Jens Sommer, Die Engel in der Naunyn – BotInnen Heiligen Bodens

Die Gemeinschaft in der Naunynstraße, die Naunyn, kenne ich nun schon seit fast
30 Jahren. Ich habe mich verändert, mein Leben hat sich verändert. Auf eines konnte ich mich aber verlassen: der Geist der Naunyn blieb derselbe – oder dieselbe. Wer mir auch immer dort erschien. „Zufällig“ gab es immer jemanden, der oder die dort lebte, der oder die mich in mein Leben hinein ansprach. In den Straßenxerzitien war die Naunyn immer ein Ort, den ich aufsuchen „musste“, weil dort mein Engel wartete, mit dem oder der ich weitergehen konnte: ein „zufälliges“ Gespräch beim Frühstück, ein Text, der mir geschenkt wurde, die Breite des möglichen menschlichen Lebens, die am Tisch saß und mir die Zuversicht und den Mut gab, nicht zu eng zu denken.

Ich war im Jesuitenorden, bin ausgetreten, habe geheiratet, bin geschieden worden, lebe jetzt wieder in einer Partnerschaft. In der Kirche ist so ein Lebensweg schwierig zu vermitteln. Wenn ich in die Naunyn gehe, frage ich mich aber: In welcher Kirche ist dieser Weg schwer zu vermitteln? In der Naunyn ist beim Samstagsfrühstück eine Ge-meinschaft zusammen, wie ich sie mir um Jesus herum vorstelle. Da spielt nicht einmal eine Rolle, wer welcher Religion angehört und ob er oder sie einer angehört. Nicht, dass es egal wäre – aber es ist nicht wichtiger als die Gemeinschaft und der Mensch, der am Tisch sitzt. Auch ich bin dort als Mensch willkommen und füge der Buntheit des Lebens am Tisch ein paar Farbkleckse hinzu. Nie habe ich erlebt, dass ich deshalb in eine Schublade kam oder be- oder verurteilt wurde. Eher habe ich erfahren dürfen, dass Wege eben so sind wie sie sind. Nach dem Besuch in der Naunyn war ich oft wie-der geerdet. Weil ich auf Heiligem Boden gestanden hatte. Diese Erdung bedeutet: mehr Mut zu mir selber und meinem Weg in Achtung der Andersartigkeit der anderen Menschen. Sie sind Bereicherung und nicht Problem. Ich wünsche mir, dass ich noch öfter in die Naunyn kommen darf, um meine Sicht der Dinge weiten zu lassen.

entnommen dem Buch Einfach ohne, Seite 56