Klaus Mertes, Nachwort zu „Im Alltag der Straße ….“

Wie ich durch die Exerzitien auf der Straße lernte,
die ignatianischen Exerzitien besser zu verstehen.

  1. Meine Geschichte mit den Exerzitien

1977 trat ich in den Jesuitenorden ein. Von Exerzitien hatte ich vorher nichts gehört. Ich erinnerte mich nur an Vortrags-„Exerzitien“ für die ganze Mittelstufe, bei denen ich eingeschlafen war. Ich brauchte im Orden einige Jahre, um mich auf die ignatianischen Einzel-Exerzitien einzulassen, auf Begleitungsgespräche. Ich begriff langsam dass die Betrachtung des Lebens Jesu mit allen Sinnen und das aufmerksame Achten auf die eigenen inneren Reaktionen nicht nur ein intellektueller Vorgang ist, sondern eine Vorbereitung und innere Einstellung darauf, dass mir Jesus tatsächlich in meinem Leben begegnen könnte. In den ignatianischen Exerzitien begegnete er mir vor allem in der Schrift. Je regelmäßiger und sorgfältiger ich die Schrift betrachtete, umso lebendiger stieg in meinem Herzen das Bild Jesu auf. In der täglichen Unterscheidung der Geister versuchte ich immer mehr, an diesem lebendigen Jesus in mir Orientierung für mich und meine Entscheidungensituationen zu finden.

Doch dann begegnete mir der Ruf des Auferstandenen eines Tages überraschend außerhalb der „Übungen“ und auch außerhalb der Schrift, und zwar mit einem Auftrag, den ich mir nicht ausgesucht hatte und der mich aus der Ordnung der Übungen und der Schriftbetrachtung, ja aus der Ordnung meines Lebens herausriss. Es ging um den Schutz einer Schülerin gegen familiäre Ausgrenzung und Gewalt. Diese Begegnung öffnete mich für die Einladung zu Exerzitien auf der Straße. Christian Herwartz und Alex Lefrank kündigten sie 1996 über eine kleine Notiz in unserem jesuiteninternen Informationsblättchen an für den Sommer 1997.

Seit der Ruf Jesu in meinem Leben so konkret geworden war, gelang mir die Rückkehr zu den klassischen ignatianischen Übungen nicht mehr. Das konnte ich nicht sofort akzeptieren. Ich versuchte es zwei bis drei Mal, aber es klappte nicht. Es blieb ein Gefühl von Leere und Traurigkeit, das nicht vom „guten Geist“ sein konnte, wie Ignatius es in seinen Exerzitien formuliert. Die Liebe zur Schrift und die Lebendigkeit des „inneren Jesus“ blieben zwar, aber sie führten mich nicht mehr weiter, im Gegenteil, sie selbst waren es, die mich über eine Grenze schubsten, hinter die ich nicht mehr zurück konnte. So nahm ich die Einladung zu dem Experiment an, das damals noch gar nicht „Exerzitien auf der Straße“ hieß, sondern „Exerzitien an sozialen Brennpunkten“. Die Einladung leuchtete mir ein: Die Straße wurde mir zur Schrift, die Betrachtung mit allen Sinnen wurde vertieft durch die Begegnung mit Menschen auf der Straße. Die Übungen auf der Straße öffneten meinen Blick für die „Geschenke in allen Ereignissen“, wie ich heute das ignatianische Wort von „Gott suchen und finden in allen Dingen“ übersetze.

Doch wie das so ist bei Grenzüberschreitungen, die nicht Grenzverletzungen aus Gewalt sind, sondern Grenzüberschreitungen, in die man durch Not oder durch Liebe oder durch beides gezogen wird: Sie verändern den Blick auf das ganze Leben, nach vorne und nach hinten. Wenn man eine Grenze überschritten hat, dann hat man nicht nur eine neue Landschaft vor sich, sondern sieht auch die Landschaft hinter sich neu. Mein persönlicher Übertritt über den Grenz-Fluss – vergleiche die Jakobsgeschichte am Jabbok, Gen 32,23-33 – war die Entscheidung gewesen, eine Erfahrung auf der Straße meines Lebens als Ruf Jesu an mich persönlich zu deuten. Ich war gemeint, ausgerechnet ich. Die Offenheit für diese konkrete Ansprache fand ich in den Exerzitien auf der Straße als Übung wieder. Später habe ich bei der Begleitung von Exerzitien auf der Straße erlebt, dass Übende den Jabbok für sich während der Exerzitien zum ersten Mal überschritten – auch bei den abendlichen Gruppengesprächen, in denen es um die Deutung der Begegnungen auf der Straße geht, und in denen dann auch manchmal die Entscheidung fiel, sich zu der theologischen Deutung einer Begegnung zu bekennen. Das sind heilige Momente in der Gruppengesprächen. Hier erlebte ich zugleich bei anderen, was ich selbst erlebt hatte: Wenn ich einmal Ja dazu sage, dass mir persönlich in einer Begegnung ein Geschenk des Himmels, ein „Wort Gottes“ entgegenkommt, dann verändert sich der Blick auf alles in meinem Leben, nach vorne wie nach hinten.

  1. Der Einstieg in die Exerzitien

Die ignatianischen Übungen beginnen mit dem „Prinzip und Fundament“. Der Text im Exerzitienbüchlein ist etwas sperrig zu lesen; ein kurzer, in Katechismus-Sprache gehaltener Abschnitt. In den klassischen Übungen verband ich den Blick auf mein „Fundament“ mit der Übung der Dankbarkeit. Mit ihr begannen die Exerzitien. In den Exerzitien auf der Straße veränderte sich jedoch mein Zugang zum Fundament: Nun ging es stärker darum, der eigenen Lebenssehnsucht auf die Spur zu kommen, und zwar durch Abgrenzung, durch das Nein-Sagen. Die Übung der Dankbarkeit kann ja – ganz gegen ihren Sinn – mit „positivem Denken“ verwechselt werden. Mich belastete diese Übung der Dankbarkeit gerade in den 90er Jahren, weil ich immer wieder in der Falle landete, das Schmerzliche zunächst einmal beiseitezuschieben und das Positive zu suchen, das mein Fundament sein sollte. Jetzt fand ich für mich mein persönliches Ja, Befreiung über das Nein, ähnlich wie bei der Taufe, wo zu Beginn des Glaubensbekenntnisses nach dem gefragt werde, wozu ich Nein sagen will („Wiedersagst Du dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben?“). Indem ich verstärkt gerade am Anfang auf das blicken konnte, wozu ich nein sagte, fand ich neuen Zugang zu dem Ja hinter dem Nein. Das positive Fundament meines Glaubens wurde so überraschend neu freigelegt.

„Sehnsucht“ ist in der Sprache von Ignatius ein wichtiges Wort. Ignatius stellt Kandidaten, die in den Jesuitenorden eintreten wollen, die Frage, ob es eine Sehnsucht gibt, die sie treibt. Wenn sie diese Frage (noch) nicht beantworten können, fragt er nach, ob sie wenigstens eine Sehnsucht nach der Sehnsucht haben. Antwortet die gefragte Person dazu mit Ja, ist die Aufnahme in den Orden möglich.

Um dasselbe geht es bei der Anfangsfrage in den Exerzitien auf der Straße. Der Ausgangspunkt ist auch die Sehnsucht, meine Sehnsucht, die sich hinter der Trauer, dem Ärger oder dem Zorn verbirgt, den ich in die Exerzitien mitbringe. In den Exerzitien auf der Straße ist die Dankbarkeit auch das Herzstück der abendlichen Gespräche in der Gruppe. Allein schon die Tatsache, dass ich etwas von meiner Sehnsucht besser kennengelernt habe, ist ein Anlass zur Dankbarkeit. Der mitgehende Gott, den jeder und jede persönlich ansprechen kann, ist das „Fundament“ in dieser Exerzitienform.

  1. Die Begegnung mit Gott im Leben

Ignatius unterteilt seine Exerzitien in „vier Wochen“. Diese „Wochen“ müssen nicht notwendig als Zeitangabe verstanden werden. Sie enthalten jedenfalls vier Themenschwerpunkte: 1. Barmherzigkeit Gottes, Sünde des Menschen; 2. Menschwerdung; 3. Kreuz; 4. Auferstehung. In der ersten Woche werden die Adamssünde und die eigenen Sünden vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit Gottes betrachtet. Es geht um Bekehrung, um Umkehr – Metanoia, Umdenken. Die Betrachtung von Gottes Barmherzigkeit ermöglicht den kritischen Blick auf den Zustand der Schöpfung, an deren Zustand ich nicht unbeteiligt bin, und die ihrerseits an meinem Zustand nicht unbeteiligt ist. Ignatius erlebte diesen Prozess der Selbsterkenntnis existentiell auf dem Krankenbett in Loyola, ein Prozess, der ihn von einem „christentümlichen“ Traditionschristen zu einem Menschen mit lebendiger Geist-Erfahrung wandelte, zu einem Konvertiten im eigentlichen Sinne des Wortes.

Meine Not mit der Ersten Woche der Exerzitien bestand darin, dass ich kein ausgeprägtes Sündenbewusstein hatte. Wenn ich konkret mit Blick auf mich selbst in die Betrachtungen der Ersten Woche ging, betrachtete ich dann doch eher die „Sünde der Welt“ und die Sünden der anderen. Höchstens meine darin erahnte Selbstgerechtigkeit konnte ich mir zum Vorwurf machen, die ich aber tendenziell für weniger ausgeprägt hielt als die Selbstgerechtigkeit der „Schriftgelehrten und Pharisäer“ (vgl. Mt 23) oder die der Zeloten aller Zeiten. Das befriedigte mich nicht und führte mich in einen Widerspruch. Ich sehnte mich, wenn man es so sagen kann, nach einer Erfahrung, nach der man sich nicht sehnen kann, nämlich mich wie Ignatius auf dem Krankenbett von Loyola vor Gott als Sünder zu begreifen und ganz neu denken zu dürfen, umzudenken – metanoein. Die „glückliche Schuld“ aber, von der im Osterlob die Rede ist, („O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“), kann man nur im Rückblick selig preisen. Man kann sich nicht nach ihr sehnen.

In den Exerzitien auf der Straße wird der Vorgang der Umkehr im Anschluss an die Dornbuschgeschichte durch das Ausziehen der Schuhe ausgedrückt: „Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Ex 3,8) Die Aufforderung zur Umkehr ist also mitgegeben, wenn ich dem brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch begegne. Daraus folgt, dass es in der Ersten Woche zunächst nicht um die Suche nach der eigenen Sünde geht, sondern um die Suche nach Gottes Gegenwart in meinem Leben. Dass die Schuhe mich daran hindern, den „heiligen Boden“, die Gegenwart der Gottheit zu spüren, merke ich, wenn ich dem Dornbusch schon begegnet bin. Es geht also zunächst um den Dornbusch.

Wenn es sich so verhält, dann ist Sünde mehr als die Übertretung moralischer Regeln, wie ich sie in der Ersten Woche so angestrengt bei mir ausfindig zu machen suchte. Sünde ist zunächst etwas Religiöses, was mich von der brennenden Gegenwart Gottes abtrennt, mich von ihr „verschont“; die Sohlen, die zwischen mir und dem „heiligen Boden“ stehen. Im Rückblick erinnere ich mich an eine Begegnung aus meiner Zeit in Kalkutta: Ich lebte dort 1990 in einer medizinischen Station der „Ärzte für die Dritte Welt“ mitten im Slum. Unsere Aufgabe war es, den Ärmsten der Armen kostenlosen Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Wir lebten sozusagen im moralisch Richtigen. Doch die Gelegenheit zur eigentlichen „Konversion“ ergab sich erst, als eine Familie uns zu sich in die Hütte einlud. Sie wollte sich für unsere Hilfe bedanken. Das war im Helferprogramm allerdings nicht vorgesehen. Als ich die Hütte der Armen betrat, merkte ich, wie dick meine Sohlen waren. Die meisten Gaben der Armen konnte ich nicht annehmen, weil sie mich ekelten, weil ich Angst vor Ansteckungsgefahr hatte, weil ich eigentlich keine Beziehung zur Familie wollte.

Die Exerzitien auf der Straße machen plastisch deutlich, worum es gerade auch in den ignatianischen Exerzitien geht: Die Begegnung mit Gott im eigenen Leben. Die Erkenntnis der Schuhe, die mich von der Gegenwart des Heilen trennen, ergibt sich automatisch, wenn dieser Moment der Begegnung da ist. Die Scham über mich selbst kommt von selbst. Im Übrigen habe ich mich ja in der Regel nicht irgendwann entschieden, diese Schuhe zu tragen. Sie waren vielmehr schon immer an meinen Füßen – Stichwort „Adamssünde“. Nur: Jetzt habe ich die Gelegenheit, sie entweder auszuziehen oder sie weiter zu tragen. Wenn der Dornbusch brennt, dann ist die Gute Botschaft dabei: „Die Gelegenheit ist da. Denk um.“ (vgl. Mk 1,13)

Nebenbemerkung: Mit dieser theologischen, „charismatischen“ Perspektive ist der Straße auch jede Sozialromantik genommen. Auf der Straße gibt es Gut und Böse, Begegnung und Gewalt. Die Gewaltverhältnisse, die die Armen auf die Straße drücken, wiederholen sich auf der Straße. Doch mitten drin kann ein Dornbusch brennen, der nicht verbrennt, auf der Straße, wo alles offen da liegt.

  1. Die Option für die Armen

Ignatius spricht in seinem Exerzitien-Büchlein oft eine Sprache, die für zeitgenössische Ohren masochistisch klingen könnte. Es gibt bei ihm eine Sehnsucht nach der „Armut mit dem armen Christus“, nach der „Schmach mit dem geschmähten Christus“, nach dem Leiden mit dem leidenden Christus. Eigentlich ist das ja ein Motiv der gesamten christlichen Frömmigkeit. Im Gesang „stabat mater“ – eine mittelalterliche Dichtung, die ich in ihrer Vertonung von Dvorak besonders gerne singe und höre – geht es um das Leiden mit der mit ihrem Sohn mitleidenden Mutter. Ziel ist auch hier wieder das buchstäbliche Mit-Leiden mit dem leidenden, „kreuztragenden“ Christus, dem sich Ignatius spätestens seit der La-Storta-Vision „zugesellt“ fühlt – weswegen der Name des Ordens auch „Gesellschaft Jesu“ ist. Ignatius empfiehlt den Übenden, sich in diese Sehnsucht einzufühlen, nicht weil eine „Schmerz-Leistung“ zu erbringen wäre, sondern aus Liebe zu Christus, um ihm auch in seinem Schmerz nahe zu sein.

Man kommt in den ignatianischen Exerzitien am Thema Schmerz nicht vorbei, auch in der Begegnung mit dem Dornbusch nicht. Der ist nämlich kratzig. „Kratzig“ ist alles, was sich nicht weich und glatt anfühlt: Der harte Boden, auf dem ich schlafe; der Schluck trüben Wassers, der mir in der Hütte der Armen gereicht wird; der Geruch der Obdachlosen neben mir in der Suppenküche, die Fremdheit der Moschee. Für Ignatius war auch seine erste Begegnung mit Jesus „kratzig“: Einerseits die Verletzung bei der Verteidigung der Stadt Pamplona, andererseits die Lektüre der Heiligengeschichten und des Lebens Jesu, auf die er mangels unterhaltsamerer Lektüre in den langen Monaten auf dem Krankenbett schließlich eher widerwillig zurückgriff.

Die Masochismus-Verdächtigung dieser Sehnsucht ist natürlich ein ernster Punkt. Zu oft bediente die Kreuzesfrömmigkeit masochistische und sadistische Bedürfnisse und verstärkte sie. Aber man entkommt andererseits der Kreuzesfrömmigkeit nicht, wenn man dem Evangelium begegnet. Auf der Straße ist das leiblich spürbar. Es kann richtig wehtun. Die Sehnsucht nach dem kratzigen Dornbusch besteht allerdings nicht in der Sehnsucht nach dem Gekratzt-Werden, sondern in der Sehnsucht nach der brennenden Gegenwart im kratzigen Dornbusch. Aber wer einmal dem Kratzigen des brennenden Dornbuschs begegnet ist, kann das Kratzige nicht mehr einfach abtun als etwas, was eigentlich nichts mit dem Dornbusch zu tun hat. Gott und Leiden lassen sich nicht trennen. Die Begegnung mit Jesus ist auch Begegnung mit seinem Leiden, mit seiner Dornenkrone, die dann auch mir weh tut – weil sie mich berührt in meiner Nähe zum Dornengekrönten. Gott fügt mir in der Begegnung mit Jesus nicht aktiv Leiden zu, aber es gibt keine Möglichkeit zur größeren Nähe mit Gott, ohne sich dem Kreuz so zu nähern, so, dass es auch mir weh tut.

Ich finde es sehr schwer, diesen Aspekt des Exerzitien-Weges angemessen auszudrücken. Vielleicht so: Liebe und Schmerz gehören zusammen. Das singen zwar auch alle möglichen kitschigen Liebeslieder, aber dadurch wird es nicht falsch. In den Exerzitien auf der Straße begegnen die Übenden oft einem eigenen Lebensschmerz, ausgelöst durch eine Begegnung auf der Straße. Die Begegnung mit dem Obdachlosen führt mich zum Beispiel zu meiner eigenen Obdachlosigkeit. Es geht dann im Weiteren nicht darum, diesen Schmerz – worin immer er bestehen mag – loszuwerden. Die Exerzitien haben keine therapeutische Absicht, auch dann nicht, wenn sie therapeutische Wirkungen hinterlassen. Es gibt nämlich Schmerzen, die so sehr zu meinem Leben gehören, dass ich sie gar nicht mehr loswerden will, jedenfalls nicht um den Preis des Verrats an der Geschichte, die zu diesem Schmerz gehört, oder der Personen, die mit dieser Schmerzgeschichte zusammenhängen. Der Auferstandene zeigt den Jüngern seine Wunde. Das führt nicht nur dazu, dass Thomas sein Gesicht verhüllt und seine Schuhe auszieht. Vielmehr verwundet ihn dieses Zeigen der Wunde und öffnet ihn damit nicht nur für die Empathie mit dem Gekreuzigten, sondern auch für die Wahrnehmung seiner eigenen Wunde. Das verwandelt ihn. Wunde ist nicht mehr nur etwas Negatives, sondern vertieft die Begegnung, öffnet für die Liebe.

Als die Exerzitien auf der Straße – die damals noch nicht so hießen – zum ersten Mal angeboten wurden, da stand im Einladungsschreiben der Hinweis, dass es darum geht, größere Nähe zu den Armen zu üben. Alex Lefrank, der erfahrene Exerzitienbegleiter, hatte gesagt, dass genau dies der Punkt sei, an dem er noch nicht weiter gekommen ist – wie die „Option für die Armen“ in die ignatianischen Exerzitien noch konkreter einzuführen sei. Er hatte dann selbst um Exerzitien in Berlin-Kreuzberg gebeten und sie anschließend begleitet. So war es zu der Einladung gekommen. Die Exerzitien auf der Straße setzen also von ihrer Entstehungsgeschichte her etwas von der Sehnsucht nach der Nähe zum „armen Christus in den Armen“ voraus. Wer auf die Straße geht, hat schon etwas von dieser Sehnsucht in sich, die auch die Sehnsucht der ignatianischen Exerzitien ist.

  1. Mit den Erfahrungen öffentlich werden

Die meisten Exerzitien finden bei uns in Exerzitienhäusern statt. Mein Weg zu den Exerzitien auf der Straße lief über mehr als zwanzig Jahre klassischer Exerzitien in Exerzitienhäusern – mit Stille, Einzelzimmer und Vollverpflegung. Als ich die Einladung zu den Exerzitien auf der Straße annahm, wurde das anders. Zwar bildeten das enge Zusammenleben mit den anderen Exerzitanten, die gemeinsamen Gottesdienste und die Gruppengespräche so etwas wie eine „Behausung“ für die Zeit des Abends bis zu Morgen dar – aber auch sie entsprach nicht der Stille und Zurückgezogenheit in normalen Exerzitienhäusern.

Denn auch in diese Behausung bricht die Straße ein: Ein schwieriger Mit-Exerzitant; eine anstrengende Mitexerzitantin; ein Obdachloser von der Straße nebenan; ein suchender Freak, der kaum eigene Gebets- und Exerzitienerfahrung hat. Hinzu kommt: Der schützende Raum der klassischen Exerzitiensprache wird in dieser Gemeinschaft oft genug zu einer Barriere für die Verständigung. Wer Exerzitien auf der Straße macht, muss sprachlich abrüsten; das gescheite Vielwissen beiseitelassen, und zwar nicht nur in der Stille des eigenen Gebets, sondern auch in der Kommunikation mit der Gruppe der Exerzitanten – und in den Begegnungen auf der Straße sowieso.

Eine besondere Herausforderung sind da die gemeinsamen Gottesdienste vor dem Abendessen und Gruppengesprächen. Schon bei den ersten Exerzitien auf der Straße feierten wir die Eucharistie bewusst auf dem Boden. Aber wir waren fünf Jesuiten, gemeinsam behaust in der klassischen Sprache der Theologie und Liturgie. Je mehr sich die Exerzitien auf der Straße ausweiteten, umso weniger selbstverständlich wurden die Gemeinsamkeiten im Feiern der Liturgie. Die Straße war plötzlich in der Liturgie – Christen unterschiedlicher Konfessionen; Gläubige anderer Religionen; religiös Unbehauste; ein Gast, den ein Exerzitant von der Straße mitgebracht hatte; ein Passant, der zufällig auftauchte. Der Offenheit für die Straße standen die vielfältigen äußeren und inneren Barrieren einer regeltreuen Hoch-Liturgie gegenüber, die ja auch des Schutzes bedarf. Das alles führte in Prozesse hinein, die wieder zu einer Umkehrbewegung führten: Den Gottesdienst auf der Straße zu feiern. Auf der Straße wird nicht viel gefragt. Man ist einfach da und darf hinzutreten. Auch der Auferstandene feierte seine ersten Eucharistien auf der Straße: Als Gast im Haus von Kleopas und Maria in Emmaus, am See Tiberias mit gebratenem Fisch. Die klassische Liturgie mit ihrer gehobenen Sprache fußt ja ihrerseits auf diesen zunächst ganz einfachen Begegnungen mit dem Auferstandenen. Bei den Exerzitien auf der Straße drängte es in diese ursprüngliche Einfachheit: Gottesdienste an einem Fluss in der Stadt, vor einer Gefängnismauer, Prozession zu einer Kirche, in der Flüchtlinge Asyl gefunden haben, Gesang und Stille bei einem Mahnmal für ermordete Juden mitten in einem großen Kaufhaus.

Erst seit den Exerzitien auf der Straße kann ich mir deswegen vorstellen, dass geistliche Übungen auch ein Instrument der Mission sind. Der Begriff „Mission“ löst meistens die Vorstellung aus, jemand wolle andere von seiner Meinung überzeugen, ihnen etwas beibringen. Aber das ist hier nicht gemeint: Die Verkündigung des Evangeliums besteht zunächst einfach in einer Einladung an alle, sich auf den Weg des Hörens und Begegnens zu begeben, mit der Sehnsucht nach „mehr“, wie immer ich es benennen will vor dem Hintergrund meiner Sehnsucht. Durch die offene Einladung kommt es zur Begegnung. Die Begegnung ändert beide Seiten, Einladende und Eingeladene. Oft ergeben sich gerade in den Exerzitien auf der Straße Situationen, die an die missionarischen Situationen der Apostelgeschichte erinnern. Auch Petrus begab sich nicht zu Cornelius, um ihm etwas beizubringen. Vielmehr trieb der Geist Cornelius, Petrus einzuladen; dieser nahm die Einladung an und verändert sich selbst dadurch. Und Cornelius verändert sich durch die Begegnung mit Petrus auch. So entstand die Kirche aus Juden und Nicht-Juden (vgl. Apg 10).

Ich habe bei Exerzitien auf der Straße oft an diesen Vergleich mit der Apostelgeschichte gedacht, vor allem auch in den letzten beiden Tagen der Exerzitien, in denen die Emmaus-Geschichte im Vordergrund steht. Durch das gemeinsame Hören und Erzählen entsteht Kirche. Am Anfang können die Jünger den Frauen nicht zuhören, am Ende können sie hören und glauben, weil ihnen der Auferstandene selbst auf der Straße begegnet ist. Das Emmaus-Paar macht diesen Prozess durch und tritt in den „Zirkel des Glaubens“, der die Exerzitien auf der Straße trägt: Wenn ich einem Menschen seine Erzählung glaube, dass er oder sie dem Auferstandenem in der einen oder anderen Weise begegnet ist, dann kann ich das nicht, ohne mich dafür zu öffnen, dass er auch mir begegnen könnte. Kirche ist der Ort, wo wir Glauben finden – wo wir uns gegenseitig unsere Geschichte mit Gott erzählen können, weil wir hoffen können, dass wir Glauben finden. Kirche wächst dadurch, dass innere und äußere Grenzen überschritten werden, die uns daran hindern zu glauben – das ist der Zusammenhang mit „Mission“. Die Exerzitien auf der Straße binden diesen Aspekt verstärkt hinein in das, was bei Ignatius in der „Vierten Woche“ geschieht: Die Betrachtung der Auferstehungsgeschichten. Dadurch, dass diese Betrachtung sich verknüpft mit der Erzählgemeinschaft, wird der Zusammenhang von Auferstehung und Entstehung der Kirche deutlich.

Ignatius gründete den Orden als „missionarischen“ Orden. Die Exerzitien waren für ihn das wichtigste Instrument der Mission. Aber genau das war es, was ich nur schwer begreifen konnte, wenn ich die klassischen Exerzitien praktizierte. Sie setzten eine Vertrautheit mit der Sprache der Tradition und einen Grad an Zustimmung zu ihr voraus, der eher zu einem Rückzug in eine sprachliche Sonderwelt führte. Und sie waren Einzel-Exerzitien: Kirche kam in Einzelbetrachtungen und in der täglichen Feier der Eucharistie vor – sonst eher nicht.

Bei den Exerzitien auf der Straße ist das anders: Zum einen ist die Schwelle viel niedriger. Behaust sein in der Sprache der kirchlichen Tradition muss nicht sein. Auch gegenüber anderen Formen von Exerzitien ist die Schwellen niedriger – kein Hinweis auf vorausgesetzte psychische Gesundheit etc. Wer kommt, kommt. Nur in wenigen Ausnahmefällen habe ich erlebt oder sahen wir uns gezwungen, anklopfende Personen abzuweisen. Voraussetzung ist die Sehnsucht sowie die Bereitschaft, in der Gruppe zuzuhören und zu erzählen.

Zum anderen wird der Prozess der einzelnen Person mit dem Austausch in der Gruppe verknüpft. Auf der einen Seite wird das Grundelement der ignatianischen Exerzitien bewahrt, nämlich dass es um meinen persönlichen Weg mit Gott und Gottes Weg mit mir geht. Der „Wille Gottes“ ist nicht für jede Person derselbe, Gott zeigt sich jedem Menschen auf besondere Weise. Aber der Austausch in der Gruppe bindet die persönlichen Erfahrungen in ein „Wir“ ein. Das entspricht auch der Erfahrung von Ignatius (und von Paulus und vielen anderen), dass nämlich persönliche geistliche Erfahrungen dazu da sind, um Frucht zu bringen nicht nur für mich, sondern auch für andere.

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