Bettina Kustner, „In deinen Straßen will ich dir begegnen.“

Grundriss zu einer Theologie der Straße

Diplomarbeit an der Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen

Frankfurt am Main
Verfasserin: Bettina Kustner, Moderator: P. Klaus Vechtel SJAbgabedatum: 24. Juli 2009

Inhalt

1 Einführung

1.1 Zugangserfahrung

1.2 Fragestellung und Anliegen

1.3 Aufbau der Arbeit

1.4 Wozu eine „Theologie der Straße“ dient

1.5 Was „Exerzitien“ sind

2 Exerzitien auf der Straße

2.1 Überblick

2.1.1 Entstehung der „Exerzitien auf der Straße“

2.1.2 Das Ziel

2.1.3 Die Praxis

2.1.4 Die Zielgruppe

2.1.5 Theologisches Grundproblem

2.2 Die Exerzitientage

2.2.1 Fundamentbetrachtung – Der Gottesname

2.2.2 Auf heiligem Boden die Schuhe ausziehen

2.2.3 Vertiefung

2.2.4 Beginn der letzten Etappe – Emmaus
2.2.5 Betrachtung zur Erlangung der Liebe

2.3 Exkurs: Buddhistische „Straßen-Retreats“

2.3.1 Entstehung der „Straßen-Retreats“

2.3.2 Die Bedingung – Betteln

2.3.3 Der Ablauf

2.3.4 Ankommen und Unterwegssein

2.3.5 Der Reichtum der Straße

3 Verortung der „Exerzitien auf der Straße“

3.1 Bewegung der Arbeiterpriester

3.1.1 Die Entwicklung der Arbeiterpriester-Bewegung bis zu ihrem Verbot

3.1.2 Entwicklungen seit dem Zweiten Vatikanum

3.2 Arbeiterpriester und „Exerzitien auf der Straße“

4 Zur Möglichkeit der Gotteserfahrung

4.1 Erfahrbarkeit Gottes

4.1.1 Begriffsumschreibung

4.1.2 Problemstellung

4.2 Antwortversuche

4.2.1 Unmittelbare Erfahrung des gegenwärtigen Gottes

4.2.2 Glaube an die Gegenwart der Liebe Gottes aufgrund des Wortes der christlichen Verkündigung

4.2.3 Theologie des Todes Gottes

4.2.4 Die Offenbarung als Eröffnung eines Weges zu Gott

4.3 Etappen des Weges zu Gott

4.3.1 Gott ist keine unmittelbare Gegebenheit menschlicher Erfahrung

4.3.2 Offenheit und Ansprechbarkeit

4.3.3 Erwartung und Hoffnung unbegrenzter Gemeinschaft

4.3.4 Mitmenschlichkeit als Ort der Gotteserfahrung

4.3.5 Dankendes Bekenntnis

4.3.6 Jesus Christus als Urbild dieser Weg-Struktur

5 Theologische Reflexion der „Exerzitien auf der Straße“

5.1 Die Weg-Struktur in den Straßenexerzitien

5.1.1 Glaube

5.1.2 Hoffnung

5.1.3 Liebe

5.2 Zusammenführung und Ausblick

Literaturverzeichnis
Einführung
Zugangserfahrung
Die Kfz-Zulassungsstelle als Ort der Gottesbegegnung – das war eine Erfahrung, die ich während meiner ersten „Exerzitien auf der Straße“ in Berlin gemacht habe: Am Beginn der Exerzitientage wollte ich zunächst eine Kirche aufsuchen, um darin zu beten. Doch waren alle Kirchen, die am Weg lagen, verschlossen. Schließlich ging ich in ein kleines Café, das in einem Häuserblock integriert war und von den dortigen Anwohnern rege besucht wurde. Dieser Ort ist mir zur Kirche geworden, wo ich eintreten konnte und ins Gebet fand. Am nächsten Tag wollte ich mit der U-Bahn zum Karmel Regina Martyrum fahren und war dabei innerlich sehr unruhig. Deshalb bin ich im U-Bahnhof Kurfürstenstraße ausgestiegen, um zu sehen, ob mich hier vielleicht ein Ort oder eine Situation berührt. Nachdem das nicht der Fall war, bin ich mit der U-Bahn weiter in Richtung Karmel gefahren. Die Fahrt würde noch etliche Zeit dauern. In der U-Bahn sitzend, eingeklemmt zwischen den anderen Fahrgästen, wurde ich auf einmal ruhig. Ich fühlte mich ganz bei mir und im Frieden mit meinen Mitmenschen und mit Gott. Die Zeit vergessen habend, schreckte ich plötzlich auf und bemerkte, dass ich mit der U-Bahn genau in die andere Richtung fuhr, als das von mir angestrebte Ziel lag. Gott wollte mir an einem anderem Ort begegnen: Ich stieg aus, ließ mich von meinem Herzen durch die Straßen führen und betrat schließlich die Kfz-Zulassungsstelle. Dieser Ort wurde für mich zu heiligem Boden. Ich zog meine Schuhe aus, wie damals Mose am brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch (vgl. Ex 3,4). Der Dabei-Seiende offenbarte sich mir in den Menschen, die als Nummer behandelt wurden: Das Ziehen einer Wartenummer war Voraussetzung, um überhaupt bedient zu werden; die Personal-ausweisnummer war nötig, um identifiziert werden zu können; das Schreiben mit einer Erkennungsnummer war Bedingung dafür, dass der Auftrag ausgeführt wurde.

Verschlossene Kirchen unterwegs, ein Café in dem ER täglich einkehrt, als Nummer zugelassen – „Du Gott, bei dem ich einen Platz habe und der mich liebt!“ Wie diese Erfahrungen mit meinem Leben zusammenhingen, konnte ich in den Exerzitientagen auf den Straßen Berlins staunend entdecken. Und wie reich wurde ich später durch die Erzählungen der TeilnehmerInnen der Exerzitienkurse beschenkt, die ich selbst mit begleitet habe!

[…]

Exerzitien auf der Straße
Überblick
Die „Exerzitien auf der Straße“, denen es besonders darum geht die „Wirklichkeit der Auferstehung, der Anwesenheit Jesu an konkreten Orten“1 herauszustellen, sind aus der ignatianischen Tradition entstanden. Anders als bei den klassischen Exerzitien wird das Wort Gottes jedoch weniger in Textform betrachtet, als vielmehr der inkarnierte Logos in der konkreten Schöpfung meditiert. Die Perikopen des Evangeliums werden inmitten der Stadt entdeckt und die Straße wird zur Predigt.2 Bevor ich mit den inhaltlichen Ausführungen über die „geistlichen Übungen“ (vgl. GÜ 1) auf der Straße beginne, möchte ich als ersten Orientierungspunkt einen Überblick über Entstehung, Ziel, Praxis und Zielgruppe der Straßenexerzitien geben und deren theologisches Grundproblem formulieren.3

Entstehung der „Exerzitien auf der Straße“
Die „Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola, wie sie heute vorliegen, sind kein von Anfang an durchdachtes Gebilde, sondern resultieren aus den Erfahrungen, die er selbst auf seinem geistlichen Weg gemacht hat, und aus den Erfahrungen, die er als Begleiter von Exerzitien gesammelt hat. Auch die „Exerzitien auf der Straße“ haben sich entwickelt und im Laufe der vergangenen Jahre immer konkretere Formen angenommen.

Ausgangspunkt war der Wunsch eines Jesuiten, Gott in den Straßen der Stadt zu suchen. Sein Weg führte ihn in eine von Jesuiten gegründete offene Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg. Dort haben in den vergangenen 30 Jahren viele Menschen aus etwa 60 Nationen und unterschiedlichen Religionen für Monate oder Jahre eine Heimat gefunden. Die meisten von ihnen kamen in einer sozialen Notlage als Flüchtlinge, als Entlassene aus Gefängnissen oder Krankenhäusern oder als Menschen ohne Obdach dorthin.4 Auch Menschen auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben kehren in der Wohngemeinschaft ein. Für viele Fragen und Nöte ist in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg Platz. Natürlich läuft das Zusammenleben nicht ohne Spannungen ab. Aber gerade die Begegnung mit den Anderen, in der Haltung der dafür nötigen Offenheit und Aufmerksamkeit, bergen Chancen eigenen Wachstums in sich, ein Beschenkt-Werden, welches nicht erzwungen werden kann, sondern gratis auf einen zukommt. „Geschenkt wurde uns ein Weg der Menschwerdung.“5 Mit diesen Worten beschreibt Christian Herwartz, der Mitbegründer der Jesuitenkommunität, das Erfahrene. Das Entdecken der geschwisterlichen Liebe über alle vorgefundenen Grenzen hinweg steht für ihn im Zentrum seiner Glaubenserfahrung und stellt immer neu den Wendepunkt hin zum Leben dar.6

Die Besonderheit dieses Ortes hatte der Jesuit vermutlich geahnt, der vor gut zehn Jahren bei seinem Mitbruder Christian Herwartz anfragte, ob er in der Wohnge-meinschaft Exerzitien machen könne. Der Jesuitenpater war zur Zeit der Anfrage als Staplerfahrer und Lagerist in einer Fabrik tätig. Er war Arbeiterpriester, aber kein Exerzitienbegleiter. In der Wohngemeinschaft, in der viele Menschen aus unter-schiedlichen Situationen auf engem Raum zusammen leben, gibt es für den Einzelnen kaum Rückzugsmöglichkeiten, geschweige denn einen Raum der Stille. Wie sollte die Naunynstraße als „Exerzitienhaus“ dienen können? In einem solchen herrscht normal Stille und es steht eine Kapelle oder ein anderer Raum für das Gebet zur Verfügung. Außerdem inmitten einer großen Stadt und noch dazu in Berlin-Kreuzberg! Zweifelhafte Voraussetzungen waren Ausgangspunkt für eine erstaunliche Entwicklung. Hatte schließlich nicht Ignatius selbst vorgeschlagen, „Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden“? Es stellte sich heraus, dass es in der Wohngemeinschaft zwar keine Kapelle als Rückzugsmöglichkeit zum Gebet und für die Stille gab, aber dass in den dort lebenden Menschen der auferstandene Christus anwesend war. Die Begegnung mit ihnen wurde für den Jesuiten zum Wort Gottes und damit zum Anruf Gottes an ihn. Durch seine ungewöhnliche Anfrage wurde die Naunynstraße als ein privilegierter Ort für einen Exerzitienprozess entdeckt.7

Nach einiger Zeit kam ein in Exerzitienbegleitung erfahrener Jesuit auf Christian Herwartz zu und bat ihn, zusammen mit ihm einen Exerzitienkurs für Jesuiten in Berlin-Kreuzberg anzubieten. Dort fanden sie in einer Wärmestube für Obdachlose der Gemeinde St. Thomas, die im Sommer einige Wochen geschlossen war, eine einfache Unterkunft: Es gab zwei Räume mit Matratzen zum Schlafen, eine Küche und einen Gemeinschaftsraum für die Mahlzeiten. Die Begleitung sollte in der typischen Form der Einzelbegleitung erfolgen, doch ergab sich beim gemeinsamen Abendessen in einer Atmosphäre der Offenheit und Aufmerksamkeit füreinander ein gegenseitiges Erzählen vom Exerzitientag, so dass sich keiner mehr mit einem Begleiter zum Gespräch zurückziehen wollte. Das war der Anfang der sich inzwischen bewährten Form des Erzählens bzw. Begleitens in der Gruppe.8

Aus der Anfrage eines Einzelnen, später auch von Gruppen, und den gemachten Erfahrungen mit diesem Experiment entwickelte sich nach und nach die heutige Form der „Exerzitien auf der Straße“.

Das Ziel
Den „Geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola geht es darum, „zu einer alle Schichten der Person durchdringenden Vertiefung des Glaubens an Jesus Christus zu führen.“9 Die Straßenexerzitien haben letztlich das gleiche Anliegen, wenngleich die Methode eine andere zu sein scheint. Die „geistlichen Übungen“ auf der Straße wollen eine Übung zur Aufmerksamkeit inmitten einer Stadt sein. Das Übungsfeld ist unbegrenzt, es ist die Straße des Lebens.10 Die Übenden verweilen tagsüber auf der Straße, lassen sich von ihrem Herzen führen und bleiben stehen, wo sie Betroffenheit spüren oder sich angesprochen fühlen. Das zentrale Anliegen der Straßenexerzitien ist die Suche nach Gott sowie der Glaube und die Hoffnung, den auferstandenen Christus in der eigenen Lebenserfahrung, aber auch in der ungeschönten gesellschaftlichen Wirklichkeit zu finden.11 Die TeilnehmerInnen werden eingeladen, aufmerksam hinzu-hören und hinzusehen, wohin Gott sie führen und wo er ihnen begegnen möchte. Oft erfahren die Übenden den Ort, an dem sie gerade stehen, als heiligen Boden (vgl. Ex 3,5). An diesem Ort, an dem der Dornbusch ihres Alltags brennt und doch nicht verbrennt – die Liebe Gottes – da werden sie sich ihrer eigenen Würde und der Würde der Anderen bewusst. Dabei kann es hilfreich sein, wie Mose am Dornbusch die Schuhe auszuziehen, d.h. alle Hindernisse, die den Blick für die eigene Würde und die Würde des Anderen verstellen, wegzuräumen: die Mauern der Angst, der Trauer und des Zweifels; die Zäune der Lieblosigkeit, der Ausgrenzung und des Hochmutes. Dadurch werden Prozesse der Menschwerdung in Gang gesetzt. Es geht bei den Straßenexerzitien also wesentlich um Befreiung aus den verschiedenen Gefangenschaften, in denen sich Menschen befinden können und damit um ein Mehr an Leben. In einem Satz formuliert lässt sich das Ziel der „Exerzitien auf der Straße“ und auch über diese Tage hinaus so benennen: In die Liebe zu kommen und aus dieser Liebe zu leben.

Die Praxis
Eine zusammenhängende Anleitung für das Geben der „Exerzitien auf der Straße“, wie sie für die „Geistlichen Übungen“ in Form des Exerzitienbuches vorliegt, gibt es bisher noch nicht. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Artikel über die Erfahrungen mit dieser Exerzitienform verfasst oder theologische Reflexionen zu einzelnen Aspekten der Straßenexerzitien unternommen.12 Diese verschiedenen Elemente möchte ich im Rahmen des Grundrissentwurfes zu einer „Theologie der Straße“ zusammentragen.

Zunächst möchte ich kurz die Rahmenbedingungen skizzieren, wie sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Die TeilnehmerInnen der „Exerzitien auf der Straße“ kommen meist in einer einfachen Unterkunft, z.B. in einer Obdachlosen-unterkunft oder in Gemeinderäumen unter. Sie organisieren sich selbst den Einkauf und die Vorbereitungen für das Frühstück und ein schlichtes Abendessen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Einfachheit der äußeren Gegebenheiten den Weg auf die „Straßen“ erleichtert. Der Morgenimpuls wird abwechselnd von den BegleiterInnen oder den TeilnehmerInnen gegeben. Jeden Abend kommt die Gruppe zur Feier der Eucharistie zusammen. Die TeilnehmerInnen sind jedoch frei, daran teilzunehmen oder nicht. Verpflichtend für alle ist lediglich die abendliche Austauschrunde.

Anders als bei den Einzelexerzitien werden die TeilnehmerInnen der Straßen-exerzitien innerhalb einer Kleingruppe (vier bis sechs Personen) von einer Frau und einem Mann begleitet. Für die Begleitung der immer zahlreicher werdenden Exerzitien-kurse konnten zunächst die „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ gewonnen werden. Das ist eine Gruppe von Ordensleuten verschiedener Gemeinschaften, die sich mit der Ausländerthematik und anderen Formen der Ausgrenzung auseinandersetzen und denen dabei besonders ihre spirituelle Grundlage wichtig ist.13 Zwischenzeitlich gibt es zahlreiche BegleiterInnen, die aus den TeilnehmerInnen der „Exerzitien auf der Straße“ hervorgegangen sind. Voraussetzung für die Begleitung von Straßenexerzitien ist also eine persönliche Erfahrung auf bzw. mit der Straße, sei es durch die Teilnahme an den Exerzitien oder durch Experimente wie Pilgern oder Betteln (diese sollten nicht länger als ein Jahr zurückliegen) bzw. Erfahrungen von Ausgrenzung in der Gesellschaft. Die Frage nach weiteren Voraussetzungen für die Begleitung, z.B. theologische Bildung oder Ausbildung im Bereich der Geistlichen Begleitung werden immer wieder diskutiert. Die Begleiter erleben sich häufig als Werkzeuge oder Raumbereiter für das eigentliche Wirken Gottes. Sie befinden sich in der Spannung, sich selbst zurückzunehmen und sich zugleich als Person zu zeigen. Dabei erleben sie die Begleitungskompetenzen oft eher als zweitrangig. Nachdem ein Team immer aus zwei Begleitern besteht, können sie sich in der Verantwortung des Begleitens gegenseitig unterstützen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass von den Gruppenmitgliedern selbst wichtige Impulse, in Form von Reaktionen oder Rückfragen, ausgehen. Oft werden auch die Menschen, die den Übenden auf der Straße begegnen, ein Stück des Weges zum Begleiter. Die Begleiter dürfen oft Zeugen sein für die verrückten und humorvollen Wege, die Gott mit jedem Einzelnen geht.

Inzwischen werden nicht nur in Berlin-Kreuzberg, sondern auch in anderen Städten Deutschlands, der Schweiz und Österreichs 10-tägigen Kurse angeboten. Aber auch ein halber Tag kann genügen, dass ein innerer Prozess, wie er für die Straßenexerzitien typisch ist, in Gang gesetzt wird. „Exerzitien auf der Straße“ im Alltag gehören zu einer weiteren Form, wie auch schon Ignatius die Möglichkeit von „Geistlichen Übungen im Alltag“ vorgesehen hatte.14 Außerdem wurden Straßenexerzitien für bestimmte Personengruppen ausprobiert. So gab es beispielsweise Kurse für junge Erwachsene (bisher in internationalen Gruppen), für Ehepaare oder für Frauen.

Bei den seit 2008 jährlich angebotenen BegleiterInnentreffen findet ein reger Austausch über die inzwischen vielfältige Praxis statt. Neben der Frage nach der Qualifikation der BegleiterInnen werden bei diesen Treffen auch andere sich auf-drängende Themen angesprochen, z.B. die Bedeutung der „Straße“ im Exerzitienprozess, das biblische Verstehen oder die langfristige Notwendigkeit einer Institutionalisierung der Straßenexerzitien.

Die Zielgruppe
Ein wichtiges Thema bei diesen Treffen ist auch die Frage nach möglichen Zugangsbeschränkungen für die Teilnehmenden. Bei dieser Form der Exerzitien war es bisher nicht nötig, eine Vorauswahl zu treffen. Jeder, der sich angesprochen fühlt, darf kommen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht unverantwortlich ist, z.B. psychisch Kranke oder Süchtige in die Gruppe aufzunehmen. Bisher haben die Erfahrungen jedoch gezeigt, dass solche Probleme in der Gruppe gelöst werden konnten oder in Form einer zusätzlichen Einzelbegleitung. Nachdem ein Team immer aus zwei Begleitern besteht, sind die Ängste weniger geworden. Es kann jedoch vorkommen, dass es nötig wird, jemanden auszuschließen.

Auf die Frage, für wen die „Geistlichen Übungen“ geeignet sind, betonte Peter Hans Kolvenbach SJ 1991 zum 400. Jahresgedächtnis der päpstlichen Bestätigung der Gesellschaft Jesu, dass die „Geistlichen Übungen“, die schon viele Herzen umgestaltet haben, kein starres geschlossenes System sind. Vielmehr können sie an Leute auf verschiedenen Stufen des geistlichen Weges und an die unterschiedlichen Lebensformen der Menschen von heute angepasst werden. Aus der Erfahrung, dass auch nicht-katholische Christen die Exerzitien mit großem Nutzen gemacht haben, ermutigte der frühere Generalobere dazu, die Übungsform so anzupassen, dass sie auch Nichtchristen helfe.15

Die „geistlichen Übungen“ auf der Straße sind ein Ergebnis der von Kolvenbach angesprochenen Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten. Durch die Form „Exerzitien auf der Straße“ soll einer breiten Zielgruppe ein Zugang zu Exerzitien ermöglicht werden. Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, aus verschiedenen Religionen und aus den jeweiligen Lebensphasen dürfen sich ange-sprochen und zur Teilnahme an den Straßenexerzitien eingeladen fühlen. Ein großes Anliegen ist es deshalb, die Hemmschwelle zur Teilnahme an den Exerzitien möglichst gering zu halten, um sie auch für am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen zugänglich zu machen.16 An einem Exerzitienkurs hat beispielsweise eine Frau teilgenommen, die selbst lange Jahre auf der Straße gelebt hatte. Sie strapazierte durch ihre konfusen Erzählungen von den unzähligen Begegnungen am Tag die Nerven der TeilnehmerInnen und BegleiterInnen. Aber sie schenkte allen eine wichtige Erkenntnis, die ein Teilnehmer in folgende Worte brachte: „Wenn sie nicht in unserer Gruppe wäre und uns nicht von ihren Begegnungen erzählen würde, wäre uns Kreuzberg nicht so nahe.“

Theologisches Grundproblem
Ignatius gibt den Begleitern der Exerzitien den Rat, die Übenden nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen, sondern in der Mitte stehend „unmittelbar den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn“ (GÜ 15). Dieses unmittelbare Wirken ist wohl nicht als ein überwältigendes Erlebnis zu verstehen, sondern vielmehr als ein Angesprochen-Werden des Menschen durch Gottes Wort und ein immer tieferes Vertraut-Werden mit diesem Wort. Bringt der Exerzitant die nötige Aufmerksamkeit und Offenheit mit, kann das als Glaubensbotschaft verkündete Wort Gottes in ihm wirken und ihn in seinem Selbst allmählich verwandeln.17

Als theologisches Grundproblem der „Geistlichen Übungen“ stellt sich die Frage, wodurch gewährleistet wird, dass man sich das Leben Jesu im Gebet nicht nur vorstellt, sondern ihm auch wirklich begegnet. Die Vorstellung der Glaubensinhalte allein reicht nicht aus, entscheidend ist vielmehr, dass Gott dem Menschen in der geschichtlichen Wirklichkeit von anderen Menschen bezeugt begegnet.18 Insofern stellt sich bei den „Exerzitien auf der Straße“ ebenfalls die Frage, wodurch gewährleistet wird, dass man an bestimmten Orten oder bei Begegnungen mit Menschen wirklich Jesus begegnet und ob es vielleicht sogar spezifische Orte der Gottesbegegnung gibt.

Die Exerzitientage
Ähnlich wie die „Geistlichen Übungen“ lassen sich auch die „Exerzitien auf der Straße“ in verschiedene Etappen einteilen. In der Regel besteht die Übung aus drei Schritten: Im ersten Schritt geht es darum, mit Gott und sich selbst in Dialog zu treten. Das kann mit Hilfe der Fundamentbetrachtung und der Frage nach dem je persönlichen Namen für Gott geschehen. Der zweite Schritt ist das Unterwegssein im Alltäglichen und die Suche nach heiligem Boden an Orten einer Stadt und in sich selbst. Im dritten Schritt geht es darum, die in den Straßenexerzitien gemachten Erfahrungen mit anderen zu teilen.19 Wie diese Schritte im Einzelnen aussehen können, werde ich im Folgenden ausführen.

Fundamentbetrachtung – Der Gottesname
Der erste Übungsschritt der „Exerzitien auf der Straße“, das In-Dialog-Treten, kann mit Hilfe der Fundamentbetrachtung geschehen. Das Fundament für die Exerzitien, für den Weg mit Gott, finden die TeilnehmerInnen der Straßenexerzitien in der kritischen Begegnung mit der je eigenen Wirklichkeit, so wie sie ist.20 Die Ausgangsfrage dazu lautet: Worüber ärgere ich mich häufig? Worüber werde ich regelmäßig traurig? In bestimmten Situationen treten diese Gefühle spontan immer wieder auf, weil den Menschen die Wirklichkeit oft anders begegnet, als sie sich diese vorstellen. Mit der Erinnerung an den Ärger oder die Trauer kann der Exerzitant auf die Spur seiner eigenen Sehnsucht kommen, indem er sich fragt, welche Sehnsucht seine Hoffnung am Leben erhält und was er sich eigentlich für sich oder andere wünscht. Diese Sehnsucht beschreibt den Hunger nach Gerechtigkeit, wie ihn Jesus in der Bergpredigt selig preist (vgl. Mt 5). Die Sehnsucht ist nicht etwas, was auf den Menschen von außen zukommt, vielmehr findet sie sich in ihm vor. Gott hat die Sehnsucht in ihn gelegt und offenbart darin einen Aspekt seiner Fülle im Menschen. Durch die Wahrnehmung des eigenen Ärgers oder der wiederkehrenden Traurigkeit über bestimmte Situationen kann sich dem Menschen ein Weg eröffnen, die Anwesenheit Gottes in seiner Sehnsucht zu entdecken. Im Begleitgespräch am Abend in der Kleingruppe können ein oder zwei besonders wichtige Aspekte unter Mithilfe der anderen TeilnehmerInnen deutlich werden. Um der Sehnsucht Ausdruck zu geben und Gott darin anzusprechen, ist es hilfreich, einen persönlichen Namen für Gott zu formulieren, vielleicht mit den Worten, mit denen sich die eigene Sehnsucht beschreiben lässt. Wenn dieser mit dem Wort „Du“ beginnt, ist es leichter, sich im Gebet vor Gott zu stellen. Der persönliche Gottesname kann nie endgültig sein, vielmehr spricht er einen im Moment stimmigen Aspekt der eigenen Existenz und den in der Sehnsucht anwesenden Gott an. Über die weiteren Erfahrungen mit dem Namen Gottes im Gebet tauschen sich die TeilnehmerInnen am nächsten Abend in der Gruppe aus. Die Fundamentbetrachtung und die Formulierung eines persönlichen Gottesnamens ist der Beginn des Aufmerksam-Werdens für das, was in und um die Exerzitanten herum geschieht.21

Auf Grundlage einiger Geschichten aus der Heiligen Schrift lässt sich das Beschriebene verdeutlichen. In Kapitel 16 im Buch Genesis ist die Geschichte von der ägyptischen Magd Hagar erzählt, die anstelle ihrer Herrin Sarai einen Erben gebären sollte. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, kommt es zwischen ihr und Sarai zu einem Konflikt. Hagar fühlt sich von Sarai so hart behandelt, dass sie in die Wüste hinein davonläuft. Vielleicht hat sie sich über die ungerechte Behandlung Sarais geärgert und darüber, dass Abram diese gewähren ließ. Wahrscheinlich war sie sehr enttäuscht und traurig, dass sich niemand etwas aus ihrer Situation machte. In der Wüste spricht sie dann ein Engel des Herrn an und fordert sie auf, wieder zu Sarai zurückzukehren. Hagar bekommt die Verheißung mit auf den Weg, dass ihre Nachkommen zahlreich sein werden und sie einen kraftvollen Sohn gebären sollte. Da nennt sie den Herrn, der zu ihr gesprochen hat, „El-Roï“. Nach dem oben genannten Schema würde man diesen Namen Gottes mit „Du, der nach mir schaut“ übersetzen. In diesem Gottesnamen bringt Hagar ihre Sehnsucht zum Ausdruck, die hinter ihrer Traurigkeit lag. Sie wollte in ihrer Not beachtet und gesehen werden. Und staunend sagt Hagar: „Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?“ (Gen 16,13).22

Ein weiteres Beispiel, in dem durch den Namen eines Kindes etwas von der Sehnsucht deutlich wird, findet sich in der folgenden Geschichte: In Ägypten bekam ein levitisches Paar einen Sohn. Alle Söhne der Israeliten mussten jedoch auf Befehl des Pharao getötet werden. Nachdem die Mutter des Kindes das nicht über das Herz brachte, legte sie das Kind in einen Binsenkorb und setzte es im Nil aus. Zufällig fand die Tochter des Pharaos dieses Kind und zog es aus dem Wasser. Deshalb bekam der Knabe den Namen Mose: „Der, den ich aus dem Wasser gezogen habe“ (vgl. Ex 2,10). Als junger Mann ging dieser zu seinen Stammesbrüdern hinaus und sah ihnen bei der Fronarbeit zu. Dort wurde er Zeuge, wie einer von ihnen von einem Ägypter geschlagen wurde. Als sich Mose vergewissert hatte, dass ihn niemand sah, erschlug er den Ägypter. Daraufhin floh Mose nach Midian, wo er im Hause des Priesters Reguël Zuflucht fand und dessen Tochter Zippora zur Frau bekam. Wie sehr Mose an der Fremde litt, wird in dem Namen seines erstgeborenen Sohnes deutlich, den er Gerschom nannte, d.h. Ödgast oder Gast in der Fremde (vgl. Ex 2,22). Moses Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit bekommt in dem von Gott offenbarten Namen am Dornbusch einen Ausdruck: „Ich bin der ich bin da“ (vgl. Ex 3,14). Mose konnte nun einen Zugang zu Gott finden, indem er ihn mit folgenden Namen ansprach: „Du, der Du bei mir bist“ und zwar an dem Ort, wo er gerade stand (vgl. Ex 3,5). So wurde für Mose in der Fremde die Anwesenheit Gottes erfahrbar. Auf dieses Fundament gesetzt, konnte er sich nun auf den Weg machen, seinen Beitrag zur Befreiung des Volkes Israels zu leisten.23

Auch im Koran finden sich zahlreiche Namen Gottes, die von vielen muslimischen Knaben getragen werden. Mit dieser Namensgebung ist die Hoffnung verbunden, dass das Kind die im Namen enthaltene Eigenschaft Gottes besonders präsent macht. Die Muslime erinnern im Gebet an die 99 schönsten Namen Gottes. Sie benutzen dabei oft eine dem Rosenkranz ähnliche Perlenkette. Eine mystische Tradition sagt, dass der 100. Name Gottes jedem Menschen persönlich von Gott offenbart wird.24

Ein anschauliches Beispiel auf der Suche nach dem Namen Gottes ist die Geschichte einer jungen Frau, die bei den „Exerzitien auf der Straße“ von ihrem Ärger erzählte, der immer wiederkehrt, wenn Menschen in ihrer Umgebung übersehen werden. Sie hatte die Sehnsucht, dass jeder Mensch einen angemessenen Platz in der Gesellschaft bekommt und dort als Mensch mit Würde wahrgenommen wird. Aus dieser Sehnsucht heraus konnte sie folgenden Namen für Gott formulieren: „Du, der mich schön ansieht“. Mit diesem Namen ging sie am nächsten Tag zum Eingangsbereich eines großen Kranken-hauses. Dort sah sie die vor der Tür rauchenden Patienten schön an, d.h. sie sah sie mit einem respektvollen und liebenden Blick an und fand auf diese Weise ins Gebet. Dieser Name begleitete sie auch über die Exerzitien hinaus. Immer wenn sie ihren Namen für Gott aussprach, war sie wieder im Gebet. Im Laufe der Zeit bekam der Name eine Erweiterung: „Du, der Du mich schön ansiehst und der Du mich das Lieben lehrst.“25

Mit Hilfe der entdeckten Sehnsucht können die Exerzitanten versuchen, Gott anzusprechen und so in den Dialog mit ihm und damit in das persönliche Gebet eintreten. Mit diesem Gebet im Herzen machen sich die Übenden dann auf den Weg und werden von Gott zum Ort seiner Anwesenheit geführt. Er wartet an dem Ort, wo er sie weiter in das Leben mit ihm einführen will, wo er ihre Vorurteile und Ängste heilen kann, wo er ihnen die Wege der Einheit mit ihm sehen und gehen lehren möchte, auf denen ihre Sehnsucht überschwänglich ernst genommen ist.26 Dieser von innen geleitete Prozess wird in den weiteren Phasen der „Exerzitien auf der Straße“ näher beschrieben.

Auf heiligem Boden die Schuhe ausziehen
Der zweite Übungsschritt lässt sich überschreiben mit „unterwegs im Alltäglichen“.27 Es geht nicht mehr darum, etwas planen oder leisten zu müssen, es genügt einfach da zu sein, auf das Gesagte zu hören oder nicht, darauf zu reagieren oder eben nicht. Entschleunigung hat sich eingestellt. Eine Zeit des Nicht-Wissens und Nicht-Planens hat begonnen. Die Übenden können nun besser wahrnehmen, was ihnen hilft, in der Gegenwart und damit in der inneren Stille zu bleiben.28

Aus der zu Beginn der Exerzitien entdeckten Fundamentbeziehung heraus, können die Exerzitanten nun die Einheit mit ihrem Ursprung benennen, in dem sie selbst oder der Geist Gottes in ihnen ständig kommuniziert. Dieses Gespräch kann hörbar werden, wenn sie im Jetzt bleiben – ein kontemplativer Vorgang.29 In ihrem Innern wird die heilende Gegenwart Gottes spürbar. Die von den Menschen bewahrten Grenzen verlieren ihre lebensbeschränkende Härte und der Blick wird frei für die Begegnung mit Gott, die sich in der Beziehung zu jedem Menschen und zu sich selbst ereignen kann. Die Übenden können die Suche beginnen, ihren persönlichen Dornbusch zu entdecken, in dem Gott schon auf sie wartet.30

Angestoßen wird ihre Suche von der Geschichte des Moses, der die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters in der Steppe weidete. Er ging also seiner alltäglichen Aufgabe nach. Doch an diesem Tag tat er etwas Neues: Er trieb die Herde über die Grenzen des gewohnten Weidelandes hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort sah er etwas Ungewöhnliches: Einen Dornbusch, der brannte, aber doch nicht verbrannte. Mose wunderte sich, wurde neugierig und ging hin, um sich die Sache genauer anzusehen. Als er schon nahe an dem brennenden Dornbusch herangekommen war, hörte er eine Stimme, die zu ihm rief: „Mose, komm nicht näher! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,4). Mose sollte seine Schuhe ausziehen, denn Gott hatte ihm etwas zu sagen.31 Er wollte ihm einen Auftrag geben, und so musste Mose alles ablegen, was das Hören verhindert hätte.

Welche Bedeutung die Mosegeschichte für die Straßenexerzitien hat und was unter den für die Kommunikation bei den Begleitgesprächen angebotenen Schlüsselworte „Dornbusch“, „heiliger Boden“ und „Schuhe ausziehen“ zu verstehen ist, werde ich im Folgenden herausarbeiten.

Der brennende und doch nicht verbrennende „Dornbusch“, ist das Zeichen der greifbaren Anwesenheit Gottes. Niemand kann den Übenden vorher sagen, an welchem Ort sie die Begegnung mit dem Feuer der Liebe Gottes machen werden, denn der Dornbusch, in dem Gott auf die Einzelnen wartet, um sich ihnen persönlich zu offenbaren, hat unterschiedliche Namen und Gesichter.32 Als Anregung wird den Exerzitanten eine Liste mit Orten in der Stadt zur Hand gegeben, die auf der Suche nach dem persönlichen heiligen Boden als erste Orientierung dienen können. Erfahrungs-gemäß eignen sich soziale Brennpunkte oder Orte mit einer eigenen Geschichte besonders für die Suche nach dem persönlichen Dornbusch. Beispiele für diese oft unscheinbaren und zufällig entdeckten Orte am Weg können sein: ein Drogenumschlags-platz, eine Babyklappe, ein Krankenhaus, eine Verkehrsinsel, eine Suppenküche, eine Moschee, eine Parkbank, die U-Bahn, die Kfz-Zulassungsstelle, das Arbeitsamt, das Gefängnis, ein Obdachloser, eine Zeitungsverkäuferin oder ein Werbeplakat. An solchen oder ähnlichen Orten oder in der Nähe von Menschen kann für die Übenden ihr je persönlicher Dornbusch sichtbar werden, in dem Gott ihnen begegnen möchte. Wenn die TeilnehmerInnen am Abend von dem für sie zu heiligem Boden gewordenen Orten berichten, stellt man häufig eine Ähnlichkeit mit biblischen Erzählungen fest, die auch von der Begegnung Jesu an konkreten Orten, Situationen und Zeiten berichten.33 So können die Übenden die biblischen Geschichten aus ihren Erfahrungen tiefer verstehen und umgekehrt ihre eigenen Erfahrungen im Licht des Wortes Gottes neu deuten.

Woher wissen die Exerzitanten aber, dass sie gerade „heiligen Boden“ betreten? Gott sagte zu Mose: „Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5). Oft brennt der Dornbusch dort, wo sie gerade stehen, wo Gott schon lange auf sie wartet. Und jeder Boden wird heilig, wo Gott dem Menschen begegnen möchte.34 Wie an der Geschichte mit dem Dornbusch deutlich wird, gibt es keinen Ort, an dem Gott nicht mit seiner Liebe anwesend wäre. Schließlich war der Dornbusch der unbedeutendste aller Bäume (vgl. Ri 9,7-15). Wenn die TeilnehmerInnen der „Exerzitien auf der Straße“ mit Offenheit und Aufmerksamkeit durch die Straßen gehen und sich von ihrem Herzen führen lassen, werden sie heiligen Boden entdecken können. Sie werden davor oder schon darauf stehen und sich in irgendeiner Weise von dem Ort oder der Situation angesprochen fühlen.35

Die Übenden können sich dann fragen: Wo stehe ich auf heiligem Boden und panzere mich davon ab? Wo habe ich Mauern und Zäune errichtet, um meiner eigenen Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen? In der Sprache der „Exerzitien auf der Straße“ lautet die Frage: Welche „Schuhe“ hindern mich, die Realität so zu sehen wie sie tatsächlich ist? Diese Schuhe können sehr unterschiedliche Namen haben, z.B. die Schuhe des Rechthabens und des Perfektionismus, die Schuhe des Helfens, die Schuhe des Beobachtens und des Vergleichens, die Schuhe der Angst und des Misstrauens, die Schuhe der Stärke, die Schuhe der Trägheit und Passivität.36 Die Schuhe in der Mosegeschichte stehen für Distanz, für Schutz- und Abwehrmechanismen, die die Menschen zum Überleben brauchen. Gott fordert jedoch Mose auf seine Schuhe abzulegen. Das ist ein Bild für die Bereitschaft, verwundbar und offen zu sein, mit Respekt zuzuhören und sich berühren und anrühren zu lassen. Begegnung mit Gott kann nur geschehen, wenn sich der Mensch so vor ihn stellt, wie er wirklich ist: nackt, entblößt, verletzbar. Mit den nackten Füßen können die Menschen die oft dornige Realität spüren, in der sich aber oder gerade Gott verbirgt. Durch diese unmittelbare Berührung können sie ihre eigenen Verletzungen und Widerstände, ihre eigenen und auch die fremden Sehnsüchte spüren.37

„Die Schuhe auszuziehen kann der Beginn sein, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden gegenüber den Mitmenschen und ihrer Wirklichkeit, aber auch gegenüber der eigenen Geschichte und Realität.“38

In den Straßenexerzitien geht es vor allem darum, neben den zufällig entdeckten konkreten Orten in den Straßen einer Stadt, die Anwesenheit Gottes auch in der eigenen Person wahrzunehmen. Der heilige Boden im Innern des Menschen ist die eigene Würde. An diesem Ort ist es oft besonders schwer die Schuhe der eingefleischten Vorurteile auszuziehen.39 Diese verstellen so oft den Blick auf die eigene Würde. Deshalb ist das Üben des Schuhe-Ablegens vor sich selbst besonders wichtig. Denn wie kann man die anderen Menschen in ihrer Würde wahrnehmen, wenn man sich seiner eigenen Würde nicht bewusst ist? Macht der Übende im Laufe der Exerzitientage die Erfahrung, trotz der eigenen Mittelmäßigkeit und Unvollkommenheit durch jemanden unbedingt ange-nommen und geliebt zu sein, wird er den heiligen Boden in sich selber wahrnehmen und aus dem Vertrauen auf dieses Größere anfangen, auch die anderen Menschen mit einem Blick der liebenden Aufmerksamkeit anzusehen. Der Exerzitant wird zur Einsicht gelangen, dass dieses Größere, nämlich Gott, die anderen Menschen mit genau dem gleichen brennenden und nicht verbrennenden Feuer liebt, wie ihn selbst. Deshalb wird er ihnen mit entsprechendem Respekt begegnen und ihre Würde und unbedingtes Angenommen-Sein durch den sich offenbarenden Gott wahrnehmen. Diesen Moment, sich selbst und die Mitmenschen mit den Augen Gottes zu sehen, kann man nicht planen oder gar herbeizwingen, er ist vielmehr ein Geschenk.40

Vertiefung
Am Ende eines Exerzitientages erzählen die TeilnehmerInnen der „Exerzitien auf der Straße“ in den Kleingruppen von ihren Wegen, ihrem Suchen, ihrem Stehenbleiben in angemessener Entfernung und ihrem behutsamen Annähern an die Orte, die sie als heiligen Boden erfahren haben. Wenn sie ihr Erzählen mit der Ansage beginnen: „Bei mir ist heute gar nichts passiert“, oder „Ich weiß nicht, was ich erzählen soll“, kann man davon ausgehen, dass dann die spannendsten Berichte folgen! Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Übenden erst beim Erzählen und Hören der eigenen Worte erahnen, warum sie sich gerade diesen Ort ausgesucht haben bzw. von Gottes Geist ausgerechnet an diesen Ort geführt wurden. Es wird vermutlich ein Ort sein, der Fragen aufwirft, denen sie bisher vielleicht ausgewichen sind. Durch das Nachfragen der BegleiterInnen und durch die Rückmeldung der Gruppe erschließt sich ihnen das Erlebte und gibt ihnen wichtige Impulse für das aufmerksame Weitergehen am nächsten Tag.41

Manchmal wollen die TeilnehmerInnen von einem Ort, an dem sie Betroffenheit spüren, weglaufen, weil sie Angst und Leere verspüren. Dann kann das Ausziehen der entsprechenden „Schuhe“ eine Hilfe sein, diese Ängste wahrzunehmen. Vielleicht ist es hilfreich, neben den Schuhen des Herzens die richtigen Schuhe an den Füßen wirklich auszuziehen. So können sie sich von der Realität berühren lassen und die inneren Ängste abbauen. Gelingt es den Übenden den Schmerz, die Angst oder die Trauer zuzulassen, der sich mit dem Ort verbindet, und dann die Schuhe der Distanz zurückzulassen, beginnt sich allmählich Friede einzustellen und Heilung wird möglich.42 Damit das geschehen kann, gilt es der Versuchung zum Vielen, also dem Aufsuchen zahlreicher verschiedener Orte, zu widerstehen. Oft ist gut, an den gleichen Ort zurückzukehren und dort zu verweilen, um mit Gott in Berührung zu kommen.43 Wie die zufälligen Begegnungen auf der Straße zu einer heilenden Begegnung mit Gott werden können, verdeutlichen die folgenden Erfahrungsbeispiele:

„Ich schlendere auf der Straße und werde von zwei leicht betrunkenen Obdachlosen angesprochen: ‚Wir haben auf dich gewartet!‘ Ich sitze auf dem Drogenumschlagsplatz am Kottbuser Tor und was dort geschieht wird mir zur Predigt. Ich stelle mich bei der Suppenküche an und werde Gast auf Grund einer Einladung. Eine Flöte spielende Frau am Wegesrande beeindruckt mich und mir wird bewusst, dass ich meist nur Dinge mache, um Funktionen und Zwecke zu erfüllen. Ich unterhalte mich mit einem Kleinkriminellen und werde durch diese Begegnung von meiner Haltung des Richtens befreit. Ich besuche die Versöhnungskirche und spüre den Schmerz des Unversöhnten in meinem Leben.“44

Das Beschriebene lässt sich durch die Erfahrung eines Mannes konkretisieren, der, durch die Geschichte des Moses geleitet, in eine Frauenklinik ging und vor dem Fenster der Neugeborenen anfing zu weinen. Am Abend beim Gespräch verspürte er die Sehnsucht, zu dem für ihn zum heiligen Boden gewordenen Ort am nächsten Tag zurückzukehren. Am übernächsten Tag wiederholte er seinen Besuch noch einmal. Dann merkte er, dass er nun zum Gefängnis gehen sollte, denn er war 18 Jahre lang Gefangener gewesen: Sein Kind starb vor 18 Jahren bei der Geburt und er lebte seitdem gefangen in diesem Schmerz. So lernte der Mann in den Tagen der „Exerzitien auf der Straße“ mit sich selbst und mit Gott Frieden zu schließen.45 Diese Beispiele zeigen, wie das Gehen über die eigenen Grenzen oder das Zulassen von Schmerz, zu einem Mehr an Leben werden kann.

Oft stellen sich die Übenden auch die kritische Frage, ob Gott all das Überraschende des Tages nur für sie bereitgestellt hat. Diese Frage lässt sich wohl weniger mit dem Kopf als vielmehr mit dem Herzen beantworten.46

„Wer noch eine Ahnung hat vor der Übergröße des Herrgotts, der muß sich damit abfinden, daß Gottes Ordnung eben seine eigene Ordnung ist und dem Menschen im Letzten überall nur der heilige Boden übrigbleibt, in dem es heißt, die Schuhe eigener Meinung auszuziehen und wirklich nur anzubeten.“47

Um Gottes Anwesenheit im Alltäglichen wiederzuentdecken, kann es hilfreich sein, für den Gottesdienst biblische Geschichten auszuwählen, die die Erfahrungen am Tag vertiefen und neue Impulse für die Suche nach heiligem Boden und für das Üben des Ausziehens der Schuhe liefern.48 Beispielsweise eignet sich die Erzählung von der Aussendung der zweiundsiebzig Jünger, denen Jesus aufträgt, keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche und keine Schuhe mitzunehmen (vgl. Lk 10,1-5.9). Wenn sie die exemplarisch aufgezählten, behindernden Dinge zurücklassen, können sie offen sein, für das, was ihnen unterwegs begegnet.

Dass das brennende und doch nicht verbrennende Feuer der Liebe selbst oder gerade inmitten von Dornen zu sehen ist, verdeutlicht die Erzählung von der Verspottung Jesu durch die Soldaten (vgl. Joh 19,2-5). Sie flochten ihm eine Dornenkrone, legten ihm einen Mantel um und schlugen ihn. Als sie Jesus so vor Pilatus führten, sagte dieser: „Seht, da ist der Mensch.“49 Diese Erzählung hat besonderes Gewicht in der Gemeinde St. Michael in Berlin-Kreuzberg, deren Räume auch für Exerzitienkurse zur Verfügung gestellt werden. Denn in deren Kirche steht die Statue eines menschengroßen Schmerzensmannes, die schon für viele Exerzitanten zu heiligem Boden geworden ist.

Die Schlussphase der Straßenexerzitien wird mit dem Ritual der Fußwaschung im Rahmen der Eucharistiefeier eingeleitet. Zunächst wird der ganze Text aus Joh 13,1-20 gelesen. Danach beginnt ein Begleiter dem Nachbarn die Füße zu waschen, nachdem er ihn um Erlaubnis gefragt hat. Auch hier gilt es wieder, dem Anderen respektvoll zu begegnen. Für Viele ist dieser Fußwaschungsgottesdienst eine sehr eindrückliche Erfahrung. Bei der Fußwaschung entdecken die Übenden besonders leicht den heiligen Boden unter sich, auf dem sie nun schon geübt aus Respekt die Schuhe ablegen.

Beginn der letzten Etappe – Emmaus
Der dritte Übungsschritt beginnt mit der Betrachtung der Geschichte von den zwei Jüngern, denen Jesus auf ihrem Trauerweg nach Emmaus begegnet (vgl. Lk 24,13-36). Erst im Nachhinein begreifen die beiden, dass ihr brennendes Herz ein spürbares Zeichen seiner Gegenwart gewesen war.50 Daraufhin eilten sie sofort zu ihren Freunden nach Jerusalem zurück, um diesen von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen zu erzählen, der sich ihnen durch die alltägliche Handlung des Brotbrechens zu erkennen gegeben hatte (vgl. Lk 24,35).51

Mit der Emmausgeschichte werden die Übenden in die letzte Etappe der Exerzitien geschickt. Sie sollen der Frage nachspüren, wo bei ihnen das Herz auf ihrem Exerzitienweg brannte, wo ihnen durch eine zunächst alltägliche Begegnung oder Situation die Augen aufgingen (vgl. Lk 24,31-32) und sich der Auferstandene ihnen zu erkennen gab. So wie die Jünger nach Jerusalem zurückeilten und anderen begegneten, die gleichzeitig, aber auf eigene und andere Weise, dieselbe Erfahrung gemacht haben, geht das Erzählen nun über die Kleingruppe hinaus:52 Am vorletzten Tag der Straßenexerzitien werden die TeilnehmerInnen eingeladen innerhalb des Gottesdienstes in der Gesamtgruppe von einem Erlebnis zu erzählen, bei dem ihnen das „Herz brannte“. Sie können berichten, welchen „heiligen Boden“ sie betreten haben, von den „Schuhen“, die sie ausgezogen haben, und von dem Gott, der ihnen begegnet ist. Für das Erzählen kann es hilfreich sein, ein Symbol mitzubringen, das das Erlebte prägnant zum Ausdruck bringt.53

Der letzte Tag der „Exerzitien auf der Straße“ ist ein zwiespältiger Tag: einerseits laufen alle Vorbereitungen für die Abreise, andererseits ist dieser Tag noch ein ganzer und wichtiger Exerzitientag. Im Morgenimpuls ermuntern die BegleiterInnen die Übenden, sich nicht durch Planen der Rückreise und die Zeit danach abzulenken, sondern beim Aufräumen in der Stille und im Gebet zu verweilen. Sie sollen im Jetzt bleiben und bei den alltäglichen Handlungen (aufräumen, putzen, packen usw.) wie Mose neugierig auf etwas Neues zugehen.

Die beiden Emmausjünger behielten ihre Erfahrung nicht für sich, sondern teilten sie mit anderen Menschen. Hierin klingt wieder ein Aspekt von „Straße“ an: Die Jünger bleiben mit ihrer Erfahrung nicht im Bereich des Privaten, sondern gehen damit in die Öffentlichkeit, also auf die „Straße“. Nach diesem Vorbild werden die TeilnehmerInnen der „Exerzitien auf der Straße“ am letzten Tag nach dem Erzählen in der kleinen Gruppe und Gesamtgruppe, auch den Gastgebern oder den Menschen im Stadtteil von dem berichten, was sie in deren Mitte erlebt haben. Dieser Austausch kann beispielsweise im Rahmen des sonntäglichen Gemeindegottesdienstes stattfinden. Oft ist es schon geschehen, dass manche Zusammenhänge durch das Erzählen in diesem Kontext deutlicher wurden. Durch das persönliche Zeugnis fühlten sich auch die Zuhörenden gedrängt von ihren Christusbegegnungen zu erzählen. Ein Gottesdienstbesucher sagte z.B. zu einem der Teilnehmenden: „Danke, dass du uns am Drogentreffpunkt besucht hast.“54

Das schrittweise Einüben in das Erzählen, zuerst in der Kleingruppe, dann in der Gesamtgruppe und schließlich im Gemeindegottesdienst, bereitet die Exerzitanten auf die Rückkehr in ihren Alltag vor, so dass sie schon darin geübt, dort leichter von ihren Erfahrungen berichten können. Sie sollen jedoch auch in ihrer gewohnten Umgebung aufmerksam bleiben, sowohl beim Erzählen als auch beim Hören. So machten es die zwei Jünger, als sie nach Jerusalem zurückgekehrt waren. Sie hörten den dort ver-sammelten Jüngern erst zu, die von der Erscheinung des Auferstandenen berichteten und dann erst erzählten sie (vgl. Lk 24,34-35). Eine „Frucht“ der Exerzitien ist es, hören zu können, wo man vorher nicht hören konnte, sehen zu können, wo vorher der Blick getrübt oder verstellt war, wahrnehmen zu können, wo dies vorher durch Abwehr und Distanz verhindert wurde.55 „Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36). Durch das Erzählen und Erinnern an die Begegnung mit Jesus wird der Auferstandene wieder gegenwärtig, die Begegnung mit ihm setzt sich fort. So können die Erfahrungen der Exerzitien an einem neuen Ort Gegenwart werden und laden ein, weiter in der direkten Beziehung mit dem Auferstandenen zu leben.56

Betrachtung zur Erlangung der Liebe
Die folgende Geschichte soll zeigen, dass sich die Begegnung mit dem Auferstandenen, im konkreten Tun der Liebe auswirken kann: Ein Teilnehmer wusste nach dem Hören der Geschichte vom Dornbusch genau, wo er hingehen sollte und wo Gott auf ihn wartet, doch er traute sich nicht hinzugehen. Ein anderer Teilnehmer bot ihm an mitzukommen. Und so gingen die beiden jeden Tag zusammen zum Busparkplatz am Bahnhof Zoo und zogen dort ihre Schuhe aus. Auf der anderen Seite warteten die Stricher auf Kunden. Mit der Geschichte vom brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch war es ihnen möglich, an diesem Ort ohne Angst zu meditieren. Einmal konnte der Begleiter nicht mitkommen und so zog der Mann alleine los. Nach einer Zeit des Betens auf dem Busparkplatz kam einer der Stricher und äußerte Verständnis für die Pause des Nachbarn. Nach und nach kamen noch andere Stricher dazu und begannen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Dabei erzählte auch der Exerzitant, dass er selbst hier gearbeitet hätte, danach als Kunde da war und schließlich ins Gefängnis musste. Am Abend berichtete er in der Gesprächsrunde von dem Geschenk der Gemeinschaft, von dem Austausch und von seinem Angebot, zum Busparkplatz zurückzukehren. Er wollte den jungen Männern deutlich machen, dass sie aus dem Leben als Stricher aussteigen können. Zunächst hatte er Angst an diesen für ihn heiligen Ort zu gehen. Nach seinen Erfahrungen dort war er schließlich bereit, sich von Gott dorthin schicken zu lassen, um ihnen von Gottes Liebe zu den Menschen zu erzählen. Er war in der Offenheit gegenüber Gott angekommen. Damit antwortete er auf das Geschenk seines Lebens und der Liebe Gottes zu allen Menschen.57 Dieser Mann ist durch die Erfahrungen bei den Straßenexerzitien in die Liebe gekommen und kann nun aus dieser Liebe leben. Er musste erst selbst das absolute Angenommen-Sein und Heilung durch Gott erfahren, um daraus tätig werden zu können.

In die Liebe zu kommen und aus dieser Liebe zu leben, ist ein sich wechselseitig bedingender Prozess der „Exerzitien auf der Straße“ und wird auch am Ende des Exerzitienbuches des Ignatius von Loyola durch eine weitere Fundamentbetrachtung deutlich. Wie das „Prinzip und Fundament“ (GÜ 23) ein Vorblick auf den ganzen Exerzitienprozess gewesen war, so ist die „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ (GÜ 230-237) nach Ende des Prozesses eine Art Zusammenfassung.58 In dieser Betrachtung geht es einmal darum, dass darauf geachtet werden muss, die Liebe mehr in die Werke als in die Worte zu legen (vgl. GÜ 230) und zudem, dass die Liebe in Mitteilung von beiden Seiten besteht, d.h. dass der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat oder kann und genauso umgekehrt (vgl. GÜ 231). Diese Fundamentbetrachtung lädt ein zu Werken der Liebe, zu konkretem Handeln. Damit leitet sie die nächste Etappe im Fortgang des Lebens ein. Der auferstandene Christus gibt sich in besonderer Weise im Kontakt mit Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen (vgl. Mt 25,35-36) zu erkennen. In der Nähe dieser Menschen gilt es dann, die in Gott erfahrene Liebe mehr in die Taten, als in die Worte zu legen.59

Damit beginnen die eigentlichen Exerzitien erst nach den Exerzitien. Wieder unterwegs im Alltäglichen bildet das Feuer im brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch, nämlich die sich verzehrende Liebe Gottes, das Fundament, auf das man immer wieder zurückgreifend die Wirklichkeit, in der Gott den Menschen begegnen möchte, mit offenem Herzen wahrnehmen zu können. Die in den „Exerzitien auf der Straße“ gemachten Erfahrungen sind damit nicht abgeschlossen, sondern sie sind lebendig und wollen weiter wachsen.
[…]

1 Christian Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen – Exerzitien auf der Straße, in: Korrespondenz zur ignatianischen Spiritualität, 86 (2005), 21.
2 Vgl. Klaus Mertes, Theologische Überlegungen nach den Exerzitien in Kreuzberg, in: Herwartz, C. (Hg.), Gastfreundschaft. 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße, Berlin 2004, 395.
3 Anm.: Bei der Gliederung des Überblickteils orientiere ich mich überwiegend am Einleitungskapitel von Peter Knauer zu den „Geistlichen Übungen“. Vgl. Knauer, Einleitung, 9-24.
4 Vgl. Christian Herwartz, Neuland auf alten Wegen wahrnehmen, in: „Nehmt Neuland unter den Pflug!“ (Hos 10,12). Seelsorglicher Aufbruch in der Stadt. Ein Lesebuch nicht nur für City-Kirchenarbeit, Münster 2008, 240.
5 Vgl. Herwartz, Neuland auf alten Wegen, 240.
6 Vgl. Herwartz, Neuland auf alten Wegen, 249.
7 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 19.
8 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 19ff.
9 Knauer, Einleitung, 13.
10 Vgl. Christian Herwartz, Straßenexerzitien. Entdecken der Mysterien des Alltags, in: Wort und Antwort 49 (2008), 83.
11 Vgl. Christoph Albrecht, „Denn auch sie sind Teil deines Lebens“. Die sakramentale Erfahrung Gottes auf der Straße, in: Diakonia 36 (2005), 339. Anm.: Wenn ein Teilnehmer von Außenstehenden gefragt wird, was er sucht, oder warum er jeden Tag am gleichen Ort sitzt, braucht er sich nicht in komplizierte Erklärungen über Exerzitien zu verstricken, sondern einfach sagen: „Ich suche Gott“. Eine Teilnehmerin hat das getan, als sie am Eingang einer Notunterkunft von einem Obdachlosen gefragt wurde. Dieser antwortete ihr mit aller Selbstverständlichkeit: „Ja, der ist hier“.
12 Anm.: An dieser Stelle möchte ich auf das aktuell erschienene Heftchen „Mit offenen Augen beten“ hinweisen. Es ist eine Art „Anleitung zum Selbermachen“. Vgl. Peter Hundertmark, Mit offenen Augen beten, München 2009.
13 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 52.
14 Vgl. Knauer, Einleitung, 19.
15 Vgl. Knauer, Einleitung, 24.
16 Anm.: Das wird dadurch gewährleistet, dass die BegleiterInnen ihren Dienst ehrenamtlich ausüben und die Unterkünfte sehr einfach und kostenlos sind. Die TeilnehmerInnen müssen lediglich einen finanziellen Beitrag für die gemeinsamen Mahlzeiten leisten. Dieser Rahmen lässt sich leichter bewahren, wenn die „Exerzitien auf der Straße“ nicht institutionalisiert werden.
17 Vgl. Knauer, Einleitung, 22.
18 Vgl. Knauer, Einleitung, 22f.
19 Vgl. Herwartz, Straßenexerzitien, 83-88.
20 Vgl. Mertes, Theologische Überlegungen, 391.
21 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 22f.
22 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 23.
23 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 23f.
24 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 24.
25 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 24f.
26 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 56 und Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 24f.
27 Herwartz, Straßenexerzitien, 84.
28 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 57.
29 Vgl. Christian Herwartz, Nach Orten der Gottesbegegnung suchen, in: Jesuiten. Jahrbuch der Gesell-schaft Jesu, Rom 2002, 108.
30 Vgl. Herwartz, Mitten in der Stadt, 37.
31 Vgl. Christian Herwartz, „Wer in Christus eintaucht, taucht bei den Armen auf“ – Warum geschieht das nicht immer?, in: geist.voll 3 (2008), 13.
32 Anm.: Im Verlauf der Ausführungen werde ich in Anlehnung an die Mosegeschichte vom „Dornbusch“ im Singular sprechen. Allerdings muss man damit rechnen, dass sich Gott nicht nur in einem Dornbusch offenbart, sondern auf die Einzelnen in deren persönlichen „Dornbüschen“ wartet.
33 Vgl. Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen, 21.
34 Vgl. Herwartz, Orte der Gottesbegegnung, 109.
35 Anm.: Es gibt Orte, die besser für eine Gottsuche geeignet sind Andere. Deshalb gilt es genau hinzusehen und das Erfahrene nochmal zu unterscheiden. Ein Teilnehmer der Straßenexerzitien wollte Gott am Potsdammer Platz suchen und begegnete dort dem Versucher. Es stellt sich die Frage, ob man Orte besuchen sollte, von denen man weiß, dass sie vom Versucher bewohnt werden. Am Leben Jesu kann man sehen, dass er an solche Orte nicht freiwillig ging: Er wurde in die Wüste „geworfen“ (vgl. Mk 1,12) und ging nach Jerusalem, weil er „musste“ (vgl. Mk 8,31). Vgl. Mertes, Theologische Überlegungen, 393.
36 Vgl. Andreas Ebert, Die Spiritualität des Enneagramms, München 2008, 308.
37 Vgl. Ebert, Spiritualität des Enneagramms, 308. Anm.: Auch Karl Rahner erfährt die Begegnung mit Christus z.B. in den Gefangenen (vgl. Mt 25,39) und beschreibt genau die Erfahrung, wie sie für die „Exerzitien auf der Straße“ charakteristisch ist: „In den Gefangenen, […], finden wir Christus den Herrn; in diesen Gefangenen finden wir uns, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken.“ In: Karl Rahner, Sendung und Gnade. Beiträge zur Pastoraltheologie, Innsbruck 1959, 453.
38 Ebert, Spiritualität des Enneagramms, 308f. Anm.: Mit „Nichtwissen“ ist die Offenheit gegenüber Gott, den Menschen und sich selbst gemeint.
39 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 58.
40 Anm.: In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen Text von Rahner über die Gefängnisseelsorge verweisen, wo er diesen Vorgang sehr eindrucksvoll beschreibt. Einen kleinen Ausschnitt möchte ich daraus zitieren: „Man muß also den Nächsten und nicht seine eigene Erfüllung und Vollendung lieben und suchen, aber bis zum Ende kann man es nur, wenn man dabei Gott findet und diese wahre Liebe zum Nächsten umfaßt und erlöst, geborgen und befreit ist dadurch, daß sie in der Liebe zu Gott geschieht, als Finden Gottes in Christus. Wer sich also dem tötenden Abenteuer der bedingungslosen Liebe zum Nächsten aussetzt, der findet Gott, und wer ihn findet, kann den Nächsten lieben wie sich selbst. Er erhält Klarheit des Blickes desjenigen Glaubens, der die Wirklichkeit Gottes auch noch im verlorensten Menschen sieht, die ihn in aller Wahrheit mit demütiger Ehrfurcht liebenswert macht.“ In: Rahner, Sendung und Gnade, 462.
41 Vgl. Ebert, Spiritualität des Enneagramms, 309ff.
42 Vgl. Herwartz, Straßenexerzitien, 86.
43 Anm.: Schon Ignatius von Loyola gab den Übenden den Hinweis, dass nicht das Vielwissen die Seele sättigt, sondern das Verkosten der Dinge von innen her (vgl. GÜ 2).
44 Mertes, Theologische Überlegungen, 393.
45 Vgl. Herwartz, Straßenexerzitien, 87.
46 Vgl. Herwartz, Straßenexerzitien, 87.
47 Alfred Delp, Zwischen Welt und Gott, Frankfurt 1957, 246.
48 Vgl. Herwartz, Mitten in der Stadt hörend werden, 37.
49 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 76.
50 Vgl. Ebert, Spiritualität des Enneagramms, 311f.
51 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 76.
52 Vgl. Ebert, Spiritualität des Enneagramms, 312.
53 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 59.
54 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 59.
55 Vgl. Herwartz, Straßenexerzitien, 88.
56 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 60.
57 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 69f.
58 Vgl. Kiechle, Kreuzesnachfolge, 131.
59 Vgl. Herwartz, Auf nackten Sohlen, 27.