Ein Tag in der Gedenkstätte Plötzensee

Exerzitien auf der Straße

Schon am Tag, der den Exerzitien auf der Straße vorausging (das war Mi.,09.03.2005), kam ich mit „Plötzensee“ näher in Kontakt. Vorher hatte ich nur wenig – eigentlich nur den Namen – im Geschichtsunterricht darüber gehört. In München liegt ja das KZ Dachau örtlich (aber auch im Gedenken) näher… Am besagten Tag besuchte ich mit Pater Lutz Müller SJ, der (in diesem Jahr fünf) Interessenten verschiedene Jesuitenkommunitäten in Berlin vorstellte, den Karmel Regina Martyrum, der ja aufs engste mit Plötzensee verbunden ist. Schwester Miriam, die uns das Leben im Karmel erläuterte, fragte desöfteren nach, ob wir auch direkt zur Gedenkstätte Plötzensee fahren würden. Wir mussten dies aus organisatorischen Gründen (keine Zeit, kein Auto) leider verneinen.

Umso erfreuter war ich, als ich auf dem Blatt mit den möglichen Zielen für das Projekt „Exerzitien auf der Straße“ auch die Gedenkstätte wiederentdeckte. Mein Entschluss, dort hinzugehen, fiel schnell und meiner ziemlich planungsorientierten Art entsprechend. So hatte ich auch bald erkannt, dass ein Fußmarsch von Kreuzberg zur Gedenkstätte sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und die U-Bahn das geeignetere Fortbewegungsmittel sein würde. So weit ich mich erinnere fuhr ich bis zur Haltestelle „Amruner Straße“ (U9).

Auf meinem weiteren Fußweg zur Gedenkstätte musste ich durch eine Krankenhausanlage der Berliner Charité. Je weiter ich die Mittelallee voranschritt, umso langsamer kam ich da voran. Rechts und links wurde ich immer neuer Fachbereiche gewahr und dachte an das Leid und die Schicksale, die hinter den Türen verborgen waren. Ein Haus fiel mir besonders ins Auge: In Schreibschrift stand mit großen Buchstaben angeschrieben: „Kinderchirurgie“. Da es die frühlingshaften Temperaturen zuließen, setzte ich mich auf eine Bank davor und wusste plötzlich, dass es gut war, dass ich hier verweilte und mein eigentliches Ziel für einige Zeit etwas in den Hintergrund trat. Jetzt war nicht wichtig, dass „mein Wille geschehe“, sondern einfach das Schauen, das Mitlachen mit freudigen Kinderaugen, das Betroffensein beim Anblick meist betrübter und oft hastender Eltern. Dieses Haus strahlte aber dennoch im Gegensatz zu den anderen eine Grundgestimmtheit von Freude und Heil-Werden aus. Mir war, als ich aufbrach, bewusst und klar, dass es gut (gewesen) war, meine Aufmerksamkeit für mehr als eine Stunde von der eigentümlichen Atmosphäre eingenommen zu wissen.

In der späten Mittagszeit setzte ich meinen Weg zur Gedenkstätte Plötzensee fort. Dort angekommen überraschte mich weniger die Lage in der Nähe einer JVA als vielmehr die Größe der Gedenkstätte. Mit dem Bild des KZ Dachau im Hinterkopf kam mir dieser Platz ziemlich klein vor. In den Innenräumen hielt ich mich etwa eine halbe Stunde auf – immer mit einem Fotografen im Nacken, der wohl schon auch vor meinem Eintreffen aus verschiedensten Perspektiven eine Unmenge an Fotos schoss und der mir sogar (wohl unbeabsichtigt) dann noch „Sonne raubte“, als ich auf einer Bank die Zeit verstreichen ließ, den warmen Frühlingstag genoss und über all das nachdachte, was das Dritte Reich und im speziellen diese Gedenkstätte für mich persönlich bedeutete. Gestört wurde ich – abgesehen vom Fotografen – von keiner Menschenseele. Zum einen geschah etwas, was ich damals wie heute als kleines Zeichen sah: einerseits schien mir das Dritte Reich so fern, nur aus Geschichtsbüchern ererbt und im Gegensatz zu meiner bunten Welt – in schwarz-weiß. Doch als ich länger mit geschlossenen Augen in der Sonne gesessen hatte und dieselben wieder öffnete, da war alles schwarz-weiß! Dieser mir durchaus bekannte Effekt des kurzzeitigen „Farbverlusts“ bzw. Blau-Grau-Stichs ließ in mir das Gefühl wachsen, dass zwar nicht ich in die Vergangenheit gereist war, diese aber doch immer auch zu mir gehörte.

Schließlich sprach ich auch den Fotografen an, welche Beziehung er zur Gedenkstätte habe. Ich erfuhr eine bittere Abfuhr: er sei von einer Firma beauftragt, Bilder von verschiedenen deutschen Gedenkstätten zu schießen. „Das ist mein Job“, sagte er. Ich weiß bis heute nicht, ob er all die Grausamkeiten, an die solche Stellen erinnerten, nicht an sich heranlassen oder nur nicht von mir bei seinem „Job“ gestört werden wollte. Dennoch ging mir seine einsilbige Antwort tief und ich war zunächst wie versteinert. Als sich dieses Gefühl einigermaßen gelegt hatte, brach ich auf, um diesen Ort zu verlassen. Die Heimkehr sollte sich durch einen Irrweg im „Labyrinth der nahegelegenen Kleingartenanlage“ noch etwas ungewollt in die Länge ziehen. Dort wieder herauszufinden löste bei mir kurzfristig echte Besorgnis aus, gelang aber dann doch. Diese Situation wie vor allem die Antwort des Fotografen beschäftigen mich auf eigene Weise noch heute. In diesem Sinn gingen/gehen die Exerzitien auf der Straße sicher noch lange weiter…

Straßenexerzitien im Rahmen des Programms „Jesuit auf Probe“ in Berlin am 10.03.2005
Robert Stefan Paulus

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