2010 „Geh auch mal dahin, wo du sonst nicht bist“

Brennender Dornbusch – im Hintergrund die goldene Kuppel der Jüdischen Synagoge.

Pater Christian Herwartz (links) beim gemeinsamen Essen mit Teilnehmern an den Straßenexerzitien.

Es ist ein Angebot der besonderen Art. Der Jesuitenpater Christian Herwartz bietet in Berlin „Straßenexerzitien“ an.

Von Gereon Helmes (Text und Fotos)

In Berlin ist es kalt. Passanten ziehen die Mäntelkragen hoch, Hände suchen in Jackentaschen nach Wärme, und Babys ertrinken in ihren Kinderwägen in Bergen von wärmenden Decken.

Heute Morgen bin ich zeitig aufgestanden, um einen Jesuitenpater zu treffen. Er wohnt in der Nähe des Kottbuser Tors mitten in Berlin-Kreuzberg. Der Ortsteil gilt als einer der einkommensschwächsten Berlins. Es gibt überdurchschnittlich viele Migranten.
Über der Kneipe „Tor zur Hölle“ liegt die Wohngemeinschaft. Ein grauhaariger Mann öffnet die Tür, mustert mich mit gütigem Blick und ruft: „Christian, Besuch für dich.“
Der Jesuit Christian Herwartz ist eine beeindruckende Erscheinung. Große Statur, zufassende kräftige Hände und ein weißer langer Bart. Er liest mir an diesem Morgen eine Geschichte vor. Der brennende Dornbusch, die Begegnung des Mose mit Gott am Berg Horeb. „Zieh deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliger Boden“, liest der Jesuit. Ich solle mich aufmachen, durch Berlin gehen und meine Schuhe dort ausziehen, wo Gott ist. „Der Busch brennt und verbrennt doch nicht. Es gibt nur Eines, das brennt und doch nicht verbrennt: Die Liebe“, sagt Herwartz und lächelt. „Jetzt schmeiß ich dich raus“, sagt er dann.

Ein Graffiti und eine Schlagzeile am Morgen

Ich stehe wieder in der Kälte und schaue mich in dieser fremden Welt um. Verhungern werde ich nicht, türkische Bäckereien und Cafés reihen sich mit blinkenden Werbetafeln aneinander, Frauen mit Kopftüchern schleppen schwere Einkaufstüten, und Autos quälen sich durch die engen Straßenfluchten. „Freiheit für Palästina“, hat ein Graffiti-Künstler an eine Häuserwand gesprüht. Klingt gut, denke ich bei mir und erinnere mich an die Schlagzeile des Morgens: „Friedensgespräche in Nahost aufgenommen.“ Wie oft aufgenommen? Wie oft ergebnislos beendet?
Christian Herwartz ist Jesuitenpater, der sich den Menschen verbunden fühlt und Nächstenliebe lebt. Er lebt nicht hinter Klostermauern, sondern in einer offenen Wohngemeinschaft in unmittelbarer Nähe zum größten Drogenumschlagplatz Berlins. Seit zehn Jahren bietet er Einzelpersonen und Gruppen an, Exerzitien auf den Straßen Berlins zu erleben. Christian Herwartz ist 66 Jahre alt und 1978 nach Berlin gekommen. Der Arbeiterpriester hält die Jesuitenkommunität in Kreuzberg offen für „Randständige“ jeglicher Art.

Die Suche nach Gott in der fremden Stadt

Ich ordne meinen Schal, um jedem noch so kleinen Windzug den Weg an meinen Hals zu verwehren und setze meine Suche nach Gott zielstrebig fort. In der U-Bahn angekommen, studiere ich die verschiedenen Linien der Hauptstadt. Die Auswahl an Zielen ist groß. „Hermannplatz“ tönt es krächzend aus den Lautsprechern. Da könnte vielleicht Gott sein, denke ich mir.

Im Stadtteil Neukölln angekommen, schlendere ich eine breite Straße entlang. Der Geruch von frisch-gebrannten Mandeln steigt in die Nase, dann orientalische Gewürze. Es ist eine andere Welt mitten in Berlin und die eisige Kälte verschwindet für einen kurzen Moment.

Da muss Gott sein: eine Kapelle am Weg

Aber wo ist Gott denn nun? Unvermittelt taucht zwischen einer großen Häuserfront plötzlich eine Kapelle auf. Ein rostiges Eingangstor lässt den Blick auf ein Gräberfeld dahinter zu. „Aha, Kapelle, Friedhof. Wo Gott seine Leute hauptamtlich wirken lässt, kann ich auf meiner Suche ja nicht ganz falsch sein“, denke ich. Ein alter Friedhof, der nicht in diese Großstadt passen will und sich mit seinen Grabsteinen gegen die Häuserwände aufzulehnen scheint, erstreckt sich als grüne Oase mitten in der Stadt. „Für unsere einzige, innig geliebte Tochter“, steht auf einem Grabstein geschrieben. Liebe geht über den Tod hinaus. „Sie brennt und verbrennt doch nicht“, erinnere ich mich an die Worte des Jesuiten.

Ich setze meine Reise mit oder ohne Ziel fort. Zwei Kirchen entdecke ich auf meinem Weg und rüttele an den Türen – beide sind verschlossen. Also steige ich an der nächsten U-Bahn-Haltestelle wieder die Treppen in den Untergrund hinab. In der U-Bahn ist es warm. Nach zehn Minuten bin ich aufgewärmt und steige aus: Oranienburger Tor. „Friedens-Ausstellung 4. Stock“ prangert in schwarzen Lettern auf einem bunten Schild. Ich trete einen Schritt zurück, und mein Blick wandert die bunte Graffiti-Fassade hinauf. Sieht aus, wie eine Kommune, ist eine Kommune.

Das könnte der Berg Horeb sein

„Geh auch mal dahin, wo du sonst nicht bist“, hat der Jesuit am Morgen zu mir gesagt. Ich gehe rein. Ein dunkles, zugiges Treppenhaus. Beißender Gestank kriecht in die Nase. Urin, Fäkalien, ich verspüre das Bedürfnis hinaus zugehen. Vielleicht ist das mein Berg Horeb, denke ich. Also weiter. Ein „Open“-Schild weist im vierten Stock den Weg durch eine schwere, metallene Tür. „Hallo, kommen Sie rein“, grüßt ein Mann mit lockigem Haar und schaut hinter einer Staffelei hervor.

Es ist ein friedlicher Ort, bunte Bilder stapeln sich übereinander und hängen an den Wänden, eine kleine Gas-Heizung sorgt zischend für Wärme. „Ist dieser Mann auch durch das stinkende Treppenhaus hier hoch gekommen?“ frage ich mich. Es ist schön hier oben über den Dächern der lauten Hauptstadt. Es ist ein Ort, der ins Großstadtgewirr nicht so recht passen will. Bin ich am Ende meiner Suche angekommen?

Ich lasse die bunten Bilder hinter mir und finde mich nach zügigem Gang durch das Treppenhaus im Hof des Hauses wieder. Künstler schweißen, malen und werkeln in Wellblech- und Holzbaracken. Eine Welt der Gegensätze und gewollter Alternativen tut sich auf. Aus kleinen Eisenplatten hat ein Künstler einen großen Hahn gestaltet und auch ein Busch, der scheinbar brennend, im Zentrum des Hofes steht, findet bei den anderen Besuchern große Anerkennung. Es sind fundamentale, übergroße Werke, die hier geschaffen werden. Wohnt hier Gott in Berlin?

Mein Weg führt mich weiter Richtung Alexanderplatz, vorbei an der neuen jüdischen Synagoge mit ihrer prächtigen, golden in der Sonne glänzenden Kuppel. Kalter Wind weht durch die Straßen und die Passanten streben eilig zu ihren warmen Zielen. Aber wohin soll ich gehen?

Die innere und die äußere Baustelle

Ich habe kein Ziel. Die Marienkirche auf dem „Alex“, wie die Berliner den großen Platz mit Fernsehturm nennen, liegt örtlich und gedanklich nahe. Es passt gut, dass die Kirche in ihrem Inneren jetzt ganz eingerüstet ist und Künstler alte Malereien restaurieren.

In mir ist auch eine Baustelle. In einer fremden Stadt wurde ich von einem fremden Pater losgeschickt, um Gott zu suchen. Und nun sitze ich in einer Baustelle und fühle mich wie eine solche.

Die Begenung mit Gott ist immer möglich

Exerzitien auf der Straße sind immer möglich. Jeden Tag geht man durch seine Stadt, durch sein Dorf, durch seine Straße. Die Herausforderung ist der offene, wache Blick auf seine Mitmenschen. Wem begegne ich auf meinem Weg? Wer benötigt meine Hilfe, meine Aufmerksamkeit und meinen Respekt? Der Tag in Berlin, das Gespräch mit der geistlichen Begleitung am Abend und der Austausch mit Anderen, die sich auf den gleichen Weg durch Berlin gemacht haben, zeigen mir, dass wir Gott überall nahe sein können.

Als ich aus der Kirche auf den Platz trete, scheint die Sonne, blendet mich und lässt die Spree-Metropole in den schönsten Farben leuchten. Ein Wort des ehemaligen Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, kommt mir nach meinen Straßenexerzitien in den Sinn: „Ihr Völker der Welt, schaut auf eure Stadt.“

http://www.wochenzeitung.paulinus.de/ Ausgabe 4.4.2010