Elisabeth Tollkötter, Den Blick immer neu säubern von Vorurteilen, Abwertungen, Ängsten

Abenteuerlich hörte sich das für mich 2001 an: „Exerzitien auf der Straße“. Und Abenteuer finde ich gut, auch heute noch. Auf diese Weise kann ich meine Exerzitienwoche sportlich sehen, fröhlich Energie investieren – schließlich nennen sie sich „Übungen“. Ich darf mich also anstrengen, vom Ziel der Gottesbegegnung her locken lassen! Kein „frommeliges Gebete“, kein steifes „Herumgeschweige“, keine „Softatmos- phäre“, wie ich sie teilweise in Kursen erlebt hatte. Und auch kein ideologischer Über- bau, mit dem Menschen aus einer ganz speziellen Perspektive betrachtet werden, die ganz schnell zu Wertungen über sie führt – und das so subtil, dass es kaum aufzu- decken ist. Das war meine spitze Kritik an manch herkömmlichem Exerzitienkurs.
Dagegen stand nun der Begriff Straßenexerzitien: Das klang nach Leben, Erdver- bundenheit, Direktheit und griffigen Erfahrungen. Es setzte Assoziationen frei: Lebendigkeit, Bewegung, menschliche Nähe, Kontakt. Es meldeten sich aber auch Befürchtungen: So viel Gruppe?! So billig?! So einfach?! So ohne Stille?! Sicherheitshalber meldete ich mich gleichzeitig zu einem  ganz normalen Exerzitien- kurs zwei Monate später an. Für meine Gottesbeziehung wollte ich auf jeden Fall eine Woche investieren – entweder ins Abenteuer der Straße oder in einen „Versorgerkurs“ im Bildungshaus. Gegebenenfalls auch beides. Sportlich bleiben …
Kurz gesagt: Vom zweiten Kurs habe ich mich wieder abgemeldet. Meine scharfe Kritik an anderen Exerzitienkursen habe ich deutlich zurückgenommen. Aber: So „billig“ und „einfach“ waren geistliche Übungen eben auch möglich und ließen mich wachsen in der Beziehung zu mir selbst, zu den anderen, zu Gott. Und diese Art der Exerzitien wurde mir über die Jahre sehr lieb.
„Billig“ sind diese Tage, gemeint ist preisgünstig. Bis heute halte ich das für ein unaufgebbares Element der Exerzitien. Nicht nur, weil damit die finanzielle Hürde für materiell arme Menschen fällt, sondern auch, weil Jesu Wort „Umsonst habt ihr em- pfangen, umsonst sollt ihr geben“ darin gelebt wird. Spirituelle Wegbegleitung und spirituelle Weggemeinschaft sind unbezahlbar. Um sonst etwas anzubieten und kostenlos etwas zu empfangen, ist eine Rahmenbedingung für Freiheit – und spirituelle Übungen bedürfen dieser Freiheit von allen Seiten.
Die Straßenexerzitien faszinieren mich, weil sie mich unspektakulär und direkt einladen, mit mir selbst in Beziehung zu treten. Das gelingt einfach, indem ich auf der Straße gehe, anderen Menschen zweckfrei begegne, mich in der Gruppe austausche. Ich spüre meine Sehnsüchte. Ich erkenne meine Schattenseiten, meine Stärken und Fähigkeiten, meine Traurigkeiten, meine Leere, meine Fragen und Verwirrtheiten. Ich werde konfrontiert und reich beschenkt. In Straßenexerzitien erfahre ich, dass innere Prozesse und äußere Ereignisse so aufeinandertreffen, dass die Grenzen zwischen innen und außen zu verschwimmen scheinen und alles eins wird. Beglückend! Die Glaubwürdigkeit dieser Erfahrungen ist hoch.
Während der Straßenexerzitien werden mir auch die üblichen Grenzen zwischen Menschen unterschiedlichster Art unbedeutend. Sowohl in der Gruppe als auch bei den Begegnungen auf der Straße werden wir immer nackter und damit berührbarer – und tiefste Verbundenheit wird spürbar. Meine unersättliche Sehnsucht nach Nähe und tragfähiger Beziehung wird ruhig und sanft geführt zu der unaussprechlichen Verbundenheit aller mit allen, die den Schmerz des Alleinbleibens und der unaufhebbaren Einsamkeit in allen Beziehungen annehmen lässt. In der Anders-Zeit einer solchen Exerzitienwoche begegne ich dem tragenden Grund allen Seins, der völlig unabhängig ist von äußeren Erscheinungsbildern und inneren Zerrissenheiten. „Ich bin“ reicht vollkommen aus – Gott in allem. Heiliger Grund.
Solcherart Erfahrungen werden mir zu Schlüsseln und Herausforderungen für den Alltag: Gottes JA zu mir und zu anderen zu glauben – das gibt mir Grund. Mir selbst zu glauben, dass ich immer mehr bin, als ich von mir wahrnehme – das hilft aus der Umklammerung durch intensive Gefühle jeder Art. Im anderen mehr zu erwarten, als der erste oder zehnte Blick erwarten lässt: meinen Blick immer wieder säubern von Verschmutzungen, die durch Vorurteile, alte Erfahrungen, Abwertungen, Ängste oder Bedürftigkeiten entstehen – das ist unbequem, aber zutiefst befriedigend. Lange hinzuschauen und zu warten – das macht still, wach und bereit. An meinem kleinen Ort des Lebens einfach zu tun und zu sein, was sich mir nahelegt – das macht frei und prä- sent: „Ich bin“. Welt in Gottes Sinne möge wachsen.
Abenteuerlich bleiben mir diese Exerzitien. Jedes Mal habe ich vorher Herzklopfen. Jedes Mal geschieht „es“ sanft, behutsam und nachhaltig. Die Begleitung sehnsüchtiger, suchender Menschen wurde mir zum heiligen Boden. Teilnehmen zu dürfen an ihrem Suchen, ihren Auseinandersetzungen, ihren Erfahrungen und ihren Schmerzen löst unmittelbar Aufmerksamkeit, Respekt und Freude aus. Wie die anderen Menschen meiner eigenen Exerzitiengruppe, wie die Menschen auf der Straße, so werden mir die, die ich in ihren Exerzitien begleite, zu Geschwistern der besonderen Art. Es ist wunderschön, so frei verbunden zu sein in der gemeinsamen Sehnsucht nach dem Mehr, nach dem Größeren, das wir Gott nennen.

aus: Christian Herwartz u.a., Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen,
Neukirchen 2016, Seite 15 – 18

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