07 Gottesdienst auf der Straße

Das Spirituelle Zentrum St. Martin in München war seit 2005(?) jedes Jahr für einen 10tägigen Kurs Geistliche Übungen – Exerzitien auf der Straße – ein den Prozess unterstützender Gastgeber. Zum Abschluss brachten die TeilnehmerInnen sich mit ihrer Suche nach dem Auferstandenen in den Sonntagsgottesdienst mit dem anschlie-ßenden Austausch ein. Jede/r ist dem Engel Gottes an anderen Orten in der Stadt oder in der eigenen Geschichte oder in sich selbst begegnet, so wie Maria Jesus im Gärtner sah oder die Jünger ihn am Ufer des Sees bei der Vorbereitung des Essens entdeckten und sich von ihm zum erneuten Fischfang einladen ließen. Die Geschichten heute ähneln den biblischen Erzählungen und ermutigen heute, nach der Begegnung mit Jesus heute zu suchen.
Eine Erfahrung aus diesem Jahr will ich erzählen. Mitte August 2013 machte sich eine Gruppe auf den Straßen von Straßburg auf den Weg. Nach einer Etappe der Verlang-samung und der Aktivierung des inneren Gebetes, stellten sich die TeilnehmerInnen den auftauchenden Fragen, die durch die Eindrücke in der Stadt oder durch innere Bewegungen angestoßen wurden. Abends kehrten sie um 17 Uhr zurück und die BegleiterInnen hatten auch am 11. August einen Gottesdienst vorbereitet. Wir begannen im Pfarrsaal, wo das Abendessen schon vorbereitet war, mit einer Einführung, einem Lied und Gebet. Als Lesung hatten wir die Geschichte ausgewählt, in der eine Frau allein beschuldigt wurde Ehebruch begangen zu haben. Der Mann wurde nicht vorgeführt, wie es das Gesetz Mose vorschrieb. Jesus sollte überführt werden nicht gesetzestreu zu handeln. Doch er antwortete nicht, schrieb (der Frau) einen Text in den Sand. Dann stand er auf und sagte einen Satz, den auch ein Kind mit seinem unverstellten Blick hätte sagen können: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Als er wieder in Augenhöhe mit der Frau am Boden war, gingen zuerst die Älteren – mit ihrem Wissen um die eigene Geschichte – zuletzt die jugendlichen Heißsporne. Keiner wollte den ersten Stein werfen. Jesus auch nicht. Er gab ihr nur den Rat, aus dieser Begebenheit zu lernen und keinen Anlass für eine nee Anklage zu geben.
Dann verlegten wir den Gottesdienst auf die Straße. Am Fluss neben einem großen Toilettenhaus mit Dusche war hinter einem Glascontainer ein kleiner freier Platz, auf dem sich oft eine Gruppe Obdachloser trifft. Dorthin gingen wir. Kathrin, eine Begleiterin dieses Exerzitenkurses und ich wollten dort die Geschichte nochmals spielen. Kathrins Mann griff seine Frau und drückte sie zu Boden. Er hatte einen großen Pflasterstein mitgebracht. Ich sollte ihn nehmen und mit der Steinigung beginnen. Doch ich nahm ihn nicht sondern beugte mich zu seiner Frau und sah in ihre Augen, aus der mir ihre Angst anschrie. Ich bekam keinen Ton heraus und versuchte ihr mit Gesten meine Friedfertigkeit verdeutlichen. Ich versuchte auch etwas auf den Boden zu schreiben. Doch es misslang mir leserlich zu schreiben. Die Aufforderung mich zu entscheiden wurde aus dem Kreis der um mich stehenden lauter. Endlich stand ich auf und sagte den entwaffnenden Satz.
Ein Teilnehmer hat ihn nicht mehr gehört. Er war schon zur in der Nähe stehenden Bank gegangen, auf der zwei Männer, die auf der Straße lebten, miteinander Schach spielten. Vor ihnen stand einladend ein zweites Schachbrett. Dorthin flüchtete ein Mann aus unserer Gruppe. Auch eine andere Teilnehmerin berichtete später, dass am liebsten im Boden versunken sei, weil die Situation für sie so unerträglich war. Passanten blieben stehen und griffen nach ihren Handys. Sie überlegten offensichtlich, ob sie die Polizei rufen sollten, denn die gewalttätige Situation ließ nichts Gutes ahnen.
In einem zweiten Durchgang spielten zwei Frauen das Verhalten von Jesus und der Angeklagten. Wieder wurde Jesus der Stein angeboten und gesagt, dass er angeklagt würde, wenn er die Steinigung verweigere. Die Angreifer suchten offensichtlich einen Grund, ihn anzuklagen. Die Frau nahm den Stein, setzte sich darauf und sah in das Gesicht der vorgeführten Frau. Trotz des immer lauter werdenden Geschreis konnte sie sich nicht zu einer Verurteilung durchringen. Die Ankläger hielten sich selbst nicht an das Gesetz, denn Ehebruch findet immer zu zweit statt. Eine Person allein kann dafür nicht angeklagt werden.
Bei einem dritten Durchgang spielten die Szene zwei Männer. Wieder wurde der Stein dem Spielenden aufgedrängt. Er nahm ihn uns legte ihn beiseite. Auch er ging zu Boden und nahm Kontakt mit der Angeklagten auf. Irgendwann kam der Schachspieler von hinten – sein Kollege hatte die Situation auch nicht ausgehalten und war gegangen – nahm den am Boden liegenden Stein und warf ihn in den Fluss. Dieser überraschende Fortgang der Geschichte regte in mir viel Freude und ich ging am Ende des Spiels zu ihm und bedankte mich. Für mich hatte Jesus, der von sich sagte, er sei Weg (oder Straße), mit seiner Wahrheit, die Leben bedeutet, eingegriffen (). Doch ich verstand alles noch nicht so recht und erklärte dem Mann der Straße, der in unser Spiel eingegriffen hatte, hilflos unser Anliegen. Doch davon wollte er nichts wissen und er sagte energisch: für ihn zähle in der Bibel nur 1 Kor 13. So schnell ließ ich mich von meinem Anliegen nicht abbringen und wir lasen den Text vor, den wir gespielt hatten. Dann endlich konnte ich hören und wir lasen das 13. Kapitel aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth: „… Die Liebe freut sich nicht über Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. …“ Mit dieser Botschaft kehrten wir wieder in den Gemeindesaal zurück und wir beendeten unseren Gottesdienst mit einem Gebet und Lied. Dieser Gottesdienst mit der erlebten Gegenwart Gottes wird uns noch lange begleiten.
Christian Herwartz
2008-mahnwachengottesdienst Artikel