Andreas Ebert . Exerzitien auf der Straße

Franz Jalics ist Jesuit. Die kontemplativen Exerzitien mit dem Jesusgebet sind eine Weiterentwicklung des ignatianischen Übungswegs, der am Ende auf das kontemplative Einswerden mit Gott zielt. Eine scheinbar völlig anders geartete Form von Exerzitien hat der Berliner Jesuit Christian Herwartz entwickelt. Er lebte bis zur Verrentung als Arbeiterpriester in Berlin und gründete mit Ordensbrüdern vor über 25 Jahren mitten in Kreuzberg eine offene Wohngemeinschaft, in der alle Menschen willkommen sind, die eine Zuflucht suchen oder Teil einer geistlichen Gemeinschaft sein wollen. Manche bleiben nur kurz, bei anderen werden es Jahre. In diesem Kontext sind die Exerzitien auf der Straße entstanden, als ein junger Jesuit Christian Herwartz bat, bei ihm Exerzitien machen zu können. Nicht im Wald, nicht bei der Bibellektüre, nicht in kontemplativer Versenkung – mitten im Leben, mitten in der Stadt wollte er sich auf die Suche nach den Spuren Gottes machen. Hatte nicht Ignatius von Loyola dazu eingeladen, „Gott in allen Dingen zu suchen“?

Christian Herwartz forderte den jungen Mann auf, tagsüber in Berlin mit offenem Herzen unterwegs zu sein. Abends könnte man dann das Erlebte gemeinsam auswerten. Aus diesem persönlichen Impuls eines Einzelnen ist inzwischen eine Bewegung entstanden, die eine bestimmte Form gefunden hat: die Exerzitien auf der Straße, die in vielen Städten angeboten werden.

Die bis zu zehn Teilnehmer/innen wohnen während der zehntägigen Exerzitien in einer einfachen Unterkunft, in Kreuzberg zum Beispiel in einem ehemaligen Notquartier für Obdachlose im Keller einer Kirchengemeinde. Tagsüber gehen sie aufmerksam durch Berlin und suchen nach Orten, wo ihre Interessen, ihre Gefühle und ihre Sehnsüchte angesprochen werden. Dort bleiben sie stehen, ziehen (innerlich oder buchstäblich) die Schuhe aus und verweilen in Achtsamkeit. Sie meditieren, beten, versuchen vor ihren Ängsten nicht zu fliehen, werden ansprechbar oder nehmen selbst Kontakt auf.

Die Übung des Schuheausziehens entstammt der biblischen Geschichte, wie sie im 2. Buch Mose erzählt wird: Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches. Das geschieht in dem Augenblick, wo er mit seiner Herde eine Grenze überschreitet und das bisher gewohnte Weideland hinter sich lässt: Ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Mose wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: „Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden.“ Mose hört neu von der Versklavung seines Volkes (und damit auch von der eigenen verdrängten Not) und begreift, dass ihm bei der Befreiung der versklavten Hebräer eine wichtige Rolle zugedacht ist. Er wehrt sich und fragt die Stimme: „Wie heißt du?“ Er bekommt die Antwort: „Ich bin da!“ Im Angesicht des Gottes, der da ist und dessen Leidenschaft für die versklavten Menschen brennt und sich doch nicht verzehrt (wie der Dornbusch) erfährt Mose, wer er selbst ist. Er erlebt sein eigenes Da-Sein, seine eigene Identität, und wird als Mit-Wirkender hineingezogen in das rettende Handeln Gottes. Er wehrt sich zwar zunächst gegen die ihm zugedachte Aufgabe. Aber dann geht er dennoch los.

Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, verwundbar und offen zu sein, mit Respekt zuzuhören, sich berühren zu lassen. Die Schuhe stehen für Distanz, für Schutz- und Abwehrmechanismen, die wir Menschen zum Überleben brauchen (zum Beispiel unser Enneagrammmuster!). Transformation und die Begegnung mit Gott und unserem wahren Selbst aber ereignet sich in Momenten der Entblößung, der Wehrlosigkeit im Schutze der liebenden Gegenwart Gottes.

Unsere Schuhe können sehr unterschiedliche Namen haben. Jedes Enneagrammmuster steht auch für ganz bestimmte Abwehr- und Schutzmechanismen. Vielleicht muss sich die EINS von den Schuhen des Rechthabens und des Perfektionismus lösen, die ZWEI von den Helferschuhen, die DREI von den Schuhen des Erfolgs, die VIER von den Schuhen des Außerordentlichen, die FÜNF von den Schuhen des Beobachters, die SECHS von den Schuhen der Angst und des Misstrauens, die SIEBEN von den Schuhen der Genusssucht, die ACHT von den Schuhen der Stärke und die NEUN von den Schuhen der Passivität und Trägheit.

Die oft dornige Realität, in der sich Gott verbirgt, wird mit nackten Füßen berührt, um in dieser unmittelbaren Berührung die eigenen Verletzungen und Widerstände, die eigenen (und fremden Sehnsüchte) und Impulse zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen kann der Beginn sein, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden gegenüber den Mitmenschen und ihrer Wirklichkeit, aber auch gegenüber der eigenen Geschichte und Realität. Es geht darum, an dem „heiligen Ort“ der Aufmerksamkeit neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten.

Die Teilnehmer/innen suchen in Berlin z.B. unter Obdachlosen oder Drogenabhängigen, in einem türkischen Cafe oder in einer Moschee, bei Strichern und Prostituierten, an der Hinrichtungsstätte Plötzensee oder dem Holocaust-Denkmal einen Ort, wo sie spüren, dass das eigene Herz zu „brennen“ beginnt. Niemand schreibt ihnen vor, wo oder wie sie suchen müssen. Jede Exerzitiengeschichte ist einmalig und unvergleichbar. Es geht schlicht darum, sich von Gottes Geist unmittelbar führen zu lassen. Die Exerzitant/inn/en nehmen die Umwelt und die eigenen Gefühle wahr und beginnen zu ahnen, weshalb sie sich gerade diesen Ort „ausgesucht“ haben oder hierher geführt wurden.

Vielleicht ist der Teilnehmer oder die Teilnehmerin der Menschengruppe oder Fragen, die dieser Ort aufwirft, bisher aus dem Weg gegangen. Die Spiritualität des Enneagramms enthält unter anderem die Einladung, die eigenen Vermeidungsstrategien wahrzunehmen und dem Vermiedenen nicht länger auszuweichen. EINSER meiden beispielsweise das Schmutzige und Unvollkommene, ZWEIER die eigene Bedürftigkeit, DREIER Scheitern und Misserfolg, VIERER das Banale und Gewöhnliche, FÜNFER Verwirrung und mangelnden Durchblick, SECHSER das Illegale und Verbotene, SIEBENER das Dunkle, Krankheit und Schmerz, ACHTER Hilflosigkeit und Schwäche und NEUNER fokussiertes Handeln. Zu Beginn der Exerzitien auf der Straße steht deshalb die Besinnung darüber, was mich wütend oder traurig macht, was ich vermeide, wo ich Gott am liebsten nicht begegnen möchte. Fast immer erleben die Exerzitant/inn/en, wie sie von Gott Schritt für Schritt behutsam genau dahin geführt werden, wohin sie – zunächst – nicht wollen, weil gerade da Transformation und Integration möglich werden (so wie die SIEBEN Franziskus, der Leidvermeider, sein tiefstes Bekehrungserlebnis in dem Augenblick hatte, wo er den bisher gemiedenen Aussätzigen umarmt hat).

Es bleibt geheimnisvoll, weshalb Menschen bei diesen Exerzitien gerade an diesen oder jenen Ort geführt werden, bestimmten Mit-Menschen begegnen. Im Rückblick erkennen viele eine überwältigende höhere Regie in den „Inszenierungen“, die ihnen Tag für Tag bei den Exerzitien geboten werden. Abends kommen die Übenden zurück in die Herberge und erzählen nach einem gemeinsamen, selbst zubereiteten Essen und Gottesdienst in der Kleingruppe (bis zu fünf Teilnehmer/innen und ein Mann und eine Frau als Begleiterteam) von ihren Wegen, ihrem Suchen, ihrem Stehenbleiben, ihrer behutsamen Annäherung an die Orte, die sie persönlich als wichtig, aufwühlend und heilig erfahren haben. Sie berichten auch von den entdeckten Schwierigkeiten, den Ängsten, den Dornbüschen in ihrem Leben. Dabei werden sie aufmerksam begleitet, um selbst deutlicher zu erkennen, wohin sie geführt werden. Oft entdecken und verstehen sie erst beim Erzählen und durch die Nachfragen und Impulse der Gruppe die tiefere Bedeutung des Erlebten und bekommen wesentliche Impulse für den nächsten Tag.

Zur Gottessuche bei den Alltagsexerzitien gehört auch die Frage nach dem Namen Gottes, den man/frau sucht. Nicht nur der Islam kennt die Tradition der 99 Namen Allahs; auch die Bibel enthält zahllose Gottesnamen und Gottesbilder. Mit Hilfe der Gruppe fragen die Exerzitant/inn/en danach, welchen Gott sie suchen oder sie versuchen am Ende eines Tages zu benennen, welcher Aspekt (Name) Gottes ihnen heute begegnet ist. Vielleicht begegnet die EINS dem großzügigen Gott, die ZWEI dem Gott, der ihre Einsamkeit und Bedürftigkeit sieht, die DREI dem Verlierergott, die VIER dem hässlichen Gott, die FÜNF dem einfältigen Gott, die SECHS dem Gott, der ihr etwas zutraut, die SIEBEN dem leidenden Gott, die ACHT dem schwachen Gott und die NEUN dem Gott, der sie sieht und wahrnimmt. Eine echte Gottesbegegnung ist jedenfalls immer überraschend (manchmal auch erschreckend), fremd, anziehend und heilend.

Die Schlussphase der Exerzitien beginnt mit dem Ritual der Fußwaschung (Johannes 13) und mit der Meditation der Geschichte von den beiden Jüngern, denen Jesus auf ihrem Trauerweg von Jerusalem nach Emmaus begegnet (Lukas 24). Obwohl sie ihn nicht gleich erkannt haben, begreifen sie im Nachhinein, dass ihr brennendes Herz Indiz seiner Gegenwart gewesen war („Brannte nicht unser Herz als er mit uns redete auf dem Weg…“). Erst als er das Brot mit ihnen bricht, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie eilen zurück nach Jerusalem und begegnen anderen, die gleichzeitig, aber auf eigene und andere Weise, dieselbe Erfahrung gemacht haben: Jesus lebt.

Schließlich reflektieren die Exerzitant/inn/en noch einmal in der großen Gemeinschaft den ganzen Weg, den sie gegangen sind. Sie teilen einander mit, wo ihr eigenes Herz gebrannt hat, welche Schuhe sie ausgezogen haben, welcher Gott ihnen begegnet ist. Beim abschließenden Gottesdienst in der gastgebenden Gemeinde drängt es in der Regel einige von ihnen, „Zeugnis“ abzulegen und den Mitgliedern der gastgebenden Gemeinde etwas von dem mitzuteilen, was sie in dieser Zeit, in diese Stadt, in dieser Gemeinde und Kirche erfahren haben. Sie sprechen von Transformationen, die sie dabei erfahren haben. Vielleicht spricht die EINS jetzt von der Begegnung mit dem unvollkommenen und schmutzigen Gott, die ZWEI vom Gott, der ihre tiefsten Sehnsüchte und Bedürfnisse sieht, die DREI vom Looser-Gott, die VIER vom Gott, der das Gewöhnliche außergewöhnlich macht, die FÜNF vom Gott, der berührt und überwältigt, die SECHS vom Gott, der zur Grenzüberschreitung einlädt, die SIEBEN vom Gott, der mitten im Dunkel aufleuchtet, die ACHT vom unschuldigen und wehrlosen Gott, die NEUN vom Gott, der inspiriert und zum Handeln ermutigt. Vielleicht. Vielleicht begegnet ihnen Gott auch noch einmal ganz anders…

Die Exerzitien auf der Straße sind ein praktisch geldfreies Projekt. Die Teilnahme ist gratis (außer ein wenig Geld in die gemeinsame Kasse, aus der Lebensmittel gekauft werden); die Begleiter/inn/en tun ihren Dienst ehrenamtlich. Termine, Berichte und Anmeldung im Internet unter nacktesohlen.wordpress.com

Leseprobe aus dem Buch von Andreas Ebert Die Spiritualität des Enneagramms, Claudius Verlag München 2008, Seite 305-313

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