Anna Stern: Seminar „Option für die Armen“

Bundesweites Kontaktseminar von Ordensleuten fand zum 16. Mal an der Münsteraner Abteilung der KFH NW statt.

In diesem Jahr stand das Treffen unter dem Motto „Spiritualität für den Dienst unter Armen“. Neben 35 Ordensleuten aus ganz Deutschland beschäftigten sich auch 15 Studierende der KFH eine Woche lang mit der Situation ausgegrenzter Menschen und der eigenen Haltung zu Arbeit und Umgang mit diesen Menschen. Das nun schon seit Jahren gut besuchte Kontaktseminar dient vor allem der Vernetzung und Unterstützung. Viele Ordensleute, die sich für das Zusammenleben mit Armen außerhalb des Klosters entschieden haben, werden mit dieser Entscheidung erst einmal auf sich selbst zurück geworfen. Die gemeinsame Woche in Münster bietet ihnen die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und eine spirituelle Unterstützung für die oft kräfte- und nervenzehrende Arbeit zu erfahren.

Die Straße als „heiliger Boden“

Das Wort „Option“ bedeutet ursprünglich „freier Wille, freie Wahl“. „Option für die Armen“ steht für die bewusste Entscheidung, sich an die Seite der Armen zu stellen, ganz im Sinne der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, die diesen Ausdruck geprägt hat. An den ersten drei Seminartagen erlebten dies die Teilnehmer noch im Schutzraum der Fachhochschule. Neben einem Bibelgespräch diskutierte Weihbischof Josef Voß mit den Teilnehmern die Situation illegal in Deutschland lebender Menschen, die für ihre Arbeit in privaten Haushalten, im Gaststättengewerbe oder auf dem Bau unter- oder sogar gar nicht bezahlt werden. Der Jesuit Christian Herwartz aus Berlin lud schließlich zu einer ungewöhnlichen Form der Exerzitien ein. Nach einer intensiven Vorbereitung waren die Teilnehmer einen Tag lang allein auf den Straßen Münsters unterwegs und öffneten sich für eine persönliche Begegnung mit ausgegrenzten Menschen. „Eine alte obdachlose Frau hat mich zum Kaffee eingeladen.“, erzählte eine Teilnehmerin beschämt. „Selbst das wenige, was sie hatte, hat sie noch geteilt.“ Das hautnahe Erlebnis außerhalb der gewohnten Rolle und Umgebung war für viele eine tief berührende, manchmal schmerzhafte Selbsterfahrung. Das konkrete Vorbild für die Aktion zitierte Herwartz aus der Bibel. Der neugierig gewordene Mose will den brennenden Dornbusch näher betrachten, bis er von Gott aufgefordert wird, die Schuhe auszuziehen, denn „du stehst auf heiligem Boden.“ Für den Jesuiten ist der brennende Busch die oft dornige Realität. Die Schuhe ausziehen bedeutet, die eigene Distanz abzulegen gegenüber unbequemen, bedrohlichen und schmerzhaften Begegnungen mit ausgegrenzten Menschen und ihrer Wirklichkeit. Der heilige Boden ist die Straße selbst.

„Nächstes Mal bin ich freiwillig dabei.“

Diesmal sei die Veranstaltung Teil ihres Pflichtprogramms gewesen, so eine Studentin im Rückblick am Freitag, doch das nächste Mal werde sie „freiwillig“ dabei sein. Die Woche habe sie als seelische „Tankstelle“ erlebt. Begriffe wie „Lebensbetrachtung“ und „Selbstfindungsprozess“ fielen. Für eine junge Ordensfrau stand im Mittelpunkt, „engagierte, starke Menschen zu treffen“. Doch immer wieder kam die Sprache auf die Erfahrungen, die die Teilnehmer am Exerzitientag gemacht hatten. „Dabei ist mir erst einmal dieser Abstand bewusst geworden, den ich zu den Armen habe.“, so eine andere Ordensfrau selbstkritisch.

Wunschthema Nähe und Distanz

Zum Abschluss am Freitag Mittag blieb noch Zeit für Anregungen und Wünsche an das Leitungsteam, die Dozenten Josef Elberg und Andrea Tafferner, Pater Erich Purk und Ursula Adams, die Initiatorin des Seminars. Auf Zustimmung in der großen Runde traf die Anregung, sich im nächsten Seminar mit dem Thema „Nähe und Distanz“ zu beschäftigen. Gerade für die teilnehmenden Studierenden dürfte es eine wichtige Frage sein, wie sie die innerhalb des Studiums immer wieder angemahnte professionelle Distanz in ihrem späteren beruflichen Alltag mit emotionaler Nähe zu ihren Klienten verbinden können. Denn, so Herwartz provokativ:“Distanz ist wichtig fürs Professionelle, fürs Menschliche ist sie Gift.“

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