Josef Freise, Einfach zuhören

Mir gefällt das Lied „Zuhören“ von Pascal Gentner sehr:

Wenn du mir zuhörst,
aufmerksam zuhörst,
ist Zeit nicht gleich Zeit,
ist das Eis fest genug,
bin ich für den nächsten Schritt bereit.

Wieviel Offenheit, festes Eis unter den Füßen, das Zuhören Können braucht, habe ich in meiner beruflichen Arbeit wie auch in meiner Familie und im Freundeskreis erst nach und nach erkannt. Ich arbeite seit langem an verschiedenen Orten in der politischen Bildung, derzeit engagiere ich mich an der Katholischen Hochschule in Köln für interethnische und interreligiöse Begegnungen u. a. in Israel und Palästina.

Ich erinnere mich an eine meiner ersten Begegnungen mit einer Delegation der Universität Bethlehem vor achtzehn Jahren in Köln: Gleich am zweiten Tag nach der Ankunft der Bethlehemer wollte ich ihnen das EL-DE-Haus in Köln zeigen, den Ort, von dem aus Juden, Kommunisten und andere vom Naziregime Verfolgte nach Ausschwitz abtransportiert wurden. Die palästinensischen Gäste, Dozent/innen wie Studierende, weigerten sich. Und ich dachte: Da kriegst Du aber viel Spaß mit der Delegation, wenn sie sich so radikal zeigen. Eine palästinensische Dozentin, mit der ich mich später anfreundete, erklärte es mir dann so: „Ich kann mich nicht einfach so mit dem Leid von Juden konfrontieren, die uns (als jüdische Israeli) heute so viel Leid zufügen.“

Am Ende der zweiwöchigen Begegnung war „das Eis“ mit einigen so fest, dass ich mit ihnen ins EL-DE-Haus gehen konnte. Es war Vertrauen gewachsen. Ein Bethlehemer Student, der selber in einem israelischen Gefängnis inhaftiert war, kommentierte seine Eindrücke: „Meine Zelle war etwa so groß wie diese hier. Und wir haben auch unsere Gedanken an die Wand geschrieben. Ich kann nachempfinden, wie es den Gefangenen hier gegangen ist.“

Mich hat diese Frage, wie man Offenheit für das Leid anderer entwickelt, seitdem nicht mehr losgelassen. Der israelische Psychologe Dan Bar On hat Programme des gegenseitigen Zuhörens zwischen Menschen verfeindeter Gruppen entwickelt: „Listening to each other’s story“. Er brachte deutsche Kinder von Nazitätern und israelische Kinder von deutschstämmigen Holocaustüberlebenden zusammen. Er beschreibt, wie auch er persönlich sich durch diese Begegnungen verändert hat. Die Art und Weise, wie die Nachfahren von Nazitätern um ihre eigene Menschlichkeit rangen, indem sie mit einem Vater zu tun hatten, der sie liebte und den sie liebten und der gleichzeitig Menschen umgebracht hatte, habe ihn innerlich so angerührt, dass er selber als Nachfahre von Holocaustüberlebenden die letzten Reste eines Feindbildes von Deutschen aufgegeben habe.

Dan Bar On starb leider viel zu früh im Jahr 2008; mit Mitarbeiter/innen des von ihm mitgegründeten „Peace Research Institute in the Middle East“ war ich 2012 an einer Begegnung zwischen israelischen, palästinensischen und deutschen Studentinnen und Studenten auf Zypern beteiligt. Die Begegnung stand unter dem Motto der amerikanischen Friedensaktivistin Gene Knudsen Hoffman: „Ein Feind ist jemand, dessen Geschichte wir noch nicht gehört haben.“

Die ersten zwei Tage dienten dem Aufbau gegenseitigen Vertrauens. Es durfte in diesen zwei Tagen nicht über Politik geredet werden, denn wir wollten alle eingefahrenen Feindbilder von vorne herein vermeiden. Es ging vielmehr darum, Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erfahren, dass jede/r in der deutsch-israelisch-palästinensischen Gruppe als Mensch voll und ganz akzeptiert war. Eine solche Atmosphäre zu fördern, war eine große menschliche Herausforderung. Diese Atmosphäre war dann die Voraussetzung dafür, dass anschließend eine große Offenheit füreinander möglich wurde. Israelische Student/innen berichteten von ihren Großeltern, die in Europa dem Holocaust entkommen waren und nach Palästina geflüchtet waren. Sie sprachen auch über die in der Shoa ermordeten Verwandten. Ein deutscher Student erzählte stockend, dass er seinen Großvater sehr gemocht habe und dass er nach seinem Tod den NSDAP-Ausweis des Großvaters gefunden habe. Nie habe der Großvater davon gesprochen und jetzt wisse er gar nicht, wie er damit umgehen solle. Palästinenser schilderten Demütigungen, die sie an den Checkpoints im Westjordanland heute durch israelische Soldaten erleben. Sie saßen dabei israelischen Studierenden gegenüber, die selber vor dem Studium ihren Militärdienst an eben solchen Checkpoints abgeleistet hatten. Als hier unmenschliche Schikanen bei Leibesvisitationen zur Sprache kamen, solidarisierten sich israelische Gruppenmitglieder mit den Palästinenser/-innen, die von ihren entwürdigenden Behandlungen berichteten. Gemeinsam suchten sie nach Möglichkeiten, wie in Israel in der Presse und in der Öffentlichkeit solchen Unmenschlichkeiten Einhalt geboten werden und wie gegen sie protestiert werden könnte.

Der vietnamesische Buddhist und Mediationslehrer Thich Nhat Hanh hat in seinem französischen Meditationszentrum Plumvillage israelische und palästinensische Gäste fünf Tage lang miteinander schweigend meditieren lassen, bevor sie miteinander sprachen. Die Tage des Meditierens brachten jede/n einzelne/n in Kontakt mit sich selber. Shifra Sagy von der Universität Beer Sheva lässt ihre israelischen Studentinnen und Studenten inzwischen Lebens- und Leidensgeschichten gleichaltriger Palästinenser/innen in ihren Lehrveranstaltungen lesen und erlebt, wie sich Einstellungen ändern können – wenn vorab die israelischen Studierenden ihre eigenen Gefühle und Gedanken aussprechen konnten und sich angenommen fühlten.

Dies ist wohl ein entscheidender Schlüssel für Veränderungsprozesse: sich selber ganz angenommen zu wissen. Wie gelange ich dahin, mich selber ganz anzunehmen?

Exerzitien sind für mich als Christ ein Weg, zu mir und zum göttlichen Grund in mir zu finden. Drei Formen von Exerzitien haben mich geprägt: Im Haus Gries stand in kontemplativen Exerzitien die Begegnung mit Jesus Christus in meinem Innersten im Zentrum der Exerzitien. Im Ashram Jesu wurden die dunklen Seiten meiner Lebensgeschichte besprochen, die erlittenen Schmerzen, die beim Meditieren hochkommen, und das allabendliche Gruppengespräch ist heilsam. Besonders dankbar bin ich für die Erfahrung der Straßenexerzitien, für die Erfahrung des Meditierens mit offenen Augen auf der Straße, wo mir Gott im Gegenüber begegnen kann. Für mich wurde wirklich die Straße zur Kapelle und Gott wurde als der „Ich bin da“ für mich erfahrbar. Ich bin es gewohnt, meinen Alltag sehr zielgerichtet zu planen und durchzustrukturieren. Die Straßenexerzitien haben mir geholfen, die Erfahrung der Meditation – auch die der kontemplativen Exerzitien – stärker in den beruflichen wie persönlichen Alltag zu nehmen. Ich nehme göttliche Momente war. Das geschieht, wenn es mir gelingt, ganz da zu sein, so wie Franz Jalics sagt: „Ganz Ohr zu sein. Ganz dabei zu sein. Nicht nur mit dem Verstand zuzuhören, sondern mit dem ganzen Körper, mit ganzer Seele. Zuhören bedeutet, mit großer Ehrfurcht in die Einzigartigkeit des Gegenübers hineinzuhorchen …“ (Jalics 2005, 394).

Literaturverweis:
Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 1994

Internethinweise:
www.Pascal-Gentner.de
www.ashram-jesu.de
www.haus-gries.de

http://www.strassenexerzitien.de