Elisbeth Tollkötter, Da ist mehr im anderen

Abschlussgottesdienst nach zehn Tagen Straße in Berlin. Ich habe keine Lust auf Liturgie, auf viel Text, auf viele Menschen. Die innere Bewegung geht hin zur Stille, einzelne Begegnungen, Nachklingenlassen der vielen dichten Erfahrungen aus diesen Tagen. Also Widerstand auf allen Ebenen. Ich gehe trotzdem hin – mitgefangen, mitgehangen, das gehört eben dazu … So seufze ich vor mich hin, suche mir einen Platz in der Kirche (schön weit hinten, wo ich mich keiner sofort sehen und ich mich auch wegschalten kann).
Christian lädt ein, von den Tagen zu erzählen. Meine Erfahrungen sind so fein, noch so sehr fern der Worte, dass ich mich nicht traue, meinen Mund aufzumachen. Da steht Clemens auf, beginnt zu sprechen: Am Cottbusser Tor war er, hat die Junkies gesehen, hat mit ihnen gesprochen, hat ihre Arm-Seligkeit sehen dürfen. Es elektrisiert mich: Arm-Seligkeit. Arm und selig. Und dann – als er fertig ist – ruft einer aus der Gemeinde in den Raum – laut, mit klarer Stimme, die ein wenig zittert: “Danke, dass du uns so gesehen hast! Danke, dass du uns so schön gesehen hast!“
Er ist vierzehn Jahre her, dieser Gottesdienst. Seitdem schwingt dieses „arm-selig“ und „So schön gesehen!“ in mir herum und erinnert mich immer wieder an meine eigene Arm-Seligkeit und an die Arm-Seligkeit meines Gegenübers – mit Krawatte oder ohne, mit Gestinke oder in feines Parfüm gehüllt, ganz präsent oder weggedröhnt durch Arbeit, Drogen oder Oberflächlichkeit, gesund oder sterbend. Da ist mehr im anderen – Gott öffnet mich dafür.

aus: Christian Herwartz u.a., Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen,
Neukirchen 2016, Seite 104/5