2016 Exerzitien „Heilende Räume – heilige Räume“ Advent

1. Impuls
Räume entrümpeln

Psalmen können eine Brücke sein zwischen Nacht und Tag, zwischen damals und heute, von Betenden aus unterschiedlichen Zeiten, Orten, Lebenssituationen und religiösen Traditionen – Juden und Christen – zu uns heutigen Menschen. Menschen bringen ihre Lebenssituationen – freudige und schmerzhafte – mit Worten aus den Psalmen zum Ausdruck. Und auch wenn wir nicht mehr leben werden, so wird auch nach uns mit diesen Worten gebetet werden.

Psalm 31
V 2: Bei dir, Herr, habe ich Zuflucht gefunden. Lass mich nie in Schande geraten! Erweise mir deine Treue und rette mich!
V 8: Voller Freude juble ich über deine Gnade: Du kennst mein Elend, kümmerst dich um meine Nöte, die so schwer auf meiner Seele liegen.
V 9: Du hast mich nicht in die Hand meiner Feinde gegeben, weiten Raum hast du vor mir geschaffen.
(Martin Luther übersetzt: Du stellst meine Füße auf weiten Raum)

– Welche Person aus der Bibel – aus dem ersten oder zweiten Testament, Mann oder Frau oder Kind – könnte mit diesen Worten gebetet haben? In welcher Situation?
– Wann in Deinem Leben waren Dir diese Worte nah?

2. Impuls
Raum geben – Maria sagt „Ja“
Bild fehlt

26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
31 Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
35 Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
36 Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich.
38 Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.                                                              Lukas 1, 2

Raum geben – Maria sagt „Ja“

was erwartest du
vom leben
so sehnsuchtsvoll
wie eine frau
ein kind erwartet
welche Hoffnung
wohnt in dir
so lebensvoll
wie eine freundin
guter hoffnung ist
womit willst du
dein herz füllen
so vertrauensvoll
wie eine mutter
ihr kind unter dem herzen
trägt
(Bild fehlt: Trygve Skogrand – Text: Andreas Knapp)

3. Impuls
Räume entrümpeln – Belastungen (los) lassen und abgenommen bekommen

Die Heiligen Schriften geben Resonanzen von den Erfahrungen, die Menschen in ih­rem Vertrauen auf und mit Gott gemacht haben. Dabei nehmen sie und wir unter­schiedlich wahr. Die eher aktive Seite: ich habe etwas weggeschafft (entrümpelt), das setzt Unterscheidung und mein Wollen voraus.

Eine andere Wahrnehmung ist, dass ich eher locker lasse und mich nicht auf eine Sache fixiere. Das kann dazu führen, dass ich wahrnehme, dass ein anderer mich er­leichtert, und ich mich befreit fühle und freieren Raum um mich finde. Wo finde ich in dieser Woche neuen Raum? Wo werden Tore für mich aufgemacht?

Die 94. Sure des Korans (asch-Scharh, Das Weiten oder das Öffnen) aus der mek­kanischen Zeit                          (Übersetzungen: A. Th. Khoury und A. v. Denffer / Y. Kuhn)

1Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen,
2Haben Wir dir nicht deine Brust geweitet
3und dir deine Last abgenommen, 4die schwer auf Deinem Rücken lastete?
4Und (haben Wir nicht) dich an Würde erhöht? 5Wahrlich, mit der Erschwernis gibt es eine Erleichterung, 6 ja, mit der Erschwernis gibt es eine Erleichterung
7Darum, wenn Du (von Bedrückung) befreit bist, bleibe standhaft 8und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter.

Im Evangelium des Matthäus hören wir Jesus
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir […] so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.(Mt 11,28-30)

Im Evangelium des Lukas haben wir schon gehört
Richtet euch auf, erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe (Lk 21,28)

Und in den Psalmen ist aufbewahrt:
Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich (Ps 126,3)

4. Impuls
Raum verlieren – auf wackeligem Boden

Wenn wir diese Überschrift lesen, werden viele Bilder in uns aufsteigen, die sich mit Ereignissen verbinden – auch der jüngsten Geschichte, welche Menschen den Boden unter den Füßen weggenommen haben.

Der Künstler Daniel Libeskind führt uns mit seinem Garten des Exils im Jüdischen Muse­um eindrucksstark in diese Gefühlslage

Der Garten des Exils
Der Garten des Exils erzeugt bei den Besucher*innen aufgrund der Schräglage ein Gefühl des Schwindels und der Desorientierung, die einzige Vegetation befindet sich in unerreich­barer Höhe. Mit dieser räumlichen Erfahrung wollte Daniel Libeskind auf die mangelnde Orientierung und Haltlosigkeit verweisen, die Emigrant*innen empfanden, die aus Deutschland vertrieben wurden.

Die Hl. Schrift, das AT wie das NT, kennt eine Fülle von Erfahrungen mit Menschen, die ihre Lebensperspektive verloren haben. Es lohnt sich zu blättern und zu schauen. Diese Geschichten sind dort gesammelt, weil sich schließlich die Erfahrung der Rettung auftut – durch den, der von sich sagt:
Ich bin der ‚Ich bin da‘.

Wir sind eingeladen, einmal die Augen zu schließen und die Heilsgeschichte, soweit sie uns vertraut ist, Revue passieren zu lassen:
– Welche Geschichten fallen mir ein?
– Welche Szenen sprechen mich an?
– Wo finde ich mich und meine Hoffnungslosigkeit wieder?

Bodenlose Ersterfahrungen Jesu und seiner Familie: Lk 2,1-7
1 In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuer­listen einzutragen.
2Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
3Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
4So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Da­vids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
5Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.
6Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft,
7und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war…

Mt 2,13-15
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.
14 Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägyp­ten….

5. Impuls
Raum neu entdecken und heiligen Raum betreten

Titus 3;3-7
3 Denn auch wir waren früher unverständig und ungehorsam; wir gingen in die Irre, waren Sklaven aller möglichen Begierden und Leidenschaften, lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten einander.
4 Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien,
5 hat er uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist.
6 Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter,
7 damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.

Die Menschwerdung Gottes macht uns deutlich ,daß wir von Gott angenommen sind, „ohne Leistung und trotz aller Schuld“, trotz aller Brüche, Belastungen und ambiva-lenten Erfahrungen unserer bisherigen Geschichte. Uns ist das göttliche Leben geschenkt worden, ein neues Herz und ein neuer Geist. Der Geist Gottes wohnt in uns. Wir sind ein Tempel Gottes. Diesen heiligen Raum gilt es neu zu entdecken und für unser Leben fruchtbar zu machen.

Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, aber nicht in dir, du wärest verlo-ren!“ (Angelus Silesius)

Er kam in die Welt,…aber die Welt erkannte ihn nicht….Allen aber, die ihn aufnah-men, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh. 1;10,12)

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