2010 Zwei Impulse von Christian Herwartz

    1. Durch Widerstand hindurch

Matthäus erzählt uns in seinem Evangelium (15,1-28), wie Jesus wieder einmal von einer Gruppe Pharisäern und Schriftgelehrten angegriffen wird. Seine Jünger würden die Überlieferung der Alten, also das Gebot Gottes, missachten, da sie sich vor dem Essen nicht die Hände wuschen. Diese scheinbar kleinen Anlässe lösen oft einen heftigen Streit aus, wenn dadurch die gegensätzlichen Grundeinstellungen deutlich werden. Jesus musste anschließend mit den Jüngern ins Ausland ausweichen, um sich vor den Angriffen zu schützen.

Noch fest gebissen in den Streit wird Jesus im Gebiet von Tyrus und Sidon von einer dort lebenden kanaanäische Frau angesprochen. Sie bittet ihn um Erbarmen, denn sie hat eine kranke, von Dämonen gequälte Tochter und wünscht ihre Heilung. Jesus gibt keine Antwort. Diese Situation auf der Straße kennt jeder von uns. Wir leben nicht im Jetzt, sondern sind in Gedanken noch bei Vergangenem oder an dem Ort, den wir erreichen wollen. Dann brauchen wir oft eine zweite oder dritte Wiederholung, bis wir ins Hören kommen.

Den Jüngern ist die Situation peinlich, weil die Frau hinter ihnen her schreit. Sie wollen ihre Ruhe haben. Deshalb wenden sie sich an Jesus und bitten ihn, ohne Mitleid für die Frau, die unpässliche Situation zu beenden. Sie haben viele Heilungen miterlebt und darüber das unmenschliche Gesetz aufgestellt: Jesus muss immer helfen. Doch er hört auch nicht auf ihr Drängen und antwortet ebenso mit einem Gesetz, das er bald übertreten wird. Hier auf der Straße außerhalb seiner Heimat wird er für sich den Willen Gottes weiter entdecken, der ihm in der Bitte dieser Ausländerin begegnet. Sie wirft sich vor ihm nieder und bittet; „Herr, hilf mir!“ Jesus weist diese Botin Gottes barsch ab. Die Frau aber hört Jesus in ihrer Not geduldig zu, obwohl er sie mit den Straßenhunden vergleicht. Sie hört seine Ablehnung nicht ausländerfeindlich oder rassistisch. Sie sieht selbst in der Ablehnung noch das Geschenk, von Jesus beachtet zu sein und fasst den Mut zu einer Nachfrage ohne jeden Vorwurf. Da erkennt Jesus ihre Liebe und wird davon durchdrungen. Er findet in der bedrängenden Situation des Streits zurück zum Leben und antwortet der Frau mit Respekt. Beschämt von ihrem Glauben fügt er sich gehorsam ihrem Wunsch, in dem er jetzt den Willen Gottes erkennt.

Oft brauchen wir viel Zeit der Vorbereitung, in der sich unsere Umkehr von den gewohnten Ansichten weg zu einer offenen Beziehung entwickelt. Der Widerstand ist groß aus der scheinbar selbst verständlichen Gewalttätigkeit aus zu steigen. Sie richtet sich auch gegen uns selbst. Wir dürfen die Schwester oder den Bruder in uns selbst entdecken, wenn wir die Schuhe des vermeintlichen Wissens und der Konventionen ausziehen. Dann können wir unsere Mitmenschen als Brüder oder Schwestern wahrnehmen. Wenn wir unsere Nächsten und uns selbst mit diesen neuen Augen ansehen, dann spüren wir oft überraschend einen heilenden Frieden. Matthäus schreibt, dass die Tochter der hartnäckig bittenden Frau von dieser Stunde an gesund wird.

Die Gnade des Bettelns

Vertrauen und Sehnsucht
Auf seinem Pilgerweg nach Jerusalem wehrte sich Ignatius von Loyola entschieden gegen jede materielle Absicherung. Gottes Gnade allein sollte auf den Straßen und Seereisen genügen. Das betende Vertrauen in die Führung Gottes ist das Fundament für das weitere Geschehen. Ein Geschenk ist es, unsere Bedürftigkeit sehen und zeigen zu können. Ähnlich wie bei Bartimäus fragt uns Jesus: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51) Wir werden aufgefordert, Ihm unsere größte Sehnsucht zu sagen. Wir dürfen aus dem Vielerlei von Wünschen und den Sowohl-als-auch-Gedankenspielen heraus treten. Dann können wir uns über den Schatz Gottes in uns freuen, ihn wertschätzen, alles Zweitrangige verkaufen, um uns ihm noch mehr zu nähern, und können die Wertschätzung Gottes in uns und anderen Menschen ausgraben (Mt 13,44). Auf dieses Abenteuer sollen wir uns gleich allen anderen Menschen mit leeren Händen einlassen. Dazu fordert uns Jesus mit seinem Leben heraus.

Abenteuer
Das Abenteuer Gottes unter uns ist seine Menschwerdung, zu der er auch uns einlädt. Sich auf die Verwandtschaft mit Ihm einzulassen ist ein herausfordernder, unplanbarer Prozess, in dem das eigene Nichtwissen und alle damit verbundenen Ängste nochmals aufkochen. Doch die Berührungsängste gegenüber ausgegrenzten Menschen in unserer Gesellschaft schwinden und wir können eine innere Freiheit spüren. Ignatius berichtet von diesen bestätigenden Erlebnissen. Wir dürfen ein Sprechen Gottes in uns wahrnehmen. Dieses sanfte innere Berühren Gottes bleibt anfangs vielleicht unbemerkt. Doch wenn wir uns darauf – möglichst sofort – wie Samuel (1 Samuel 3,4ff) einlassen, dann können wir Gottes Einladung hören. Jesus fordert uns vielleicht auf, zu Ihm übers Wasser zu kommen (Mt 14,29). Wie bei Petrus bricht die Einheit mit Ihm dann auch mal bei uns plötzlich ab. Unser ganzer Mut ist gefordert das Handeln Gottes zu uns präsent zu halten und neu ins Vertrauen zu Ihm zu kommen.

Neues Wahrnehmen
Erfahrungen und theoretische Überlegungen machen oft blind für das Jetzt, in dem uns Gott neu begleitende Geschwister schickt. Wenn wir darin seine Liebe wahrnehmen, kann das Abenteuer des Entdeckens weiter gehen. Wir finden Gemeinschaft, die sich auf das Heilige in uns allen beruft, und finden mitten in unserer Bedürftigkeit – bettelnd – in die Freude des Schauens Gottes. Er nutzt immer neue Orte, an denen wir liebgewordene Vorstellungen fallen lassen können, um Ihm neu zu begegnen. Unsere Offenheit ist herausgefordert. Wir spüren seine Barmherzigkeit in uns und können im Handeln aus seiner Liebe sonst sinnvolle gerechte Grundsätze beiseite legen und die Menschwerdung Gottes in uns allen zulassen.