Gabriella Bottani, Ein Konzept zur Vermittlung interkultureller Kompetenzen bei der Comboni-Organisation

Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg Fachbereich Sozialwesen
Diplomarbeit
von Gabriella Bottani  13. Oktober 2003

7. Schlusswort

„Wenn sich ein Europäer in Afrika aufhält, sieht er nur einen Teil des Kontinents – für gewöhnlich nur die äußere Hülle, die im übrigen meist nicht besonders interessant und vielleicht sogar am unwichtigsten ist. Sein Blick gleitet an der Oberfläche ab, dringt nicht tiefer, als könne er nicht glauben, daß sich hinter jedem Ding ein Geheimnis ver- bergen kann und daß dieses Geheimnis auch in den Dingen selbst steckt.“ 69
„Afrika, das sind Tausende von Situationen, verschiedenste, unterschiedlichste, völlig gegensätzliche Situationen. […] Doch vieles von dieser Verschiedenartigkeit, von die- sem Mosaik, diesem aus Steinen, Knochen, Muscheln, Holzsplittern, Plättchen und Blättern zusammengesetzten Bild, das sich ständig unter dem Blick ändert, ist geblie- ben. Je aufmerksamer wir dieses Bild betrachten, um so deutlicher sehen wir, wie seine einzelnen Teile vor unseren Augen ihre Position, Gestalt und Farbe verändern, bis sich ein Anblick bietet, der uns durch seine Vielfalt, seinen Reichtum und seine Farbenfülle verwirrt.“ 70
Gerade die Spanne, die es zwischen einem oberflächlichen Blick und einer aufmerk- samen Betrachtung gibt, weist den Weg zu interkulturellen Kompetenzen. Es handelt sich um ein geduldiges, interessiertes und unvoreingenommenes Abwarten, bis die in der anderen Kultur verborgenen Geheimnisse enthüllt werden. Das geschieht oft plötz- lich und unerwartet, wenn man in respektvoller und achtsamer Haltung lebt: vor dem Fremden, den unbekannten Dingen, und besonders vor dem, was von unserem Den- ken, Fühlen und Handeln ganz weit entfernt ist. In diesen Augenblicken, in die sowohl Gefühle als auch Vernunft einbezogen sind, wird man zur Erweiterung der eigenen Freiheit geführt, weil die Anerkennung des Andersseins eine neue, tiefere Anerken- nung des eigenen Seins bewirkt. Was fremd ist, hört auf, fremd zu sein und bleibt trotzdem anders, ein Geheimnis, das nie vollständig enthüllt und verstanden werden kann.
Zu dieser persönlichen Schlussfolgerung bin ich gekommen, nachdem ich mich für lange Zeit mit der Frage: „Wie kann man interkulturelle Beziehungen gestalten, so dass sie ein positives, bereicherndes Erlebnis werden können?“ beschäftigt habe. Diese Frage stellte ich mir bewusst zum ersten Mal Ende der 80er Jahre. Damals war ich Mitglied einer sozial engagierten Gruppe namens „Maharaba“. Das arabische Wort „Maharaba“ heißt auf Deutsch übersetzt:
„Willkommen“. Diese Gruppe entstand in Folge einer Bürgerinitiative. Einige Mailänder und Maghrebiner, die sich in einem Stadtviertel Mailands für die Integration von nord- afrikanischen Migranten und Alteingesessenen einsetzten wollten, schlossen sich zu- sammen. Die Gruppe „Maharaba“ entstand, als die Zahl der Migranten aus nordafrika-nischen Ländern im Stadtteil stark angewachsen war und xenophobische und rAassis-tische Tendenzen auftraten. Die Erfahrung von intolerantem Verhalten den Migranten
gegenüber hat mich sehr stark herausgefordert und meinen Alltag verändert. Damals wurde ich von der Frage interkultureller Beziehungen fasziniert und durch die Komplexität angesprochen, mich auch kritisch damit auseinanderzusetzen.
Gerade die Komplexität in der Gestaltung von interkulturellen Beziehungen verlangt, dass man sich mit Offenheit auf einen langfristigen und kontinuierlichen Lernprozess einlässt. Darum verstehe ich die Inhalte meiner Diplomarbeit als Beitrag zu einem lang- fristigen Lernprozess, der seit Jahrzehnten innerhalb der Comboni-Organisation im Gang ist. Außerdem möchte ich im Abschluss dieses Konzeptes nochmals betonen, dass die Betrachtung des Menschen aus der rein kulturellen Sichtweise die Gefahr in sich birgt, dass die Person nicht in ihrer Individualität geachtet wird. Die kulturelle Zuge- hörigkeit eines Menschen stellt jedoch nur ein Merkmal unter anderen dar. Man könn- te sie als Eckpunkt eines Dreiecks auffassen, in Beziehung zu den weiteren Eckpunk- ten, die mit „Persönlichkeit“ und „Situation/Umgebung“ umschrieben sind. Die Kultur sollte deswegen als eines von drei konstituierenden Merkmalen des Menschen gesehen werden.
Die Nachhaltigkeit einer interkulturellen Organisation, wie die Comboni-Organisation dargestellt wird, basiert auf der Bereitschaft der Mitglieder – und besonders der Mit- glieder in Führungspositionen – immer wieder die Perspektive zu wechseln, damit die Vielfalt, der Reichtum und die Farbenfülle, sowie auch die problematische Seite von Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen immer neu jedem Indi- viduum gegenüber wahrgenommen werden. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess, der aus der Kunst ganz kleiner Schritte besteht.

69 Kapuscinski 1999, S. 317 70 Kapuscinski 1999, S.3 19