Das Opferverbot — Unter der Dornenkrone leben

In der Liebe zu anderen Menschen gibt es Phasen der Selbstvergessenheit. Wir sind darin so beim Anderen, dass wir das Gespür für uns selbst weitgehend verlieren. Auch in helfenden Situationen gibt es solche Momente der Großzügigkeit. Wenn jemand einem Ertrinkenden ins Wasser nachspringt, stellt er oder sie — nach einem kurzen Abwägen der eigenen Fähigkeiten und der bestehenden Not — die eigenen Gefahren hinten an. In diesem Schritt der Großzügigkeit werden versklavende Abhängigkeiten in uns gelöst. Wir stehen nun barfuß, zutiefst verletzlich in der Wirklichkeit. Dann kommt bald die Angst, wir könnten uns selbst verlieren, und rüttelt uns: Ist dieses selbstvergessene Tun angemessen? Verliere ich mich nicht darin? Bin ich abhängig geworden, habe ich mich unverantwortlich auf einen Aspekt fixiert, lebe ich in einer Sucht, bei der ich andere Realitäten des Lebens nicht mehr sehen will? Verkürzt gesprochen: bin ich dabei, mich selbst und andere zu opfern, um einer Idee oder Aufgabe oder einer kaum sozial verträglichen Befriedigung willen? Weiter frage ich: Ist Jesus ein Mensch, der sich selbst opferte? Muß ich da nicht innere Distanz halten — auch in den loslassenden stillen Zeiten? Stelle ich Jesus oder mich selbst als Helden auf einen Sockel der Verehrung, in der ich mich vom Leben distanziere? Verspotte ich dabei nicht die vielen Menschen, die gegen ihren Willen um einer welterlösenden Idee oder um einer Bereicherung einiger willen gequält oder gar getötet werden?

Ein ganzes Bündel Fragen steht am Anfang dieses Kapitels. Sie sind wohl oft notwendig, damit wir auf dem Weg des Loslassens und der Liebe aufmerksam bleiben. Aber mit unserem Verstand allein können wir den anstehenden Schritt nicht gehen, in dem wir uns mitten in der Beziehung zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu dem Lebensursprung neu entdecken können.