. Etwa hundert Meter vorne sitzt ein Mann auf dem Bank, er trinkt, ich komme vorbei und er sagt zu mir „Halo“ ich tue dasselbe und er fängt an über das Wetter zu reden. Es ist klar, ich setze mich neben ihn. Ich sage auch, dass das Wetter nicht gut ist, es ist alles nass und schaue meine Sandale an. Er guckt mich an und sagt: „Sie sollten barfuss laufen!“ Mein Gott, was für ein Schlag! Ich verstehe aber noch nicht, was das für mich bedeuten kann. Dann unterhalten wir uns über verschiedene allgemeine Themen. Ich weiß nicht mehr wie wir über die „Menschen“ angekommen sind, aber er ist pessimistisch, fühlt sich nicht wirklich Mensch. Ich aber sage „wir alle sind Menschen, es gibt keinen Unterschied“, er erwidert: „Nein es gibt viele böse Menschen. Sie wissen auch nicht was für ein Mann ich bin“. Ich will ihm nur sagen, dass wir alle Menschen sind, ohne Unterschied. Ich möchte, dass er daran glaubt, aber die Tränen steigen in meinen Augen auf, ich kann nicht mehr sprechen. Er merkt es vielleicht und wechselt das Thema. Ich bin erschüttert und weiß nicht warum. Dann holt er von seiner Tasche einige Bilder heraus. Die sind Bilder, die er selber gezeichnet hat. Die sind voll Farben und mit Kirchen und Kreuzen. „Sie sagen, dass Sie nicht glauben, aber in Ihren Bildern malen Sie Kirchen und Kreuze“ „Ja, Ja“

„Die sind wirklich schön“ sage ich, „Meinen Sie wirklich?“ fragt er. „Ja sie sind tatsächlich interessant, die Farbe sind sehr warm und schön“. „Gefällt das Ihnen?“ fragt er mich beim Zeigen ein Bild mit Kreuz. „Ja“ erwidere ich. „Dann schenke ich es Ihnen“. Er fragt nach meinen Namen und auf der Rückseite schreibt er „Für Laura, von Thomas“ und er gibt es zu mir. Wahnsinn!

Es ist schon Zeit zu gehen ich verabschiede mich und frage, ob ich tatsächlich barfuss laufen sollte. „Ja probieren Sie mal, hier ist es nicht einfach, weil er einige Steine gibt, aber es wird Ihnen gut tun“. Ich hole meine Sandale und laufe eine Strecke barfuss. Es ist schwierig, es tut weh aber ich aber den Eindruck, dass ich auch vor mir selbst so sein sollte“

Statt der Messe haben wir einen Gottesdienst mit Fußwaschung. Wahnsinn, was hat das zu bedeuten? Als ich auf dem Weg war, dachte ich, „meine Sandale sind nass, meine Füße auch und dreckig dazu. Bei der Fußwaschung ist das Wasser warm, angenehm, aber ich spüre Schwierigkeit, es ist wie ein Zwiespalt. Renate wascht meine Füße und lächelnd schaut mich an, ich mag es aber ich kann es noch nicht ganz akzeptieren. Was ist mit mir los?

Danach sage ich auf jeden Fall, dass es schön war und dass ich die Zärtlichkeit Gottes gespürt habe. Es stimmt auch aber es ist mir immer klarer, dass ich die nicht ganz aufgenommen habe.

Am Abend erzähle ich über meinen Tag. Alles in Ordnung, aber danach, während die anderen austauschen, taucht in mir ein schlechtes Gefühl, was ist es mit mir los? Ich will nur weinen, ich bin nicht in de Lage zu hören was die letzte Frau erzählt.

Es fällt mir ein, dass ich nicht ausgetauscht habe, was ich mit Thomas über die Menschen gesagt hatte, und dass ich weinen wollte. Ich erinnere mich an das Gefühl und Gedanken als ich am Bahnhof war. Ich dachte an meiner Jugend, wie ich war, was getan hat, was für eine Person ich war. Ich hatte mich mit Gott versöhnt aber warum taucht das wieder auf?

Am Ende des Austausches fragt Christian mich ob ich jenseits der Worte ein Gefühl für Susanne austauschen will. „Nein“ sage ich, ich will nur weinen, weggehen. Ich kann nicht mehr. Dann gehe ich schell heim. Ich will nicht mehr denken, nichts fühlen. Ich will nur schlafen. Ich schlafe sofort ein.

Freitag

Als ich aufwache, ist mein erster Gedanke für Thomas. Er hielt sich selbst nicht für einen Menschen, er hatte viele Fehler gemacht. Dann wieder die Gefühle bei den Menschen am Bahnhof . Es ist klar, ich konnte nicht annehmen, dass ich auch Mensch bin, so wie ich bin.

Und vor mir selbst will Gott, dass ich meine Schuhe ausziehe, und mich als heiliger Boden erkenne. Wahnsinn. Deswegen ging es mir gestern Abend so schlecht.

Du hast mir alles gegeben, geschenkt und du fragt mich jetzt den Schritt zu mir zu fassen.

Ja, klar, es gibt keine Mauer mehr zwischen Gott und mir, zwischen mir und die Menschen, aber ich spüre noch eine Mauer: zuwischen mir und mir!!!

Ich versuche diese Tage wieder zu betrachten und alles sagt mir, dass Du, mein Gott, der mich trägt und den von mir berühren lasst, hast dich deine Schuhe vor mir ausgezogen, und die Menschen auch. Du bist der Erste, der zu mir gekommen ist; Jeremia, Kurt, Lauren, Thomas, Christian, Renate usw. Ich fange an zu weinen. Ich auch bin heiliger Boden. Zu Thomas wollte ich sagen, dass er ein geliebter Sohn war (er konnte aber daran nicht glauben), es war als ob ich es nicht schaffte, das zu mir selbst zu sagen. Die Menschen haben mich irgendwie als heiligen Boden empfunden und haben sich geöffnet. Laura lass die Menschen zu die kommen und freue dich auf dich selbst.

Es ist klar „Sie sollten barfuss laufen“ hat Thomas gesagt. Ja, ziehe deine Schuhe vor dir selbst aus. Du bist heiliger Boden. Wahnsinn.

Etwas hat sich in mich geändert, mit diesen Gedanken, die jetzt keine Angst mehr in mir verursachen, gehe ich hinaus. Ich denke daran, aber es bleibt noch nur im Kopf. Ich finde es auf jeden Fall einen guten Einstieg für den Tag.

So gehe ich Richtung Bahnhof immer zwischen den beiden Mauern der Stadt und ich erlange zu einer Brücke. Ich bin am Fluss und betrachte die Landschaft, es ist alle so schön, ruhig, die Sonne scheint und die Enten spielen im Wasser. Ich verweile mich dort und genieße dieses neues Gefühl. Ich heiliger Boden. Wahnsinn.

Dann gehe ich fort, eine andere Brücke; auf der Strasse sehe ich von fern wie zwei große Taschen. Ich denke, jemand, vielleicht ein Obdachlos hat sie vergessen. Ich nähere mich und erstaune. Es ist ja eine Tasche aber auch jemand, der im Schlafsack schläft. Ich gehe vorbei und halte ein Paar Meter von dem Menschen. Ich kann nicht sehen, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Ich bleibe dort stehen.

Nach einer Weile kommt plötzlich ein Auto der Polizei. „Scheiße! denke ich, ich habe keine Zeit mehr um dem Menschen zu benachrichtigen. Das Auto hält, und zwei Polizisten steigen aus. Ich kann nichts tun, aber als Zeichen der Solidarität mit dem Menschen im Schlafsack, ziehe ich meine Sandale aus. Der Polizist zieht Handschuhe an, und die Polizistin sagt „Guten Morgen, hier ist die Polizei“, eine Stimme aus dem Schlafsack antwortet: „Schon wieder?“. Ein Mann kommt heraus. Ich schaue nicht an, versuche nur zu hören, was passiert. Die Polizisten bitten um Ausweis und reden mit ihm. Dann steigen sie ins Auto ein und fahren weg. Ich gucke ihn nicht an, aber ich verstehe, dass er dabei ist aufzuräumen.

Nach einer Weile scheue ich ihn an und er mich „Guten Morgen“ sagen wir gleichzeitig. Wahnsinn! Er ist der Mann, der gestern am Bahnhof mich angeguckt hat, und der barfuss vor der Wärmestube mich begrüßt hat. „Es kann nicht sein!!“ Ich überlege, was ich machen soll. Soll ich weg gehen, oder was. Ich habe keine Zeit mich zu entscheiden. Er kommt schon zu mir mit etwas in der Hand. „Hast du Hunger?“ fragt er mich. Ich habe keine Kraft zu antworten ich bin verwirrt. Er zieht ein Brötchen mit Fleisch und Salat aus einer Tüte und sagt: „Die sind frisch von gestern Abend“. „Ok aber es ist zu groß, wir teilen es“ erwidere ich.

„Ja mach mal halb halb“ Ich breche das Brötchen und gebe die Hälfte zu ihm. Ich esse meine Hälft er steckt seine wieder in die Tüte, er öffnet eine Flasche Bier und trinkt. Er geht weg (Aufs Klo?) und kommt zurück. Er stellt sich neben mir, aber sagt nicht, ich auch schweige. Ich denke nur es ist Wahnsinn.

Wir sind da nebeneinander, beide barfuss. Ich schaue seine Füße an und dann meine. Da spüre ich in mir, das nicht nur er sondern ich auch wirklich heiliger Boden bin. Es ist wunderschön, ich zittere innerlich, ich bin eindeutig erschüttert. Wir beide ohne Mauer, Mensch zu Menschen sind heiliger Boden. Unbeschreibbar.

Ich sage: „Wir habe schon gestern uns gesehen“ „Ja, am Bahnhof und bei der Wärmestube, darf ich fragen wie man dich nennt?“ „Ja, ich heiße Laura“. Er verstehet, das ich Ausländer bin und fragt woher ich kommen. Wir reden über Italien, über die Sonne, Assisi. Er trinkt weiter.

Er dankt der Sonne, er dankt für den neuen Tag. Er fühlt sich beschützt. Er hat mehrere Tätowierungen und ich frage was die bedeuten. Er erzählt mir von seiner Freundin, die weggegangen ist, und auf einer Insel gestorben ist, deswegen die Insel und das Kreuz.

Wir schweigen wieder, es ist einfach schön dort zu sein und dieses Gefühl der Freiheit und der tiefen Freude als heiligen Boden sich wahrzunehmen und aufzunehmen.

Die Tränen kommen in meinen Augen, ich versuche aber die zu verdrängen. Er schaut mich an: „Die Farben deiner Augen sind sehr schön“ sagt er, „Na, ja braun“ antworte ich. „Nein, nicht nur braun, es gibt auch eine schöne grüne Farbe“. „Deine Augen sind auch schön, blau“ sage ich. „Ja blau grau“ präzisiert er.

Wir bleiben noch in Stille, dann will er zur Wärmestube gehen. Ich bleibe dort stehen. „Wir sehen uns bestimmt“ sagt er. „Es kann sein“ antworte ich. Er streckt mir seine Hand und ich auch, wir verabschieden uns.

In mir ist schlicht reine Freude, Ruhe, Freiheit, so was starkes habe ich nie erlebt. Ich fühle mich so geliebt, mein Gott.

Ich wandere danach ohne Ziel, ich komme zu Katerinekirche an, aber von hinter, da merke ich, dass durch die Fenster ich den Himmel sehen kann. Ich setzt mich dort und betracht den Himmel und die Wolken, die durchziehen. Einfach so. Wahnsinn!!!

Ich genieße es, ich freue mich an mich selbst wie ich es nie gemacht habe. Ich bin nicht in der Lage zu beschreibein diese Freude, die ist einfach in meinem Bauch.

Dann gehe ich weiter jenseits des Bahnhofs und lande in Ausseplatz (oder ähnliches) , ich merke ein großes Plakat worauf stehe: „Wir rissen Mauer ein! Mach mit“. Das hast du mein Gott in mir getan.

Ein Kind in der Nähe vom Bahnhof hat eine Ente (Puppe) in der Hand, sie zeit sie mir sie lächelt, sie zeigt mich mit dem Finger an und sagt etwas in russisch, sie ist froh. „Was sagst du?“ frage ich, sie wiederholt aber ich kann nicht verstehen. Die Mutter sagt, dass sie nur russisch redest. „Tschüß“ sagt mir das Kind und gehen sie weg. „Tschüß“ antworte ich.

Ich laufe die Frauentorgrabe entlang, von diesen Frauen spüre ich keinen Anstoß, die sind einfach heiliger Boden, ich kann es ihnen nur mit dem Herzen sagen.

Ich erzähle Christian wie ich mich gestern Abend fühlte und er zieht seine Sandale aus, genau, das wollte ich gestern Abend nicht annehmen. Jetzt ist es so klar und ich freue mich sehr darüber. Am Ende gibt er mir den dritten Impuls, die zwei von Emmaus. Alles ist so eindeutig, so klar, so einfach, und auch so wahnsinnig echt.

Sonntag

Mir fällt immer Joachim ein, falls ich ihn treffe, lade ich ihn zum Gottesdienst ein.

Ich gehe hinaus und erreiche Whörder Wiese, ich begegne sofort mit einer Familie (Vater, schwanger Mutter, Kind). Der Mann begrüßt mich herzlich ich tue das gleiche und er beginnt zu reden. Ich verstehe sofort, die sind Zeuge von Jehova . Gewöhnlich ertrage ich die nicht und gehe gleich weg, aber heute bleibe ich dort und höre zu. Er beginnt mit dem üblichen Thema; Jesus der König, der Richter, der wiederkommt usw……

Ich weiß nicht, was es mit mir los ist aber ich kann einfach ihm antworten, es fällt mir einfach zu erwidern. Dann nimmt er die Bibel es liest etwas von Sprichwörtern über die Bösen und die Guten. Ich will ihm sagen, dass in allen Menschen begegnen wir mit Gott. Ich frage ob ich etwas von der Bibel lesen darf, er gibt mir die Bibel. Ich merke sofort, dass die Übersetzung ganz anders ist. Dann frage ich ihn, ob er wirklich Gott getroffen hat. Er sagt „Ja, natürlich, sonst wäre ich nicht unterwegs mit meiner Familie und würde nicht versuchen die Menschen über das Gericht Gottes zu überzeugen. Ich tue es trotz die Leute uns spotten, nicht hören wollen und uns ausgrenzen.“

Dann wird es mir spontan zu sagen: „Ich hoffen, dass Sie wirklich Gott in jedem Menschen treffen können“ und ich lege meine Hand auf sein Herzen. Und ich sage weiter „Gott ist in Menschen zu sehen, zu treffen. Vor jedem Menschen sollten wir unsere Schuhe ausziehen“. Er schaut mich verblüfft an. Ich wundere mich über mich selbst. Er sagt noch was, ich antworte. Dann sagt er zu mir: „Gut, ich wünsche Ihnen alles Gute, wir gehen jetzt“. „Ja, ich wünsche Ihnen auch alles Gute und Gottes Segen. Mögen Sie Gott im Herzen und in den Menschen spüren“. Alles Gute auch zur Frau, die schwanger ist. Dem Kind zeichne ich ein Kreuz auf der Stirne und sage: „Der Herr segne dich“, dann gehe ich weg.

So was ist es mir nie passiert, wie konnte ich so einfach erwidern und in Freiheit sagen was ich fühlte?

Dann laufe ich in den Park und setze mich auf einen Bank. Ich erfreue mich der Menschen, die vorbei kommen. Die meisten laufen, joggen, oder fahren mit dem Fahrrad. Da kommt ein Paar mit einem Kind im Kindwagen. Die reden, die diskutieren laut. Das Kind schaut mich an, lächelt mich an und grüßt mit der Hand, ich tue das selbe. Ich verweile noch dort, dann muss ich weg gehen. Ich laufe eine kleine Strecke und sehe unter einem Baum ein Fahrrad, eine Tasche und einen Schlafsack. Ich denken „Jemand hat hier geschlafen“. Plötzlich sehe ich Joachim, der sich zum Baum nähert. „Nein, es kann nicht sein. Gestern hat er hier nicht geschlafen, es ist Wahnsinn“. Aber gleichzeitig spüre ich, dass ich zu ihm gehen muss. Ich schaue ihn an, er mich auch. Ich grüße mit der Hand , er auch. Ich es weiß nicht, aber ich muss zu ihm. Ich bin jetzt vor ihm, er ist barfuss, ich ziehe meine Sandale aus und sage: „Ich muss dir was sagen“. Er ist erstaunt. „Danke für gestern“. „Einmal reicht es, sich zu bedanken“ antwortet er. „Aber gestern hast du gesagt, dass es gut ist, für alles zu danken“, „Ja, stimmt“. Er holt eine Flasche Wasser vom Sack, er trinkt und dann bietet es mich an. „Es ist nur wasser“ sagt er. Ich nehme und trinke. Ich sage fort: „Ich mache gerade Exerzitien auf der Strasse; weist du was Exerzitien sind?“ „Ja, die haben mit Nonnen zu tun, oder?“. „Ja auch. Und ich bin eine Nonne“ und zeige mein Kreuz. „Heute ist es der letzte Tag, ich war die ganze Woche unterwegs und ich habe Gott auf der Strasse, in den Menschen gesucht. Und gestern bin ich mit Ihm in dir begegnet. Du bist ein Mittel gewesen, damit sich Gott zu mir zeigen konnte. In die habe ich Ihn getroffen“. Ich bin barfuss und spüre wieder, dass wir beide heiliger Boden sind. „Wir sind beide heiliger Boden“ sage ich. Er schaut mich an, vielleicht denkt er, dass ich verrückt bin. Dann frage ich: „Darf ich dich umarmen?“ Er starrt mich und öffnet seine Armen, wir umarmen uns. Wir bleiben eine Weile umarmt. Ich spüre die Zärtlichkeit Gottes in ihm und gebe ich die zurück. Einfach so, ohne Arglist. Nur voll Freude und Frieden. Ich zittere innerlich. Wahnsinn!!! Als wir uns trennen, weinen wir beide. Er ist auch erschüttert. Ich hatte ihn schon zuvor zum Gottesdienst eingeladen. Er packt seinen Schlafsack ohne etwas zu sagen, ich helfe ihm. Ich ziehe meine Sandale an. Es ist mir klar, ich muss jetzt weg. Ich sage: „Ich muss jetzt gehen“. Ich streichele seine Arm, er lächelt mich an und ich gehe weg.

Ich fange an zu weinen vor Freude. Wahnsinn!!!!

Ich gehe ohne Ziel und komme zum Platz mit dem Pferd an. Von fern sehe ich Lauren, es ist aber mir klar, ich muss zu ihm nicht gehen. Er spielt alleine, ich denke „Er wartet auf jemand anderen“. Er geht zu Hause und ich gehe weiter zur Frauenkirche. Dort danke ich Gott fürs Geschehen. Danach überquere ich den Platz und sehe Rudi, der mit zwei Männer am Tisch sitzt. Er merkt mich und steht auf, begrüßt mich herzlich, mit den anderen gehen wir wo wir am Mittwoch saßen, aber unter im Grün, wo die Gondola ist. Er freut sich mich zu sehen, ich erzähle über die Exerzitien auf der Strasse und lade ihn ein zum Gottesdienst. Ich schaue hinauf und sehe Birgit, die mich anlächelt, dann ist sie weg.

Wir plaudern noch weiter und dann verabschiede ich mich und gehe weg.

Wieder zur Klarakirche, wo ich ein bisschen bete und danke für alles was ich bekommen habe, dann hole ich meine Dinge ab von Kesslerplatz und fahre heim. Ich fühle mich so wohl, voll Freude, Frieden und Dankbarkeit. Ich fühle Liebe auch für mich selbst.

Dann will ich zum letzten Mal zu Frauentorgrabe und mache mich auf den Weg. Während ich aber laufe wird es mir immer klarer, dass ich nicht mehr brauche, dorthin zu gehen.

Ich gehe die Pegniz entlang bis zu den Comboni.

Sonntag

Ich bete mit den anderen, dann Gottesdienst und Mittagessen. Ich kann alles und alle mit anderen Augen sehen, ich fühle mich anders als vor einer Woche. Ich frage mich, ob ich verrückt bin. Joachim und Rudi sind nicht gekommen zum Gottesdienst, es ist auch gut so.

Jetzt will ich diese meine Erfahrung nicht vergessen, sondern immer tiefer in mir zulassen. Ich will mich immer wieder führen lassen, wie es in dieser Woche gewesen ist.

So was habe ich nie erlebt. Es ist wirklich Wahnsinn, aber wahr. Ich kann schon spüren, dass ich die Strasse vermisse, die Begegnungen.

Ich überlege, wie ich jetzt diese Erfahrung mit meinem Studium verbinden kann, wie ich sie den Menschen and der Uni mitteilen kann. Ich kann die nicht für mich behalten, aber ich spüre schön, wie es schwierig ist, die mit meinen Mitschwestern auszutauschen. Ich fühle mich nicht verstanden. Ich muss auch gestehen, dass als Gabriella mir darüber erzählt hatte, konnte ich nicht begreifen und dachte, dass es übertrieben war. Jetzt habe ich es erlebt und weiß, was das bedeutet.

Ich habe keine Mauer mehr in mir, ich bin frei, getragen von Gott, den ich berühren durfte.

Ich habe seine Zärtlichkeit erlebt, und jetzt soll und will ich sie den Menschen mitteilen, geben.

Ein zweiter Text  von Laura:
Straßenexerzitien – Nürnberg, August 2005 –
Ich hatte über diese Exerzitien von meinen Mitschwester Gabriella gehört, sie hatte mir auch etwas von ihrer Erfahrung erzählt, und das hatte Interesse in mir aufgewacht. Ich konnte aber nicht genau verstehen und manchmal dachte ich es war ein bisschen übertrieben. Trotzdem hatte ich mich entschieden zu probieren.
Ich muss voraussetzen, dass eigentlich ich die Straßenexerzitien schon letztes machen wollte, aber es wart mir unmöglich, weil ich nach Italien fahren musste. Vielleicht war es auch gut so, dass ich die Exerzitien nicht machen konnte. Gott hat im letzten Jahr trotz oder besser in allen Problemen und Schwierigkeiten geführt, damit ich jetzt bereit sein konnte, Ihm in dieser Tage auf der Straße zu begegnen.
Ich hatte aber entschieden, dass ich diese Exerzitien allein machen wollte, d.h. nicht mit der Gruppe, deswegen im Einverständnis mit Christian habe ich woanders übernachtet. Es war alles in Ordnung und ich rechtfertigte mich beim Sagen, dass ich meine Ruhe brauchte nach allen Problemen der vergangenen Monaten. Eigentlich stimmte es nicht, und ich habe es während der Exerzitien entdeckt. Ich hatte einfach Angst vor der Gruppe, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen, ich fürchtete die mögliche Urteile usw.
Schon am ersten Abend fragte mich Renate, ob ich bei dem Austausch bleiben wollte, aber ich wollte nicht. Ab Sonntag Abend aber nach der ersten „wahnsinniger“ Begegnung, war es mir klar, dass ich bleiben sollte. Es interessierte mich nicht mehr, was die anderen über mich denken oder sagen konnten. Ich war schon innerlich frei.
Wie die anderen Teilnehmer schon wissen, das Wort „Wahnsinn“ hat mich schon ab dem zweiten Tag begleitet. Ja ich konnte wirklich kaum glauben was passierte. Ich muss ehrlich sagen, so was habe ich nie erlebt. Ich bin Schwester seit 5 Jahre und geistliche Exerzitien sind mir schon gut bekannt und sie haben immer mir viel Kraft gegeben. Die Beziehung zu Gott ist mir am Wichtigsten aber dieses Mal war die Gotteserfahrung wirklich so tief und außerordentlich, dass ich nur staunen konnte. Jeden Tag hat Gott zu mir „gesprochen“ in Menschen und Ereignisse, die ich mir zuvor nie vorstellen konnte.
So jetzt habe ich mich endlich entschieden etwas darüber zu schreiben. Also, ich hatte schon nach den Exerzitien 14 Seiten mit allen Details über diese Tage geschrieben aber ich denke es wäre zu viel. Deswegen werde ich hiermit nur ein paar Begegnungen, Ereignisse erzählen.

Die zwei ersten Tage habe ich die meistens in Gebet alleine verbracht, ich bin nur am Nachmittag hinausgegangen um Christian zu treffen, ich war mit mir selbst und mit dem Gottesnamen, den ich in jedem Moment Ihm geben wollte, beschäftigt.
Die innerlichen Mauer, die ich schon letztes Jahr gespürt hatte und die mich Angst verursachten, waren jetzt nicht mehr da, sie existierten eigentlich nicht und ich fühlte mich frei.
Beim Sprechen mit Christian hatte ich meinen Gottesnamen gefunden: „Der, du mich trägst und der, du von mir berühren lässt“.
Diese Möglichkeit, Gott zu berühren, hatte ich nie zuvor gedacht. Aber jetzt, dass meine inneren Mauer nicht mehr da waren, war der Zugang zu Gott und zu den Menschen wirklich möglich. Es war jetzt mir eigentlich egal wann; heute, morgen, in einem Jahr, in zehn Jahren, vielleicht sogar nie in diesem Leben. Es war einfach wunderschön, dass es keine Mauer mehr gab, die trennten. Es konnte tatsächlich möglich in jedem Augenblick sein, Gott zu berühren. Deswegen schon am Samstag konnte ich mich selber in den Augen von Christian sehen; es gab keine Mauer.

Begegnung mit Jeremia

Am Sonntag Nachmittag, nach einem Spaziergang im Zentrum, laufe ich weiter Richtung Gostenhof die Mauer entlang. Ich habe mich auf einen Bank gesetzt und plötzlich merke ich, dass ich zwischen den zwei großen Mauer der Stadt sitze, ich habe keine Angst, die Mauer in mir existiert nicht mehr. Die äußere Mauer haben keine Macht auf mich. Die Tür ist offen. Ich fühle mich so ruhig und in Frieden.
Dann komme ich bei den Comboni an, und Christian wartet auf mich, wir machen uns auf den Weg zur Pegnitz. Es beginnt zu tröpfeln, und wir setzen uns bei dem Eingang einer Firma unter einem Vordach.
Ich erzähle ihm was ich während des Tages erlebt und gespürt habe, wie ich mich „wahnsinnig“ gut und frei fühle. Ich habe gerade beendet zu erzählen, und es beginnt heftig zu regnen, ich sage „das ist ein Segen“. Plötzlich kommen zwei Männer und ein Kind an. Die sind Afrikaner. Ich schaue sie verblüfft an. Christian sagt „Laura, du bist Combonimissionsschwester, und sie sind Afrikaner“. Ich schaue das Kind an, ich kann es nicht glauben, ich zögere, ich blicke auf Christian, er lächelt. Es ist mir klar. Ich stehe auf, gehe zum Kind, das mich anlächelt, es hat zwei große schwarze Augen, in denen ich mich selber sehen kann. Ich halte seine Hand, die es mir reicht, ich streichele seinen nassen Kopf. Ich frage den Vater, wie alt das Kind ist. „15 Monate“ sagt er. Es heißt Jeremia. Es ist voll Freude, in der Hand hat es ein Stück Croissant, es bricht ein kleines Stück und reicht es mir, ich esse es, es ist süß. Danach kommt Christian auch nahe, Jeremia bricht wieder ein größeres Stück und gibt es mir. Meinerseits breche ich es und gebe Christian ein Stück, seinerseits bricht er es wieder und gibt dem Kind. („…und sie erkannten ihn“ Lk 24,31)
Ich frage woher sie kommen; der Vater aus Kenia, der Freund aus Tunesien und das Kind halb Kenianer halb Deutscher. Ich konnte meinen eigenen Augen nicht trauen. Ich berühre ihn, es ist froh, es lässt sich berühren. Es sieht mein Kreuz, es fasst es, und spontan sage ich „Du kennst es ja!“.
Dann plötzlich regnet es nicht mehr, die Sonne scheint, und die sagen: „Jetzt gehen wir weg!“. Und sie sind weg. Wahnsinn!
„Ich habe es gesehen, ich bin Zeuge“ sagt mir Christian.
Donnerstag Nachmittag: Thomas
Es ist noch früh, aber ich bin müde und mache mich auf den Weg zu den Comboni. Ich gehe die Pegnitz entlang, ich fühle ich soll ein anderen Weg gehen, so kehre ich zurück und gehe auf die andere Seite des Parks. Etwa hundert Meter vorne sitzt ein Mann auf dem Bank, er trinkt, ich komme vorbei und er sagt zu mir „Hallo“ ich tue dasselbe und er fängt an über das Wetter zu reden. Es ist klar, ich setze mich neben ihn. Ich sage auch, dass das Wetter nicht gut ist, es ist alles nass und schaue meine Sandale an. Er guckt mich an und sagt: „Sie sollten barfuss laufen!“ Mein Gott, was für ein Schlag! Ich verstehe aber noch nicht, was das für mich bedeuten kann. Dann unterhalten wir uns über verschiedene allgemeine Themen. Ich weiß nicht mehr wie wir über das Thema „Menschen“ angekommen sind, aber er ist pessimistisch, fühlt sich nicht wirklich Mensch. Ich aber sage „wir alle sind Menschen, es gibt keinen Unterschied“, er erwidert: „Nein, es gibt viele böse Menschen. Sie wissen auch nicht was für ein Mann ich bin“. Ich will ihm nur sagen, dass wir alle Menschen sind, ohne Unterschied. Ich möchte, dass er daran glaubt, aber die Tränen steigen in meinen Augen auf, ich kann nicht mehr sprechen. Er merkt es vielleicht und wechselt das Thema. Ich bin erschüttert und weiß nicht warum. Dann holt er von seiner Tasche einige Bilder heraus. Die sind Bilder, die er selber gezeichnet hat. Sie sind voll Farben und mit Kirchen und Kreuzen. „Sie sagen, dass Sie nicht glauben, aber in Ihren Bildern malen Sie Kirchen und Kreuze“ sage ich „Ja, Ja“ antwortet er.
„Sie sind wirklich schön“ sage ich, „Meinen Sie wirklich?“ fragt er. „Ja sie sind tatsächlich interessant, die Farbe sind sehr warm und schön“. „Gefällt das Ihnen?“ fragt er mich beim Zeigen eines Bildes mit einem Kreuz. „Ja“ antworte ich. „Dann schenke ich es Ihnen“. Er fragt nach meinen Namen und auf der Rückseite schreibt er „Für Laura, von Thomas“ und er gibt es zu mir. Wahnsinn!
Es ist schon Zeit zu gehen, ich verabschiede mich und frage, ob ich tatsächlich barfuss laufen sollte. „Ja probieren Sie mal, hier ist es nicht einfach, weil es steinig ist, aber es wird Ihnen gut tun“. Ich hole meine Sandale und laufe eine Strecke barfuss. Es ist schwierig, es tut weh aber ich aber den Eindruck, dass ich auch vor mir selbst so sein sollte“.

Ich komme bei den Comboni an, und statt der Messe haben wir einen Gottesdienst mit Fußwaschung. Wahnsinn, was hat das zu bedeuten? Als ich auf dem Weg war, dachte ich, „meine Sandale sind nass, meine Füße auch und dreckig dazu. Bei der Fußwaschung ist das Wasser warm, angenehm, aber ich spüre Schwierigkeit, es ist wie ein Zwiespalt in mir. Renate wascht meine Füße und lächelnd schaut mich an, ich mag es aber ich kann es noch nicht ganz akzeptieren. Was ist mit mir los?
Danach sage ich auf jeden Fall, dass es schön war und dass ich die Zärtlichkeit Gottes gespürt habe. Es stimmt auch aber es ist mir immer klarer, dass ich die nicht ganz aufgenommen habe.
Am Abend erzähle ich über meinen Tag. Alles ist in Ordnung, aber danach, während des Austausches der anderen, taucht in mir ein schlechtes Gefühl auf, was ist mit mir los? Ich will nur weinen, ich bin nicht in de Lage zu hören das, was Susanne erzählt.
Es fällt mir ein, dass ich nicht ausgetauscht habe, was ich mit Thomas über die Menschen gesagt hatte, und dass ich weinen wollte. Ich erinnere mich an das Gefühl und Gedanken als ich am Bahnhof neben jenen Jugendlichen saß.
Am Ende des Austausches fragt Christian mich, ob ich jenseits der Worte ein Gefühl für Susanne austauschen will. „Nein“ sage ich, ich will nur weinen, weggehen. Ich kann nicht mehr. Dann gehe ich schell heim. Ich will nicht mehr denken, nichts fühlen. Ich will nur schlafen. Ich schlafe sofort ein.

Freitag: Heiliger Boden
Ich wache sehr früh auf, und mein erster Gedanke ist für Thomas. Er hielt sich selbst nicht für einen Menschen, er hatte viele Fehler gemacht. Dann wieder die Gefühle bei den Menschen am Bahnhof . Es ist mir klar, ich konnte nicht völlig annehmen, dass ich auch Mensch bin, so wie ich bin.
Und vor mir selbst will Gott, dass ich meine Schuhe ausziehe, und mich als heiliger Boden erkenne. Wahnsinn. Deswegen ging es mir gestern Abend so schlecht.
Gott hat mir alles gegeben, geschenkt und jetzt fordert er, dass ich den Schritt zu mir fasse.
Ja, klar, es gibt keine Mauer mehr zwischen Gott und mir, zwischen mir und die Menschen, aber ich spüre noch eine Mauer: zwischen mir und mir!!!
Ich versuche diese Tage wieder zu betrachten und alles sagt mir, dass Gott, „der mich trägt und der von mir berühren lässt“, hat sich seine Schuhe vor mir ausgezogen, und die Menschen auch. Er ist der Erste, der zu mir gekommen ist in Jeremia, Kurt, Lauren, Thomas, Christian, Renate usw. Ich fange an zu weinen. Ich auch bin heiliger Boden. Zu Thomas wollte ich sagen, dass er ein geliebter Sohn war (er konnte aber daran nicht glauben, erst jetzt merke ich seinen Namen), es war als ob ich es nicht schaffte, das zu mir selbst zu sagen. Die Menschen haben mich irgendwie als heiligen Boden empfunden und haben sich geöffnet.
Es ist mir klar, „Sie sollten barfuss laufen“ hat Thomas gesagt. Ja, Laura ziehe deine Schuhe vor dir selbst aus. Du bist heiliger Boden. Wahnsinn.
Etwas hat sich in mich geändert. Mit diesen Gedanken, die jetzt keine Angst mehr in mir verursachen, gehe ich hinaus. Ich denke daran, aber es bleibt noch nur im Kopf. Ich finde es auf jeden Fall ein guter Einstieg für den Tag.
So gehe ich Richtung Bahnhof immer zwischen den beiden Mauern der Stadt und ich erlange zu einer Brücke. Ich bin am Ufer des Flusses und betrachte die Landschaft, es ist alle so schön, ruhig, die Sonne scheint und die Enten spielen im Wasser. Ich verweile dort und genieße dieses neues Gefühl. Ich heiliger Boden. Wahnsinn.
Dann gehe ich fort, eine andere Brücke; auf der Strasse sehe ich von fern wie zwei große Taschen. Ich denke, jemand, vielleicht ein Obdachlos, hat sie vergessen. Ich nähere mich und erstaune. Es ist ja eine Tasche aber auch jemand schläft im Schlafsack. Ich gehe vorbei und halte ein Paar Meter weit vom Menschen. Ich kann nicht sehen, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Ich bleibe dort stehen.
Nach einer Weile kommt plötzlich ein Auto der Polizei. „Scheiße! denke ich, ich habe keine Zeit mehr um dem Menschen zu benachrichtigen. Das Auto hält, und zwei Polizisten steigen aus. Ich kann nichts tun, aber als Zeichen der Solidarität mit dem Menschen im Schlafsack, ziehe ich meine Sandale aus. Der Polizist zieht Handschuhe an, und die Polizistin sagt „Guten Morgen, hier ist die Polizei“, eine Stimme aus dem Schlafsack antwortet: „Schon wieder?“. Ein Mann kommt heraus. Ich schaue nicht an, versuche nur zu hören das, was passiert. Die Polizisten bitten um Ausweis und reden mit ihm. Dann steigen sie ins Auto ein und fahren weg. Ich gucke ihn nicht an, aber ich verstehe, dass er dabei ist aufzuräumen.
Nach einer Weile schaue ich ihn an und er mich auch: „Guten Morgen“ sagen wir gleichzeitig. Wahnsinn! Er ist der Mann, der gestern am Bahnhof mich angeguckt hat, und der barfuss vor der Wärmestube vorbei gelaufen ist und mich gegrüßt hat. „Es kann nicht sein!!“ denke ich. Ich überlege, was ich machen soll. Soll ich weg gehen, oder was? Ich habe keine Zeit mich zu entscheiden. Er kommt schon zu mir mit etwas in der Hand. „Hast du Hunger?“ fragt er mich. Ich habe keine Kraft zu antworten ich bin verwirrt, fassungslos. Er zieht ein Brötchen mit Fleisch und Salat aus einer Tüte und sagt: „Die sind frisch von gestern Abend“. „OK aber es ist zu groß, wir teilen es“ erwidere ich.
„Ja mach mal halb halb“ Ich breche das Brot und gebe ihm die Hälfte. Ich esse meine Hälfte und er steckt seine wieder in die Tüte, er öffnet eine Flasche Bier und trinkt. Er geht weg (Aufs Klo?) und kommt zurück. Er stellt sich neben mir, aber sagt nicht, ich auch schweige. Ich denke nur es ist Wahnsinn.
Wir sind da nebeneinander, beide barfuss. Ich schaue seine Füße an und dann meine. Da spüre ich in mir, das nicht nur er sondern ich auch wirklich heiliger Boden bin. Es ist wunderschön, ich zittere innerlich, ich bin eindeutig erschüttert. Wir beide ohne Mauer, Mensch zu Menschen sind heiliger Boden. Unbeschreibbar.
Ich sage: „Wir habe schon gestern uns gesehen“ „Ja, am Bahnhof und bei der Wärmestube, darf ich fragen wie man dich nennt?“ „Ja, ich heiße Laura“. Er verstehet, das ich Ausländer bin und fragt woher ich kommen. Wir reden über Italien, über die Sonne, Assisi. Er trinkt weiter.
Er dankt für die Sonne und für den neuen Tag. Er fühlt sich beschützt. Er hat mehrere Tätowierungen und ich frage was sie bedeuten. Er erzählt mir von seiner Freundin, die weggegangen ist, und auf einer Insel gestorben ist, deswegen die Tätowierung mit einer Insel und einem Kreuz.
Wir schweigen wieder, es ist einfach schön dort zu sein und dieses Gefühl der Freiheit und der tiefen Freude zu genießen, mich als heiligen Boden wahrzunehmen und aufzunehmen.
Die Tränen kommen in meinen Augen, ich versuche aber die zu verdrängen. Er schaut mich an: „Die Farben deiner Augen sind sehr schön“ sagt er, „Na, ja braun“ antworte ich. „Nein, nicht nur braun, es gibt auch eine schöne grüne Farbe“. „Deine Augen sind auch schön, blau“ sage ich. „Ja blau grau“ präzisiert er.
Wir bleiben noch in Stille, dann will er zur Wärmestube gehen. Ich bleibe dort stehen. „Wir sehen uns bestimmt“ sagt er. „Es kann sein“ antworte ich. Er streckt mir seine Hand und ich auch, wir verabschieden uns.
Noch wieder ist Gott zu mir gekommen und hat mir durch Joachim gesprochen, und sich von mir berühren lassen hast. Unter dieser Brücke hat Gott mir geschenkt, dass ich mich als heiligen Boden wahrnehme und aufnehme.

Es ist wirklich „Wahnsinn“, wie Gott mit mir in diesen Exerzitien umgegangen ist, wie Er mich getragen hat. Und die obenerzählten Begegnungen sind nur einige, die ganze Woche war voll Ereignisse, die jetzt mein Leben verwandelt haben.
In diesen Exerzitien habe ich erlebt, dass man nur in ganzem Vertrauen und beim „sich von Gott tragen lassen“ befreit und innerlich verwandelt werden kann.

Und das schönste ist, dass diese Erfahrung nicht vorbei ist, sondern geht immer fort…..

Ich will nicht die Menschen vergessen, die für mich während diesen Tagen gebetet haben.
Ich möchte besonders Christian und Renate, die mich begleiten haben, danken. Und endlich,
„last but not least“ allen Teilnehmer, von denen ich viel gelernt und bekommen habe.