Christoph Albrecht SJ, To burn out — or not to burn out?

Mose am brennenden Dornbusch (vgl. Exodus 3). Ist das nicht eine wunderbare und sonderbare Szene zugleich! Mose weidet in einer fremden Steppe die Schafe und erblickt einen brennenden Dombusch. Dornbüsche brennen an heissen Stellen hie und da. Das allein war nichts sehr aussergewöhnliches. Und ein verdorrter Dornbusch ist eher etwas unscheinbares, wo man nur darauf achtet, wenn es darum geht, nicht an den Dornen hängen zu bleiben.
Doch an jenem Tag entdeckt Mose verschiedene Besonderheiten, die sein Leben nachhaltig verändern. Dieser Dombusch brennt und verbrennt doch nicht. Um sich das genauer anzusehen, geht er näher heran. Da sagt ihm eine Stimme: Bleib stehen, zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.

Schuhe ausziehen?
Wer hin und wieder barfuss auf einen steinigen Boden steht, weiss, wie anregend eine solche Fussreflexzonenmassage” sein kann. Auch für Mose dürfte es wichtig gewesen sein, bei einer so aussergewöhnlichen Erfahrung mit beiden Füssen auf dem Boden zu stehen und zu spüren, dass er nicht träumt, sondern hellwach wahrnimmt, was er sieht und hört und spürt.
Schuhe anzuhaben bedeutete auch, gegen Schlangenbisse, Skorpionstiche und Dornen geschützt zu sein. Mit Schuhen kann einer (oder eine) schnell davon rennen. Sie sind ein Zeichen von Stärke und Unabhängigkeit. Schuhe waren — und sind in gewissen Ländern der Welt heute noch das Privileg der Reichen. Wenn Mose die Schuhe auszieht, dann legt er auch seinen gesellschaftlichen Rang, seine Stärke, seine Möglichkeit, wegzurennen, und seinen Stolz ab. Eben so, als trete er in einen Tempel vor das Heiligtum, wo man aus Ehrfurcht die Schuhe auszieht.
Aber da ist ja nur der Dornbusch in der Steppe. Nichts, was Ehrfurcht gebietet, kein besonderer Ort, weder in kultureller noch in ästhetischer, weder in ökonomischer noch in religiöser Hinsicht. Dombüsche waren für Mose Teil der alltäglichen Umgebung, eher hinderlich als nützlich. Aber in einem entdeckt er ein Feuer, das nicht verlöscht, das seine Aufmerksamkeit weckt.

Gott im begrabenen Anliegen
Mose entdeckt in etwas alltäglichem etwas besonderes. Erst in dieser Aufmerksamkeit merkt er, dass er angesprochen ist. Gott selber spricht ihn an. Gott offenbart sich Mose als einer, der sich für seine brennenden Fragen interessiert. Fragen, die Mose einst sosehr beschäftigten, dass er gewalttätig wurde, die ihn zur Flucht zwangen. Er konnte seinem Volk nicht helfen. Den Ägypter hatte er erschlagen, jene Aktion des Widerstandes war aber ein Strohfeuer. Schon am folgenden Tag hatte ihn damals die Angst gepackt. Und seit er nach Midian geflohen ist, hatte er keine Hoffnung mehr, seinen unterdrückten Leuten helfen zu können.
Nun ist es Gott selber, der Mose auf die­ses Problem anspricht. Gott hat das Elend seines Volkes gesehen. Er hat seine Schreie gehört. Er will es befreien. Doch wen kann er für eine so schwierige und mühsame Aufgabe schicken? Mose will nicht. Er hat ja gesehen, wie schwierig es ist, seine eigenen Leute für den Widerstand zu gewinnen. Ja, sein Engagement ist ausgebrannt. Er traut sich keine Heldentaten mehr zu.
Doch Gott traut es ihm zu. Gerade vielleicht deshalb, weil Mose kein Held mehr sein will, weiss Gott, dass er sich auf ihn verlassen kann. Mose wird nicht aus eigener Ruhmsucht oder aus der Wut im Bauch heraus handeln, sondern im Hören auf das, was er zu tun hat, fähig, Niederlagen einzustecken und dennoch nicht aufzugeben.

Neue Hoffnung schöpfen, das ist die Frage!
To be — or not to be? To bum out — or not to burn out? Das ist vielleicht auch manchmal bei uns die Frage — im persönlichen Leben, wo wir uns einsetzen für mehr Hoffnung, Versöhnung, Glauben, Achtung der Schöpfung, Befreiung vor Ausbeutung durch grosse Konzerne, oder was wir auch immer als Gabe und Aufgabe Gottes erfahren. Sich einerseits ganz für sein eigenes Anliegen — wenn es denn den Menschen dienen soll einsetzen, andererseits prüfen und hören: Ist es Gott selber, der mich in diese oder jene Not schickt, um, wie Mose, sich vielleicht kaum fähig glaubend, von einem anderen Land zu reden, wo keine Unterdrückung herrscht, und nach anderen Regeln zu handeln, damit die Menschen neue Hoffnung schöpfen? Wer diese Sehnsucht in sich pflegt und “barfuss” auf die Stimme Gottes hört, ist zwar nicht vor jedem Scheitern gefeit (Erfolg ist keiner der Namen Gottes, wie Martin Buber sagte), aber er/sie wird nicht ausbrennen. Die Glut der Liebe, die zwar manchmal nur noch wärmt ohne hell zu leuchten, vergeht nicht wie ein Strohfeuer.
Christoph Albrecht SJ
Veröffentlicht in INFO – Brief Nr. 44 – November 2002

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