Klaus Mertes Lk 12,51

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen?

Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.

Ein schwieriger Satz aus dem Munde Jesu, der doch ein Friedensbringer und Versöhner ist. Wie sollen wir ihn verstehen?
Zunächst gibt es da ein sprachliches Problem: “Ich bin gekommen, um Spaltung zu bringen.” Das klingt so, als sei Jesus in der Absicht gekommen, Spaltung zu bringen. Man kann dieses um-zu in dem Satz des Evangeliums aber auch anders verstehen – nicht als Aussage über eine Absicht, die jemand hat, sondern als nachträglich erkannten Sinn. “Ich bin nach Berlin gekommen, um dich kennen zu lernen”, sagt der Freund zu seiner Freundin, die er in Berlin kennen gelernt hat. Er ist nicht in der Absicht nach Berlin gekommen, sie kennen zu lernen. Er kannte sie ja gar nicht. Aber er hat sie dort kennen gelernt und erkennt nun, dass sein Kommen nach Berlin einen tieferen Sinn hat, der gar nichts mit seinen eigenen Absichten zu tun hat. Man könnte religiös sagen: Jetzt, da ich dich kenne, erkenne ich, dass Gott es geschenkt hat, dass ich nach Berlin kam, damit ich dich dort kennen lerne.
So ließe sich dann auch dieser schwierige Satz Jesu verstehen. Er bedeutet nicht, dass Jesus die Absicht hat, Gruppen, Nationen oder Familien zu spalten. Aber Jesus macht die Erfahrung, dass sein Wort, sein Auftreten spaltet, und er erkennt in dieser Spaltung einen tieferen Sinn. “Es hat eben von Gott her so sein sollen, dass mein Auftreten spaltet – dass sich an mir etwas entscheidet. Ich bin gekommen, um Spaltung zu bringen; nicht weil ich es wollte, sondern weil Gott sich meiner dazu sozusagen dafür bedient hat. Er wollte, dass die Menschen in der Begegnung mit mir eine Entscheidung treffen.”
Wenn man einmal diesen zweiten, versteckten Sinn des um-zu begreift, schlüsseln sich viele Kernaussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses auf. Zum Beispiel dieser Satz: “Jesus ist am Kreuz gestorben, um uns mit Gott zu versöhnen.” Wieder das um-zu! Es bedeutet eben nicht, dass Jesus die Absicht hatte, den Tod am Kreuz zu sterben, um damit einen eigenen Plan zu realisieren. Vielmehr stellt sich im Nachhinein heraus: Er ist diesen Tod gestorben, weil sich darin gezeigt hat, das Gott Macht über den Tod hat und uns Leben, Auferstehung schenkt. Jesus hatte keinen Plan im Kopf, als er starb. Er musste gar keinen eigenen Plan im Kopf haben. Er ging im Hören auf Gottes Willen nach Jerusalem, und das hieß und heißt: Verzicht auf Planung, Verzicht auf absichtsvolles um-zu.
Nachträglich erkennen wir in den Erfahrungen unseres Lebens einen Sinn, der über unsere Pläne und Absichten hinaus geht – einen größeren, tieferen Sinn, als wir ihn selbst machen können. Das ist eine manchmal auch schmerzliche, aber doch zutiefst beglückende Erfahrung. Wir müssen nur den planerischen, absichtsvollen Umgang mit der Wirklichkeit ein wenig zurückstellen – dafür uns öffnen für das Ungeplante, Geschenkte. Und wenn sich das Ungeplante dann ereignet, dann erkennen wir: “Ich bin gekommen, um zu …”, und danken Gott dafür.
Rbb, 11.6.2006

P. Klaus Mertes SJ

Advertisements