Kathrin Happe, Einfach beiseitelegen

Ist das Einfache wirklich so einfach?

Das Wort „einfach“ ist eines meiner liebsten. Auf die Frage, wie ich eine für mich erfüllende Erfahrung, etwa eine für mich wichtige Entscheidung oder eine Ahnung einer Begegnung mit dem Ewigen, beschreiben würde, sage ich gerne „Sie war einfach“. Das sage ich nicht, weil ich eine schnell ausgesprochene Antwort möchte. Nein, im Gegenteil. Die Aussage „es war einfach“ stimmt. Nur steht sie für mich so oft am Ende eines zumeist langen Prozesses, der alles andere als einfach ist.
Ich erlebe mich als eine ringende Person: um eine Lösung, um eine stimmige Antwort, um eine neue Erkenntnis oder Erfahrung. Und Ringen ist nicht einfach. Eher anstrengend und oft kräftezehrend. Eine kleine Geburt – so stelle ich sie
mir zumindest vor, obwohl ich kein Kind zur Welt gebracht habe. Umso mehr verblüfft es mich, dass das Ergebnis dieser Anstrengung, nach all dem Ringen, Abwägen, Zweifeln, oft dann ganz einfach ist. Einfach im Sinne von „klar“, „selbstverständlich“. Aber ohne das Ringen wäre es wahrscheinlich nicht so gewesen. Dann hätte ich das Einfache womöglich nicht entdeckt. Warum überhaupt ringen, wenn das Ergebnis doch so einfach ist? Eine Erklärung ist: Wenn ich ringe, dann ringe ich nicht nur mit anderen, sondern in erster Linie mit meinen eigenen Ansprüchen, Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten. Vielleicht ringe ich mit Gott. Im Ringen erkenne ich, wer ich eigentlich bin. Wie gut! Denn dann kann ich so einiges beiseitelegen, was im Weg steht, oder etwas anders betrachten.
Wie neulich bei der Geburt eines Kindes in unserer Familie. Den Namen, den die Eltern für das Kind gewählt hatten, mochte ich gar nicht: das erste Kind in der Familie, für das es keinen Namenstag gibt, ein eher neumodischer und nicht
schön klingender Name, ein Name ohne einen/eine Heilige, eine Bedeutung, die mir nicht zusagte… . All das ging mir durch den Kopf. Ich habe alle meine Energie eingesetzt, um noch etwas daran zu ändern. Ich wurde nicht gehört. Und das
war auch gut so. In meinem Unmut über den Namen merkte ich zunächst nicht, wie meine Freude über die Geburt eines gesunden Kindes abnahm, weil mein Anspruch, meine Vorstellungen hinsichtlich des Namens mich bestimmten. Und
dabei waren sie so unrealistisch, denn ich habe schlichtweg kein Recht, über den Namen anderer zu bestimmen und sie zu bewerten. Irgendwann kam es mir, diese Gedanken und Gefühle einfach einmal beiseite zu legen und es für möglich
zu halten, dass ich den Namen mögen kann. Ich sprach also den Namen ein paarmal laut aus. Er klang immer schöner. Letztlich begann ich, ihn zu mögen, und damit wuchs die Freude über den Menschen, dem dieser Name gegeben wurde.
Entnommen: Christian Herwartz, Nadine Sylla, Einfach Ohne, Berlin 2016, Seite 19
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