2007 Anregungen für Impulse bei Exerzitien im Alltag

Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist.
Madeleine Delbrêl

1. Etappe: Mein persönlicher Name Gottes

In meiner Sehnsucht entdecke ich die Handschrift Gottes. — Du kannst für „Gott“ gern ein anderes Wort einsetzen, das Dich besser auf die unbeschreibliche Quelle des Lebens hinweist. — Ich ahne in seiner Schrift auf meinem Herzen etwas von Gott selbst. Durch sein Geschenk der Sehnsucht in mir, zeigt er, dass er mich gern hat. Er hat seinen und auch meinen Namen in mich eingeritzt, scheint mir. In der Bibel steht beim Propheten Jesaja, dass unsere Namen in die Hand Gottes tätowiert sind. (Jes 49,16) — Paulus schreibt in ähnlicher Weise an seine Freunde, dass sie ihm wie ein Brief ins Herz geschrieben sind (2 Kor 3,2).

Jetzt will ich versuchen, den Namen Gottes in mir zu lesen, wie er in meiner Sehnsucht nach Leben und Liebe deutlich wird: Mein Ärger über kleinkarierte und aufs Geld fixierte Verhaltensweisen bei anderen und mir selbst weist mich auf meine Sehnsucht nach Weite hin. Ähnlich kann ich mich über einen Egoismus aufregen, der die berechtigten Interessen anderer nicht mehr sieht und ich entdecke darüber meine solidarische Sehnsucht, die mich zu größerer Aufmerksamkeit drängt. Welchen Aspekt Gottes kann ich über diese Erfahrungen wahrnehmen? Wie kann aus ihnen heraus Gott ansprechen?

Ich versuche es mit den Worten: „Du, der Du mich in die Weite führen willst und achtsam mit meinen Grenzen umgehst!“ Mit diesen Worten spreche ich Gott an, den ich nicht beschreiben kann. Ich rede laut oder leise, schreibe einen Brief an Gott, werde still und prüfe so, sie ich meinen Ton finde und wie ich mit meinen Fähigkeiten auf eine Antwort hören kann. Die anfangs gewählten Worte werden sich ändern. Ich wage eine neue persönliche Beziehung und brauche Zeit des Experimentierems und Prüfens. Vertrauen wächst wie bei allen Beziehungen langsam, dies gilt auch für den Dialog mit dem Urgrund des Lebens, den ich im Gebet anspreche.

* Beschreibe nochmals die Sehnsucht, die Du in Dir entdeckt hast und frag Dich, wie Dir Gott in ihr begegnet. Er hat Dir darin ja etwas von sich selbst anvertraut, das Dich — hoffentlich mit viel Freude — leben lässt. Vielleicht kannst Du Deine Sehnsucht noch besser begreifen, wenn Du mit Vertrauten darüber sprichst. Und dann wage Gott mit den von Dir schon benutzten Worten einmal anzusprechen: „Du, der oder die ……!“ Vielleicht hat auch Deine Begleitung eine Idee mit den Worten Deiner Erzählung, eine Anrede zu formulieren. Nach einigem Probieren entdeckst Du hoffentlich Worte, die Dir Mut machen, das Gespräch mit dieser persönlichen Anrede Gottes zu beginnen.

2. Etappe: Der Lebendige, der nach mir schaut

Im ersten Buch der Bibel (Genesis/1. Buch Mose) wird im 16. Kapitel von Hagar erzählt. Sie ist eine Magd von Sarai, der Frau von Abram. Von ihrer Herrin wird sie als Leihmutter für den ausbleibenden Erben vorgeschlagen. Doch als sie schwanger ist, kommt es zu starken Konflikten zwischen Sarai und ihrer Magd. Hagars Ärger über die Gewalt Sarais ist so große, dass sie in die Wüste flieht. Ihre Sehnsucht nach Achtung ihrer Person und ihres Kindes ist riesig.

In der Wüste begegnet ihr an einer Wasserquelle ein Engel, der sie auffordert, zu ihrer Herrin zurückzukehren. Der Engel gibt ihr die Verheißung mit auf den Weg, sie werde einen kraftvollen Sohn gebären, der sich „ins Angesicht seiner Brüder niederlassen“ werde (Vers 12), der also selbstbewusst, ohne große Ängstlichkeiten, leben wird.

Da gab Hagar Jahwe — auch eine Bezeichnung Gottes — einen Namen: „Du bist El Roi; ich habe hier nach dem geschaut, der nach mir schaut.“ Den Brunnen in der Nähe nannte sie Beer-Lahai-Roi — Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut. Der Engel hatte auch den Namen ihres Sohnes genannt: Ismael — Gott hört.

* Hagar kann von ihrer Not lassen und das Hören Gottes bemerken, der nach ihr schaut. Ihre in der Not entdeckte Grundhaltung drückt sie in dem Namen ihres Kindes aus. Er weist auch uns den Weg des Loslassens in den Zeiten der Stille, des Staunens, der Meditation. Wir dürfen auf das Hören Gottes, der in unserer Sehnsucht lebendig ist, vertrauen.

Außerdem können wir von Hagar lernen, die Begegnung mit dem Engel nicht als Zufall abzutun. Sie wertet ihre Erfahrung nicht ab, sondern lässt sich ermutigen. Auch Du hast Erfahrungen, die Dich leiten können. Sie ernsthaft wahrzunehmen ist eine wichtige Voraussetzung, den eigenen Weg zu finden und in Not, Verzweiflung oder Bitterkeit mit einer Ermutigung zum Leben zurückzukehren.

3. Etappe: Verkapselte Erfahrungen

An den Orten des Staunens stoße ich auf vergessene Ereignisse meines Lebens. Sie sind oft mit Verletzungen verbunden, die ich oft beiseite schieben musste. Jetzt ist die Zeit vielleicht reif, dass ich sie nochmals ansehen und die damit verbundenen Freuden und Schmerzen spüren kann. Ich wünsche mir Heilung und lasse meine Sehnsucht nach diesem Heilwerden zu. Oft muss ich dabei durch eine Mauer von Ängsten gehen. Der mich erinnernde und mir wichtig werdende Ort, an dem ich verletzlich ohne Schuhe stehe, ist eine Hilfe, die Ablenkungen zu verscheuchen und ins Staunen zurückzukehren.

Mose erlebt vor dem Dornbusch wohl Ähnliches. Er wird an die Situation seines leidenden Volkes erinnert. Vor vielen Jahren war er von dort weggegangen. Sein Volk leidet immer noch. Jetzt steht er wieder vor dieser – vielleicht schon gut verdrängten – Wirklichkeit. Er soll dieses Volk mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei heraus führen. Mose erschrickt nochmals und verhandelt mit Gott. Dieser lässt sich auf ein langes Gespräch ein, hilft weiter und schickt Mose dann los. (Ex 3,7—4,17)

* Wenn Du an einem Heiligen Ort auf eine verkapselte schmerzhafte Wunde in Dir stößt, willst Du sie — gut eingeübt — wohl spontan schnell wieder bedecken. Doch gleichzeitig spürst Du auch Deinen Wunsch nach Heilung.

Das Rechtefertigungskarussell beginnt sich in Dir zu drehen. Doch Du hast jetzt Zeit und brauchst nichts zu verdecken oder auf die einladenden und doch nicht weiterführenden Drehungen der Argumente aufspringen. Bleibe staunend stehen, zieh Deine Schuhe der Distanz aus und komme real oder in Gedanken so oft wieder an diesen Ort der Begegnung, bis Du all das entdeckt hast, was hier an Einsicht und Heilung für Dich zur Zeit möglich ist.

Das aufmerksame Beenden eines Tages oder einer Meditation

Der Tagesrückblick ist für Ignatius von Loyola die wichtigste persönliche Gebetszeit. Jeder Tag ist voll von Eindrücken, Begegnungen und Stimmungen. Er enthält Freude, Enttäuschungen, Missmut, Eifersucht, Begeisterung und vieles mehr. Wichtig ist es, all das wahrzunehmen, ohne sofort zu werten. Meine Grundbeziehung wird in der Begeisterung genauso deutlich wie in der Enttäuschung. Manche Empfindungen sind angenehm, andere würde ich lieber aus meinem Tag streichen. Wenn ich mich auf die innere Stimme in mir einlasse, werde ich dabei ein Stückchen weiter, freier, liebevoller und geduldiger.

Nach einem bewussten Anfang — vielleicht durch eine Verneigung oder ein anderes religiöses Zeichen der Hochachtung — danke ich für das Gute, was ich heute erlebt habe. Ich bitte um Mut und Entschiedenheit, mich der Wahrnehmung des Tages zu stellen. Dann blicke ich mit Aufmerksamkeit auf den Tag zurück, auf die äußeren Ereignisse und meine Gedanken und Gefühle. Über welches Gelingen freue ich mich? Durch welche Anstöße des Tages wurde ich geführt? Wem will ich vergeben und wen um Vergebung bitten? Dann hoffe ich darauf, mit meinen Erfahrungen morgen mutig weiter zu gehen und beende diese Zeit der Aufmerksamkeit wieder mit einem Zeichen.

Ähnlich rät Ignatius von Loyola die Zeiten der Meditation jeweils mit einem Vorbereitungsgespräch zwischen Dir und der von Dir entdeckten Grundbeziehung zu beginnen. Darin kommen Deine Erwartungen und Wünsche zur Sprache. Zum Schluss schlägt Ignatius vor, die Zeiten des besonderen Wahrnehmens mit einem dreifachen Gespräch abzuschließen. Weil wir unterschiedlichen Personen Erlebtes jeweils neu erzählen, hat er sich angewöhnt, am Ende einer Meditation jeweils ein Gespräch mit Maria, Jesus und dem Heiligen Geist zu führen.

* Suche Dir einmal drei Bezugspersonen und teile mit ihnen Deine Fragen und Freuden bei einem solchen inneren Abschlussgespräch. Wenn Du Deinen Schilderungen dabei gut zuhörst, wirst Du wohl immer neue Aspekte in Deinen Zeiten der Aufmerksamkeit entdecken. Sie können dann der Ausgangspunkt für die weiteren Meditationen sein. Besonders wenn Du in Deinen Widerständen oder Freuden bemerkst, dass es dort noch mehr zu entdecken gibt, dann geh nicht weiter, sondern komm beim nächsten Mal auf diese Situation zurück. Wiederholen ist auf jedem menschlichen Übungsplatz ein wichtiges Wort. In der Meditation geht es nicht um ein Vielwissen sondern um ein besseres Wahrnehmen des Lebens und das Einlassen auf dieses Geschenk.

4. Etappe: Am fremden Ort

In Basel suchte ein Mann nach mehr Aufmerksamkeit in einem psychiatrischen Krankenhaus. Am Eingang des Patientenkaffees stellte er seine Schuhe ab und ging einige Stunden über das Gelände der Klinik. Erst hatte er Angst davor, seine Schuhe zurück zu lassen. Werden sie später noch dort stehen? Wie sehen mich nun die Pfleger, die Besucher, die Patienten?

Mit jedem Schritt wurde er freier und bemerkte eine starke Einheit mit den Menschen, die ihm be-gegneten. Er sah sie nicht mehr als Fremde, obwohl er mit den meisten kein Wort wechselte. Er erinnerte sich an kranke Menschen in anderen Krankenhäusern und an alle aus seiner Bekanntschaft, die eine besondere Zeit der Verrücktheit durchlaufen haben. Jetzt war er mit ihnen etwas verrückt und hatte seine Schuhe des gesellschaftlich gut Angesehenwerdens stehen gelassen.

Seine Schuhe warteten auf ihn. Er schlüpfte später wieder hinein und wusste: Es sind Schuhe, die ich nutzen aber die ich auch ausziehen kann, wenn sie mir den Blick für andere Menschen und mich selbst verstellen.

* Welche Schuhe der Distanz zu anderen Menschen und zu Dir selbst trägst Du? Gibt es einen Ort in der Öffentlichkeit, an dem Du diese Schuhe einmal ausziehen könntest, um das Lebensgefühl zu spüren, ohne sie unterwegs zu sein? Welche Achtung vor Menschen an diesem Ort – Dich selbst eingeschlossen – und vor Menschen in ähnlichen Situationen wird Dir geschenkt?

Zwischen den Mauern

Nach einer längeren Zeit des Suchens setzt sich eine Frau in ein gläsernes Wartehäuschen an einer Bushaltestelle. Sie sieht von dort aus auf das riesige Untersuchungsgefängnis in Berlin—Moabit. Unsichtbar sind die Gefangenen, die ihr Herz sucht. Nur die vergitterten Fenster sind zu sehen, die ihre Phantasie anregen. Sie kann nur ahnen, hinter welchen Fenstern Menschen 23 Stunden am Tag allein oder zu zweit leben, ob sie die Sonne sehen oder ihr zuwinken könnten. Die von Menschen hergestellte Distanz zwischen den Weggeschlossenen dort und ihr vor der mehrfach gesicherten Mauer lässt sie schneller atmen. Wie ist diese Realität auszuhalten? Mit der Zeit wird sie wieder ruhiger und wünscht die Angst machende Situation nicht mehr zu verdrängen, die innerlich erfahrene Nähe zu den Gefangenen anzunehmen und mit ihr zu leben. Die Zusage, dass Jesus in ihnen anwesend ist, hilft ihr dabei.

Plötzlich schlägt ein kleines Kind hinter ihr an die Scheibe des Wartehäuschens. Es will Kontakt mit ihr aufnehmen. Die Glasscheibe ist zwischen ihnen. Da ist wieder eine Mauer. Sie winken sich zu. Die Frau fühlt sich gefangen zwischen der Mauer vor und der Scheibe hinter ihr. — Da bückt sich das Kind und streckt seinen Arm durch den Schlitz unterhalb der Scheibe der Frau entgegen. Sie bückt sich auch und greift nach der Hand und erlebt: Mauern haben Durchlässe, die wir mit all unserer Phantasie suchen und nutzen können, wenn der direkte Weg versperrt ist. Das Kind hatte eine Kontaktmöglichkeit mit seiner kleinen Hand gefunden.

Die Frau deutet diese Geste als eine Einladung der Gefangenen — oder von Gott selbst —, den Weg zu ihnen zu suchen.

* Wenn Du Dich in der Suche nach mehr Achtsamkeit blockiert fühlst, meinst Du vielleicht, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Dein Leben fühlt sich wie zwischen Mauern an. Dann solltest Du den Rhythmus oder den Ablauf Deiner besonderen Zeiten der Aufmerksamkeit ändern. In den alten Mönchsorden ist es bis heute Sitte, den Nachtschlaf für das Gebet zu unterbrechen und dann weiter ausreichend zu schlafen. Vielleicht kann Dir diese Praxis eine Anregung sein, etwas Ähnliches zu versuchen: Du stellst den Wecker und reservierst Dir an einem günstigen Ort die Zeit des Staunens mitten in der Nacht. Sie kann Dir mit ihrer Ruhe zu einem besonderen Hinhören auf Deine innere Stimme helfen.

5. Etappe: Die Freude am Lernen

Nach einem kräftigen Kopfschütteln und heftigen Ärger über Vorstellungen in seinem Volk, was rein und was unrein sei, was also stimmig und was lebensfeindlich und deshalb zu verurteilen sei, geht Jesus mit seinen Jüngern über die Nordgrenze in das Gebiet der Hafenstädte von Tyros und Sidon. (Mt 15,21—28)

Eine Frau aus dieser römischen Provinz Syrien bittet Jesus, ihre Tochter von einem Dämon zu befreien.

Jesus aber gab keine Antwort.“ (23) War er in seinem Ärger gefangen, dass er ihr Anliegen nicht wahr nahm? War das Gebiet der Phönizier für ihn so voller Dämonen, dass er sich dem Einzelfall nicht zuwenden konnte?

Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befreie sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her.“ (23) Darauf antwortet Jesus in einer Weise, die ich als ideologisch empfinde: „ Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (24) Aus ihrem Stammgebiet war Jesus doch gerade mit seinen Jüngern in den heutigen Staat Libanon ausgewichen. Hatte er den Grenzübertritt innerlich nicht bemerkt?

Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ (25—27) Die kanaanäische Frau lädt Jesus zu einem Lernprozess ein: Sie wiederholt ihre Bitte. Jesus wehrt sich nochmals. Sie gibt ihm recht und fügt ein Aber hinzu: Die Welt ist größer als die Welt auf dem für alle sichtbaren Tisch. Im Schatten davon gibt es auch Leben. Sie tritt aus diesem Schatten und bittet um ein befreites Leben für ihre Tochter.

Darauf antwortete Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ (28)

Jesus ist ein Mensch, wie wir alle. Mit Übermut, mit Müdigkeit, mit Enttäuschungen, … und der Notwendigkeit zu lernen. Mitten in diesem menschlichen Verhalten können wir dann das Fenster entdecken, was auf das Heil hin ganz offen steht: „Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (28)

* In den Zeiten der Aufmerksamkeit wirst Du über Grenzen zu Menschen geführt, die Dir vorher fremd und deshalb nicht in Deinem Blickfeld waren. Du hattest Dich ihrer Kultur und ihren Anliegen gegenüber abgeschottet. Jetzt soll vielleicht Deinen Horizont erweitert werden. Jetzt frag Dich bitte einmal, zu welchen Zeiten und an welchen Orten solche Lernvorgänge bei Dir stattgefunden haben. Wann bist Du in eine größere Weite geführt worden und wie lebst Du heute mit dieser geschenkten Weite? Gibt es jetzt Situationen, in denen Du neu zum Leben eingeladen bist und dies mit Freude annehmen kannst?

6. Etappe: Am ganzen Leben teilnehmen

Wieder einmal stritten Menschen mit Jesus. Sie suchten nach Gründen, um sich von ihm öffentlich zu distanzieren. (Lk 20,19—38) Zuerst erzählt Lukas, wie Spitzel der Schriftgelehrten und Hohenpriester Jesus in der hoch politischen Steuerfrage aufs Kreuz legen wollten. Die Römer hielten das Land besetzt und zogen Steuern ein. Jesus antwortete ihnen: Gebt doch dem römischen Kaiser das Geld zurück — dieser war auf den Münzen abgebildet und ließ sich als Gott verehren — aber gebt vor allem Gott, was Gott gehört! Dann kamen einige von der Gruppe der Sadduzäer, die nicht an die Auferstehung glaubten, und legten ihm auch einen Fall vor. Jesus wies ihre Vorstellungen zurück, weil das Leben vor dem Tod und jenes nach der Auferstehung der Toten grundlegend verschieden sei. Dann erinnerte sie Jesus daran:

Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.“ (37)

Dem Kaiser gehören die Geldmünzen mit seinem Bildnis. Auch heute gehören Geldscheine, ebenso Pässe, dem Staat. Bei Missbrauch werden Strafen verhängt. Und was gehört Gott? Für Jesus ist er „doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.“ (38) Gott sieht alle, auch die für uns Gestorbenen, lebendig. Lassen wir uns auf seinen Blickwinkel ein? Er verteilt und entzieht das Leben nicht wie Münzen, sondern er ist selbst das Leben und die Liebe. Er ruft uns ins Leben und er nimmt uns mit in diese sprudelnde Quelle hinein, damit wir am ganzen Leben teilnehmen.

Jesus ruft, wie es alle Meditationslehrer tun, in die Gegenwart, ins Jetzt, in dem sich der Urgrund des Lebens spiegelt. In dieser Offenheit ist das Jetzt ein Moment der Ewigkeit, in der wir in Einheit mit Gott und allen Menschen leben dürfen. Gott lebt für mich in diesem immer neuen Jetzt — ohne Zeit, ewig — und damit gleichzeitig lebendig mit den Urvätern von Mose: Abraham, Isaak und Jakob. Sie sind für ihn alle gegenwärtig lebendig.

* Sicherlich kennst Du Momente, in denen Du vor der Ewigkeit stehst. In ihnen triffst Du jetzt eine Entscheidung für immer, weit über die von Dir zu überblickende Zeit. Das Eingehen von menschlichen Beziehungen kann eine solche folgenreiche Dimension haben. Wenn Du sie mit einem offenen Fenster zu Gott tust, für den die Generationen und Du selbst stets – also alle nebeneinander – lebendig sind, dann kannst Du den Sprung ins Leben in einem uneingeschränkten Jetzt wagen.

7. Etappe: Vorausschauendes Handeln erkennen

Mit einem Treffen der Hohenpriester und Schriftgelehrten im Palast von Kaiphas (Mt 26,3) leitet Markus die Erzählung der beiden letzten Tage Jesu (Mk 14,1—11) ein. Mit List wollten sie Jesus in ihre Gewalt bringen. (1)

Im Kontrast zu diesem Geschehen finden wir Jesus abseits der Hauptstadt in Betanien bei Tisch im Haus Simons des Aussätzigen. Der Gegensatz dieser beiden Gesellschaften und Orte lässt die Dramatik der beiden nächsten Tage ahnen.

Da „kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbaren Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haar.“ (3) Daraufhin machten einige in der Runde der Frau heftige Vorwürfe: Sie handelt nicht ökonomisch vernünftig. Die Kritiker sahen sich schon auf dem Marktplatz, das Öl mit hohem Preis anzubieten. Außerdem stand nun eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens. Die Männer wollten ihre Ordnung wieder herstellen und sie mit scheinbar vernünftigen Argumenten an den gesellschaftlichen Ort der Frauen zurücktreiben. Jesus durchschaute dieses Machtspiel und sagte: „Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer.“ (6—7)

In derselben Stunde, in der die Verantwortlichen seines Volkes Jesus das Lebensrecht absprechen, stellt diese Frau mit einem überschwänglichen Zeichen seine Würde heraus. Und Jesus achtet die Frau, indem er ihr der Situation angemessenes Tun deutet: „Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.“ (8—9)

Eine für uns namenlose Frau drückt ihre in der Vergangenheit gewachsene Beziehung zu Jesus aus. Und Jesus sieht, wie jetzt auch Zukünftiges in ihrem Handeln aufscheint. Damit erkennt er in ihr eine Prophetin, welche die Konsequenzen der gegenwärtigen Situation sieht und darüber die Anwesenden zur Besinnung rufen kann.

Nun geht Judas Iskariot — ein Jünger Jesu — hinüber in den Palast des Hohenpriesters und bietet seine Hilfe an, Jesus ohne Aufruhr zu verhaften. (10)

Momente der Aufmerksamkeit sind besondere Zeiten, oft namenloses, zukunftbezogenes Handeln wahrzunehmen und zu deuten.

Ich bin bei Exerzitien in einen von Menschen aus Sri Lanka betreuten Hindutempel im Keller eines Berliner Wohnhauses geführt worden, nachdem ich vorher über Kasten und den Bürgerkrieg in Sri Lanka gehört und verachtete kastenlose Menschen aus dem indischen Raum kennen gelernt hatte. Durch vielleicht teilweise berechtigte Rückschlüsse waren Mauern der Überheblichkeit in mir aufgerichtet worden. Sie zerteilten meine Hoffnung auf ein Handeln in Geschwisterlichkeit mit allen Menschen. Auf dem Weg zum Tempel ahnte ich mehr und mehr das prophetische Handeln, zu dem ich auf dem Weg war. Im Tempel zog ich meine Schuhe aus und lernte mich angemessen zu verhalten. Dann wurde ich mit großer Freundlichkeit aufgenommen und konnte selbst an diesem Ort zu Gott beten. Die Gemeinschaft der Hindus nahm mich mit in den Gottesdienst und ich spürte noch lange die Einheit in der Liebe Gottes zu allen Menschen und damit den verheißenen Frieden, den ich in meiner Geschichte mit Jesus oft erfahren habe.

* Wenn Du Dich von Deinem Herzen leiten lässt, siehst Du im Handeln anderer und auch bei Dir manchmal ein Zeichen, auf das Du gehofft hast. Dieses Zeichen ruft aus bleiernem Vergessen heraus, erleuchtet die Zukunft. Oft wirst Du die scheinbar kleinen Zeichen übersehen. Sie sind nicht von lautem Geschrei begleitet und haben keine wohlklingenden Namen, ähnlich der namenlosen Frau im Evangelium. (Mk 14,3) In behutsamer Aufmerksamkeit kann Dir neues Staunen über diese Anstöße geschenkt werden.

Christian Herwartz (2007)

    1. Katholische Kirchengemeinde St.Marien-Liebfrauen

Wrangelstr. 50/51, 10997 Berlin

      1. Filialkirche

St. Michael, Waldmarstr. 8, 10999 Berlin

Tel. 616 762 27

 

Tel. 611 293 20 / Fax.611 293 21

        1. Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,

brecht auf ohne Landkarte –

und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist.

Madeleine Delbrêl

Einladung zu Exerzitien im Alltag in der Fastenzeit

mit Christian Herwartz SJ, Claudia Keysers und Reinhard Herbolte

Bei den Exerzitien geht es darum, die eigene Alltags­wirk­lichkeit aus der Perspektive Gottes sehen zu lernen:

  1. die Sehnsucht in mir entdecken

  2. hören und erkennen wer ich bin

  3. spüren, wie und wo Gott mich anrühren will

  4. Ballast abwerfen

  5. mit neuen Augen meinen Alltag sehen lernen

Voraussetzung zur Teilnahme ist die Verbindlichkeit, sich 7 Wochen lang auf diesen Weg einzulassen: tägliche Meditation und Teilnahme an den wöchentlichen Gruppentreffen mit Reflexion der gemachten Erfahrungen. Ausserdem wird angeboten, an einem Samstag gemeinsam zu meditieren.

Die Exerzitien beginnen am Donnerstag, 15. Februar 2006 um 19.30 Uhr (nach der Abendmesse) in den Gemeinderäumen von St. Michael, Waldemarstr. 8 (U Kottbusser Tor, U Moritzplatz, Bus M 29 – Oranienplatz). Die weiteren Treffen werden dann jeden Donnerstag stattfinden.

Weitere Informationen bei: Reinhard Herbolte Tel. 616 762 – 27 oder – 11 (AB)