Klaus Mertes Heiliger Boden

Ziehe deine Schuhe aus. Der Ort, auf dem Du stehst, ist heiliger Boden.“

Diese Tage geben Anlass, über die Verletzung von Gefühlen und über verletzte Gefühle zu sprechen, in besonderer Weise über die Verletzung religiöser Gefühle und die verletzten Gefühle religiöser Menschen.

Wer es mit dem Heiligen zu tun bekommt, bekommt es mit dem Feuer zu tun. Das wissen seit Moses´ Begegnung mit dem brennenden Dornbusch alle Menschen, die sich auf den Gott Abrahams beziehen. Man kann sich Gott nicht nähern, ohne die Schuhe auszuziehen – die Schuhe mit den dicken Sohlen, durch die wir uns größer machen als wir sind; durch die wir uns unberührbar machen für Schmerz, Leid und Tod; die Schuhe unseres Hochmutes, unserer Besserwisserei und unserer Selbstgerechtigkeit. Wir können uns Gott nicht nähern, ohne uns zu verändern.

Mehr noch. Die Begegnung mit Gott verletzt; sie verändert uns dadurch, dass sie uns verletzt. Jakob kämpft mit Gott. Am Ende seines Kampfes hinkt er für den Rest seines Lebens. Die Begegnung mit Gott hat ihn verletzt. Oder der Prophet Jeremia: In einer Krisensituation seines Glaubens betet er: „Sagte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen, da war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer. Ich quälte mich, es auszuhalten, und konnte es nicht.“ Das sind Verletzungen in der Geschichte mit Gott – Verletzungen der Liebe, sowie es das Bild vom Herzen treffend sagt, das von einem Pfeil durchbohrt wird. Liebe ist auch ein Schmerz. Wer das Feuer der Liebe Gottes spürt, wird gerade deswegen nicht gleichgültig sein gegenüber Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit und Leid. Im Gegenteil. Aber er wird zugleich spüren, das es noch Schlimmeres gibt als verletzt zu werden und Schmerz zu empfinden, nämlich: nicht mehr zu lieben.

Der Blick auf die heiligen Verletzungen hilft, um mit den unheiligen Verletzungen umzugehen, mit den Kränkungen unserer Gefühle – mit dem Spott der selbstsicheren Ignoranten und mit der Dummheit der Provokateure, die immer wieder das Heilige durch den Dreck ziehen müssen.

Bei den unheiligen Verletzungen gilt die Regel: Ihnen nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken; nicht um die eigene Kränkung kreisen. Wenn wir den Kränkungen zu viel Aufmerksamkeit schenken, gewinnen sie Macht über uns und wir geraten in ein anderes Feuer hinein, in das Feuer des blinden Hasses. Hass und Vernichtungswut, die Bereitschaft, einen Flächenbrand anzuzünden – das ist mit Sicherheit nicht die angemessene Haltung, um vor Gott zu treten – vor den Gott, der mit leiser, aber deutlicher Stimme zu Moses sagte und heute sagt: „Ziehe Deine Schuhe aus. Der Ort, auf dem Du stehst ist heiliger Boden.“

DAS WORT Rbb, 19.2.2005, 7.55 Uhr