Andreas Ebert, Einfach ohne Schuhe

Gott auf der Straße suchen und finden

Damit wir klug werden“ hieß das Motto des Kirchentages. Klugheit, was ist das eigentlich? Sicherlich mehr und etwas anderes als rationale Vernunft, Intellekt, Berechnung, formale Logik, obwohl all dies auch Teil jener Klugheit sein kann, von der die Bibel spricht. In Psalm 90 heißt es: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“. Die biblische Klugheit erwächst aus der Erfahrung und Erkenntnis unserer eigenen Endlichkeit oder – wie Paulus gesagt hat – aus der Erkenntnis, dass unsere Erkenntnis so wie unser gesamtes Leben fragmentarisch ist, Stückwerk. Und doch gibt es ein Unterwegs sein, ein Vorwärts-Streben, eine Suche unter uns, Sinn und Ziel des Lebens tiefer zu erfassen, lebensklüger und auch gottesklüger zu werden, das Geheimnis zu umkreisen, das wir Gott nennen.
Rainer Maria Rilke, der in seinem „Brief an einen jungen Dichter“ den Jüngling dazu ermutigt, lange Zeit ohne Konzepte und fertige Antworten zu leben, schreibt: „Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“ Das gilt auch und vor allem bei der Frage nach Gott. Nochmals Rilke: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“
Die Suche nach Gott ist ein Prozess, ein Weg. Die jüdisch-christliche Tradition ist im Wesentlichen eine Tradition des Unterwegsseins. Abraham muss alles Vertraute verlassen und sich auf den Weg machen, um das Land der Verheißung zu finden. Mose erlebt am brennenden Dornbusch Gott als denjenigen, der ihn auf einen riskanten Weg schickt, in die Höhle des Löwen, um die versklavten Hebräer zu befreien. Mose hat nichts als die Verheißung: „Ich bin da. Und ich werde mit dir sein!“ Jesus war Wanderprediger. Die wichtigsten Gespräche, Begegnungen und Heilungen ereignen sich unterwegs auf den Straßen und Wegen Palästinas. Und Jünger sein, das bedeutet Vertrautes verlassen, aufbrechen, mitgehen, ihm nachfolgen. Gott auf der Straße suchen. Ohne äußere Absicherungen, ohne Netz und doppelten Boden. Kein Geld sollen seine Boten mitnehmen, kein Brot, so lesen wir bei Markus. Matthäus verschärft es sogar noch: nicht einmal Schuhe sollen sie anhaben und keinen Stock zur Selbstverteidigung mitnehmen. Wehrlos sollen sie sein und sorglos und sich der Verheißung anvertrauen, dass der himmlische Vater weiß, was sie brauchen.
Ich habe in den vergangenen Tagen etwas sehr Berührendes erlebt. Am Pfingstsonntag kam eine Frau aus Berlin in die Martinsmesse, unseren Abendgottesdienst im Spirituellen Zentrum. Am Ende erzählte sie von einem Experiment. Teil ihrer Ausbildung als Geistliche Begleiterin war ein „Sozialpraktikum“. Aber weil sie ohnehin sozial stark engagiert ist mit obdachlosen und ausgegrenzten Menschen in Berlin-Kreuzberg, spürte sie, dass etwas ganz anderes dran ist für sie. Bei Exerzitien war sie der Geschichte des Propheten Elia begegnet, den Gott in die Fremde schickt mit dem Versprechen, ihn zu versorgen. Elia erlebt, wie ihn eine arme Witwe aufnimmt, er erlebt, als er hungrig ist, wie ein Rabe kommt und ihm Brot und Fleisch bringt. Andrea, diese Frau, hatte den Eindruck, ihr Praktikum müsse ein Elia-Experiment des Vertrauens sein. Sie beschloss, zwölf Tage lang nach München zu fahren und dort ohne einen Pfennig Geld zu leben.
Davon erzählte sie am Ende unseres Gottesdienstes. Wir luden sie ein, die erste Nacht in unserer Pilgerherberge zu schlafen. Zwei Jakobspilger waren ohnehin da. Und eine alte Dame, die selbst nur das Nötigste zum Leben hat, gab ihr eine Adresse und einen Schlüssel und sagte: „Ich habe ein Zimmerchen, das leer steht. Da kannst du ab morgen wohnen!“
Am Pfingstmontag teilte Andrea mit den Pilgern das Brot, das sie am Vortag von dem Geld gekauft hatte, das sie durch Flaschensammeln zusammen gekriegt hatte. Die Pilger hatten nicht gedacht, dass die Läden am Feiertag geschlossen sind. So wurde die mittellose Andrea selbst zur Gastgeberin! Einige Tage später saß sie selbst hungrig und erschöpft im Englischen Garten. Das Flaschensammeln hatte sich als schwierig erwiesen, weil sie gemerkt hat, dass sie dadurch wirklich Bedürftigen die Einnahmen stibitzt. Das alles erfuhren wir im Gottesdienst am vergangenen Sonntag. Originalton Andrea: „Und was jetzt passiert ist, trau ich mich fast nicht zu erzählen. Es klingt zu kitschig, und ich kann verstehen, wenn ihr die Geschichte nicht glaubt! Aber als ich dasaß, hungrig und im Nieselregen, da kam ein Rabe! Jawohl ein Rabe wie in der Eliageschichte! Aber da ich Vegetarierin bin, hatte er kein Fleisch dabei. Dafür aber einen wunderschönen roten Apfel. Den legte er neben mir ab und flog davon! Der Apfel war völlig unbeschädigt bis auf die kleine Spur des Vogelschnabels im Fruchtfleisch. Die konnte ich rausschneiden. Der Apfel war wunderbar!“

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